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Full text of "Deutsches Biographisches Jahrbuch Bd02 1917-20"

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DEUTSCHES 

BIOGRAPHISCHES 

JAHRBUCH 

HERAUSGEGEBEN VOM 
VERBANDE DER DEUTSCHEN AKADEMIEN 

QBERLEITUNGSBANDII: 1917-1920 



1928 

DEUTSCHE VERLAGS-ANSTALT STUTTGART 

BERLIN UND LEIPZIG 




PJi*>t<>iir^phisclii. j Originalaufnahme NicttL.i P^iiL-hcid. Berlin 

Max K linger 



REDAKTIONSAUSSCHUSS: 

KARL BR AND I Gottinger Gesellsdiaft der Wissensdiaften 

WALTHER VON DyCK, MunAener Akademie 

PAUL ERNST, Heidelberger Akademic 

FRITZ FOERSTER, Leipziger Akademic 

ERNST HEyMANN, Berliner Akademie 

ERICH MARCKS, Mundiener Historisrfie Kommission 

JULIUS PETERSEN, Berliner Akademie 
RICHARD VON WETTSTEIN, Wiener Akademie 

HERAUSGEBER: 
Dr. phii. HERMANN CHRISTERN in Berlin 

BEARBEITER DER TOTENLISTE: 
Dr. phil. JOHANNES HOHLFELD in Leipzig 

GESCHAFTSSTELLE: 

Berlin N\V 7, Unter den Linden 38 
<PreufiisAe Akademie der Wissensdiaften) 

VORBEMERKUNG: 

Einige in Aussidit genommene Biographien hat der Herausgeber 

fur diesen Band nicfat erhalten konnen, die Lucken solien nadi 

Moglidikeit spater ausgefullt werden,- eine Biographie Friedridi 

Naumanns wird im nadisten Bande (Jahrgang 1922) folgen. 



Alle Rcchte vorbehalten 

Druck der Deutschen VerlagS'Anstalt in Stuttgart 

Papier von d.cr Papierfabrik Salach in Salach, Wurttemberg 



INHALT 

Biographien : IQ17 3 

1918 207 

1919 350 

1920 490 

Totenlisten: 1917 645 

1918 679 

1919 711 

x 920 739 

Namenverzeidinis 767 

Autorenverzeichnis 769 



BIOGRAPHIEN 

1917 / 1918 / 1919 / 1920 



1917 

Baare, Fritz, Geheimer Kommerzienrat und Dr.-Ing. e. h., * 9. Mai 1855 in 
Bochum, 1 10. April 1917 in Oeynhausen. — Fritz B. wurde als drittaltester Sohn 
des Geheimen Kommerzienrats Louis B. zu Bochum geboren. Schon in f riiher 
Jugend zeigte er eine ausgesprochene Neigung zum Ingenieurberuf . Noch heute 
wird eine von ihm in seiner Jugend hergestellte und gut arbeitende Dampf- 
maschine aufbewahrt ; seiner Mutter hat er als Gymnasiast eine Nahmaschine 
fur mechanischen Antrieb eingerichtet. Er besuchte zunachst das Gymnasium 
zu Bochum und wahrend der letzten Jahre bis zur Erlangung des Reifezeug- 
nisses das Gymnasium in Arnsberg. Schon als Schiiler hielt er sich in der GuB- 
stahlfabrik auf und kannte viele altere Arbeiter, namentlich Facharbeiter, 
personlich. Er studierte dann auf dem Polytechnikum in Berlin und Karlsruhe. 
In Berlin wohnte er bei einem Schuhmachermeister, dem er manchen Hand- 
griff in der Werkstatt absah. Sehr erstaunt war Geheimrat Louis B., als er 
eines Tages in Marienbad ein Paket von seinem Sohn Fritz erhielt, in dem 
dieser ihm ein Paar selbstgefertigter Schuhe iibersandte. Sie waren zwar nicht 
von hochster Eleganz, aber doch recht bequem und veranlaBten den gleichf alls 
in Marienbad anwesenden Dichter Emil Rittershaus zu poetischer Wurdigung 
der schusterlichen Tat. Nach Beendigung des Studiums ging B. fur zwei Jahre 
nach England zur Firma Tannet Walker & Co. in Leeds. Seiner Dienstpflicht 
geniigte er bei den 1. Gardedragonern in Berlin. Gern hatte er damals den 
Beruf des aktiven Offiziers gewahlt, verzichtete aber, dem Wunsche seines 
Vaters folgend, hierauf. Seither gruppierte sich die Arbeit und die Erholung 
seines Lebens um zwei Zentren : um den Beruf zum Ingenieur und um die Liebe 
zum reiterlichen Soldatentum. 

Fritz B.sLebensweg erscheint dem ihn nach seiner Vollendung tfberschauen- 
den als ungewohnlich glatt verlaufend. Gliicklich verheiratet seit 1882 mit 
Hedwig Heintzmann, der Tochter des Bergrats Heintzmann in Bochum, tatig 
auf einem ihm zusagenden und auch dem Umfange nach seiner groBen Be- 
gabung entsprechenden Arbeitsgebiet, lebend in einer Zeit, in welcher die 
deutsche Wirtschaft nach dem tiefen Niedergang Ende der siebziger Jahre 
allmahlich wieder zu erstarken begann, unbeschwert von den driickenden 
Sorgen, die sein Vater nach der Griindung des Werkes und spater hatte durch- 
kosten miissen, mit seinem Werk getragen und gehoben von der steigenden 
Bedeutung der deutschen Industrie, so sieht sich sein Leben an als wahrhaft 
vom Schicksal begnadet. 

Naheres Betrachten zeigt aber auch in diesem Leben Schwierigkeiten, an 
deren Uberwindung ein weniger starker Charakter, eine minder kraftvolle 

DBJ 1* 



4 l 9*7 

Natur als Fritz B. gescheitert ware. An den jungen Generalsekretar — dies war 
er seit 1880 — wurden von seinem Vater die allergroBten Anforderungen an 
Arbeitskraft und Zeit gestellt. 15 Jahre lang muBte er jederzeit des Winkes des 
alten Herrn gewartig sein ; er war in seine tagliche Arbeit eingespannt wie kein 
zweiter. In diesen langen Jahren hat Fritz B. einen eisernen FleiB und eine 
Hingabe an seine Arbeit bewiesen, der auch die mitunter harte Hand des alten, 
an sich selbst sehr hohe Anforderungen stellenden Geheimrats keinen Abbruch 
getan hat, Urlaub im Sinne von Vergniigungsreisen kannte er weder damals 
noch spater. Seine Erholung war der Sport nach Vollendung seiner Tagesarbeit, 
dem er in vielerlei Form zugetan war. So hatte er bereits als Student in Berlin 
sein Ruderboot auf der Spree und war stets ein ebenso eifriger Tennisspieler 
wie Reiter. Abgesehen von tageweisen Abwesenheiten zur Jagd verbrachte er 
irn iibrigen seinen Urlaub bei den militarischen tjbungen. Nach langjahrigem 
Offizierdienst in der Reserve des Dragoner- Regiments 14 wurde er Rittmeister 
der Landwehrkavallerie, erwirkte aber seine Zuriickversetzung in die Reserve 
und setzte nunmehr bei den 11. Husaren in Diisseldorf bzw. Krefeld seine 
tJbungen fort. Bei diesem Regiment wurde er anlaBlich des ioojahrigen Re- 
giments] ubilaums auch Major d. R., ein Vorgang, der in der deutschen Frie- 
densarmee selten genug war, um daraus auf die ungewohnliche Wertschatzung 
riickschlieBen zu konnen, deren er sich auch in diesem seinem »Nebenberuf « 
erfreute. Der Nachruf seines Regiments nennt ihn denn auch einen hervor- 
ragenden Soldaten, einen treff lichen Kameraden und Freund. Auch der Kreis- 
kriegerverband und der Kavallerieverein hoben bei seinem Ableben seine treue, 
soldatische Gesinnung und seine groBen Verdienste fur ihre Sache in zu Herzen 
gehender Weise hervor. 

Fritz B. war der geborene Ingenieur. Mit den Erfahrungen von Leeds aus- 
geriistet, trat er im Jahre 1880 als Generalsekretar und Stellvertreter seines 
Vaters in die Dienste des Bochumer Vereins. Neben der hiermit verbundenen 
kaufmannischen und Verwaltungsarbeit widmete er hauptsachlich der Technik 
einen groflen Teil seiner Zeit und Kraft. Kein Tag verging, an dem er nicht in 
den Konstruktionsbureaus und Betrieben des Werkes tatig gewesen ware. Von 
ihm personlich entworfen und in alien Teilen der Ausfiihrung bestimmt ist die 
1890 fertigmontierte hydraulische 4000-t-Schmiedepresse im Hammerwerk II. 
Der Bochumer Verein trug sich schon seit langerer Zeit mit dem Gedanken, 
die Herstellung groBerer und groBter Schmiedestiicke in seinen Erzeugungsplan 
aufzunehmen. Die Absicht, zu diesem Zweck einen schweren Hammer aufzu- 
stellen, scheiterte am Einspruch des Bergbaues, der den Untertagebau durch 
eine solche Anlage an jener Stelle gefahrdet glaubte. Dieser Widerstand wies 
den Weg zur Errichtung einer Schmiedepresse. Mit Unermiidlichkeit und groBer 
Hingebung hat Fritz B. sich diesem Werk gewidmet, das insofern fiir deutsche 
Verhaltnisse eine Neuerung darstellte, als hier zum erstenmal ein Differenzial- 
kolben zur Anwendung kam, der die Einwirkung des vorhandenen Druckes von 
50 bzw. 500 Atmospharen auf zwei verschieden groBe Flachen und damit eine 
groBere Feinheit der Schmiedearbeit ermoglichte. Diese Presse steht noch 
heute im Betrieb, allerdings in einzelnen Teilen erneuert und abgeandert. Um 
die Mitte der neunziger Jahre, als die vom Bochumer Verein an die Waggon- 
f abriken zu liefernden Waggonzubehorteile im Preise standig gedriickt wurden, 
errichtete Fritz B. mit uberraschender Schnelligkeit und Energie eine voll- 



Baare 5 

standige Waggonfabrik auf dem Hiittengelande des Bochumer Vereins. DaB 
er hierbei groBziigig vorging, beweist die Leistungsfahigkeit der neuen Anlage, 
deren Hauptmontagehalle geniigenden Raum fur den gleichzeitigen Bau von 
iiber 100 Eisenbahnwagen bot, und deren Jahreserzeugung bis 1500 Wagen 
aller Art betrug. 

Durch das langjahrige Zusammenarbeiten mit seinem Vater wuchs Fritz B. 
auBerlich wie innerlich vollstandig in das patriarchalische System der Werks- 
fuhrung hinein. Der Bochumer Verein war zwar eine Aktiengesellschaft, den- 
noch war das Verhaltnis zwischen Arbeiterschaft und Werksleitung nicht etwa 
ein unpersonliches, sondern im Gegenteil ein geradezu inniges zu nennen. Die 
B.s waren derart mit dem Bochumer Verein verwachsen, daB sie vielfach als die 
personlichen Besitzer betrachtet wurden. Sie waren Autoritaten fiir die General- 
versammlung und den Verwaltungsrat, ebenso wie fiir Beamte und Arbeiter. 
Auch das Verantwortungsgefuhl gegeniiber der Arbeiterschaft ubertrugsichvom 
Vater auf den Sohn und schuf zwischen ihm und der Belegschaf t Beziehungen , 
wie sie zwischen dem personlichen Besitzer eines Werkes und seiner Arbeiter- 
schaft nicht besser sein konnten. Dieses Gefiihl fiir die Zusammengehorigkeit 
gait allgemein als althergebracht beim Bochumer Verein. Die alljahrlich statt- 
findenden Jubilarfeste wurden als die Familienfeste des Werkes bezeichnet. 
Fritz B. verstand es, bei diesen Gelegenheiten in geradezu meisterhafter Weise, 
seine Zuhorer zu packen und ihnen klar zu machen, daB sie wie die Mitglieder 
einer groBen Familie zusammengehorten und Treue um Treue zu iiben hatten. 
Charakteristisch fiir seine Auffassung war es, als er gelegentlich einer Verwal- 
tungsratssitzung dem Vorsitzenden Hermann Rosenberg anlaBlich seiner 
25jahrigen Mitgliedschaft zum Verwaltungsrat das fiir 25jahrige treue Dienste 
der Beamten und Arbeiter iibliche Geschenk, eine Uhr mit Widmung, ebenfalls 
verlieh. Er sah in jedem, ob er am Tisch des Aufsichtsrats saB oder an der Dreh- 
bank stand, in erster Linie den Mitarbeiter am gemeinsamen Werk. Den hohen, 
moralischen und wirtschaftlichen Wert dieses Gefiihls der Zusammengehorig- 
keit lernte man nach dem Tode von Fritz B. erst recht schatzen, als in den 
Zeiten der Revolution manche ihrer Arbeit innerlich entfremdeten Beleg- 
schaf ten ihren Werken dauernden schweren Schaden zufiigten. Der Bochumer 
Verein mit seinen mehr als 2500 Jubilaren und meist seBhaften Arbeiter 11 in 
der Belegschaft ist zwar von Erschutterungen dieser Art nicht ganz verschont 
geblieben, aber der Verlauf dieser Vorgange war vergleichsweise giinstig zu 
nennen. 

Als Fritz B. 1895 der Nachfolger seines Vaters in der Leitung des Bochumer 
Vereins wurde, standen Wirtschaft und Werk in voller Bliite. 1880 beschaftigte 
das Werk 4000 Arbeiter, im Jahre 1895 waren es 8000. Unter seiner Fiihrung 
dehnte es sich mehr und mehr aus. In der letzten Zeit seines Generalsekretariats, 
als er bereits maBgeblichen EinfluB hatte, wurden die Aktien der Gesellschaft 
fiir Stahlindustrie in Bochum angekauft. Mit gutem Blick hatte Fritz B. die 
Zukunftsmoglichkeiten dieser Erwerbung fiir den Bochumer Verein erkannt. 
Sie wurden allerdings erst nach seinem Tode mit der Verarbeitung und Ver- 
feinerung des im Hauptwerk erzeugten Edelstahls ausgebaut. Heute sind diese 
vortrefflichen Werkstatten ein Kernwerk der Deutschen Edelstahl A.G. Das 
Hochofenwerk wurde um einen vierten Ofen vergroBert und, 1893, eine Gas- 
kraftzentrale nebst einer NaBreinigungsanlage fiir Hochofengas gebaut, um 



b 1917 

dieses zur Gewinnung elektrischer Kraft nutzbar zu machen. Nach seiner 1895 
erfolgten Emenniing zum Generaldirektor wurde auBer der bereits erwahnten 
Waggonbauanstalt eine Brikettf abrik bei der Zeche Engelsburg gebaut und die 
Hammerwerke, die mechanischen Werkstatten und die StahlguBformerei wur- 
den vergroBert. Auch die Walzwerke wurden erneuert, desgleichen die Weichen- 
bauanstalt und die Herzstiickwerkstatt. Die Erzbasis, die Louis B. durch den 
Ankauf von Eisensteingruben im Siegerland, im Nassauischen und bei Bucke- 
burg geschaffen hatte, wurde durch Neuerwerbungen in Lothringen erweitert. 
191 1 wurden die Erzgruben Nartorpsfeld an der schwedischen Ostkiiste und 
Intrangetsfeld in der Landschaft Dalekarlien hinzugekauft. Die Kohlenbasis, 
seit 1886 vornehmlich bestehend aus der Magerkohle der Zeche Engelsburg, 
wurde von Fr. B. 1900 durch den Erwerb der Fettkohlenzeche Carolinengliick 
verstarkt und 1907 durch die im Horizont der Gas- und Gasflammkohlenpartie 
abbauende Zeche Teutoburgia abermals verbreitert. Einige weniger gute 
Zechen wurden dagegen 1904 abgestoBen. 

Der Bochumer Verein war als Qualitatsstahlwerk bekannt und angesehen 
in der weiten Welt. Fur Kundenwerbung wurden Ausgaben kaum gemacht. 
Mit Stolz pflegte Fritz B. zu sagen: »Das haben wir nicht notig. « Nur bei Ge- 
legenheit der Diisseldorfer Ausstellung 1902 wurde hiervon abgewichen und von 
B. eine Ausstellungshalle errichtet, die berechtigtes Aufsehen erregte. An der 
Vorbereitung und Durchfuhrung dieser Sonderausstellung des Werkes hat 
Fritz B. mit dem groBten Eifer gearbeitet. 

Seiner Beamtenschaft gegeniiber zeigte B. das groBte Wohlwollen. Er gab 
gern und groBziigig, wo es verdient oder aus besonderen Griinden erforderlich 
war. Freilich war er weniger geneigt, Anspriiche, die er nicht fiir berechtigt 
hielt, anzuerkennen. Hierin, sowie in der Verteilung seiner Sympathie oder 
Antipathie gegen Mitarbeiter war er schwer beweglich und unbeugsam, wie es 
seinem Charakter entsprach. Sein personlicher Sinn fiir Uberlieferung wirkte 
sich in einer Hochachtung vor dem Alten und Gewordenen aus. Als die tech- 
nische Leitung indessen der Abneigung gegen notwendige Neuerungen und Ver- 
besserungen weiten Spielraum lieB und die Selbstkosten des Werkes eine be- 
drohliche Entwicklung nahmen, berief Fritz B., der gegen die hemmenden Ein- 
fltisse einer zum Teil tiberalterten Beamtenschaft anzukampfen hatte, im Jahre 
1906 einen neuen technischen Direktor, Felix Scharf vom Stahlwerk Osnabriick, 
an den Bochumer Verein. In der Zusammenarbeit mit Scharf, der ein Stahl- 
mann von Ruf war, zeigte sich die groBe Personlichkeit B.s im besten Licht. Er 
vertrat die ganz ungewohnlich hohen Geldforderungen im Verwaltungsrat in 
meisterhafter Weise, schnitt dadurch jeden Widerspruch ab und schuf so die 
Moglichkeit zur technischen Erneuerung des Werkes, die Scharf und sein Mit- 
arbeiter, der jetzigeGeneraldir. des Boch. Ver. Dr.-Ing. e. h. Walter Borbet unter 
Fritz B.s Fuhrung beenden konnten. ImLaufe der folgenden Jahre wurde das 
Hochof enwerk vollstandig modernisiert, die zweigeriistige SchienenstraBe durch 
eine viergeriistige TriostraBe ersetzt, ein neues Siemens-Martin-Stahlwerk mit 
einer Leistungsf ahigkeit von 30 000 t im Monat und eine Agglomerieranlage 
zur Verhiittung von Feinerzen nach dem Dwight-Lloyd-Verfahren mit einem 
Ausbringen von bis zu 2000 t taglich errichtet und schlieBlich, diese zu 
Kriegszeiten, sehr groBe, mechanische Werkstatten in Angriff genommen. Ab- 
gesehen von den letzteren war die technische Erneuerung des Werkes mit 



Baare j 

den vorstehend bezeichneten gewaltigen Neuanlagen und Umbauten vor 
Beginn des Krieges abgeschlossen. Der erwartete giinstige EinfluB anf die Er- 
zeugungskosten blieb nicht aus, insbesondere bei der neuen Stahlschmelze ; 
das Werk vermochte sich ausschlieBlich auf das selbst erblasene Roheisen 
und den im eigenen Betrieb entfaUenden einwandfreien Schrott zu stutzen. 
Die Zusammenarbeit zwischen B. und Scharf ist jederzeit eine auBerst har- 
monische gewesen. 

B. muBte bei Kriegsbeginn zu seinem groBen Leidwesen sowohl wegen Un- 
abkomrnlichkeit vom Werk als auch mit Riicksicht auf seine Gesundheit da von 
Abstand nehmen, ins Feld zu ziehen. Sicherlich hatte es sonst keine groBere 
Freude fiir ihn geben konnen, als mit seinen Husaren an den Feind zu kommen. 
Mit um so groBerem Eif er widmete er sich nunmehr der Umstellung des Werkes 
auf Kriegsbedarf, dessen Erzeugung alsbald gewaltige Zahlen aufwies. 

Die Kriegsjahre wurden zugleich die letzten I,ebensjahre Fritz B.s. Seine ge- 
schwachte Gesundheit war den besonderen Anforderungen, die auch in der 
Heimat an die schaffenden Manner gestellt wurden, nicht mehr gewachsen, und 
der bis zu allerletzt rastlos Tatige muBte im Marz 1917 nach Oeynhausen ge- 
bracht werden, von wo er nicht mehr lebend zuriickkehren sollte. 

Sein Charakterbild stand scharf umrissen vor seinen Mitarbeitern, sein Name 
war ein Programm fiir den Bochumer Verein. Wenngleich Mitglied des Provin- 
ziallandtages, des Bezirksausschusses in Arnsberg, des Bezirkseisenbahnrats 
in Koln und der Handelskammer, so wohnte ihm doch eine starke Abneigung 
gegen jedes offentliche Hervortreten inne, im Gegensatz zu seinem Vater, der 
in den genannten Kollegien eine ungleich groBere Rolle gespielt hat. Jede 
Tatigkeit, in der er die Moglichkeit einer Ablenkung vom Bochumer Verein 
witterte, war ihm bedeutungslos. Kennzeichnend hierfiir ist die grundsatzliche 
Ablehnung ihm angetragener Aufsichtsratsposten in anderen Gesellschaften, 
zu deren Ubernahme ihn auch die Aussicht auf bedeutende Tantiemen nicht 
zu bringen vermochte. Ebensowenig war er aus dem gleichen Grunde fiir den 
Ankauf von Industrieaktien zu haben. Die Vorliebe fiir den bunten Rock war 
und blieb die einzige Ausnahme, die er sich in dieser Beziehung gestatten zu 
diirfen glaubte, und zwar um so mehr, als er mit diesem Dienst einer anderen 
hohen Pflicht geniigen konnte. In seinen Entscheidungen war Fritz B. ruhig 
und bestimmt. Er verlangte von denen, die Vortrag bei ihm hatten, peinlich 
sorgfaltigste Vorbereitung, damit keine Zwischen- und Nachf ragen erforderlich 
wurden. Seine Entscheidungen wurden ohne Ubereilung getroffen, waren aber 
auch im allgemeinen unabanderlich. Es gab auf dem Bochumer Verein nichts, 
was sich nicht seiner lebendigen Anteilnahme erfreut hatte. In der ersten Zeit 
war ihm jede Neukonstruktion vorzulegen, in jeder technischen Beratung griff 
er, so lange er sich daran beteiligen konnte, handelnd ein. 

Neben dem Techniker darf aber auch der das Ganze iiberschauende Leiter 
des Gesamtunternehmens, der Kaufmann und Finanzmann B., nicht iibersehen 
werden. Er besaB einen vollkommenen Uberblick iiber die wirtschaftlichen Be- 
dingungen, unter denen die westdeutsche Montanindustrie zu arbeiten hatte. 
Seine Darlegungen aus AnlaB der Generalversammlungen erfreuten sich des- 
halb der groBten Beachtung bei seinen Fachgenossen und bei der Borse. Im 
personlichen wie im schriftlichen Verkehr fiir die Interessen des Werkes war B. 
geradezu groB. Lange Eingaben an hochste Behorden diktierte er ohneStocken 



8 1917 

mit fabelhafter Sicherheit und legte dabei den Standpunkt des Bochumer 
Vereins in den verwickeltsten Fragen klar. Auch als Finanzmann war Fritz B. 
bedeutend. Jedem Schwindel abhold richtete er sein Bestreben stets darauf, 
das Unternehmen leistungsfahig zu erhalten und nicht mehr Dividende aus- 
zuschiitten, als nach sorgfaltiger Erwagung aller Verhaltnisse unter gebiihren- 
der Beriicksichtigung veranderlicher und zweifelhafter Werte mit gutem Ge- 
wissen verantwortet werden konnte. 

In der Erinnerung der jetzt Lebenden erscheint Fritz B. als ein von der steten 
Sonne eines wahrhaft heiteren Gemtits uberglanzter Charakter, als einer der 
besten und witzigsten Gesellschafter, die innerhalb des ernsten Arbeitskreises 
im Ruhrbezirk je an hervorragender Stelle gestanden haben. Stammt doch z. B. 
von ihm die zunachst nur scherzhaft gemeinte Bezeichnung »Wumba« fur das 
Waffen- und Munitionsbeschaffungsamt. Er hatte, als er diesen Vorschlag ge- 
legentlich einer Besprechung, einer momentanen Eingebung folgend, machte, 
nicht entfernt daran gedacht, daB dieser Negername wirklich gewahlt werden 
konnte. Der Bochumer Verein, heute ein Standardwerk der Vereinigten Stahl- 
werke A.G. sieht in ihm den Mann, der das Werk seines Vaters zu stolzer Hohe 
fortfuhrte, seine besten Uberlieferungen befestigte, der es schlieBlich im Kriege 
zu gewaltiger Leistungsfahigkeit steigerte und dessen Name mit dem Werk 
fur alle Zeiten eng verbunden bleiben wird. Unter den zahlreichen Ehrungen, 
die ihm zuteil geworden sind, ist die hochste fur den Ingenieur erreichbare, die 
Verleihung der Wiirde eines Doktor-Ingenieur ehrenhalber an der Technischen 
Hochschule in Aachen besonders zu erwahnen. Aber B. war ein Mann, der durch 
AuBerlichkeiten hindurch den Kern der Dinge zu schauen vermochte. Sein 
Leben war Erfiillung des Dichterwortes seines Freundes Emil Rittershaus, 
eines Wortes, mit dem er so manche Werkstattfahne geweiht hat, und das ihm 
auch in das Grab nachgerufen wurde: 

Was mit Kranzen kront die Erde, 
Was mit Ehren lohnt die Welt, 
Ist nur eine Stundenblume, 
Die vor einem Hauch zerfallt. 
Doch die Pflicht, die treuerfiillte, 
Die die Menge nimmer preist, 
Einst an deinem Sterbebette 
Steht sie als dein guter Geist. 

Bochum. Erhard v. Mutius. 

Back, Otto, Burgermeister von StraBburg i. E., Dr. med. h. c, D. theol. h. c. % 
* 30. Okt. 1834 in Kirchberg i. Hunsriick, f 15. Januar 1917 in StraBburg i. E. — 
Otto B. wurde geboren als Sohn des evangelischen Pfarrers in Kirchberg, 
spateren weithin bekannten Superintendenten und D. theol. in Castellaun. Er 
besuchte zunachst die Volksschule in letzterem Ort, dann die Gymnasien in 
Trarbach und Koblenz, wo er im Herbst 1854 das Abiturientenexamen bestand. 
Er studierte auf den UniversitatenErlangen, wo er in das Korps Onoldia ein- 
trat, Berlin und Bonn zuerst Theologie, dann Rechtswissenschaft, wurde 1858 
Auskultator, 1859 Referendar. Als solcher wurde er zum besoldeten Bei- 
geordneten der Stadt Barmen gewahlt, in welcher Stellung er bis 1866 ver- 



Baare. Back g 

blieb. 1864 hatte er sich mit Auguste Timme aus Koblenz verheiratet, welche 
Ehe aber 1868 durch deren Tod gelost wurde. 1866 bestand er die Priifung als 
Regierungsassessor und wurde 1867, zuerst kommissarisch, zum Landrat des 
Kreises Simmern im Hunsriick, seiner alten Heimat, ernannt. 1870 heiratete 
er in zweiter Ehe Luise Huesgen aus Traben, die ihm zu der Tochter aus 
erster Ehe drei weitere Tochter und drei Sonne schenkte. Der Krieg 1870/71 
fuhrte den Premierleutnant der Landwehr in das Kriegsgebiet nach ElsaB- 
Lothringen. In dem neugewonnenen Reichslande fand er seinen weiteren 
Lebensberuf , der ihn zu den hochsten Ehrenstellen fuhren sollte. Zunachst als 
Unterprafekt in Metz und Diedenhofen tatig, wurde er 1872 Polizeidirektor in 
StraBburg und 1876, als sich ein Weiterarbeiten der Regierung mit dem bis- 
herigen Biirgermeister und Gemeinderat dieser Stadt als unmoglich envies, 
mit der Verwaltung der Stelle des Biirgermeisters der Stadt StraBburg be- 
traut. 1880 wurde er Bezirksprasident des UnterelsaB, 1887 Unterstaatssekretar 
und Leiter der Abteilung fur Finanzen und Domanen. Schon Ende dieses 
Jahres kehrte er aber, in den Gemeinderat der Stadt StraBburg gewahlt, unter 
Zurdispositionsstellung in seinem Staatsamt auf das Rathaus zuriick. Er wurde 
als erster Altdeutscher in den Bezirkstag des UnterelsaB und 1888 in den 
LandesausschuB gewahlt, nachdem er schon vorher zum Mitglied des Staats- 
rates ernannt worden war. In Verfolg der Uberlieferungen des Elternhauses 
lieB er sich 1892 in das Presbyterium der lutherischen Gemeinde Jung-St.-Peter 
und einige Mbnate spater in das Oberkonsistorium der Kirche Augsburgischer 
Konfession wahlen. 1905 erhielt er den Charakter als Wirklicher Geheimer Rat 
mit dem Pradikate Exzellenz, eine fiir einen Biirgermeister seltene Auszeich- 
nung. Im Herbst 1906 schied er aus diesem seinem Amte aus, ubernahrn aber 
trotz des hohen Alters von 76 Jahren 1910 noch die Stellung als Kurator der 
Kaiser- Wilhelm-Universitat in StraBburg, in welcher er bis zu seinem Tode 
blieb. 1911 wurde er vom Kaiser zum Mitglied der I. Kammer des auf Grund 
der neuen Verfassung ins Leben gerufenen Landtages ernannt, welche ihn zu 
ihrem ersten Prasidenten wahlte. Am 15. Januar 1917 starb er im Alter von 
82 Jahren. 

Von mehr wie mittlerer GroBe, breit gebaut war B. auBerlich eine sehr statt- 
liche, mannliche Erscheinung. Bei dem geistigen Menschen trat vor allem seine 
groBe, mit scharfem Verstande, schneller Auffassungsgabe und unerschiitter- 
licher Ruhe gepaarte Klugheit hervor. Sie war die Grundlage fiir ein seltenes 
MaB von Menschenkenntnis und Fahigkeit der Menschenbehandlung und einen 
unfehlbaren Blick fiir die Wirklichkeiten des Lebens. Selbst immer klar und 
griindlich, verlangte er die gleichen Eigenschaften von seinen Mitarbeitern. 
Weil er in den Kern der Dinge eindrang, war es ihm leicht, die Hauptsache von 
Nebendingen zu unterscheiden. Was er auch angriff, immer war er groBziigig. 
Seiner Tatkraft gleich kam seine Geduld, mit der er die Frucht reifen lieB. 
Jahrelang konnte er einen Plan, und wenn es sein Lieblingsplan war, zuriick- 
stellen, bis er ihn plotzlich wieder hervorholte und zur Wirklichkeit werden 
lieB. Monatelang lieB er schweigend die scharfsten An griff e iiber sich ergehen, 
dann donnerte Jupiter und die Gegner waren zerschmettert. Fest im Blut saBen 
ihm die Uberlieferungen seiner rheinischen Heimat von Freiheit und Unab- 
hangigkeit. Nur vor wirklichem W T issen und Konnen hatte er Achtung, nicht 
vor ScheingroBen. Aber auch anderen Menschen erkannte er das Recht auf 



10 1917 

Freisein von innerem und auBerem Zwange zu. Unermudlich fleiBig und 
pflichttreu im alten preuBischen Sinne, kannte er, wenn die Arbeit drangte, 
keine Dienststunden, ja, wenn es nicht anders ging, auch einmal keinen Sonn- 
tag, so regelmaBig er sonst den Gottesdienst besuchte. Den Mann der festen. 
entschlossenen Tat, der, wo die Verhaltnisse es forderten, sehr riicksichtslos 
sein konnte, zierte dabei eine aus dem Herzen kommende Milde und ein warmes 
Wohlwollen gegeniiber alien Menschen, mit denen das Leben ihn in dienstliche 
oder personliche Beriihrung brachte. Wohl niemand, der ihm irgendeine Not 
geklagt hatte, verlieB ihn ungetrostet. Sein Scherzname » Vater der Stadt* war 
bei ihm ein wirklicher Ehrenname. Wie befreiend wirkte in schwierigen Lagen 
oft sein nie versagender rheinischer Humor, wie erhebend seine f reudige Lebens- 
bejahung! Zur Vervollstandigung seines Lebensbildes gehort noch seine ein- 
fache, schlicht-burgerliche Iyebenshaltung, die ihn aber nicht hinderte, der 
heiterste Gesellschafter zu sein, sein musterhaftes Familienleben und sein 
ernstes, bewuJ3t evangelisches Christentum. 

Mit so hohen Gaben des Geistes und des Charakters muBte B. in alien Stel- 
lungen, zu denen er berufen war, Hervorragendes leisten. Lange hat man den 
I,andrat von Simmern in seinem Kreise in gutem Andenken gehalten ; wer ihn 
in seiner Tatigkeit als Bezirksprasident in StraBburg beobachten oder gar unter 
seiner Leitung arbeiten durfte, bekam schnell den Eindruck ungewohnlicher 
Tuchtigkeit. ElsaB-lothringischer Finanzminister war er zu kurz, um seine be- 
sondere Begabung fur dieses Amt entf alten zu konnen. Sein Lebenswerk, mit 
dem sein Name unausloschlich verbunden ist, war die Entwicklung von StraB- 
burg zu dem Muster einer modernen deutschen GroBstadt. Sie zerfallt nicht nur 
auBerlich in die beiden Perioden 1873 — 1880 und 1887 — 1906. Wahrend von 
1873 — 1880 die Beseitigung der Mangel der franzosischen Verwaltung, die Ein- 
deutschung des ganzen Gemeinwesens im Vordergrund stand und nur die ersten 
Grundlagen fiir die kiinftige Entwicklung zur modernen GroBstadt gelegt wer- 
den konnten, geht es von 1887 ab auf alien Gebieten der Verwaltung mit 
schnellen Schritten vorwarts. Hierbei ist es von groBer Bedeutung, daB B. in 
der ersten Periode nur von der Regierung bestellter Biirgermeisterei-Verwalter 
war, wahrend von 1887 an ein einsichtiger, arbeitsfreudiger Gemeinderat dem 
ordnungsmaBig gewahlten Biirgermeister einen Teil der Verantwortung ab- 
nahm. Die Zeit 1873 — 1880 hat B. selbst in einem klar und eindringlich ge- 
schriebenen Buch »Aus StraBburgs jiingster Vergangenheit« geschildert. Er 
behandelt zunachst die politische Lage, die 1873 zur Amtsenthebung des 
deutschfeindlichen Maires Lauth fiihrte, und geht dann auf die Zustande ein, 
die er in StraBburg als einer nickstandigen franzosischen Departementalhaupt- 
stadt von 85000 Einwohnern vorfand. Die erste Arbeit war die Klarung der 
stadtischen Finanzlage. B. bewaltigte sie meisterhaft. Es gait die altiiber- 
lieferten Verhaltnisse (eine Haupteinnahmequelle war und blieb eine Ver- 
brauchsabgabe auf eine groBe Zahl unentbehrlicher Lebensbediirfnisse, das 
Oktroi) mit den Anforderungen der Neuzeit (darunter Bewilligung auskomm- 
licher Gehalter an die Beamten) in Einklang zu bringen. Das gelang damals und 
in der Folgezeit trotz ungewohnlicher Schwierigkeiten so restlos, daB StraBburg 
von jeder Finanzkrise verschont blieb. Einer volligen Umgestaltung, vor allem 
auch in bezug auf die Raumlichkeiten bedurfte das deutschen Anforderungen 
nicht geniigende Unterrichtswesen (kein Schulzwang!) von den Volksschulen 



Back II 

bis zum Gymnasium und den hoheren Madchenschulen. Viel Miihe und Kopf- 
zerbrechen verursachte die Gelandebeschaffung fiir die Neubauten der 1872 ge- 
griindeten Kaiser- Wilhelm-Universitat. Klug und zah wuBte B. schlieBlich alle 
Hindernisse, die sich einer die Universitats- und stadtischen Interessen zugleich 
entsprechenden Losung entgegensetzten, zu iiberwinden. Der Verbesserung der 
teilweise iiblen Gesundheitsverhaltnisse diente die tatkraftige Durchfiihrung 
der langst geplanten mustergiiltigen Wasserleitung, die riickstandigen Ver- 
kehrsverhaltnisse wurden durch die Anlage eines weitverzweigten StraBenbahn- 
netzes gefordert. Die Grundlage fiir die kiinftige Entwicklung zur GroBstadt 
brachte die mit einer Vorschiebung der Festungswalle verbundene Stadt- 
erweiterung. Ihr als der wichtigsten und nicht nur von der altelsassischen Be- 
volkerung angefochtensten Aufgabe wandte B. das Schwergewicht seiner un- 
erschopflichen Arbeitskraft zu. Sein genialer Weitblick, sein Wagemut, seine 
Fahigkeit, auch scheinbar aussichtslose Verhandlungen zu dem gewollten Ende 
zu bringen, bewahrten sich hier glanzend. Nicht weniger wie 17 Millionen Mark 
muBte die Stadt dem Militarfiskus fiir das iiberlassene Gelande in GroBe von 
384 ha zahlen, hierzu kamen viele Millionen fiir dessen AufschlieBung. Da war 
es ein groBer Erfolg, daB 1906, als B. das Rathaus verlieB, das ganze Unter- 
nehmen mit einem Plus von iiber 1 Million fiir die Stadt abgeschlossen werden 
konnte. 

Auch in der zweiten Amtsperiode (1887 — 1906) blieb die Durchfiihrung des 
Stadterweiterungsunternehmens eine der Hauptaufgaben von B. StraBburg mit 
seinem herrlichen Miinster war immer eine interessante, altertumliche Stadt 
gewesen, jetzt erst wurde es wirklich die »wunderschone«, von der das Lied 
singt. Die Neustadt durchzogen groBe, breite, vielfach mit Baumanlagen und 
Vorgarten gezierte und in Schmuckplatze miindende StraBen. Von Jahr zu 
Jahr wurden zahlreicher die meist prunkvollen offentlichen Gebaude, wie die 
Universitatsbauten, der Kaiserpalast, die Ministerien, das Landtagsgebaude, 
die Landesbibliothek, das Landgerichtsgebaude, die kath. Jung-St.-Peter- 
kirche, die Synagoge, der Bahnhof, die neuen Kasernen. Ein ganz besonders 
glucklicher Wurf von B. war es, daB er es durchsetzte, daB das an den alten 
wundervollen stadtischen Garten, die Orangerie, angrenzende, 1895 fiir eine 
Ausstellung aufgeschlossene Gelande in diese einbezogen wurde, womit 
StraBburg einen der schonsten offentlichen Parks unter den deutschen GroB- 
stadten erhielt. B. war es auch beschieden, die fiir die Zukunftsentwicklung 
StraBburgs entscheidende Frage : die Schaf fung eines alien Anf orjierungen ge- 
niigenden Rheinhafens im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhundert zur Losung 
zu bringen. Erst legte er das ganze Gewicht seines Einflusses in die Wagschale 
zugunsten einer Rheinregulierung im Gegensatz zu dem von vielen Seiten ge- 
forderten Bau eines Kanals. Dann schuf er auf der Sporeninsel eine muster- 
gultige, erweiterungsfahige Anlage, deren Entwicklung alien Erwartungen voll- 
auf entsprach. Als ein Seitenstiick zu der in die erste Verwaltungsperiode fallen- 
den Wasserleitung erscheint in der zweiten die erst heiB umstrittene, dann aber 
von alien Einsichtigen gebilligte Durchfiihrung der Schwemmkanalisation fiir 
das ganze Stadtgebiet. Aber auch in die unerfreulichen baulichen Verhaltnisse 
der in mittelalterlicher Enge gebauten Altstadt griff B. zunachst durch Ver- 
besserungsarbeit an Pflaster, Rinnen, Biirgersteigen, dann durch Nieder- 
legung besonders ungesunder Hauser und endlich durch einen groBziigigen 



12 1917 

StraBendurchbruch mitten durch die iibelsten Viertel tatkraftig ein. Charakte- 
ristisch fur ihn ist sein Verhalten gegeniiber der immer dringlicher werdenden 
Entwicklung StraBburgs auf dem Gebiet der Sozialpolitik. Hier war fast alles 
riickstandig: Armenwesen, Krankenpflege, Wohlfahrtspflege, Versorgungs- 
kassen usw., alles war im wesentlichen so geblieben, wie es auf den von der 
f ranzosischen Revolution geschaffenen Grundlagen seinerzeit eingerichtet war. 
Nun kam die deutsche sozialpolitische Gesetzgebung der achtziger Jahre, die 
eingewanderten Altdeutschen verglichen die StraBburger Einrichtungen mit 
denen der alten Heimat und verlangten Reformen. Hier nach modernen Grund- 
satzen entschieden selbst durchzugreifen, hinderte B. die aus der rheinischen 
Heimat mitgebrachten Anschauungen eines Nationalliberalen Bennigsenscher 
Farbung, auch wuBte er wie zah und aus innerstem Herzen kommend gerade 
hier der Widerstand der AltstraBburger sein wiirde. So schuf er sich jiingere 
Beruf sbeigeordnete — auch eine einschneidende Neuerung gegeniiber den 
f ruheren Ehrenbeigeordneten — und iibertrug ihnen die ihm nicht in alien 
Stiicken liegenden Aufgaben, ihnen hierbei in solchem Umfange freie Hand 
lassend, daB 1906 bei seinem Abgang die Armen-, Kranken-, Wohlfahrts- und 
Wohnungspflege und die ganze iibrige Sozialpolitik voll auf die Hohe der 
iibrigen deutschen Stadte stand und unter seinem Nachfolger zu Muster- 
einrichtungen ausgebaut werden konnte. 

Selbst auf dem B. urspriinglich ferner liegenden Gebiete der Kunst wurde er 
ein Bahnbrecher. Seiner Tatkraft ist die Griindung des bald eine beachtenswerte 
Bedeutung erlangenden Kunstmuseums zu danken, eine bald groBen Ruf er- 
langende Kunstgewerbeschule und ein Kunstgewerbemuseum rief er ins Leben, 
das Stadtische Theater wurde nach tJberwindung von allerlei Hemmungen all- 
mahlich zu einer der ersten Biihnen Siiddeutschlands entwickelt, fur das schon 
zu f ranzosischer Zeit Erhebliches leistende Musikkonservatorium wurde schlieB- 
lich eine so erstklassige Kraft, wie es Hans Pfitzner war, gewonnen. 

Was B. angriff, geriet ihm wohl. StraBburg erreichte unter seiner Verwaltung 
nicht nur 185000 Einwohner, sondern war eine in jeder Richtung auf der Hohe 
stehende moderne GroBstadt geworden. 

Ein eigenartiges Abklingen eines tatenfrohen Lebens war es, daB der 76- 
jahrige noch die Stellung des Kurators der Kaiser- Wilhelm-Universitat iiber- 
nahm. Die Universitat StraBburg hatte vorher schon seine Wirksamkeit als 
Biirgermeister durch den Ehrendoktor der Medizin anerkannt. Nun lernte sie 
ihn in seinem neuen Amte schnell hochschatzen und verehren; auch den Uni- 
versitatskreisen wurde er bald Vertrauensperson. 

Ein Wort muB noch dem einfluBreichen Politiker gewidmet werden. Seine 
Klugheit, seine Besonnenheit, seine Milde lieBen ihn auch in den politischen 
Korperschaften ein ungewohnliches Ansehen gewinnen, von dem er aber nur 
den vorsichtigsten Gebrauch machte. Er war einer der entschiedensten Ver- 
fechter der Verdeutschungspolitik auf lange Sicht, wollte die elsassische Eigen- 
art geschont wissen, und nicht zum Deutschtum zwingen, sondern iiberzeugen 
und gewinnen. Daher genoB er iiberall Vertrauen bis in die Kreise der elsassi- 
schen Bevolkerung hinein, die sonst allem Deutschen abhold waren. Dieses 
Vertrauen fand 191 1 seinen bezeichnenden Ausdruck in der schon erwahnten 
Wahl zum Prasidenten der Ersten Kammer des Landtages. 

Als Kirchenpolitiker ist B. wenig hervorgetreten. Im Oberkonsistorium 



Back. Bassermann 1 3 

schloB er sich der Gruppe der Rechten an, war aber auch dort der Mann der 
Versohnlichkeit und des Ausgleiches. Die evangelisch-theologische Fakultat 
der Universitat StraBburg anerkannte B.s Tatigkeit auf kirchlichem Gebiet 
durch Verleihung des Ehrendoktors der Theologie. 

Ob man B. in StraBburg je das verdiente Standbild errichten oder wenigstens 
einen der hervorragendsten Platze oder StraBen nach ihm benennen wird ! Er 
konnte jedenfalls im Riickblick auf das, was er aus StraBburg gemacht hatte, 
sagen: »Exegi monumentum aere perennius.« 

Koblenz. Hans Freiherr v. d. Goltz. 



Bassermann, Ernst, Rechtsanwalt und Stadtrat in Mannheim, Reichstags- 
abgeordneter fiir die Wahlkreise: 1893/98 Mannheim, 1898/1903 Jena, 1904/06 
Frankfurt a. d. O., 1907/11 Rothenburg-Hoyerswerda, 1912/17 Saarbriicken, 
* 26. Juli 1854 m Wolfach i. B., | 24. Juli 1917 in Baden-Baden, entstammte 
einer alteingesessenen badischen Familie, aus der sich im 19. Jahrhundert eine 
ganze Anzahl ihrer Mitglieder als Staatsbeamte, Parlamentarier und Industrielle 
einen Namen machte. Er wurde geboren als Sohn des Referendars Anton 
Bassermann (1821 — 1897) und seiner Frau Marie, geb. Eisenlohr, die ebenfalls 
einer weitverbreiteten badischen Familie angehorte. Die schnell aufsteigende 
Laufbahn des Vaters bis zum Landgerichtsprasidenten in Mannheim brachte 
Ernst B. haufigen Schul- und Wohnsitzwechsel. Er besuchte die Gymnasien 
in Rastatt, Offenburg und Mannheim. Als Student der Rechte war er 1872 
bis 1874 bei den Korps der Schwaben in Heidelberg und der Lausitzer in 
Leipzig aktiv. Im Winter 1874/75 studierte er in Berlin, wo er im Hause Fried- 
rich Hammachers in die erste personliche Beruhrung mit nationalliberalen 
Parlamentariern kam, dann ging er nach StraBburg und Freiburg und bestand 
1876 das erste Staatsexamen, 1880 das zweite, nachdem er 1879 in Kolmar 
i. E. beim 14. Dragoner regiment gedient hatte. Er lieB sich als Anwalt in 
Mannheim nieder und heiratete 1881 Julia Ladenburg, die Tochter des In- 
habers des angesehenen Bankhauses Ladenburg. Fast gleichzeitig begann er, 
sich am offentlichen Leben zu beteiligen. Etwa seit 1884, dem Jahre der Ver- 
kiindung des Heidelberger Programms, war er lebhaft agitatorisch fiir die 
nationalliberale Partei tatig und wurde 1887 in den Stadtrat von Mannheim 
gewahlt, dem er bis zu seinem Tode angehorte. 1893 trat er in den Zentral- 
vorstand der Nationalliberalen Partei ein. Nach der Reichstagsauflosung im 
Mai dieses Jahres wurde er als Reichstagskandidat fiir den Wahlkreis seiner 
Heimatstadt aufgestellt und gewann Mannheim, das seit 1890 sozialdemokra- 
tisch vertreten war, noch einmal fiir die Nationalliberale Partei zuriick. 

Vom Zeitpunkt seines Eintritts in den Reichstag bis in die letzten Wochen 
seines Lebens gab es keine groBere politische Aktion im Reichstag, bei deren 
Durchfiihrung B. nicht im Vordergrund stand. Schon in der Legislaturperiode 
1893 — 1898 wurde er Vorsitzender bzw. Berichterstatter wichtiger Kom- 
missionen, fiir die ihn seine Sachkenntnis besonders geeignet erscheinen lieB, 
wie der Schiffahrtskommission und der Kom mission fiir das Handelsgesetz- 
buch. 1897 wurde er Schriftfuhrer und, als Rudolf v. Bennigsen 1898 aus 
dem Reichstag ausschied, Fraktionsvorsitzender. Stellungnahme gegen Um- 
sturz- und Zuchthausvorlage, d. h. Ablehnung aller Ausnahmegesetze und 



14 l 9*7 

Eintreten fiir das Koalitionsrecht, fuhrende Mitarbeit ani KompromiB des 
Zolltarifs von 1902, an alien Heeres- und Flottenvorlagen von 1893 bis 1913, 
die starkste Stiitze Bulowscher Blockpolitik wie der Bulowschen Kanzlerschaft 
iiberhaupt kennzeichnen seine Tatigkeit bis Kriegsausbruch. 

Sein Anwaltbureau bestand mit wechselnden Partnern bis zu seinem Tode 
fort, und die tJbernahme der juristischen Beratung des Bankhauses seines 
Schwiegervaters, das alsbald als »Siiddeutsche Diskontogesellschaft« im Kon- 
zern der Diskontogesellschaft aufging, hielt ihn mit dem praktischen Leben, 
insbesondere mit der deutschen Wirtschaft in Verbindimg. Er war Aufsichtsrat 
in fast anderthalb Dutzend Aktiengesellschaften, die groBtenteils dem Bank- 
konzern nahestanden. 

Sechzigjahrig zog er am 12. August 1914 als Rittmeister und Kommandeur 
einer Munitionskolonnenabteilung ins Feld. Er machte den Franktireurkrieg 
in Belgien und den schweren Herbstfeldzug in Polen mit, oft 8 bis 12 Stunden 
im Sattel und nachts biwakierend. Im September wurde er zum Major und 
Fiihrer einer Gefechtstaffel befordert und Ende Oktober zum Adjutanten des 
Militargouverneurs von Antwerpen ernannt. Es litt ihn nicht lange auf diesem 
relativ ruhigen Posten. Er sah mit wachsender Sorge, daB die verhaltnismaBig 
giinstige politische Lage nicht ausgenutzt wurde. Gerade in Belgien trat ihm 
die Unzulanglichkeit der deutschen Diplomatic krafl vor Augen. Er horte, wie 
er an Stresemann schrieb, jeden Belgier Bethmanns Worte vom Fetzen Papier 
und der Anerkenntnis des Neutralitatsbruchs im Munde fuhren und bezweifelte, 
daB Bethmann einen festen Zukunftsplan habe. Er wiinschte, dem Zentrum 
naher zu sein, um sich mehr »um die Zukunft kummern zu konnen«. 

Im Februar 191 5 kehrte er nach Deutschland zuriick, war kurze Zeit fiir die 
Einrichtung einer Zentralstelle zur Beschaffung von Metallen in Lodz tatig 
und wurde am 18. Juli 19 15 als Richter zum Oberkriegsgericht des Gardekorps 
in Berlin kommandiert, das zweimal wochentlich tagte. Er konnte nunmehr 
seinen politischen EinfluB wieder geltend machen, soweit dies fiir einen Partei- 
fuhrer in den ersten Jahren des Weltkriegs in Deutschland moglich war. 

Bald zeigte sich, daB Bassermanns Gesundheit, der er schon durch den Feld- 
zug das AuBerste zugemutet hatte, den politischen Aufregungen dieser Zeit 
nicht mehr gewachsen war. Sein Herzleiden, das 1905 zuerst ernstlicher auf trat, 
machte sich in zunehmendem MaBe bemerkbar. Trotz mehrfacher schwerer An- 
falle hielt er in Berlin aus und nahm auch an zwei Reisen von Parlamentariern 
nach der Tiirkei und Bulgarien teil. Im Februar 1917 nahmen B.s Herzbeschwer- 
den so zu, daB er die parlamentarische Tatigkeit aufgeben muBte. Vergeblich 
suchte er zunachst in Mannheim, dann in Kissingen und Baden-Baden Heilung. 
Am 24. Juli starb er. 

B. hat einmal 1904, als Hammacher starb, von»dieser verworrenen Zeit der 
Garung « gesprochen, in der jeder Verlust politischer Krafte besonders schwer 
wiege. Im Grunde ist das Deutsche Reich, dessen politische Einheit so viel 
j linger ist als die der westeuropaischen GroBmachte, bis heute nicht aus der 
Garung herausgekommen. Und so war auch B.s Leben, in dem hinter der Politik 
alles andere zuriicktrat, ein solches der Garung und Unruhe. Es ist bezeichnend, 
daB er in seiner ganzen politischen Laufbahn nicht zweimal den gleichen Wahl- 
kreis vertrat. Im Kampf des Liberalismus mit der Sozialdemokratie um die 
Seele des Arbeiters wurde er stets in den gefahrdetsten Wahlkreisen aufgestellt, 



Bassennann 15 

weil man hoffte, durch seinen Namen und seine Personlichkeit die Massen dem 
Liberalismus zu erhalten bzw. zu gewinnen. Er selbst hat es im Gesprach mit 
Stresemann als den Hohepunkt seines politischen Wirkens bezeichnet, als 
bei seiner letzten Reichstagskandidatur in Saarbriicken ein Arbeitervertreter 
nach dem anderen das Vertrauen der Arbeiterschaft zu ihm betont habe. Die 
unruhigepolitische Fuhrung Wilhelms II. brachte wechselnd innen- und auBen- 
politische Krisen und damit gleichzeitig der Volksvertretung ein ganz anderes 
MaB wenn auch noch nicht staatsrechtlicher, so doch moralischer Verantwor- 
tung als zu Zeiten Bismarcks. Weit mehr als friiher muBten ihre Fuhrer vor 
und hinter den Kulissen dafiir sorgen — um mit dem romischen Senat zu 
reden — , ne quid detrimenti res publica capiat. Die standige Unruhe, schon 
auBerlich durch das Hin und Her zwischen Mannheim und Berlin wahrend der 
Reichstagssessionen und durch die vielen Reisen zu Aufsichtsratssitzungen 
wie politischen Versammlungen gekennzeichnet, die gleichzeitige Beschaftigung 
mit den verschiedensten Problemen entsprach aber B.s innerstem Wesen. Bei 
langerem Aufenthalt an einem Ort fuhlte er sich nicht wohl. 

Seine Stellung als Parteifuhrer und das groBe Vertrauen, das sich in ihrer 
tibertragung kundgab, verdankte B. in erster Linie seinem Geschick, tief- 
gehende Gegensatze auszugleichen und gegeniiber dem Trennenden das Eini- 
gende in den Vordergrund zu riicken. Diese Begabung war besonders notig fur 
den Fuhrer einer Mittelpartei wie der nationalliberalen, deren rechter Fliigel 
sich gern konservative, der linke demokratische Forderungen zu eigen machte. 
Eine eigentlich schopferische Natur war B. nicht. Er hatte ein gutes Verstand- 
nis fiir die auBenpolitischen Machtbelange der damaligen Zeit und erkannte 
die Gefahren einer einseitig eine Klasse oder Konfession bekampfenden Innen- 
politik, trotzdem sich ein erheblicher Teil seiner politischen Arbeit gegen 
Zentrum und Sozialdemokratie richten muBte. Aber seinen Briefen und Reden 
ist nicht der weite Blick des Vorgangers Bennigsen und des Nachfolgers Strese- 
mann in der Parteifuhrung eigen. Sie spiegeln die Auffassungen des Tages 
wider, und er suchte der Schwierigkeiten mit den Mitteln des Tages Herr zu 
werden. Von politischen Personlichkeiten iibte Fiirst Biilow erheblichen Ein- 
fluB auf ihn aus. Aus seiner Korrespondenz mit diesem ist klar ersichtlich, 
daB Bulow nach seinem Abgang durch B. seine Politik im Reichstag zu 
verteidigen suchte. Auch Tirpitz zog B. in den Bann seiner starken Per- 
sonlichkeit. 

B,s Wirken als Parteifuhrer laBt sich vielleicht in drei Abschnitte teilen: 
Herstellung der Einheit in der Partei, Unterstutzung der Kanzlerschaft Biilow, 
Bekampfung der Kanzlerschaft Bethmann. Noch bei den beiden gegen die 
Sozialdemokratie gerichteten Gesetzentwiirfen (Umsturz- und Zuchthausvor- 
lage), denen die Mehrheit der Partei mit B. an der Spitze ablehnend gegeniiber- 
stand, dissentierte ein erheblicher Teil der Fraktion und unterstutzte sogar die 
Gegenpartei. B. selbst wurde als siiddeutscher Demokrat verschrieen, auch 
Bennigsen tadelte seine Haltung. Bei den Abstimmungen iiber den Zolltarif, 
der die Grundlage der deutschen Wirtschaftspolitik bis zum Kriegsausbruch 
wurde, stimmte die Fraktion im Jahre 1902 mit Ausnahme eines Einzelgangers 
geschlossen fiir die von B. propagierte mittlere Linie, auf der der KompromiB 
der Reichstagsmehrheit zustande kam. Zwei Jahrzehnte friiher war es be- 
kanntlich gerade die Meinungsverschiedenheit in den wirtschaftspolitischen 



i6 1917 

Fragen gewesen, die der Partei ihre ausschlaggebende Stellung im Reichstag 
gekostet hatte. Freilich ist zu beachten, dafi die Fiihrung einer Partei nach 
1890 leichter war als zu den Zeiten Bismarcks, der durch sein riicksichtsloses 
Gegeneinanderausspielen der Parteien gerade die ihm am nachsten stehenden 
immer wieder vor schwere innere Konflikte stellte. 

Die wichtigste Epoche fur den Iyiberalismus zu B.s Zeiten waren wohl die 
Jahre der Blockpolitik 1907 bis 1909. Durch die Zuriickdrangung der sozial- 
demokratischen Vertretung im Reichstag war die Nationalliberale Partei noch 
einmal in die Lage ausschlaggebender Mitwirkung im Reichstag ohne Zentrums- 
hilfe gelangt. Die »konservativ-liberale Paarung«, die den linken Freisinn ein- 
schlieBen muBte, war nur moglich, wenn die Nationalliberalen das Bindeglied 
bildeten. Ob B. an der Vorbereitung dieser Wendung Biilowscher Politik be- 
teiligt war, laBt sich nach dem mir vorliegenden Material nicht feststellen. Der 
Erfolgsmoglichkeit soil er zunachst skeptisch gegeniibergestanden haben. 
Die Nachfolge des Staatssekretars des Reichsjustizamts Nieberding lehnte er 
1907 ab als seinem Naturell nicht zusagend: er konne keinen Posten iiber- 
nehmen, bei dem er um Urlaub einkommen miisse, wenn er langer als drei Tage 
fortbliebe. Das Reichsvereinsgesetz, fur das die Nationalliberale Partei schon 
1 87 1 einen Entwurf eingebracht hatte, und die Novelle zum Borsensteuergesetz 
brachten dann aber unter intensiver Mitarbeit B.s die Verwirklichung alter 
liberaler Forderungen. Die von Lasker schon bald nach Griindung der Partei 
erstrebte Zusammenarbeit mit dem Linksliberalismus wurde durch die poli- 
tische Konstellation ebenfalls Tatsache. Der von linker Seite angeregten Ver- 
schmelzung der liberalen Parteien zu einer liberalen Gruppe scheint B. nicht 
nachgegangen zu sein. 

Auch den Stimmen, die aus AnlaB der unvorsichtigen Veroffentlichung des 
kaiserlichen Interviews im » Daily Telegraph « im Herbst 1908 verantwortliche 
Reichsministerien verlangten, der alte Programmpunkt der Partei seit 1867, 
gab B. keine Folge. Er hat in dieser Zeit offenbar gewiinscht, die erschutterte 
Stellung des Fiirsten Biilow nicht noch mehr zu erschweren, und in diesem 
Sinn ist auch die Rede zu beurteilen, die B. am 10. November 1908 im Reichs- 
tag gegen das personliche Regiment hielt und die er als die schwerste seines 
I,ebens bezeichnete. Er hatte seine Interpellation dem Reichskanzler bereits 
am 3. November angekiindigt. Die Daily-Telegraph- Affare ist dann doch die 
Ursache des fruhen Endes der Blockpolitik geworden. AuBerlich war es aller- 
dings die Reichsfinanzreform, das Abschwenken der Konservativen, die dem 
Reich keine direkten Steuern lassen, d. h. die Reichsgewalt nicht starken woll- 
ten und die vom Zentrum gebotene, ihnen genehmere Losung fur die Auf- 
bringung der von der Regierung geforderten 500 Millionen Mark annahmen. 
Auch Heydeb rands Wort, »eine liberale Ara, die von konservativen Kraften 
gestutzt war, hat die Welt noch nicht gesehen«, gibt sicher einen der Griinde 
fiir das Auseinanderfallen des Blocks an. Entscheidend war aber doch, daB 
Biilow infolge der Vorgange vom November 1908 der Riickhalt am Kaiser 
fehlte und vom Hof kein EinfluB auf die gouvernementalen Konservativen 
ausgeiibt wurde, um Biilows Politik zu stiitzen. Die nachste Folges eines Sturzes 
war, daB Konservative und Zentrum als Mehrheit die Friichte des Wahlerfolges 
1907 ernteten. 19 12 trat dann die Reaktion auf die unpopularen Steuern ein : 
die Sozialdernokraten errangen mit 112 Mandaten einen Wahlsieg in noch 



Bas9ermann 1 7 

nicht dagewesenem AusmaB, der die alte Moglichkeit der schwarzroten Mehr- 
heit wieder herstellte. 

Auf B. hat diese Wendung offenbar auBerordentlich verbitternd eingewirkt. 
Seine Briefe lassen von jetzt ab einen Pessimismus erkennen, der bis zu seinem 
Tode nicht wieder schwindet. Er vermiBt die energische Fuhrung der Reichs- 
politik, die er Biilow zugetraut hatte, und hatte von vornherein kein Vertrauen 
zu dessen Nachfolger v. Bethmann Hollweg. Schon im Januar 1910 schrieb er, 
dieser sei kein Mann, der iiber der Sache stehe, sondera der kleinmiitig ohne 
Spur von Genialitat von den Schwierigkeiten bedroht und erdriickt werde. 
Bethmann versuchte dann immer wieder, sich von dem Odium der Regierung 
mit dem schwarzblauen Block zu befreien und die Nationalliberalen unter 
dem Schlagwort der »Sammlungspolitik« zu der alten Mehrheit Konservative, 
Nationalliberale, Zentrum zu gewinnen. Demgegeniiber beharrte B. auf der 
Forderung, daB der gesamte Liberalismus mitwirken und die Erbschaftsteuer 
und die preuBische Wahlreform seitens der Rechten bewilligt werden muBten. 
Es ist zu beachten, daB offenbar die giinstigen Erfahrungen der Zusammen- 
arbeit mit dem jetzt in der »Freisinnigen Volkspartei« vereinigten Links- 
liberalismus B. ermoglichten, die Solidaritat des Gesamtliberalismus energischer 
zu betonen als bisher. 

Die Wahlen von 19 12 brachten B. personlich eine besondere Enttauschung. 
Der Verlust von 9 Mandaten lieB sich verschmerzen, die Rechtsparteien hatten 
weit starkere Verluste zu beklagen, und es blieb die Tatsache bestehen, daB 
die Anhangerzahl der Nationalliberalen im I^ande in standigem Wachsen war 
und an dritter Stelle hinter Sozialdemokraten und Zentrum stand. Aber es 
waren gerade die B. nahestehenden Abgeordneten wie Stresemann, Weber und 
Wachhorst de Wente nicht wiedergewahlt worden. Die Opposition der Alt- 
liberalen (Fuhrmann, Schiffer), die zum AnschluB an die Rechte neigten, auf 
der einen, der Jungliberalen auf der anderen Seite wuchs in der Fraktion gegen 
ihn. Im Februar 19 14 lehnte er noch einmal den von konservativer Seite ge- 
machten und von einem Teil der eigenen Fraktion unterstiitzten Vorschlag ab, 
die alte Zolltarifmehrheit wiederherzustellen, um die Interessen der produ- 
zierenden Stande bei den kiinftigen Handelsvertragen geschlossen vertreten 
zu konnen. Dann brach der Krieg aus und lieB alle innerpolitischen Fragen 
einstweilen verschwinden. 

B.s Stellungnahme war in den ersten zwei Jahren des Weltkrieges nicht 
wesentlich anders als die der iibrigen Parteifuhrer von den Konservativen bis 
zu den Sozialdemokraten : er hoflte, daB die Gegner trotz ihrer zahlenmaBigen 
Uberlegenheit durch ihre militarischen MiBerfolge des Krieges miide wiirden 
und daB ein Friede zustande kame, der Deutschland fiir die Kriegsopfer ent- 
schadige. Er war dagegen, daB man das Minimum, auf welches man bei den 
Friedensverhandlungen zuriickgehen wiirde, vorher erkennen lasse. In dieser 
Richtung suchte er personlich bis zum Friihjahr 191 7 Bethmann zu beein- 
flussen, nachdem ihn seine militarische Tatigkeit nach Berlin zuriickgefuhrt 
hatte. Sein eigentliches Ziel war aber, Bethmann zu stiirzen und ihn durch 
den Fiirsten Biilow zu ersetzen. Als dies unerreichbar schien, sich die nach 
seiner Ansicht falschen politischen Handlungen, wie die Erklarung Polens zum 
Konigreich und das Friedensangebot vom Dezember 1916, mehrten und die 
Zahl der militarischen Gegner damit parallelgehend wuchs, wurde er iiber den 

DBJ 2 



i8 1917 

Kriegsausgang immer skeptischer. Er warnte auch vor weiterer Verschleppung 
der Reform des preui3ischen Wahlrechts, die, je spater vollzogen, desto radi- 
kaler ausf alien miisse. Als Hindenburg Generalstabschef wurde, schrieb er: 
»H. ist eine Hoflnung. Es ist spat, hoflentlich nicht zu spat; ein Jahr haben 
wir verloren.« 

Er erlebte noch Bethmanns Sturz. Beteiligt war er an der Aktion, die gleich- 
zeitig den Eintritt von Parlamentariern in die Reichsregierung und damit eine 
von B. schon 1910 prophezeite Entwicklung bringen sollte, infolge seines 
schlechten Gesundheitszustandes nicht mehr. Die Riicksichtslosigkeit, mit 
der er wahrend des Krieges seine Gesundheit einsetzte, um den freiwillig iiber- 
nommenen militarischen wie politisehen Anforderungen zu genugen, hat zu 
seinem verhaltnismafiig fruhen Tod zweifellos erheblich beigetragen. Wohl hat 
er schon in Friedenszeiten in Augenblicken der Enttauschung verschiedentlich 
mit dem Gedanken gespielt, sich von der Politik zuriickzuziehen. In Wahrheit 
war ihm der politische Kampf Lebensbediirfnis und tiefe Leidenschaft, der er 
bedenkenlos seine Gesundheit opferte. 

Literatur: Ernst B., Nationalliberale. Handbuch der Politik. i.Auti. 2. Bd. Berlin 
1912/13. — Karola B., Ernst B. 1854 — 1917. Mannheim [1919]. — Richard Eickhoff, 
Politische Profile: S. 121/28 Ernst B. Dresden 1927. — Fritz Mittelmann, Ernst B. Reden 
und Aufsatze. 1. Bd. Berlin 1914. — Ernst Muller-Meiningen, Parlamentarismus. S. 176/77. 
Berlin 1926. — Wilhelm Spickernagel, Fiirst Bulow. Hamburg [192 1]. — Stresemann, 
Reden und Schriften. 1. Bd. S. 140/163: Ernst B. Dresden 1926. 

An ungedrucktem Material konnte ich die mir freundlichst vom Em pf anger iiberlassenen 
Brief e B.s an Stresemann und einige Aufzeichnungen B.s iiber politische Vorgange be- 
nutzen. Der iibrige umfangreiche schriftliche NachlaB befindet sich im Besitz von Frau 
Julia B., Mannheim; er konnte von mir leider nicht eingesehen werden. 

Potsdam. HansGoldschmidt. 

Beck, Theodor, Professor, Dr.-Ing. ehrenhalber, * am 3. Juni 1839 in Darm- 
stadt, t am 3°- Jul* I 9 I 7 daselbst. — Theodor B. war ein Sohn des Groflh. Hes- 
sischen Ministerialsekretars Friedrich B. in Darmstadt; seine Mutter Auguste 
war eine Tochter des Geh. Medizinalrats Professor Dr. LudwigNebel in Giel3en. 
Er besuchte das GroBh. Gymnasium in Darmstadt 1851 — 1853, dann vom An- 
fange des Wintersemesters 1854/55 bis zum Schlusse des Schuljahres 1855/56 die 
Grofih. Hohere Gewerbeschule, an der er im September 1856 mit sehr guten 
Noten die Maturitatspriifung bestand. Bis zum September 1857 arbeitete er 
dann praktisch bei dem Schlossermeister Carl Schnabel in Darmstadt ; in dem 
vortreff lichen Zeugnis nennt ihn sein Lehrmeister »einen ausgezeichneten 
jungen Mann, von dem bei fortdauerndem Fleifle dermaleinst GroCes zu er- 
warten ist«. Gleichzeitig besuchte B. auch den Unterricht im Konstruktions- 
zeichnen bei I. Schroder, dem Griinder der spater so bekannt gewordenen 
Schroderschen Modellfabrik in Daimstadt. 

In denStudienjahren 1857/58 und 1858/59 besuchte Theodor B. diebeiden 
Kurse der mechanisch-technischen Fachschule der GroCh. Badischen poly- 
technischen Schule in Karlsruhe, die damals die einzige wirkliche technische 
Hochschule in Deutschland war. Seine Lehrer waren Redtenbacher, Riegler, 
Eisenlohr und Seubert; den groBten EinfluB auf ihn iibte Jakob Ferdinand 
Redtenbacher aus, dem er bis an seinen Tod ein treues und dankbares An- 
denken bewahrte. 



Bassermann. Beck 



*9 



Nun arbeitete B. ein Jahr lang in der Montierwerkstatte der Maschinenfabrik 
und EisengieBerei Darmstadt, dann — 1861 bis 1862 — auf dem technischen 
Bureau der Main-Weser-Bahn in GieBen. Dann ging er nach Schottland und 
arbeitete 9 Monate hindurch als Zeichner in den Scotland Steel Iron Works der 
Firma Mirrlees & Tait in Glasgow, dann bei David Napier in London, endlich 
— 1865/66 — bei C. Hoppe in Berlin. Aus alien diesen Stellungen liegen glan- 
zende Zeugnisse iiber seinen FleiJ3, seine Tiichtigkeit und seine Kenntnisse vor. 

Im Jahre 1867 wurde B. Teilhaber der Maschinenfabrik von Kleyer & Beck, 
spater Beck und Rosenbaum in Darmstadt, die noch heute besteht. Im Jahre 
1885 trat er aus, um sich seinen wissenschaftlichen Arbeiten zu widmen. Er 
habilitierte sich als Privatdozent an der Technischen Hochschule in Darmstadt 
und war in ausgedehntem MaBe schrif tstellerisch tatig. An der Hochschule hielt 
er viele Jahre hindurch Vorlesungen iiber Gewichts- und Kostenberechnung im 
Maschinenbau und erhielt den Professortitel. AuBerdem war er 1889 — 1903 
Sekretar der Handelskammer Darmstadt, deren Mitglied er von 1875 an ge- 
wesen war. Gelegentlich der Feier seines 25Jahrigen Bestehens im Jahre 1905 
verlieh der Niederosterreichische Gewerbeverein Theodor B. eine von Professor 
Stephan Schwartz ausgefuhrte Plakette, die der Verwaltungsrat des Vereins 
hatte anfertigen lassen, »um sie den bewahrten Freunden und Forderern des 
technologischen Gewerbemuseums zu widmen «. Eine noch hohere Ehrung 
wurde Theodor B. am 26, Juni 1909 zuteil. AndiesemTage ernannte ihn die 
GroBh. Badische Technische Hochschule zum Dr.-Ing. ehrenhalber »in An- 
erkennung der Verdienste um die technischen Wissenschaften, die er sich durch 
seine umf assenden Forschungsarbeiten und Mitteilungen iiber die Geschichte 
der Technik erworben hat«. Diese hohe Auszeichnung bereitete dem riihrend 
bescheidenen Manne eine groBe Freude. 

Im Jahre 1869 verheiratete sich Theodor B. mit Sophie, Tochter des Hofrats 
Friedrich Baer in Miinchen. 

Die wissenschaftlichen Arbeiten Theodor B.s gehoren fast alle einem leider 
nur wenig beachteten und bearbeiteten, aber hochst interessanten und wich- 
tigen Gebiete an — der Geschichte des Maschinenbaues. Gerade fur uns heutige 
Menschen, die wir taglich die fabelhaftesten Fortschritte der Technik erleben, 
ist es von hochstem Werte, zu erkennen, auf welch muhseligem Wege die 
Menschheit sich zu der Hohe technischen Konnens, die sie heute erreicht hat, 
hin auf arbeiten muBte. Der Wunsch diesen Weg kennenzulernen, hat auch 
Theodor B. zu seinen uberaus griindlichen und miihevollen geschichtlichen 
Forschungen veranlaBt, die in so besonderer Weise seiner stets auf das Griind- 
liche und Grundlegende gerichteten Natur entsprachen. 

Die alteren geschichtlichen Abhandlungen B.s erschienen in den Jahren 1886 
bis 1896 einzeln in der Zeitschrift »Der Zivilingenieur«, die spateren — nach- 
dem diese Zeitschrift eingegangen war — in der » Zeitschrift des Vereins deut- 
scher Ingenieure«. Professor Riedler war es, der den Vorstand des genannten 
Vereins auf die hohe Bedeutung der Arbeiten B.s aufmerksam machte und ihre 
Herausgabe in einem stattlichen Bande veranlaBte. Der Verein deutscher 
Ingenieure bewilligte einen namhaften Beitrag zu den Herstellungskosten. Die 
erste Auflage erschien 1899 unter dem Titel »Beitrage zur Geschichte des 
Maschinenbaues «, die zweite, vermehrte Auflage (582 S.) schon 1900. (Verlag 
von Julius Springer in Berlin.) 



20 1917 

Diese zweite Auflage umf afit folgende Abhandlungen : Heron der Altere von 
Alexandria (um 120 v. Chr.) und seine Vorganger; Pappus der Alexandriner ; 
Marcus Vitruvius Pollio; Sextus Jul. Frontinus; Cato der Altere; Leonardo da 
Vinci (3 Abhandlungen) ; Vanuccio Biringuccio ; Georgius Agricola ; Hieronymus 
Gardanus; Jacques Besson ; Agostino Ramelli ; Buonaiuto Lorini; Giambattista 
della Porta; Skizzen aus der Zeit der Hussitenkriege ; Vittoria Zonka; Juanelo 
Turriano; Heinrich Zeising; Domenico Fontana und der Transport der Vati- 
kanischen Obelisken; Salomon de Caus; Faustus Verantius; Jacob de Strada; 
Giovanni Branca; Marinus Mersenne; Georg Philipp Harstorffer; James Watt 
und die Erfindung der Dampfmaschine. 

AuBer den in dem genannten Bande vereinigten Abhandlungen sind noch die 
folgenden besonders zu bemerken: Kinematik, 5 Abhandlungen im »Zivil- 
ingenieur« 1876 — 1879, Joann Leucheron (» Zeitschrift des Vereins deutscher 
Ingenieure« 1901. Bd. 45), Kaspar Schott (daselbst 1902, Bd, 46), Leonardo 
da Vinci, vierte Abhandlung: Codice atlantico, nach der von der »Accademia dei 
Lincein veranstalteten Ausgabe (Band 50 derselben Zeitschrift, 1906), Kosten- 
berechnung in der Maschinen-Fabiikation (daselbst, Band 37), Biographien 
englischer Ingenieure von 1750 — 1850 (dieselbe Zeitschrift 1900 — 1903), die 
Geometrie krummliniger Figuren Leonardos da Vinci (» Zeitschrift fiir gewerb- 
lichen Unterricht, Jahrgang XVIII, Nr. 12 u, 13), endlich Evangelista Torricelli 
1608 — 1647, » Zeitschrift des Vereins deutscher Ingenieure « 1908). Die Summe 
sorgfaltigster, griindlichster Quellenforschung, die in diesen Arbeiten nieder- 
gelegt ist, fordert Staunen und Bewunderung heraus. Ihren reichen Inhalt auf 
dem beschrankten, hier zur Verfiigung stehenden Raume auch nur andeutungs- 
weise zu besprechen, ist unmoglich. Die meisten dieser Abhandlungen bestehen 
namlich aus einzelnen, oft nur kurzen Beschreibungen der verschiedensten 
Maschinen und Vorrichtungen. Schon die einfache Aufzahlung der behandelten 
Gegenstande wiirde Seiten fiillen. Daher kann auch von einer kritischen Be- 
wertung der Arbeiten an dieser Stelle keine Rede sein. Bemerkt sei nur, daB B. 
stets bis zu den eigentlichen Quellenschriften hinabstieg und sich niemals auf 
Mitteilungen aus zweiter Hand verlieB. Besonders hingewiesen sei auch auf die 
liberaus zahlreichen, mit unubertrefflicher Klarheit, Sorgfalt und Sauberkeit 
gezeichneten Figuren. 

Theodor B. besaB eine ungewohnlich umfassende Bildung. DaB er ein iiber- 
aus griindlicher Kenner des Maschinenbaues war, versteht sich wohl von selbst ; 
aber seine ausgedehnten Quellenstudien erforderten auch ungewohnliche Kennt- 
nisse in den alten und neuen Sprachen. Er liebte die Mathematik und besaB 
griindliche Kenntnisse in dieser, seinem ganzen Wesen so sehr entsprechenden 
Wissenschaft der Klarheit. Ganz besonders stark war er in der Geometrie und 
zog stets — ihrer Anschaulichkeit und Durchsichtigkeit wegen — die geo- 
metrische Losung einer Aufgabe der analytischen vor. Dennoch war er auch 
ein vortrefflicher Rechner. 

Theodor B. war die verkorperte Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit. Still 
lebte er seiner Familie und seiner Forscherarbeit. Er sprach wenig und liebte es 
nicht, von sich reden zu machen. In der bescheidenen Mittelstadt, in der er ge- 
borenward, sein Leben mit kurzen Unterbrechungen zubrachte und starb, 
kannten ihn nur wenige Menschen, und nur einzelne von diesen wenigen mogen 
gewuBt haben, einen wie bedeutenden Mitbiirger sie in ihm besaBen. Sogenannte 



Beck. Behring 21 

Vergniigungen liebte er nicht; seine einzige Erholung waren Spaziergange in 
die herrliche Umgebung seiner Vaterstadt. Er war ein riistiger und ausdauern- 
der FuBganger. Er war bis zu seiner letzten Krankheit — dank seinem 
kraftigen Korper und seiner auBerst maBigen und regelmaBigen Lebensweise — 
ein kerngesunder Mann. — GroBere Reisen machte er nur sehr selten; erst 
nach vollendetem 70. Iyebensjahre unternahm er mit seiner Frau eine Reise in 
die Alpen . 

B.s Charakter war lauter, rein und edel. Er war giitig, gerecht und teilnahms- 
voll, mild und versohnlich in seinem Urteil iiber andere. Ruhig und ausge- 
glichen, wie er war, lag ihm alles Leidenschaftliche fern. In unserem jahre- 
langen, freundschaftlichen Verkehr — von 1893 bis an sein Ende — habe ich 
ihn niemals zornig oder aufgebracht gesehen. 

Ein eigentlicher Geschaftsmann war Theodor B. auch als Maschinenfabrikant 
— die Firma Beck & Rosenbaum beschaftigte sich vorwiegend mit der Her- 
stellung von Brauerei-Einrichtungen — niemals. Sein holier Sinn war nicht auf 
Geldverdienen, sondern nur auf Erkenntnis gerichtet. Echter Forscherdrang 
war es, der ihn zu seiner ergebnisreichen I^ebensarbeit begeisterte. 

Literatur: Der Nachlafi Theodor B.s — Schriftstiicke, Zeugnisse, Drucksachen, Do- 
kumente usw. — befindet sich im Besitze seiner jiingeren Tochter, Fraulein Emily B., 
Darmstadt, SandstraBe 32. — Vgl. unten S. 218 ff. iiber B.s Bruder Ludwig B. 

Darmstadt. Ferdinand Meisel. 



Behring, Emil v., Prof. Dr. Wirkf. Geh.-Rat, Exzellenz, o. 6. Professor der 
Hygiene und experimentellen Therapie an der Universitat Marburg, * am 
15. Marz 1854 m Hansdorf bei Deutsch-Eylau in WestpreuBen, f am 31. Marz 
1917 in Marburg. — Bis zum 13. Lebensjahr wurde B. im elterlichen Hause 
von seinem Vater August B., der Lehrer in Hansdorf bei Deutsch-Eylau war, 
unterrichtet. Er besuchte sodann das Gymnasium in Hohenstein i. Ostpr. 
bis zu seinem Eintritt in das Kgl. Friedrich-Wilhelm-Institut in Berlin im 
Oktober 1874. Am 24. Februar 1877 bestand er das Physikum, am 15. August 
1878 promo vierte er zum Dr. med. y mit der Dissertation: Neuere Beob- 
achtungen iiber die Neurotomia opticociliaris, und bestand im Juni 1880 das 
medizinische Staatsexamen. 

Nach Beendigung seiner arztlichen Studienzeit wurde er zunachst fiir kurze 
Zeit als Unterarzt an die Charite nach Berlin kommandiert, hierauf nach 
Wehlau in das Fusilierbataillon des 59. Regiments und von dort als Assistenz- 
arzt zum 2. Leibhusarenregiment nach Posen versetzt. Dort hatte er im 
Laboratorium der Versuchsstation unter Dr. Wild Gelegenheit zu chemischen 
Studien, die sich vorwiegend mit der Frage der Wirkungsweise antiseptischer 
Mittel befafiten und im Jahre 1882 teils in der »Deutschen Medizinischen 
Wochenschrift*, teils in der » Berliner Klinischen Wochenschrift« veroffentlicht 
worden sind. Man wird kaum fehlgehen, wenn man annimmt, daB in diesen 
Jahren schon der Grund gelegt wurde fiir die Gedankenrichtung, die B.s 
spatere Lebensarbeit beherrschten, die Idee der biologischen Desinfektion 
bzw. Desintoxikation. Im Juli 1883 wurde B. auf eigenen Wunsch zur 4. Schwa- 
dron der WestpreuBischen Kiirassiere nach Winzig versetzt, wo ihm auch 
Gelegenheit zur Ausiibung einer privatarztlichen Praxis und zur Vorbereitung 



22 1917 

auf das Kreisarztexamen geboten war, das er im Marz 1885 ablegte. Im gleichen 
Jahre nahm er in Wiesbaden im Untersuchungsamt des Direktor Dr. Schmidt 
unter Leitung des Dozenten Dr. August Pfeiffer einen Kursus in Bakteriologie, 
jener neuen Spezialwissenschaft, die dank der wenige Jahre zuvor von Robert 
Koch gemachten Entdeckungen in raschem Aufbluhen begriffen war. 

Nach Beendigung des bakteriologischen Kurses in Wiesbaden wurde B. 
zunachst nach Bojanowo versetzt, und im August 1885 zum kommissarischen 
Kreis- und Wundarzt in Rawitsch bestellt. Aber die rein arztliche bzw. kreis- 
arztliche Tatigkeit befriedigte ihn nicht ganz. Zwei Jahre spater finden wir 
B. in Bonn, wo er hauptsachlich bei dem bekannten Pharmakologen Binz 
arbeitete. Aus dieser Zeit stammen die Arbeiten iiber Jodoform und Azetylen 
(» Deutsche Med. Wochenschrift«, 1887, Nr. 20) und »t)ber die physiologischen 
und die (choleraahnlich) toxischen Wirkungen des Pentamethylendiamins 
(Cadaverin L. Briegers)« in der » Deutschen Medizinischen Wochenschrift*, 1888, 
Nr. 24. Im Jahre 1889 g e ^ an g es B., Assistent bei dem damals schon welt- 
beriihmten und gefeierten Robert Koch im Hygienischen Institut der Univer- 
sitat Berlin zu werden. So wurde auch B. einer der Schuler Kochs. Aber er 
war von Anfang an mehr als bloB ein Schuler Kochs. Er brachte seine eigenen 
Ideen mit. Verfasser, dem es leider nicht vergonnt war, B. personlich zu 
kennen, erinnert sich einer Unterhaltung, die er fern von der Heimat in Schang- 
hai im Sommer 1917 mit dem gerade zu Besuch dort weilenden bekannten 
Pathologen H. Welch von der John Hopkins University in Baltimore iiber 
Emil von B., dessen Tod uns eben bekannt geworden war, hatte. Welch, der zu 
jener Zeit auch in Deutschland studiert hatte, sprach mit grofler Lebhaftigkeit 
davon, wie man im Kreise der Kochschen Assistenten und Schuler mit einer 
seltsamen Mischung von Spott und Bewunderung auf den »verriickten« Stabs- 
arzt wies, der im Korper Gegengifte erzeugen wollte. Und Max v. Gruber erzahlt, 
wie ein fruherer Schuler Kochs bereits 1888 iiber den jungen Stabsarzt B. 
berichtet hatte: »Niemand im Institut kann sich seinem EinfluB entziehen, 
und alle erwarten AuBerordentliches von ihm.« In Wernicke fand B. einen 
treuen und zuverlassigen Mitarbeiter, und schon bald nach seinem Eintritt in 
den Kochschen Kreis konnte B. iiber wissenschaftliche Ergebnisse von groBter 
Tragweite berichten. In der » Deutschen Medizinischen Wochenschrift« Nr. 49 
(1890) veroffentlichte B. zunachst eine kurze, aber inhaltschwere Arbeit: 
»t)ber das Zustandekommen der Diphtherie-Immunitat und der Tetanus-Immu- 
nitat«, zusammen mit Kitasato, der ihm das zur Tetanus-Immunisierung not- 
wendige Tetanusgift geliefert hatte. Die fur die Diphtherie-Immunisierung 
und die Heilserumtherapie grundlegende, eingehende Mitteilung hat B. 1892 
zusammen mit Wernicke in der Zeitschrift fur Hygiene und Infektionskrank- 
heiten Bd. XII (Uber Immunisierung und Heilung von Versuchstieren bei 
der Diphtherie) veroffentlkht. Behring und Wernicke, unlosbar sind diese bei- 
den Namen verkniipft mit der Entdeckung des Diphtherieheilserums : B., der 
leidenschaftliche Schopfer und Trager des Gedankens der Serumtherapie, 
Wernicke, der unermudliche, sorgfaltige Experimentator und treue Bundes- 
genosse B.s in dem Auf und Nieder der wechselvollen ersten Jahre ihres 
Schaffens. Nach dieser wissenschaftlichen GroBtat war es selbstverstandlich, 
daB der damalige Stabsarzt B. seine militarische Laufbahn auf gab, um 
sich ganz seinen Forschungen und der Bearbeitung des von ihm eroffneten 



Behring 23 

vielversprechenden Gebietes widmen zu konnen. Auch auBere Ehrungen 
stellten sich ein. Nachdem B. 1893 den Titel Professor erhalten hatte, wurde 
ihm 1894 das Ordinariat fur Hygiene an der Universitat Halle und bald darauf 
das in Marburg iibertragen. Die Jahre 1890 bis 1894 waren fur B. und seine 
neue Heilserumlehre besonders kritisch gewesen. Er hatte in dieser Zeit den 
groBen Sturm der Kritiker, Zweifler, Spotter und Gegner seiner neuen 
Lehre zu bestehen. Und er hat ihn siegreich bestanden. Die praktische Brauch- 
barkeit seines Heilverfahrens war nunmehr allgemein anerkannt. Der preu- 
Bische Kultusminister wollte, in voller Wiirdigung der groBen Bedeutung des 
B.schen Werkes, mit der Berufung nach Marburg B. eine moglichst ruhige und 
geeignete Arbeitsstatte verschaffen. Das kleine Marburg mit seiner verhaltnis- 
maBig geringen Studentenzahl schien hierzu besonders geeignet, urn so mehr, 
als hier in der gerade frei gewordenen alten Roserschen Klinik groBe Raume 
verfiigbar waren, die fur Laboratoriumszwecke umgebaut werden konnten. 
Zu B.s Unterstiitzung im Unterricht wurde zuerst der Stabsarzt Dr. Wernicke 
nach Marburg versetzt. Spater wurde eine Zweiteilung des Instituts vorge- 
nommen: es wurde eine Abteilung fur Hygiene und eine Abteilung fur ex- 
perimentelle Therapie geschaffen. Die Hygiene vertrat Bonhoff, und dadurch 
wurde B. die Sorge fur den Unterricht fast ganz abgenommen. B. selbst iiber- 
nahm die Abteilung fiir experimentelle Therapie und behielt die Direktion des 
ganzen Institutes. Vom Jahre 1894 bis zu seinem Tode (1917) wirkte B. in der 
reizvollen Universitat des Hessenlandes, in Marburg. In der Universitat, in 
der Stadt und ringsherum im Gelande trifft man noch heute iiberall die 
Spuren seiner Tatigkeit. 

Zunachst warf sich B., unterstiitzt von seinen Schiilern und Mitarbeitern 
Wernicke, Boer, Kossel, Kitashima, Ransom, Siebert, Knorr, v. Lingels- 
heim, Romer, Much u. a., mit der leidenschaftlichen Energie seiner Person- 
lichkeit auf den weiteren wissenschaftlichen und praktischen Ausbau seiner 
Entdeckungen. Es gait, die Methoden der Herstellung des Diphtherie- und des 
Tetanus- Heilserums zu verbessern und technisch so zu gestalten, daB dem 
sich bald einstellenden Massenbedarf an Heilserum in der Praxis entsprochen 
werden konnte. Zu diesem Zwecke trat B. in Verbindung mit den Farbwerken 
Meister, Lucius & Briining in Hochst a. M. und griindete spater ein eigenes 
Unternehmen, das » Behring- Werk«, Marburg, das sich spater zu der Aktien- 
gesellschaft »Behringwerke« entwickelte. Von den Hochster Farbwerken 
wurde ihm auf der Hone des SchloBberges ein besonderes Forschungsinstitut 
errichtet, das spater (1920) den Namen »Institut fiir experimentelle Therapie 
Emil von Behring* erhielt und 1920 bis 1923 von Uhlenhuth, 1923 bis 1927 
von Dold geleitet wurde. 

Es gait vor allem, MeB- und Prufungsmethoden fiir die Toxine und die Anti- 
toxine zu schaffen. Diese grundlegenden und noch heute giiltigen Arbeit en 
sind zum groBten Teil in engster Zusammenarbeit mit Paul Ehrlich (s. DBJ. 
1914 — 16, S. 126 ff.), dem damaligen Direktor des Staatlichen Instituts fiir 
experimentelle Therapie in Berlin-Steglitz, spater in Frankfurt a. M., ent- 
standen. Neben diesen, dem weiteren Ausbau seiner Heilserumbehandlung 
dienenden Forschungen nahm B. ein neues wichtiges Gebiet, die Frage der 
Heilung und Verhiitung der Tuberkulose in Angriff. Die materiellen Vorteile, 
die ihm aus seinen praktisch so bedeutungsvollen Entdeckungen zuflossen, 



24 *9i7 

lieB er seinen viel Geld verschlingenden neuen Arbeiten namentlich auf dem 
Gebiet der Tuberkulose zugute kommen. Zuerst sahes aus, als ob es auch auf 
diesem Gebiete B. gelingen wiirde, einen groBen Sieg zu erringen. B. hatte die 
Hoffnung, auch bei der Tuberkulose wie bei der Diphtheric und beim Tetanus 
eine ubertragbare Giftimmunitat erreichen zu konnen. Da das Tuberkulin 
sich fur diesen Zweck als zu wenig wirksam envies, trachtete B. danach, starker 
wirksame Gifte aus den Tuberkelbazillen zu gewinnen. Und in der Tat konnte 
er Stoffe aus den Tuberkelbazillen extrahieren, die um ein Vieltausend- 
faches giftiger waren als das Alttuberkulin. Leider gelang es aber auch mit 
so hochwirksamen Giften nicht, kraftige und praktisch brauchbare Heilsera 
zu erhalten. Nach diesem Fehlschlag wandte sich B. dem alten Pasteurschen 
Immunisierungsprinzip, Erzielung einer Immunitat gegen virulente Bak- 
terien durch Einverleibung der geschwachten Bakterien der gleichen Art, zu. 
Im Gegensatz zu Robert Koch, der die Tuberkelbazillen des Menschen als 
von den Perlsuchtbazillen (Tuberkelbazillen des Rindes) artverschieden er- 
klart hatte, war B. zu der Auffassung gekommen, daB es sich hier nur um 
Varietaten derselben Art mit verschiedener Virulenz handele, und daB der 
sogenannte Typus humanus ein Tuberkelbazillus von geringerer Virulenz sei. 
Er versuchte darum, das Rind mit Tuberkelbazillen vom Typus humanus 
gegen die Perlsucht zu immunisieren. Im Jahre 1901 trat B. mit seinem neuen 
Tuberkuloseschutzstoff fiir Rinder, dem »Bovovakzin« hervor, nachdem er 
zunachst im Kleinen, dann im GroBen das Verfahren mit sehr gutem Erfolge 
erprobt hatte. Wieder horchte die Welt auf, und ahnlich wie nach der Ent- 
deckung des Tuberkelbazillus und des Tuberkulins durch Robert Koch ging 
eine gewaltige Woge der Hoffnung durch die Menschheit. Aber wie damals 
blieb auch diesmal der Riickschlag nicht aus. Die ubertriebenen Hoffnungen 
konnten sich nicht erfullen. Teils weil bei den Nachpriifungen die Erfolge nicht 
so offenkundig waren, wie man erwartet hatte, teils weil in den maBgebenden 
Kreisen der Veterinarmedizin die Befreiung unserer Rinderbestande auf einem 
anderen, veterinarpolizeilichem Wege, durch das sogenannte Tuberkulose- 
tilgungsverfahren, angestrebt und die B.sche Methode der Schutzimpfung 
stark befehdet wurde, flaute das Interesse fiir das neue Verfahren bald wieder 
ab, und das Gefiihl der Enttauschung verdunkelte die groBe Bedeutung der 
auch hier wieder von B. gemachten wichtigen Entdeckung: daB der einmal 
tuberkulos infizierte Organismus durch diese Infektion eine betrachtliche 
Immunitat gegen diese Krankheit erwerben kann und daB diese sogenannte 
Infektionsimmunitat fiir den Verlauf der einzelnen Erkrankung sowohl 
als auch fiir die Epidemiologic der Tuberkulose von der groBten Bedeu- 
tung ist. 

Die Enttauschung liber die Nichtanerkennung seiner Auffassungen iiber 
Tuberkulose mag mit dazu beigetragen haben, daB sein Gesundheitszustand 
in den folgenden Jahren viel zu wiinschen iibrig lieB und ihn ofters zwang, 
die Arbeit, die er so sehr liebte, zu unterbrechen und Erholung zu suchen 
auf Reisen und besonders in Italien, wo er in Capri ein Besitztum hatte. 
Zuruckgekehrt und wieder im Besitz seiner Arbeitskraft griff er ein neues 
Problem auf, das ankniipfte an seine ersten Entdeckungen. Bei dem Diphtherie- 
heilserum handelt es sich um Antitoxine, die im Organismus von Tieren (Pfer- 
den) gebildet und im Bedarfsfall dann dem kranken Menschen einverleibt 



Behring 25 

werden. Diese an artfremdes EiweiB gebundenen passiv ubertragenen Anti- 
toxine werden aber bald wieder ausgeschieden. Um einen Schutz von langerer 
Dauer zu erzielen, versuchte B. durch Einverleibung eines feinabgestimmten 
Gemisches von Diphtherietoxin und -antitoxin eine aktive Immunisierung 
des Menschen und besonders der Kinder zu erreichen. Das Toxin, das in dem 
Toxin-Antitoxin-Gemisch zunachst gebunden ist, wird langsam wieder abge- 
spalten und ruft eine allmahliche Antitoxinbildung im menschlichen Korper 
hervor, die dem betreffenden Individuum eine praktisch furs Leben aus- 
reichende Immunitat gegen Diphtherie verleiht. 

Dieses sogenannte T.-A.-Verfahxen hat wahrend des Weltkrieges und nach- 
her im Auslande, besonders in Amerika durch die verdienstvollen Arbeiten 
von Park und seiner Schule, und in den letzten Jahren auch in Deutschland 
mehr und mehr Eingang gefunden und wird allgemein als ein groBer Erfolg 
B.s und als ein wertvolles Mittel im Kampfe gegen die morderische Volks- 
seuche der Diphtherie anerkannt. 

Der Weltkrieg, dessen ersten Jahre B. noch erlebte, brachte ihm noch die 
groBe Genugtuung und Freude, die wunderbare Wirkung seines Tetanus- 
serums bei prophylaktischer Anwendung erleben zu diirfen. Das Tetanus- 
serum zeigt, bei der einmal ausgebrochenen Krankheit angewandt, meist eine 
nur geringe Heilwirkung, weil das Tetanusgift sich zu schnell und zu fest am 
Nervensystem verankert. Aber als Prophylaktikum gegeben, unterdriickt 
es die Tetanusinfektion im Keime. GroB war die Sterblichkeit an Tetanus in 
den ersten Kriegswochen, ehe die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer 
systematischen Schutzimpfung gegen den Wundstarrkrampf durchgedrungen 
und dann geniigend Tetanusserum beschafft war. Von da ab verlor der Wund- 
starrkrampf fur die Verwundeten seinen Schrecken. Vielen Hunderttausenden 
von Soldaten aller Nationen hat B.s Entdeckung das Leben gerettet. 

Aber in diesen Jahren des Krieges, dessen Ausgang B. sorgenvoll entgegen- 
sah, verschlechterte sich sein Gesundheitszustand mehr und mehr, und am 
13. Marz 1917 schloB Emil v. B. die Augen fur immer. An seiner Bahre trauer- 
ten die Gattin und sechs Sonne, die Universitat und die Stadt Marburg, deren 
Ehrenbiirger er war, die deutsche arztliche Wissenschaft, die einen ihrer 
GroBten verloren hatte. 

B.s groBe Bedeutung fiir die Medizin liegt darin, daB er zu einer Zeit, da 
Virchows Zellularpathologie noch das ganze Denken der arztlichen Welt 
allmachtig beherrschte, die Einseitigkeit und Unzulanglichkeit dieser Betrach- 
tungsweise erkannte. Mit der Entdeckung der vom lebenden Organismus 
erzeugten spezifischen Antitoxine war die groBe Bedeutung humoralpatho- 
logischer Vorgange fiir Krankheit, Leben und Tod unzweideutig und weithin 
sichtbar demonstriert. So wurde B. der Begriinder der Heilserumtherapie 
als Heilmethode und der Schopfer der praktisch auBerordentlich wertvollen 
Schutz-und Heilverfahren bei der Diphtherie und beim Wundstarrkrampf. 
Und auch auf dem Gebiete der Tuberkulose sind seine Arbeiten nicht umsonst 
gewesen: Sein auf der sogenannten Infektionsimmunitat sich aufbauendes 
Schutzimpfungsverfahren ist eine der groBten wissenschaftlichen Leistungen 
auf diesem Gebiet, und wir sind trotz intensivster Forschungsarbeit bei der 
Tuberkulose nicht liber dieses B.sche Immunisierungsprinzip : Immunitat 
durch Infektion, hinausgekommen. 



26 19 17 

B. war eine mit seltener Energie geladene Natur, eine eigensinnige, eigen- 
willige, ganz auf sich selbst stehende Personlichkeit voll zaher Kraft. Kampf 
war sein Leben. Und sein ward der Sieg. Er hat den Ruhm seiner Taten er- 
leben dtirfen. Ehrungen durch in- und auslandische Universitaten und gelehrte 
Gesellschaften, durch Fiirsten und Regierungen, Titel, Orden, Ernennung 
zum Ehrenbiirger der Stadt Marburg, Erhebung in den erblichen Adelstand 
wurden ihm zuteil. Und als arn 4. Dezember 19 15 sich der Tag, an dem das 
Diphtherieserum der Offentlichkeit bekanntgegeben worden war, zum funf- 
undzwanzigsten Male jahrte, wurde auf Anordnung des preuBischen Kultus- 
ministers die Biiste Emil v. B.s im Treppenhause des Hygienischen Institutes 
der Universitat Marburg aufgestellt. GroB und stark war der Eindruck, den 
B. bei alien Marburgern Fakultatsmitgliedern seiner Zeit hinterlassen hat. 
Gustav v. Bergmann hat es in der Chronik der Universitat Marburg nieder- 
geschrieben : 

»Wir sehen in B. ein Leben als Anspannung aller Krafte, Kampf bis zuletzt; 
geworfen, erhob er sich noch einmal, urn unter Qualen zu sterben. Das Bild 
ist zu groB, um auf kleine Fragen zu antworten: Was sagen die Studenten, 
was sagen die Kollegen? Wer ihm wirklich nahe stand, es mogen auBer Frau 
und Kindern nicht sehr viele gewesen sein, verehrte, liebte ihn . . . Mogen 
die anderen, die drauBen standen, nur eines fiihlen: er war auf einem groBen 
Gebiet der Wissenschaft, das geradezu sein Gebiet genannt werden darf, 
gigantisch wie ein Naturphanomen, das man erleben soil jenseits von Liebe 
und HaB. Dimensionen fiihlen, auch unter Zeitgenossen, das geniigt.« 

Iviteratur: Eine vollstandige Zusatnmenstellung der zahlreichen Veroffentlichungen 
Emil v. Behrings ist vom Verfasser in der Gedenkschrif t : In memoriam Paul Ehrlich und 
E. v. Behring zur 70. Wiederkehr ihrer Geburtstage 14./15. Marz 1924, Frankfurt a. M., 
geliefert worden. Es diirfte desvvegen geniigen, wenn hier nur einige der wichtigsten Arbei- 
ten B.s aufgefiihrt werden, im iibrigen aber auf diese an anderer Stelle erschienene voll- 
standige Bibliographic hingewiesen wird. — B.und Kitasato, Uber das Zustandekommen 
der Diphtherie-Immunitat und der Tetanus-Immunitat, Deutsche Medizinische Wochen- 
schrift 1890, Nr. 49. — E. B., Untersuchungen iiber das Zustandekommen der Diphtherie- 
Immunitat bei Tieren, ebenda 1890, Nr. 50. B. und Wernicke, t)ber Immunisierung und 
Heilung von Versuchstieren bei der Diphtheric Zeitschrift f . Hygiene und Infektionskrank- 
heitenBd. 12, 1892. — E. B., Zur Diphtherieheilungsfrage, Deutsche Medizinische Wochen- 
schrift 1894, Nr. 15 — -17. — E. B. und P. Ehrlich, Zur Diphtherie-Immunisierungs- und 
Heilungsfrage, ebenda 1894, Nr. 20. — E- B. und Boer, Oberdie quantitative Bestimmung 
von Diphtherieantitoxinlosungen, ebenda 1894, Nr. 21. — E. B.und Ransom, Uber Te- 
tanusgift und Tetanusantitoxin, ebenda 1898, Nr. 12. — B., Ransom und Kitashima, 
ITber Tetanusgiftmodifikationen, Fortschritte der Medizin, 1899, Bd. 17, Nr. 21. — B., 
Ransom und Kitashima, t)berdie quantitativen Bindungsverhaltnisse zwischen Tetanus- 
gift und Tetanusantitoxin im lebenden Meerschweinchenkorper, ebenda 1899, Bd. 17, 
Nr. 22. — B., Ober die Artgleichheit der vom Menschen und der vom Rinde stammenden 
Tuberkelbazillen und die Tuberkuloseimmunisierung von Rindern, Wiener Klinische 
Wochenschrift 1903, Nr. 12. — E. B., Uber Lungenschwindsuchtentstehung und Tuber- 
kulosebekampfung, Deutsche Med. Wochenschrift 1903, Nr. 39. — E. B., Die Bekampfung 
der Rindertuberkulose mit Bovovakzin und Tauruman, Vortrag 14. Marz 1907. Arch, des 
Deutschen I,andwirtschaftsrates 1907, Bd. 31. — E. v. B. DbereinneuesDiphtherieschutz- 
mittel, Deutsche Med. Wochenschrift, 191 3, Nr. 19. 

Berlin-Dahlem. 

Hermann Dold. 



Behring. Bettinger 27 

Bettinger, Franz v., Kardinal der romischen Kirche und Erzbischof von 
Miinchen-Freising, Doktor der Theologie, * am 17. September 1850 in Land- 
stuhl (Rheinpfalz), f am 12. April 1917 in Munchen. — Kardinal B. entstammte 
einfachen Biirgerverhaltnissen. Sein Vater war ein ehrsamer und biederer 
Schmiedemeister in Landstuhl, verheiratet mit einer Tochter des ortsansassigen 
Mullers der Felsenmiihle. Der allzeit gliicklichen Ehe entsprossen neun Kinder, 
von denen zwei friih starben. Ihrem zweiten Kinde und ersten Sohne gaben 
die Eltern den Vornamen des Vaters. Uber dem kraftigen SproBling lachte der 
helle Sonnenschein eines vorbildlich schonen Ehe- und Familienlebens, von 
dem die schwere Handearbeit des Mannes, das hauswirtschaftliche Verstandnis 
und der rastlose FleiB der Frau, die Geniigsamkeit und Sparsamkeit beider 
ernste Not fernzuhalten wuBten. Unter den warmen Strahlen gediehen des 
Knaben gesunder Korper und klarer Verstand, sowie die pfalzischen Natur- 
gaben geistiger Lebhaftigkeit und heiteren Gemiites. Was die Eltern und das 
Elternhaus, in dem christliche Sitte und lebenstatiger Katholizismus wohnten, 
dem Sohne in der Jugend geboten haben, ward von diesem nie vergessen. 
Seiner Dankbarkeit durfte er, in selbstandige Berufsstellung gelangt, dadurch 
freudigen Ausdruck verleihen, daB er den Vater und die Mutter bis zu ihrem 
Tode in seinem Hausstande vor den Sorgen des Alters schiitzte. 

Die vorziiglichen Geistesanlagen Franz B.s wurden in der Volksschule seiner 
Heimat sehr bald als hervorstechend erkannt. I^ehrer und Erzieher rieten zum 
Studium. Geistliche Gonner, die Ortskaplane Gumbinger und Stadtmiiller er- 
teilten nacheinander den Vorbereitungsunterricht zum Eintritt in das acht- 
klassige humanistische Gymnasium zu Speyer. Die Aufnahme in dieses erfolgte 
zugleich mit der in das bischofliche Konvikt im Herbste 1864. Nach glanzend 
bestandener Reifepriifung begann der Absolvent im Herbst 1869 das Fach- 
studium fiir den langst nach reiflicher Uberlegung frei und fest erwahlten 
Priesterberuf mit der Philosophic an dem damals noch bestehenden, um 
Ostern 1880 aufgehobenen koniglichen Lyzeum zu Speyer. Die nachsten zwei 
Jahre 1870 — 1872 gehorten dem Studium der katholischen Theologie an den 
Universitaten Innsbruck und Wiirzburg. In jener Zeit konnten die Theologie- 
kandidaten die zwei bis drei ersten akademischen Studienjahre noch auBerhalb 
eines Konviktes oder Seminars zubringen. B. beniitzte die gegebene Freiheit 
einmal, um neben den Beruf sstudien Einblick in andere Wissenschaf ten zu ge- 
winnen, das geistige Sehfeld zu erweitern und an freien Tagen die herrliche 
Natur in der Umgebung der Musenstadte, Land und Leute auf Wanderungen 
kennen zu lernen, dann zum AnschluB an Studentenkorporationen und zu 
regster Tatigkeit in denselben wie fiir sie. Es war mehr denn ein gesellschaft- 
licher Akt, es war die glaubensmutige Ubernahme eines katholischen und 
deutschen Lebensprogrammes der Tat als der j unge Akademiker in Tirols Haupt- 
stadt zu Beginn des Winterhalbjahres 1870 in die unterm 9. Juni 1864 ge- 
griindete katholische deutsche Studentenverbindung Austria eintrat und ein 
Jahr danach in der Musenstadt am Main sich an der Stiftung der gleich- 
gearteten Verbindung Markomannia maBgebend beteiligte und deren Grund- 
satzen Religion, Wissenschaft und Freundschaft mit dem Wahlspruch »Furcht- 
los und treu!« fiir das Leben sich verpflichtete. Den beiden Verbindungen und 
dem sich stetig weitenden Verbande des »C.V.« (Cartellverband der katho- 
lischen deutschen Studentenverbindungen) in alien Landern deutscher Zunge, 



28 1917 

die Jahrzehnte hindurch einen harten Kampf um ihr Dasein gegen nicht wenige 
erbitterte Gegner zu fiihren hatten, blieb er mit tatigem Interesse treu bis zum 
Tode. Franz B. machte sich den Gedanken der katholischen Universitats- 
studentenverbindung schon in einer Zeit zu eigen, in der weite katholische 
Laien- und Geistlichenkreise noch kein Verstandnis fiir ihre Bedeutung ge- 
wonnen hatten. Sein klares Auge sah scharfer in die Gegen wart und Zukunft. 
Sein starker Wille entschied sich fiir die Politik der Tat. Die Folgezeit gab ihm 
recht. An der kirchlichen und offentlichen katholischen Erneuerung in den 
deutschsprachigen Landern haben die katholischen Studentenverbande einen 
nicht geringen Anteil. Als Priester, Erzbischof und Kardinal f reute er sich dessen 
gehobenen Herzens und hiefl jede neu erstehende Vereinigung willkommen, 
die sich auf die sittlich-religiose Grundlage seiner Verbindungen stellte. Ihn 
erfiillte und leitete die Idee der unerschrockenen auBeren Vertretung des inner- 
lich gefestigten iiberzeugungsvollen katholischen Glaubens- und Sittlichkeits- 
bewuBtseins. 

Die theologische Studienordnung rief den lebensfrohen, tiichtigen Hoch- 

schiiler im Oktober 1872 zur wissenschaftlich-praktischen Berufsausbildung 

als Alumnus in das bischofliche Klerikalseminar nach Speyer. Daselbst emp- 

fing er im Laufe von zehn Monaten die Tonsur, die niederen Weihen und am 

17. August 1873 im Kaiserdom die Priesterweihe. Oberhirtliche Anweisung 

fiihrte den Neupriester, voll von Seelsorgeridealen, am 30. Oktober darauf als 

Stadtkaplan nach Zweibriicken, als solchen dann am 12. April 1877 nach 

Kaiserslautern, als Hilfspriester am 16. September 1878 nach Reichenbach, als 

Pfarrverweser am 17. April 1879 nach Lambsheim. Hier wurde er am 19. August 

1879 Pfarrer und wirkte in diesem Amte bis ihm am 26. Juni 1888 die Pfarrei 

Roxheim ubertragen wurde. Konigliche Ernennung beforderte ihn am 21. Mai 

1895 zum Domkapitular in Speyer, woselbst ihm auch die Verwaltung der 

Dom- und Stadtpfarrei anvertraut wurde, am 24. Januar 1909 zum Domdekan 

ebenda und auf Grund des bayerischen Konkordates unterm 23. Mai 1909 zum 

Erzbischof von Munchen und Freising. Die papstliche Prakonisation erfolgte 

am 26. Juni 1909 durch Konsistorialdekret, die Bischofskonsekration und 

Inthronisation in der Metropolitankirche zu Unserer Iyieben Frau in Munchen 

am 15. August 1909, kurz danach die Bekleidung mit dem Pallium. EinigeZeit 

vorher hatte dem ernannten Erzbischofe die theologische Fakultat Munchen 

den Doktortitel verliehen. Mit der Besitzergreifung des erzbischoflichen Amtes 

war nach der bayerischen Verfassung vom 26. Mai 18 18 der Eintritt in die 

Kammer der Reichsrate und das Recht auf den Anredetitel Exzellenz verbun- 

den. Die konigliche Erteilung des Verdienstordens der bayerischen Krone gab 

nach der Verfassungsurkunde den personlichen Adel mit dem Pradikate »von«. 

Papst Pius X. kreierte den Erzbischof Dr. Franz v. B. im geheimen Konsisto- 

rium vom 25. Mai 1914 zum Kardinalpriester der heiligen romischen Kirche 

mit dem Titel S. Marcelli von Rom, iiberreichte ihm am 28. Mai im offentlichen 

Konsistorium den Kardinalshut und wies ihn den Kongregationen der Sakra- 

mente und Riten zu. Nach dem Tode des Papstes Pius X. zog Kardinal B. am 

31. August 1914 in das Konklave im Vatikan ein und nahm an der Papstwahl 

teil, aus der am 3. September Kardinal Jakobus della Chiesa als Benedikt XV. 

hervorging. Verschiedentlich trat in der Presse des In- und Auslandes die Be- 

hauptung auf, die Wahl dieses vortrefflichen, der schweren Kriegszeitlage als 



Bettinger 29 

gewachsen bewahrten Tragers der Tiara verdanke die katholische Welt dem 
Miinchener Kardinal, der im Konklave zuerst auf ihn hingewiesen habe und 
mit Eifer und Geschick fur seine Erhebung eingetreten sei. B. sprach nie ein 
Wort hieriiber. Das Siegel seines Mundes und sein Wahleid blieben stets un- 
verletzt. Einer spateren Geschichtschreibung mag es vorbehalten sein, aus 
Geheimakten die Wahrheit zu offenbaren. Etwas ist aber an der Behauptung 
zutreffend und erklart vielleicht ihre Entstehung, das namlich, daB der diplo- 
matische Akt bei der nieht unschwierigen Papstwahl dem Wesen Kardinal B.s 
nicht fremd gewesen ware. Bewies doch der Mann von Jugend auf einen auBer- 
ordentlich scharfen Wirklichkeitssinn und piaktischen Blick fiir alles, was die 
schwebende Stunde heischte. Das unverriickbare EbenmaB seines rasch auf- 
fassenden und tief schurfenden Verstandes, wie seines zielbewuBten, zah, aber 
unauff allig und nie verletzend schaffenden Willens brachte ihm bis zum letzten 
Augenblicke des nahezu 67Jahrigen Lebens den reichsten Berufserfolg ein, er- 
wirkte die auf richtige Hochachtung aller Stande und Gesellschaftsklassen ohne 
Unterschied der Konfession und Weltauffassung vor seiner Wiirde und Person, 
sicherte ihm die vertrauensvolle Hingebung und Verehrung von Klerus und 
Volk und befestigte die treue Freundschaft von Nahestehenden, Studien- 
genossen und Amtsbriidern. Der Zauber und das Geheimnis der Kraft seiner 
Personlichkeit hatten ihren psychologischen Grund. B.s groBe Seele ankerte 
in einem unerschiitterlichen, mannlich starken, jeder Gefahr und Versuchung 
trotzenden Glauben an Gott und Kirche, in einer ererbten bodenstandigen, 
echten, kindlichen Frommigkeit und einer streng gepflegten, niemals irgendwie 
getriibten Sittlichkeit. All das verlieh seinem Leben und Wirken eine anziehende 
und eindrucksvolle Ruhe und Sicherheit. Unterstiitzt wurde die Wirkung seines 
festen Charakters durch eine hohe und breite Korpergestalt, deren schones 
GleichmaB und elastischer Schwung die Harmonie der inneren Krafte wider- 
spiegelte. Die hohe Stirne, vollen Ziige und lebhaften schwarzen Augen offen- 
barten Milde und Wiirde, urwiichsige Geradheit und Ehrlichkeit, Kraft und 
Giite und lieBen eine naturliche, hinter vornehmer Zuriickhaltung und Selbst- 
beherrschung durchbrechende Lebensheiterkeit als Grundstimmung erkennen. 
Frohliche sah er gern und liebte freundliche Erholungsplauderei am Abend 
nach getaner Arbeit. Unmittelbarer, ungezwungener Verkehr war ihm Bediirf- 
nis. Aus ihm schopfte er tiefe Menschenkenntnis und gewann griindlichen Ein- 
blick in die jeweiligen Verhaltnisse und verlassiges Urteil iiber das zu tun Not- 
wendige oder Vorteilhafte. Die Tiire des Dorf- und Dompfarrhauses stand jedem 
Rat- und Hilfsbediirftigen offen und durch das Portal des erzbischoflichen 
Palastes flutete ein groBer Verkehr. Als Kirchenfiirst freute sich B. auf die all- 
jahrlichen Firmungs-, Visitations- und anderen Dienstreisen in seinem Sprengel, 
weil er Klerus, Volk und Land genauer kennenlernen und mit seinem feinen 
Natursinn die landschaftlichen Schonheiten genieBen wollte. Im Verkehr mit 
dem Volke fuhlte er sich gliicklich und den Armen spendete er materiell fast 
iiber seine Mittel. Er war ein Volksbischof im besten Sinne des Wortes. Nur 
Boswillige konnten dem Wahn verf alien, dieser Eigenschaft eine politisch an- 
nichige Bedeutung unterzuschieben. Seinem Konig und Land, Kaiser und 
Reich wahrte er stets unentwegte ehrliche Treue. Im Leben und nach dem Tode 
ward ihm hieriiber das beste autoritative und authentische Zeugnis ausgestellt. 
Was er in der Zeit des Volkerkrieges fiir das Vaterland im Felde und in der 



30 1917 

Heimat geleistet, laBt in einem kleinen Ausschnitt der Lichtkegel schauen, den 
das Biichlein »Im Purpur bei den Feldgrauen« von M. Buchberger (5. — 7. Aufl. 
Kosel, Kempten-Miinchen 1917) gibt. 

Man nannte B. oft ein »Verwaltungsgenie« und » seine Laufbahn die des 
reinen Praktikers«. Zweifellos war er stark auf dem gemeinten Gebiete und hat 
Bedeutendes geleistet. Ein Mann der Tat, voll Kraft und Leben, nicht trockener 
Btichergelehrsamkeit bei allem Interesse f iir Iyiteratur, Wissenschaft und Kunst 
— wissenschaftlich-literarisch trat er niemals hervor — setzte sich sein Talent 
in der Welt von selbst durch, anspruchslos wirkend, gewissenhaft die zuge- 
wiesene Pflicht erfiillend und zuf rieden mit dem auferlegten Amte, ohne eigene 
Bemiihung und Bewerbung emporgetragen aus der Handwerkerhiitte in den 
hochsten Rat der Weltkirche. In den von ihm geleiteten Landpfarreien be- 
standen Ordnung und gute Sitten, herrschten streng katholischer Geist und 
friedliches Zusammenleben mit Andersglaubigen. Seine Fachkenntnisse und 
Erfahrungen im Volksschulwesen veranlaBten die Staatsbehorden, ihn zum 
Distriktsschulinspektor zu ernennen, als welcher er sich sehr verdient machte. 
In Speyer weckte der Dompfarrer reges Leben in der Pfarrgemeinde, gab dem 
Vereinsleben machtigen Antrieb, beforderte den inzwischen verwirklichten Ge- 
danken einer zweiten Stadtpfarrei und den Bau der St. Josephskirche und 
griindete unter geschickter Uberwindung mancher Widerstande das Kranken- 
haus St. Vinzentiusstift. Im Domkapitel war er gleichzeitig als Schulreferent 
und Offizial tatig. Miinchen verdankt dem Kardinal und Erzbischof den Aus- 
bau der Seelsorge in der rasch emporgewachsenen Haupt- und Residenzstadt, 
mit deren Entwicklung die kirchlichen Einrichtungen nicht Schritt gehalten 
hatten, die Anregung zur Hebung der Not an Kirchen in der Peripherie, die Er- 
richtung neuer Pf arreien und Expositurbezirke mit entsprechenden Seelsorger- 
stellen, die Schaffung der Gesamtkirchengemeinde, die Erweiterung und Be- 
seelung des katholischen Vereinslebens, die Belebung und Bekraftigung des 
nach innen und aufien tatigen Katholizismus. Nichts weniger als eine Kampf- 
natur, vielmehr friedlich und versohnlich in seinem ganzen Wesen bevorzugte 
er in seinem Wirken das freie Wort und offene Bekenntnis, besafi Mut und 
Kraft, mit ritterlichen Waffen auf den Plan zu treten, wenn es gait, die hei- 
ligsten Giiter gegen frevle Angriffe zu verteidigen. Mit apostolischer Uner- 
schrockenheit trat er in seinem ersten Hirtenbrief am 17. August 1909 dem 
Unglauben entgegen, wandte sich im Sendschreiben vom 28. Oktober gleichen 
Jahres gegen die Angriffe auf die Religion, die Kirche und das Papsttum, nahm 
in der groCen Protestversammlung der Munchener Katholiken das Wort gegen 
die kirchenfeindliche Presse und hielt als Reichsrat eindrucksvolle Reden im 
bayerischen Standehaus, so am 30. Mai 19 12 zur Frage der Aufhebung des 
Jesuitengesetzes vom 4. Juli 1872. 

Kardinal B. war ein geborener Fiihrer. GroBe Strategen sind Schweiger und 
gute Taktik entquillt ruhiger Uberlegung. Diese Fiihrereigenschaften waren 
ihm eigen und trugen manch schonen Erfolg ein. Er, der von den Jugend- 
studien an die Rede und das Wort meisterte, einen gewandten fesselnden Stil 
schrieb, frei von Phrasen und Wortgedrechsel in kernigen Satzen der Wahrheit 
und dem Rechte Ausdruck verlieh, konnte schweigen wie das Grab, wenn es 
sich um neue Plane handelte, wuBte zu dirigieren, ohne von anderen am Diri- 
gentenpult gesehen zu werden, verstand ohne Laut und Larm zu organisieren 



Bettinger. Bezzel 3 1 

und umzugruppieren, die richtigen Unterfiihrer auszusuchen und an die rechten 
Platze zu stellen. Man sah ihn nicht, man fiihlte ihn aber. 

Gro.Be Menschen sterben in den Sielen. Am Donnerstag nach Ostern, 12. April 
1917, wurde er durch einen Schlaganfall aus seinem segensreichen Arbeitsfelde 
jah herausgerissen imd von der Hohe beruflicher Leistungskraft abgerufen. 

Zwei Kunstschopfungen des Miinchener akademischen Bildhauers August 
Weckbecker, eine plastische Biiste, aufgestellt im Historischen Museum der 
Stadt Miinchen, und ein Standbild, aus rotem Untersberger Marmor gehauen, 
den Kardinal in der Amtsgewandung mit dem roten Hute wiedergebend, am 
Eckpfeiler der rechten Chorseite der Frauenkirche angebracht, erhalten die Er- 
innerung an das korperliche Bild und den groBen Geist des Verewigten. 

Literatur: Kardinal Dr. v. B.s jahrliche Hirtenbriefe (Amtsblatt fur die Erzdiozese 
Miinchen und Freising 1909— 1917). — Lebensskizzen: Trauerrede von Domdekan 
Sebastian Huber (Amtsblatt Beilage 2 vom 25. April 191 7). — August Knecht, Kardinal 
v. B. zum verehrungsvoll treuen Gedachtnis (Akademia, Berlin, Germania 191 7, Nr. 59 
bis 64). — M. Buchberger, Im Purpur bei den Feldgrauen. Kempten-Miinchen 191 7. — 
Heimgang Sr. Em. des hochwiirdigen Herrn Kardinals und Erzbischofs Franziskus v. B. 
(Schematismus der Geistlichkeit des Erzbistums Miinchen und Freising fiir das Jahr 1918, 
S. 279 — 286). — Konrad Graf von Preysing, Kardinal Bettinger, nach personlichen 
Erinneningen. Regensbuxg 1918. 

Miinchen. August Knecht. 

Bezzel, Hermann, Ritter v., Prasident des kgl. prot. Oberkonsistoriums in 
Miinchen, * am 18. Mai 1861 in Wald bei Gunzenhausen, f am 8. Juni 1917 in 
Miinchen. — Einem alten Pfarrgeschlechte entstammend, in dem die Reihe 
der Trager des geistl. Amtes seit dem Jahr 1681 nie unterbrochen war, erblickte 
Hermann B., der Erstgeborene unter 12 Geschwistern, das Licht der Welt zu 
Wald, einem Pfarrdorf im Altmuhltal bei Gunzenhausen in Bayern, als Sohn 
des dortigen Pfarrers Georg Ludwig B. und seiner Ehefrau Emma, geb. Frauen- 
knecht, Stadtschreiberstochter von Gunzenhausen. Unter der eisernen Zucht 
des gestrengen Vaters, von dem er nicht bloB die hohe Statur, sondern auch den 
scharfen Verstand und das phanomenale Gedachtnis geerbt hatte, unter der 
freundlichen Obhut der frommen, feingebildeten Mutter, der er sein tiefes Ge- 
miit und mitfiihlendes Herz zu verdanken hatte, wuchs er heran. Schon in 
seiner Kinderzeit trat an ihm ein auflergewohnlicher Ernst zutage, den seine 
Geschwister in manchem Wort scharfer Zurechtweisung zu fiihlen bekamen. 
Im Jahre 1872 bezog er das humanistische Gymnasium zu Ansbach, wo ihm 
besonders die ersten Jahre viel Kummer und Herzeleid brachten. Das Abso- 
lutorium (1879) aDer bestand er als einer der Besten, in manchen Fachern als 
der Beste, schwach nur in der Mathematik, fiir die er wenig begabt gewesen zu 
sein scheint. In seine Gymnasialzeit fiel ein bedeutungsvoller Wendepunkt fiir 
seine innere Entwicklung infolge des friihen Todes der geliebten Mutter. 

Seine Universitatsjahre von 1879 — 1883 verbrachte B. nur in Erlangen, wo 
er, dem Wunsche des Vaters und seiner eigenen Neigung f olgend, Philologie und 
Theologie studierte. Als Mitglied der Burschenschaft Bubenruthia, der er sein 
ganzes Leben hindurch die Treue hielt, verstand er es, die pflichtmafiige Teil- 
nahme an den studentischen Zusammenkiinften und Festlichkeiten reibungslos 
zu verbinden mit regelmaCigem Kollegienbesuch. Fiir studentische Ausge- 



32 1917 

lassenheit hatte er keinen Sinn, wohl aber fur Humor und Satire. Bei seinen 
Bundesbriidern durfte er sich wegen seines wiirdevollen Auftretens, seines be- 
stimmten oft auch scharfen Urteils und seines energischen, zielbewuBten Han- 
delns allgemeiner Hochachtung erfreuen, wenn er auch nicht von alien geliebt 
wurde. Unter seinen akademischen Lehrern waren es vor allem die Philologen 
Iwan Muller und August Luchs, die Theologen Hof mann, den er allerdings nicht 
mehr personlich gehort, sondern nur studiert hat, Frank, Zezschwitz, Zahn und 
Hauck, deren er Zeit seines Lebens in dankbarster Verehrung gedachte. Schon 
nach drei Jahren (1882) unterzog er sich mit recht gutem Erfolg dem ersten 
philologischen Examen, wahrend er das erste theologische Examen erst im 
Jahre 1884 ablegte. Nach seinem Abgang von der Universitat Erlangen folgten 
nun die Jahre seiner beruflichen Wirksamkeit, die ihn immer mehr in die breite 
Offentlichkeit stellte und seinen Namen weithin bekannt machten. 

Drei Lebensabschnitte sind es, die wir hier ins Auge zu f assen haben : 1 . S e i n e 
Regensburger Zeit (1883 — 1891). Herbst 1883 wurde er zum Assistenten 
an dem alten Gymnasium in Regensburg ernannt, wo ihn der streng katholische 
Rektor Seitz, der bis zu seinem Tode mit ihm im brieflichen Verkehr stand, 
hochschatzen lernte, seine Schiiler mit ehrfurchtiger Bewunderung zu dem 
kenntnisreichen Lehrer und energischen Erzieher, der nicht nur an sie, sondern 
auch an sich selbst hochste Anforderungen stellte, emporblickten. September 
1884 wurde ihm vom VerwaltungsausschuB des protstantischen Alumneums 
die erledigte Inspektorstelle iibertragen, die ihm Gelegenheit bot, diese etwas 
heruntergekommene und in Verruf geratene Anstalt wieder zu heben und nach 
seinen Erziehungsgrundsatzen umzugestalten. Strenge Zucht iibend, die aber 
keineswegs in engherzigen Rigorismus ausartete, sondern sich auch offen hielt 
fiir jugendliche Frohlichkeit, wuBte er seine Zoglinge anzuregen fiir die pflicht- 
maBigen Arbeiten in der Schule und dariiber hinaus auch noch fiir eigene 
Studien. Ein neues Wirkungsfeld fiir religiose Beeinflussung tat sich ihm auf , 
als er zur Erteilung des protestantischen Religionsunterrichts am neuen Gym- 
nasium berufen wurde. Trotz dieses dreifachen Amtes brachte er in Regensburg 
auch noch die Zeit und Kraft auf, sich den phil. Doktorgrad zu erwerben mit 
einer Dissertation iiber ?>Conjecturae Diodoreaea, mit Predigten auszuhelfen 
auch in der Diaspora und im Jahre 1890 seine theologische Anstellungspriifung 
zu machen, bei der er durch seine in der St. Johanniskirche in Ansbach ge- 
haltene Examenspredigt auffiel. 

2. Seine Neuendettelsauer Zeit (1891 — 1909). Schon wahrend seiner 
Regensburger Zeit war Neuendettelsau, die Griindung Lohes, in seinen Ge- 
sichtskreis getreten, durch den Verkehr mit hier stationierten Diakonissen und 
durch etliche Besuche, die er den dortigen Anstalten abstattete, so in den 
Herbstferien 1888, wo Neuendettelsaus Gottesdienste mit den reichen Schatzen 
altkirchlicher und altlutherischer Tradition einen tiefen Eindruck auf ihn 
machten. Diese, wenn auch noch ganz losen Beziehungen waren der AnlaB, 
dafl er am 18. August 1891 nach dem Tode Meyers, Lohes unmittelbaren Nach- 
folgers, zum Rektor der dortigen Diakonissenanstalt gewahlt wurde. Erst in 
dieser Stellung konnten sich nun seine reichen Gaben und Fahigkeiten in vollem 
MaBe entfalten und auswirken. Achtzehn Jahre hindurch hat er, ohne auch nur 
ein einziges Mai Ferien zu machen oder sich eine Erholungsreise zu gestatten, 
nach der Versicherung seines Nachfolgers D. W. Eichhorn, die Arbeit von zwei 



Bezzel 



33 



vollauf beschaftigten Mannern geleistet, und das nicht in auBerlicher Viel- 
geschaftigkeit, sondern aus innerster religioser Willenshingabe. Neben den 
eigentlichen Verwaltungsgeschaften erforderte viel Zeit und Kraft auch seine 
reichbemessene Predigttatigkeit und der wahrend der Vorbereitung auf die 
Konfirmation in weit iiber zwanzig Wochenstunden erteilte Unterricht. Dazu 
kamen die vielen Besuche von seiten der das Mutterhaus aufsuchenden 
Schwestern, die seelsorgerlichen Beratungen in gelegentlichen Aussprachen, fiir 
die er immer Zeit hatte und in der Einzelbeichte, die von Lohes Tagen her in 
Neuendettelsau fleiBig begehrt wird. Auch die Beitrage in dem von ihm re- 
digierten, alle Monate erscheinenden Korrespondenzblatt fiir Diakonissen ent- 
stammen fast alle seiner eigenen Feder. In seinen, theologischen Vorlesungen 
gleichenden Einsegnungsunterrichten stellte er an seine Horerinnen nicht geringe 
Anforderungen, wie das ganz besonders sein im Jahre 192 1 auch ira Druck er- 
schienener Einsegnungsunterricht, »Der Knecht Gottes« beweist, dem auch fiir 
die Geschichte der Theologie eine bleibende Bedeutung zukommen wird, da 
hier B.s theologischer Lieblingsgedanke, der Gedanke der gottlichen Kondeszen- 
denz, besonders deutlich in die Augen fallt. Das auBere Wachstum des Neuen- 
dettelsauer Werkes forderte er durch mancherlei Erweiterungen und verschie- 
dene Neugriindungen (Bruckberg, Himmelkron, Obernzenn). Besonders am 
Herzen lag ihm auch die Ausgestaltung des Schulwesens, das er im innern Be- 
trieb mit den staatlichen Forderungen in Einklang zu bringen suchte, nach 
auBen durch die Griindung einer hoheren Madchenschule in Niirnberg (1901), 
die immer mehr vergroBert werden muBte, des Lehrerinnenseminars und der 
kleineren Seminare fiir Handarbeit in Himmelkron und fiir Kindergartnerinnen 
in Neuendettelsau ausbaute. Daneben diente er auch schon damals in der Nahe 
und Feme auch noch mit Predigten und Vortragen, fiir die er eine sonderliche 
Begabung hatte, und verfaBte auch noch manche Betrachtungen und manche 
Artikel fiir allerlei Zeitschriften, besonders fiir den »AltenGlauben«, aberauch 
fiir die »Allgemeine evang.-luther. Kirchenzeitung«. Auch das Verdienst darf 
ihm, den am 10. November 1904 auch die Erlanger theol. Fakultat durch die 
Verleihung des Dr. theol. geehrt hatte, zugeschrieben werden, daB unter seiner 
Leitung die Spannungen zwischen Neuendettelsau und der Landeskirche, die 
da und dort noch hervortreten mochten, vollig ausgeglichen wurden. 

3. Seine Miinchener Zeit (1909 — 1917). Nach dem Tode Dr. Alexander 
Schneiders wurde B. durch den bayerischen Kultusminister v. Wehner als der 
Mann, der in den verschiedensten Teilen der bayerischen Landeskirche treff- 
lich Bescheid wuBte, dem man weithin auch aus den Kreisen der Pf arrer groBes 
Vertrauen entgegenbrachte, am 6. Juli 1909 zum Prasidenten des kgl. Ober- 
konsistoriums ernannt und damit vom 1. August an an die Spitze der baye- 
rischen evangelisch-lutherischen Landeskirche gestellt; er wurde schon 1910 
zum Ritter des Verdienstordens der bayerischen Krone und damit in den per- 
sonlichen Adelsstand erhoben und erhielt 1912 den Titel Exzellenz. Wohl wurde 
ihm, der nicht gewohnt war, Aktenstaub zu schlucken, sondern mit lebendigen 
Menschen, vor allem solchen jugendlichen Alters, umzugehen, das Eingewohnen 
in den neuen Verhaltnissen, das Zusammenarbeiten mit seinen neuen Amts- 
genossen im Rahmen eines Kollegiums, »wo seine Stimme nicht mehr wog als 
die eines jeden Kollegialmitglieds «, nicht leicht, so daB sich sogar eine schwere 
Gemutsdepression einstellte; bald aber wuBte er seine Eigenart und die ihm 

DBJ 3 



34 l w 

verliehene Gabe nicht bureaukratisch, sondern personlich zu regieren, auch in 
der neuen Stellung nach Moglichkeit durchzusetzen. Von der Mehrzahl der 
Kirchenglieder, aber auch von vielen Geistlichen, wenn auch nicht von alien, 
wurde gerade dieser personliche seelsorgerliche bald ernst mahnende, bald 
freundlich aufmunternde Ton aufs freudigste begriiBt. Auch bei den beiden 
Generalsynoden, denen er zu prasidieren hatte, der Synode zu Ansbach 1909 
gleich nach seinem Amtsantritt und der zu Bayreuth 1913, war es nicht so sehr 
die kundige und gewandte Geschaftsfuhrung, durch die er sich auszeichnete, 
sondern der aus der Furcht Gottes geborene Ernst, mit dem er die Verhand- 
lungen leitete. Fast noch mehr Anerkennung aber als in seiner Heimatkirche 
wurde ihm zuteil in der deutsch-evangelischen Kirchenkonferenz, wo er nach 
dem tiefen Eindruck seiner gewaltigen Eroffnungspredigt am 6. Juni 1912 in 
der Kapelle der Wartburg zum 1. Vorsitzenden gewahlt wurde, und im Kirchen- 
ausschuB, wo ihm die Stelle des 2. Vorsitzenden iibertragen wurde. Durch seine 
SchluBpredigt in Upsala aber auf der XIII. allgemeinen evangelisch-luthe- 
rischen Konferenz (191 1) durfte er auch dazu mithelfen, das Zusammenge- 
horigkeitsgefiihl der lutherischen Kirche der ganzen Welt zu starken. Auch 
jetzt, noch mehr als in Neuendettelsau, ubernahm er zu seiner eigentlichen 
Amtstatigkeit, die auch in dieser Stellung niemals unter bloB kirchenpolitischen, 
sondern stets unter hochsten letzten Gesichtspunkten ausgeiibt wurde, viel 
freiwillige Arbeit. Von tiberallher wurde er zu Festpredigten begehrt und zu 
Vortragen aufgef ordert ; noch mehr : er erbot sich auch selbst etwa einem ihm 
bekannten Pfarrer in einer kleinen Dorfgemeinde zur Aushilfe mit einer Predigt. 
In Miinchen iibte er neben seinen beruflichen Pflichten eine iiberreiche seel- 
sorgerliche Tatigkeit aus und pflegte auch sehr oft zu predigen besonders in 
der Kriegszeit. Dazu kam noch seine schriftstellerische Tatigkeit: in der 
»Neuen kirchl. Zeitschrift« erschienen Jahr fiir Jahr seine bedeutsamen 
Neujahrsartikel, in der »Allgem. ev.-luth. Kirchenzeitung* seine tiefernsten 
Betrachtungen zur Einfuhrung in die Passionszeit und noch manche andere 
Beitrage. Im Jahre 1916 beschenkte er seine Pfarrer mit seinem Vademecum 
pastorale »Der Dienst des Pfarrers«, dem er als Anhang Betrachtungen iiber 
das Hohepriesterliche Gebet Johs. 17 beigegeben hatte, ein Kapitel, das ihm 
besonders teuer war. Kein Wunder, daB unter dieser Arbeitslast und bei 
solchem Arbeitstempo seine schon in Neuendettelsau iiberanstrengten Krafte 
vor der Zeit verbraucht wurden. Schon im Jahre 1913 hatte seine Gesundheit 
einen schweren StoB erlitten durch einen Gelenkrheumatismus, der eine Herz- 
schwache zuriicklieB und ihn gegen seine bisherige Gewohnheit notigte, auch 
einen zweimaligen langeren Urlaub zu nehmen. Vollig gebrochen aber wurden 
seine Krafte durch seine beiden Berufsreisen an die Front Marz und August 
1 916, wo er in standigem raschesten Ortswechsel mit immer neuen Ansprachen 
und Predigten und fortwahrenden Besuchen bei den verschiedensten Truppen- 
teilen und in alien irgendwie erreichbaren Lazaretten fast ITbermenschliches 
leistete. Mit verfallener Gestalt kehrte der sonst so kraftige Mann zuriick, sich 
noch immer mit auBerster Anstrengung dazu auf raff end, die gewohnte Tatig- 
keit fortzusetzen. Am 21. Januar 191 7 leitete er nochmals eine Sitzung seines 
Kollegiums. Nun aber kamen fiir ihn Monate schwerer Krankheit, die dem 
Manne rastloser Tatigkeit, der sich nie Ruhe gegonnt hatte, dem Christen froher 
Ewigkeitshoffnung, der so siegesgewiB von der Welt der Vollendung hatte 



Bezzel. Bissing 35 

reden konnen, auch noch Stunden hoher geistlicher Anfechtung brachten, wo 
das eigene Glaubenslicht fast verloschen wollte. Am 8. Juni 1917 ging er, »tiber 
dessen Wesen schon hienieden eine feierliche Weltentnommenheit lag«, heim. 
Seine letzte Ruhestatte aber hatte er sich selbst ausersehen in dem gleichen 
Dorfe, in welchem er geboren war, an der Seite seines Vaters. Hier wurde er, 
der immer den einzelnen gesucht hatte, der sich so gerne gerade zu den Niedrigen 
und Geringen herabgelassen hatte und die schlichten einf achen Leute, besonders 
auch die Bauern viel mehr liebte als die Hohen und Vomehmen, betrauert und 
geehrt wie ein Ftirst, mit einer Predigt seines Bruders Ernst, des dortigen 
Pfarrers iiber Johs. 7,38 begraben. 

Literatur: 1. »Gedenket an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben*. 
Zur Erinnerung an D. Dr. Hermann v. B.; herausgegeben von Pfarrer Dr. Hilmar Schau- 
dig, 191 7, im Verlage des Evangelischen Gemeindeblattes Miinchen, in dritter, etwas 
erweiterter Auflage erschienen 1925 in der Verlagsbuchhandlung Miiller & Frohlich, 
Miinchen unter dem neuen Titel »Lebensbild des verstorbenen Oberkonsistorialprasidenten 
D. Dr. Hermann v. B.«. — 2. »Zum Gedachtnis Hermann v. B.s.« Gesammelte Aufsatze, 
Leipzig 1917. — 3. ♦ Hermann v. B.s religids-sittliches Ideal. « Von Lie. Johannes Rupp- 
recht, Pfarrer in Wunsiedel, Niirnberg 1920. — 4. ^Hermann v. B., ein Seelsorger von 
Gottes Gnaden.« Von Studienrat Lie. J oh. Rupprecht, Halle 1925. — 5. » Hermann B. als 
Theologe* (436 S.). Von Lie. Johannes Rupprecht, Miinchen 1925. Dieses Buch enthalt 
im Anhang eine Bibliographie samtlicher im Druck erschienenen Schriften B.s, auch 
seiner Artikel in Zeitschriften und seiner nachgelassenen Werke. — NachlaB: B.s schrift- 
licher NachlaB befindet sich in den Hand en seines Bruders, des Oberst Oskar B. in 
Miinchen, Kurfurstenstrafie 18/IV, und seines Neffen, Studienrat Otto B., Augsburg, 
Eserwallstrafle 17/0. 

Augsburg. Johannes Rupprecht. 

Bissing, MoritzFreiherrv., Generaloberst und Generalgouverneur inBelgien, 
* am 30. Januar 1844 in Bellmannsdorf in Schlesien, Kreis Lauban, f am 
18. April 1917 in Trois Fontaines (Gemeinde Vilvoorde) bei Briissel. — In 
der durch Familienerinnerungen vorgezeichneten und von Kindheit an er- 
sehnten Laufbahn als Soldat bis zu den hochsten Stellen emporgeschritten, 
dabei lange Jahre in nachster Nahe des Herrscherhauses, hat B. iiber seine 
militarische Wirkung hinaus seine reichen Gaben auch im innerpolitischen 
Leben als Mitglied des Herrenhauses, besonders auf dem sozialen Gebiete der 
Jugend- und Wohlfahrtspflege, entfalten konnen, bis ihn in hohem Alter das 
Geschick zu einer staatsmannischen Aufgabe berief und ihn damit weit iiber 
die Grenzen seines bisherigen Berufs- und Wirkungskreises und zugleich iiber 
die seines von ihm heiB geliebten Vaterlandes hinaus zu weltgeschichtlicher 
Bedeutung emporhob. Sein an Ereignissen und Taten reiches Leben zeigt 
eine scharf ausgepragte Personlichkeit, deren hauptsachlichste Wesensziige 
sich bereits in fruher Jugend gebildet haben. 

B. entstammte einem Geschlecht des sachsischen Uradels, das reich an mili- 
tarischen Erinnerungen war und seit langem verschiedentlich in preuBischen 
Diensten gestanden hatte. Sein UrgroCvater Friedrich Leopold (1723 — 1790) 
war Major im preuflischen Leib-Kurassierregiment gewesen, und sein Groi3- 
vater Hans August hatte zur Zeit der Befreiungskriege das Landwehr- 
Kavallerie-Ulanenregiment v. Bissing gefuhrt und war als Oberst verab- 
schiedet worden. Die kavalleristische Neigung und Begabung hatte der Enkel 
von seinen Ahnen geerbt. Dazu kamen Beziehungen der Familie zu dem 



36 19 1 7 

Generalfeldmarschall Graf Neithardt v. Gneisenau, der der Vonnund seiner 
Mutter Dorothea, geb. Freiin v. Gall gewesen war und auf dessen Besitzung 
Erdmannsdorf in Schlesien sich seine Eltern kennengelernt hatten. Ein Lebens- 
bild Gneisenaus zu verfassen, war lange Zeit Verlangen und Hoffnung B.s, 
ist jedoch wegen der sich immer mehr steigernden dienstlichen Aufgaben nicht 
iiber geringe Anfange hinausgekommen. 

Als er als sechstes Kind seiner Eltern am 30. Januar 1844 geboren worden 
war, begann seine Mutter zu krankeln und starb wenige jahre spater, am 
19. Mai 1847, so daB der Knabe keine personlichen Erinnerungen an sie be- 
wahrte und sie nur durch die liebreichen Erzahlungen seines Vaters Moritz 
fortlebte, der preuflischer Kammerherr und Rittergutsbesitzer auf Bellmanns- 
dorf war. Zwischen Vater und Sohn herrschte ein herzliches Verhaltnis, und 
mit seiner jiingsten Schwester Wally, die zugleich seine Spiel- und Schul- 
gefahrtin wurde, verband den Knaben eine innige Liebe. Dieses Verhaltnis 
zu seinem Vater und zu seiner Schwester wurde noch enger, als sein Vater im 
Jahre 1849 zum zweiten Male heiratete. Die neue Mutter, eine geborene Freiin 
v. Kloch und Kornitz, die von ihrer Jugendzeit her dem Weimarer Kreise 
nahestand, kam dem leidenschaftlichen und lebendigen Knaben freundlich 
und liebevoll entgegen; bald jedoch nahm die Sorge um ihre eigenen Kinder sie 
mehr in Anspruch, und so lief die wohl zu hoch gespannte Erwartung des 
Knaben, der bisher die Mutterliebe entbehrt hatte, nach der er sich so sehnte, 
auf eine Enttauschung hinaus. Als er mit neun Jahren in die Pension desDirek- 
tors des Maria-Magdalenen-Gymnasiums in Breslau, Prof. Schonborn, gebracht 
werden sollte, damit der schwer zu bandigende Junge der strengen und ernsten 
Zucht einer f remden Hand anvertraut wiirde, rief er, obwohl ihm das Scheiden 
von seinem Vater, von seiner Schwester und von seinem geliebten Heimatdorfe 
fast unmoglich schien, trotzig aus: »Gott sei Dank, daI3 ich endhch diese Wei- 
berherrschaft los werdeU So war der Knabe schon fruhzeitig dazu gekommen, 
seine Gefuhle zu beherrschen und hinter einer festen, ja trotzigen Miene zu 
verbergen. Die Leidenschaftlichkeit, die den Knaben beseelte, hat auch noch 
den Greis durchlodert. Wenn der spatere Mann oftmals kantig und schartig 
erschien und mitunter ein barsches Wesen zur Schau trug, so mag dies oft nur 
ein Mittel gewesen sein, um die innere Running und Erregung zu verbergen. 

Noch zwei weitere Charaktereigentiimlichkeiten haben ihre Wurzeln in der 
Kindheit. Den ersten Unterricht erhielt B. von dem evangelischen Pf arrer Gustav 
Hancke in Bellmannsdorf , der ihn spater auch fur die Ritterakademie vorberei- 
tete. Dieser Ortsgeistliche hat auf den Knaben einen so nachhaltigen EinfluB 
ausgeiibt, da£ die tiefe Frommigkeit, die B. bis zu seinem Tode bewahrt hat, 
auf diesen ersten Seelsorger zuriickgeht. Es war eine Frommigkeit, die nichtsmit 
Fanatismus zu tun hatte, die vielmehr tief genug war, um spater auch die Be- 
durfnisse des katholischen Glaubens zu verstehen. In dieser Frommigkeit fand 
B. aber auch wahrend seines ganzen Lebens die Kraft fur die zahlreichen Auf- 
gaben, die das Leben ihm stellte, eine Frommigkeit, in der er sich auf das 
innigste mit seiner zweiten Gemahlin traf . 

Wie einesteils die Frommigkeit der tiefe Born fur seine Kraftentfaltung war, 
so war die andere Quelle sein hoher Pflichtbegriff , der sich schliefllich zu einem 
eisenharten Willen verdichtete. Mit 13 Jahren kam er 1857 auf die Ritter- 
akademie in Liegnitz, wo er neben einer vorzuglichen wissenschaftlichen 



Bissing 37 

Ausbildung auch in alien ritterlichen Kiinsten, wie Reiten, Fechten, Turnen, 
unterwiesen wurde. Drei Jahre spater wurde er an das Sterbebett des heiB- 
geliebten Vaters gerufen, der am 5. Februar i860 nach einem langen Leiden 
verschied. Die Mutter verkaufte das Gut Bellmannsdorf. So war der i6jahrige 
vollstandig verwaist und heimatlos geworden. Er war von jetzt ab ganz auf 
sich selbst gestellt, und der Ernst der Pflichterfullung, die dann zum hervor- 
ragendsten Zug seines Wesens geworden ist, hat sich in diesen Jahren aus- 
gebildet. 

Der igjahrige trat als irmerlich gefestigter Mensch nach gut bestandenem 
Examen am 1. Oktober 1863 b e * der *• Eskadron des 2. Schlesischen Dragoner- 
regiments Nr. 8 als Avantageur ein. Am 22. Mai 1865 wurde er Portepeefahnrich 
und bezog im Oktober desselben Jahres die Kriegsschule in NeiBe, wo er nach 
9 Monaten das Offiziersexamen bestand. Am 1. September 1865 zur 3- Es- 
kadron in Oels versetzt, wurde er am 11. November desselben Jahres Sekonde- 
leutnant mit einem Patent vom 11. Oktober 1865. ^ n dieser Zeit besuchte er 
als trefflicher Reiter von Oels aus oft die Giiter in Schlesien und war bei 
Jagden, Ballen und Abendgesellschaften gem gesehen. 

Im bald darauf folgenden Kriege gegen Osterreich lag er am 12. Juni 1866 
zum ersten Male auf Vorposten vor dem Feinde. Am 27. Juni wurde er als 
Ordonnanzof f izier zum General Steinmetz kommandiert. An diesem Tage erlebte 
er auf der Hohe von Wiskow bei Nachod sein erstes Gefecht, und als er den 
Ton der Trompete horte, der zur Attacke blies, und sein Regiment, das er 
auf Befehl des Generals Steinmetz herangeholt hatte, vorstiirmen sah, da war 
er, ohne seine Stellung als Ordonnanzoffizier zu beachten, mitten unter den 
Kiirassieren und Dragonern gegen den Feind. Er war der einzige iiberlebende 
Off izier seiner Eskadron, die nur noch 75 Mann zahlte, und mit der er selb- 
standig noch einen Erkundungsritt nach Skalitz unternahm. Als er sich am 
nachsten Tage bei dem als streng und unerbittlich geltenden General Steinmetz 
meldete und auf dessen Frage, ob er wisse, dafi er durch sein Verhalten am 
vergangenen Tage Arrest verdient hatte, bejahend antworten wollte, reichte 
dieser ihm die Hand mit den Worten: »Zwei gut mitgerittene Attacken machen 
groBe Vergehen gut, wieviel mehr das seinige, das ihm eigentlich SpaB gemacht 
hatte. « Diese GroBherzigkeit, die er damals selbst erfuhr, hat er spater auch 
geubt und als Vorgesetzter EntschluBfreudigkeit und ein richtiges selbstan- 
diges Handeln stets anerkannt. 

Im weiteren Verlaufe des Feldzuges von 1866 machte er die Gefechte bei 
Schweinsschadel und Gradlitz sowie die Schlacht bei Koniggratz mit. Bei 
Schweinsschadel fuhr ihm ein Granatstiick in den Rockarmel und zum EUbogen 
wieder hinaus, ohne ihn weiter zu verletzen. An dieser Stelle des Unterarmes 
setzte aber im Alter die Krankheit ein, die zu seinem Tode fuhrte. 

Die nachsten zwei Jahre verlebte er in Oels, wo er besonders mit dem Fiihrer 
seiner Schwadron, Rittmeister Otto Kaehler, befreundet wurde, der dann als 
Generalmajor 1882 nach der Tiirkei ging und 1885 als kaiserlich ottomanischer 
Generalleutnant und Generaladjutant des Sultans in Konstantinopel im Alter 
von 55 Jahren starb. Kaehler hat groBen EinfluB auf B. ausgeiibt. Er war 
neben dem Prinzen Friedrich Karl von PreuBen und dem General v. Schmidt 
der Hauptverfechter der Bestrebungen, der Reiterwaffe trotz der durch die 
gesteigerte Feuerwirkung der Infanterie und Artillerie veranderten Gefechts- 



38 1917 

verhaltnisse den friiher von ihr eingenommenen Rang und Platz wieder zu 
verschaffen. Er hat B. wertvolle Manuskripte iiber Reiterausbildung hinter- 
lassen, die jetzt im Reichsarchiv lagern. Kaehler ist es vor allem auch gewesen, 
der B. veranlaBte, sich zum Examen flir die Kriegsakademie vorzubereiten. 
Da diesem die Kriegswissenschaften ziemlich gelaufig waren, beschaftigte er 
sich mit Mathematik und Geschichte, die er schon auf der Schule gern ge- 
trieben hatte. Das Blut seiner aus Westdeutschland stammenden Mutter mag 
ihn wohl hierzu besonders angetrieben haben. Dabei blieb er aber der flotte 
Offizier, der auf den Gutern der Nachbarschaft stets gern gesehen war. 
Durch viele und lange Ritte erhielt er nicht nur seinen Korper kraftig, son- 
dern blieb auch stets in Verbindung mit den besten und angesehensten Fa- 
milien Schlesiens. Als Priifungsaufgabe fur das Aufnahmeexamen der Kriegs- 
akademie erhielt er das Thema : »Der Eintritt der europaischen Staaten in die 
Reihe der GroBmachte und das Ausscheiden derselben mit Angabe der Griinde 
fiir beides.« Im April 1868 bestand er das Examen und bezog, nachdem er 
vom 23. Mai bis 15. September noch ein selbstandiges Remontekommando 
nach OstpreuBen erhalten hatte, am 1. Oktober 1868 die Kriegsakademie, wo 
er bis zum 15. Juli 1870 blieb. Wahrend der Herbsttibungen des I. und II. Ar- 
meekorps 1869 war er als Ordonnanzoffizier dem Kronprinzen zugeteilt ge- 
wesen. 

Den Krieg von 1870/71 machte er als Adjutant beim Oberkommando der 
3. Armee mit und zeichnete sich als besonders guter Meldeoffizier aus; er 
nahm teil an den Gefechten und Schlachten von WeiBenburg, Worth, Beau- 
mont, Sedan, Orleans sowie an der Belagerung von Paris. Am 27. Juni 1871 
zum Regiment zuruckversetzt, ging er am 1. Oktober desselben Jahres zum 
Besuche des dritten Kursus auf die Kriegsakademie, wo er bis zum 31. Juli 
1872 blieb. Inzwischen war er am 14. Dezember 1871 zum Premierleutnant 
befordert worden. Am 22. August 1872 verheiratete er sich in Dresden mit 
Myrrha Wesendonck, der am 7. August 1852 in Zurich geborenen Tochter 
des Kaufmanns Wesendonck und seiner Gemahlin Mathilde, der Verehrerin 
und Freundin Richard Wagners. Die literarischen und kiinstlerischen Inter - 
essen des jungen Offiziers erhielten durch diese Verbindung neue Nahrung. 
Vom 1. Februar bis zum 30. September 1873 wurde er zur Dienstleistung 
beim 1. Garderegiment zu FuB in Potsdam kommandiert, wo ihm am 22. April 
sein Sohn Friedrich Wilhelm, der spatere Professor der Agyptologie, geboren 
wurde. Am 15. Januar 1874 wurde er mit einem Patent vom 16. November 
1871 in das 3. Badische Dragonerregiment Prinz Karl Nr. 22 nach Karlsruhe 
versetzt und am 1. Mai desselben Jahres auf ein Jahr zur Dienstleistung 
beim Groflen Generalstabe kommandiert. Seine Laufbahn entwickelte sich 
nun schnell als die eines fiir die hochsten Stellen vorgesehenen Militars. Nach- 
dem er einige Zeit wieder im Regiment Dienst getan hat, wird er am 1. Juni 
1875 unter Beforderung zum Hauptmann und Stellung d la suite des General- 
stabs der Armee in den GroBen Generalstab versetzt, vorlaufig im Neben- 
etat und vom 23. Januar 1876 ab in etatmaBiger Stellung. Am 27. Juni des- 
selben Jahres kommt er zum Generalstab des X. Armeekorps, wo er im 
Herbst 1879 an der Ubung der Kavalleriedivision teilnimmt. Nachdem er am 
18. September 1880 als Rittmeister eine Eskadron des Konigs-Husarenregi- 
ments (1. Rheinisches) Nr. 7 erhalten hatte, wird er am 7. April 1883 als Haupt- 



Bissing 39 

mann in den GroBen Generalstab zuriickversetzt, am 2. Juni desselben Jahres 
zum Major befordert und am 22. April des folgenden Jahres dem Generalstabe 
des III. Armeekorps zugeteilt, wo er im Juni 1885 die Kavallerieiibungsreise 
leitet. 

Im Jahre 1887 tritt B., der dem Herrscherhause schon verschiedentlich 
naher getreten war, in engste Verbindung zu dem spateren Kaiser Wilhelm II., 
indem er am 8. Marz unter Stellung a la suite des Generalstabs der Armee zum 
personlichen Adjutanten des Prinzen Wilhelm von PreuBen ernannt wird. 
Am 19. Juni 1888, drei Tage nach dem Regierungsantritt Wilhelms II., wird 
er unter Befdrderung zum Oberstleutnant diensttuender Fliigeladjutant, erhalt 
am 19. November desselben Jahres als Kommandeur die Leibgendarmerie 
und wird am 18. Februar 1889 unter Belassung in dem Verhaltnis eines Fliigel- 
adjutanten Kommandeur des Regiments der Gardedukorps und am 23. Mai 
des folgenden Jahres zum Oberst befordert. 

Inzwischen war seine Gemahlin am 20. Juli 1888 in Munchen verstorben. 
Zwei Jahre spater, am 15. Oktober 1890, verheiratete sich B. zum zweiten 
Male mit Alice Grafin von Konigsmarck, die am 24. Oktober 1867 in Kamnitz 
geboren war und dem altmarkischen Uradel entstammte. Ihrer Ehe entspros- 
sen drei Kinder. In seiner neuen Gemahlin f and B. nicht nur die liebende Gattin 
und sorgende Mutter der Kinder, sondern seine treueste Mitarbeiterin, welche 
nicht nur seine zahlreichen Briefe, Reden, Vortrage und Denkschriften nach 
seinem Diktat mit der Schreibmaschine niederschrieb, sondern auch den Inhalt 
mit ihm gemein3am bearbeitete, wie zahlreiche Verbesserungen von ihrer Hand 
neben der ihres Mannes in den Konzepten beweisen. 

Unter weiterer Belassung als Fliigeladjutant erhielt B. am 20. Mai 1893 die 

4. Kavalleriebrigade und wurde am 17. Marz des folgenden Jahres zum General- 
major befordert. Jetzt konnte er seine Auffassung uber die Bedeutung der 
Kavallerie nachdrucklich zur Geltung bringen und ihre Weiterentwicklung ent- 
scheidend beeinflussen. Im Juni 1894 leitete er die Kavallerieiibungsreise des 
Gardekorps und nahm im Juni 1896 an der grofleren Kavallerieiibungsreise 
unter Leitung des Inspekteurs der 2. Kavalleriedivision teil. Im Mai 1897 
leitete er personlich die erste Ubungsreise der 1. Kavallerieinspektion und im 
darauffolgenden Juni die zweite Ubungsreise der 1. Kavalleriedivision. Am 

5. August desselben Jahres wurde er zur Fuhrung der Kavalleriedivision B 
beim XI. Armeekorps kommandiert und erhielt am 1. September 1897 die 
29. Division. Am 10. desselben Monats wurde er zum Generalleutnant befordert. 
Nachdem er vom 12. bis 25. Oktober 1899 zum ersten Informationskursus 
bei der Feldartillerieschiefischule in Jiiterbog kommandiert worden war, wurde 
er am 18. Mai 1901 im Alter von 57 Jahren zum Kommandierenden General 
des VII. Armeekorps in Minister i. W. ernannt und am 27. Januar 1902 zum 
General der Kavallerie befordert. Uber sechs Jahre ist er Kommandierender 
General des westfalischen Armeekorps gewesen. 

B.s Streben ging nach selbstandiger Verwendung groBerer Kavalleriemassen, 
wobei er besonderen Wert auf die Ausbildung der Kavallerie im Gefecht zu 
Fufi legte. Er verfocht seine Gedanken auch schriftstellerisch und nahm ver- 
schiedentlich Stellung zu den literarischen AuBerungen anderer, wobei er vor 
allem die Arbeiten des Generalleutnants v. Pelet-Narbonne hoch einschatzte. 
Aufklarung und Sicherung trennte er scharf als zwei verschiedene Aufgaben 



40 1917 

der Kavallerie, dzu deren Losung verschiedene, wenn auch sich erganzende 
MaBnahmen erforderlich* seien. Besonders auf die Sicherungsfrage legte er 
groBen Wert. »Die oft wiederkehrende Sehnsucht nach der schiitzenden In- 
fanterie muB iiberwunden werden.* Wenn die Ansicht vorherrsche, »dieNahe 
des Feindes meiden zu miissen, weil man sich schutzlos fuhlt«, dann wiirde 
»auch im zukunftigen Kriege die Fuhlung am Feinde wieder verlorengehen, 
seine Spuren sich verwischen, die Aufklarung unterbrochen werden*. Um eine 
solche Lage der Kavallerie zu verhindern, sah B. das beste Mittel in einer 
weittragenden, sicher treffenden und gerade fur den Sicherungsdienst wichtigen 
SchuBwaffe. Es sind immer wieder die Lehren der Geschichte, die B. bei der 
Beurteilung militarischer Handlungen oder Notwendigkeiten heranzieht. Da- 
bei zeigt er oft eine iiber das rein Militarische hinausgehende umfassende histo- 
rische Bildung. In den eingehenden Abhandlungen iiber die verschiedenen 
Manover seines Armeekorps, die er im Druck alien seinen Off izieren zuganglich 
machte, tritt deutlich sein Streben nach Objektivitat in der Kritik, sein Ringen 
um Klarheit und Gerechtigkeit des Urteils hervor. Er verlangte von seinen 
Offizieren, daB seine Auseinandersetzungen und Schilderungen micht als 
eine zeitvertreibende Sofalektiire* angesehen werden durften, sondern »zum 
eifrigen Studium, vornehmlich denjenigen, welche bereit seien, auch kritisch 
seine Ansichten zu uberlegen*. Denn wenn er auch stets scharf seine wohl- 
erwogene Ansicht vertrat, so war ihm doch jegliche Uberheblichkeit fremd, 
und er war sich des Problematischen alles menschlichen Handelns wohl bewuBt. 
»Nichts kann mir ferner liegen,« schreibt er einmal, »als zu wiinschen und zu 
erwarten, daB man glaubt, ich hatte fur alle Verhaltnisse brauchbare Rezepte 
geben wollen. Je mehr man sich in die Kunst der Truppenfuhrung vertieft, je 
mehr man iiber die besten Mittel nachdenkt, die zu Erfolgen fuhren konnen, 
um so mehr kommt man zu der Uberzeugung, daB selbst allgemein anerkannte 
Grundsatze nfcht ausreichen, um die wechselnden Lagen, die zahlreichen 
Zwischenfalle, welche im Verlauf der Handlungen eintreten konnen, stets 
fehlerfrei zu iiberwinden. Wissen und Konnen muB sich erganzen; die Eigen- 
schaften des Charakters tragen wesentlich dazu bei, in kritischen Lagen wenn 
auch nicht immer das Beste, so doch Brauchbares zu leisten.« In seinen Erlassen 
als Kommandeur und kommandierender General hat B. immer wieder darauf 
hingewiesen, den einzelnen Mann bei aller Strenge der Disziplin zur Selb- 
standigkeit zu erziehen und in ihm den Mut zu wecken, im gegebenen Falle 
unter eigener Verantwortung zu handeln. Wie B. fiir jeden seiner Soldaten wie 
fiir jeden ihm Untergebenen stets ein vaterliches Herz hatte, so verlangte er aber 
auch vom Ersten bis zum Letzten strengste Pflichterfiillung ohne irgendwelche 
Rucksicht auf Rang oder Geburt. Das Verhaltnis zu seinem Herrscher f aBte er 
als Mannentreue auf, von der er in edelster Weise beseelt war; gerade diese Auf- 
fassung befahigte inn, auch dort seiner Meinung freimiitigen Ausdruck zu 
verleihen. Es war nur natiirlich, daB die Scharfe seiner Kritik und die Strenge 
seiner Anforderungen, wenn er sie auch zuerst gegen sich selbst iibte, manchem 
unbequem war. So sehr auch seine ehrliche Sachlichkeit riickhaltlos anerkannt 
wurde, so blieb er doch nicht ohne personliche Gegner. Nachdem er am 
ii. September 1907 noch den Schwarzen-Adler-Orden erhalten hatte, wurde 
ihm bald darauf die Absicht mitgeteilt, einen Wechsel im Kommando des 
VII. Armeekorps eintreten zu lassen. B. erlieB daraufhin im November an 



Bissing 41 

die ihm unterstellten Truppen folgenden Korpsbefehl : »Nachdem Seine Maje- 
stat der Kaiser und Konig mir hat mitteilen lassen, daB Allerhochst derselbe 
das VII. Armeekorps, das ich fast 7 Jahre mit besonderer Auszeichnung und 
zu seiner dauerden Zufriedenheit gefiihrt hatte, deshalb neu besetzen wolle, 
weil jiingere Krafte zu ihrer Verwendung im Ernstfalle sich im Frieden darauf 
vorbereiten miiBten, habe ich Seiner Majestat gemeldet, daB ich am 1. Januar 
1908 mein Abschiedsgesuch einreichen werde. Ich hoffe, daB ich in der Zeit, 
in welcher es mir noch vergonnt ist, mein schones Armeekorps zu fiihren, 
einzelne Standorte besuchen kann, urn meinen Untergebenen, die mir so sehr 
ans Herz gewachsen sind, Lebewohl zu sagen.« Als dieser Korpsbefehl, der 
fur den offenen und geraden Charakter B.s spricht und der in der Offent- 
lichkeit groBes Aufsehen erregte, dem Kaiser bekannt wurde, lieB dieser B. 
am 29. November seine MiBbilligung aussprechen, worauf B. am 8. Dezember 
sein Abschiedsgesuch vorlegte, welches am 12. Dezember 1907 bewilligt wurde. 
B. wurde mit der gesetzlichen Pension zur Disposition gestellt. Erst am 
24. Januar 191 2 hat ihn dann der Kaiser a la suite des Regiments der Garde- 
dukorps gestellt. So schmerzlich B. auch seine Entlassung und vor allem die 
Auslegung seines letzten Korpsbefehls trafen, so war er doch nicht der Mann, 
der sich dadurch hatte beugen lassen oder der in wohlverdienter Ruhe den 
Rest seiner Lebenszeit in beschaulichem Dasein verbracht hatte. 

Vom Kaiser nach seiner Verabschiedung wegen seiner reichen Erfahrung in 
das Herrenhaus berufen, widmete er sich sofort mit seiner ganzen Tatkraft, 
unterstutzt von seiner Gemahlin, der Wohlfahrts- und Jugendpflege. Er 
nahm seinen Wohnsitz in Rettkau bei Gramschutz im Kreise Glogau und 
begann planmaBig die Weiterbildung und Erziehung der schulentlassenen 
landlichen Jugend in ganz Schlesien zu fordern. Er griff die Gedanken auf, 
die von dem »Deutschen Verein fur landliche Wohlfahrts- und Heimat- 
pflege* vertreten wurden, der 1903 als Nachfolger des seit 1896 wirkenden 
» Ausschusses fiir Wohlfahrtspflege auf dem Lande« gegriindet worden war. Es 
kam B. vor allem darauf an, die schulentlassene Jugend in der Zeit zwischen 
der Schulzeit und dem Militardienst zu erf assen und sie in diesem fiir die weitere 
Entwicklung so gefahrlichen und so einfluBreichen Alter in vaterlandischem 
und konigstreuem Sinne weiterzubilden, wobei er immer wieder betonte, daB 
jede Einseitigkeit in der Ausbildung vermieden, vielmehr sowohl die korper- 
liche wie die geistige Weiterentwicklung beriicksichtigt werden musse. Ganz 
bewuBt war seine Arbeit dabei als eine Abwehrhandlung gegeniiber den immer 
weiter um sich greifenden sozialdemokratischen Gedanken gedacht. Seiner an- 
spornenden Tatigkeit war es zu verdanken, daB der erwahnte Verein eine Pro- 
vinzialabteilung Schlesien griindete, deren Satzungen am 12. Januar 1910 ge- 
fai3t wurden und deren Vorsitzender B. wurde. Das praktische Mittel einer 
Weiterbildung der Jugend sah dieser in der Fortbildungsschule und suchte des- 
halb in zahlreichen Vortragen in verschiedenen Orten, in Aufsatzen sowie in Re- 
den und Antragen im Herrenhause fiir die Ausbreitung dieser Schulgattung 
auch auf dem Lande zu wirken. Ohne die Beratungen staatlicher Organe abzu- 
warten, griff er zur Selbsthilfe, indem er zuerst in seiner Gemeinde Rettkau 
eine Fortbildungsschule einrichtete und dann auch andere, gleichgesinnte Per- 
sonen veranlaBte, seinem Beispiele in den anderen landlichen Gemeinden seines 
Kreises zu folgen. Von Anfang an war er darauf bedacht, nicht nur einzelne 



42 1917 

Berufskreise zu gewinnen, sondern die Masse der Jugendlichen zu erreichen, 
weshalb er zwar bereit war, mit den bestehenden Jugendvereinen zusammen- 
zuarbeiten, die vorwiegend konfessionellen Charakter hatten, ihnen aber keines- 
wegs das ausschlieBliche Vorrechtder Jugenderziehung einraumen wollte; denn 
fur ion gait es, auch die der religiosen Einwirkung bereits entf remdete Jugend 
fur eine sittliche und vaterlandische Erziehung zuruckzugewinnen. Als er im 
Jahre 1909 in der Gemeinde Rettkau mit seinen Gedanken hervortrat, berief 
er eine Versammlung der Gemeindemitglieder und befragte diese, ob sie ihm 
und dem Lehrer Menzel die Einrichtung einer Fortbildungsschule in der Ge- 
meinde anvertrauen wollten. Mit ihrer Unterstiitzung und mit Hilfe der Re- 
gierungsvertreter der Provinz, des Bezirks und des Kreises konnte er am 
1. Dezember 1909 seine Schule eroffnen. In der ersten Zeit hat B. den Unter- 
richt groBtenteils selbst erteilt, wobei er neben geographischen Verhaltnissen 
der Heimat vor allem geschichtliche Stoffe zugrunde legte. Am 9. April des 
folgenden Jahres hielt er in Gramschiitz vor 70 Lehrern des Kreises Glogau, 
evangelischen und katholischen, einen Vortrag iiber » die landliche Fortbildungs- 
schule*, der ungeteilten Beifall fand. In der » Katholischen Schulzeitung fiir 
Norddeutschland« veroffentlichte B. am 13. und 20. Oktober 1910 einen Aufsatz 
iiber »Die landliche Fortbildungsschule «. Am 2. Juli 1910 war der pflichtmaBige 
Besuch von landlichen Fortbildungsschulen in der Provinz Schlesien dort, wo 
die Gemeinden bereit waren, solche Schulen einzurichten, durch Gesetz be- 
schlossen worden, wie es bereits vorher 1904 fiir die Provinz Hessen-Nassau 
und 1909 fiir die Provinz Hannover geschehen war. Als dieser Unterricht dann 
auch in den iibrigen preuBischen Provinzen eingefuhrt werden sollte, hat B. 
191 1, 1912 und 1913 in den Kommissionen und als Berichterstatter im Plenum 
des Herrenhauses wiederholt das Wort ergriffen. Seine Arbeit ging nicht immer 
ohne Widerstand vonstatten. In der umstrittenen Frage, ob die Volksschul- 
lehrer oder die Geistlichen berufen seien, als Fortbildungsschullehrer zu wirken, 
vertrat B., wie aus Aufsatzen von ihm im »Roten Tag* vom 30. Juli und 
1. August 1911 hervorgeht, den Standpunkt, »daB die Volksschullehrer, wie 
die Verhaltnisse auf dem L,and liegen, in der Regel allein befahigt und allein 
verfiigbar seien, den Unterricht im Nebenamt zu ubernehmenct, und dafl »dies 
auch fast ausnahmslos freudig und mit treuester Hingabe dort geschehen sei, 
wo Fortbildungsschulen errichtet wurden*. Seiner ganzen, jeder Einseitigkeit 
und jedem Doktrinarismus abholden Einstellung gemaB fiigte er aber hinzu, 
daB jene Erfahrung nicht zu der SchluBfolgerung fuhren diirfe, »daB jeder 
Volksschullehrer als solcher geistig und korperlkih, und zwar allein, zur Er- 
teilung des Unterrichts brauchbar sei« ; wenn die notwendigen Vorbedingungen 
fiir eine fruchtbringende Tatigkeit nicht ausreichten, so miisse fiir Ersatz ge- 
sorgt werden. »Ob durch Geistliche oder durch geeignete Mitglieder anderer 
Stande, dariiber entscheiden die besonderen Umstande.« In der Frage des 
Religionsunterrichtes an Fortbildungsschulen war B. gegen eine zwangsweise 
Einfiihrung, da gerade derjenige, der »es ernst meint mit der Religion, die 
Heuchelei, welche bei ausgeiibtem Zwange unvermeidbar ist, verurteilen 
muB«. Die Erhaltung des religiosen Sinnes in der Jugend lag ihm nichts- 
destoweniger sehr am Herzen, und er hat in seiner gesamten Tatigkeit auf 
dem Gebiete der Jugendpflege viel und eng mit Geistlichen beider Konfes- 
sionen zusammengearbeitet. Die Fortbildungsschule hatte aber nach seiner 



Bissing 43 

Auffassung andere Aufgaben zu erfiillen und auf die Gesamtheit der Jugend- 
Hchen zu wirken. 

So sehr B. die landliche Fortbildungsschule als das beste Mittel der weiteren 
Erziehung der landlichen Jugend ansah, so hat er doch auch den zahlreichen 
anderen Bestrebungen, die von vielen verschiedenartigen Vereinen in der 
Jugenderziehung verfolgt wurden, seine Aufmerksamkeit und seine Mitarbeit 
gewidmet. Als der Kaiser ihn im Jahre 19 10 aufforderte, eine Organisation der 
schulentlassenen Jugend nach dem Vorbild der von dem englischen General 
Baden- Powell errichteten *Boy-Scouts« zu entwerfen, hat B. in einer Immediat- 
eingabe im Juli 1910 ausfuhrlich dazu Stellung genommen und seine Gedanken 
dem Kaiser in Gegenwart des Kriegsministers und des Kultusministers auch 
personlich erlautert. Es ist der erste Vorschlag einer planmaBigen Zusammen- 
fassung der Jugend gewesen, die spater unter dem Namen » Jungdeutschland« 
als Griindung des Generalfeldmarschalls v. d. Goltz in das Leben trat. B. nennt 
in seiner Denkschrift die Organisation der Jugend, d. h. die Zusammenfassung 
aller Bestrebungen, welche zum Nutzen der Jugend und im Belang des Staates 
wirken wollen, eine »nationale und sozialpolitisch notwendige Aufgabe*. Nach- 
dem er die ahnlichen Bestrebungen in Italien, in Frankreich, Amerika und in 
der Schweiz kurz besprochen hat, geht er auf die englische Organisation ein 
und kommt dabei zu dem SchluB, daB bei aller Anerkennung der Bedeutsam- 
keit der Einrichtung des Generals Baden-Powell doch dessen *Boy-ScotUs« 
nicht in ihrer auBeren Form von Deutschland iibernommen werden konnten. 
Denn in Deutschland gabe es bereits, was in England bisher nicht der Fall 
gewesen sei, eine staatliche Fiirsorge und eine — fast zu groBe Anzahl von 
Vereinen, die die Grundlage fur den Auf- und Ausbau einer Zusammenfassung 
geben wurden. Eine neue Organisation wiirde die Wirksamkeit der bestehenden 
nur schmalern. Auch sei die Freiwilligkeit des Beitritts nachteilig, weil dadurch 
gerade diejenigen Elemente, die am notwendigsten zu erziehen seien, fortbleiben 
wurden. Deshalb set es besser, die Fortbildungsschulen als Trager und die be- 
reits bestehenden Vereine als Heifer der Organisation der preuBischen Jugend 
zu betrachten. B. kam so zu dem Vorschlage: Einheitliche Leitung der be- 
stehenden verschiedenartigen Organisationen, die bisher vorwiegend in den 
Stadten wirkten, mit gemeinschaftlichem Programm, und fur das Land, wo 
durchweg Neues geschaffen werden musse, Dezentralisation mit einheitlicher 
Richtung der Vertrauensmanner in Orts-, Kreis- und Bezirksausschiissen unter 
Beteiligung der Vertreter der Behorden. B. stellte elf Leitsatze auf, aus denen 
hervorgeht, daB es ihm nicht um eine militarische Vorbildung der Jugend zu 
tun war, weil dies nach seiner Auffassung gar nicht moglich sei, sondern um 
eine allseitige korperliche und geistige Gesundhaltung und Tiichtigkeit, die 
die beste Gewahr fiir eine spatere erfolgreiche militarische Ausbildung abgabe. 
Deshalb betonte er besonders die Leibesiibungen und verstand darunter »das 
volkstumliche Turnen, die Turn- und Jugendsptele, die Wandermarsche, die 
Gelandetibungen, Eislauf, Skilauf, Rudern und Schwimmen«. Diese »sollen 
nicht allein die korperliche Tiichtigkeit, sondern die Freude an der Natur, 
die Liebe zur Heimat, die sittliche Entwicklung nach jeder Richtung hin for- 
dern«. Er schlug vor, die Vorsitzenden einer Reihe von Verbanden zu einer ge- 
meinsamen Besprechung einzuladen, und wies besonders auf den 1891 von 
dem Abgeordneten v. Schenckendorff (s. DBJ. 1914 — 16, S. 167 ff.) gegriindeten 



44 l W 

»ZentralausschuB zur Forderung der Volks- und Jugendspiele* hin, auBerdem 
auf die Deutsche Turnerschaft, die Ruder- und Schwimmverbande, die Zentral- 
stelle fiir Volks wohlfahrt, die Jugendwehr usw. Vor allem miisse aber der 
©bligatorische Fortbildungsschulunterricht eingefiihrt werden. Der Kaiser bil- 
ligte im groBen und ganzen die Vorschlage B.s und beauftragte den Kultus- 
minister, die weiteren Schritte zur Durchfuhrung der Organisation zu unter- 
nehmen. Dieser fiirchtete jedoch einen zu starken Widerstand der einzelnen 
Verbande gegen eine einheitliche Leitung; und an dieser Forderung scheiterte 
B.s Organisationsplan. Wohl aber wollte der Kultusminister die in der Jugend- 
pflege tatigen Vereine mit staatlichen Mitteln unterstiitzen. So war eine un- 
mittelbare Folge der B.schen Denkschrift der ErlaB des Kultusministeriuins 
vom 18. Januar 191 1 iiber die freiwillige Jugendpflege. Mit Hilfe der Regie- 
rungsstellen sind dann eine Menge von Jugendvereinen in den einzelnen Orten 
und Kreisen entstanden. Im Regierungsbezirk Liegnitz kam am 27. April 191 1 
unter dem Vorsitz des Regierungsprasidenten ein AusschuB fiir jugendpflege 
zustande, dem B. als Mitglied angehorte. In einer Denkschrift vom 12. Marz 
wendet er sich dagegen, daB »die militarische Ausbildung der Jugend als Mittel 
zum Zweck oder gar als das hauptsachlich zu erstrebende Ziel anzusehen« sei. 
Er zeigt die recht erheblichen Nachteile, die aus solcher fruhzeitigen mili- 
tarischen Vorbildung entstehen konnen, und schreibt unter Hinweis auf AuBe- 
rungen des preuBischen Kriegsministers : » Die Armee wiinscht keinen solchen 
Ersatz; sie braucht keinen mangelhaft gedrillten Ersatz, sondern geistig ge- 
weckte, zur Selbstzucht und zur treuen Pflichterftillung erzogene Manner, 
deren Korperkrafte gestarkt und fiir die Anforderungen des Heeresdienstes 
zum Wohle des einzelnen wie zum Nutzen der Volks- und der Wehrkraft vor- 
bereitet werden. « Am 1. Juli 191 1 wurde B. einstimmig in den »Zentralaus- 
schuB« gewahlt und hatte damit ein weites Betatigungsfeld in ganz Deutsch- 
land fiir seine Gedanken gewonnen. 

Inzwischen hatte der Generalfeldmaschall v. d. Goltz den Gedanken von 
Baden-Powell aufgegriffen und in einer Immediateingabe an den Kaiser vom 
6. Juli 1911 den Plan des Bundes » Jungdeutschland« entwickelt. Dieser ent- 
sprach in den Grundziigen den B.schen Gedankengangen. Nur lieB er einmal 
die Betonung der Fortbildungsschulen auBer acht und ermoglichte anderer- 
seits, daB neben den bestehenden Organisationen, die ganz wie bei B. in einer 
einheitlichen Leitung zusammengefaBt werden sollten, auch selbstandige Grup- 
pen des neuen Bundes entstehen konnten. Dazu kam, daB der Goltzsche 
Plan ganz auf die militarischen Kreise eingestellt war. Soweit dieser Plan 
von dem B.s abwich, stand er auch nicht im Einklang mit den bisherigen 
MaBnahmen des Kultusministeriuins. Der Kaiser war auf die freiwilligen Jugend- 
wehren nach Art der englischen Boy-Scouts zuriickgekommen und lieB am 
25. September 191 1 durch den Chef des Zivilkabinetts v. Valentini bei B. an- 
fragen, ob er sich noch mit dieser Frage weiter beschaftige und ob etwa schon 
Versuche mit der Bildung derartiger Wehren angestellt worden seien. Es ist 
bisher nicht deutlich geworden, wie es zu dieser mit der fruheren Besprechung 
in Gegensatz stehenden Anfrage gekommen ist. B. war jedenfalls stark iiber- 
rascht, als er erst wenige Wochen vor der konstituierenden Versammlung von 
»Jungdeutschland« von den Goltzschen Planen etwas erfuhr. Er auBerte sofort 
freimiitig den Regierungsstellen seine Bedenken gegeniiber einer Neugriin- 



Biasing 45 

dung. Als er aber von dem Kommandierenden General des V. Armeekorps 
aufgefordert wurde, fur den Bereich der 9. Division im Regierungsbezirke 
Liegnitz das Amt eines Vertrauensmannes zu iibernehmen, stellte er seine 
Erfahrung und seine Kraft ohne jede Verargerung opferbereit zur Verfii- 
gung. Die Bundesleitung, deren Vorarbeiten ohne jede Befragung oder Be- 
nachrichtigung B.s vor sich gegangen waren, konnte jedoch nicht an ihm vor- 
beigehen und wahlte ihn in der konstituierenden Versammlung am 13. No- 
vember 191 1 zu ihrem Mitglied. B. hat dann in den folgenden Jahren in zahl- 
reichen Vortragen in den verschiedensten Vereinen in Liegnitz, Bunzlau, Griin- 
berg, Liiben, im Verein Deutscher Studenten in Breslau und in Halle, in der 
Vereinigung der Steuer- und Wirtschaftsreformer in Berlin usw. fur die Ge- 
danken von »Jungdeutschland« gewirkt. Dabei hat er immer versucht, die 
Masse der Jugend zu erreichen, und auch angestrebt, nach Moglichkeit iiber die 
militarischen Kreise hinaus auch die anderen Stande zur Mitarbeit heranzu- 
ziehen, wobei er von dem Regierungsprasidenten von Liegnitz, dem Freiherrn 
v. Seherr-ThoB, unterstiitzt wurde, mit dem er auch seinen ersten Aufruf vom 
21. Juni 1912 eingehend besprach. »Jugenderziehung« war ihm, wie er einmal 
gesagt hat, »in besonderer Weise personliche Arbeit. Nicht als Aufsichts- 
beamter, auch nicht als Gonner und Wohltater darf der Leiter unter die Jugend 
treten, sondern als ihr An wait, nicht nui in ihren religiosen, sondern auch in 
ihren sozialen und wirtschaftlichen N6ten.« Es kam ihm dabei auf die Aus- 
bildung der ganzen Personlichkeit an. Mit Sport, Spiel und Leibesiibungen 
allein kame man nicht aus; die korperliche Trainierung konne nur als ele- 
mentare Vorarbeit fiir die sittHche Erziehung gelten, da, wie er in einer 
Rede im Herrenhaus am 18. Marz 19 14 ausfiihrte, »in alien Lebenslagen, 
auch wenn auf dem Schlachtfelde die Kugeln pfeifen, das Entscheidende 
die Seelenkrafte des Menschen sind.« DaB B. bei einer solchen Auffassung 
berufen war, eine vermittelnde Rolle sowohl in der Bundesleitung wie auch 
zwischen dieser und den verschiedenen kirchlichen Verbanden zu spielen, ist 
nur naturlich. Wahrend es ihm dabei oft gelang, Bedenken katholischer Kreise 
zu zerstreuen, vor allem durch seine Verhandlungen mit dem Fiirstbischof 
Kopp von Breslau (s. DBJ. 1914 — 16, S. 48 ff.), ist es auffallig, daB ihm, dem 
Evangelischen, gerade die evangelische Synode und die Superintendenten oft- 
mals Schwierigkeiten bereiteten, wahrend die Geistlichen in seinem Bezirke 
mit ihm zusammenarbeiteten. Nach dem Tode des Generalfeldmarschalls 
v. d. Goltz war B. die angewiesene Person, um dessen Nachfolge anzutreten. 
Eine im Jahre 1916 von den Mitgliedern der Bundesleitung Dernburg, Do- 
minicus und v. Mendelssohn ergehende Bitte lehnte er zunachst wegen starker 
Arbeitsiiberlastung — B. war damals Generalgouverneur in Belgien — und 
auch deshalb ab, weil noch ganz ungeklart sei, wie die Verhaltnisse sich nach 
dem Kriege entwickeln wiirden. Als er dann aber einstimmig zum Vorsitzenden 
gewahlt wurde, bat er am 14. Oktober 19 16 den Kaiser in einem Immediat- 
gesuche, die Annahme der Wahl zu genehmigen. Dabei machte er sofort wieder 
Organisationsvorschlage, um den Bund den durch den Krieg veranderten 
Verhaltnissen anzupassen. Die bald einsetzende Krankheit und der darauf- 
folgende Tod verhinderten eine Ausfuhrung dieser Gedanken. 

Neben der Frage der Fortbildungsschule und der allgemeinen Jugendpflege 
beschaftigten B. auch andere Fragen, wie die Fursorgeerziehung Minder jahriger 



46 1917 

und die Errichtung von Horten f iir Schulkinder, welche Fragen er im Herrenhaus 
ofter behandelte, oder die Landarbeiterfrage, die er 19 14 kurz vor Aus- 
bruch des Weltkrieges zusammen mit dem Landesokonomiekollegium und nicht 
ohne Gegenwirkung der Schlesischen Landwirtschaftskammer in Angriff nahm. 
Besonders erfolgreich war seine Mitarbeit in der Forderung der landlichen 
Krankenpflege durch Helferinnen, die der leitende Arzt der Heilanstalten von 
Gorbersdorf, Dr. Weicker, betrieb. Seitdem von 191 1 ab B. in Zusammenarbeit 
mit Dr. Weicker und unterstiitzt von dem Geschaftsfiihrer der Provinzial- 
abteilung Schlesien des Deutschen Vereins f iir landliche Wohlfahrts- und Hei- 
matpflege, dem Lehrer Tiffert in Brieg, dieser Frage seine Tatkraft widmete, 
ging es mit dieser sozialen Arbeit schneller vorwarts. B. hielt auch iiber diese 
Seite der Wohlf ahrtspflege wiederholt Vortrage, nicht nur in Schlesien, sondern 
auch in Pommern. 

Auch sonst war B. unermiidlich tatig. Er verteidigte das Offizierkorps gegen 
die Angriff e desObersten Gaedke, der im » Berliner Tageblatt* am 25. Marz 19 11 
den Offizieren, besonders in den sogenannten adligen Regimentern, allgemein 
die Sucht des Hazardspieles vorgeworfen hatte; B. antwortete ihm in der 
»Kreuzzeitung« vom 18. April mit einem Artikel: »Kein Spielteufel im 
Heere.« Verschiedentlich hielt er auch Ansprachen an historischen Erinnerungs- 
tagen. 

Kurz vor Ausbruch des Weltkrieges nahm er ein neues groBes Arbeitsfeld 
in Angriff, indem er im Mai 1914 im Henenhause einen Antrag auf Einfuhrung 
der Sexualpadagogik einbrachte. Diesen Gedanken, die Gesunderhaltung unseres 
Volkes durch sexuelle Erziehung, nicht durch sexuelle Aufklarung, zu sichern, 
hat er dann auch als Generalgouverneur in Belgien weiter verfochten. Wenige 
Wochen nach seiner Ernennung besprach er in den letzten Tagen des Dezember 

1914 mit Vertretern der Landesversicherungsgesellschaften, vvie die schwierige 
Frage des Kampfes gegen die Geschlechtskrankheiten in Feindesland zu losen 
sei. Ihn leitete dabei in erster Linie die Sorge um die Erhaltung der Tiichtigkeit 
und Leistungsf ahigkeit der deutschen Truppen ; zugleich aber galten seine MaB- 
nahmen auch der Gesundung des belgischen Volkes. Seinen eingreifenden MaB- 
nahmen war es zu verdanken, daJ3 die Zahl der Geschlechtskranken vom Januar 

1915 ab sehr schnell abnahm. Doch B. blieb dabei nicht stehen. In der Er- 
offnungsrede einer zur Behandlung dieser Frage nach Bnissel einberufenen 
Versammlung fuhrte er am 8. Dezember 1915 aus, daB in der Auffassung 
dieser Dinge ein grundsatzlicher Wandel eintreten miisse. Madchen undFrauen 
fielen der Verachtung anheim, obwohl oft der Mann die Schuld trage; der 
geschlechtskranke Mann dagegen werde nur »bedauert«; neben den hygieni- 
schen, sanitaren, charitativen und sozialen MaBnahmen sei vor allem eine 
sexuelle Erziehung des Mannes notwendig. Wenn in dieser fur die Volksge- 
sundheit so wichtigen Frage eine Wandlung eingetreten ist, so hat B. das 
Verdienst, in einer Zeit, wo man diese Dinge nur mit Scheu nannte, offen 
die Wunde aufgedeckt und auch riickhaltlos Mittel zu ihrer Heilung ange- 
geben zu haben. 

Der Ausbruch des Weltkrieges berief B. als stellvertretenden Kommandie- 
renden General des VII. Armeekorps nach seiner alten soldatischen Wirkungs- 
statte in Miinster in Westfalen, wo er vom 2. August bis zum 27. November 
blieb. An diesem Tage wurde er als Nachfolger des nach der Tiirkei versetzten 



Bissing 47 

Generalfeldmarschalls v. d. Goltz zum Generalgouverneur in Belgien ernannt. 
Am 24. Dezember erfolgte seine Beforderung zum Generalobent. Damit trat 
der Siebzigjahrige auf das Forum der Weltgeschichte. Die nicht ganz zwei- 
undeinhalb Jahre, die ihm noch zu leben vergonnt waren, stellten ihn vor die 
Aufgaben eines Herrschers iiber ein reich bevolkertes und von feindlichen 
Heeren besetztes Land, die nicht nur militarische, sondern vor allem staats- 
mannische Leistungen erforderten. 

Am 8. Dezember 1914 traf B. in Briissel ein und ging sofort mit der ihm 

eigenen Tatkraft an die Verwaltung des L,andes, fiir die er sich allein dem 

Kaiser verantwortlich fuhlte. Diese Stellung als »selbstandiger Verwalter des 

ihm vom Kaiser anvertrauten Okkupationsgebietes* hat er wiederholt betont, 

vor allem gegentiber der Obersten Heeresleitung, wenn diese von ihm MaB- 

nahmen verlangte, die er mit seinen Verwaltungsgrundsatzen schwer in Ein- 

klang bringen konnte. Dabei vertrat er mit der alten Leidenschaftlichkeit, die 

oft nicht ohne Scharfe war, seinen Standpunkt. Da die beiden Provinzen Ost- 

und Westflandern nicht zum Generalgouvernement gehorten, sondern zur 

Etappe der 4. Armee und zum Marinekorps, ergaben sich bei der Durch- 

fuhrung seiner politischen und wirtschaftlichen MaBnahmen nicht selten 

Schwierigkeiten, besonders mit dem Armeeoberkommando der 4. Armee. Bei 

aller Scharfe war B. aber jederzeit bereit, in offener Aussprache strittige Fra- 

gen zu klaren, und hat spater auf diese Weise mit dem Marinekorps eng zu- 

sammengearbeitet. Gegeniiber dem Reichskanzler und den Reichsbehorden, 

denen er personlich nicht unterstand, von denen aber wohl die Beamten seines 

zivilen Stabes ernannt wurden, und welche die Richtlinien fiir die zu befolgende 

Politik angaben, hat er in offener und ruckhaltloser Weise seine Meinung ver- 

treten und sie manchmal vor vollendete Tatsachen gestellt. In der Flamen- 

politik ist er mit dem Reichskanzler v. Bethmann Hollweg in Ubereinstim- 

mung vorgegangen und hat sich dessen Ansichten angeschlossen, auch wenn 

er erst anderer Meinung war. Dabei wurde von der Reichsleitung der Grund- 

satz B.s, in »wohluberlegter, geduldiger, zaher und ausdauernder, vorsichtig 

abwagender Kleinarbeit« vorzugehen, durchaus gutgeheiBen. B. hat die Ziigel 

in Belgien fest in der Hand gehalten, was bei den vielen militarischen und 

zivilen Behorden in Belgien und in Deutschland, die alle mehr oder weniger 

etwas zu sagen hatten, nicht leicht war. Er wollte wirklich selbst verwalten 

und nicht nur eine dekorative Spitze sein. Er hielt sich deshalb auch nicht an 

den bureaukratischen Instanzenzug und lieB sich oft von nachgeordneten 

Stellen unmittelbar Vortrag halten oder Bericht erstatten, ohne den Zwischen- 

instanzen vorher da von Nachricht zu geben. Dieses selbstandige Eingreifen 

ermoglichte es ihm, sich schnell iiber Einzelheiten zu unterrichten, und zwang 

seine Untergebenen zu rastloser Tatigkeit. Gegen den Willen seines Verwal- 

tungschefs und ohne die Reichsregierung zu fragen, die sich die Organisation 

der Verwaltung in Belgien vorbehalten hatte, machte er die Abteilung I des 

Verwaltungschefs zur selbstandigen, ihm unmittelbar unterstellten Politischen 

Abteilung (13. Februar 1915) und begriindete dies mit »Abkurzung des In- 

stanzenzuges*. Einen Monat spater, am 6. Marz, loste er, diesmal nach vor- 

herigen Verhandlungen mit dem Reichsministerium des Innern, die Bank- 

abteilung als selbstandige Behorde vom Verwaltungschef los. Der Grundsatz 

seiner Verwaltung war, wie er es einmal in der Eroffnungsrede anlaBlich der 



48 1917 

Tagung richterlicher Militarjustizbeamter in Briissel am 29. Juni 1916 aus- 
gesprochen hat, »daB das Volk, welches jetzt unter unserer Macht stent, nicht 
mit HaB und Vergeltungswut behandelt wird. Denn es gehdren tatsachlich 
ganz andere Faktoren dazu, ein feindliches Volk zu leiten, in Ordnung zu 
halten; schlieBlich ist auch der Verwalter eines solchen Landes verpflichtet, 
die Wohlfahrt wieder zu heben, das Land trotz der Not des Krieges zu starken 
und, trotz der vor alien Dingen zu beachtenden militarischen Riicksichten, 
wieder lebensfahig zu machen.« Er betonte, daB die volkerrechtlichen Be- 
stimmungen seine »Handlungen und MaBnahmen auch in richterlicher Be- 
ziehung als Grundlage voll und ganz beherrschen*, und hoffte, daB die wich- 
tigen Fragen des Volkerrechts, die auf der Tagung behandelt werden sollten, 
dazu beitragen mochten, »wenn auch nicht fiir den Augenblick, so doch fiir 
die Zukunft wieder ein Volkerrecht zu schaffen und die Moglichkeit zu geben, 
daB die jetzt feindlichen Lander, die sich bis zum WeiBbluten bekampfen, in 
absehbarer Zeit wieder zur Einigkeit, zu gemeinsamen Kulturaufgaben ge- 
langen*. Welcher Staatsmann oder Militar der Entente hat im Jahre 1916 
solche volkerversohnenden Wiinsche ausgesprochen ! B. war sich der groBen 
Schwierigkeit, ein besetztes Land zu verwalten, wohl bewuBt und immer darauf 
bedacht, den richtigen Mittelweg zwischen einer zu strengen und einer zu 
milden Behandlung zu finden. »Ich durfte,« schreibt er am 25. November 1916 
einmal an den Chef der Obersten Heeresleitung, Generalfeldmarschall von 
Hindenburg, »weder den Gefiihlen der Vergeltung nachgeben noch danach 
streben, die Liebe des Volkes zu gewinnen. Mir muB es genug sein, wenn ich 
mir die Achtung erworben habe.« So kam es, daB die Belgier, wenn er die 
durch den Krieg notwendigerweise gebotenen MaBnahmen durchfuhrte, in 
ihm ihren Bedriicker sahen, und daB andererseits manche deutsche Stellen 
ihm zu groBe Nachsicht vorwarfen, wenn sie bemerkten, daB Belgien wieder 
aufbluhte. Die belgischen Darstellungen aus der Kriegszeit geben das Bild 
des bedeutendsten Generalgouverneurs ihres Landes in blindem HaB verzerrt 
wieder, und auch nach dem Kriege hat sich in Belgien noch keine Feder ge- 
funden, die auch nur den Versuch gemacht hatte, die Gestalt B.s vom Stand - 
punkt seiner durch den Krieg ihm ubertragenen Stellung in gerechter Weise 
zu beurteilen. Die Universitat Minister verlieh ihm am 1. Dezember 1915 die 
Wiirde eines Dr. rer. pol. h. c, weil er ».durch weise, gerechte und zweckent- 
sprechende Verordnungen und VerwaltungsmaBnahmen geradezu Mustergul- 
tiges geschaffen« habe. In Deutschland hat man zwar erkannt, daB B. zu den 
bedeutendsten Personlichkeiten des Weltkriegesgehort, aber das Fiir und Wider 
um seine Taten und seine Wirkung hat noch keiner einheitlichen Auffassung 
Platz gemacht. Dies wird so bleiben, solange die »belgische Frage* noch 
im Mittelpunkt der innen- wie auBenpolitischen Leidenschaften stent, da die 
fiir ein abschlieBendes Urteil notwendigen Quellen auch so lange der Offent- 
lichkeit nicht zuganglich gemacht werden diirften. Manches laBt sich aber 
mit Bestimmtheit heute schon sagen. B. hat sich scharf gegen den Vorwurf 
verwahrt, als ob er Belgien auf Kosten Deutschlands zu Wohlstand verhelfen 
wolle. Das deutsche Interesse hat ihm immer an erster Stelle gestanden, und 
es war nur natiirlich, daB ein besetztes feindliches Land auch zu den Kosten 
der Kriegfiihrung beitrug. Aber B. faBte seine Verwaltung als die » eines spar- 
samen Haushalters«, um fiir die Zeit der Not Hilfe gewahren zu konnen. Der 



Bissing 4g 

Kaiser hatte ilnn nicht nur aufgegeben, Belgien entsprechend den volkerrecht- 
lichen Vorschriften fiir die okkupierende Macht nutzbar zu machen, sondern 
ausdriicklich aufgetragen, »soziale Politik zu treiben«. Dies hat er auch mit 
alien Mitteln getan, deutsche soziale Einrichtungen eingefiihrt, fiir Kranke 
und Arme gesorgt, vor allem aber versucht, die Produktionsfahigkeit des L,an- 
des zu verstarken. Bei Handel und Industrie war dies bald erschopft, da die Roh- 
stoffe fehlten und die uberseeische Einfuhr gesperrt war. Urn so mehr war er 
besorgt, die Landwirtschaft zu heben, damit sie »auch bei Unterbrechung der 
Zuf uhr aus tJbersee, wenn auch mit Not, die belgische Bevolkerung unter An- 
wendung der weitestgehenden Sparsamkeit ernahren konnte«. Den Kohlenberg- 
bau hat er in vollem Gange erhalten, und gegen die Abschiebung der Arbeits- 
losen hat er sich mit seiner ganzen Zahigkeit so lange gestemmt, bis ihm die 
Notwendigkeit der Zufuhrung belgischer Arbeiter fiir die deutsche Industrie als 
fiir deren Fortbestand so dringend dargestellt wurde, da£ er aus deutschem 
Interesse nachgab. Es zeigte sich bald, daB die MaBnahme verfehlt und auch 
nicht notwendig war und daB seine Bedenken richtig gewesen waren. 

Bei dieser Behandlung Belgiens leitete ihn einmal sein Pflichtgefuhl des 
Herrschers iiber das ihm anvertraute Volk — ein Umstand, den anzuerkennen 
bisher noch kein Belgier den Mut gefunden hat — , sodann aber, und dies in 
-erster Linie, das deutsche Interesse, wie es auch nur natiirlich war. Die Schwie- 
rigkeit der Verbindung dieser beiden Gesichtspunkte hat B. gelost; denn er hat 
Belgien vor dem groBten Elend des Krieges bewahrt und hat andererseits in 
Belgien dem Deutschen Reiche einen nie versiegenden Brunnen von Hilfs- 
mitteln erhalten. Dabei erhebt sich die Frage, wie er sich das kiinftige Schicksal 
Belgiens gedacht hat, eine Frage, mit der seine Flamenpolitik in engstem Zu- 
sammenhang steht. B. kam mit den alten Gedankengangen von dem Rechte 
des Eroberers nach Belgien, jedoch nicht in der Weise, daB das eroberte Land 
unter alien Umstanden zu annektieren sei. Wohl aber war er der Meinung, daB 
* Belgien in irgendeiner Form zur Machterweiterung Deutschlands benutzt« 
werden miisse, wie er sich in einer Anweisung an die Zivilverwaltung vom 
20. Februar 19 15 ausdriickte. Es sollten aber die Vor- und Nachteile sowie 
die Moglichkeiten und Hemmnisse in eingehendem Studium genau untersucht 
werden, und er gab deshalb in derselben Verfugung dem Verwaltungschef den 
Auftrag, Erhebungen iiber den Zustand verschiedener wirtschaftlicher und 
sozialer Einrichtungen in Belgien anzustellen, auf Grund welcher Verfugung 
in rascher Folge mehr als vierzig Denkschriften hergestellt wurden. Die fla- 
mische Bewegung war dem Generalgouverneur wie den meisten deutschen 
Beamten etwas durchaus Neues. Die erste Anregung zu einer Flamenpolitik 
kam von einigen privaten Personlichkeiten, die dann zum Teil zur Mitarbeit 
nach Briissel berufen wurden. Den ersten offiziellen AnstoB gab der Reichs- 
kanzler v. Bethmann Hollweg. Dieser hatte bereits am 1. September 19 14 an 
den Verwaltungschef geschrieben, »die kulturelle flamische Bewegung, die ja 
auch eine Bewegung zugunsten der hollandischen Sprache ist, nach Moglich- 
keit sichtbar zu unterstiitzen« und »einige VerwaltungsmaBnahmen auf dem 
Gebiete der Schulen in dieser Richtung zu treffen, wenn sie auch in der Kiirze 
der Zeit nicht viel andern konnen«. Damals dachte man noch an eine kurze 
Dauer des Krieges. Die Folge dieses Schreibens waren mehrere Besprechungen 
und Verhandlungen, aber keine greifbaren WillensauBerungen. Deshalb wandte 

DBJ 4 



50 1917 

sich Bethmann Hollweg kurz nach dem Eintreffen B.s in Briissel an diesen mit 
einem ausfuhrlichen ErlaB vom 16. Dezember 1914. Dieser lautete: »Unab- 
hangig von der Frage des spateren territorialen Schicksals Belgiens scheinen 
mir unsere Interessen schon jetzt zu erfordern, daB das Deutsche Reich bei 
einem starken Teil der belgischen Bevolkerung sich die Stellung eines natiir- 
lichen Beschtitzers und zuverlassigen Freundes erwirbt und sichert. Nach Lage 
der Verhaltnisse kann sich ein Gefuhl der Zusammengehorigkeit nur in den 
flamischen Landesteilen heranbilden, deren tiralte Kultur und Sprache der 
unserigen venvandt ist und deren berechtigte nationale Bestrebungen ixn 
Kampf gegen die franzosierenden Einfliisse vor dem Kriege nur teilweise und 
zogernd Anerkennung gefunden haben. Mit Dank wiirde ich es daher begruBen, 
wenn Eure Exzellenz dem flamischen Problem nachhaltig und eingehend Ihr 
Interesse zuwenden und daftir Sorge tragen wollten, daB alle damit in Ver- 
bindung stehenden Fragen einheitlich, vielleicht von einer besonders damit zu 
betrauenden Stelle, behandelt werden. Besonders wichtig erscheint, neben all- 
mahlicher Fuhlungnahme mit den geistigen und wohl auch religiosen Fuhrern 
der Bewegung, die weitestgehende Forderung der flamischen Sprache (unter 
Verzicht darauf, in den flamischen Landesteilen der deutschen Sprache eine 
iibergeordnete Rolle zuzuteilen), ferner die Ausgestaltung der Universitat in 
Gent zu einer rein flamischen Lehranstalt und die Herstellung einer fiir die 
militarischen Interessen annehmbaren publizistischen Verbindung zwischen 
Holland und den flamischen Gebieten. Die Reichsbehorden, insbesondere das 
Auswartige Amt, werden Anweisung erhalten, Euer Exzellenz Bestrebungen 
in jeder Weise zu fordern. Um den in Ost- und Westflandern aus der Zuge- 
horigkeit dieser Provinzen zum Operationsgebiet etwa erwachsenden Schwierig- 
keiten zu begegnen, werde ich z weeks Verstandigung des Armeeoberkomman- 
dos mich mit der Obersten Heeresleitung in Verbindung setzen.* Als der Ver- 
waltungschef, dem B. diesen ErlaB zum Vortrag zuschrieb, zogerte, Mafi- 
nahmen zu ergreifen, nahm B. die Behandlung selbst in die Hand, lieB sich von 
sachverstandiger Seite auBerhalb der Verwaltung unterrichten und erlieB am 
10. Januar 1915 seine Richtlinien zur Flamenpolitik. Er errichtete den Flamischen 
AusschuB, dessen erste Sitzung am 16. Januar stattfand und dessen Vor- 
sitzender bald der Leiter der neu errichteten Politischen Abteilung wurde. In 
diesen Richtlinien gab er verschiedene Vorschriften liber Anwendung der fla- 
mischen Sprache. Aber die »an sich hochbedeutenden Fragen des Ausbaues 
des flamischen Schulwesens und einer flamischen Hochschule in Gent* wollte 
er vorerst noch zuriickgestellt wissen. Die Verhaltnisse erschienen ihm damals 
dazu noch nicht reif genug. »Die Masse des flamischen Volkes* sei »zur Zeit 
durch die Ereignisse und Note des Krieges stark verstort, zum Teil noch in 
MiBstimmung und Vorurteilen gegen uns befangen«, welche Stimmungen 
» durch eine ausgezeichnet arbeitende geheime Verhetzung von franzosischer 
Seite noch fortdauernd geschiirtd werde. Hier miisse erst durch geduldige und 
zahe Kleinarbeit eine Anderung platz greifen. Dabei diirfe man aber »den 
leitenden Grundgedanken der flamischen Bewegung uns Deutschen gegeniiber 
nicht antasten«. Sehr klar formulierte er diesen mit den Worten: »Es sind nur 
einzelne Flamen, welche direkt das Aufgehen in Deutschland wollen. Wir, die 
groBe Mehrzahl der flamischen Volksgenossen, wollen Germanen mit flamisch- 
niederdeutscher Kultur sein, aber nicht zu Hochdeutschen mit hochdeutscher 



Bissing g T 

Sprache gemacht werden. Wir wollen die volkische Selbstandigkeit der Nieder- 
lande gewahrt wissen. Unsere flamische Bewegung hat als Ziel die geistige und 
materielle Hebung unserer Volksgenossen durch das Mittel der heimischen 
Muttersprache. Die Reichsdeutschen erkennen wir als ein uns befreundetes 
Volk an, das uns stammverwandt ist, in dem wir aber keine Landesgenossen 
erblicken.« So deutlich B. mit diesen Worten das Wesen der damaligen flami- 
schen Bewegung umschrieb, so gab er doch den Gedanken und Wunsch nicht 
preis, daB diese Gebiete fur Deutschland gewonnen werden konnten, indem 
er am Schlusse seiner Richtlinien vermerkte: »Sollte die zur Zeit bestehende 
Okkupation des Landes sich zu einer dauernden gestalten, so kann es meines 
Erachtens keinem Zweifel unterliegen, daB durch diese Tatsache allein auf die 
Dauer die im Flamentum bestehenden bedingten Sympathien eine nachhaltige 
und schlieBlich auch sieghafte Starkung erfahren wiirden.* In einer Denkschrift 
an den Kaiser aus dem April 1915 vertrat er noch durchaus Gedankengange, 
die in den alten Gleisen verliefen, und sprach sich gegen eine Teilung Belgiens 
nach Sprachgrenzen und fiir eine voile Einverleibung mit Militardiktatur und 
nachfolgender Selbstverwaltung unter einem mit Vetorecht ausgestatteten 
Statthalter aus. Die Politische Abteilung in Briissel, deren Mitglieder die 
Trager der Flamenpolitik waren, hatte eine andere Auffassung und trat fiir 
Zweiteilung des Landes ein. Obwohl diese Abteilung wie die iibrigen Zivil- 
behorden dem Reichsministerium des Innern unterstellt war, brachte doch 
die Zugehorigkeit ihres loiters zum Auswartigen Amt und ihr Arbeitsgebiet 
es mit sich, daB sie auch in unmittelbarem Verkehr mit dem Auswartigen Amt 
und damit mit dem Reichskanzler stand. In der Flamenpolitik verfolgten diese 
drei gemeinsame Ziele, die von dem Gesichtspunkte ausgingen, daB die »Po- 
litik in Belgien alle Eventualitaten im Auge behalten mussed und daB deshalb 
»gerade die flamische Frage von dem Gesichtspunkt betrachtet werden miisse, 
da£ der Ausgang des Krieges uns nicht die Moglichkeit gewahrt, nach Gut- 
dunken iiber das Schicksal Belgiens zu entscheiden*. Gerade deshalb forderte 
der Reichskanzler eine Beschleunigung der Losung der flamischen Fragen. 
Die Politische Abteilung wurde somit der stets drangende Teil gegeniiber der 
stets zogernden Zivilverwaltung. Es ist das hohe Verdienst B.s und ein deutliches 
Zeichen seiner Fahigkeiten als Herrscher, daB er zwischen diesen beiden Fak- 
toren stets den richtigen Mittelweg suchte und fand, daB er keineswegs starr 
auf seiner Ansicht verharrte und daB er, sobald er sich von der Richtigkeit 
einer anderen Auffassung iiberzeugt hatte, diese dann auch mit seiner ganzen 
Tatkraft zur Durchfuhrung brachte. So hat er, wie er selbst sagt, »nur zogernd* 
den Schritt zur Bildung einer flamischen Hochschule in Gent unternommen. 
Aber nachdem er einmal in tJbereinstimmung und auf besonderes Andringen 
des Reichskanzlers die grundlegende Verordnung fiir die Umwandlung der 
Genter Universitat in eine flamische Hochschule am 15. Marz 1916 erlassen 
hatte, sorgte er durch Einsetzung einer besonderen Kommission dafiir, daB 
in genauester Einzelvorbereitung ein Werk aus einem GuB entstiinde. Und mit 
voller Uberzeugung konnte er in seiner Ansprache bei Eroffnung dieser Uni- 
versitat am 21. Oktober 1916 sagen: »Die traurigen sozialen Zustande unter 
der flamischen Mehrheit des belgischen Volkes konnten ohne eine zielbewuBte 
Forderung der lange vernachlassigten Rechte der Flamen nicht behoben wer- 
den,* und weiter: » Keine deutsche Hochschule soil hier entstehen, aber erst 



52 1917 

recht keine franzosische, sondern eine im flamischen Volke wurzelnde nieder- 
landische.« Schon vorher hatte B. auf Grund einer langen Denkschrift der Po- 
litischen Abteilung am 27. Juni 19 16 neue Richtlinien fiir seine Flamenpolitik 
herausgegeben. Eine eingehende Unterredung mit dem Reichskanzler v. Beth- 
mann Hollweg in Berlin war vorausgegangen. Dabei hatte dieser den Zeitpunkt 
fiir gekommen erachtet, »die Flamenbewegung auch dadurch zu fordern, 
daB man eine Verwaltungstrennung vornehme und Flamen zur Mitarbeit besser 
wie bisher heranzoge«. Der Reichskanzler erorterte gegeniiber B. seine Kriegs- 
ziele, und diesem wurde » dadurch eine festere Grundlage fiir eine lebhaftere 
Flamenpolitik gegeben«. Er sagte dem Reichskanzler zu, »auf dem bereits be- 
schrittenen Wege vorwartszugehen und allmahlich MaBnahmen zu treffen, 
welche seine belgische Politik fordern und der Flamenbewegung Nutzen 
bringen sollen«. In den neuen Richtlinien betonte er, »daJ3 wir uns in dem 
Lande, das wir angeblich mit roher Gewalt vernichten wollten, vor die Aufgabe 
gestellt sehen, einem lange unterdriickten Volke zur Wiederaufrichtung und 
zu hoherem Leben zu verhelfen und damit Leistungen zu vollbringen haben, 
welche gerade die Entente mit England an der Spitze als ihr Kriegsziel in alle 
Welt hinausschreit : ,Schutz der kleinen Nationen'. « Es sei jetzt die Zeit ge- 
kommen, zu einer Verwaltungstrennung iiberzugehen. Damit kamen die von 
den Flamen seit langem vorgebrachten Wiinsche der Verwirklichung nahe. 
B. ging allerdings auch jetzt in der Weise seiner wohliiberlegten Kleinarbeit 
vor, indem er zunachst das Kultusministerium durch die Verordnung vom 
25. Oktober 19 16 in eine flamische und in eine wallonische Abteilung trennte 
und fiir die iibrigen Ministerien Vorarbeiten machen lieB. Als dann zu Anfang 
des Jahres 1917 die Neujahrsfriedensbotschaft des Kaisers erschien, furchteten 
die Flamen, daB ihre Rechte, falls es tatsachlich zu Friedensverhandlungen 
komme, weniger sicher durchgesetzt werden konnten, wenn sie keine eigene 
Vertretung hatten. Deshalb stellten 46 Obmanner aller Gruppen am 7. Januar 
1917 in Brussel die Forderung auf: »Die Flamen in Belgien fordern fiir Flandern 
vollstandige und allseitige Selbstandigkeit und Selbstregierung und die un- 
verziigliche Verwirklichung aller MaBnahmen, die dazu fiihren konnen«, und 
errichteten am 4. Februar in einer Versammlung von 200 beauftragten Ver- 
trauensmannern aus dem ganzen Lande den aus 50 Mitgliedern bestehenden 
Rat von Flandern. Dadurch erhielt die Flamenpolitik einen Ansporn zu wei- 
teren MaBnahmen, und nachdem die Reichsregierung durch den Staatssekretar 
des Innern Helfferich in einer Besprechung am 17. Marz in Brussel deutlich 
den Willen zu erkennen gegeben hatte, auf dem einmal eingeschlagenen Wege 
weiterzuschreiten, setzte B. eine Kommission fiir die Verwaltungstrennung 
des Landes ein und erlieB am 21. Marz 19 17 die grundlegende Verfiigung der 
Trennung des Landes in zwei Verwaltungsgebiete. So sind alle groBen Verord- 
nungen zur Neugestaltung und Neubelebung Flanderns unter der Regierung 
B.s zustande gekommen. Die spatere Zeit brachte dann nur die Ausfuhrung 
dieser Grundsatze. B. hat in den letzten Monaten seines Lebens mehrere Denk- 
schriften an den Kaiser und an den Reichskanzler gerichtet. Darin gibt er klar 
seiner Auffassung Ausdruck, daB » jede allzu vordringliche deutsche Einwirkung, 
besonders alle Verdeutschungsversuche bei diesem zah an seiner Eigenart fest- 
haltenden Volke das Gegenteil der beabsichtigten Annaherung bewirken wiir- 
den. Dagegen bedeutet die Starkung des flamisch-niederlandischen Volkstums 



Bissing co 

an sich, wegen seiner sprachlichen und kulturellen Verwandtschaft mit deut- 
scher Art und wegen der friiher beiderseits zu wenig erkannten Interessen- 
gemeinschaft zwischen Deutschen und Flamen, auch einen Gewinn fur Deutsch- 
land und eine Schwachung des Franzosentums. « Diese Denkschriften zeigen 
in der grundsatzlichen Einstellung in bezug auf die flamische Sprache keine 
Anderung gegeniiber der ursprunglichen Auffassung, wohl aber in der Form 
der Durchfuhrung der Flamenpolitik. Von einem ungeteilten Belgien ist keine 
Rede mehr. Die Forderungen der Flamen, die von der Politischen Abteilung 
friihzeitig als richtig und durchfuhrbar erkannt und von der Reichsleitung 
anerkannt worden waren, werden jetzt auch von dem Generalgouverneur ge- 
billigt. Man kann deshalb die Denkschrift, die nach dem Tode B.s in der Zeit- 
schxift »Das groBere Deutschland« von Bacmeister am 19. Mai 1917 veroffent- 
Licht und als » Testament B.s« bezeichnet worden ist, nicht als sein Testament 
ansprechen. Diese Denkschrift tragt die Ziige der Zeit um die Jahreswende 
von 1915 zu 1916, also einer sehr friihen Zeit, wo weder die Genter Hochschule 
verflamscht noch der Rat von Flandern geboren noch die Verwaltungstrennung 
ausgesprochen war. Nur das eine ist richtig, daB B. bis zum SchluB an dem 
Gedanken einer Oberherrschaft Deutschlands festgehalten hat. Aber die Form 
dieser Oberherrschaft hat sich auch bei ihm mit dem Fortschreiten der flami- 
schen Bewegung gewandelt, und je starker das Flamentum selbst wurde, um 
so geringer vvurden die Moglichkeiten einer glatten Annexion. Die Mitarbeiter 
B.s, vor allem die in der Politischen Abteilung, haben nicht immer den gleichen 
Standpunkt wie der Generalgouverneur eingenommen. Es war einer seiner 
groBen Vorziige, daB er seine Mitarbeiter arbeiten lieB, ihren Gedankengangen 
sich nicht verschloB und fur die Moglichkeiten der von ihnen vertretenen 
politischen Losungen, die dem veranderlichen Ablauf historischen Geschehens 
unterworfen sind, einen offenen Blick hatte. Dabei half ihm auch sein hoher 
Begriff der Pflichterfiillung, der ihn veranlaBte, seinen verantwortlichen Be- 
amten auch die Freudigkeit und den Mut der Verantwortung zu belassen. 
Dies war um so schwieriger, als sich gerade in der belgischen Frage aus den 
verschiedensten Kreisen unverantwortliche Ratgeber an ihn herandrangten, 
deren Stellung und Bedeutung oftmals den Anspruch begriindeten, gehort 
und beachtet zu werden. Ein letztes Urteil iiber B.s Verwaltung und iiber seine 
Regierungspolitik wird erst moglich sein, wenn die gesamte, sehr verwickelte 
belgische Frage einmal eingehend untersucht und dargestellt werden kann. 
Sein Name wird aber mit dem politischen BewuBtwerden des Flamentums fur 
alle Zeiten verbunden sein. 

Nachdem B. am 8. April 19 17 seine letzte Denkschrift an den Kaiser ab- 
gesandt hatte, nahm seine schon lange wahrende Krankheit so rasch zu, daB 
er am 14. April die Regierungsgeschafte niederlegen muBte. Mit zahester 
Energie hatte er fast bis zum letzten Atemzuge trotz groBter korperlicher Be- 
hinderung sein Amt erfullt. Sein Stellvertreter wurde an diesem Tage der 
General der Infanterie v. Zwehl, Gouverneur von Antwerpen. Am 18. April, 
8 Uhr 40 Minuten nachmittags, verschied B. in Trois Fontaines. Wie B. einmal 
in einem ErlaB an seine Gouverneure gesagt hat, »daB jeder einzelne von uns, 
vom einfachsten Landsturmmann bis zu mir herauf, die Verpflichtung hat, 
die Ehre und den Ruf der deutschen Armee, des deutschen Namens auch den- 
jenigen gegeniiber zu wahren, die unsere Feinde sind«, so hat er diesen Ehr- 



54 w? 

begriff bis zuletzt vor allem als Pflichterfiillung gefaBt. Auf dem Totenbett 
hat er sich noch einmal emporgerichtet und in der Annahme, im Kreise seiner 
Mitarbeiter zu stehen, seine letzte ergreifende Rede gehalten, die von seiner 
Gemahlin dann aufgezeichnet worden ist; darin hat er in einer Art Rechen- 
schaftsbericht im Angesicht des Todes u. a. die Worte gesprochen: »Ich habe 
viel und lange dariiber nachgedacht, wie wir unsere Aufgabe gestalten miissen, 
in welcher Weise sie ergriffen, durchdacht und angefaJ3t werden muB, urn etwas 
Brauchbares, etwas Bleibendes zu schaffen, etwas zu gestalten, was nicht ein 
Ideal ist, aber doch einen idealen Wert behalt. Ob es mir gelungen ist, ich weiB 
es nicht, und erst die Zukunft wird es lehren. Aber wir haben es versucht, und 
wir haben unsere besten Krafte daran verwendet. Die besten Manner des 
Vaterlandes haben von Anf ang an, jeder an seiner Stelle, hier gearbeitet . . . 
Es ist eine gewaltige Aufgabe gewesen, die an jeden einzelnen gestellt worden 
ist, denn es gait, die Verhaltnisse, die sich langsam uberhaupt erst gestalteten, 
erst heranreiften und noch nicht ausgereift sind, nicht allein zu beherrschen, 
sondern vorauszusehen, sich tastend Schritt fiir Schritt weiter zu wagen und 
doch die Gaben, die Erfahrungen jedes einzelnen dem Ganzen, dem gewaltigen 
Plane so dienstbar zu machen, daB es fiir die Zukunft, welche wir heute noch 
nicht iibersehen konnen, Fruchte tragen kann, selbst wenn wir nicht erleben 
konnten, daB sie reifen . . . Als alter Offizier im Dienste seiner Majestat des 
Konigs und als Mann, der sein deutsches Vaterland liebt, habe ich nur den 
einen Begriff von Ehre, namlich den, meine Pflicht zu tun bis zum letzten Atem- 
zuge. Das ist die einzige Ehre, die einen deutschen Mann erfullen darf . Ich habe 
oft daran gedacht, daB ich ein alter, kranker, verbrauchter Mann bin, und ich 
ware nicht an dieser Stelle geblieben, wenn ich mir nicht gesagt hatte, daB die 
Arbeit, die Erfahrung, der Gedankengang dieses alten Mannes, welcher von 
Anfang an hier gearbeitet hat, jetzt noch fiir die groBe Sache notwendig ge- 
wesen ist; darum bin ich noch hier geblieben, darum gebe ich meine letzten 
Krafte hin. Es ist nicht Eitelkeit oder Diinkel gewesen, aber der Wunsch, 
meine Pflicht zu tun bis zum allerletzten, solange mir noch die Kraft blieb, 
das Wort , Pflicht' zu erkennen.* 

Iriteratur: Schriften B.s: Ausbildung, Fuhrung und Verwendung der Reiterei (Bei- 
heft zum Militarwochenblatt 1895, He ^ 2 )- — Die Ubungen und Tatigkeit der Kavallerie- 
Division B im Herbst 1897 (ebda. 1898, Heft 5). — Massen- oder Teilfuhrung der Kaval- 
lerie, Berlin 1900. — Das Korpsmanover des VII. Armeekorps in den Tagen vom 21. bis 
23. September 1903, Miinster i. W. 1903. — Das Korpsmanover des VII. Armeekorps in 
den Tagen vom 21. bis 24. September 1904, Miinster i. W. 1905. — AUgemeine Bemer- 
kungen zu den Manovern im Jahre 1905, Miinster i. W. 1906. — Bemerkungen iiber Aus- 
bildung und Verwendung aller Waffen, iiber Leitung und Ausfuhrung der Manover, Miin- 
ster i. W. 1907. — Aufierdem zahlreiche Aufsatze in Zeitungen und Zeitschriften, von 
denen einige im Text genannt sind. — Der NachlaB B.s befindet sich zum Teil im Reichs- 
archiv, zum Teil im Besitz seiner Gemahlin. 

Potsdam. Robert Paul Ofiwald. 

Brentano, Franz, Philosoph, * am 16. Januar 1838 in Marienberg bei Boppard 
a. Rh., f am 17. Marz 1917 in Zurich. — B., Sohn des katholischen Schrift- 
stellers Christian B., Neffe des Dichters Clemens B., Bruder des National- 
okonomen Lujo B., besuchte in Aschaffenburg, wo die Familie bald nach seiner 
Geburt ihren dauernden Wohnsitz nahm, das Gymnasium, studierte dann in 



Bissing. Brentano 55 

Miinchen, Wiirzburg, Berlin (wo ihn Trendelenburg in das aristotelische Stu- 
dium einfuhrte) und Minister Philosophic Anf Grund seiner Schrift: »Von der 
mannigfachen Bedeutung des Seienden bei Aristoteles* 1862, welche namentlich 
-die Bedeutung und Entstehung der aristotelischen Kategorienlehre in neues 
Licht setzte, wurde ihm von der Tubinger philosophischen Fakultat der Doktor- 
titel zuerkannt. Seine durch den Geist des Elternhauses genahrte religiose Rich- 
tung trieb ihn zum Studiura der katholischen Theologie. Er wurde 1864 Priester, 
setzte aber seine aristotelischen Forschungen fort und habilitierte sich 1866 
mit der Schrift : »Die Psychologie des Aristoteles, insbesondere seine Lehre vom 
vof)$ 7toirjTiK6s« (1867) in Wiirzburg fur Philosophic Diese durch sorgfaltige 
Textanalyse und prazise Darstellung ausgezeichnete Schrift fiihrt zuletzt den 
seit Averroes oft in pantheistischenv Sinn als ein Denken Gottes im Menschen 
gedeuteten nntellectus agensn auf eine begriffsbildende Kraft der menschlichen 
Seele zurtick. 

B.s Sinn war aber langst nicht nur auf geschichtliche Studien, sondern auch 
auf eine Erneuerung der nach Hegels Tode zusammengebrochenen Philosophic 
gerichtet. Er sah in der Abkehr von der Erf ahrung die Ursache des Zusammen- 
bruches, in den spekulativen Systemen selbst also bereits Irrwege, und setzte 
sich das Ziel, die Philosophic durch Wiedereinfiihrung der naturwissenschaft- 
lichen (induktiven) Methode, die eine seiner Habilitationsthesen als die der 
Philosophic einzig angemessene bezeichnete, von Grund aus zu reformieren, ohne 
dabei die Richtung auf die hochsten Fragen preiszugeben. Diese Verbindung 
cines hochgespannten Idealismus mit der Wertschatzung der Tatsachen, mit 
auBerster Scharfe des logischen Denkens, kristallklarem Vortrag und einer 
ganz der Sache hingegebenen, durch den Charakter wie die auBere Erscheinung 
faszinierenden Personlichkeit fuhrten ihm nicht nur einen weiten Horerkreis, 
sondern auch begeisterte nahere Schiiler zu. So von Anfang an den Unter- 
zeichneten, bald darauf Anton Marty (1876 Professor in Czernowitz, 1882 — 1914 
in Prag, als Forscher besonders durch seine Untersuchungen zur Sprach- 
philosophie und L,ogik hervorragend). Auch Georg v. Hertling (s. unten, 
S. 416 if.), der sich neben der philosophischen bald auch der politischen Lauf- 
bahn widmete, Fuhrer der Zentrumspartei und zuletzt Reichskanzler wurde, 
und Hermann Schell, der spatere Fuhrer der »Modernisten« unter den katho- 
lischen Theologen, waren seine Schiiler in dieser Wiirzburger Zeit. 

In den Vorlesungen ging B. von der Geschichte der Philosophic zum Aufbau 
einer groBangelegten Metaphysik iiber, sodann zu einer ebenso kuhnen wie 
folgerichtig aus bestimmten Vordersatzen abgeleiteten Reform und Verein- 
fachung der iiberlieferten Logik, endlich zu einer Psychologie im Sinne genauer 
Beschreibung, Analyse und Klassifikation der psychischen Phanomenc Stu- 
dien iiber A. Comte (dem auch eine offentliche Vorlesung gewidmet war) und 
iiber J. St. Mill und den englischen Empirismus trugen zu dieser rein empi- 
rischen Aufgabestellung bei. Die Vorlesungen dieser Wiirzburger Jahre, von 
denen teilweise genaue Nachschriften vorhanden sind, zeugen von einer 
cminenten wissenschaftlichen Produktionskraft. 

Allmahlich geriet aber B. in wachsende, zuletzt unlosbare Schwierigkeiten 
mit den Dogmen der Kirche. Als iiberdies kirchengeschichtliche Studien ihm 
das Unfehlbarkeitsdogma, dessen Verkundigung unmittelbar bevorstand, als 
mit den Tatsachen unvertraglich zeigten, trennte er sich 1870 innerlich von der 



56 1917 

Kirche. Doch legte er, hauptsachlich aus Riicksicht auf seine Mutter, erst 1873 
das Priestergewand ab und erklarte dem Bischof seinen Austritt aus dem geist- 
lichen Stande. Kurz zuvor hatte er auch das ihm 1872 verliehene Extraordina- 
riat an der Universitat niedergelegt. 

1874 erschien der 1 . Band seiner » Psychologie vom empirischen Standpunkte «. 
In demselben Jahre wurde er unter dem liberalen Ministerium Stremayr als 
Ordinarius der Philosophic nach Wien berufen und entfaltete nun dort eine 
noch ausgedehntere Wirksamkeit. Seine Vorlesungen erstreckten sich jetzt 
auch auf die fur Juristen in Osterreich obligatorische »praktische Philosophies 
(Ethik und Rechtsphilosophie). Er zog wieder viele jiingere Krafte zur For- 
schung heran, so A. v. Meinong, der dann in Graz selbst eine einfluBreiche 
Schule begriindete, Franz Hillebrand, der sich besonders als Experimental- 
psychologe im Gebiete der Raumlehre auszeichnete (1896 — 1926 Ordinarius in 
Innsbruck), Twardowski (spater Professor in Lemberg), Masaryk, der 1882 an 
die neubegriindete tschechische Universitat in Prag kam und nach dem Welt- 
kriege Prasident der tschechoslowakischen Republik wurde, Husserl (spater 
in Halle, Gottingen, Freiburg i. B.), den bekannten Fuhrer der »Phanomeno- 
logen«, v. Ehrenfels (Prag), der den Anstofl zur » Gestaltpsychologie « gab, 
Hofler (Prag, Wien) u. a. Er war aber auch in der Wiener Gesellschaft ein gern 
gesehener Gast. Ein Zeugnis seiner geistbelebten Unterhaltung ist die unter 
dem Autornamen » Aenigmatias«erschienene und mehrfach aufgelegteSammlung 
seiner bei solchen Gelegenheiten aufgegebenen, ebenso scharfsinnig erdachten 
wie kiinstlerisch geformten Ratsel. Auch im Schachspiel, das gleichermaBen 
seiner Neigung zur Stellung und Losung von Problemen entsprach, war er 
Meister. 1880 verheiratete er sich mit Ida I,ieben, einer anmutigen und kunst- 
sinnigen Wienerin, muBte aber, um seine Ehe gegen alle Einwendungen zu 
schiitzen, aus dem osterreichischen Untertanenverband austreten und seine 
Stellung als Ordinarius mit der eines Privatdozenten vertauschen. Obgleich die 
philosophische Fakultat mehrmals seine Wiederernennung beantragte, konnte 
sich das Ministerium Gautsch aus Riicksicht auf die Kirche nicht zur Wieder- 
anstellung entschlieBen. Da ihm 1894 auch die Gattin durch den Tod entrissen 
wurde, entschlofi er sich 1895, Wien und Osterreich uberhaupt, dem er sehr 
zugetan war, zu verlassen. 

1896 erwarb er die italienische Staatsbiirgerschaft (Norditalien war die Ur- 
heimat der Brentanos) und liefi sich in Florenz nieder. Die Sommermonate 
pflegte er aber in seinem 1887 erworbenen idyllischen Anwesen zu Schonbuhl 
bei Melk an der Donau zu verbringen. 1897 schloB er einen zweiten Ehebund 
mit Emilie Rueprecht, die ihm nicht nur eine sorgliche Gattin, sondern auch, 
seitdem ein Augenleiden ihm das Lesen und Schreibenimmer mehr erschwerte, 
eine Helferin bei seinen wissenschaftlichen Arbeiten wurde. In Italien, wo er 
gelegentlich auch in Rom und Palermo langeren Aufenthalt nahm, trat er in 
Verbindung und Korrespondenz mit vielen dortigen Gelehrten (Puglisi, Amato, 
Vailati, Enriquez u. a.) ; in Schonbuhl wurde er regelmafiig von Marty und viel- 
fach von anderen Schiilern und Freunden aufgesucht. Philosophische Diskus- 
sionen blieben ihm I,ebensbedurfnis, und jedesmal begegneten den Besuchern 
neue Erweiterungen oder Umbildungen seiner Gedankenwelt. Als Italien im 
Weltkriege auf die Seite unserer Feinde trat, iibersiedelte er nach Zurich, wo er 
im8o. Iyebensjahre, langst erblindet, aber bis zumEnde in voller Geistesfrische, 



Brentano ^y 

gestorben ist. Er hinterlieB einen Sohn aus erster Ehe, der sich der akademischen 
Iyaufbahn als Physiker gewidmet hat (z. Z. Universitatsdozent in Manchester). 

B. war seit 1876 korr. Mitglied der Wiener, seit 1914 auch der Berliner Aka- 
demie der Wissenschaften. Seine Veroffentlichungen in der Wiener Zeit waren 
zumeist Ausarbeitungen von Vortragen, zu denen er aber immer prinzipiell 
wichtige Fragen wahlte. Besonders gehort dahin die Schrift : »Vom Ursprung 
sittlicher Erkenntnis« (1889). Aber auch die aristotelischen Studien setzte er in 
Abhandlungen fur die Wiener Akademie fort (Kontroverse mit E. Zeller iiber 
den aristotelischen Gottesbegriff). Nach der Wiener Zeit erschienen noch 
»Untersuchungen zur Sinnespsychologie« (1907), worin fur die Klassif ikation 
und Analyse der Empfindungen, besonders der Farben- und Tonempfindungen, 
neue, zum Teil allerdings nur hypothetische, Gesichtspunkte aufgestellt, aber 
auch Beobachtungstatsachen, wie die Identitat der Oktaventone, in neuer 
Weise gedeutet wurden; ferner eine Sonderausgabe des Kapitels »Von der 
Klassif ikation der psychischen Phanomene« aus der » Psychologie « mit wesent- 
lichen Erganzungen (Lehre von den Modi des Vorstellens, zu denen auch die 
Zeitvorstellung gerechnet wird); endlich zwei zusammenfassende Schriften 
iiber Aristoteles* Weltanschauung. Aber B. hatte trotz und teil weise wegen der 
bestandigen Durchpriifung seiner Anschauungen wenig Neigung zu Publika- 
tionen. Die Friichte seines Nachdenkens wurden in zahlreichen diktierten Ab- 
handlungen niedergelegt. 

Nach seinem Tode haben zwei Schuler Martys, Professor O. Kraus (Prag) 
und Professor A. Kastil (Innsbruck), die auch noch in personlichem Umgange 
B.s spatere Anschauungen kennenlernten, in sehr dankenswerter Weise mit 
der Herausgabe des Nachlasses und einer neuen Ausgabe der wichtigsten 
friiheren Werke (im Verlage Felix Meiner, Leipzig) begonnen und sie mit Ein- 
leitungen und Anmerkungen versehen. Der NachlaB befindet sich zunachst in 
ihren Handen; ebenso B.s umfangreiche Korrespondenz mit Marty und Kraus 
und andere wichtige Briefsammlungen. 

Durchdringender Scharfsinn, Erfassung des Prinzipiellen, Kiihnheit der 
Konzeptionen, weitschauende Vergegenwartigung logischer Zusammenhange 
waren hervorstechende Ziige des B.schen Denkens. Zuweilen, wie in gewissen 
Punkten der sinnespsychologischen Untersuchungen und in den letzten Aristo- 
telesschriften, mogen diese Vorziige zu allzu groBem Vertrauen auf deduktive 
Gedankengange gefiihrt haben. Aber mehr oder minder diirfte eine solche 
Geisteshaltung alien imgroBen Stile Philosophierenden eigen sein. Zu diesen 
intellektuellen Ziigen gesellte sich eine nicht geringe kiinstlerische Begabung. 
unbeugsame Willenskraft im Bunde mit ethischem Idealismus, der auch seine 
politische Einstellung beherrschte, ein starkes Freundschaftsbedurfnis, das sein 
Verhaltnis zu den Schiilern ganz im Sinne der antiken Philosophenschulen ge- 
staltete, endlich eine tiefreligiose Grundstimmung, der es nicht an gewissen 
mystischen Elementen fehlte, aber auch sie in enger Wechselwirkung mit 
subtiler Reflexion. Wer ihn genauer kannte und vor allem seine Forschertatig- 
keit miterlebte, der muBte den Eindruck einer durchaus genialen, schopferischen 
Natur empfangen. 

Als Hauptpunkte seiner Philosophic waren zu nennen: in der Erkenntnis- 
t h e o r i e und L o g i k die Herleitung aller Begrif fe aus den Gegebenheiten der 
auBeren und inneren Wahrnehmung, die Begriindung alles Wissens auf un- 



58 1917 

mittelbar einleuchtende Urteile, die Reduktion der allzu detaillierten Schlufi- 
lehre auf wenige Grundformen, die Rechtfertigung der Indnktion durch die 
apriorischen Wahrscheinlichkeitsgesetze ; in der Psychologiedie Charakteri- 
sierung des Bewufitseins durch die Beziehung auf Gegenstande (» Inten- 
tion «), die Klassifikation der Akte durch die Verschiedenheiten dieser Be- 
ziehung, die Unterscheidung des Urteilens vom blofien Vorstellen, die Ko- 
ordination von Fiihlen und Wollen, die Betonung der einheitlichen Bewufit- 
seinsstruktur gegeniiber der Assoziationspsychologie ; in der Ethik dieGrund- 
legung durch als richtig charakterisierte Wertungs- und Vorzugsakte und dar- 
auf gegriindete unmittelbar einsichtige Werturteile ; in der Metaphysikdie 
Theorie der Kontinuen und der Relationen, die Lehre vom Realen als dem 
einzig moglichen Gegenstand unseres Vorstellens und Urteilens (eine einschnei- 
dende Neuerung seiner spatesten Zeit, worin die alteren Schuler ihm nicht 
folgten), die Lehren von dem endlichen, aber ins Unendliche, selbst in der Zahl 
der Dimensionen, zu immer hoheren Stufen fortschreitenden Universum und 
von der Gottheit, welche theistisch, aber mit starken Abweichungen von dem 
liberlieferten christlichen Gottesbegriffe gedacht wird. Gegen die Darwinsche 
Theorie hat B. in Vorlesungen immer scharfe Einwande erhoben, aber den all- 
gemeinen Entwicklungsgedanken um so entschiedener festgehalten. Sowohl 
im Habitus seines Denkens als auch in vielen inhaltlichen Ziigen seiner Lehre 
steht er Leibniz besonders nahe (Theismus, Optimismus, Determinismus, 
Rationalismus, Logikreform, Theorie der unmerklichen Teilempfindungenu. a.). 
Dagegen erachtete er Kants Grundlegungen als verfehlt. 

Als ein besonders wichtiger, auch geschichtlich einfluBreicher Teil seines 
Systems sei hier die Urteilslehre etwas naher charakterisiert. Gegeniiber der 
liberlieferten, namentlich von der englischen Assoziationspsychologie ver- 
tretenen Auffassung des Urteils als einer Verbindung zweier Vorstellungen 
erkennt B. darin eine vom blofien Vorstellen wesensverscbiedene Grund- 
funktion. Eine vorgestellte Materie wird bejaht oder verneint, anerkannt 
oder verworfen. Sie kann aus Subjekt und Pradikat oder sonstwie zusammen- 
gesetzt, kann aber auch eingliedrig sein (z. B. bei Impersonalsatzen). Die sprach- 
liche Formulierung (Aussage) mufi sorgfaltig vom Urteil selbst unterschieden 
werden ; viele sogenannteUrteilsunterschiede sind nur Unterschiede der Aussage- 
form. Es gibt auch ein sprachloses Urteilen, sowohl im hoheren (begrifflichen) 
als im elementaren (anschaulichen) Denken. (Uber B.s Interpretation der Aus- 
sageformen, die Ubersetzung in Existentialsatze, in der er mit einer damals 
noch unverof f entlichten Auf stellung Leibnizens zusammentraf , und ihre Folgen 
fur die Syllogistik s. Fr. Hillebrand, Die neuen Theorien der kategorischen 
Schliisse 1891). In der Wiener Zeit hat allerdings die Urteils- und Schlufilehre 
infolge der Anerkennung von » Doppelurteilen « (s. das.) und weiterhin durch 
die Beziehung aller Urteile auf Reales viel von ihrer Einf achheit verloren ; aber 
zu diesen Konzessionen glaubte sich eben B. durch die Tatsachen genotigt. — 
Von der Urteilsmaterie, den zugrunde liegenden Vorstellungen, unterschied B. 
den Urteilsinhalt, der sprachlich durch die Infinitiv- oder »Dafi«-Form ausge- 
driickt werden kann, z. B. Sein oder Nichtsein Gottes. Dieser Begriff des spe- 
zifischen Urteilsinhaltes, fiir den Stumpf den Terminus »Sachverhalt« ein- 
fiihrte, hat bei Marty, Meinong, Husserl, aber auch aufierhalb der Schule bei 
Kiilpe (Logik), Selz, Biihler u. a. weitgehende erkenntnistheoretische Ver- 



Brentano 



59 



wendung gefunden. Gegen die Hypostasierung solcher Inhalte aber, zu der 
manche moderne Richtungen hinzuneigen schienen, hat B. spater nachdriick- 
lich Stellung genommen, auch darin nicht ohne Beriihning mit Leibniz. — 
Das Urteilen erfolgt entweder mit Einsicht (Evidenz) oder ohne solche, wie bei 
den instinktiven oder durch Gewohnheit oder blinde Gefiihlsmotive bedingten 
Urteilen. Jede Wahrnehmung ist schon ein Urteil, die sinnliche Wahrnehmung 
ein einsichtsloses, die der eigenen augenblicklichen BewuBtseinsakte aber 
(innere Wahrnehmung) ein unmittelbar einsichtiges Urteil. Dieses, Descartes' 
*Cogito, ergo sum«, bildet die Grundlage aller Erkenntnisse von Tatsachen, 
auch beziiglich der AuBenwelt. 

B. betont als eines der wichtigsten Strukturgesetze des Psychischen, dafi 
Vorstellungen alien iibrigen Akten zugrunde liegen und in ihnen eingeschlossen 
sind. Man hat dies seitens der voluntaristischen Psychologie als Intellektualis- 
mus bezeichnet. Es besagt aber nicht im mindesten die Umdeutung aller 
psychischen Funktionen in bloBe Vorstellungen oder Verstandestatigkeiten. 
B. dachte nicht daran, die qualitative Eigenart des Fuhlens und Wollens zu 
bestreiten. In jenem Strukturgesetz hat er aber zugleich einen fur das psy- 
chische Leben charakteristischen Zug hervorgehoben : die einseitige Abtrenn- 
barkeit der Vorstellungen. Man kann vorstellen, ohne zu urteilen oder zu 
wollen, aber nicht umgekehrt, wahrend materielle Teile gegenseitig trennbar 
sind. 

Von wesentlicher Bedeutung fiir die Gesamtauffassung der Philosophic bei B. 
und den meisten seiner Schuler ist f erner seine Lehre von dem allgemeinen Ent- 
wicklungsgange der Philosophic seit dem griechischen Altertum. Dieser er- 
scheint ihm als eine in alien drei Perioden analog (wenn auch mit begreiflichen 
Unterschieden im einzelnen) wiederkehrende Auf einanderf olge einer auf steigen- 
den und dreier absteigenden Phasen (Verflachung, Skeptizismus, Mystizismus), 
die sich in einer psychologisch verstandlichen Folge ablosen. Auf den Hohe- 
punkt der alten Philosophie, Aristoteles, folgen die popularen Schulsysteme der 
Stoiker und Epikureer, die skeptischen Richtungen der neuen Akademie und 
des Pyrrhonismus, endlich die mystisch-spekulativen der Neupythagoreer und 
Neuplatoniker ; auf die Hochscholastik in Albertus Magnus und Thoma^ von 
Aquino die Schulstreitigkeiten der beiden groBen Orden, der Kritizismus Ock- 
hams, die Mystik des ausgehenden Mittelalters (Nikolaus v. Kues) ; auf die 
Epoche von Bacon und Descartes bis Locke und Leibniz das populare Philo- 
sophieren der Aufklarungszeit, der Skeptizismus Humes und der Kritizismus 
Kants, endlich die spekulativ-mystischen Systeme des deutschen Idealismus. 
Der Aufstieg hangt immer zusammen mit giinstigen allgemeinen Kultur- 
bedingungen und ist seitens der Philosophierenden selbst bedingt durch eine 
Verbindung hochgesteigerten theoretischen Interesses mit Nuchternheit, 
Griindlichkeit und Strenge des Denkens. Auch ist charakteristisch das Zu- 
sammenwirken mit den Einzelwissenschaften, insbesondere den Naturwissen- 
schaften als Vorbildern induktiver Methodik und Schopfern des physischen 
Weltbildes. DaB im Mittelalter, abgesehen von den Arabern und einzelnen 
Scholastikern wie Albertus, die Naturwissenschaften darniederlagen, war 
neben dem Drucke der kirchlichen Autoritat eine Hauptursache fiir den 
Mangel an gleich originellen Leistungen, wie sie die beiden anderen Perioden 
aufweisen. 



6o 1917 

Diese Auffassung des allgemeinen Entwicklungsganges der Philosophic bil- 
dete schon vor der Wurzburger Zeit den Ausgangspunkt fur B.s eigene philo- 
sophische Lebensarbeit. Ob man ihm in der Bewertung der einzelnen Stadien 
zustimmt, hangt natiirlich von dem eigenen Standpunkt ab; auch kann man 
objektiv das geschichtliche Material nach vielen verschiedenenGesichtspunkten 
anordnen. Aber daB hier lehrreiche und fruchtbare Analogien vorliegen, wird 
sich nicht leugnen lassen. 

Nachdem nun iiber 60 Jahre seit dem Beginne von B.s Auftreten ver- 
flossen sind, laBt sich wohl auch seine eigene Stellung in der Philosophie- 
geschichte einigermaBen bestimmen. Von besonderem Einflusse war er auf die 
Psychologic Im Gegensatze zu Wundts, gleichzeitig mit der »Psychologie vom 
empirischen Standpunkte« erschienener, » Physiologischen Psychologie« hielt 
er vor dem Eintritt in die physiologischen Erklarungen, die zunachst immer 
hypothetisch sein miissen, eine genaue Zergliederung des psychischen Tat- 
bestandes auf Grund verscharfter Selbstbeobachtung (er nannte sie deskriptive 
Psychologie oder Psychognosie) fiir notwendig ; und zu dieser lieferte er muster- 
gultige, sei es auch nicht iiberall endgiiltige, Grundlegungen durch die Unter- 
scheidung zwischen den Akten und den Gegenstanden des BewuBtseins (Akt- 
oder Funktionspsychologie), durch seine klassifikatorischen Untersuchungen 
und durch die Aufzeigung der spezifischen Strukturverhaltnisse zwischen und 
innerhalb der einzelnen psychischen Zustande (Strukturpsychologie nach 
Diltheys Bezeichnung). Nur Lotze war ihm unter den Neueren hierin voraus- 
gegangen. Das spater von der Kiilpeschen Schule gegeniiber dem Sensualismus 
betonte unanschauliche, begriffliche und symbolische Denken (Denkpsycho- 
logie) bildete von Anfang an einen wesentlichen Bestandteil seiner Lehren. In 
seiner Schule haben besonders Marty, Meinong und Husserl, auch Twardowski 
solche Untersuchungen weitergefuhrt. Die im engeren Sinn experimentelle 
Methode, wie sie durch E. H. Weber, Fechner, Helmholtz und Hering in die 
Sinnespsychologie eingefuhrt worden war, wuBte er gleichfalls vom Beginne 
seiner psychologischen Forschungen an vollauf zu schatzen. Die Beweiskraft 
seiner eigenen ausgedehnten Experimente zur Begriindung einer Farbentheorie 
ist wohl manchem Zweifel ausgesetzt. Aber seine Kritik der dem Fechnerschen 
Gesetze zugrundeliegenden Voraussetzungen, sein Nativismus in der Raum- 
lehre und anderes sind durchgedrungen. In seiner Schule haben Hillebrand und 
der Unterzeichnete die experimentelle Methode gepflegt. 

Aber nicht nur der Psychologie, auch alien iibrigen philosophischen Diszi- 
plinen hat B. kraftvolle neue Impulse gegeben. Es ist nicht richtig, daB er sie 
ausschlieBlich auf Psychologie hatte griinden wollen (Psychologismus) . Viel- 
mehr suchte er die letzten Kriterien fiir Wahrheit und Falschheit in einleuch- 
tenden Urteilen, die keine psychologische Begriindung zulassen, die fiir das 
ethisch Gute in » als richtig charakterisierten « Gemiitstatigkeiten, deren Rich- 
tigkeit gleichfalls keine psychologische Erklarung zulaBt. In der Erkenntnis- 
theorie hielt er gegeniiber dem extremen Empirismus daran fest, daB neben 
den unmittelbar gewissen Tatsachen des eigenen BewuBtseins apriorische 
Grundsatze die Voraussetzungen aller Erfahrung bilden, ohne jedoch deren 
synthetische Natur im Sinne Kants gelten zu lassen. In diesem Gebiete, der 
Auseinandersetzung zwischen Empirismus und Rationalismus, ist zwar noch 
lange keine definitive Einigung zu erwarten und sind auch innerhalb der 



Brentano. Dyckerhoff 6 1 

B.schen Schule Abweichungen, beispielsweise beziiglich der mathematischen 
Axiome und der obenerwahnten elementarlogischen Fragen, hervorgetreten. 
Aber die intensive Beschaftigung mit erkenntnistheoretischen Problemen ist 
alien seinen Schiilern gemeinsam. Dasselbe gilt von der Ethik, in deren Auf- 
fassung als allgemeinster Wertlehre in der Schule kaum Unterschiede bestehen, 
wahrend im einzelnen Kraus und der Unterzeichnete sich enger als Meinong 
und Ehrenfels an B. anschliefien. Fur die Rechtsphilosophie hat besonders 
Kraus B.s psychologische und ethische Grundlegungen verwertet. In der 
Asthetik steht Utitz (Theorie der Funktionslust) unter dem Einflusse B.scher 
Psychologic Zur Geschichte der Philosophic haben zahlreiche Schiiler und 
Enkelschiiler B.s, wie Arleth, A. v. Berger, Hugo Bergmann, v. Hertling, 
Kastil, Kraus, v. Meinong, Schell, Stumpf u. a. Beitrage geleistet. So vielseitig 
aber auch die von B. ausgegangenen Anregungen und die bevorzugten Arbeits- 
felder seiner Schiiler sind : als Zentrum und letztes Ziel des Philosophierens gilt 
sicher alien wie B. selbst weder Psychologie noch Erkenntnistheorie noch 
Ethik, sondern eine neue, auf die Gesamtheit dieser Forschungen zu begriin- 
dende Metaphysik. Am weitesten hat bisher er selbst sich in dieses zeitweilig 
verrufene, heut aber wieder vielfach anerkannte Gebiet vorgewagt. 

Vielleicht hat niemals auCer im 16. Jahrhundert eine solche Menge wider- 
streitender philosophischer Richtungen gleichzeitig bestanden wie heute. 
Inner halb dieses gahrenden Chaos hat B. als Denker strengster Observanz 
bahnbrechend gewirkt, als Lehrer das Streben nach scharfer Begriffsbildung 
und methodischem Aufbau der Untersuchungen den Schiilern zur obersten 
Regel gemacht. DaB die Philosophic den AnschluB an die Naturwissenschaften 
und konkreten Geisteswissenschaften wiedergewonnen hat, ist nicht zum 
wenigsten seinem Einflusse zu danken. Sehr zu wiinschen ware aber eine Ge- 
samtdarstellung seines Gedankensys terns einschlieBlich der Umwandlungen, in 
der alles Wesentliche, unbeschadet der Genauigkeit, in einer leichter zu gang- 
lichen Form wiedergegeben ware. 

Literatu r: Naheres zur Biographie und Charakteristik B.s findet man in folgenden 
Darstellungen : » Franz B.« von O. Kraus, mit Beitragen von C. Stumpf und E. Husserl; 
Miinchen bei O. Beck, 1919 (mit zwei Bildnissen) ; Lebenslaufe aus Franken, Bd. II, 1922, 
Art. » Franz B.« von C. Stumpf, Neue osterreichische Biographic, Bd. Ill, Art. »Franz B.« 
von O. Kraus, 1926. In diesem Artikel zugleich ein vollstandiges Verzciclmis der zu B.s Leb- 
zeiten erschienenen Schriften und Hinweise auf weitere biographische Darstellungen und 
Quellen. Verzeichnisse der Schriften auch in dem vorher erwahnten Krausschen Buche 
und in der Neuausgabe der » Psychologies, S. XCIV. 

Berlin-Lichterfelde. Carl Stumpf. 

Dyckerhoff, Rudolf, Professor, Dr.-Ing. e.h., Portlandzementfabrikant, * am 
25. Marz 1842 in Mannheim, f am 23. Februar 19 17 in Amoneburg bei Biebrich 
am Rhein. — Nach dem Besuch der Realschule seiner Vaterstadt bezog er die 
Technische Hochschule in Karlsruhe und die Universitat Heidelberg, um 
Chemie und Physik zu studieren. Im Jahre 1864 trat er in die von seinem Vater 
gegriindete Portlandzementfabrik in Amoneburg bei Biebrich ein, um die 
Leitung des Betriebes zu iibernehmen. Es darf nicht iiberraschen, da(3 der 
junge Chemiker gleich den Betrieb ubernahm. War es doch zu einer Zeit, als 
die ersten Portlandzementfabriken in Deutschland eingerichtet wurden, und 
Erfahrungen, die noch nicht vorhanden waren, gesammelt werden muBten. 



62 1917 

Fur diese Aufgabe war der junge, aufstrebende, wissenschaftlich geschulte 
Rudolf D. sehr geeignet. Seine Entwicklung geht parallel mit der Entwicklung 
der deutschen Portlandzementindustrie, die seit der Begriindung der ersten 
groBeren Zementfabrik in Ziillichow bei Stettin im Jahre 1850 nur langsam 
voranschritt. Der englische Zement beherrschte damals den deutschen Markt, 
und es gait, das deutsche Fabrikat in einer ganz besonderen Gute herzustellen, 
wenn es das beliebte auslandische Erzeugnis ersetzen sollte. 

Rudolf D. fiihrte dank umfassender wissenschaftlicher Kleinarbeit Ver- 
besserungen in der Zementherstellung ein, und es gelang ihm bald, das Vor- 
urteil der Uberlegenheit des auslandischen Zementes zu zerstreuen. Er war 
von der Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Durchdringung der Zement- 
fabrikation erfiillt, und in diesem Sinne arbeitete er ein Leben lang mit groBem 
Erfolge. Uberzeugt, da6 die Gute des in der eigenen Fabrik hergestellten Port- 
landzementes nur verbessert werden konnte durch einwandfreie Nachweise 
seiner Eigenschaften, arbeitete D. an der Verbesserung der Priifungsmethoden 
des Portlandzementes und wirkte so zugleich im allgemeinen Interesse. Im 
Jahre 1876 erschien seine erste grundlegende Arbeit iiber die Priifung des Port- 
landzementes in der Zeitschrift der »Ton-, Zement- und Kalk-Industrie«. Im 
Jahre 1877 folgte die Veroffentlichung iiber Priifungsmethoden von Portland- 
zement (» Deutsche Bauzeitung« Nr. 38). Diese Arbeiten bildeten die Grund- 
lage fiir die Beratungen der Kommission, die zu der Einfuhrung der einheit- 
lichen Priifung von Portlandzement in der Mitte der siebziger Jahre aus Fach- 
leuten der Zement- und Bauindustrie und der Behorden eingesetzt wurde. Die 
Ergebnisse der Kommissionsarbeit waren in den ersten Normen fiir die ein- 
heitliche Lieferung und Priifung von Portlandzement niedergelegt, die inner- 
halb und auBerhalb des Deutschen Reiches bei der Priifung der Eigenschaften 
von Portlandzement allgemeine Anerkennung gefunden haben. Eine wert voile 
Arbeit ist die Abhandlung Rudolf D.s fiir das Deutsche Museum fiir Meister- 
werke der Naturwissenschaft und Technik in Miinchen iiber die Entwicklung 
des Priifungsverfahrens fiir Portlandzement insbesonders in Deutschland, die 
in der » Deutschen Bauzeitung* 1906 Nr. 9 veroffentlicht wurde. 

Im Jahre 1865 entstanden die ersten Zusammenschliisse in der Kalk- und 
Zementindustrie, und im Jahre 1877 wurde der Verein deutscher Portland- 
zementfabrikanten unter Mitwirkung von Rudolf D. gegriindet, der wie kein 
anderer von der Notwendigkeit der Zusammenarbeit von Wissenschaft und 
Praxis durchdrungen war. In diesem Sinne wirkte der Verein vorbildlich dank 
dem Einflusse Rudolf D.s und der Gleichgesinnten. Nach der Griindung des 
Vereins Deutscher Portlandzementfabrikanten, der in diesem Jahre (1927) sein 
50jahriges Bestehen feierte, trat Rudolf D. sehr bald durch Verof fen tlichungen 
und Vortrage auf Grund seiner Arbeiten im Laboratorium hervor, die zum 
groBen Teil in den Protokollen des Vereins niedergelegt sind. Unter den Ar- 
beiten sind f olgende besonders zu nennen : » Der EinfluB einer Kalkbeimengung 
zu Zement«, 1879; »Herstellung von Beton aus Portlandzement «, 1880; »t)ber 
die Beimengung von Hochofenschlacke zu Portlandzement «, 1883 — 1885 ; »t)ber 
die Wirkung der Magnesia im gebrannten Zement «, 1888. Im Jahre 1893 ff. 
wurden die Arbeiten » Uber die Einwirkung von Meerwasser auf Zement und 
auf hydraulische Bindemittel« veroffentlicht. 

Rudolf D. hat sich rasch Anerkennung und einen guten Namen in der Fach- 



Dyckerhoff. Flex 63 

welt des In- und Auslandes erworben. Neben Delbriick gehorte er seit der 
Griindung des Vereins Deutscher Portlandzementfabrikanten als 2. Vorsitzen- 
der durch mehr als zwei Jahrzehnte dem Vorstand an. Die meisten Kom- 
missionen des Vereins zahlten ihn zu ihrem Mitglied. Im internationalen Ver- 
band fiir Materialpriifung der Technik war er Mitglied der Meerwasserkommis- 
sion. 

Im Jahre 1905 wurde Rudolf D. auf Grund seiner hervorragenden und grund- 
legenden Verdienste um die Entwicklung des Portlandzementes von der Tech- 
nischen Hochschule Dresden zum Dr.-Ing. e. h. ernannt, und im Jahre 1912 
erhielt er von der hessischen Regierung den Titel » Professor «. Rudolf D. genoB 
groBes Ansehen in wissenschaftlichen Kreisen und innerhalb der Zement- 
industrie. Er besaB ernstes Streben, hohes Verantwortungsgefiihl und ist in 
hervorragender Weise an der machtvollen Entwicklung der deutschen Port- 
landzement-Industrie beteiligt. Er war ein Forscher, der bei seinen Arbeiten im 
Laboratorium die Zusammenhange mit der Praxis stets beachtete, und es ist 
ihm zu danken, wenn sich der »Dyckerhoff-Zement« bis zum heutigen Tage das 
Vertrauen der Ingenieure und der Zement verarbeitenden Industrien erworben 
hat. Als Mensch war er einfach, von lauterem Charakter, liebenswiirdig und 
bescheiden. 

Karlsruhe i. B. Emil Probst. 



Flex, Walter, Dr. phil., Dichter, * am 6. Juni 1887 in Eisenach, gef alien am 
16. Oktober 1917 in den Kampfen auf der Insel Oesel. — Walter F. gilt vielen 
als der Dichter des Weltkrieges — und sicherlich hat er am reinsten und 
packendsten dem Geiste der Kriegsfreiwilligen, dem bejahenden Opfergeist der 
deutschen Jugend Ausdruck gegeben. Wer sich den Menschen F. nach Bildern, 
mehr nach seinen Werken und den biographischen Nachrichten, die iiber ihn 
verbreitet sind, vorstellen will, hat wohl unwillkurlich das Bild kraftvoller 
Frische, tiefer Innerlichkeit, besonderer Reinheit. Aus seinem »Wanderer 
zwischen beiden Welten«, seinem verbreitetsten Werk, erwachst dieses Bild, 
und es steigt auch aus seinen Kriegsgedichten auf, die den so gliicklich ge- 
wahlten Titel » Sonne und Schild« tragen. Ist's nicht, als ob der junge Dichter 
damit selbst die Sinnbilder seines Schaffens bezeichnete? Zur Sonne, zum 
Lichte strebte er in all seinen Gedanken und Taten ; und dabei war er doch ganz 
erdnahe, war Schild des Vaterlandes, war innerlich ganz bereit, sich zu opfern. 

Sein Wesen erklart sich klarer als das vieler anderer Dichter aus Herkunft 
und Umgebung. Walter F. war der zweite von den vier Sohnen des Gymnasial- 
oberlehrers Dr. Rudolf F. (f 1918) und seiner Ehefrau Margarete, geb. Pollack. 
Sein Geburts- und Heimatsort war Eisenach. Seiner Stammesart nach war er 
aber Schlesier, denn die Vorfahren des Vaters waren Bauern und Handwerker 
in Konigshain bei Gorlitz, die Mutter stammte aus Rawitsch. Eine reiche 
Jugend hatte der Dichter. Vielgestaltig waren die Bildungsmachte, die auf ihn 
einwirkten. Ihn umfing die liebliche Thiiringer Landschaft, und in frohem 
Wanderleben wurde die Freude an der Schonheit des Waldes, der Wiesen, der 
einfachen und ewigen Pracht deutschen L,andes in ihm wach. Taglich griiBte 
ihn die Wartburg, und die Kulturepochen der deutschen Geistesgeschichte ge- 
wannen I^eben fiir ihn auf historischem Boden. 



64 J 9i7 

Der stete und unmerklich wirkende EinfluB der Umwelt wurde durch die 
Eltern geklart und gestarkt. Der Vater war im besten Sinne der Typ des geistig 
regen Vorkriegsdeutschen, des Akademikers, der in dem erstarkenden, reichen 
Deutschland mit Stolz und Begeisterung an alien of fentlichen Fragen teilnahm : 
er war Bismarckverehrer, sprachlich und historisch interessiert, warb durch 
Gelegenheitsgedichte und Festspiele fur seine Gedanken. Idealismus und Sich- 
einsetzen fiir seine Uberzeugung — das war selbstverstandlich im F.schen 
Hause. Der Oberlehrer Dr. F. war noch einer von denen, die es fiir nationale 
Pflicht hielten, in Vereinen und Ausschiissen mitzuarbeiten. Bald gait es ein 
Denkmal zustande zu bringen, bald in den Wahlkampfen fiir die national- 
liberale Partei zu werben. Staat und Geschichte wurden durch das unermiid- 
liche Wirken des Vaters sehr lebendige Machte fiir den Knaben. Der Wille zu 
dichterischem Schaffen und zur Beherrschung der Sprache wurde in nicht ge- 
wohnlichem MaBe in ihm geweckt. 

Doch mehr bedeutete ihm die Mutter. So selten bei F. Liebesszenen, Liebes- 
gedichte im iiblichen Sinne sind, so haufig sind innige, tief empfundene Worte 
des Dankes und der Verehrung fiir seine Mutter. »Wenn er von der Mutter 
erzahlte, lag es wie Weihestimmung iiber ihm; ich habe niemals eine so reine, 
zarte Ehrfurcht vor dem Miitterlichen erlebt wie bei Walter F.«, so wird noch 
der DreiBigjahrige geschildert. — Eine tief innerliche, phantasiebegabte Frau 
war sie, von echtem religiosen Empfinden — eine Frau, die Wahrtraume hatte, 
die soziale und weltanschauliche Fragen durchdachte, die vor allem durch ein 
natiirliches Erzahltalent ihre Kinder anregte. Die Mutter und deren unver- 
heiratete Schwester hiiteten und pflegten auch die fruherwachten dichterischen 
Neigungen des Knaben und Junglings. 

Der begabte, allgemein beliebte Junge verlebte eine gliickliche Schulzeit auf 
dem Karl-Friedrich-Gymnasium zu Eisenach, an dem er Ostern 1906 das 
Abiturientenexamen bestand. Hatte er weniger Selbstkritik gehabt, so hatte 
es ihm gefahrlich werden konnen, daB er schon als Gymnasiast mit lyrischen 
Gedichten und dramatischen Versuchen reiche Anerkennung fand. L,auten Er- 
folg brachte ihm eine dramatische Skizze: »Die Bauernfiihrer«, die 1905 von 
einem Gymnasiastenverein unter Mitwirkung des jungen Dichters aufgefiihrt 
wurde. Andere Dramenentwiirfe entstanden in der Primanerzeit. Der Acht- 
zehnjahrige wurde bereits »literarisch« bekannt. Schon als Student konnte er 
in der »DeutschenRomanzeitung« zahlreiche Gedichte und Novellen verof fent- 
lichen. 

Eine reiche Jugend war es, durch die Walter F. heranreifte. Er nahm das 
Beste aus ihr ins Leben mit : nicht Verwohnung und Eitelkeit, sondern Lebens- 
freude und Natursinn, tatigen Idealismus und den Willen zu dichterischem 
Schaffen. 

Die gliickliche Jugend fand ihre Fortsetzung in einer noch gliicklicheren 
Studentenzeit. Ostern 1906 ging er als Student der deutschen Literatur und 
Geschichte nach Erlangen, zwei Jahre spater nach StraBburg. Zunachst schob 
er alle Studiensorgen beiseite und genoB die unvergangliche Poesie deutschen 
Studentenlebens, erfuhr an sich die frohliche und doch strenge Schulung des 
Waffenstudenten turns. F. besaB eine iiberschaumende Jugendkraft, eine fast 
leidenschaftliche Liebe zur Frohlichkeit. Und diese Anlagen tobte er in diesen 
vier Erlanger Semestern in vollem MaBe aus. Die sittliche Starke seiner Person- 



Flex 



65 



lichkeit blieb unangetastet. Nie vernahm einer aus seinem Munde ein zwei- 
<ieutiges Wort. So bedeuteten die vier Semester, die er bei der Burschenschaft 
Bubenruthia-Erlangen zubrachte, fur seinen Werdegang unendlich viel. Es ist 
bezeichnend fiir F., daB er, der mit Schmissen bedeckte Couleurstudent, spater 
der Verkunder des Wandervogelideals wurde. Ihm blieb das geniiBliche, ge- 
dankenlos hintorkelnde Sauf- und Raufstudententum fern. Und weil er in der 
Burschenschaft die doppelte Entwicklungsmoglichkeit zu reinem Idealismus 
und zu couleurstudentischer Straff heit fand, darum fiihlte er sich jenem Kreis 
stets innig verbunden. 

In StraBburg wandte er sich mit frischem Eifer geistigem Schaffen zu. Das 
Studium wurde gefordert, im philosophischen Seminar war F. bald ein ge- 
schatztes Mitglied. Er bewies in diesen Jahren die groBe Schwungkraft des 
geistigen Schaffens, die er bis zuletzt an sich hatte, derart, daB er auch im Felde 
unter den widrigsten auBeren Verhaltnissen oft wie unter hoherer Eingebung 
seine Dichtwerke niederschrieb. Bei aller notwendigen Examenarbeit verfaBte 
er in der StraBburger Zeit eine groBe Zahl von Novellen, die er in der » Roman- 
zeitung« veroffentlichte. Er liebte die historische Novelle und miihte sich um 
die Gestaltung vor allem » religios-psychologischer Probleme, in eine starke, 
reiche Handlung inkarniert, in einem dieser Handlung adaquaten sinnlich wir- 
kenden Sprachstil, der . . . jeden Satz mit dem eigentiimlichen Zeitgeist durch- 
trankt«. Conrad Ferdinand Meyer war ihm Vorbild. — GewiB, diese literarische 
Arbeit war Gelegenheitsproduktion, war oft leicht hingeworfen. Aber er kam 
vorwarts, erkannte immer klarer Weg und Ziel seines Schaffens. 

Er straubte sich entschieden gegen den vom Vater gewiinschten »gesicherten 
Lebensberuf « als Lehrer. Ihm geniigte es, daB er 1910 in Erlangen mit einer 
Arbeit »t)ber die Entwicklung des tragischen Problems in den deutschen 
Demetriusdramen von Schiller bis auf die Gegenwart« den Doktortitel erwarb. 
— Andererseits hatte er ernste Bedenken, ob er sich wohl als Schriftsteller 
werde durchsetzen konnen. Ein Drama » Demetrius « war in der StraBburger 
Zeit vollendet worden und wurde 1909 im Eisenacher Stadttheater aufgefiihrt. 
Die Novelle »Der Schwarmgeistd, — ein Gedichtband »Im Wechsel« erschienen 
im Buchhandel und fanden auch Anerkennung, aber doch nicht derart, daB er 
•darauf sein auBeres Leben griinden konnte. 

So suchte er Zeit zur Entwicklung und zum Schaffen, ohne dem Vater weiter 
auf der Tasche zu liegen. Er wurde Hauslehrer in adligen Hausern: zunachst 
Erzieher des jungen Graf en v. Bismarck in Varzin, mit dem er auch spater 
freundschaftlich verbunden blieb. Dann berief ihn die Fiirstin Bismarck nach 
Friedrichsruh. Dort unterrichtete er Gottfried und Wilhelm v. Bismarck und 
half bei der Ordnung des Familienarchivs. — Von dort ging er als Hauslehrer 
zu dem Freiherrn v. Leesen nach Retschke in der Provinz Posen, wo ihm warme, 
herzliche Teilnahme fiir sein dichterisches Schaffen entgegengebracht wurde. 
Von 1910 bis 1914 wahrte diese Tatigkeit, und er fand dadurch die ersehnte 
MuBe und reiche stoffliche Anregung fiir manches Werk. Erzahlende und dra- 
matische Dichtungen entstanden in rascher Folge. Die Beschaftigung mit der 
Geschichte des Hauses Bismarck regte ihn zu dem Novellenband »Zwolf Bis- 
marcks« und zu der Tragodie » Klaus v. Bismarck « (Erstauffiihrung 1913 in 
Koburg) an. Er griff auch auf Stoffe der friihen deutschen Geschichte zuriick 
wie in seinem » deutschen Konigsdrama IyOthar«. 
dbj 5 



66 * 1917 

Es lohnt, dieses Vorkriegswerk des Dichters naher zu betrachten. Alle diese 
Dichtungen bekunden es, daB F. nicht erst durch den Krieg die bestimmende 
Richtung seines Wesens erhielt. — Seine Dichtung stand im Gegensatz zu alien 
asthetisierenden, experimentierenden, oft international gerichteten Kunst- 
richtungen der Vorkriegszeit. Dem Begriff »Vaterland« suchte er neuen Inhalt 
zu geben, die Zerrissenheit und soziale Not der Zeit beschaftigte ihn immer ein- 
dringlicher. Die Iyiebe fur groBe Personlichkeiten, fiir Manner, die sich selbst 
treu bleiben wie die Bismarcks, deren trotzige Fiihrerkraft ihn begeisterte,. 
klingt aus den Werken jener Jahre heraus. So wird der verschiedenartige Stoff^ 
dessen Gestaltung der junge Dichter von allem Rohen und HaBlichen fernhalt, 
zum Trager eines menschlich und kunstlerisch hohen Willens. Immer bewuBter, 
immer klarer findet er schon in diesen Jaliren die Formulierung seiner kiinst- 
lerischen Absichten. Im Begleitwort zu »Lothar« legt er seine tragische Theorie 
dar, indem er die Gedanken seiner Dissertation ausfiihrt. Seine Theorie hat 
deutliche Beziehungen zu Hebbel. Bezeichnend fiir F. ist aber, daJ3 ihm das 
Wesen des Tragischen vor allem darin zu liegen scheint, daB ein GroBer den 
Zusammenhang mit seinem Volk verliert. Das kann geschehen, indem er durch 
eigene Schuld sich dieser Verbindung beraubt, oder indem sie ihm zerschnitten 
wird. Der Dichter sagt selbst: »tragisch endet, wer sich selbst entwurzelt, vom 
Du gelost wird oder sich von ihm lost, wer das Ziel auch des Einzelnen ver- 
kennt, die Gesellschaft. « Das Bezeichnende an dieser Theorie ist die Selbst- 
verstandlichkeit, mit der F. voraussetzt, daB der einzelne seine hochsten Auf- 
gaben, den eigentlichen Sinn seines Lebens, nur erfiillen kann in der tiefsten 
Verbundenheit mit seinem Volk. — Das Vaterland war ihm, wie er ebenso klar 
ausfiihrt, nie etwas anderes als die Gesamtheit aller Volksgenossen. So wurde 
ihm der Gedanke der sozialen Versohnung, mit dem er sich immer wieder be- 
schaftigte, zum Problem, um dessen Losung er rang. Kurz vor dem Kriege 
plante er einen Roman, der die Welt des deutschen Arbeiters darstellen sollte. 

Walter F. war wahrlich auf den Krieg vorbereitet. Ihm war es langst be- 
wuBte Erkenntnis, daB der einzelne nichts, daB das Volk alles bedeutete. In 
einer Zeit satter Zufriedenheit sah er die Not der Armen, Bedriickten — be- 
geisterte sich in seinen Werken fiir das Beispiel des Fiihrers, der Personlichkeit. 
Und bei all dieser freien, stolzen Entwicklung hatte er sich ein kindliches, reines 
Herz bewahrt, das empfanglich blieb fiir die Schonheit der Natur, fiir echtes 
Menschentum, wo immer es ihm entgegentrat. 

Da kam der Krieg! — Fiir F. bedeutete der Ruf zur Verteidigung des Vater- 
landes den ersehnten Zwang, das zu verwirklichen und vorzuleben, was er ge- 
lehrt hatte: den unbeugsamen Idealismus. Allzusehr wirkt heute die nieder- 
ziehende, triibe Erinnerung an die letzten Kriegsjahre in uns nach. Da sollten 
wir uns recht oft an den August 1914 erinnern, den F. »eine Flutmarke Gottes* 
nannte, »die die Nachgeborenen des eigenen und der fremden Volker iiber sich 
sehen werden an den Ufern, an denen sie vorwartsschreiten«. F. blieb dem 
August 1914 treu bis zuletzt. Im Oktober 1917, in einem seiner letzten Briefe, 
schrieb er: »Ich bin heute innerUch so kriegsfreiwillig wie am ersten Tag. Ich 
bin's und war es nicht, wie viele meinen, aus nationalem, sondern aus sittlichem 
Fanatismus. Was ich von der Ewigkeit des deutschen Volkes und von der welt- 
erlosenden Sendung des Deutschtums geschrieben habe, hat nichts mit natio- 
nalem Egoismus zu tun, sondern ist ein sittlicher Glaube, der sich selbst in der 



Flex 67 

Niederlage oder . . . im Heldentode eines Volkes verwirklichen kann.« So ging 
Walter F. in unerschuttertem Idealismus, in festem Glauben an sein Volk seinen 
Weg bis zuletzt. 

Der Siebenundzwanzigjahrige, der bisher wegen einer Sehnenschwache der 
rechten Hand nicht gedient hatte, trat als Kriegsfreiwilliger bei dem Inf .-Reg.50 
in Rawitsch ein. Bald kam er ins Feld und nahm am Stellungskrieg in den Ar- 
gonnen teil. Von den Strapazen des Winterfeldzuges, den er als Musketier mit- 
machte, blieb ihm nichts erspart. Mit Eifer nahm er an alien, auch an den 
niedrigsten Arbeiten teil. Kriegsgedichte und das Buchlein » Vom groBen Abend- 
mahl« machten seinen Namen bekannt. Im Vorfriihling des Jahres 1915 wurde 
er mit mehreren Kameraden nach dem Warthelager bei Posen kommandiert, 
wo er zum Offizier ausgebildet wurde. Er trat als Leutnant in das Inf .-Reg. 138 
ein, nahm an der Eroberung Wilnas teil und machte die Kampfe bei Postawy 
und am Narotschsee mit. 

Hart packte ihn der Ernst des Krieges. Sein geliebter j lingerer Bruder war 
gleich zu Beginn des Krieges gefallen. Im August 1915 verlor er den Freund, 
den Wandervogel Ernst Wurche, den er aus dem Kreise der Kameraden zu 
reinster geistiger Gemeinschaft gewann. 1916 erschien das Buch, das vor alien 
anderen seinen Namen weitertragen und verklaren wird: »Der Wanderer 
zwischen beiden Welten«, das Buch, das nichts ist als ein wirkliches Kriegs- 
erlebnis, das schlicht und innig von seiner Freundschaft mit Ernst Wurche er- 
zahlt. Aber was F. da erstehen lieB, war das Bild der neuen Jugend, das Wider- 
hall findet iiberall da, wo die Sehnsucht lebt nach Erlosung aus dem Schmutz 
der Zeit, aus Geld- und Sinnengier. Der singende Wandervogel — der Theologe, 
der das Neue Testament, Nietzsches Zarathustra und Goethe mit gleichef Liebe 
bei sich fiihrt, der deutsche Jiingling, der im Geistigen sich ebenso rein badet 
wie in Strom, Sonne und Wolke, wurde das Ideal einer neuen Jugend. »Rein 
bleiben und reif werden «, das ist die Forderung, die aus diesem Buchlein in viele, 
viele Herzen dringt. 

Zuletzt war Walter F. von dem Plane erfiillt, die Geschichte eines Kriegs- 
freiwilligen zu schaffen, das Buch seines eigenen Ich zu schreiben. Nur zwei 
Kapitel sind von diesem Werk »Wolf Eschenlohr« vollendet. Auf hoherer Stufe 
sollte diese Dichtung darstellen, was F. von der Menschheit forderte: ein neues 
Verhaltnis der deutschenMenschen zueinander durch Versohnung der Schichten, 
ein neues Verhaltnis aber auch zum t)berirdischen. Die harte Wirklichkeit mit 
ihren unerbittlichen Pflichten lieB nicht zu, daJ3 dieses Werk ausreifte. F. war 
Feldsoldat und wollte nichts anderes sein. Aber er empfand mehr als ein an- 
derer die Qual, nicht gestalten zu konnen, was in ihm zur Niederschrift drangte. 
»Ich beklage mich gewiB nicht, « schreibt er einmal im Marz 1917 aus dem 
Felde, »und eine Anfrage, ob ich ins Presseamt eintreten wolle, habe ich kiirz- 
lich abgelehnt, weil ich fiihlte, daB ich in die Front gehore. « Aber er fahrt auch 
traurig fort: »Ein paar ruhige Wochen, und der Wolf Eschenlohr ware ge- 
schrieben. a 

Sein Wunsch, an den Kampfen im Westen teilzunehmen, blieb unerfullt. 
Statt dessen wurde er Anfang Juli 1917 nach Berlin berufen, um in einer volks- 
tumlichen Abhandlung (Der GroBe Krieg in Einzeldarstellungen) im Auftrage 
des GroBen Generalstabes die russische Fruhjahrsoffensive 1916 darzustellen. 
Die wenigen Wochen scharfster Arbeit gaben ihm dennoch MuBe, ein Kapitel 



68 1917 

des »Eschenlohr« niederzuschreiben. Anfang August war er wieder bei seinem 
Regiment. Er machte den Ubergang iiber die Diina und die Eroberung von 
Riga mit. Wie froh war er, wieder dabei sein zu diirfen! Voller Kampffreude 
nahm er an dem Unternehmen gegen Oesel teil. Als er beim Vormarsch zu 
Pferde gegen die Russen anstiirmte, traf ihn am 15. Oktober die todliche Kugel 
aus einer Russenschar, die gleich darauf sich gefangen geben muBte. Innere 
Organe im Unterleib waren zerrissen, und eine Operation war aussichtslos. Der 
todlich Verwundete f ragte vor allem nach dem Stand des Gefechts, diktierte eine 
beruhigende Karte an die Eltern und sandte seinem Regiment GriiBe. Am 
Nachmittag des 16. Oktober 1917 starb Walter F. Auf dem Dorffriedhof von 
Peude auf Oesel liegt er bestattet. 

In seiner Kartentasche fanden sich, von dem GeschoB durchldchert, die 
Blatter des zweiten Kapitels des »Eschenlohr«. Aus den Entwtirfen, die mit 
dieser Niederschrift zusammen gefunden wurden, geht hervor, wie sieghaft und 
kraftvoll der Dichter in diesem seinem letzten Werk um die ewigen Fragen der 
Menschheit rang. Der Tod traf ihn als einen Geweihten. Er hatte uberwunden 
und iiber Verzagtheit gesiegt. Hoch iiber irdische Schwachheit erhebt er sich, 
wenn er die Uberzeugung ausspricht, daB wir von Gott keine Durchbrechung 
der Kausalitatsgesetze erwarten und erbitten diirfen. »Nicht um die Pfennige 
in Gottes Hand sollen wir beten, sondern um die Hand selbst, und die gottliche 
Giite auch da noch verehren, wo das zerstorende Schicksal unser irdisches 
Dasein zermalmt.« 

So wurde Walter F. das hohe Gliick zuteil, mit seinem Tode seine Worte zu 
besiegeln, so wurde dem deutschen Volke ein Fiihrer entrissen, den es heute 
mehr als je brauchte. 

Es ist miiBig, kritisch festzustellen, daB manches in den Werken des Dich- 
ters, der als DreiBigjahriger aufhoren muBte zu schaffen, noch gedanklich kon- 
struiert, zu grell, zu wenig abgerundet ist. Die deutsche Jugend hat seine Dich- 
tung angenommen als ein heiliges Vermachtnis. Der Mensch Walter F. und sein 
Werk sind eins. Durch seine Lieder und durch sein Leben wird er weiterwirken 
als der deutsche Kriegsfreiwillige, der die heilige Flamme der Augusttage des 
Jahres 1914 als unantastbares Heiligtum rein durch die Bluttage getragen hat, 
der sittliche Forderungen nicht nur aufstellte, sondern sie auch erfiillte. 

In den Notizen zu »Wolf Eschenlohr« findet sich das Wort: »Die Sieger 
werden unter den Toten sein!« Ein solcher Sieger war Walter Flex! 

Iviteratur: Gesammelte Werke von Walter F., 2 Bande, Miinchen (1926). Nicht in 
dieser Ausgabe enthalten: »Der Schwarcngeist«, Erzahlung; oZwolf Bismarcks«,-Novellen, 
beide Berlin; »Sonne und Schild«, Gedichte, Braunschweig; » Klaus von Bismarck*, Er- 
zahlung, Stuttgart; »Die Bauernfiihrer«, drainatische Skizze, Berlin; »Die evangelische 
P^rauenre volte in L,6wenberg«, ein lustiges Spiel, Eisenach. — Brief e von Walter Flex, 
herausgegeben von Eggers-Windegg, Miinchen 1927. — Fur biographische Angaben und 
Grundsatzliches zur Dichtung und Weltanschauung: Einleitung von Dr. Konrad Flex. 
Gesammelte Werke Bd. 1. — Personlichkeit und Werk wurden in mehreren Aufsatzen 
in den » Burschenschaf tlichen Blattern«, Heft 7, S. H. 1926, 40. Jahrg. dargestellt, und 
zwar von: Hans Herding, Frau Fine Hiils, Dr. Schunk, Dr. Menn. — Der gesamte Nach- 
laB befindet sich in den Handen des Bruders Dr. Konrad Flex (Anschrift durch Becksche 
Verlagsbuchhandlung Miinchen) . 

Danzig-Langfuhr, Walter Millack. 



Flex. Freeh 69 

Freeh, Fritz, Geh. Bergrat, ord. Professor der Geologie und Palaontologie an 
der Friedrich-Wilhelms-Universitat und Technischen Hochschule Breslau, * am 
16. Marz 1861 in Berlin, f am 28. November 1917 in Aleppo. — Das Werk: 
Das Kennen der Dinge und das Wissen um die Dinge sind zwei Ziele der Natur- 
forschung. Fur das erste sind die Dinge nur ein Objekt der Beschreibung, fur 
das zweite sind sie mehr — ein Symbol, ein Ausdruck der iiberpersonlichen 
Wirklichkeit. Das Kennen der Dinge ist zwar die erste unbedingte Voraus- 
setzung der Forschung, aber, letzten Endes, nur ein Ergebnis von FleiB und 
Gedachtnis, nur das handwerksmaBige Material, aus dem der Meister seinen 
Dom errichtet. Das Wissen um die Dinge aber ist eine Gottesgabe und ein Aus- 
druck der Naturverbundenheit ; es ist eine hohere Stufe, auf der die Natur- 
wissenschaft zur Weltanschauung wird. Wer den Seherblick hat, zu erkennen 
*wie alles sich zum Ganzen webt«, der wird den Meistern zugerechnet. 

Freilich, wie jedes Bauwerk vom anderen verschieden ist, so wird auch jedes 
Weltbild seine individuellen Ziige tragen. Diese mogen uns zum Teil fremd, ja 
sogar falsch erscheinen, da ja kein irdischer Blick die ganze Wirklichkeit um- 
fassen kann; aber dankbar nennen wir die Namen derer, die uns wenigstens 
einen Teil der verborgenen GesetzmaBigkeit offenbaren durften. 

Fritz F. gehorte zweifellos zu diesen Naturen grofien Formats, welche durch 
amfassende Kenntnis zu einem Wissen vorgedrungen waren, welches die Dinge 
nicht nur klassifiziert, sondern in ihrer gegenseitigen Bezogenheit erkennt und 
zum Baue eines Weltbildes verwendet. Bedeutsam ist in dieser Hinsicht sein 
Werdegang: er wurzelte in der exakten palaontologisch-stratigraphischen 
Schule Beyrichs und wuchs in einer Zeit auf, die — damals mit vollem Recht — 
in der Vermehrung der empirischen Kenntnisse das Hauptziel der Wissenschaft 
sah. Aber schon an seinen ersten Arbeiten merkt man, daB er in dem von ihm 
beschriebenen Fossilien mehr sieht, als bloBe Objekte der Rubrizierung, daB 
sie ihm Probleme bedeuten, die iiber eine bloBe Photographie der Wirklichkeit 
hinausgehen. Zwei Problemgruppen birgt das Steingeriist der Fossilien: die 
biologischen Fragen, d. h. die Zoologie der Vorzeit und der entwicklungs- 
geschichtliche Zusammenhang von einst und jetzt, und die geologischen Fragen 
— die Geschichte der Erde und die GesetzmaBigkeit ihres Werdens, aus dem 
L,eben der Vergangenheit rekonstruiert. Beide Wege hat F. beschritten, viel- 
f ach als Neuerer und Bahnbrecher und die palaontologische Basis seines Lebens- 
werkes leuchtet wie ein roter Faden durch alle seine, spater so mannigfaltigen, 
Arbeiten hindurch. 

Auffallend klar ist die Entwicklung und Erweiterung seines Arbeitsgebietes. 
Von den palaonzoischen (devonischen) Korallen Deutschlands ging er aus und 
ist dann zu der Untersuchung anderer Korallenfaunen geschritten. (*) Diese 
Arbeiten bestimmten schon die beiden wichtigsten Problemstellungen seines 
Wirkens : Biologie und Entwicklungsgeschichte fossil wichtiger Tierstamme an 
entscheidenden Stellen ihres Werdens, insbesondere an der Grenze der Alt- 
und Neuzeit der Erde, und die Geschichte der Erde selbst in diesen Zeiten. Das 
Palaozoikum, seine Tiergemeinschaften, seine Geographie, sind die Fragen, 
denen nun viele Jahre seine bedeutsamsten Arbeiten gelten. Fast stets geht 
dabei die Untersuchung von gewissen, sorgfaltig aufgesammelten Tiergruppen 
aus, und die Kenntnis des Lebens wird zur Kenntnis der Umwelt erweitert. ( a ) 
Dabei zieht die Untersuchung immer weitere Kreise. Vom Devon Deutschlands 



70 1917 

geht er zum Palaozoikum Siidfrankreichs iiber, dann zu den Karnischen Alpen, 
die fiir lange sein Arbeitsgebiet bleiben, schliefilich zu den eigenartigen permo- 
karbonischen Faunen Armeniens. ( 3 ) 

Eine glanzende Zusammenfassung fand diese Arbeitsperiode in der Lethaea 
geognostica (1897 — 1902), einem von Roemer begonnenen (1880), von F. fiir das 
Palaozoikum abgeschlossenem Werke, an dessen anderen Teilen (Trias, Quar- 
ter) er auch mitgearbeitet hat. Das Buch war wohl zuerst als Handbuch der 
Stratigraphie gedacht, aber F. hat ihm erst den Odem eingeblasen, indem er es 
zu einer einzig dastehenden Synthese unserer Kenntnisse von der Lebewelt und 
Geographie der Altzeit der Erde erweiterte. Fiir die biologischen Resultate 
seiner Arbeiten fehlt eine ahnliche Zusammenfassung; aber solche sind fast in 
alien seinen Spezialarbeiten enthalten, und daneben veroffentlichte er kleinere 
Aufsatze, welche einzelne palaobiologische Probleme in oft iiberraschender 
Weise klaren. ( 4 ) Diese Klarung, stets origineller Art, ergibt sich meist von selbst 
aus der Betrachtungsmethode, den Stempel des »gesunden Menschenverstandesd 
tragend — ein Lob, welches man durchaus nicht alien wissenschaftlichen 
Spekulationen zollen kann! 

Wenn auch die Methode der F.schen Arbeit eigentlich bis zuletzt die gleiche 
blieb — sein 191 1 erschienenes Werk iiber China in Richthofens fiinfbandiger 
Monographic mit wertvollen Beitragen zur alten Lebewelt Ostasiens ist ein 
Beweis dafiir — , so lafit sich doch allmahlich eine Verschiebung des Schwer- 
punktes der Forschung erkennen. Diese kann man indessen leicht logisch be- 
gninden. Das Studium der Faunen mufite zu der Frage nach den Ursachen ihrer 
Wandlung f iihren ; von hier richtet sich der Blick auf die Zeiten dieser Wand- 
lung — die Revolutionen der Erde oder die Perioden der Gebirgsbildung. 
Schon die erwahnte Lethaea bringt wertvolle Beitrage dazu. Mehr auBerlich 
wurde diese Umstellung durch die Arbeit in den Ostalpen unterstiitzt, denen 
F. auch als begeisterter Alpinist ein besonderes Interesse entgegenbrachte. Da- 
mit wurde seine Tatigkeit durch einen ganz neuen Gedankenkomplex be- 
reichert. Neben den Karnischen Alpen, deren alte Gebirgsbildung zu einem 
Vergleich mit Mitteleuropa herausforderte, muBte ihn hier die junge Gebirgs- 
bildung des alpinen Hauptzuges fesseln. ( 5 ) Als Basis diente ihm auch hier wieder 
das palaontologische Studium der in den Ostalpen so eindrucksvoll entwickelten 
Triasformation, zu der ihn ja schon seine Korallenstudien gefuhrt hatten. Auch 
eine synthetische Zusammenfassung iiber den Bau der Alpen hat er gegeben, 
und ich mochte betonen, daB diese, trotz unserer heute ungeheuer vermehrten 
Kenntnisse, sich durch ihre ruhig abwagende Kritik vorteilhaft von einigen 
Auswiichsen moderner Phantasie unterscheidet. F. war eben, schon dank seiner 
exakten palaontologischen Schulung, niemals »reiner Tektoniker«, sondern 
suchte stets in der historischen Rekonstruktion einen Anker, den eine rein 
mechanische Betrachtung nie geben kann. 

Vom palaontologisch-stratigraphischen Fragenkomplex ausgehend, gelangte 
F. zu den Alpen ; von hier fuhrte ihn die junge Tektonik und das Studium der 
Trias weiter nach Stidosten — nach dem Balkan, nach Griechenland und Klein - 
asien. Auch hier blieb seine Basis faunistisch-stratigraphisch, wenn er auch 
sein Hauptaugenmerk auf die Klarung des Gebirgsbaus, insbesondere der euro- 
paisch-asiatischen Beziehungen richtete. ( 6 ) Diesen weitausgreifenden Arbeiten 
seiner letzten Lebensjahre war ein AbschluB nicht mehr beschieden! 



Freeh 7 1 

Wenn die allgemeine Linie: von der Fauna zur Schichtenfolge, von dieser 
zum Gebirgsbau — eigentlich in alien Arbeiten F.s klar hervortritt, so darf doch 
nicht iibersehen werden, daB ein anderes »historisches« Problem ihm minde- 
stens ebenso nahe am Herzen lag — die Palaogeographie und insbesondere das 
Klima der Vorzeit. Auch hier, wo er zum Teil bahnbrechend wirkte, schafften 
Spezialstudien im jiingeren Palaozoikum (Karbon, Perm) die Basis. Charakte- 
ristisch fiir seinen weitblickenden Geist ist der groBziigige Versuch, zwischen 
Stratigraphie, Gebirgsbau und Klima eine Briicke zu schlagen, und zwar auf 
der Grundlage der von ihm geologisch ausgebauten Kohlensauretheorie von 
Svante Arrhenius. Vermehrte Vulkanausbriiche steigern den Kohlensaure- 
gehalt der Luft; die Kohlensaure absorbiert die Sonnenstrahlen ; dadurch 
wachst die mittlere Temperatur und wird ein iippiger Pflanzenwuchs be- 
giinstigt. Dieser wieder bindet, neben einigen Gesteinen des Meeres, den Uber- 
schuB an Kohlensaure und die Temperaturen sinken wieder, letzten Endes bis 
zu einer Eiszeit, wenn nicht neue vulkanische Tatigkeit den ProzeB neu ent- 
facht. So baut F. einen groBziigigen Rhythmus des Erdgeschehens auf, der in 
dem inneren Kraftehaushalt der Erde wurzelt, und alles — Klima, Leben, 
geographische Gestaltung — reguliert. 

Diese geniale Theorie ist, trotz manchen Widerspruches, kaum restlos zu 
widerlegen und hat jedenfalls ungemein befruchtend auf die Forschung ge- 
wirkt, wenn man auch in bezug auf einige Einzelheiten Vorbehalte machen 
muB. ( 7 ) 

Mit den aufgezeichneten Arbeiten hangt auch eine andere Forschungsrich- 
tung eng zusammen, die er besonders in den letzten Jahren seines Lebens ein- 
geschlagen hat — die Wirtschaftsgeologie. Auch hier wurde der AnstoB durch 
das Studium des Jungpalaozoikums gegeben, welches ihn auf den wichtigsten 
Bodenschatz dieser Zeit — die Kohle — hinwies. Auch die Heimatkunde 
Schlesiens fuhrte ihn zu dem gleichen Problem, dessen Studium in einer In- 
ventarisierung der deutschen Steinkohlenfelder einen Niederschlag fand ; aber 
schon in dem erwahnten Chinawerk wird das wirtschaftsgeologische Motiv 
kraftig angeschlagen.( 8 ) Nach Ausbruch des Krieges war auch der auBere AnstoB 
gegeben, um diese Arbeitsrichtung weiter auszubauen, und es entstanden eine 
Fiille von Arbeiten, welche teils allgemein die wirtschaftliche Bedeutung der 
wichtigsten Bodenschatze erlautern, teils die einzelnen Kriegsschauplatze, be- 
sonders den F. so vertrauten Siidosten, vom Standpunkt ihrer Bedeutung fiir 
die deutsche Rohstoffversorgung behandeln. Im Dienste seines heiBgeliebten 
Vaterlandes geschaffen, von reifem Wissen und klarem Allgemeinblick ge- 
tragen, bergen diese Arbeiten manchen wertvollen Gedanken; es ist eine iiber- 
personliche Tragik, daB sie durch den ungliicklichen Ausgang des Krieges nicht 
die Auswirkung erhalten durften, die ihnen zugedacht war! 

Ich habe im Vorhergehenden versucht, die Leitlinien aufzuzeigen, welche F.s 
Lebenswerk bestimmen. DaB durch diese Hauptarbeiten auch zahlreiche Er- 
kenntnisse gewonnen wurden, die auf andere Gebiete der Geologie ubergreifen, 
sei nur kurz erwahnt. Die Heimatkunde Schlesiens, schlesische Bodenschatze 
und Mineralquellen, die Gestaltung der Alpen, Erdbebenkunde und Geologie 
der Eiszeit sind einige der Gebiete, auf denen F. auch Wertvolles geleistet hat. 
Auch hier zeigte sich seine Fahigkeit, hinter dem auBeren Erscheinungsbilde 
die Grundprobleme und tieferen Zusammenhange zu sehen. ( 9 ) 



72 1917 

AuBerordentlich verdienstvoll ist ferner F.s organisatorische Tatigkeit ge- 
wesen, als deren Frucht vor allem der von ihm ins Leben gerufene Fossilium 
Catalogus zu nennen ist, ein Verzeichnis aller bekannten Fossilien ; die Arbeit 
wurde natiirlich unter viele internationale Mitarbeiter verteilt ; F. hat indessen 
neben der ungeheuren Organisationsarbeit auch eigene Beitrage dazu geliefert. 
Hier sei auch seiner Tatigkeit als Herausgeber des Neuen Jahrbuchs fur 
Mineralogie, Geologic und Palaontologie gedacht (1912 — 1917), an dessen Ent- 
wicklung er auch durch zahlreiche Referate auf den verschiedensten Gebieten 
tatig mitwirkte. 

Nicht unerwahnt soil schlieBlich bleiben, daJ3 F. die Fahigkeit hatte, die Er- 
gebnisse seiner und fremder Arbeit in gemeinverstandlichen Schriften auch 
einem groBeren Laienpublikum zu erlautern. Fur die Verbreitung des allge- 
meinen Interesses an unserer Wissenschaft hat er viel gewirkt. Zeugnis davon 
geben sechs Bandchen » Aus der Vorzeit der Erde« (191 1 — 1917), welche durch 
ihre klare und originelle Fassung einen weiten Leserkreis gefunden haben, da- 
neben zahlreiche Aufsatze iiber allgemeinere Fragen der Geologie in den Natur- 
wissenschaften, der Umschau, der Zeitschrift des Deutsch-osterreichischen 
Alpenvereins und anderen Zeitschriften. 

Das Iyeben : Ich habe absichtlich die Schilderung von F.s Lebenswerk 
an den Anfang gestellt, weil hier, wie selten sonst, Werk und Mensch or- 
ganisch verbunden sind, und dieser zum Teil nur aus dem Werk verstandlich 
wird. 

Schon in fruher Jugend zeigte F., der Sohn eines hohen preuBischen Justiz- 
beamten, eine ausgesprochene Liebe zu den beschreibenden Naturwissenschaften 
und sammelte schon als Gymnasiast zoologische und palaontologische Objekte. 
Nach Beendigung des Berliner Wilhelms-Gymnasiums (1880) studierte er in 
Berlin, wo Beyrich und Dames seine Lehrer waren und auf die Entwicklung 
seiner spezifisch palaontologisch-stratigraphischen Einstellung entscheidend 
eingewirkt haben. Neben diesen beiden hat dann vor allem Ferdinand v. Richt- 
hofen, der ihm auBerlich und innerlich ahnlich war, einen groBen EinfluB auf 
ihn ausgeiibt. Richthofen verdankt er wohl, in einem gewissen Gegensatz zu der 
Berliner Geologenschule, die Scharfung des Blickes fur groBe Zusammenhange 
und allgemeine Problemstellungen. 1885 promovierte F. mit der genannten 
Arbeit iiber oberdevonische Korallen; 1886 unternahm er seine erste groBere 
Reise nach Siidfrankreich zur Erweiterung seiner palaozoischen Basis; 1887 
habilitierteersich in Halle mit einer Arbeit iiber das Devon vonHaiger (Nassau). 
1891 erfolgte seine erste Reise nach Nordamerika, die fiir seine innere Ent- 
wicklung sehr wdchtig war. 1893 erhielt er den Ruf als auBerordentlicher Pro- 
fessor nach Breslau. Der Lehrstuhl des 1891 verstorbenen F. Romer wurde da- 
mals geteilt, aber F. iibernahm das eigentliche Erbe des um das Palaozoikum 
Deutschlands hochverdienten Forschers, dessen berufenster Nachf olger er schon 
durch die Fortsetzung seines Lebenswerkes — der Lethaea paldozoica, war. In 
diese Zeit fallen vor allem seine Studien in den Karnischen Alpen. 

1894 vermahlte er sich mit Vera Klopsch, der Tochter eines bekannten Bres- 
lauer Chirurgen ; es muB an dieser Stelle der verstandnisvollen, zum Teil aktiven 
Mitarbeit gedacht werden, mit der seine Gattin 23 Jahre sein Iyebenswerk be- 
gleitete, insbesondere auch als treue und aufopfernde Weggenossin auf seinen 
Reisen. 



Freeh 73 

1897 wurde F. zum ordentlichen Professor in Breslau ernannt und iibernahm 
dann auch die Professur fur Geologie an der neugegriindeten Technischen 
Hochschule daselbst. In demselben Jahre erfolgte die fur seine spatere Tatigkeit 
so bestimmende Reise nach Hocharmenien, welche an den internationalen 
KongreB in RuBland anschloB. 

Seine alpine Tatigkeit hat alle diese Jahre angedauert. 1906 besuchte er den 
internationalen GeologenkongreB in Mexiko. 1907 erfolgte die erste Reise nach 
dem Balkan (Bosnien und Dalmatien), die fur die Arbeiten seiner letzten 
Lebensperiode bestimmend war. Es folgte dann 1908 eine Reise nach Nord- 
albanien, Montenegro, den Ionischen Inseln und Kykladen, 1909 eine Reise 
nach Anatolien, 1911 Forschungen in Attika und langs der Trace der Bagdad- 
bahn von Konstantinopel zum Euphrat. 1913 besuchte er den Geologenkon- 
greB in Kanada. 

Seine groBen Verdienste um die Palaontologie wurden durch Ernennung zum 
Prasidenten der internationalen Kommission fiir die » Paldontologia universalis «. 
und durch die Wahl zum Vizeprasidenten der Palaontologischen Gesellschaft 
gewiirdigt (1912). 1913 wurden ihm derTitel Geheimer Bergrat und der Rote- 
Adler-Orden verliehen. 

Nach Ausbruch des Krieges war es sein heiBester Wunsch, Gaben und Er- 
fahrung in den ausschlieBlichen Dienst des Vaterlandes zu stellen; auf seine 
Tatigkeit in dieser Richtung wurde ja schon oben hinge wiesen. Im August 1917 
folgte er dann freudig der Ernennung zum leitenden Geologen beim Armee- 
kommando der syrischen Front. Hier entriB ihn schon nach zwei Monaten ein 
todlicher Malariaanfall der ihn so besonders begluckenden vereinten Tatigkeit 
fiir Vaterland und Wissenschaft. 

Die unbedingte GroBziigigkeit, welche alle seine wissenschaftlichen Arbeiten 
auszeichnet, war ihm auch als Mensch eigen. Die gerade in Angrifl genommenen 
Probleme erfiillten ihn vollkommen, und da der Glaube an die tJberzeugungs- 
kraft seiner Ideen und das Temperament nicht fehlten, so hatte er sich auch 
manchen Feind gemacht und manche Polemik auszufechten. Die innere Treue 
gegen seine Wissenschaft und seine Freunde hat er dabei nie verleugnet, und 
eine groBe Herzensgiite leuchtet vor allem aus dem Verhaltnis zu seinen Schu- 
lern, fiir die er sich wissenschaftlich und menschlich voll einsetzte. 

So erkennen wir noch heute, nach 10 Jahren, den Menschen und das Werk 
als Einheit, — auBerlich mannigfaltig und auf die verschiedensten Gebiete 
iibergreifend, innerlich logisch aufgebaut und in sich so geschlossen, wie das 
in dem zersplitterten Wollen und Schaffen unserer Zeit kaum mehr erreichbar 
ist. Die letzte Synthese, zu der er wohl befahigt war, hat sein friiher Tod ihm 
und uns versagt ; der ausgestreute Samen wird aber noch lange weiter keimen ! 

I/iteratur: ( l ) Die Korallenfauna des Oberdevon in Deutschland. Zeitschr. d. Deutschen 
Geol. Ges. 1885; Die Cyathophylliden und Zaphrentiden des deutschen Mitteldevons, 
eingeleitet durch einen Versuch der Gliederung derselben, Palaont. Abhandl. 3, 1886; 
ttber unterdevonische Korallen der Karnischen Alpen, Zeitschr. d. Deutschen Geol. 
Ges. 1895; Die Korallenfauna der Trias, Palaontographica 1890, 37, und 1896, 43; 
Palaozoische Korallen aus China, wissenschaftliche Ergebnisse der Reise des Grafen 
Szecheny in Ostasien 1899. — ( 2 ) Die devonischen Aviculiden Deutschlands, Abh. PreuC. 
Geol. Landesanstalt 1891 ; t)ber devonische Ammoneen, Beitr. z. Geol. u. Pal. Osterreich- 
Ungarns und des Orients, 1902, 14; Neue Cephalopoden aus den Buchensteiner, Wengener 
und Raibler Schichten des siidlichen Bakony, Result, d. wiss. Erforschung d. Balaton- 



74 l ^ l 7 

sees, i, 1903 — 1904 usw. Hier ist auch die w.ertvolle Studie iiber Graptolithen in der 
Lethaea pal&ozoica zu nennen. — (*) Die palaozoischen Bildungen von Cabrieres, Zeitschr. 
d. Deutschen Geol. Ges. 1887, 89; ttber das Devon der Ostalpen I — III, daselbst 1888, 
1 891, 1894; Devon und Carbonfaunen aus Zentralasien, Abh. d. Wiener Akad. 1899; 
t)ber das Palaozoikum in Hocharmenien und Persien, Beitr. z. Geol. u. Pal. Osterreich- 
Ungarns und des Orients, 1900, 12. — ( 4 ) t)ber das Kalkgeriist der Tetrakorallen. 
Zeitschr. d. Deutschen Geol. Ges. 1885; Explosive Entwicklung der oberdevonischen 
Ammoneen, daselbst, 1904; t)ber die Griinde des Aussterbens der vorzeitlichen Tierwelt, 
Arch, f . Rassen- und Ges.-Biologie, 1906; Loses und geschlossenes Gehause der tetra- 
branchiaten Cephalopoden, Centr. f. Miner., Geol. u. Palaont. 191 5. — ( 5 ) Die Tribulaun- 
gruppe am Brenner, Richthofen-Festschrift, 1893 '> Di e Karnischen Alpen, Abh. d. Naturf .- 
Ges. Halle, 18, 1894; Geologie der Radstatter Tauern, geol. u. pal. Abhandl. 1901; Ge- 
birgsbau der Tiroler Zentralalpen, Wiss. Erg.-Hefte d. D. u. Osterr. Alpenvereins, 1905; 
t)ber den Gebirgsbau der Alpen, Peterm. Mitt. 1908. — ( 6 ) Die Hallstatter Kalke bei Epi- 
dauros und ihre Cephalopoden, Neues Jahrbuch f. Min. usw. 1907; Neue Triasfunde auf 
Hydra und in der Argolis, daselbst, Beil.-Bd. XXV, 1908; Sur la repartition du Trias 
& faci&s ocianique en Grice, Compte rendus ac. d. Sciences, Paris, 1906; letztere beiden mit 
Renz; Geol. Forschungsreisen in Nordalbanien, nebst vergleichenden Studien iiber den 
Gebirgsbau Griechenlands, Mitt. d. k. k. Geogr. Ges. Wien 1909; t)ber den Gebirgsbau des 
Tauros in seiner Bedeutung fur die Beziehungen der europaischen und asiatischen Gebirge, 
Sitz.-Ber. d. Berliner Akad. 1912; Geologie Kleinasiens im Bereiche der Bagdadbahn, 
Zeitschr. d. Deutschen Geol. Ges. 19 16. — ( 7 ) Studien iiber das Klima der geol. Vergangen- 
heit, Zeitschr. d. Berliner Ges. f. Erdkunde, 1902, 1906; t)ber Klimaanderungen in der 
geolog. Vergangenheit.Congr. internat. geol. Mexiko, 1909. — ( 8 ) In welcher Teufe liegen die 
Floze der inneren niederschlesisch-bohmischen Steinkohlenmulde ? Zeitschr. f . Berg-, 
Hiitten- und Salinenwesen 1909; Deutschlands Steinkohlenf elder und Steinkohlenvorrate, 
Stuttgart 1 91 2; Die Kohlenvorrate der Welt, Finanz- und volkswirtschaftliche Zeitfragen, 
H. 43, 191 7; daneben zahlreiche kleinere Aufsatze. — Uber den Bau der schlesischen Ge- 
birge, Geogr. Zeitschrift, 1902; Schlesiens Heilquellen in ihrer Beziehung zum Bau der 
Gebirge, Berlin 1 9 1 2 ; Schlesiens Landeskunde Bd. I, 191 3 ; L,awinen und Gletscher in ihren 
gegenseitigen Beziehungen, Zeitschr. d. Deutsch-Osterr. Alpenvereins 1908; Erdbeben und 
Gebirgsbau, Peterm. Mitt. 1907; t)ber die Machtigkeit des europaischen Inlandeises und 
das Klima der Interglazialzeiten. Congr. intern, geol. Stockholm 1912; t)ber die geolog.- 
technische Beschaffenheit und die Erdbebengefahr des Bagdadbahngebietes bis zum 
Euphrat, Neues Jahrb. f. Min. usw. I, 191 3. Diese kleine Auswahl soil nur die Grund- 
richtung der iibrigen Arbeitsgebiete aufzeigen. 

Quellen: Zu der vorhergehenden Schilderung habe ich vor allem zwei Nachrufe be- 
nutzt: J. Pompeckj, Fritz F., Neues Jahrbuch f. Mineral., Geol. und Palaont., 1919, 
S. I — XXXVIII, mit Bildnis und Schriftenverzeichnis, und W. Volz, Fritz F., Jahres- 
bericht der Schles. Gesellsch. f. vaterland. Kultur, 1918, S. 1 — 10. Besonders die erste 
dieser gedankenreichen Arbeiten bildet eine fast erschopfende Darstellung, wie sie hier 
auf beschranktem Raum nicht gegeben werden konnte. Ich mochte indessen hervorheben, 
daC diese formvollendete Schilderung mir oft als Anregung gedient hat, wenn auch 
natiirlich durch das Studium von F.s Schriften dieser mir seit Jahren ein vertrautes und 
verehrtes Vorbild war. Fur manche personliche Angaben bin ich schliefilich Frau Vera 
v. Miaskowski, verwitwete Frau Geheimrat Freeh, zu grofiem Danke verpflichtet. Ein 
ausf iihrliches Schriftenverzeichnis konnte ich hier nicht aufnehmen und habe nur das mir 
besonders wesentlich Erscheinende genannt; ich verweise fur das "Obrige auf die erwahnte 
Arbeit von Pompeckj. 

Breslau. Serge v. Bubnoff. 

Friedrich, Johann, Kirchenhistoriker, Geschichtschreiber des vatikanischen 
Konzils, * 5. Mai 1836 zu Poxdorf bei Forchheim in Oberfranken, f 19- August 
1917 zu Munchen. — Als Sohn eines I,ehrers in bescheidenen Verhaltnissen 
aufgewachsen, legte er seine humanistischen Studien als Zogling des Auf- 
sessianischen Seminars zu Bamberg zuriick, worauf er am dortigen, mit tiich- 
tigen Lehrkraften besetzten Lyzeum den philosophisch-theologischen Fachern 



Freeh. Friedrich 75 

oblag (1854 — 1858). Mit gediegenen Kenntnissen ausgeriistet, verlieB er, von 
Erzbischof Deinlein 1859 zum Priester geweiht, das Klerikalseminar und fand 
seine erste Anstellung als Kaplan in Markt Scheinfeld in Mittelfranken, wo 
$j Jahre zuvor auch Dollinger kurze Zeit in der Seelsorge tatig gewesen war. 
Friedrich fuhlte sich durch die praktische Wirksamkeit nicht befriedigt. Er 
sehnte sich nach seinen geliebten Biichern und Studien zuriick und richtete 
daher an seinen Erzbischof das Gesuch, behufs weiterer Ausbildung die Uni- 
versitat Miinchen beziehen zu diirfen. Es sah wie ein Zufall aus und war doch 
sichtlich hohere Fiigung, dai3 eben damals auch Dollinger den Oberhirten, 
seinen ehemaligen Studiengenossen, um einen jungen Geistlichen bat, welcher 
ihm bei seinen wissenschaftlichen Arbeiten an die Hand gehen konnte. So kam 
F. nach Miinchen und in den Bannkreis des Mannes, der das Schicksal seines 
Lebens ward. Selten ging ein Schiller so ganz und mit solcher Hingebung in 
seinem Lehrer auf , wie F. in Dollinger. Er wohnte nicht nur seinen Vorlesungen 
an, sondern genoB auch, von ihm in seine Hausgemeinschaft aufgenommen, 
das seltene Gliick, in stetem Verkehr und Gedankenaustausch mit dem groBen 
Gelehrten, von ihm mannigfach angeregt und geistig befruchtet, sein Gesichts- 
feld standig erweitern, sein Wissen ausbreiten und vertiefen zu diirfen. 

Dollinger hatte, als F. Ende 1859 zu ihm zog, den Zenit seines Ruhmes in 
.streng kirchlichen Augen bereits uberschritten. Diistere Wolken am Gelehrten- 
himmel verkiindeten ein nahes schweres Gewitter. Zwei theologische Rich- 
tungen gab es im katholischen Lager, welche die Geister schieden : die deutsche 
historische und die romisch-jesuitische, neuscholastische. Noch in der ersten 
Halfte des 18. Jahrhunderts beherrschte die scholastische Wissenschaft auch 
in Deutschland alle geistlichen Schulen, siechte aber bereits unaufhaltsamem 
Zerfalle entgegen. Da wirkte das lebendige Beispiel emsiger kirchengeschicht- 
licher und patristischer Studien, wie sie von den franzosischen Benediktinern 
^o erfolgreich betrieben wurden, erfrischend und neubelebend auf ihre Ordens- 
genossen in Deutschland und besonders in Osterreich. Ein osterreichischer 
Benediktiner, Stephan Rautenstrauch, Abt von Braunau (| 1785), war es, der 
das theologische Studien wesen, das noch immer schwer unter den Nachwehen 
des DreiBigjahrigen Krieges litt, neu organisierte, indem er ohne Beeintrachti- 
gung der kirchlichen Dogmatik an Stelle der abgelebten Scholastik nach prote- 
stantischem Vorbilde die kirchengeschichtlichen, bibelwissenschaftlichen und 
patristischen Studien in den Vordergrund des theologischen Unterrichts riickte 
und den Lehrplan entwarf, welcher fortan nicht bloB in den osterreichischen, 
sondern auch in den deutschen katholisch-theologischen Schulen die Herrschaft 
behauptete. Die gewaltige Reaktion, welche nach dem Zusammenbruche der 
Franzosischen Revolution iiberall einsetzte, und der blendende Zauber, mit 
welchem die Romantik die seligen Zeiten des mittelalterlichen Papsttums ver- 
klarte, brachte es nun aber mit sich, daB sich im SchoBe des Katholizismus eine 
Stromung breit machte, welche in der entschlossenen Riickkehr zur Papst- 
herrschaft und zur Scholastik das Heil der Kirche und der burgerlichen Gesell- 
schaft erblickte. Die Sonne des hi. Ignatius von Loyola, von Clemens XIV. 
aufgehoben, von Pius VII. zu neuem Leben erweckt, waren die Bannertrager 
der neuen Richtung, und ihre Schiiler, welche sie im sogenannten Collegium 
Germanicum zu Rom mit ihrem Geiste erfiillten, wirkten, unter dem Einflusse 
des immer mehr erstarkenden Ultramontanismus auf bischofliche Stiihle und 



76 19*7 

theologische Katheder erhoben, mit Feuereifer in ihrem Sinne. Des festen Ruck- 
haltes in Rom versichert und gleich ihren Meistern gewohnt, kirchliche Recht- 
glaubigkeit mit der von ihnen vertretenen Scholastik in eins zu setzen, iiber- 
trugen sie ihren ungeziigelten HaB gegen Protestantismus nnd Auf klarung auf 
die nach ihrer Anschauung aus demselben Geiste geborene und daher im 
hochsten Grade anriichige deutsche Schule. Angriffslustig und siegesgewiB er- 
offneten sie den Sturm zunachst auf philosophischem Boden und ruhten nicht, 
bis die Fiihrer der aufbluhenden deutschen Philosophic, Manner wie Hermes, 
Giinther, Frohschammer, Oischinger, dem romischen Index verfallen waren. 
Und schon griff der Kampf auch ins theologische Bereich iiber. Schon war der 
edle Hirscher, seit 1857 in Freiburg, von Rom verurteilt, schon sah sich der 
Tubinger Dogmatiker Kuhn vom selben Lose bedroht. Der Bamberger Dom- 
dekan Gengler, F.s Lehrer, von Konig Max II. zum Erzbischof von Bamberg 
erkoren (1858), wagte die Ernennung nicht anzunehmen, aus Furcht, daJ3 er, 
in Rom langst verdachtigt, die papstliche Bestatigung doch nicht erhalten 
wtirde. Schon wurden die katholischen Fakultaten und die Universitatsbildung 
der Geistlichen fiir bedenklich erklart und die Griindung einer »freien« katho- 
lischen Universitat gefordert. Schon verkiindeten der Mainzer »Katholik«, die 
Zeitschrift der Neuscholastiker, die Theologie der Orden (Jesuiten) und der 
Germaniker sei auch die Theologie Roms und der ganzen katholischen Welt. 
Schon erklarte er of fen, es gebe im Katholizismus zwei Richtungen, welche 
nicht friedlich nebeneinander bestehen konnen, sondern sich gegenseitig auf- 
heben. Schon war also der deutschen Schule der Vernichtungskrieg unverblumt 
angekiindigt. Nur einer stand in Deutschland noch unbesiegt — Dollinger, das 
gefeierte Haupt der Miinchener historischen Schule. Aber es ging das gefltigelte 
Wort, das Dogma musse die Geschichte besiegen, und so muBte friiher oder 
spater auch er fallen. Einen Sturm der Entriistung erregten im ultramontanen 
Lager schon die Odeonsvortrage (1861) iiber den nahen Sturz des Kirchen- 
staates, zumal da deutsche, belgische, englische und hollandische Bischofe den 
Kirchenstaat soeben noch als einen wesentlichen Bestandteil der Kirche be- 
zeichnet hatten. Aufs heftigste prallten die Gegensatze anlaBlich der Miinchener 
Gelehrtenversammlung (September 1863) zusammen, auf welcher Dollinger 
einen nach Form wie Inhalt ausgezeichneten Vortrag iiber » Vergangenheit und 
Gegen wart der katholischen Theologie « hielt. 

F. hatte wie an den Odeonsvortragen, so an der Gelehrtenversammlung und 
den damit zusammenhangenden Beratungen lebhaften Anteil genommen, und 
so war es unausbleiblich, daJ3 er, als getreuer Schiiler seines Meisters bekannt, 
die unversohnliche Gegnerschaft, welche sich dieser seitens der Neuschola- 
stiker zugezogen hatte, auch am eigenen Leibe zu spuren bekam. Schon als er 
seine erste Schrift, mit welcher er sich den theologischen Doktorgrad erwarb, 
iiber »Joh. Wessel. Ein Bild aus der Kirchengeschichte des 15. Jahrhunderts« 
(Regensburg 1862) herausgab, sah er sich gezwungen, geharnischte Verwahrung 
gegen einen neuscholastischen Kritiker einzulegen, welcher die Arbeit, noch 
ehe sie gedruckt war, aus dem Pulte des Verlegers an sich zu bringen gewuBt 
hatte und sich nun voller Entriistung iiber das vom Verf asser entworf ene diistere 
Bild kirchhchen Verderbens der Vorreformationszeit aussprach. Als nun F. 
nach seiner, auf Grand einer neuen Schrift iiber »Die Lehre des Joh. HuB und 
ihre Bedeutung fiir die neuere Zeit« (Regensburg 1862) erfolgten Habilitation 



Friedrich 



77 



(1862) zum auBerordentlichen Professor der Kirchengeschichte ernannt werden 
sollte, trug der Erzbischof von Miinchen Bedenken, seine Zustimmung zu geben, 
da sein » Wessel« AnstoB bei ihm erregt habe, und erst als sich der junge Gelehrte 
auf das giinstige Urteil des Erzbischofs Deinlein von Bamberg und des Bischofs 
Dinkel von Augsburg berufen konnte, erlitt seine Anstellung (1865) keinen Auf- 
schub mehr. In der Tat war sie vollauf verdient. F. entfaltete eine ungemein 
riihrige literarische Tatigkeit. Er hatte den groBen Plan einer » Kirchen- 
geschichte Deutschlands« gefaBt, von welcher jedoch nur der erste Band und 
die erste Halfte des zweiten erscheinen konnte (1867 — 1869), worauf das Werk 
wegen aUgemeiner Teilnahmslosigkeit eingestellt werden muBte. Von ganz an- 
deren Fragen waren damals die Gemiiter bewegt. Pius IX. hatte 1864 den 
Syllabus verkiindet und darin die Kulturideale der modernen Gesellschaft ver- 
dammt — ein Vorgehen, welches der Mainzer Neuscholastiker Heinrich als 
»die groBte Tat des Jahrhunderts und vielleicht vieler Jahrhunderte« pries. 
Im Jahre 1867 aber hatte der Papst ein allgemeines Konzil angesagt, und es 
hieB, es solle bei dieser Gelegenheit die papstliche Unfehlbarkeit, vielleicht sogar 
per acclamalionem, zum Dogma erhoben werden. Unter solchen Umstanden 
war eine griindliche Beschaftigung mit der Geschichte der friiheren Konzilien, 
besonders des letzten, des tridentinischen, aufs dringlichste geboten. F. widmete 
sich ihr sofort mit Feuereifer und begab sich auf Doilingers Rat nach Trient, 
um hier an Ort und Stelle auch Quellenstudien zu obliegen. Es war die Stunde, 
die iiber sein ferneres Leben entschied, als er einen Brief Doilingers vom 
25. September 1869 mit der iiberraschenden Mitteilung erhielt, KardinalHohen- 
lohe habe um einen deutschen Theologen geschrieben, der wahrend des Konzils 
bei ihm in Rom wohnen und ihm mit Ratschlagen beistehen konne. Er, Dol- 
linger, habe ihn als den rechten Mann vorgeschlagen, F. moge sich die prachtige 
Gelegenheit nicht entgehen lassen, »hinter den Kulissen stehend ein groBes, 
weltgeschichtliches Drama (hoffentlich weder Komodie noch Trauerspiel) auf- 
gefiihrt zu sehen«. 

Im November 1869 reiste er nach Rom ab. Dollinger hatte sich in ihm nicht 
getauscht — er war der rechte Mann, der es mit seiner Aufgabe ernst nahm 
und fur ihre Lbsung durch seine Studien iiber das Trienter Konzil wohl aus- 
geriistet war. Mit klarem Blicke betrachtete er Personen und Verhaltnisse, mit 
sicherem, unbeirrbarem Urteile durchschaute er die voile Tragweite der den 
Bischofen von der Kurie vorgelegten Entwiirfe und Formeln. Von Anfang an 
erkannte er, wie ihm der preuBische Gesandte v. Arnim spater ausdriicklich 
bezeugte, daB angesichts der geschlossenen, von ein em Willen zielbewuBt ge- 
leiteten, zahlenmaBig weit uberlegenen Mehrheit, und der unsicher hin und 
her schwankenden, in sich vielfach gespaltenen und uneinigen Minderheit der 
Sieg des Papalsystems unabwendbar sein werde. Angelegentlich bemuhte er 
sich, den meist nur mangelhaft vorbereiteten, erst durch ihre nunmehrigen Er- 
fahrungen und Wahrnehmungen aus ihrer friiheren Vertrauensseligkeit auf- 
geriittelten Bischofen der Minoritat mit Gutachten und Aufschliissen beizu- 
springen. Unablassig stand er auf seinem Posten, mahnend, warnend, studie- 
rend, priifend, beobachtend. In den Aufzeichnungen seines nachher durch den 
Druck veroffentlichten Tagebuches sowie in den ausfiihrlichen Briefen an 
Dollinger, die er noch kurz vor seinem Tode ebenfalls im Wortlaute mitteilte, 
schilderte er die verschiedenartigen Gestalten, welche auf der buntbewegten 



78 1917 

Schaubuhne des Konzils auftraten, die mannigfachen Vorgange und Ereignisse, 
die sich vor seinen Augen abspielten. Damals erreichte in ihm ein geistiger 
Kampf sein Ende, der sein ganzes Wesen erschiitterte. Er erkannte die unsicht- 
bare Hand, welche ihn nach Rom gefuhrt hatte, und je tiefer die Einblicke 
waren, welche er Tag fur Tag aus nachster Nahe in das Konzilsgetriebe tun 
durfte, desto mehr fuhlte er sich von ihm abgestoBen. »Was war Rom,« rief er 
in seinem Tagebuch (2. Aufl., S. 196) aus, »einst fiir mich! Wie betete ich ge- 
wissermaBen alles an, was von da kam! Jetzt sehe ich, daB nicht bloB die 
grauenhaf teste Ignoranz, sondern noch weit mehr Hochmut, Luge und Siinde 
hier herrschen. Nach zwei Hinsichten hat mein Leben seine Aufgabe jetzt be- 
zeichnet erhalten: es ist von jetzt an dem Kampf e gegen die Kurie, nicht aber 
(gegen den) Primat, sowie gegen die Jesuiten gerichtet. Gehe ich dabei zugrunde, 
so glaube ich, daB es der Herr so gewollt hat. « Er rechnete seinen romischen 
Aufenthalt zu den triibsten Tagen seines L,ebens und war entschlossen, dieses 
Konzil niemals als okumenisches anzuerkennen. 

Mitte Mai 1870 in die Heimat zuriickgekehrt, hatte er nur zu bald Gelegen- 
heit, seinen EntschluB in die Tat umzusetzen. Am 18. Juli erfolgte die Dogma- 
tisierung des Universalprimats und der personlichen Unfehlbarkeit des Papstes, 
welcher sich die Konzilsminderheit nachtraglich ausnahmslos unterwarf . Da 
wie Dollinger auch F. die Annahme dieser ihrer Uberzeugung gemaB neuen, in 
Schrift und apostolischer Uberlieferung nicht begriindeten, von einer moralisch 
unfreien, dem starksten Drucke durch die Kurie unterworfenen Versammlung 
beschlossenen, fiir Kirche wie Staat gleich verhangnisvollen Glaubenssatze ver- 
weigerten, so wurde Dollinger am 17., F. am 18. April 1871 vom Erzbischofe 
Gregor v. Scherr von Miinchen exkommuniziert. Die groBe Frage war nun: 
was sollte weiter geschehen? Dollinger und F. waren anfangs gesonnen, den 
Kirchenbann iiber sich ergehen zu lassen, ohne an eine kirchliche Organisation 
ihrer Gesinnungsgenossen zu denken. Bald aber drangte die Macht der Verhalt- 
nisse in andere Bahnen. Da die »Altkatholiken« — die Bezeichnung geht allem 
Anscheine nach auf den Abt Haneberg von S. Bonifaz in Miinchen, spateren 
Bischof von Speier, zuriick — durch die romischen Kirchenbehorden von den 
Sakramenten, namentlich von der damals auch zur staatlichen Giiltigkeit einer 
EheschlieBung erforderlichen pfarrlichen Assistenz, sowie vom kirchlichen Be- 
grabnisse ausgeschlossen waren, so sahen sie sich in die Zwangslage versetzt, 
eine regelmaBige altkatholische Seelsorge in die Wege zu leiten. Dollinger wollte 
davon anfangs nichts wissen; eindringlich widerriet er, » Altar gegen Altar zu 
stellen.« F., der in manchen Dingen scharfer sah, vertrat in dieser praktisch so 
wichtigen Angelegenheit den entgegengesetzten Standpunkt, welchem sich auf 
die Dauer auch Dollinger nicht zu verschlieBen vermochte. Mit vorbildlicher 
Hilfsbereitschaft und Opferwilligkeit leistete F., solange die Gemeindebildung 
mit eigenen Geistlichen noch nicht durchgefiihrt war, in Miinchen selbst wie 
auswarts, wo ein Kranker nach geistlichem Troste, ein Sterbender nach den 
Sakramenten verlangte, den ersehnten Beistand. Als es gait, an der Universitat 
Bern eine altkatholische Fakultat einzurichten, entsprach er auf Dollingers 
Wunsch der an ihn ergangenen Einladung und hielt wahrend der beiden ersten 
Semester (1874/75) kirchengeschichtliche Vorlesungen, welche er mit einer be- 
deutsamen Rede iiber den » Kampf gegen die deutschen Theologen und theo- 
logischen Fakultaten in den letzten zwanzig Jahren« eroffnete. Auf verschie- 



Friedrich 



79 



denen Kongressen, wie in zahlreichen Versaminlungen trat er als Redner auf . 
Mit unerschrockenem Bekennermute und riicksichtsloser Entschiedenheit ver- 
teidigte er die altkatholische Sache auch in wuchtigen Broschiiren, und hielt 
mit nnbeugsamer Festigkeit den leidenschaftlichen Angriffen der Gegner stand, 
welche ihn, der freilich auch selbst eine schneidige Klinge schlug, mit einer Flut 
gehassiger Schmahungen und Beschimpfungen iiberhauften, gegen welche er 
gelegentlich auch gerichtliche Hilfe in Anspruch nehmen muBte. 

Und doch hinderte ihn alles dies nicht, das groBe Werk seines Lebens zu voll- 
enden, zu dem er wie sonst niemand berufen war, die »Geschichte des vatika- 
nischen Konzils « in 3 bzw. 4 Banden, von welchen der erste (1877) die Vor- 
geschichte bis zur Eroffnung des Konzils, der zweite (1883) die unmittelbaren 
Vorbereitungen, der dritte, um seines groBen Umfanges willen in zwei Halften 
geteilt, den Verlauf des Konzils bis zum entscheidenden 18. Juli behandelte 
(1887). Das Werk wird nie veralten und fur alle Zeiten ebenso wie das Tagebuch 
und die Berichte, welche der Verfasser wahrend seines romischen Aufenthaltes 
an Dollinger gelangen lieB, eine Hauptquelle der Geschichte des vatikanischen 
Konzils bilden. Seine Glaubwiirdigkeit und Zuverlassigkeit besteht, bei 
manchen Irrtumern und Fehlern in Einzelheiten und Kleinigkeiten, die 
strengste kritische Prufung. Selbst ein bald darauf von jesuitischer Seite auf 
Grund der samtlichen vatikanischen Aktenstiicke verfaBtes Gegenwerk ver- 
mochte es nicht zu iiberholen oder auch nur in seinen Hauptergebnissen zu er- 
schuttern. Die Palme gebuhrt unter den drei Banden unstreitig dem ersten. 
Mit musterhafter Griindlichkeit legt er die Machte und Triebkrafte bloB, welche 
zur Verkiindigung der Unfehlbarkeit fiihrten, und bietet eine unerschopfliche 
Fundgrube kostbarsten, zum Teile sehr entlegenen Stoffes zur Geschichte des 
Ultramontanismus im 19. Jahrhunderte. Die gebiihrende Anerkennung blieb 
denn nicht aus. W. v. Giesebrecht befurwortete 1880 F.s Wahl zum ordent- 
lichen Mitgliede der Miinchener Akademie, und wenn dieser auch 1882 auf 
Drangen der ultramontanen Kammermehrheit gegen seinen Willen aus der 
theologischen Fakultat ausgeschieden und in die philosophische versetzt wurde, 
so konnte er doch seine Vorlesungen ungestort wieder aufnehmen und seine 
wirtschaftliche Zukunft fur gesichert halten. Der schwerste Schlag traf ihn, 
als am 10. Januar 1890 Meister Dollinger aus dem Leben schied. Am 13. Januar 
segnete er ihn, der Gebannte den Gebannten, zur ewigen Ruhe ein und widmete 
ihm am offenen Grabe, aufs tiefste ergriffen, tief ergreifende Abschiedsworte. 
Dem Wunsche des Entschlafenen gemaB besorgte er 1892 die neue Auflage der 
1869 in der ganzen gebildeten Welt als formliches kirchenpolitisches Ereignis 
gewiirdigten Schrift »Der Papst und das Konzil von Janus «, deren machtiger 
Eindruck durch den ihr vom Wtirzburger Professor und spateren Kardinal 
Hergenrother entgegengesetzten »Antijanus« nicht mehr hatte verwischt wer- 
den konnen. Die Schrift, von F. mit sorgfaltigen Quellenbelegen versehen und 
dadurch in ihrem wissenschaftlichen Werte noch gehoben, erschien nunmehr 
unter dem Titel »Das Papsttum von J. v. Dollinger*, wodurch zugleich die 
bisher noch immer ungeklarte Frage der Urheberschaft des Janus aufgehellt 
wurde. F. war es auch, der zuverlassigen AufschluB uber den wahren Verfasser 
der wahrend des Konzils in der Augsburger »Allgemeinen Zeitung« veroffent- 
lichten und ob der Verlassigkeit ihrer Mitteilungen, ihrer ungewohnlichen Ge- 
lehrsamkeit und geistvollen Sprache iiberall, besonders auch in Rom selbst von 



8o 1917 

den Konzilsvatern gierig verschlungenen »R6mischen Briefe« erteilen konnte, 
die Ende 1870 in Buchfonn unter dem Namen »Quirinus« erschienen waren. 
Ihr Verfasser war wiederum Dollinger, der sich hierbei nicht nur der schon er- 
wahnten Briefe F.s, sondern auch der ihm zur Verfugung gestellten amtlichen 
Berichte des bayerischen Gesandten Tauffkirchen und seines Attaches, Grafen 
Arco, ganz besonders aber der aufierst aufschluflreichen Zuschriften seines 
Freundes und Schulers, des I/>rds Acton, bedienen konnte, der die engsten Be- 
ziehungen zu den fuhrenden Bischofen der Minderheit unterhielt, zu Darboy 
von Paris, Dupanloup von Orleans und Strofimayer von Diakovar. Mit ihren 
lebendigen Stimmungsbildern und ihren aus genauester Kenntnis der Personen 
und Verhaltnisse geschopften Angaben zahlen die »R6mischen Briefe « zu den 
zuverlassigsten und wichtigsten Quellen der Konzilsgeschichte, die von keinem 
Forscher ungestraft beiseite geschoben werden konnen und auch von F. fleiBig 
zu Rate gezogen wurden, als er seine Konzilsgeschichte verfaBte. Das monu- 
mentum aere perennius setzte F. seinem Lehrer in der dreibandigen Biographie 
»Ignaz von Dollinger «. Sein Leben auf Grund seines schriftlichen Nachlasses 
(Miinchen 1899 — 1901), in der er mit pietatvollem Griffel ein lebenswarmes 
Bild des grofien Theologen zeichnete und dabei ein Jahrhundert katholischer 
Gelehrtengeschichte an unseren Augen voriiberziehen laBt. Waren damit nun 
auch seine groBeren Werke geschlossen, so legte er die unermiidliche Feder doch 
noch lange nicht aus der Hand. Zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten, teils in 
den Abhandlungen der Munchener Akademie, teils als selbstandige Schriften 
erschienen, legten von der ungeschmalerten Geistesfrische des nun auch selbst 
schon ins Greisenalter getretenen Gelehrten riihmliches Zeugnis ab. Und frisch 
und riistig blieb auch der Korper. Ungebeugt und ungebrochen durch die Last 
der Jahre oder die rauhen Sturme, die iiber ihn hinweg gebraust waren und so 
manchen anderen entwurzelt hatten, stand er trotzig und zah, wie die knorrigen 
Eichen seiner frankischen Heimat, das ausdrucksvolle Haupt, aus dem die 
blauen giitigen Augen so schalkhaft leuchteten, aber zuweilen auch zornige 
Blitze spriihten, von ehrwtirdigen weiBen Locken umwallt. Der altkathohschen 
Sache blieb er bis zum Tode unerschutterlich treu. RegelmaBig nahm er an den 
Veranstaltungen und gottesdienstlichen Feiern der Gemeinde seines Munchener 
Wohnsitzes teil, wenn er auch in den letzten Jahren keine kirchlichen Ver- 
richtungen mehr vornahm. Unstreitig war er ein groBer Gelehrter. Aber er war 
viel mehr. Er war, was so selten ist, von der FuBsohle bis zum Scheitel jeder 
Zoll ein ganzer Mann. Was er am Grabe Dollingers diesem nachruhmte, das 
gait ebenso von ihm selbst: »Sein ganzes Leben war ein ununterbrochener, 
seinem Herrn gewidmeter Dienst.« 

Literatur: H. Prutz, Jahrbuch der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 1918, 
S. 69 ff. — O. K., Beilage zur Allgemeinen Zeitung 1906, Nr. 104. — F. Hacker, J. F. als 
Fiihrer der altkatholischen Bewegung, Internationale Kirchliche Zeitschrift 1918, S.252ff. 

— Friedr. Nippold, Ein Jahr aus dem Leben von Prof. F., Der romfreie Katholik, 191 3, 
Nr. 32, S. 250 f. — J. F., Rdmische Briefe iiber das Konzil (1869/70), Revue Internationale 
de Thiologie XI (1903), 621 ff. — Derselbe, Meine Briefe an Dollinger aus dem Konzils- 
jahre 1869/70, Internationale Kirchliche Zeitschrift VI (1916), 27 ff., 174 ff., 300 ff., 401 ff. 

— Th. Granderath, S. J., Geschichte des Vatikanischen Konzils, herausgegeben von 
K. Kirch, S. J., 3 Bande 1903 — 1906. — K. Mirbt, Die Geschichtschreibung des Vatika- 
nischen Konzils, Hist. Zeitschr. CI (1908), 529 ff. — .Derselbe, Vatikanisches Konzil, Real- 
Enzyklop. f. protest. Theologie XX 3, 445. — E. A. Roloff, Die »R6mischen Briefe vom 



Friedrich. Fxoriep 8l 

KonziU, Zeitschr. f . Kirchengeschichte XXXV (1914), 204 ff. — Jahrbiich der Ludwig- 
Maximilians-Universitat Miinchen fur die Jahre 1914 — 1919(1927) S. 46 — 52 (Hermann 
Grauert [f]: J. F.). 

Miinchen. Joseph Schnitzer. 

Froriep, August, Professor der Anatomie zu Tiibingen, * am 10. September 
1849 in Weimar, f am 11. Oktober 1917 zu Tubingen. — F. entstammte einer 
alten Weimarer Familie, war Sohn und Enkel eines Arztes und wandte sich, der 
Familientradition folgend, dem Studium der Medizin zu, zunachst in Gottingen 
(1868 — 1870), spater in Tubingen (von 1870 an), wo sein Groflvater Ludwig 
Friedrich F. ehemals Professor der Anatomie gewesen war. Sein erster Aufent- 
halt in Tubingen war jedoch nur von kurzer Dauer, da der Krieg ausbrach, den 
F. als Freiwilliger mitmachte. Erst im Herbst 1871 kam F. nach Tubingen 
zuriick, betrieb hier klinische Studien und arbeitete bei Hoppe-Seyler, ging 
spater nach Leipzig und beendete dort seine Studien. Ostern 1875 trat der 
junge F. an der anatomischen Anstalt zu Leipzig bei Braune als Assistent ein 
und kam dadurch auch in nahere Beriihrung mit His, dem damaligen Leiter 
der Anstalt. Im gleichen Jahre verheiratete er sich zum ersten Male mit Elise 
Lenoir, einer Genferin, die ihm jedoch schon 1887 durch den Tod entrissen 
wurde. 

Es ist ganz zweifellos, dafl die Arbeitszeit an der anatomischen Anstalt zu 
Leipzig in gewissem Sinne fur F. entscheidend war, denn seine embryologischen 
Neigungen, denen er sein ganzes Leben iiber treu blieb, leiten sich jedenfalls 
auf die von His empfangenen Anregungen zuriick, wahrend seine topogra- 
phischen Studien in Braune ihre letzte Wurzel haben. In Leipzig kam er auch 
in Beriihrung mit der dortigen Kunstschule, an welcher er mehrere Monate 
lang den Lehrer der Anatomie zu vertreten hatte, und von diesem Ursprunge 
her entwickelte sich seine Vorliebe f iir plastische Anatomie und seine » Anatomie 
fur Kiinstler<(, die im Jahre 1880 zum ersten Male erschien. 

Als 1878 Dursy, der erste Prosektor und a.o. Professor der Anatomie zu 
Tubingen, starb, bewarb sich F. bei Henke, dem Vorstande der Anstalt, um 
dessen Nachfolge und erhielt die Stelle freundlichst zugesichert. So las er also 
im Wintersemester 1878/79 sein erstes Kolleg an der Universitat und hatte vor 
alien Dingen auch viel mit den Praparieriibungen zu tun. Da er jedoch auch den 
Unterricht in der mikroskopischen Anatomie hatte iibernehmen miissen, so 
ging er im Friihjahre 1879 auf drei Monate nach Paris zu Ranvier, welcher da- 
mals einen wohlbegriindeten Ruf in der Histologic, besonders als Techniker, 
besaB, um sich dort in diesem Fache nach den Regeln der Kunst ausbilden zu 
lassen. Dieser EntschluB ist darum bemerkenswert, weil damals eigentlich 
Kolliker in Wiirzburg im Bereiche der Histologic der anerkannte Herrscher war, 
wenigstens was Deutschland anlangt. F. ist die Liicken seiner franzosischen 
Ausbildung in diesem Fache Zeit seines Lebens nicht los geworden. So kam es, 
dafl die mikroskopische Anatomie f iir ihn immer ein Nebenfach blieb ; er hatte 
zwar auch fur dieses Gebiet ein erhebliches Interesse, fand aber keine Gelegen- 
heit mehr, sich nach dieser Richtung hin fortzubilden. Was die weiteren Lebens- 
daten anlangt, so wurde F. 1884 a.o. Professor und ubernahm 1895 an Stelle 
Henkes das Ordinariat fur Anatomie. Im Jahre 1890 ging er mit Marie Freiin 
v. Hermann eine zweite Ehe ein, die erst durch den Tod F.s geldst wurde. 
dbj « 



82 1917 

Die Beschaftigung mit der schon erwahnten Kunstleranatomie fallt in die 
Jahre 1878 — 1880; sie erschien im Todesjahre F.s zum 5. Male, ein schlichtes 
Werk mit klaren, kraftigen Abbildungen, welches dem Kiinstler das brauchbare 
Handwerkszeug tibermittelt. Hierzu ist zu erwahnen, daB F. zweifellos der 
Anlage nach kiinstlerische Interessen besaB, auch im Unterrichte die plastischen 
Werke der Antike gerne projizierte, urn an diesen die wesentlichen Tatsachen 
der plastischen Anatomie zu erlautern. 

F.s Hauptgebiet jedoch war die Embryologie und dies entsprach dem Zuge 
der Zeit. Seitdem im Jahre 1859 die »Entstehung der Arten« von Darwin er- 
schienen war, waren zahlreiche Forscher bemiiht gewesen, die Grundbegriffe 
der Deszendenzlehre auf die Morphologie anzuwenden und die Lehre Darwins 
auf ihren Nutzungswert zu priifen. Die einschlagigen Arbeiten bewegen sich 
naturgemaB auf den Gebieten der vergleichenden Anatomie und Embryologie 
und eben hieran wollte der junge F. teilnehmen. Er wandte sich der Wirbel- 
theorie des Kopfes zu, welche seinerzeit von Goethe und Oken begriindet wor- 
den war und die nunmehr in abgeanderter Form wieder auftauchte. An die 
Stelle der Wirbel traten die Metameren oder Folgestiicke, welche entwicke- 
lungsgeschichtlich durch die Erscheinung der Ursegmente oder Urwirbel cha- 
rakterisiert sind. F. wies nach, daB nur in dem hinter der Ohrgegend gelegenen 
Abschnitte des Kopfes Urwirbel nachweisbar sind und daB somit nur dieser Teil 
als ein modifizierter Teil des Rumpfes angesehen werden kann. Diese Arbeiten 
zur Morphologie des Kopfes ziehen sich durch das ganze Leben F.s hindurch ; 
die letzte Veroffentlichung erschien in seinem Todesjahr (1917). 

F. hat, von den genannten Arbeiten ausgehend, auch andere Gebiete der 
Anatomie des Kopfes eingehend bearbeitet. Vor alien Dingen war er ein vor- 
trefflicher Kraniologe und hat zu Tubingen eine reiche anthropologische 
Schadelsammlung angelegt. Hierher gehoren auch seine Veroffentlichungen 
iiber die Schadel verschiedener historischer Personlichkeiten (Hugo v. Mohl, 
Schiller, Fraulein v. Gochhausen). In den beiden letztgenannten Fallen handelt 
es sich um die Identifizierung des Schadels nach dem vorhandenen Bildnis- 
material, Untersuchungen, die jedesmal auBerst schwierig sind, aber gelegent- 
lich auch durch die Umstande erforderlich werden. So hatte schon His seinerzeit 
den Schadel Joh. Seb. Bachs auf Ansuchen des Rates der Stadt Leipzig iden- 
tifiziert. Nachdem nun Welcker die Echtheit des in der Weimarer Fiirstengruft 
aufbewahrten Schiller-Schadels angezweifelt hatte, suchte F. an der Hand des 
Bildnismaterials den Schadel unter vielen neu zu bestimmen. Es ist bekannt, 
daB er in der Tat einen anderen Schadel als den echten bezeichnete; da diese 
Untersuchung mit dem Aufgebote aller technischen Hilfsmittel durchgefuhrt 
worden war, muB man sich mit dem Resultate geniigen lassen ; es ist kaum an- 
zunehmen, daB das gesamte Material noch einmal durchgearbeitet werden wird. 

Weiterhin hat F. seine Untersuchungen am Kopfe auch auf die Lage des 
Gehirns zum Schadel ausgedehnt. Es gelang ihm, ein topographisches Werk 
ersten Ranges zustande zu bringen, welches auf diesem Gebiete als klassisch 
bezeichnet werden muB, und die solide Grundlage fur die operativen MaBnahmen 
am GroBhirn geworden ist. 

Im ganzen gewinnt man von den Arbeiten F.s (umfassend 52 Nummern) den 
Eindruck, daB er ein auBerordentlich peinlicher und gewissenhafter Forscher 
gewesen ist, der sich nirgend genug tun konnte. Jederzeit wurden alle nur er- 



Froriep. Gillhausen 83 

denklichen Hilfsmittel ausgenutzt, urn das Resultat sicherzustellen. Auch als 
Chef des Institutes hat er sich sehr erhebliche Verdienste erworben, denn die 
anatomische Anstalt zu Tubingen in ihrer jetzigen verbesserten Gestalt ist sein 
Werk. Auch hat er die Sammlungen reichlich vermehrt und den Unterricht in 
vorbildlicher Weise gepflegt. 

Literatur: M. Heidenhain, August v. F. Anatom. Anzeiger, Bd. 50, 191 7, mit Bildnis. 

Tubingen. Martin Heidenhain. 

Gillhausen, Gisbert, Geh. Baurat und Dr.-Ing. e. h., * am 28. Juli 1856 zu 
Sterkrade bei Oberhausen, | am 16. Marz 1917 in Essen. — Gisbert G. war 
der Sohn eines Hiittenbeamten der Gutehoffnungshiitte, die damals noch 
unter der Firma Gewerkschaft Jacobi, Haniel & Huyssen bekannt war, und 
so wurde er schon durch Geburt und Umgebung in die technische Laufbahn 
gewiesen, fiir die er eine fruhe und entschiedene Begabung mitbrachte. Unter 
acht Geschwistern in engen Verhaltnissen aufwachsend und durch den friihen 
Tod des Vaters vor die Notwendigkeit raschen Vorwartskommens gestellt, 
vertauschte der Knabe schon mit 16 Jahren das Gymnasium zu Wesel mit 
dem Polytechnikum zu Aachen, wo ihn sein Fleifl und seine friih hervor- 
tretende mathematische Begabung in dem gewahlten Fache des Maschinen- 
baus rasch forderten. — Schon nach vierjahrigem Studium, noch nicht ganz 
zwanzigjahrig, trat G. als Ingenieur in die Gutehoffnungshiitte ein, wo er 
an groBeren Eisenbauten, u. a. an den Briicken fiir die Gotthardbahn und 
an der Koblenzer Rheinbrticke, sein konstruktives Talent weiter ausbildete. 
Einige Jahre spater finden wir ihn schon in selbstandig verantwortlicher 
Stellung als Oberingenieur bei den Rheinischen Stahlwerken, und hier, wo 
er nach seinen eigenen Worten die schonsten Jahre seines Lebens verlebte 
und zur Familiengriindung schritt, eroffnete sich auch seiner seltenen Arbeits- 
kraft und Energie ein breites dankbares Feld. Die deutsche Industrie trat 
damals, am Beginn der achtziger Jahre, mit dem nach schweren Kampfen 
errungenen Zolltarif nach langem Darniederliegen wieder in eine hoffnungs- 
vollere Tatigkeitsperiode ein. Gleichzeitig eroffnete sich durch den vor kurzem 
erschlossenen ThomasprozeC gerade fiir die deutschen Hiitten eine Moglichkeit 
kraftigen Auf schwunges : die gewaltigen Eisensteinschatze des jiingst er- 
worbenen Lothringens konnten durch das neue Verfahren erschlossen und ein 
wertvolles Erzeugnis billig dem Weltmarkte zugefiihrt werden. An diesem 
grofien Umschwunge als einer der ersten mitgearbeitet zu haben, hat G. immer 
als eins der gliicklichsten Ereignisse seiner technischen I,aufbahn bezeichnet. 
Die Rheinischen Stahlwerke begannen mit der Einfuhrung des Thomasver- 
fahrens unmittelbar nach G.s Eintritt, er nahm an alien einschlagigen Arbeiten 
starksten Anteil, entwarf einen groBen Teil der erforderlichen Hiittenanlagen, 
Walzwerke und bereicherte zugleich seine eigenen Erfahrungen, die er dann im 
Dienste der Firma Krupp auf der breitesten Grundlage verwerten konnte. 

Im JahreiSgo, zehn Jahre nach G.s Eintritt bei den Rheinischen Stahlwerken, 
erfolgte sein Ubertritt zu Krupp. Man berief ihn als Loiter des Technischen 
Bureaus, in welchem samtliche, den weiten Umkreis der Kruppschen Werke 
betreffenden Neuanlagen entworfen und ausgefiihrt werden, und an welcher 
Stelle nach einer natiirlichen Pause des Stillstandes in den letzten L,ebensjahren 



84 l w 

und nach dem Abscheiden des groBen Alfred Krupp ein neuer, wissenschaftlich 
durchgebildeter Betrieb wiinschenswert erschien. G. brachte fur eine Erneue- 
rungsarbeit dieser Art alle Eigenschaften in reichem MaBe mit, ein griindliches 
akademisches Wissen, reiche Erfahrung trotz seiner Jugend und eine unver- 
siegbare, vor keiner Schwierigkeit zuriickschreckende Energie des Wollens und 
der Tat. Sein Tatendrang, mit einer klaren Erkenntnis des Notwendigen und 
einem eisernen FleiB vereinigt, war nach dem Zeugnis seiner damaligen Mit- 
arbeiter und spateren Nachfolger derart ungestiim und unaufhaltsam, daB der 
Fernerstehende ihm schwer zu folgen vennochte. Sein gliickliches Geschick 
wollte es, daB er in dem Sonne und Nachfolger Alfred Krupps einen Chef und 
Auftraggeber fand, der, bei bemerkenswerter eigener Einsicht in die technischen 
Zusammenhange, frei von Kleinlichkeit und Eifersucht war und groBe Talente 
hochherzig zu unterstiitzen verstand. Friedrich Alfred Krupp brachte den weit 
ausgreifenden Planen G.s voiles Vertrauen entgegen, und aus diesem Zusam- 
menwirken entstand zunachst jenes groBdurchdachte Werk neuzeitlicher In- 
genieurkunst, die Friedrich- Alfred-Hiitte am Niederrhein, das zur Zeit seiner 
Entstehung bis weit tiber die Grenzen Deutschlands als eins der leistungs- 
fahigsten und besteingerichteten Hiittenwerke Europas anerkannt wurde. Die 
groBen Fragen des Transportes, der Warmeausnutzung, des Ineinandergreifens 
aller Arbeiten vom Schmelzen der Erze bis zum Fertigwalzen der Schiene sind 
in Rheinhausen fruhzeitig mit einer amerikanischen Verhaltnissen zu ver- 
gleichenden GroBziigigkeit gelost worden. Nach dem Zusammenbruche der 
alten Grundlagen der Kruppschen GuBstahlfabrik infolge des verlorenen 
Krieges und des Machtf riedens der Feinde ist dieses groBe Hiittenwerk der feste 
Grundpfeiler bei der Wiedererneuerung des Gesamtunternehmens ge worden. 
Mit der Kiihnheit, die ihn bei dem Entwurf groBer Plane auszeichnete, hat G. 
in Rheinhausen auch die damals neue Frage der Gasverwertung in GroB- 
maschinen, die zu den Grundztigen der modernen Hiittentechnik gehort, mit 
einem Schlage gelost zu einer Zeit, als die GroBgasmaschine noch eine viel- 
umstrittene, keineswegs geloste Aufgabe war. Er besaB das groBe MaB von 
Verantwortungsgefiihl, das die Folgen eines neuen, ktihnen Schrittes wohl zu 
berechnen, aber auch auf sich zu nehmen versteht. 

G.s ganze Vielseitigkeit zeigte sich in den nachsten Jahren beim Neubau der 
Germaniawerft in Kiel, die Krupp um die Jahrhundertwende seinen alteren 
Betrieben angliederte. Die Germaniawerft ist ja, abgesehen von ihren sonstigen 
Kriegsschiffbauten, die Wiege des deutschen Unterseebootes geworden, und 
auch auf diesem Felde war es G. beschieden, tatkraftig einzugreifen, indem er 
fruhzeitig die Bedeutung des Dieselmotors erkannte und die Unterstiitzung 
dieser groBen Erfindung durch die Firma Krupp nachdrucklich beeinfluBte. 
Was in der Maschinenfabrik Augsburg - Niirnberg Buz (s. unten S. 225 ff.) 
leistete, das war in Essen G., und die U-Boots-Dieselmaschine, die das deutsche 
Unterseeboot in erster Linie zu glanzenden Leistungen wahrend des Krieges 
befahigt hat, hatte ohne die Tatkraft dieser beiden Manner schwerlich ihre 
Tasche Vollendung erfahren. Es ist wenig bekannt, daB die erste Anregung zur 
Verwendung des Dieselmotors als Schiffsmaschine schon im Jahre 1897 von G. 
ausging. 

Nach dem beendigten Ausbau der Germaniawerft kehrte G., seit 1899 ins 
Direktorium der Firma Krupp berufen, etwa mit dem Jahre 1900 mitdoppeltem 



Gillhausen 85 

Eifer zu der Vollendung seiner liebsten Schopfung, des Hiittenwerks in Rhein- 
hausen, zuriick. Aber auch als diese Aufgabe voll gelost war und Krupp damit 
zeitweilig iiber das groBte und modernste Stahlwerk Europas gebot, kannte G. 
kein Ausruhen. Schon seit Jahren drangte die Modernisierung und Zusammen- 
fassung der in 50 Jahren langsam entwickelten Kruppschen Kanonenwerk- 
statten als wichtigste, aber auch schwerste Aufgabe der Essener Betriebe. Auch 
diese Arbeit, die sich im wesentlichen als die Uberfuhrung der Kruppschen 
Werke in den neuzeitlichen GroBbetrieb bezeichnen laBt, fiel schlieBlich G. zu. 
Sie nahm eine Reihe von Jahren in Anspruch und bezeichnet im groBen und 
ganzen den AbschluB seiner umfassenden Tatigkeit fiir Krupp, ein Jahr vor 
dem Ausbruche des Weltkrieges schied er aus der Firma aus. Er stellte sein 
Wissen und seine Erfahrungen fortan durch gelegentliche Arbeiten fiir eine 
Reihe der groBten Werke nicht nur in den Dienst der gesamten deutschen 
Industrie, sondern ubte auch tiefgehenden EinfluB aus in den groBen wirtschaft- 
lichen Verbanden des Rheinlandes und in der Verwaltung der machtig auf- 
strebenden GroBstadt Essen. Hier behielt er auch nach dem Ausscheiden aus 
der Firma Krupp seinen Wohnsitz und brachte damit seine Zugehorigkeit zum 
Mittelpunkte der technisch gesteigerten deutschen Wirtschaft bewuBt zum 
Ausdruck. 

Zu Beginn des Jahres 1917 wurde G. von dem Leiter, Generalleutnant 
Groener, zur Mitarbeit im deutschen Kriegsamt berufen, aber ein tragisches 
Geschick riB ihm diese ersehnte Gelegenheit, dem Vaterlande mit seinen reichen 
Gaben dienen zu konnen, aus der Hand. Eine kurze tiickische Krankheit, die 
er sich auf einer mit seiner neuen Berufung im Zusammenhang stehenden 
Reise zuzog, raffte den anscheinend kraftigen Mann in wenigen Tagen hin. Er 
starb am 16. Marz 1917 im Alter von noch nicht 61 Jahren. An seiner Bahre 
wurde das nachfolgende, seine Bedeutung kennzeichnende Wort gesprochen: 
»Jedes U-Boot, das die Germaniawerft verlaBt, jedes Geschiitz, das von den 
Essener Werken zur Front rollt, geben Zeugnis von seinem Wirken. a Die Firma 
Krupp ehrte das Andenken eines ihrer groBten Ingenieure durch den im Jahre 
192 1 vollendeten groBen Erzdampfer , Gillhausen*. 

Die besten Eigenschaften Gisbert G.s hat einer seiner Freunde, der ver- 
storbene Dr.-Ing. Hartwig, der seinerzeit Assistent G.s gewesen war, mit kurzen 
Worten zusammengef aBt : »Er besaB in seltenem MaBe jene Gaben, die den 
rechten Ingenieur ausmachen : technisches Wissen in engster Fuhlung mit den 
Forderungen der Praxis, eisernen Willen, der sich riicksichtlsos durchzusetzen 
wuBte, wenn es Wichtiges zu er reichen gait, zahe Ausdauer, unermiidlichen 
FleiB, gewissenhafte Pflichttreue, treffsicheres Urteil, stark entwickelten Ord- 
nungssinn, kaufmannisches Empfinden und rasches Erfassen des springenden 
Punktes; in alien Fragen das Herz auf dem rechten Fleck, war er zuverlassig 
in Gesinnung und gerecht im Tun, streng gegen sich selbst und gegen seine 
Untergebenen, aber zugleich ein wohlwollender Berater und ein gerechter Vor- 
gesetzter. Den Ingenieurstand suchte G. mit alien ihm zur Verfiigung stehenden 
Mitteln hochzuhalten ; jungeren strebsamen Ingenieuren half er nicht nur gern 
vorwarts, sondern hatte auch, wo es notig war, eine mildtatige Hand fiir sie, 
wie er iiberhaupt seinen Opfersinn in zahlreichen Fallen, insbesondere wahrend 
des Krieges, gern bekundete.« 

Kosel (Kreis Eckernforde). Wilhelm Berdrow. 



86 19*7 

Hocheder, Karl, Architekt und o. Professor der Baukunst, * 7. Marz 1854 zu 
Weiherhammer (Oberpfalz), f 21. Januar 1917 in Miinchen. — H. entstammt 
einer bayerischen Beamtenf amilie ; der Vater, Adolf H. , war zur Zeit der Geburt 
seines Sohnes Karl Bergmeister in Weiherhammer, spater Generaldirektor der 
bayerischen Verkehrsanstalten. H. selbst war sich des ganz innigen Verwachsen- 
seins mit dem altbayerischen Boden immer bewuflt ; nicht ohne Stolz erzahlte 
er, daB »die Wiege seiner Ahnen kaum vier Stunden weit von Salzburg weg in 
jenem bekannten Pfarrdorf Anger stand, das Kdnig Ludwig I. als das schonste 
Dorf seines Landes gepriesen hat«. Das ist in der Tat eine gesegnete Gegend, 
aus der ein rechtes Geschlecht heranwachsen konnte, nahe der klassischen 
Landschaft Salzburgs und gegenuber dem romantischen Untersberg. 

Die Schulen wurden in Miinchen besucht; erst das humanistische Gymna- 
sium, dann das Realgymnasium. Auf der Technischen Hochschule traf H. zu- 
nachst als Lehrer Gottgetreu und Geul, zu denen er kein naheres Verhaltnis 
f inden konnte ; einfluBreicher war der Unterricht Neureuthers gegen Ende des 
vierjahrigen Studiums, das 1878 durch die Prufung abgeschlossen worden ist. 
Nachdem die praktische Ausbildung bei der Eisenbahnsektion L,andshut, bei 
der Generaldirektion der Verkehrsanstalten in Miinchen und beim Landbau- 
amt daselbst erledigt war, unterzog sich H. der praktischen Staatspriifung im 
Jahr 1881, fand darauf Verwendung, aber kein Geniigen beim Iyandbauamt in 
Amberg und stellte sich dem nur wenige Jahre alteren, als Nachfolger Neu- 
reuthers berufenen neuen Professor der Baukunst Friedrich Thiersch (s. DBJ. 
1921, S. 252 — 257) als Assistent zur Verfugung. Das war nun allerdings ein 
frohliches Schaffen, anders als in den verstaubten Stuben der Bauamter. Neben, 
nicht unter der glanzenden Person Fr. Thierschs zu arbeiten, war fur den 
auflerlich weit weniger glanzenden H. sicher eine Freude, vielleicht auch manch- 
mal ein Anlafi zur Ubung des ihm durchaus gelauf igen Ein- und Unterordnens ; 
kunstlerisch genommen konnte es aber kaum groBere Gegensatze geben: 
Thierschs Klassizitat und H.s warmbliitige, suchende Romantik. Ich erinnere 
mich heute noch mit Vergniigen, welches kopfschiittelnde Staunen bei uns 
Studierenden und beim Chef ein unter H.s besonderer Aufsicht entstehender, 
ganz und gar verschnorkelter Deutsch-Renaissance-Entwurf hervorgerufen hat. 
So blieb H. auf seiner Bahn, trotzdem er vier Jahre bei Thiersch assistierte; 
menschlich aber traten sich die beiden nahe und wurden spater als Kollegen 
gute Freunde. 

Sollte der AnschluB im Staatsdienst nicht verpaBt werden, so muBte H. 
dahin zuriickkehren. Als Bauamtassessor zog er 1885 noch einmal nach dem 
schonen Stadtchen Amberg, ein Jahr spater wurde er an das Landbauamt 
Miinchen versetzt. Allein die Aufgaben, die H. fur sich wiinschte, waren hier 
kaum zu f inden ; viel eher mochte dies bei der Stadt sein ; er siedelte als Bau- 
amtmann an das Stadtbauamt Miinchen iiber. Und nun begann eine Tatigkeit, 
die ebenso fruchtbar wie segensreich fur Miinchen geworden ist, eine Tatigkeit, 
die eine Zeitlang das Munchener Stadtbauamt zum Gegenstand der Bewunde- 
rung und Nachahmung f iir ganz Deutschland machte — dies letzte sehr zum 
MiBbehagen H.s. Denn seine Arbeit ruhte breit und fest im heimatlichen Boden ; 
ihm muBte der nachgemachte »Miinchner Barock« in Mittel- oder Norddeutsch- 
land ein Greuel sein. 

Die Zustande am Stadtbauamt waren nach einer langen Epoche stark per- 



ttocheder 87 

sonlicher Leitung unter Zenetti reif zur Erneuerung. Zenettis Nachfolger, 
W. Rettig, bedeutete eine kometenhaft schnell voriiberziehende Epoche ; erst 
die tJbernahme der Oberleitung durch Adolf Schwiening brachte Ruhe und 
GleichmaB in das Amt. Es ist Schwienings groBes Verdienst, daB er, eigener 
Bautatigkeit ganz entsagend, H. voile freie Bahn gewahrte, ihm und seinem 
ebenbiirtigen, bald nachher eintretenden Kollegen Hans Grassel. 

Die Bauaufgaben, die nun in rascher Folge von H. zu bewaltigen waren, 
betrafen zunachst Schulen, von denen die ersten noch gebunden und unfrei 
Zeugnis davon ablegten, daB Uberkommenes zu verarbeiten war. Bald aber 
brach die frohliche bayerische Art durch; heller Putz, rote schone silhouet- 
tierende Dacher, freie schwingende Ornamentik und lichte Raume zeichnen 
u. a. die Schulen an der ColumbusstraBe und die an der StielerstraBe aus. 189 1 
ubernahm H. auBerdienstlich den Neubau der Kranken- und Pflegeanstalt des 
bayerischen Frauenvereins vom Roten Kreuz in der Vorstadt Neuhausen. Das 
war wieder gluckliche Uberwindung der Schwere und Tnibseligkeit — fast 
heiter, soweit ein Krankenhaus heiter sein darf . Ahnlicher Aufgabe gait drei 
Jahre spater H.s Arbeit an dem stadt. Armenversorgungsheim an der Martin- 
straBe. Auch da kein finsterer Versorgungsbau, sondern ein biirgerlich statt- 
liches, breit und behaglich daliegendes Haus. Industriebauten faBte nun aller- 
dings H. nicht in moderner »Neuer Sachlichkeit« auf, sondern er suchte iiber 
das Harte, damals wenigstens als hart Empfundene mit einer Anleihe bei der 
burgerlich-klosterlichen Architektur hinwegzukommen ; sogar der hohe Kamin 
des Elektrizitatswerkes an der StaubstraBe muBte eine dekorative Verkleidung 
erfahren. Aber wer wiinschte statt des kostlichen kleinen Turbinenhauses in 
den Maximiliansanlagen, das mit seiner griinen Haube an einen SchloBpavillon 
recht lebhaft erinnert, ein Bauwerk in neuer Sachlichkeit zu sehen ? Diese Art 
hat dann H. zu einer Hochstleistung gesteigert in seinem Volksbad, das nach 
dem Stifter das Mullersche heiBt. Dieser verlangte um jeden Preis italienische 
Renaissance; H. aber wollte nicht und setzte sich mit manchen Unan- 
nehmlichkeiten durch. Er wollte auch nicht an eine akademisch zusamraen- 
fassende Kastenarchitektur ; er verlangte die Vielheit der Bauteile, die zwei 
Schwimmhallen, die Wannenbader und alles andere klar und deutlich auszu- 
driicken, und das Hochreservoir war ihm gerade recht, einen Turm daraus zu 
machen. Durch dieses Volksbad ist H. volkstumlich geworden, fast so sehr wie 
Gabriel Seidl, dem er freundschaftlich bewundernd zugetan war. 

Neben diesen groBen Arbeiten lief en, wie das in einem viel beschaftigten 
Bauamt zu erwarten ist, eine Reihe minder wichtiger her: der Pfarrhof der 
Giesinger Kirche — fast iibermaBig bewegt, das Feuerhaus an der Kirchen- 
straBe u. a. m. Die Bauausfiihrung des Volksbades iiberdauerte die amtliche 
Tatigkeit bei der Stadt ; einige wichtige Entwiirfe muBte er seinem Nachf olger 
Rehlen iibergeben. 

Denn nun trat eine neue entscheidende Wendung im Leben H.s ein, er wurde 
1898 auf den Lehrstuhl Professor Geuls gerufen mit dem L,ehrauf trag : Ge- 
baudekunde. Zunachst war das nach den fruchtbaren 9 Jahren des stadtischen 
Dienstes ein Entsagen, denn die Aufgaben pflegen den Hochschulprofessoren 
nicht in Menge in den SchoB zu fallen ; aber H. f and viel Gentigen in der Lehr- 
tatigkeit, da ihm neben dem unermiidlichen kunstlerischen Tatendrang eine 
starke Neigung zur Theorie innewohnte. Er war nun aufgenommen in einen 



88 1917 

Kreis von Mannern, mit denen ihn bald gleiches Streben nnd Freundschaft 
verband. Die Beziehungen zu Friedrich Thiersch sind schon erwahnt. Dessen 
Bruder August, Jakob Biihlmann und Heinrich v. Schmidt, bald darauf auch 
Paul Pfann waren die bedeutenden Glieder dieses harmonischen Kreises. Die 
Vorlesungen iiber Gebaudekunde, ein schwieriges und recht undankbares 
Thema, arbeitete H. mit der groBten Gewissenhaftigkeit fast wortlich aus, in 
jedem Jahr abandernd, Veraltetes streichend und Neues hinzuf ugend. Aber die 
»t)bungen« waren ihm weitaus wichtiger. Er verlegte sich mit Feuereifer auf 
die Korrektur, so griindlich, daB bald lauter Hocheder auf den ReiBbrettern 
zu finden waren. Diese stark subjektive Art seiner Lehre hatte naturlich ihre 
Vorteile und ihre Nachteile. Die Vorteile waren sehr augenfallig und nach- 
haltig, denn neben dem vorbildlichen EinfluB seiner Bauten war es dieser kon- 
sequent gleichgerichtete Unterricht, dessen Wirkung auf die jiingere Genera- 
tion, und nicht nur die geringer begabte, die Architektur in Bayern fiir zwei 
Jahrzehnte und mehr festlegte. Mehr noch fast als die Kunst Seidls hat H.s Art 
auf die allgemeine Bautatigkeit Miinchens und von hier aus weithinaus einge- 
wirkt, bis sie das Schicksal traf, das die Nachahmung notwendig macht: diese 
wurde leer und verwassert und hat als solche der Meinung uber die eigene Ar- 
beit H.s selbst fiir einige Zeit geschadet. 

1900 war das Miillersche Volksbad fertig geworden. Nach der durch den 
Ubertritt in das akademische Leben veranlaBten Pause entstand 1904 die schone 
kleine Kirche der Protestanten in Pasing, dann kamen Wohnhauser fiir Kol- 
legen und fiir sich selbst, das SchloB Hirschberg am Haarsee, eine Villa in 
Levico, das Rathaus in Bozen, das eine eigenartige Mischung aus siidtiroler 
Stimmung und der reichstromenden Phantasie H.s zeigt. Beziehungen, die H. 
als der erfahrene Baderbaumeister zunachst als Gutachter angekniipft hatte, 
brachten ihm einige Auftrage in der Feme: 1904 — 1906 baute er eine Bad- und 
Kuranstalt in Hermannstadt in Siebenbiirgen ; spater hat er ein Thermalbad 
fiir Banki bei Sofia entworfen. Dazwischen, im Jahr 1903, war eine starke Ver- 
suchung, von Miinchen fortzugehen, an ihn herangetreten. Die reiche Stadt 
Frankfurt a. Main bot ihm die Stelle des Stadtbaurates an. Eine ungleich be- 
deutendere Tatigkeit hatte ihn verlocken konnen, aber die Heimat hielt ihn 
fest, und nun besann sich der Staat darauf, daB der Hochschullehrer H. ein 
um so besserer Lehrer sein konnte, wenn der Architekt H. eine groBe Aufgabe 
zu bewaltigen hatte. Nach einer nicht ganz ernst zu nehmenden Konkurrenz 
erhielt H. den Auftrag, ein Geschaftshaus fiir das bayerische Verkehrsministe- 
rium zu bauen. Das Geschaftshaus sollte aber, so war es die Absicht der gesetz- 
gebenden Korperschaften, »einen iiber die Befriedigung des nackten Raum- 
bediirfnisses hinausgehenden reprasentativen Ausdruck haben, als Sitz der 
obersten Verwaltungsstelle des gesamten bayerischen Verkehrswesens«. Dies 
war nun freilich nach dem Herzen H.s, anders hatte es den Mann mit der un- 
erschopflichen Phantasie, den Vorkampfer groBer stadtebaulicher Auffassungen 
kaum gereizt. Der Platz liegt nordlich an den Hauptbahnhof angelehnt nicht 
weit vom Empfangsgebaude. Der groBere Teil wird durch die ArnulfstraBe 
abgetrennt, nur ein schmaler Streifen bleibt langs des Bahnhofes liegen. Diese 
ArnulfstraBe einfach an einem Baukorper voriiberzufuhren, lag nicht im Sinn 
Hs. ; er hatte zu viel iiber Platzwirkungen, iiber dasWesen des architektonischen 
Raumes nachgedacht; er brauchte einen umschlossenen Raum, und die Arnulf- 



Hocheder 89 

straBe wurde gleichsam angehalten in ihrem Lauf, sie wird uberbaut mit aus- 
reichend groBen Torbogen und so das » Forum « des Verkehrspalastes gebildet, 
das erst im Jahr 1926 durch H.s Sohn, den Regierungsbaurat Karl H. gegen 
die Bahnhofseite nach dem Plan des Vaters geschlossen worden ist. Sieben 
Jahre hat H. dieser gewaltigen Arbeit gewidmet. Die stadtebauliche Seite der 
Aufgabe beschaftigte ihn wohl am meisten ; aber die Sorge um das Innere war 
nicht gering. Die vielen, teils in gleichmaBigen GroBen wiederkehrenden, teils 
sich schwer verbindenden ungleichen Raumerfordernisse mit der gewiinschten 
Monumentalitat zu umkleiden, war eine harte Aufgabe fur den GrundriB- 
entwerfer. Nicht iiberall ist die Verarbeitung bis zur vollen Klarheit und t)ber- 
sichtlichkeit gelungen. Der Bauteil, der der reinen Reprasentation dient, der 
Kuppelraum, ist nicht mit der iiberzeugenden Sicherheit eingefugt, daB man 
die Notwendigkeit ohne weiteres anerkennen miiBte. Das sind aber Bedenken, 
die im Vergleich zum Ganzen nicht stark in die Wagschale fallen. Niemand, der 
im Munchener Bahnhof einfahrt, wird sich dem zwingenden Eindruck dieser 
phantastischen Baugruppe entziehen konnen, und niemand, der den jetzt gliick- 
lich geschlossenen Platz betritt, wird sich durch Einzelbedenken von der Freude 
liber diese groBe in ihrer Zeit einzig dastehende Raumgestaltung ablenken 
lassen. 

Die Schilderung der Werke H.s sei mit diesem, seinem groflten und wich- 
tigsten abgeschlossen. Aber eben dieses Verkehrsministerium bietet die er- 
wiinschte Gelegenheit, H.s Art noch klarer zu stellen. Vielfach wurde diese 
Arbeit angegriffen; die Verteidigung hat H. selbst zum Teil ubernommen, und 
seinen Gedanken zu folgen, ist wohl das beste Mittel, ihm als Kiinstler naher 
zu kommen. Unfreundliche Beurteiler fanden die Anwendung des Barocks an 
einem modernen Bau falsch und tadelten den Mangel an Charakteristik. 
Freundliche Beurteiler priesen H. als den »letzten Barockmeister«. Er selbst 
war mit beidem nicht einverstanden ; er f uhlte sich als ein Moderner ; er nahm 
fiir sich in Anspruch, daB diese Form eine ihm iiberlieferte Sprache sei, in der 
er doch ziemlich viel auszudriicken habe. Die Gleichsetzung der Stilform mit 
der Sprache hatte er, wie viele anderen Gedankenwege, von Adolf Hildebrand 
(s. DBJ. 1921, S. I42ff.) ubernommen. Weit von sich weist er eine Gleich- 
stellung mit den Stilarchitekten der letztvergangenen Epoche, denen die Stil- 
form nicht Mittel des Ausdrucks, sondern Endziel iiberhaupt war. Der Aner- 
kennung, die im »letzten Barockmeister« liegen sollte, miBtraute er mit Recht, 
denn sie schmeckte stark nach einer Entschuldigung. Entschuldigung aber 
konnte er gut entbehren, ein Mann, der so sehr im Zug seiner Zeit schritt, selbst 
die Entwicklung vorwarts trieb und auf solche Erfolge weisen konnte. 

Wie klar er seine Stellung zur Zeit und zu seiner Umgebung sah, sollen einige 
Satze aus einer Rede bezeugen, die er 191 1 hielt: »Ich habe das Gliick, oder 
wenn Sie wollen, das Ungliick, daB man von meinen Bauten aussagt, sie hatten 
alle etwas Katholisches an sich. Ich weiB nicht, was daran schuld ist, etwa daB 
uns Bayern katholisches Wesen und Barock unzertrennlich verbundene Be- 
griffe sind. Unsere Kloster und Fiirstensitze gehoren fast ausschlieBlich dem 
Barockstil an. Oder sind Eindriicke meiner fnihesten Jugend, die ich in dem 
schonen Salzburg zu verbringen das Gliick hatte, so machtig gewesen, daB sie 
fiir das spatere Berufsleben noch nachhielten ? Oder liegt mir das katholische 
Barock im Blute ? Kurz so manchen projektierten und verwirklichten Bauten 



go 1917 

meiner Hand hangt der Titel eines Klosters an. Wenn ich dem auch nicht eine 
l^esondere Bedeutung beimesse, so habe ich dabei doch wenigstens die Beruhi- 
gung, daB ich in meiner gewohnten Ausdrucksweise durch all die Jahre hin- 
durch recht konsequent geblieben bin.* 

Derart betrachtete er mit kritischem Blick sich, seine Kunst und die Kunst 
tiberhaupt. Von Zeit zu Zeit fielen Friichte ab vom Baume seiner Erkenntnis. 
Vortrage oder Schrif ten etwa mit dem Titel : » Konvexe und konkave Formen 
in der Baukunst«; »Baukunst und Bildwirkung*; der Vortrag iiber das Ver- 
kehrsministerium, dem die obigen Satze entnommen sind (191 1); »Die Fort- 
schritte der Technik« (1916). Stark beeinfluBt von dem Hildebrandschen 
♦ Problem der Form* behandelt H. mit Vorliebe das Raumliche im Gegensatz 
zum Korperlichen. Wie Hildebrand geht er von physiologischen Dingen aus, 
um seine Vorliebe fur das Konkave zu begriinden. Unter »amphitheatralischem 
Aufbau« versteht er die der Hohlkugelform sich annaherade Anordnung der 
Baumassen, von der er im Gegensatz zu der harten Wirkung des Konvexen die 
besten Wirkungen erwartet. Seine Theorie ist der Praxis entwachsen und hat 
als solche zum mindesten den Wert der begriindeten Empiric Freilich sind 
diese Dinge auch nicht befreit vom Wechsel, zum mindesten nicht vom Wechsel 
der ihnen zufallenden Aufmerksamkeit. 

Mitten aus einer noch regen praktischen und geistigen Tatigkeit, umdiistert 
allerdings von Sorgen um das Schicksal der Sonne im Krieg, starb H. am 21. Ja- 
nuar 1917 plotzlich am Herzschlag. Er hinterlieB seine Freunde in tiefer Trauer. 
Sie schatzten nicht nur den ausgezeichneten Kunstler in ihm, ebensosehr den 
vortrefflichen Menschen. Bescheiden und fast angstlich sich zuriickhaltend, 
lebte er in erster Linie seiner Kunst in nie ermudender Arbeit. Fast weichen 
Gemtits und doch hartnackig, wenn es gait, wie etwa bei der Stilf rage des Volks- 
bades, seiner Uberzeugung zum Recht zu helfen, war H. kein Mann der per- 
sonlichen Wirkung im offentlichen Leben. Die Wirkung, die er ausiibte, ge- 
schah durch seine Stetigkeit und durch seine Kunst. 

Miinchen. Theodor Fischer. 



Jacob!, Hugo, Kommerzienrat, Dr.-Ing., e. h., * am 28. Oktober 1834 auf 
St. Antonyhiitte bei Sterkrade, f am 17. Oktober 1917 in Diisseldorf. — In 
Hugo J. finden wir die Anlagen und Gaben einer Reihe von Ahnen wieder, 
sein geistiges und moralisches Gut, seine ganze Wesensart darf man wohl 
als eine Mitgift seiner Vorfahren ansehen. Er war der Sprofi einer Familie, 
die seit Generationen im Hiittenfach gearbeitet und darin AuBergewohnliches 
geleistet hatte und die auch ethisch hochstehend war. Hugos UrgroCvater 
Johann Heinrich J., aus Eisleben stammend, der Erbauer der Sayner Hiitte 
bei Koblenz, der auch die Saarbriicker Steinkohlenbergwerke einrichtete bzw. 
»sie in bessere Verfassung brachte«, genoB als Hiittenmann und Bergwerks- 
sachverstandiger einen groBen, weit iiber seinen eigentlichen Wirkungskreis 
hinausgehendes Ansehen und wurde vielerorts als Gutachter herangezogen. 
So auch Ende des 18. Jahrhunderts von der furstlichen Hofkammer des Hoch- 
stiftes Essen fur den im dortigen Gebiet vorkommenden Eisenstein. Man 
plante fur seine Verarbeitung die Errichtung einer Hiitte. J.s giinstig lautendes 
Gutachten lieB den Plan zur Ausfiihrung kommen und fuhrte zur Griindung 



Hocheder. Jacobi 01 

der Eisenhiitte Neuessen, eines Werkes, das einen Teil der heutigen Gute- 
hoffnungshiitte bildet und in dem seine Kinder und Kindeskinder ihre Lebens- 
arbeit finden sollten. Sein Sohn, Gottlob Julius J. wurde der Erbauer und Leiter 
dieser Hiitte ; er kann als der Mitbegriinder und Durchkampfer unserer Eisen- 
industrie betrachtet werden (W. Grevel, Die Anfange der GuBstahlfabrikation 
im Stifte Essen). Wahrscheinlich hat er auch mit Friedrich Krupp, der einige 
Zeit auf der Sterkrader Hiitte tatig war, an der Losung des GuBstahlproblems 
gearbeitet. 

Die heutige Gutehoffnungshutte ist aus der Vereinigung dreier Werke ent- 
standen, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts gegriindet wurden: 1753 die 
St. Antony hiitte bei Recklinghausen, im kurkolnischen Gebiet, 1781 die Gute- 
hoffnungshutte bei Sterkrade, die spater den vereinigten Werken den Namen 
gab, im clevisch-preuBischen Gebiet, und 1791 die Eisenhiitte Neuessen (Ober- 
hausen) , der Fiirstabtissin des Stif tes Essen gehorig. Bald nach der Griindung 
Neuessen hielt man die Verschmelzung aller Hiitten fur notig, denn das Vor- 
handensein dreier Hiitten auf so engem Raum war unwirtschaftlich, weil die 
dort vorhandenen Rohstoffe, Eisenerz und Holzkohle, nur fiir eine Hiitte 
geniigten. Aber die Vereinigung kam nicht zustande, nur die der Hiitten 
Neuessen und Antony gelang; erstere wurde kurz darauf stillgelegt, weil die 
Antonyhiitte vorteilhafter betrieben werden konnte. Weltgeschichtliche Er- 
eignisse waren es, die aber doch endlich zur Verschmelzung der drei Hiitten 
fuhrten. Durch den Frieden zu LuneVille 1801 gelangte das Fiirstentum Essen 
in PreuBens Besitz. Die Fiirstabtissin wunschte den eigenen Weiterbetrieb 
aufzugeben und bot die beiden Hiitten der preuBischen Regierung zum Kauf 
an, hatte damit aber keinen Erfolg. Die Begriindung fiir die Ablehnung ist 
eine Anerkennung der Geschaftstiichtigkeit G. J. J.s, des GroBvaters von 
Hugo J. Es heiBt darin, »der groBe Absatz der Antonyhiitte riihre daher, daB 
der beteiligte J. sehr erfinderisch sei, modische Formen zu Of en und anderen 
GuBwaren sich zu verschaffen und zu verkaufen. Der Absatz wiirde aufhoren, 
wenn andere benachbarte Hiitten einen ebenso gewandten und geistreichen 
Herren an ihrer Spitze hatten oder die Antonyhiitte den J. verlore.* Im 
Jahre 1805 fanden sich Kaufer fiir die beiden Hiitten in den Briidern Franz 
und Gerhard Haniel, mit denen sich J., ihr Schwager, verband. Durch Ver- 
mittlung Heinrich Huyssens, des Schwagers der Haniels, gelang es 1808, die 
im Besitz der Witwe Krupp befindliche Gutehoffnungshutte anzukaufen und 
Heinrich Huyssen als Gesellschafter zu gewinnen. Seitdem wurden die drei 
Hiitten auf gemeinsame Rechnung betrieben, und nachdem der Gesellschafts- 
vertrag 1810 schriftlich und notariell beurkundet war, erhielt die Firma den 
Namen »Hiittengewerkschaft & Handlung Jacobi, Haniel & Huyssen «. J. hatte 
die alleinige Direktion, weil er allein die zum Betriebe notigen Kenntnisse 
besaB. Nach dem Vertrage durfte er unter keinen Umstanden austreten, muBte 
sonst auf seinen Anteil verzichten. Unter seiner Leitung nahmen die vereinigten 
Werke einen ungeheuren Aufschwung. Er starb 1823, an seine Stelle trat bis 
1864 Wilhelm Lueg, der ehemalige Erzieher und Hauslehrer in der Familie J., 
der das Werk J.s mit Geschick und Energie weiter ausbaute. Gottlob J.s 
Sohn August war Hiitteninspektor in St. Antony, er starb als sein Sohn 
Hugo erst acht Jahre zahlte. 

Die im Jahre 1808 vereinigten drei Werke wiesen grundsatzlich gleiche oder 



92 1917 

doch ahnliche Verhaltnisse auf, man legte den Hauptwert weniger auf die 
Roheisenerzeugung als auf die Weiterverarbeitung. So blieb es bis Mitte des 
Jahrhunderts, dann wurde die Herstellung des Roheisens in den Vordergrund 
geschoben, um sie in Einklang mit der Weiterverarbeitung zu bringen. Dies 
bedeutete einen entscheidenden Wendepunkt, weil sich daran eine entspre- 
chende VergroBerung des Erzfelderbesitzes, unter anderem auch in Lothringen, 
und der t)bergang zum Kohlenbergbau schloB. Die Entwicklung der Gute- 
hoffnungshiitte spiegelt den wirtschaftlichen und kulturellen Werdegang 
Deutschlands im 19. Jahrhundert zum Teil wider. Diesem folgend schritt 
das Werk zur Einrichtung neuer Betriebe und Aufnahme neuer Produktions- 
zweige. Vor und in den zwanziger Jahren wurde der Grund zur Maschinenbau- 
anstalt gelegt, in der Hugo J. spater einer der Leiter war. Durch Franz Dinnen- 
dahl, den Vater der Dampfmaschine fur den Ruhrkohlenbergbau, wurde die 
Gutehoffnungshiitte mit den Anfangen des Maschinenbaus in Rheinland und 
Westfalen verkniipft. Zunachst stellte man nur Maschinenteile her, bis man 
im Jahre 181 9 zum Bau der ersten Dampfmaschine iiberging. Mit Griindung 
der Rheindampfschiffahrtsgesellschaften und der Rheinschleppdampfer hangt 
die Errichtung der Schiffsbauwerft in Ruhrort (stillgelegt 1899) in den zwan- 
ziger und dreiBiger Jahren zusammen. Die Anfange des Eisenbahnbaus in den 
dreiBiger und vierziger Jahren lieBen fiir dessen Belieferung Puddel, SchweiB- 
und Walzwerke erstehen. Es folgte die Briickenbauanstalt, die Herstellung 
von Siemens-Martin-Stahl und die Einfuhrung des Thomasverfahrens in den 
siebziger bis neunziger Jahren. 1905 legte das Werk einen eigenen Hafen am 
Rhein oberhalb des Dorfes Walsum an als Umschlagshafen fur Kohle, Erz- 
und Huttenerzeugnisse, der mit samtlichen Betriebsabteilungen in Verbindung 
steht. 

Inmitten dieses komplizierten Riesengebildes flieBt das auBerlich so ein- 
fache Leben Hugo J.s dahin. Die St. Antonyhiitte, die Statte, wo die Werke 
der Gutehoffnungshiitte ihren Anfang nahmen, war seine Geburtsstatte. »Vor 
seinem Geburtshause stand noch der Holzkohlenofen, unter dem Fenster seines 
Geburtszimmers ging noch das Hiittenrad und hinter seinem elterlichen Hause 
lag der Huttenteich. « (Stahl und Eisen 1918 Nr. 11.) Er bewahrte dieser Statte 
wahrend seines ganzen Lebens seine Liebe und Treue und kam mit seiner 
Familie von Sterkrade allsonntaglich hierher, um Erholung zu suchen. Als 
sein Vater starb, waren er und seine sechs Geschwister noch unmiindig. Hugo 
besuchte zuerst die Schule in Sterkrade und darauf die in Schermbeck an der 
Lippe. An den Schulbesuch schloB sich praktische Arbeit in der Sterkrader 
Hutte. Von 1850 bis 1852 besuchte er die Provinzialgewerbeschule in Hagen 
unter Zehme. Nachdem er dann zwei Jahre als Zeichner auf der Gutehoffnungs- 
hiitte tatig gewesen war, ging er zum Studium des Maschinenbauf aches nach 
Karlsruhe 1854 bis 1856, wo Redtenbacher sein I^ehrer war. Nach Beendigung 
seines Studiums begann er seine Laufbahn in der Sterkrader Hutte als Inge- 
nieur und wurde spater Oberingenieur. 1872/73 fand die Umwandlung der 
Firma Jacobi, Haniel & Huyssen in den Aktienverein fiir Bergbau und Hiitten- 
betrieb statt, dessen Vorstandsmitglied Hugo J. wurde und gleichzeitig Leiter 
der Sterkrader und Ruhrorter Betriebe. Nach 48jahriger Tatigkeit in der 
Gutehoffnungshiitte setzte er sich 1905 zur Ruhe und zog sich nach Diissel- 
dorf zuriick, blieb aber Aufsichtsratmitglied und stand bis zu seinem Tode 



J acobi 03 

dem Werke mit seinem Rate zur Verfugung. Im Jahre 1912 tat er den ersten 
f eierlichen Spatenstich zu einer neuen Doppelschachtanlage der Gutehof fnungs- 
hiitte in Osterfeld, die in Erinnerung an seinen GroBvater » Jacobi-Schachte* 
genannt wurde. Bei seinem letzten Besuche auf der Gutehof fnungshutte sah 
er noch die Umstellung des Werkes auf die Kriegswirtschaft. An seinem 
80. Geburtstag verlieh ihm die Technische Hochschule Aachen die Wurde 
eines Doktoringenieurs ehrenhalber. 

Hugo J.s Haupttatigkeitsfeld und eigenstes Gebiet war die Sterkrader 
Briickenbauanstalt und die Sterkrader Maschinenbauanstalt, in der er schon 
als junger Ingenieur gearbeitet hatte und die unter ihm neu eingerichtet wurde, 
ebenso das Hammer- und PreBwerk ; er paBte diese Werke immer wieder den 
Anforderungen der Neuzeit an und sie verdanken ihm ihre iiberaus giinstige 
Entwicklung. Die von ihm Anfang der achtziger Jahre eingefuhrte Ketten- 
fabrikation war von besonderer Bedeutung fur die deutsche Volkswirtschaft, 
weil bis dahin die Ketten ausschlieBlich aus England bezogen wurden. 

Der Gedanke des Industriezusammenschlusses fand in Hugo J. einen eifrigen 
Forderer ; er war f uhrend in der Wahrung der wirtschaf tlichen Interessen des 
Maschinenbaues und griindete im Jahre 1890 mit Majert und Sehmer den 
Westdeutschen Maschinenbau-Verband, den Vorlaufer des Vereins deutscher 
Maschinenbau-Anstalten mit Sitz in Diisseldorf . Er fuhrte den Vorsitz in dem 
ersteren Verband und war stellvertretender Vorsitzender in dem letzteren 
Verein im Jahre 1892. Von diesem Posten trat er 1907 aus Altersriicksichten 
zuriick. Er war aucn der Griinder des Ruhrorter Dampfkessel-tlberwachungs- 
vereins und dessen Vorsitzender von 1898 bis 1900. Bei der Griindung des 
Vereins deutscher Briicken- und Eisenbaufabrikanten, ebenso im Verein deut- 
scher Eisenhiittenleute war er tatig. 

Hugo J.s rastlosem Tatigkeitsdrang geniigte nicht die Arbeit auf seinem 
eigentlichen Arbeitsfelde und der damit zusammenhangenden Verbandstatig- 
keit, er widmete weit dariiber hinaus seine Arbeitskraft der Allgemeinheit. 
Lange Zeit war er Gemeindevorsteher der Gemeinde Sterkrade, spater Bei- 
geordneter, und zeichnete sich auch hier durch seine Tatkraft und seinen Weit- 
bHck aus. In der evangelischen Kirchengemeinde erfreute sich seine Mitarbeit 
der groBten Wertschatzung. 

Allen ihm Unterstellten bewies er groBes Wohlwollen und wirkte durch seine 
Punktlichkeit, Bescheidenheit und sein einf aches, anspruchsloses Wesen er- 
ziehlich auf die mit und unter ihm Arbeitenden. Sowohl bei den Arbeitern wie 
bei den Bewohnem von Sterkrade genoB er Liebe und Verehrung. 

Hugo J. war ein Mann von strenger Lebensauffassung, wahrer Herzensgiite, 
vornehmer Gesinnung und von nie versiegender Schaffensfreudigkeit. Sein 
groBes Verdienst um die deutsche Industrie und Volkswirtschaft besteht darin, 
daB er durch Hingabe seiner ganzen Kraft, seines reichen Wissens und Konnens 
geholfen hat, einem der groBten und glanzendsten Werke Deutschlands seinen 
Weltruf zu erhalten und zu mehren. Er gehorte den Wirtschaf tsfuhrern an, 
welche der deutschen Industrie aus den verhaltnismaBig engen Verhaltnissen 
der fiinfziger Jahre in den darauffolgenden Jahrzehnten zur Weltgeltung 
verhalfen. 

Literatur: »Die Gutehoffnungshiitte Oberhausen, Rheinland.« Zur Erinnerung an das 
loojahrige Bestehen 1810 — 1910. — Zeitschrift »Stahlund Eisen«, Nr. 1 1, 1918. — Grevel, 



94 W7 

Wilhelm, Die Gutehoffnungshiitte A. V. fiir Bergbau und Huttenwesen zu Oberhausen 
an der Ruhr, Geschichte der Griindung und ersten Entwicklung, Essen 1 88 1 . — »Sterkrader 
Volkszeitung*. 1900, 191 7. — Historischer Riickblick iiber die Gutehoffnungshiitte von 
Gillhausen. 

Hagen i. W. Auguste Elbers. 

Lange, Friedrich, Dr. phil., Tagesschriftsteller und Politiker, * am 10. Ja- 
nuar 1852 in Goslar, f am 26. Dezember 191 7 bei Detmold, bestattet auf dem 
alten Friedhof zu Berlin-Lichterfelde. — L-, der Sohn eines Topfermeisters, 
wuchs auf unter den Eindrlicken der alten Kaiserstadt und des Harzes. Sein 
Leben lang hat er sich freudig als Niedersachse gefiihlt. 1870 verlieB er das 
Gymnasium und erlebte durch den Krieg eine gliickhafte Erweckung seines 
deutschnationalen politischen Bewufitseins, wenn auch sein gliihender Wunsch, 
am Kampfe teilzunehmen, unerfullt blieb. Als Gottinger Student dann schloB 
er sich der Burschenschaft an, und nach langen Jahren hat er ihr wesentlichen 
Anteil am Werden seiner volkischen Uberzeugungen zugesprochen. Das philo- 
logische Studienwesen erschien ihm lebensfern und schal, auch vermochte ihn 
selbst des verehrten Lotze freies und tiefes Denken nicht an die Philosophie 
zu binden. Erst nachdem er 1873 bis 1876 Gymnasiallehrer in Wolfenbiittel 
und am Johanneum in Hamburg gewesen war, unzufrieden mit seinem Amte 
und zugleich doch angeregt zu Erwagungen iiber allgemeine Schulreform, 
fand er, entschlossen sich vom Lehrbeamtentum abwendend, seinen selbst- 
gewiesenen Beruf. Er trat beim » Braunschweiger Tageblatt« ein und blieb 
dort fiinf Jahre, in denen er auch Wilhelm Raabe nahestand. Dann eroffnete 
sich ihm ein grofier Wirkungsbereich mit seinem Eintritt in die »Tagliche 
Rundschau « 1882. Von nun an fuhrte er in der Reichshauptstadt, in enger 
personlicher Fiihlung mit den Menschen und Kraften des politischen und 
geistigen Geschehens, seinen Kampf um eine nationale Presse als wirkliche 
Fuhrerschaft der deutschen offentlichen Meinung. So gelang es ihm zunachst, 
die »Tagliche Rundschau*, die als »Zeitung fiir Nichtpolitiker« sich dem 
Parteigetriebe, damit zugleich aber auch dem wirklichen geschichtlichen 
Werden des Reiches ferngehalten hatte, zu einer »Unabhangigen Zeitung fiir 
nationale Politik« umzugestalten. Er machte sich zum Vorkampfer der Ko- 
lonialpolitik und der Schulreform. Aber die journalistische Wirksamkeit ge- 
niigte seinen Zielen nicht, die mehr und mehr auf eine Belebung, ja Erneue- 
rung des gesamten nationalen Lebens in Deutschland gingen. So griindete er 
1895 den Deutschbund, der als eine enge personliche Gemeinschaft durch Bei- 
spiel und personlichen Einsatz eine Fuhrerschaft zum »Reinen Deutschtum« 
erringen sollte. Denn »Reines Deutschtum« blieb die Iyosungsformel von L.s 
Wirken, seit er 1893 (und in vermehrter Auflage 1904) seine grundsatzlichen 
Aufsatze unter diesem Titel zusammengefafit hatte. Indessen muBte er noch 
im Jahre 1895, nach einem nicht zum Erfolge gefiihrten Versuche, in der 
»Volksrundschau« ein nationales Blatt fiir die breiten Schichten zu schaffen, 
von der »Taglichen Rundschau «, die den Verleger gewechselt hatte, sich 
trennen. Da gelang es ihm, mit unerwarteter Unterstiitzung von Gleichgesinn- 
ten, ein eigenes Tageblatt, die » Deutsche Zeitung «, ins Leben zu rufen. Sie 
warb, unabhangig von den Parteien, fiir eine volkische Politik nach auCen 
wie innen, fiir machtvolle Weltpolitik und innere Uberwindung der Sozial- 



Jacobi. Lange 95 

demokratie mit einem nationalen Wirtschaftsprogramm. Wieder schloB sich 
daran der Versuch politischen Handelns, zuerst 1902 mit dem Reichswahl- 
verband, der unabhangig von der Regierung die nationalen Parteien fur den 
Wahlkampf einigen sollte, dann mit mancherlei Bestrebungen zur Forderung 
einer wirtschaftsfriedlichen volkischen Arbeiterbewegung. Im Jahre 191 2 zog 
sich L. auch von der Leitung der »Deutschen Zeitung« zuriick, wahrend er 
noch an der Beilage » Deutsche Welt«, die er zu einem Sprechsaal der volkischen 
geistigen Bestrebungen ausgestaltet hatte, bis in den Krieg hinein mitgearbeitet 
hat. Er lebte nun, zuletzt verdiistert durch ein nervoses Leiden, in Detmold, 
unter dem Hennannsdenkmal, das friih zum Sinnbilde seiner Arbeit geworden 
war, bis zu seinem Ende ziemlich zuriickgezogen mit seiner Familie. 

Er hatte den deutschen Sinn fur reines und inniges hausliches Leben, den 
er immer pries. (Zweimal war er vermahlt, 1876 mit Elise, geborene Kohler, 
sie starb 1895; dann, 1897, mit Elli, geborene Rettig.) Doch es drangte ihn 
stets zu offentlicher Tatigkeit. Die nationalpolitische Leidenschaft erfullte ihn 
ganz ; und er war riicksichtslos gegen Menschen und Verhaltnisse in der Ver- 
tretung seiner Ziele, ohne Scheu vor Einseitigkeit, ohne problematische 
Schwere. Dabei stellte er an Freunde und Mitarbeiter scharfste Forderungen, 
schroff bis zur Scheidung. Wie denn iiberhaupt Weichheit und Liebenswiirdig- 
keit, Gedanklichkeit und zeitfremde Phantasie hinter dem durchstoBenden 
Stolz und schnellen, sich auf Instinkt und Praxis berufenden Urteil zuriick- 
traten. In jiingeren Jahren hat er sich dichterisch versucht; Bleibendes ist 
ihm dabei nicht gelungen. Aber er behielt eine Offenheit fur die Entwicklung 
des geistigen und ktinstlerischen Lebens, die ihn Mannern wie Richard Dehmel 
(s. unten, S. 513 ff.) und den Briidern Hart nahebrachte. — Sein Streben 
nach entscheidender einheitlicher Fuhrerschaft der volkischen Bewegung ist 
nicht zum Ziele gekommen, er blieb ein Anreger und Beginner, seine Ab- 
sichten sind von den Erben seiner Werke nicht rein bewahrt worden, waren 
in sich auch nicht endgultig reif geworden. Doch ist er in den wesentlichen 
Aufgaben seines offentlichen Lebens von dauernder Wirkung fiir die volkische 
Bewegung gewesen. Wenn auch der Wahlverband schon 1905 durch ihn in 
den groBen Reichsverband gegen die Sozialdemokratie aufgelost wurde, wenn 
auch die nationale Arbeiterbewegung erst nach seinem Ende und auf anderen 
Wegen sich zusammenschloB : in Kolonialpolitik und Schulreform hat er all- 
gemeinen Bestrebungen zur Durchsetzung geholfen, die ^Deutsche Zeitung<t 
und der Deutschbund aber iiberleben ihn und stehen noch heute unter dem 
Anspruch seiner Ziele. 

In der Kolonialpolitik ist L.s Name verbunden mit dem von Carl Peters 
(s. unten, S. 285 ff.) und Ostafrika. Fiir das zunachst unbestimmt auf Afrika 
geplante Unternehmen hatten sie sich mit mehreren zusammengef linden, 
hatten gemeinsam die Hemmungen durch die Regierungen, Hohn und Vor- 
wurf der Offentlichkeit ausgestanden ; L. hatte dabei vor allem fiir die publi- 
zistische Werbung gewirkt, auch viel zur finanziellen Sicherung des Werkes 
getan. Er hat schlieBlich die »Tagliche Rundschau* gerade hier fiir eine 
deutschnationale Aufgabe eingesetzt. Aber an der Ausfahrt konnte er selber 
nicht teilnehmen, mit seiner Unterstiitzung erlangte Peters die unbedingte 
Vollmacht. Als dieser heimkam und seinen Herrschaftsanspruch fernerhin 
geltend machte, als L. in den organisatorischen und finanziellen Anordnungen 



g6 1917 

und Planen des Griinders eine gesunde sachlich-unselbstische Begriindung 
nicht mehr zu sehen vermochte, als endlich auch die selbstwilligen Tempera- 
men te aufeinanderstieBen, hat sich L,. von der Ostafrikanischen Gesellschaft 
gelost. Der Gegensatz zu Peters blieb freilich bestehen und sollte sich noch 
einmal leidenschaftlich auBern, als I,, auf das begriindete Geriicht, jener 
wolle, nachdem er so schmahlich im Vaterlande behandelt worden, in eng- 
lische Dienste iibertreten, ihn (1896) in einem Aufsatze »Reislaufer« angriff, 
was zu gerichtlichem Austrag und Vergleich fiihrte. Im Grunde wiederum er- 
hielt sich unter dem alten Kampfgenossen eine schlieBliche t)bereinstimmung, 
die auch in L.s spaterer Betrachtung der deutschen Kolonialtatigkeit sich 
aussprach : aus dem machtpolitischen und siedlungspolitischen Denken heraus 
findet er eine herbe Verurteilung des Sansibar-Vertrags und vor allem der 
preuBischen Beamtenpolitik, die alles urspriingliche und fahige Streben ge- 
hemmt und verdorben habe, sowie der Einsichtslosigkeit der groBen Wirtschaft. 

L. glaubte nun in diesem Erobererpatriotismus der ersten Kolonialzeit ein 
inneres Gebrechen zu finden, ihm schien da nur Nachahmung der englischen 
und franzosischen Art zu entstehen. Er meinte die innere Notwendigkeit der 
deutschen Reform zu fassen, wo der Ursprung der Weltfremdheit, des For- 
malismus und des Kastengeistes allein zu liegen schien, in der Schule. So warf 
er sich in den Streit gegen das humanistische Gymnasium. 1889 begriindete 
er mit anderen den Verein fur Schulreform. Der Kampf schien zunachst am 
Widerstande des Ministeriums in PreuBen scheitern zu sollen ; aber nicht zum 
mindesten durch das personliche Eingreifen des Kaisers, in dem L. damals 
dankbar wie auch oft spater den Vorfechter neuen, frischen nationalen Geistes 
erblickte, drang das Verlangen durch, und die Begriindung der Realanstalten 
hatte mit maBiger amtlicher Forderung einen glanzenden Erfolg. L.s Absicht 
dabei erschopfte sich nun nicht in der Ablehnung des klassischen Humanis- 
mus, im heftigen Widerspruch gegen die Bildungsziele Goethes und Hum- 
boldts, gegen die abstrakte Philosophic auch nicht im Willen zur Naturwissen- 
schaft. Am wenigsten wollte er bei allem Realismus einer bloBen Niitzlich- 
keitsgesinnung in der Erziehung dienen. Ihm lag vielmehr der »Idealismus« 
einer bei politischer Reife innerlich rein deutschen, bewuBt echten Bildung 
am Herzen, die er mit dem allerdings »gereinigten« Inhalt der ganzen deut- 
schen Geschichte nahren wollte. Der beste Sinn der lateinlosen Mittelschule 
war auch ihm die demokratische Einheit, die Zerstorung geldlich begriindeter 
Bildungsklassen, die Adelung alien Strebens. So erschien ihm die Schulreform 
durchaus als »Kulturreform«. In solchen Gedanken wurde er zum Vorlaufer 
von Versuchen, die heute bei ganz anderen Uberzeugungen geschehen und 
fruchtbar werden. Die Bewegung indessen, der er zum Siege half, blieb im 
Niitzlichkeitsrealismus stecken. Nicht einmal der staatsbiirgerliche Unterricht, 
fur den er sich spater so einsetzte, wurde verwirklicht. Nun der Idealismus 
des Gymnasiums zuriickgedrangt war, so war doch das Bildungsideal, das L. 
wollte, zu wenig tief in der deutschen Geschichte, im deutschen Beruf und im 
menschlichen Geiste gegriindet, um schopferisch zu sein. 

Ein inneres Ungeniigen blieb auch fur L,. in alien diesen Bestrebungen und 
ihren Erfolgen. Noch mehr aus dem Kerne wollte er die Erneuerung des 
Volkstums zu befordern suchen. Aus dem Wunsche, »den Gemeinschaftswert 
xeinen Deutschtums sozusagen in einem Ausschnitt des Volkes zu erleben«, 



Lange gy 

kam er zur Griindung des Deutschbundes. Wenn der Alldeutsche Verband, 
den einst Peters ins Leben rief, vornehmlich um die Weltgeltung des Deutsch- 
tums kampfte, so sollte der Deutschbund als eine briiderliche Gemeinde mit 
der Kraft » einer gleichen Weltanschauung, eines in alien gleich starken und 
zu religioser Glut verklarten Deutschideals* das Volk durchdringen. Etwas 
wie eine » Burschenschaf t der Erwachsenen« sollte da entstehen, gegriindet 
auf den Glauben an Blutserbschaft auch im Geistigen, erfiillt von den rein 
volkstumlichen Uberlieferungen der Geschichte, streitbar gegen alles bloBe 
Weltbiirgertum und gegen die volksfremden Einfliisse, besonders des Juden- 
tums, ohne Beachtung der religiosen Bekenntnisgegensatze. L. wollte indessen 
nicht, daB sein Bund sich auf Theorie irgendwelcher Art, der Rasse, der 
Politik oder der Kultur festlege. Strebend aus vorurteilsloser Liebe sollte er, 
gegriindet auf das »deutsche Gewissen, in unserer Brust, das innere Gesetz, 
an dem sich Gott fur jeden einzelnen von uns in der Geschichte unseres ganzen 
Volkes offenbarte«, als » Pflanzschule und Versuchsfeld fur alle natiirlichen 
Triebe unseres deutschen Wesens, die auf dem freien Felde unseres offent- 
lichen I^ebens noch nicht oder nicht mehr gedeihen wollen«, wirken. Dabei 
hat L. jede Romantik, alle nur auf Vergangenes gewendete Schwarmerei immer 
mit Spott abgewiesen. Der Gegenwart dienen sollte sein Bund vor allera in 
der Vertretung eines nationalen Wirtschaftsprogramms, mit dem die Sozial- 
demokratie, unter Erfullung der berechtigten Forderungen der unteren 
Schichten, besonders aber durch Starkung des Mittelstandes, zu iiberwinden 
ware. L,. sah wohl eine innere Notwendigkeit im Entstehen der sozialistischen 
Bewegung, auch er war geneigt, bei aller Ablehnung proletarischer Klassen- 
politik, sich gegen den Kapitalismus zu wenden. Er suchte das Heil in einer 
nationalen berufsstandischen Organisation durch Zwangsgenossenschaften in 
niodernem Sinne, zu denen er die Ansatze uberall zu sehen meinte. Hier zeigt 
sich, wie L. dem Deutschbunde bei aller Betonung seines innerlichen Ge- 
meinschaftscharakters doch groBere politische Wirkung in der Allgemeinheit 
vorgesetzt hatte, als er mit ihm erreichen konnte. 

So sah sich L,. am Ende doch auf die Tatigkeit verwiesen, zu der ihn seine 
Natur am meisten forderte, das Wirken fur eine nationale Presse. Zwei 
Richtungen nahm da sein Streben. Einmal gait es iiberhaupt eine unabhangige, 
rein national bestimmte Tagespresse erst ins L,eben zu rufen, gegentiber all 
dem Unwesen der Parteien und Interessen, dann aber diese Blatter auch mit 
neuem Geist und BewuBtsein, mit dem Gehalt einer wirklichen volkischen 
Erneuerungsgesinnung zu erfiillen. Nun hat gleich die »Tagliche Rundschau*, 
wie L. sie gestalten konnte, eine schone und bedeutende Wirkung gehabt, 
mehr noch ist die » Deutsche Zeitung«, in dem engeren Iyebens- und Gedanken- 
bereich, der ihr gegeben, eine personliche Schopfung ihres Griinders und das 
bahnbrechende Beispiel einer Gesinnungszeitung geworden. Aber es liegt doch 
ein tragischer Schimmer iiber diesem Schaffen. L. ist endlich doch der Ge- 
walten seines Berufes nicht Herr geworden. Er konnte auch seine Blatter 
nicht auf die Dauer dem EinfluB der wirtschaftlichen Krafte und der Massen- 
interessen entziehen ; so daB weder in der iiberlegehen politischen Zielsetzung 
noch in der Reinheit wesentlicher Gesinnungen seiner Forderung genuggetah 
ward. Die hinreiBende Macht, die er seiner Botschaft uberall verleihen wollte, 
hat sich ihm immer wieder versagt ; und das hat doch auch den innereh Grund , 

BBJ7 



<)8 1917 

daB diese Lehre selber mit publizistischem Streben und tagespolitischer Ar- 
beit verwachsen, zu wenig aus tieferen Griinden gesattigt, nicht zu den hoch- 
sten Lebenszielen gesteigert war. 

Mag man indessen auch das Unzulangliche von L.s Wirksamkeit heraus- 
finden, so gilt es doch noch einmal den eigentlichen Gehalt und die wesent- 
liche Leistung seines Strebens ins Licht zu setzen. Als er begann war nach 
dem siegreichen Kriege jener Zustand der Sattigung und Tragheit im deut- 
schen Burgertum eingetreten, die MiBgestaltung des Lebens durch den Kapi- 
talismus und die Zersetzung durch die Parteigegensatze und den Klassen- 
kampf. Neben der Verstandnislosigkeit fur die wirklichen Aufgaben eines 
Weltvolkes machte sich ein lauter inhaltloser Patriotismus breit; gegen die 
offenbare Wucherung wesensfremder Krafte in der deutschen Gesellschaft, 
vor allem des Judentums, wandte sich nur ein agitatorischer, im Grunde 
dummer und barbarischer, noch keines allgemeinen Zieles fahiger Anti- 
semitismus. Diesem gerade muBte L. entgegentreten, wollte er zu fruchtbarer 
Politik eine noch unreife Nation erziehen und fuhren. Er sah sich dabei nicht 
unterstutzt von den Gebildeten und ihrem Geltungswillen, die im Epigonen- 
tum beharrten. Anlage und Beruf veranlafiten ihn auch, stets von praktischen 
Fragestellungen auszugehen und auf Dogma, System, ja auch geschlossene 
Begriindung in der Idee Verzicht zu tun. So ward er der erste bedeutende 
volkische Journalist. 

L.s erstes Ziel war nun die Politisierung des deutschen Volkes. Ahnlich wie 
Peters, aus einem naturlichen Bedurfnis der Zeit, nahm auch er den welt- 
politischen Geist der Englander zum Vorbilde. Das riicksichtslose Selbst- 
bewuBtsein, die unbedingte Voransetzung aller Wiinsche des Vaterlandes, den 
niichternen Blick fiir die baren Interessen hinter alien internationalen Pro- 
grammen sollte nach Bismarck ins Denken aller ubergehen; noch iiber Bis- 
marck hinaus mit der riicksichtslosen inneren Kampfstellung gegen das Juden- 
tum und der Forderung nach wirtschaftlicher und sozialer Neugestaltung des 
nationalen Lebens. Wenn die weltburgerliche Bildungsidee Goethes abgelehnt 
wurde, so sollte doch der Deutsche aus dem BewuBtsein seiner angeborenen, 
treu gepflegten Werte sich als Vorkampfer der besten Menschheit fuhlen 
lernen. Diese inneren Werte allerdings schienen zweifelhaft geworden. 

Hier nun trifft L.s Nachdenken zu dem, was seit Lagarde Gehalt volkischei 
Erneuerungsbestrebungen war. Auch er geht aus von dem Verhaltnis dei 
echten Personlichkeit zur Nation und fordert Erlosung unseres offentlichen 
Lebens von alien starren Schranken, von alien formalistischen Hemmungen, 
die der preuBische Beamtenstaat erzeugte, verjiingte Volkstiimlichkeit, in 
bestimmtem Sinne Demokratie, zugleich aber Herrschaft einer aristokratischer 
Lebensgesinnung, die sich auf Blut und Leistung beruf t. Seine Hoffnung ist 
daB aus dem Geiste und den Daseinsformen des Volksheeres ein neuer An- 
trieb fiir die Allgemeinheit kommen werde, sei es auch im Gefolge eines groBec 
Machtkampfes, den er schon als Lauterung und Wesensprobe wiinscher 
mochte. Denn im Grunde sind dem deutschen Volke alle notwendigen und 
heiligen Gehalte schon eingeboren, die rechte Aufgabe des Erziehers und 
Politikers scheint Wiederfindung und Reinigung des verschiitteten Wesens 
nicht so sehr schopferisch neues Wollen. Darin ist L. bestarkt von den Ge- 
danken Gobineaus, den er als Verkunder j>arischer« Blutaristokratie mil 



Lange. Matthias qq 

Nietzsche vergleicht und hoherstellt. Das »Reine Deutschtum «, das ist ihm 
der »eingeborene Idealismus « unseres Volkes, der zu sich selber finden wird, 
wenn erst die humanistische Traumseligkeit und Entfremdung verschwindet, 
der Idealismus des Tapferen, als solcher wesentlich dem weichen Christentum 
iiberlegen. Das Christentum namlich kann weder als Weltansicht noch als 
Sittlichkeit dem heutigen bewuBten Deutschen, wie L,. ihn will, geniigen, nur 
der » Idealismus* daran, dem der ererbte arische Sinn schon entgegenkommt, 
soil uns erhalten bleiben. Ubrigens ist ihm Religion, als Gottverbundenheit, 
wesenhaft dogmenlos und so verstanden im »Reinen Deutschtum « unmittel- 
bar gegeben. 

Erstrebt L. also eine Bestimmung des deutschen Wollens aus sittlichem 
Ziel der Menschheit, die sich in Volkern verwirklicht, so ist doch aus der Fiille 
angeregter Probleme nicht die Idee geklart. Fiir die Wesenserkenntnis des 
Deutschtums und seiner Sendung beruft sich I,, grundsatzlich nicht auf ein- 
dringend-umfassende Gultigkeit des Denkens, noch auf klare GewiBheit einer 
unmittelbaren Anschauung, sondern nur auf den instinkthaften Willen. Seine 
Auffassung der deutschen Geschichte geht iiber alles hinweg, was nicht 
realistisch-volkstumlich gemeint war. Und so muJ3 Weltgrund und Weltziel 
hinter dem nationalen Begehr nach berechtigter Macht verschwimmen im 
» Idealismus « fiir alles edel und gut Gefuhlte, in einem letzten bewahrten 
Glauben an den Gott, der ein Volk nicht ohne Sinn berufen hat. — Damit 
bleibt L. seiner Zeit unterworfen, der die Einheit innerlichen Lebens, die 
wahre iiberweltUche Religion, entgangen war, in der Geist und Sinn von Trieben 
und Zwecken uberwuchert wurden. Auch er hatte zugleich auf die Uber- 
lieferung des deutschen Idealismus verzichtet, als er sich von Lotzes religio- 
ser Philosophic unzuf rieden trennte ; die tieferen Forderungen seines Glaubens 
fanden nicht den ersehnten Widerhall. 

Im Weltkriege glaubte If. die Erfullung seines Lebenszieles nahe. Die f urcht- 
bare Enttauschung von 1918 ist ihm erspart geblieben, aber er durfte nun 
auch nicht mehr erfahren, wie die besten Inhalte seines Kampferdaseins auch 
der Verzweiflung vexjiingt und gelautert entstiegen sind. Im Bemuhen um 
Vereinigung deutschen nationalen Machtwillens und deutscher geistiger Welt- 
bestimmung und Weltverantwortung zu volklicher Selbstbesinnung war er 
Wegbereiter einer wartenden Zukunft. 

Literatur: ^Deutsche Zeitung* 1. April 1921 (Karl Berger). — »Deutschbundb latter* 
1927 (Fuchs). — Adolf Rapp: Der deutsche Gedanke. Bonn 1920. — Schriften: 
Reines Deutschtum, Grundziige einer nationalen Weltanschauung (Anhang: Nationale 
Arbeit und Erlebnisse), 4. Auflage, Berlin 1904 (Neuherausgabe durch den Deutschbund 
geplant); Deutsche Worte, Deutschbundreden, Berlin 1907; Harte Kopfe, Roman, Leipzig 
1885; ijothar, Epos, Hamburg 1889; Der Nachste, Drama, Hamburg 1890; Gedichte und 
Erzahlungen in der »Taglichen Rundschau* u. a.; Aufsatze in der »Deutschen Welt^. — 
Nach la ft: Liter arische Entwurfe, Kindheitserinnerungen, Reiseschilderungen ; person - 
licher und politischer Brief wechsel, bei Frau Dr. E. Lange, Berlin-Friedenau. 

Berlin-Steglitz. Rudolf Craemer. 

Matthias, Adolf, Dr., Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat und Vortra- 
gender Rat im preuBischen Kultusministerium, * am 1. Juni 1847 in Hannover, 
t am 8. Juni 1917 in Diisseldorf. — In dem demokratischen Massengetriebe 



100 1917 

unseres heutigen Staatslebens verblaBt die Erinnerung an fiihrende Manner 
schneller als in der patriarchalischen Einfachheit vergangener Zeiten. Auch 
die hervorstechendste Personlichkeit ordnet sich bescheiden ein in das schnell- 
abnutzende Gefuge der Beamtenmaschinerie, tritt in ihrer Bedeutung und 
in der nachwirkenden Kraft ihres Schaffens bald zurtick und legt ihr ganzes, 
des personlichen Reizes immer mehr entbehrendes Werk beim Ausscheiden 
aus dem Amte entsagungsvoll in andere Hand. 

Wie lebendig und scharf umrissen stehen in der Geschichte des hoheren 
Bildungswesens noch Gestalten wie die eines Joh. Wilh. Siivern (1775 — 1829), 
der im Verein mit Wilhelm v. Humboldt das gesamte Unterrichtswesen 
PreuBens auf der neuhumanistischen Grundlage einer harmonischen Allgemein- 
bildung aufbaute und ihm dabei ein universelles Geprage gab, das jahrzehnte- 
lang bestimmend blieb — oder eines Joh. Schulze (1786 — 1869), der 40 Jahre 
lang dem preuBischen Kultusministerium angehorte und einen groBen Teil 
dieser Zeit hindurch das preuBische Bildungswesen leitete, ihm in Lehr- 
verfassung, Lehrzielen und Methoden feste Formen vorzeichnend — eines 
Ludwig Wiese (1806 — 1900), der fast ein Vierteljahrhundert hindurch den 
hoheren Schulen seinen Geist, den Geist kirchlich humanistischer Strenge auf- 
pragte — oder auch noch eines Hermann Bonitz (1814 — 1888), dem die Auf- 
gabe zufiel, die hoheren Schulen den Anforderungen der durch die Reichs- 
griindung bestimmten neuen Kultur anzupassen. 

Diese Reihe glanzender Namen bricht ab mit der infolge der Industriali- 
sierung einsetzenden Verbreiterung des offentlichen Bildungswesens und 
seiner Verwaltung. Die Namen der nunmehr fiihrenden Personlichkeiten treten 
zuriick hinter der Sache. Aber an einem Namen wird die Geschichte des preu- 
Bischen Bildungswesens bei der Darlegung der padagogischen Bestrebungen 
um die Jahrhundertwende nicht voriibergehen konnen: Christian Wilhelm 
Adolf M., dem Namen eines Mannes, der durch seine eigenartige Personlich- 
keit in seltenem MaBe EinfluB auf eine neuzeitliche Reform des hoheren 
Schulwesens und auf seine Trager gewann. 

Adolf M. war einer althannoverschen Familie entsprossen. Urspriinglich fur 
den Apothekerberuf bestimmt, studierte er spater in Marburg und Gottingen 
klassische Philologie, Deutsch und Geschichte. Seine Studien erlitten eine 
Unterbrechung durch den Deutsch-Franzosischen Krieg, den er als Freiwilliger 
im 8. Westfalischen Infanterieregiment Nr. 57 mitmachte. Fur tapferes Ver- 
halten in der Schlacht bei Beaume la Rolande und in den Gefechten von 
Villeporcher und Villethion wurde ihm das Eiserne Kreuz verliehen. Nach 
Wiederaufnahme seiner Universitatsstudien bestand er im Juli 1873 die Lehr- 
amtspriifung, ( und noch im November desselben Jahres wurde ihm von der 
Gottinger Philosophischen Fakultat die Doktorwiirde verliehen. Das Probe- 
jahr leistete er am Herzoglichen Gymnasium zu Holzminden und am Gym- 
nasium zu Essen ab. Als ordentlicher Lehrer wirkte er sodann vom 1. Oktober 
1874 bis zum 1. April 1880 an dem unter Dr. Edm. Vogts Leitung stehenden 
Gymnasium zu Essen, als Oberlehrer an den Gymnasien zu Bochum (1. April 
1880 bis 31. Marz 1882) und Neuwied (1. April 1882 bis 1. Oktober 1884). 
Von hier aus erhielt er einen Ruf als Direktor an das Lippische Gymnasium 
in Lemgo, der Geburtsstadt Siiverns, die er aber bald wieder verlieB, um 
Ostern 1885 die Leitung des Gymnasiums und Realgymnasiums in der Kloster- 



Matthias 10 1 

strafie zu Diisseldorf zu ubernehmen. Anfangs 1898 trat er als schultechnischer 
Rat in das Provinzialschulkollegium in Koblenz ein, von wo er gleichzeitig 
das wissenschaftliche Priifungsamt in Bonn leitete. Zwei Jahre spater erfolgte 
seine Berufung in das preui3ische Kultusministeriura. Hier wurde er am 
2. April 1900 zum Geheimen Regierungsrat, am 14. Dezember 1903 zum Ge- 
heimen Oberregierungsrat ernannt. Ein Herzleiden zwang ihn im Sommer 19 10 
seine Versetzung in den Ruhestand zu erbitten, die ihm unter Verleihung des 
Charakters als Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat bewilligt wurde. Er 
starb zu Diisseldorf, der Statte seiner friiheren Wirksamkeit, wo er bei seinem 
Sohn zur Erholung weilte, kurz nach Vollendung seines 70. Lebensjahres. 

Die Diisseldorf er Direktorzeit ist, wie M. in seinen »L,ebenserinnerungen« 
(Aus Schule, Unterricht und Erziehung) selbst erzahlt, fiir ihn derjenige 
Lebensabschnitt gewesen, in dem er die meisten wissenschaftlichen, pad- 
agogischen und rein menschlichen Anregungen empfangen hat und aus dem 
ihm die meisten freundschaftlichen Beziehungen, die schonsten Erinnerungen 
erwachsen sind. Hier konnte sich seine sonnige, herzenswarme Personlichkeit, 
seine Zuversicht in alles Gute im Menschen und besonders in der Jugend frei 
entfalten undweiter entwickeln. Hier konnte im Verkehr mit seinen Schiilern, 
denen er niemals als »Gendarm des Zwanges«, sondern immer als treuer, 
wohlmeinender, auch die kleinen Schwachen der jugendlichen Unreife ver- 
stehender Freund gegeniibertrat, sein reiches Wissen, sein kraftiges Empfinden 
und Wollen, sein gesunder Humor reiche Anregungen geben und auf weite 
Kreise, bei Eltern, Lehrern und Behorden, aufmunternd und erfrischend 
wirken. Ein Zeichen dessen sind die beiden Werkchen » Wie erziehen wir unseren 
Sohn Benjamin ?« und »Wie werden wir Kinder des Glucks?«, die beide aus 
seinen Vortragen vor Lehramtskandidaten erwachsen sind. 

Von Diisseldorf aus nahm er als Realgymnasialdirektor auch an der groBen 
Schulkonferenz in Berlin im Dezember 1890 teil, wo er bereits fiir eine Rein- 
erhaltung und gleiche Einschatzung der drei Schultypen Gymnasium, Real- 
gymnasium, lateinlose Schule eintrat, eine Verminderung der Gesamtstunden- 
zahl, eine Konzentration auf wenige, aber kraftig bildende Unterrichtsgegen- 
stande, insbesondere Deutsch, Geschichte, Religion forderte und so die An- 
erkennung der Gleichberechtigung der drei hoheren Schularten vertrat, der 
er dann auf der Junikonferenz vom Jahre 1900 zum Siege verhelfen konnte. 

Der Weiterfuhrung der auf dieser Konferenz beschlossenen und in dem 
kaiserlichen Erlasse vom 26. November 1900 angeordneten Schulreform gait 
sein ganzes ferneres Wirken. In ihren Dienst stellte er die von ihm in Ver- 
bindung mit R. Kopke begriindete, aber von ihm allein geleitete »Monats- 
schrift fiir hohere Schulen«, ihr widmete er seine hervorragende schriftstelle- 
rische Begabung und seine iiberzeugende Beredsamkeit. Immer war er bestrebt, 
frei von engherzigen und kleinlichen Vorurteilen, neben dem guten Alten auch 
dem werdenden Neuen freie Bahn zu schaffen, und unbekummert urn alle 
Angriffe, die auch ihm nicht erspart blieben, iiberall da, wo er dem hoheren 
Schulwesen noch anhaftende Mangel sah, scharfe Kritik zu iiben. Gerade 
dieser Freimut des Urteils, der ein kraftiges Wort nicht verschmahte, ver- 
bunden mit dem frohlichen Humor seiner leichtflieBenden Darstellungsweise, 
haben seinen zahlreichen Schriften, besonders seiner Praktischen Padagogik, 
einen zahlreichen und dankbaren, iiber die engeren Fachkreise weit hinaus- 



102 19*7 

gehenden Leserkreis erworben. Versenkt man sich heute, nachdem ein voiles 
Jahrzehnt iiberschaumender Reformfreude aus selbstgeschaffenen Triimmeni 
heraus eine neue Padagogik aufbauen zu konnen wahnte, in die M.schen 
Schriften, so ist man geradezu erstaunt uber den fortschrittlichen Geist, der 
uns daraus entgegenweht und der an Mut und Frische hinter den mit urn- 
stiirzlerischer Geste vorgetragenen Forderungen unserer »entschiedenen Schul- 
reformer* keineswegs zuriicksteht. Das lag daran, daB M., nach seinen eigenen 
Worten, sich in seiner langen Berufslaufbahn bei all seinem Tun warnend das 
Goethe- Wort vorhielt: »Der Philister negiert nicht nur andere Zustande, als 
der seine ist ; er will auch, daB alle iibrigen Menschen auf seine Weise existieren 
sollen.« Und alle Philisterei, alle Pedanterie war ihm in der Seele zuwider. 
»Unter Pedanterie, « sagt M., »verstehe ich Formalklauberei, Methoden- 
karikatur, Systemfuchserei, Beschranktheit bei Verwirklichung groBer Ideen 
und Abgeschmacktheit in ihrer Formgebung, vor allem aber Angstlichkeit, 
wo es sich urn groBen Gewinn und groBe Ziele handelt, und Sklaverei kon- 
ventioneller Lebensregeln, die sich im Entwicklungsgange der Kultur als un- 
brauchbar, iiberlebt oder gar als schadlich erwiesen haben. Pedanterie aber 
ist eine Haupteigenschaft aller Schul- und Erziehungsphilister. Unter Eltern, 
Lehrern und besonders in der Schulverwaltung bis in die hochsten Spitzen 
hinein habe ich so viele Philister angetroffen, daB ich fast glaube, sie haben 
noch immer die Majoritat bei uns« (Deutsche Revue, Marz 191 1). 

Was aber M. vor den heutigen Reformern auszeichnete, das war seine in 
langer, freudig geleisteter Schularbeit erworbene tiefgehende Sachkenntnis, 
seine tiefe Einsicht in die Grenzen padagogischer Schulweisheit, seine Ab- 
neigung gegen alles Reglementieren und gegen ministerielle Richtlinien. Seine 
Achtung vor der Menschenwiirde im Lehrer und Schiiler war zu fest begriindet, 
als daB er es jemals gewagt hatte, das Freiheits- und Selbstgefiihl der Schiiler 
oder das VerantwortungsbewuBtsein der Lehrer durch bureaukratisch-engher- 
zige Bestimmungen zu schmalern. » Bewegungsf reiheit « fiir Lehrer und Schiiler, 
das war das Ziel seines Strebens, das auch in den von ihm bearbeiteten Lehr- 
planen und Prufungsordnungen deutlich erkennbar ist. 

M.sche Tradition ist leider nach mancher Richtung hin von der offiziellen 
Padagogik verlassen worden, die mit Herrschergewalt das Ganze des mensch- 
lichen Daseins nach ihrem Willen formen und gestalten will. Um Jahrzehnte 
ist dadurch die deutsche hohere Knabenschule mit ihren jetzt vorhandenen 
37 verschiedenen Formen in ihrer fortschrittlichen Entwicklung zuriick- 
geworfen worden. Aber jetzt schon ringt sich in der padagogischen Literatur 
iiberall die Uberzeugung durch, daB eine Wiedergesundung unseres hoheren 
Bildungs- und Erziehungswesens nur durch Ankniipfung an M.sche Ideen zu 
erhoffen ist. 

Lange Jahre, von 1893 bis 1917, hat der Unterzeichnete mit M. in enger 
Freundschaft zusammengearbeitet, dabei bis zum Sommer 19 10, als ein Herz- 
leiden M. zwang, seine Versetzung in den Ruhestand zu erbitten, mit ihm 
und Karl Reinhardt sich in die Leitung des hoheren Schulwesens PreuBens 
geteilt: kostliche Jahre eines freundschaftlichen, durch keine Dissonanzen ge- 
triibten Ineinanderwirkens und eines freudigen Schaffens, das nicht in iiber- 
stiirzten Reformversuchen sein Ziel sah, sondern in einer fortschrittlichen, 
von freiheitlichem Geiste getragenen, aber auch in Achtung vor dem geschicht- 



Matthias. Mehrtens 10 3 

lich Gewordenen, sorgsam erwogenen Weiterentwicklung, in der Verbreitung 
frohlicher heller Sonne in den Schulraumen, in Unterricht und Erziehung, im 
Bereiten einer freien Bahn fiir ungezwungenes »Werden«, nicht fur gewalt- 
sames »Gemachtwerden«. 

Und so konnten seine Freunde in der ihm zum 70. Geburtstage iiberreichten 
Adresse ihn mit vollem Rechte feiern als den Vertreter einer hoffnungsfreu- 
digen Auffassung von der deutschen Jugend und der Aufgabe ihrer Erzieher, 
als den Mitbegriinder einer freiheitlichen und weitschauenden Richtung in 
unserem Schulwesen, als einen wahren Lehrer der Lehrer. 

Literatur: J . Norrenberg, Nachruf auf Ad. M. im Deutschen Reichsanzeiger vom 
12. Juni 191 7, Nr. 137. Dieser Aufsatz hat auch den vorstehenden Ausfiihrungen zugrunde 
gelegen. — Rud. Lehmann, Adolf M., im Deutschen Philologenblatt, 1917, S. 347. — 
Schmitz-Mancy, Adolf M. zum Gedachtnis. Zeitschr. f. lateinl. hoh. Schulen, 191 7, S. 145. 

Griechische Wortkunde, 2. Aufl. 1886; Xenophons Anabasis, Kommentar und Text, 
1884, 3. Aufl. 1 914; Heilungdes Orest in Goethes Iphigenie, 1887; Bedeutung der hoheren 
Biirgerschule, 1888; Deutsches Volkslied, 1889, 4. Aufl. 191 3; Goethes Gedankenlyrik, 
1002, 2. Aufl. 1914; Schillers Gedankenlyrik, 1902; Grillparzers Ahnfrau, Leipzig, Teub- 
ner 1904; Grillparzers Sappho, 1903; Hilfsbuch fiir den deutschen Sprachunterricht, 1892, 
8. Aufl. 1912; Frau Rat Goethe, 1912; Praktische Padagogik fiir hohere L,ehranstalten, 
1895, 4. Aufl. 1912; Die patriotische Lyrik der Befreiungskriege, 1897; Wie erziehen wir 
unseren Sohn Benjamin ? Ein Buch fiir deutsche Vater und Mutter. Beck, Munchen 1897, 
10. Aufl. 191 5; Wie werden wir Kinder des Gliicks? Ebenda 1899, 4. Aufl. 1916; Die 
soziale und politische Bedeutung der Schulreform von 1 900. 1 905 ; Geschichte des deutschen 
Unterrichts. Ebenda 1907; Aus Schule, Unterricht und Erziehung, 1901; Meine Kriegs- 
erinnerungen, 191 1, 3. Aufl. 1912; Bismarck, sein Leben und sein Werk, 191 5; Krieg und 
Schule 191 5. Kriegssaat und Friedensernte 191 5. Deutsche Wehrkraft und kommendes 
Geschlecht 191 5; Erlebtes und Zukunftsfragen, 191 3; Handbuch des deutschen Unter- 
richts (Herausgeber) ; Zahlreiche Aufsatze in Zeitschriften und Zeitungen. 

Bonn. Johann Norrenberg. 

Mehrtens, Georg Chrlstoph, Ingenieur, Regierungs- und Baurat, o. Professor 
fiir Statik der Baukonstruktionen, Festigkeitslehre und eiserne Briicken an 
der Technischen Hochschule Dresden, * am 31. Mai 1843 in Bremerhaven, 
f am 9. Januar 1917 in Dresden. — Nach AbschluB der Gymnasialbildung in 
Bremerhaven arbeitete M. zwei Jahre in den Werkstatten der Maschinenfabrik 
Balke in Altona und bezog darauf, 18 Jahre alt, die Technische Hochschule 
Hannover, an der er bis zum Jahre 1866 Ingenieurwissenschaften studierte. 
Im Jahre darauf bestand er die Regierungsbaufuhrerpriifung und trat als 
solcher bei der Kgl. Eisenbahndirektion Hannover in den preuBischen Staats- 
dienst. Im Jahre 1869 wurde M., nachdem er die zweite Staatshauptpriifung 
bestanden hatte, bei derselben Verwaltung Regierungsbaumeister und blieb 
in deren Diensten bis zum Jahre 1872. Die auBergewohnliche Belebung des 
Eisenbahnbaus nach dem AbschluB des Deutsch-Franzosischen Krieges ver- 
anlaBte ihn zum Ubertritt zu Privatbahngesellschaften, deren Aufgaben seine n 
Schaffensdrang und seine ingenieurtechnische Begabung besser befriedigten. 
Er war zunachst als Sektionsbaumeister beim Bau der Luneburg — Witten- 
berger Bahn, spater als Abteilungsbaumeister beim Bau der Berlin — Dresdener 
Bahn tatig. Hierauf wurde ihm der Bau der Eisenbahnstrecke Frankfurt a.d.O. — 
Kottbus als Oberingenieur iibertragen. 

In diesen Jahren hatte M. Gelegenheit, reiche Erfahrungen auf dem Gebiete 
des Bauwesens zu sammeln, die die groBen Erfolge begriindeten, die ihm in 



104 igi ? 

der zweiten Periode seines I^ebens beschieden waren. Er trat im Jahre 1878 
in den preuBischen Staatsdienst zuriick und wurde im Ministerium der offent- 
lichen Arbeiten in Berlin mit Vorarbeiten fur den Bau der Bahnlinie Erfurt — 
Ritschenhausen betraut. Gleichzeitig ubernahm er an der Technischen Hoch- 
schule Charlottenburg die Stellung eines Assistenten bei Professor Winkler, 
einem der bedeutendsten Vertreter der Baustatik und des Briickenbaus. Die 
hiermit verbundene wissenschaftliche Tatigkeit fiihrte nach kurzer Zeit zu 
seiner Habilitation an derselben Hochschule. Er las zunachst iiber die Gebiete, 
denen er bisher nahegestanden hatte, iiber die Ausfiihrung von Briicken, auBer- 
dem iiber den Entwurf beweglicher Briicken. Diese Tatigkeit ist fur seine kiinf- 
tige Entwicklung entscheidend geworden. Wenn sie auch durch seine Ver- 
setzung nach Frankfurt a. d. O. im Jahre 1883 unterbrochen wurde, so konnte 
doch O. Schwedler, der damalige Dezernent fiir die Briickenbauten der preuBi- 
schen Staatsbahn im Ministerium der offentlichen Arbeiten im Jahre 1888 
keinen geeigneteren Mann zum Bau der neuen Weichselbriicken bei Dirschau, 
Marienburg und Fordon finden, als M. Er wurde der Leiter des hierfiir ein- 
gerichteten Bureaus der Eisenbahndirektion Bromberg. 

Diese Berufung war vor allem durch eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten 
begriindet, deren Anregung in seiner Tatigkeit an der Technischen Hochschule 
zu suchen sein wird und die in diesen Jahren veroffentlicht wurden. Eine 
Studienreise im Auftrage des preuBischen Ministeriums der offentlichen Ar- 
beiten fiihrte zu einer Arbeit »Notizen iiber die Fabrikation des Eisens und 
der eisernen Briicken«. Darauf folgte ein Aufsatz iiber »Das Eisen im Altertum«. 
Ein groBeres Werk erschien im Jahre 1885 und behandelte »Die Mechanik fester 
K6rper«. Eine weitere Arbeit wurde im Jahre 1887 der Offentlichkeit iiber- 
geben; sie betraf » Eisen und Eisenkonstruktion in geschichtlicher und techno- 
logischer Beziehung«. In alien diesen Schriften kam schon das groBe Interesse 
zum Ausdruck, das M. der geschichtlichen Entwicklung von Briickenbau 
und Baustatik entgegenbrachte und das auch seine spateren Werke kenn- 
zeichnet. 

Die Arbeiten, die M. mit dem Jahre 1888 an der Weichsel ubernahm, haben 
seine Bedeutung fiir die Entwicklung des Eisenbriickenbaus begriindet. 
Wenn der Bau dreier groBer Strombriicken in diesen Jahren an und fiir sich 
fiir die Entwicklung des Eisenbriickenbaus eine bedeutsame Aufgabe war, so 
ist ihre Losung durch seine Initiative deshalb zu einer geschichtlich denkwiirdi- 
gen Leistung geworden, weil hierbei alte Wege in der Herstellung des Baustoffes 
aufgegeben und auch in Deutschland das SchweiBeisen auf Grund jahrelanger 
Versuche der Bauverwaltung in Bromberg durch ThomasfluBstahl ersetzt 
wurde. Die Nogatbriicke in Marienburg und die Weichselbriicke in Dirschau 
sind noch mit SchweiBstahl gebaut worden. Dagegen wurde fiir die fiinf Strom- 
offnungen der Weichselbriicke in Fordon basischer Siemens-Martin-Stahl der 
Gute-Hoffnungshutte venvendet. Die dreizehn Flutoffnungen wurden aus 
basischem Thomasstahl der Aachener Hiitte »Rote Erde« errichtet. Die Be- 
denken, die das In- und Ausland der Anwendung des basischen FluBstahls im 
Briickenbau entgegenbrachten, sind bald geschwunden. Damit verfiigte 
Deutschland iiber einen dem englischen sauren Martinstahl gleichwertigen 
Briickenbaustoff, der schon bei der Briicke iiber den Firth of Forth An- 
wendung gefunden hatte. 



Mehrtens 105 

Der basische FluBstahl hat sich in kurzer Zeit die Welt erobert, so daB die 
weitsichtigen Entscheidungen M.s nicht zum wenigsten die fuhrende Stellung 
der deutschen Eisenindnstrie begriinden halfen und der Entwicklung des 
deutschen Eisenbaus den Weg zu der beherrschenden Hohe gewiesen haben, 
die dieser in der Gegenwart einnimmt. Diese Verdienste M.s sind schon zu 
seinen Lebzeiten gewiirdigt worden. R. Krohn tat dies gelegentlich der Ver- 
sammlung der deutschen Naturforscher und Arzte mit den Worten, »daB die 
deutschen Eisenhiittenleute alle Ursache hatten, Georg M. fur die Einf tin- 
ning des FluBeisens im Eisenbruckenbau ein Denkmal zu setzen«. 

Die Arbeiten M.s, die diesen bedeutungsvollen Abschnitt technischer Ent- 
wicklung in Deutschland begleitet haben, behandeln im wesentlichen die Ver- 
suche, die die Anwendung des ThomasfluBstahls im Briickenbau rechtfertigen. 
Sie sind in den Jahrgangen 1891 — 1893 der Zeitschrift »Stahl und Eisen« ver- 
offentlicht. Die Erfahrungen, die hierin niedergelegt sind, wurden gelegentlich 
der Weltausstellung in Chicago im Jahre 1893 von ihm auch vor der inter- 
national Offentlichkeit vertreten. Mit seinem Vortrage »The use of mild 
steel for engineering structures « hatte M. Gelegenheit, sein Wissen und seine 
ganze Uberzeugungskraft fiir seine Ideen einzusetzen und der Einfuhrung des 
basischen FluBstahls im Briickenbau auch auBerhalb seiner Heimat den Weg 
zu ebnen. 

Um die Moglichkeit zu besitzen, das ihm liebgewordene Fachgebiet weiter 
wissenschaftlich zu durchdringen, gab M. im Jahre 1894 seine Tatigkeit im 
praktischen Baudienst auf und folgte einem Ruf der Technischen Hochschule 
Aachen als Professor der Ingenieurwissenschaften. Ein Jahr spater ubernahm 
er nach dem Tode W. Frankels dessen Lehrstuhl fiir Baustatik und Eisen- 
bruckenbau an der Technischen Hochschule Dresden und gliederte diesem 
nach dem Rucktritt O. Mohrs (s. unten S. 282 fT.) auch die Festigkeitslehre 
fiir Bauingenieure an. 

Dieser akademischen Tatigkeit gait der Rest seines Lebens. Sein formvoll- 
endeter Vortrag, die reichen Erfahrungen, die sich aus seiner groBen Bautatig- 
keit ergaben, fesselten den Studenten in hohem MaBe. War er, der einen groBen 
Teil der Entwicklung des Eisenbaus selbst erlebt und beeinfluBt hatte, doch 
wie kein anderer berufen, die geschichtliche Entwicklung kritisch zu behan- 
deln und daraus die Voraussetzungen fiir neuzeitliche Durchbildung abzu- 
leiten. Das erste Ergebnis dieser Arbeiten war das Werk, das im Auftrage 
einiger deutscher Briickenbauanstalten fiir die Pariser Weltausstellung in drei 
Sprachen gedruckt wurde: »Der deutsche Briickenbau im 19. Jahrhundert«. 
Auch seine Arbeiten auf dem Gebiete der Baustatik haben einen gewissen 
historischen Einschlag. Sie sind in den ersten drei Banden seiner »Vorlesungen 
iiber Ingenieurwissenschaften « zusammengefaBt und bilden im wesentlichen 
den Inhalt der Vorlesungen, die er iiber dieses Gebiet an der Technischen 
Hochschule Dresden gehalten hat. M. ist auf diesem Gebiet nicht schopferisch 
tatig geweseu. Er war kein Theoretiker, der der Berechnung des Tragwerkes 
neue Wege gewiesen hat. Daher erscheint auch sein Werk iiber Eisenbrucken- 
bau, dessen erster Band im Jahre 1908 veroffentlicht wurde, von groBerer 
Bedeutung. Neben den allgemeinen Grundlagen wird hier die einzige zu- 
sammenfassende geschichtliche Darstellung des Briickenbaus gegeben, die 
bei den zahlreichen personlichen Beziehungen, die M. im L,aufe seines I,ebens 



io6 1917 

mit den fiihrenden Mannern verkniipft haben, dauernden Wert behalten durfte. 
Zahlreiche Aufsatze, die sich mit der jiingsten Entwicklung des Eisenbaus 
befassen, sind von ihm in der Zeitschrift »Der Eisenbau« veroffentlicht worden, 
deren Schriftleitungsansschni3 er vom Jahre ihres Erscheinens angehorte. 

M. hat es an auBeren Ehxen nicht gefehlt. Das Vertrauen seiner Kollegen 
belief ihn in den Jahren 1901/02 zum Rektor der Technischen Hochschule. 
Im Jahre 1903 wurde er zum Geheimen Hofrat ernannt. Sein klares, sicheres 
Urteil war in der Praxis sehr geschatzt, so daB er bei zahlreichen bedeutenden 
Wettbewerben als Preisrichter berufen wurde. Von diesen sind besonders die 
mittlere Rheinbnicke in Basel, die im Jahre 1914 fertiggestellte Hangebriicke 
iiber den Rhein in Koln imd die FesthaUe in Frankfurt zu erwahnen. 

M. war mit Eva Barbara, geb. Wittig, verheiratet und ist mit dieser bis zu 
deren Tode im Jahre 1904 in einem iiberaus gliicklichen Familienleben ver- 
bunden gewesen. Er selbst starb nach kurzem Krankenlager an den Folgen 
einer Lungenentziindung, nahezu bis zuletzt wissenschaftlich tatig. Seine Ar- 
beiten sind nicht durch theoretische Tiefe ausgezeichnet ; er gehorte vielmehr 
zu den Ingenieuren, die die Bewaltigung der Aufgaben in deren baulicher 
Durchbildung und schoner Form erblickte. Er war eine feine, durchgeistigte 
Personlichkeit, ein Mann von groBer Liebenswurdigkeit, der seine Horer durch 
einen lebendigen Vortrag zu fesseln verstand, in den er die vielen eigenen Er- 
innerungen an Manner verflocht, die in der Entwicklung des Briickenbaus 
eine Rolle gespielt haben. Er war ein geistreicher Gesellschafter und ein in 
der Verfolgung seines Ziels unbekummerter Kampfer, dessen geistige Waffen 
nicht zum wenigsten die Stellung des deutschen Briickenbaus in der Welt er- 
fochten haben. 

L,iteratur: F. Bleich, G. Chr. M. Zum 70. Geburtstage. — Der Eisenbau, 1913, S. 155. 
Dresden. Kurt Beyer. 



Meyer (aus Speyer), Wilhelm, Philologe, * am 1. April 1845 in Speyer, 
t am 9. Marz 1917 in Gottingen. — Wilhelm M. ist als der Sohn kleiner Hand- 
werksleute geboren, die spat geheiratet hatten und deren einziges Kind er blieb. 
Er vergaB nie, was er seinen Eltern zu danken hatte, und wollte auch auf der 
Hohe des Lebens die schlichte Herkunft nicht verleugnen, wie er denn auf Titel 
jeder Art wenig Wert legte: die Doktorwiirde hat dem vierzigjahrigen Biblio- 
thekssekretar die philosophische Fakultat der Universitat Erlangen honoris 
causa verliehen — den » Geheimen Regierungsrat* schiittelte er mit grimmiger 
Energie ab. 

Schon auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt Speyer trat M.s Neigung fur 
die klassischen Sprachen stark hervor. Eine Empfehlung an L. Urlichs fiihrte 
den Abiturienten zu Ostern 1863 zunachst auf die Universitat Wiirzburg, wo 
er aber weder die erhoffte auBere noch starkere wissenschaftliche Forderung 
fand. Von Ostern 1864 ab hat er in Munchen studiert und hier 1867 mrt dem 
Staatsexamen abgeschlossen. Seine Lehrer waren in erster Li nie Spengel und 
Halm, von denen er aber weder in der Methode noch in der Stoff wahl seiner 
Arbeiten anders als vonibergehend beeinfluBt wurde, so wenig wie spater im 
personlichen Verkehr von Christ oder Wolfflin. Dagegen verdankte er vielseitige 



Mehrtens. Meyer IO7 

Anregungen und zugleich die ersten Stunden heiteren Lebensgenusses einem 
Kreise gleichaltriger Freunde, an den er sich stets gern zuriickerinnerte. 

Die Studienjahre und die Zeit, die ihnen folgte, waren fur den Mittellosen, der 
bald auch die greisen Eltern unterstutzen muBte, hart und entbehrungsreich. 
Durch viele Jahre hat er, in Miinchen und auch in Rom, Privatstunden ge- 
geben, da sein karges Gehalt nicht ausreichte. Anfangs Hilfslehrer am Maxi- 
milians-Gymnasium und vorubergehend in Bayreuth, wurde er im Herbst 1872 
aus dem Schuldienst beurlaubt, um Halm bei der Katalogisierung der latei- 
nischen Handschriften der Staatsbibliothek dauernd zu helfen. Nachdem dann 
seine ersten Arbeitenzur mittellateinischen Philologie (»Waltharius«und »Rade- 
win«) erschienen waren und er die Ausgabe der Horazscholien der Porphyrio im 
Manuskript abgeschlossen hatte (sie kam 1874 heraus), ging er im Herbst 1873 
mit einem Staatsstipendium nach Rom und verblieb im Siiden anderthalb 
Jahr, eine gewaltige Arbeit von Abschriften und Kollationen bewaltigend. 
Dann erreichte er im Friihjahr 1875 sein Ziel, eine feste Anstellung an der 
Miinchener Bibliothek ; und er ist der Anstalt, die er seit langem liebte, treu 
geblieben bei nur bescheidenen Fortschritten und Aufbesserungen, auch als inn 
PreuBen 1876 fur die Greifswalder Bibliothek, 1885 fiir die philosophische 
Fakultat von Kiel zu gewinnen suchte. Ein Jahr spater folgte er dann doch 
einem Rufe an die Universitat Gottingen, der in ehrenvollster Form an ihn 
erging, nachdem Ulrich v. Wilamowitz die Zuweisung eines philologischen Lehr- 
stuhles an einen Mann von der Bedeutung Wilhelm M.s als eine Ehrensache 
erklart hatte. — Seit 1877 war er Mitglied der Kgl. Bayerischen Akademie, 
1892 wurde er auch in die Gesellschaft der Wissenschaften zu Gottingen 
gewahlt. 

Nicht alle Hoffnungen hat der Lehrer erfullt, die der Gelehrte geweckt hatte. 
Wilhelm M. sehnte sich vom Katheder und aus dem philologischen Seminar, die 
ihm fremd gebliebene und lastig bleibende Pflichten aufburdeten, hinweg zu 
seinen geliebten Manuskripten. Er war sich mit Stolz bewuBt, fiir die Ordnung 
der Handschriftenbestande der Miinchener Bibliothek das Beste geleistet und 
dabei der Wissenschaft eine Fiille wertvollen Materials erschlossen zu haben ; 
und so unterbreitete er dem Kultusministerium auf Althoffs Aufforderung einen 
umf assenden Plan zur Bearbeitung der Handschriften im preuBischen Staate und 
wurde 1889 daftir beurlaubt. Bis zum Jahre 1894 hat M. den dreibandigen 
Katalog der Gottinger Handschriften fertig gestellt: ein Muster von Sorgfalt 
und gleichmaBiger Ftirsorge fiir die verschiedenartigsten Bestande. Aber das 
Unternehmen erschien Althof f in dieser Form zu umstandlich und kostspielig ; 
so trat M. im Jahre 1895 zuriick und nahm seine Lehrtatigkeit an der Univer- 
sitat wieder auf : mit der Erweiterung seines Lehrauf trages auf die lateinische 
Sprache und Literatur des Mittelalters. Wie es M. selbst auffaBte, war es viel 
mehr eine Einschrankung : denn in den ihm noch beschiedenen 20 Jahren hat 
er sich fast ganz auf diese Seite seiner Lehrtatigkeit beschrankt und daneben 
nur mit Eifer und Erfolg die Palaographie gepflegt, fiir die er auch durch selbst- 
losen Ausbau des diplomatischen Apparats der Universitat sorgte. 

Innerhalb des Mittellateins beschrankte er sich in der Hauptsache auf die 
Dichter: von Venantius Fortunatus bis auf die Sanger und Dramatiker des 
12. und 13. Jahrhunderts. Er war durchdrungen vom Wert und der Wichtigkeit 
dieser Literatur und suchte die stets nur kleine Schar seiner Schiiler, die er wie 



io8 1917 

ein Vater liebte, mit warmem Eifer von dem Reiz ihres Studiums zu iiberzeugen. 
Aber er konnte das nicht anders als indem er sie in seine eigene Arbeit ein- 
fiihrte, er stellte ihnen keine Probleme, die er nicht selbst loste, iiberlieB ihnen 
keine Aufgaben, die er nicht zuvor zu den seinen gemacht hatte. Dieser herzens- 
giitige und stets hilfsbereite Mensch hat doch kaum je einen Fund aus der Hand 
gegeben, der seinera Gliick und Geschick zugef alien war. Und so hinterlaBt er 
auf einem Felde, wo es noch so unendlich viel zu tun gibt, keine Schule, wie sie 
sein weitblickender Freund Ludwig Traube sichtbar geschaffen hat. M. fuhrte 
die Studenten auf den Bahnen, die er selbst beschritten hatte, aber er erzog sie 
nicht zu seinen Mitarbeitern und Nachfolgern. 

M.s literarische Produktion ist ebenso vielseitig wie umf angreich : sie um- 
faflt annahernd hundert selbstandige Publikationen und groBere Aufsatze. 
Schnitzel hat er nicht publiziert, Rezensionen grundsatzlich niemals geschrie- 
ben: nur zweimal hat er in eigener Sache (gegen Havet und Milchsack) die 
Schranken der Gott. Gel. Anzeigen betreten. Immer deutlicher tritt dabei 
zweierlei zutage : die durch die Munchener Bibliotheksschatze geweckte Freude 
am Ungedruckten (die ihn aber niemals Wertloses uberschatzen lieB!) und das 
fruh lebendige und bis ans Lebensende festgehaltene Interesse an Fragen der 
Metrik und Rythmik. Die Prosa sowohl des Altertums wie des Mittelalters 
interessiert ihn nur von seiten des Rythmus, insbesondere des rythmischen 
Satzschlusses, und hierf iir freilich verdankt man ihm die wertvollsten Beobach- 
tungen, die er vollig unabhangig von dem Franzosen Havet gefunden hat. 

M. war unendlich fleiBig, aber er hat sich friihzeitig gegen aufgetragene 
Arbeit gewehrt und die von ihm allzufriih ubernommenen Verpflichtungen 
hinausgeschoben oder abgeschiittelt, wie die Ausgaben des Prokop, des Cas- 
siodor oder des Placidus. Aber leider lieB er sich auch von eigenen groBeren 
Editionen, die er bestimmt in Aussicht gestellt hatte, immer wieder durch neue 
Funde und Interessen abdrangen: so ist er zu der kritischen Ausgabe der 
Carmina Burana, die wir seit den ebenso durch neue Funde wie durch ein- 
dringende Kritik bedeutungsvollen »Fragmenta Burana « M.s in der Festschrift 
der Gottinger Gesellschaft der Wissenschaften (1901) erhofften, nicht mehr 
gelangt. 

Den Ausgangspunkt fur M.s metrische Arbeiten haben unzweifelhaft die 
mittellateinischen Studien (seit 1872) gebildet, aber ihre Hohenleistungen 
kamen ein Jahrzehnt spate r auch der klassischen Philologie zugute, die Schriften 
»Uber die Beobachtung des Wortakzents in der altlateinischen Poesie« (1884) 
und »Zur Geschichte des griechischen und lateinischen Hexameters « (1884). 
Gerade der groBe Zusammenhang seiner metrischen Untersuchungen war es, 
der M. zur Erkenntnis der Grundgesetze fur die Bildung der jambischen und 
trochaischen Metra fuhrte und ihn vor allem eine wesentlich neue Anschauung 
von der Natur des romischen Dialogverses begriinden lieB. Und ebenso hat er 
fur den Hexameter der alexandrinischen Griechen wie der Romer die wich- 
tigsten Feststellungen getroffen: die drei Hauptgesetze fur den SchluB des 
Hexameters tragen jetzt Wilhelms M.s Namen. 

Er selbst legte den groBten Wert auf diejenigen Arbeiten, welche er im Jahre 
1905 in den » Gesammelten Abhandlungen zur mittellateinischen Rythmik « 
(2Bde.) vereinigte. An die Spitze hat er hier die Arbeit »t)ber Ursprung und 
Bliite der mittellateinischen Dichtungsf ormen « (aus den »Fragmenta Burana <c 



Meyer IO9 

1901) gestellt, weil er selbst die Empfindung haben mochte, daB sie mit ihrer 
inneren Warme am besten geeignet sei, fur die junge Wissenschaft zu werben, 
der er selbst mit stets noch wachsender Liebe diente. Mit den Ausgaben von 
Radewins »Theophilus« (1873), dem »Ludus de Antichristo* (1882) und den 
*Planctus« des Abaelard (1885. 1890) verbindet sich ein an neuen Erkenntnissen 
reicher Uberblick iiber die verschiedensten Formen der Metrik und Rythmik 
des 11. und 12. Jahrhunderts. Weiter zuriick greift der zweite Band: »Anfang 
und Ursprung der lateinischen und griechischen rythmischen Dichtung« (1885) ; 
»Der akzentuierte SatzschluB in der griechischen Prosa vom 4. bis 16. Jahr- 
hunderU (1891); »Die rythmische lateinische Prosa« (1893); woran sich dann 
die Abhandlungen iiber byzantinische Strophik (1896), den Ursprung der Mo- 
tetten (1898); »Ein Kapitel spatester Metrik « (trochaische Septenare, metrisch- 
rhythmische Senare 1903) ; ein wenig gliicklicher Versuch, die Alliteration 
den Germanen abzustreiten (1909) und schlieBlich ein knapper, meisterhafter 
Uberblick iiber »Liturgie, Kunst und Dichtung im Mittelalter « (1903) reihen. — 
Daran haben sich in M.s letztem Jahrzehnt noch weitere Arbeiten ange- 
schlossen, die (hoffentlich bald) einen dritten Band fiillen werden; als die 
wichtigsten seien genannt: » Lateinische Rythmik und byzantinische Strophik « 
(1908), »Die mozarabische Liturgie« (1914) ; » Die Verskunst der Iren in ryth- 
mischen lateinischen Gedichten« (1916). Danebenher geht eine Fiille von 
groBeren und kleineren Textpublikationen, aus denen nur berausgehoben 
seien: »Der Gelegenheitsdichter Venantius Fortunatus« (1901), »Die Oxforder 
Gedichte des Primas« (1907); »Die Arundel - Sammlung mittellateinischer 
Lieder« (1908); »Die Preces der mozarabischen Liturgies (1914). 

Aus M.s palaographischer Unterrichtstatigkeit erwuchs die umfangreiche 
Arbeit iiber »Die Buchstabenverbindungen der sog. gotischen Schrift« (1897) 
und aus weiterem Interesse ahnlicher Art »Henricus Stephanus iiber die Regii 
Typi Graeci« (1902). 

Was M. dariiber hinaus veroffentlicht hat, ist hochst mannigfaltiger Natur 
und schwer unter eine andere Einheit als die des Bibliothekars und gliicklichen 
Finders zu bringen : M. laBt sich in dieser Beziehung nur mit seinem Miinchener 
Vorganger Johann Andreas Schmeller oder mit seinem groBen Wolfenbiitteler 
Kollegen Lessing vergleichen. Seit er nach seinem friihen Eintritt in die Baye- 
rische Akademie die Festrede iiber Calderons Sibylle des Orients gehalten (1879) 
und gleich darauf die Gratulationsschrift zum Jubilaum des deutschen Archa- 
ologischen Instituts (»Zwei antike Elfenbeintafeln der K. Staatsbibliothek «) 
verfaBt hat, hat er nicht aufgehort, die gelehrte Welt mit mehr oder weniger 
wertvollen Funden zu iiberraschen, die er stets trefflich auszuwerten und 
lehrreich zu erlautern verstand: Rohmaterial hat er nie herausgegeben, aber 
auch nur zogernd denen ausgeliefert, in deren Hand er es am besten auf- 
gehoben wuBte. Solche Funde bringen die »Vita Adae et Evae« (1879), »Nurn- 
berger Faustgeschichten« (1895), »t)ber Lauterbachs und Aurifabers Samm- 
lungen der Tischreden Luthers « (1896), »Die Spaltung des Patriarchats Aqui- 
leja« (1898), »Die Legende des hi. Albanus« (1904) und viele kleinere Arbeiten. 

Uberall zeigt er sichere Orientierung, obwohl er keineswegs immer aus dem 
paraten Wissen eines Polyhistors schopft, aber kaum je hat er sich ad hoc die 
eigene Belehrung verschafft, ohne zugleich andere belehren zu konnen. Alle 
Dokumente der Literatur und Kunst, der Buch-, Musik- und Kirchengeschichte, 



no 1917 

die ihm Findergliick und Findergabe zufiihren, versteht er nicht nur histo- 
risch einzuordnen, sondern auch in ihrem Eigenwert zu erfassen und zu charak- 
terisieren, und iiberall wo es sich um literarische Individualitaten und kunst- 
lerische Werte handelt, bekundet er ein feines, einfiihlendes Verstandnis. Vor 
Paul v. Winterfeld, der selbst ein Dichter, noch iiber ihn hinauswuchs, hat uns 
kein Gelehrter die lateinischen Dichter des Mittelalters so als Personlichkeiten 
und schaffende Kiinstler verstehen gelehrt wie Wilhelm M. f dessen Erfassung 
des Waltharius-Dichters Ekkhard I (Ztsch. f. d. Alt. 43, 1899) ein Meisterstiick 
der Liter aturwissenschaft bleiben wird. 

Literatur: Nachr. d. Kgl. Ges. d. Wiss. zu Gottingen 1917, Geschaftl. Mitteilungen, 
S. 76 ff. (E. Schroder). — Neue Jahrb. f. d. klass. Altertum etc. 39, 269 ff. (K. Plenio) — 
Jahrb. d. Kgl. Bayr. Ak. d. Wiss. 1917, 20 ff. (F. Vollmer). — ZentralbL f. Bibliothek- 
wesen 34, 209 — 221 (O. Glauning: Wilhelm M. und die Staatsbibliothek in Miinchen). — 
Den Nachlafl Wilhelm M.s, wertvoll besonders durch die zahlreichen Mss.-Photographien, 
verwahrt als Geschenk seines Sohnes (erster Ehe) Dr. Rudolf Meyer die Universitats- 
bibliothek in Gottingen (vgl. ZentralbL f. Bibliothekwesen 41, 266 f.) f deren alphabetischer 
Katalog auch das vollstandigste Verzeichnis der Druckschriften bietet. Soweit diese nicht 
selbstandig erschienen sind, finden sie sich fast samtlich in den Sitzungsberichten und Ab- 
handlungen der Bayerischen Akademie (seit 1873) un ^ m den Abhandlungen, Nachrichten 
und Anzeigen der Gottinger Gesellschaft der Wissenschaften (bis 1893); dariiber hinaus 
kommen nur noch die Zeitschrift f. deutsches Altertum (Bd. 43 und 50) und die Fest- 
schriften fiir K.'Hofmann (1890) und P. Rajna (191 1) in Betracht. 

Gottingen. Edward Schroder. 

Neumann, Karl Johannes, o. Professor der alten Geschichte an der Universitat 
StraBburg i. E.,^* am 9. September 1857! in Glogowo bei Krotoschin, f am 
12. Oktober 191 7 in Miinchen. — Da in Glogowo, wo N.s Vater ein Landgut 
bewirtschaftete, keine hohere Schule vorhanden war, wurde Karl N. mitfg Jahren 
auf das Gymnasium in Krotoschin gebracht. Er lebte dort im Hause seiner 
GroBmutter, einer hervorragend begabten Frau, die die griechische Sprache be- 
herrschte und mit ihrem Enkel die Klassiker in der Ursprache las. Unzweif el- 
haft hat sie auf N.s Jugend und seine Bildung einen groflen EinfluB ausgeiibt, 
Nachdem dieser am 8. Februar 1875 das Reifezeugnis in Krotoschin erworben 
hatte, bezog er zunachst die Universitat Leipzig, wo wir ihn vom Sommer- 
semester 1875 bis zum Wintersemester 1877/78 als Studierenden der Philologie 
inskribiert finden. Bereits in dieser Zeit hat er Anregungen erfahren, die in der 
Folge die wichtigsten seines Lebens werden sollten. Zwar lag es in dem nor- 
malen Gang seines Studiums begriindet, daB er bei den Philologen Ludwig 
Lange und Friedrich Ritschl horte. Aber von diesen beiden hatte Lange, dem 
N. in Bursians biographischem Jahrbuch 1886, S. 31 — 61 einen Nekrolog 
widmete, in immer starkerem Mai3e die sogenannten Realien zu behandeln be- 
gonnen, und es ist bezeichnend, daB sich N., in welchem ein starkes historisches 
Interesse vorhanden war, von ihm mehr angezogen f unite, als von dem reinen 
Philologen Ritschl. Noch wichtiger aber sollte seine Verbindung mit dem 
jugendlichen a. o. Professor der Kirchengeschichte an der Universitat Leipzig, 
Adolf Harnack, werden; denn auf seinen EinfluB wird man es zuriickfuhren 
durfen, wenn im wissenschaftlichen Denken N.s kein Problem eine solche Be- 
deutung gewinnen sollte, wie die Frage nach dem Verhaltnis des romischen 
Kaisertums zur christlichen Kirche. Bereits im Jahre 1877 bemiiht sich der im 



Meyer. Neumann III 

5. Semester stehende Student um Kyrillhandschriften fur die von ihm geplante 
Ausgabe der Schrift Kaiser Julians gegen die Christen. Im AnschluB an die 
Leipziger Studentenzeit ist er Ostern 1878 zum Studium einer weiteren Kyrill- 
handschrift nach Venedig gereist. Von dort aber wandte er sich zur Fort- 
setzung seines Studiums nach Tubingen, wo er vom Sommersemester 1878 bis 
zum Wintersemester 1879/80 verblieb und in Alfred v. Gutschmid denjenigen Ge- 
lehrten fand, der neben Ludwig Lange und Adolf Harnack den nachhaltigsten 
EinfluB auf ihn ausiibte und ihn wohl bestimmte, das Studium der alten Ge- 
schichte als Lebensberuf zu wahlen. Vor allem hat Gutschmid den Horizont des 
jungen Studenten geweitet und ihn iiber das griechisch-romische Gebiet hinaus 
in den spatantiken Orient eingef iihrt ; um mit Erf olg diese Studien durchf iihren 
zu konnen, studierte er bei dem Theologen Franz v. Himpel die armenische 
Sprache und Literatur. Auch dem feinsinnigen Erwin Rohde hat N. von seiner 
Tubinger Zeit ein dankbares Andenken gewahrt und dessen Arbeiten zur grie- 
chischen Chronographie als Muster methodischer Forschung hingestellt. 

Nach Beendigung der Tubinger Studienzeit wurde N. am 14. Marz 1880 in 
Leipzig zum Dr. phil. auf Grund seiner Dissertation : Prolegomena in Juliani 
imperatoris libros quibus impugnavit Christianos promoviert und trat in den 
Dienst der Universitatsbibliothek Halle ein, wo er im Sommersemester 1881 
zum 1. Amanuensis aufstieg. Nur wenig spater erfolgte seine Zulassung als 
Privatdozent in der philosophischen Fakultat Halle, vor der er am 24. Oktober 
1 88 1 die offentliche Antrittsvorlesung iiber das Thema hielt »Der literarische 
Kampf des Heidentums gegen das Christentum*. Die Aufmerksamkeit der ge- 
lehxten Welt wurde sehr bald auf den jugendlichen Forscher gelenkt ; bereits 
im Jahre 1884 erfolgte seine Berufung nach StraBburg, wo er zunachst als 
a. o. Professor, sodann vom 9. April 1890 als ordentlicher Professor und Direk- 
tor des Instituts fur Altertumswissenschaft wirkte. Am 19. November 1909 
wurde er zur Zeit seines Rektorats Ehrendoktor von Briissel. 

Nicht die auBeren Daten sind es, welche bei der Betrachtung eines Gelehrten- 
lebens in den Mittelpunkt geriickt werden miissen ; den Vorrang hat die geistige 
Arbeit zu beanspruchen, wie sie sich in Schrift und Lehre dokumentiert. Dabei 
durfen wir eine systematische Gruppierung des Stoffes vornehmen, da N. im 
wesentlichen in den Bahnen, die er anfanglich eingeschlagen hatte, verblieb. 
Als dasjenige Gebiet, auf welchem seine groBten Leistungen liegen, muB un- 
zweifelhaft die Frage des Verhaltnisses von Staat und Kirche wahrend der 
romischen Kaiserzeit bezeichnet werden. Ihm gilt bereits das Thema der Disser- 
tation, welche in erweiterter Form unter dem Titel Juliani imperatoris librorum 
contra Christianos quae super sunt collegit recensuit prolegomenis instruxit C.J. 
Neumann Lipsiae 1880 erschien und mit Recht des Verfassers Namen zu Ehren 
brachte. Kaiser Julians Schrift gegen die Christen oder, wie sie wohl richtiger 
heiBt, gegen die Galilaer, ist zuerst literarisch bekampft, spater der Vernichtung 
anheimgegeben worden. Wer sie wieder erstehen lassen will, hat daher die 
schwierige Aufgabe zu erfiillen, aus der Argumentation der Gegner, d. h. vor 
allem des Kyrill von Alexandrien, den Gedankengang der Schrift wiederzu- 
gewinnen. N. hat diese Aufgabe in geradezu vorbildlicher Weise gelost, aber 
seinen Blick zugleich auf weitere Zusammenhange gelenkt. Es versteht sich, 
daB die Argumentation der Christenbekampfer vielfach ubereinstimmte, und 
so war es ein richtiger Gedanke, samtliche Christenbekampfer in einer Samm- 



112 1917 

lung zu vereinigen. N. hat diesem Gedanken dadurch einen auBeren Rahmenge- 
geben, daB er seine Julian-Ausgabe als 3. Band einer Schriftenfolge aufgefaBt 
wissen wollte, welche als Ganzes den Titel trug: Scriptorum Graecorum qui 
Christianam impugnaverunt religionem quae super sunt, und auBer Julian vor 
allem den Celsus, Porphyrius und Hierokles enthalten sollte. Zur Ausgestaltung 
dieses Werkes sollte es allerdings nicht kommen, wie iiberhaupt N.s weitaus- 
schauenden Planen vielfach die Verwirklichung versagt blieb. Dies gilt auch 
von dem Werke, dem er den Titel gab »Der romische Staat und die allgemeine 
Kirche bis auf Diocletian «, und dessen erster Band im Jahre 1890 erschien, bis 
Philippus Arabs reichend. Dieses Werk zeigt N. auf der vollen Hohe seiner 
wissenschaftlichen und schriftstellerischen Leistungsf ahigkeit ; durch die Jahr- 
hunderte hindurch begleitet er die Fiille der Probleme, welche zu einer Kolli- 
sion zwischen der sich bildenden Kirche und dem festgefugten Reiche fiihren 
muBten. GewiB ist dies auch von anderer Seite geschehen, aber was N.s Werk 
gegeniiber anderen Darstellungen charakterisiert, ist die Tatsache, daB es den 
Staat und die Kirche auf Grund eigener Forschung in gleicher Weise beriick- 
sichtigt. Jede Einseitigkeit ist dadurch vermieden, und die Darstellung auch 
stilistisch auf eine Hohe gebracht, aus der man die Sorgfalt erschlieBen kann, 
mit der der Verfasser an seinem Texte feilte, der gewiB nicht leicht zu lesen ist, 
aber dem aufmerksamen Leser einen tiefen GenuB bereitet. Bereits in dieser 
Schrift hat N. eine langere Betrachtung dem Bischof Hippolytos von Rom ge- 
widmet; als sodann die Hippolytos- Ausgabe der Berliner Akademie im Jahre 
1897 erschien, verwertete er dieses Material zu einer Monographic »Hippo- 
lytus von Rom in seiner Stellung zu Staat und Welt «, deren erste Abteilung, 
9 Bogen umfassend, im Jahre 1902 erschien. Auch hier blieb die Fortsetzung 
aus. Was aber N. gab, war ein wiederum auf voller Beherrschung der christ- 
lichen Literatur und der Kaisergeschichte gestiitzter, historisch orientierter 
Kommentar zu Hippolytus' Schrift iiber Christus und den Antichristen ; eben 
hier griff er an einem Brennpunkt den Gegensatz von Staat und Kirche. Immer- 
hin brachte der » Hyppolytus « mehr eine Erganzung und nahere Ausf iihrung zu 
dem ersten Band von » Staat und Kirche «, als die so dringend gewiinschte Fort- 
f iihrung dieses wichtigen Werkes. Es versteht sich, daB der durch die Schriften- 
folge Julian, Staat und Kirche, Hippolytos bezeichnete Problemkreis auch im 
akademischen Unterricht N.s stark hervortrat. Vor groBerem Publikum pflegte 
er mit starkem Erfolge iiber » Staat und Kirche in der romischen Kaiserzeit« zu 
lesen; auch darf in diesem Zusammenhang auf die von ihm beeinfluBte, aus- 
gezeichnete Arbeit seines Schiilers Georg Mau, die Religionsphilosophie Kaiser 
Julians (1907) hingewiesen werden. 

Wenn N. auf diesem Gebiete den Anregungen nachging, die Harnack ihm 
gegeben hatte, so war es Alfred v. Gutschmid, welcher ihn auf die antike 
Lander- und Volkerkunde hingewiesen hatte. N.s eigene literarische Tatigkeit 
ist hier allerdings weniger reich, aber die Arbeiten seiner Schiiler zeugen auch 
hier fur die von ihm ausgehenden Anregungen. N. selbst hatte sich in Halle mit 
einer Arbeit habilitiert, die durch einen Nachtrag bereichert in den Jahrbiicheru 
fur klassische Philologie Suppl. XIII, 1884, S. 322 — 354 unter dem Titel 
»Strabons Landeskunde von Kaukasien, eine Quellenuntersuchung« wiederholt 
wurde. N. sah in dieser Schrift, die er nicht ohne ein inneres Widerstreben er- 
scheinen lieB (vgl. S. 351), nur eine Abschlagszahlung ; denn er war in der 



Neumann 



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Priifung des wichtigsten erhaltenen Werkes aus dem Gebiet der antiken Geo- 
graphic bereits weiter vorgeschritten, als auBere Griinde ihn zur Publikation 
zwangen. Und doch hat er personlich — von einigen kleineren Beitragen ab- 
gesehen — nur noch einmal zu den Fragen der antiken Lander- und Volker- 
kunde Stellung genommen, als er in dem Gottinger gelehrten Anzeiger 1887, 
S. 275 — 288, Hugo Bergers Geschichte der wissenschaftlichen Erdkunde der 
Griechen I in einer durchaus originalen und fordernden Besprechung der ge- 
lehrten Welt naher brachte. Dagegen haben mehrere seiner Schiller die von ihm 
begonnenen Untersuchungen fortgesetzt und dabei zum guten Teil die Ideen 
verbreitet, die ihnen N. iibermittelt hatte. Hervorgehoben seien, weil zur Ab- 
rundung des Lebenswerks N.s gehorig, die StraBburger Dissertationen von 
Wilhelm Fabricius, Theophanes von Mytilene und Quintus Dellius als Quellen 
der Geographie des Strabon 1888; P. Bolchert, Aristoteles* Erdkunde von 
Asien undLibyen 1908; Ferd. Strenger, Strabons Erdkunde von Libyen 1913. 
Ein dritter Fragenkomplex, der N. von seiner Studentenzeit her beschaftigte, 
war das romische Staatsrecht. Sein Lehrer Ludwig Lange war nicht allein Ver- 
fasser der mehifach aufgelegten romischen Staatsaltertiimer, sondern hatte 
auch als Dozent gerade auf diesem Gebiete die groBten Erfolge aufzuweisen. 
Freilich war sich N. auch der Schwachen von Ranges wissenschaftlicher Tatig- 
keit wohl bewuBt; sie lagen einmal auf dem kritischen Gebiet, insofern Lange 
die tlberlieferung der innerpolitischen Geschichte Roms in den ersten Jahr- 
hunderten der Republik fur zuverlassiger hielt, als N. anerkennen wollte (vgl. 
K. J. Neumann, StraBburger Festschrift zur 46. Philol. Vers. 1901, S. 309ff.), 
zum andern aber hat sich N. dem iiberragenden EinfluB von Mommsens ro- 
mischem Staatsrecht nicht entzogen und den ungeheuren Fortschritt erkannt, 
der an die Stelle der in den Altertumern behandelten Einzelerscheinungen das 
logische System des juristischen Aufbaus setzte. Wohl hat er in seinem Beitrag 
zu der von Gercke und Norden herausgegebenen Einleitung in die Altertums- 
wissenschaft III 2 1914, S. 435 — 481 denTitel » Staatsaltertiimer « beibehalten, 
in Wahrheit war es jedoch ein AbriB des Staatsrechts, und unter dieser Be- 
zeichnung pflegte er seine einschlagigen Vorlesungen zu halten, die zu seinen 
FiiBen eine groBe Schar von Juristen und Historiker vereinigten. N. blieb aber 
bei dieser Verbindung von Recht und Geschichte nicht stehen, vielmehr be- 
trachtete er wohl selbst als das Chrakteristische seiner Leistung die Hinzu- 
fiigung der Wirtschaft. Das Studium von G. F. Knapps Werk iiber die Bauern- 
befreiung und den Ursprung der Landarbeiter in den alteren Teilen PreuBens 
(1887) sowie die Teilnahme an Vorlesungen dieses seines StraBburger Kollegen 
gewahrte ihm, wie er selbst auBerte, einen iiberraschenden Einblick in den 
Zusammenhang von Wirtschaftsordnung und Verfassung; mit Hilfe des Ge- 
dankens der Bauernbefreiung glaubte er die groBen Krisen der altromischen 
Geschichte in seiner Rede »Die Grundherrschaft der romischen Republik, die 
Bauernbefreiung und die Entstehung des Servianischen Verfassung « (1900) und 
das Problem der altspartanischen Geschichte in der Abhandlung »Die Ent- 
stehung des spartanischen Staates in der Lykurgischen Verfassung « (»Hist. 
Zeitschr.« Bd. 96, 1905) erklaren zu konnen; von gleichen Gedanken ausgehend 
hat er in Ullsteins Welt geschichte (1909) bei Behandlung der hellenistischen 
Staaten und der romischen Republik den Versuch eines Neuaufbaus der alt- 
romischen Geschichte gemacht. 

DBJ 8 



ii4 lgl7 

N. war nicht allein Historiker der alten Geschichte, sondern er kannte, wie 
wohl nur wenige, die Geschichte seiner Wissenschaft, wobei er es verstand, sie 
in die allgemeine Geistesgeschichte einzufiigen. Bereits der Nachruf auf seinen 
I*ehrer Ludwig Lange laBt neben den biographischen Elementen diese weite 
Orientierung erkennen ; als Theodor Mommsen gestorben war, verof fentlicht er 
in der »Histor. Zeitschrift* Bd. 92, 1904, S. 193 — 238 unter fast vdlligem Ver- 
zicht auf biographische Stiicke eine Umschau iiber die Lage der Wissenschaft, 
wie sie vor Mommsens Auftreten war und wie sie sich durch Mommsens Werk 
gestaltet hatte. SchlieBlich gab ihm seine Rektoratsrede vom 1. Mai 1909, 
welche den Titel »Entwicklung und Aufgaben der alten Geschichte trug«, die 
Gelegenheit, in den dem Drucke angefiigten Anmerkungen seine weite Belesen- 
heit in den Dienst der Aufhellung der > Geschichte der alten Geschichte* zu 
stellen. Daran aber war N. gelegen. Sein eigenes Iyebenswerk sollte sich in den 
Rahmen der geistigen Entwicklung einftigen, und so suchte und fand er immer 
wieder Ankniipfungen an die Gedanken der GroBen im deutschen Geistesleben. 
Gerade hierauf beruhte ein guter Teil der Anregungen, die von ihm im person- 
lichen Verkehr ausgingen. Seine Vorlesungen pflegte er in freiem Vortrag zu 
halten; ohne jede Schwierigkeit floB ihm die miindliche Rede. Wohl fehlte dem 
Vortrag nicht eine gewisse Einseitigkeit ; die Probleme, die N. beschaftigten 
und deren Skizzierung oben versucht wurde, nahmen ofters einen breiteren 
Raum ein, als die Gesamtdisposition der Vorlesungen gestattete, und so kam 
es, daB er andererseits iiber wichtige Perioden hinwegeilen muBte. Aber gerade 
dadurch pragte er seinen Schulern eine Vorstellung von seiner Forschungsarbeit 
ein und lieB sie an ihr teilnehmen ; denn das was er sich in hartem Kampfe er- 
arbeitet hatte, hatte schlieBlich auch auBerlich eine feste Form gewonnen, in 
der er seine Gedanken mundlich vortrug und schriftlich festhielt. Dem engeren 
Schulerkreis der Doktoranden war er ein hingebender Berater. Das Vertrauen 
seiner Kollegen berief ihn 1909/10 auf das Rektorat der Universitat StraBburg; 
deren Zusammenbruch im Jahre 1918 zu erleben, ist ihm erspart geblieben. Im 
Juni 1916 ist N. schwer erkrankt, am 12. Oktober 1917 befreite ihn der Tod 
von langem Siechtum. Die Beisetzung erfolgte auf dem Friedhof in Baden- 
Baden, wo er neben einer groBeren Zahl seiner StraBburger Kollegen ruht. N. 
war seit 1885 mit der Tochter des Apothekers Dr. Ernst Biltz in Erfurt ver- 
heiratet. Seine Schrift iiber Hippolytus hat er ihm gewidmet. 

L,iteratur: Die im Obigen zitierten Schriften K. J.N.s. — Das in den Akten der 
philosophischen Fakultat zu Halle befindliche curriculum vitae von 1881. — Briefliche 
Mitteilungen der Witwe N.s. — Personliche Krinnerungen des Verfassers aus der Stu- 
dentenzeit (1898 — 1903) und der Tatigkeit an der Seite N.s (1909 — 1912). — Werner Schur, 
K. J. N. in Bursians Jahresbericht f. Altertumswissenschaft Bd. 214, 1927. 

GieBen. Richard Laqueur. 

Niemann, Albert, Heldentenor, * am 15. Januar 1831 in Erxleben bei Magde- 
burg, | am I 3- Januar 1917 in Berlin. — Als Sohn eines wohlhabenden 
Anwesenbesitzers, erhielt er in Magdeburg und Aschersleben Schulunterricht 
bis zum Einjahrig-Freiwilligen-Zeugnis, um zum technischen Beruf in eine 
Maschinenfabrik einzutreten. Wie von ungefahr kam er im Alter von 18 Jahren 
zum Theater: Direktor Martini, der in Dessau und Helmstedt spielte, warb 
ihn fur stumme und kleine Rollen, zunachst ohne I/)hn. In Halberstadt be- 



Neumann. Niemann n «c 

trat er zuerst die Biihne. In Dessau entdeckte der Komponist Friedrich 
Schneider N.s stimmliche Begabung; seitdem wurde er fur die Oper im Chor 
verwendet. An den verschiedensten Theatern in Stettin, Worms, Halle, Darm- 
stadt, Berlin, Konigsberg usw. bekam er kleine Rollen. Der Berliner Intendant 
Botho v. Hulsen lieB ihn durch Mantius unterrichten. Bei seinem ersten Auf- 
treten als Sever in Bellinis Norma im August 1853 wurde er von der Berliner 
Kritik abgelehnt. Am 25. Juli 1854 san g ¥• * n Insterburg unter dtirftigsten 
auBeren Umstanden den Tannhauser mit der Erkenntnis: »Wird eine sehr 
gute Rolle von mir werden.* Am 31. August 1854 ftihrte er sich als Max im 
Freischiitz in Hannover ein, wo er seine Lehr- und Meisterjahre bis Mai 1866 
erlebte. In klassischen und italienischen Opern ernster und heiterer Art iibte 
er seine Stimme, fur deren Ausbildung er im Juni 1855 die Unterweisung des 
Sangers Duprez und das anfeuernde Beispiel des Heldentenors Roger in Paris 
genoB. Vor allem aber vertiefte er seine dramatischen Helden: Rienzi, Tann- 
hauser, Lohengrin, die er bei Gastspielen auf den groBen deutschen Theatern 
so vorziiglich darstellte, daB er bald als der groBte und unvergleichliche 
Wagner-Sanger gait. Nach dem Kriege von 1866 kam er ans Berliner Hof- 
theater, wo er nach LiUi Lehmanns Worten »der fiihrende Geist, nach dem 
sich alles richtete«, wurde. In der Meistersinger-Auffuhrung vom April 1870 
stand er als Walter Stolzing im Vordergrund. Im Marz 1876 sang er Tristan, 
nach Wagners eigenem Ausspruch »eine fabelhafte Tat«, trotz erheblicher 
Striche und Zugestandnisse aller Art, die in der Berliner Hofoper unvermeid- 
lich waren. Am 8. September 1888 stand er zum letzten Male als Tristan am 
Steuer, urn bald darauf klanglos von der Biihne zurtickzutreten. Vierzig Jahre 
seines Lebens hatte er der Kunst geweiht, einmal war er zu einem Gastspiel 
nach Amerika gereist; still und vornehm zog er sich, ohne eine Abschieds- 
vorstellung anzukiindigen, ins hausliche Leben zuriick. In seinem schonen 
Heim in der AhornstraBe verbrachte er seine letzten Lebensjahre. N. war 
zweimal verheiratet: zuerst mit der gefeierten Schauspielerin Marie Seebach 
(1859) * n Hannover, von der er sich 1867 trennte, in zweiter Ehe mit Hedwig 
Raabe (1870). 

Albert N. besafi die Macht bezwingender Personlichkeit. Seine Gestalt hatte 
»etwas Altgermanisches: als wenn sich aus grauer Vorzeit durch Geheimnis 
des Blutes ein SproB in eine kleine Gegenwart verirrt hatte, die ihn furchtsam 
bewundert, so steht er da mit dieser unverwustlichen Korperkraft, diesem 
unbezahmbaren Hang zur Jagd und Fischerei, zum Spielen und Zechen, zum 
Durchsetzen seines Willens und, wenn notig, zum Dreinschlagen «. Den Mittel- 
punkt seines Lebens und Schaffens bilden die Beziehungen zu Richard Wagner, 
der ihm 1857 schrieb: » Alles, was ich von Ihnen hore, bringt mir den Glauben 
bei, daB ich in Ihnen den mit Bangen gesuchten Sanger meines Siegfried ge- 
funden habe.« Im Juli 1858 erfolgte die personliche Bekanntschaft, ein Be- 
such N.s in Zurich, beim Tannhauser in Paris 1860/61 das erste Zusammen- 
wirken Wagners und N.s, iiber den der Meister noch am 12. Februar 1861 
nach Zurich berichtete: »Er ist durch weg erhaben, ein groBer Kiinstler der 
allerseltensten Art.« I^eider aber erlag N. den feindseligen Einfliissen und 
verlor das Vertrauen auf den Sieg des Werkes; er schrieb am Tage nach der 
Pariser Auffuhrung, am 14. Marz 1861 : »Der Tannhauser ist buchstablich aus- 
gezischt, ausgepfiffen und schliefilich ausgelacht worden; Gott sei Dank hat 



n6 1917 

der Darsteller des Tannhauser seine kiinstlerische Ehre gerettet. « Die Pariser 
Presse erwahnte mit vielsagender Wendung, Meyerbeer habe N. die Tenor- 
rolle im Propheten zugedacht! So war das Einvernehmen zwischen Wagner 
und N. auf Jahre hinaus zerstort. In Ludwig Schnorr von Carolsfeld fand 
Wagner vollen Ersatz, aber nur fur kurze Zeit, da der Sanger bald nach den 
Miinchener Tristan- Auf fuhrungen im Juli 1865 starb. Als die Zeit der Bay- 
reuther Festspiele herannahte, bezwang Wagner seinen Groll und schrieb an 
N., der 1872 bei der Grundsteinlegung das Tenorsolo in Beethovens 9. Sinfonie 
sang. Auf die Aufforderung zur Teilnahme an den Spielen schrieb N. im 
Marz 1874: »Hoher Meister! Fur Ihre groBe Sache stehe ich stets und stiind- 
lich mit Leib und Seele zur Verf tigung. Ich werde mit voller Selbstverleugnung 
nur der Sache zu dienen suchen.« Freilich war er dem jungen Siegfried, fur 
den er einst ausersehen wurde, entwachsen. Wagner erkor ihn zum Darsteller 
des Siegmund, fiir den er wie geschaffen erschien. Im Riickblick auf die Fest- 
spiele 1876 nennt Wagner N. »das eigentliche, Enthusiasmus treibende Element 
unseres Vereins«, das » Genie der Darstellung, wogegen alles iibrige nur durch 
FleiJ3 und edlen Willen sich beteiligen konnte«. Auch nach seinem Riicktritt 
von der Biihne und nach des Meisters Tode hielt N. getreu zu Bayreuth und 
setzte sich mit dem Ansehen seines Namens fiir den Parsifal-Schutz ein. Zu 
den Festspielen kam er wiederholt als freudig begriiBter Ehrengast. 

N. gehort zu den seltenen, wahrhaft mitschopferischen Kunstgenossen Wag- 
ners, die nicht nur Anregungen empfingen, sondern auch gaben. Die Harten 
und Schwachen verschwinden vor der groBen Personlichkeit, die nicht nach 
DurchschnittsmaB bemessen werden darf. Seine kiinstlerische Entwicklung 
fallt in eine Zeit, wo der Vortragsstil fiir das Drama Wagners erst gesucht 
wurde. Aus eigener Erfindung und Gestaltungskraft gab er ein Beispiel, das 
auBerlicher Nachahmung entriickt ist. Er nahm in seine Darstellung auf, was 
seiner Art verwandt war. Er hatte keine Vorbilder, denen er folgen konnte, 
er trug die AusmaBe und Gesetze des kiinstlerischen Schaffens, das er gefuhls- 
maBig austibte, in sich. DaB er sich den heute fiir den Wagner-Stil giiltigen 
Anforderungen hatte unterwerfen konnen, ist zweifelhaft. Auch war seine ge- 
sangliche Leistungsfahigkeit beschrankt: auBer Siegmund sang er keine Rolle 
strichlos. In den Jahren seines Aufstiegs (1861 — 1872) muBte er der unmittel- 
baren personlichen Anleitung Wagners entbehren, weil er sein Vertrauen ver- 
loren hatte: das war die schlimmste Folge des Pariser Zerwtirfnisses. Auch 
Schnorr traute sich anf angs die L,6sung der von Wagner gestellten Forderungen 
nicht zu, bis er im personlichen Verkehr eines Besseren belehrt wurde. Frau 
Wagner schrieb im Januar 1905: »Sie sind der eigentliche Recke unserer Fest- 
spiele 1876 gewesen ; niemals kommt Siegmund auf die Biihne, ohne daB Ihrer 
mit Bewunderung fiir Ihre Leistung wie fiir Ihre begeisternde Haltung ge- 
dacht wird. « N. bleibt auch im Schicksal seiner Kiinstlerlaufbahn Siegmund : 
»in wildem Leiden erwuchs er sich selbst, mein Schutz schirmte ihn nie«. So 
steht er als der groBte deutsche Heldensanger des 19. Jahrhunderts neben 
Schnorr v. Carolsfeld : Tannhauser, Tristan, Siegmund ! 

Literatur: Richard Sternfeld, Albert N., Berlin 1904 (Das Theater, Band 4). — 
R. Wagner und A. N., ein Gedenkbuch von W. Altmann, nebst einer Charakteristik N.s von 
Dr. Gottfried Niemann (seinem Sohn), Berlin 1924; darin auch N.sTagebuch 1849 — 1855 

Rostock. Wolfgang Golther. 



Niemann. Olde jj 7 

Olde, Hans (Johann Wilhelm), Maler und Graphiker, * am 27. April 1855 
in Suderau (Holstein), f am 25. Oktober 1917 in Kassel. — O. entstammte 
einem alten Marschenbauerageschlecht und war bestimmt, den vaterlichen 
Stammsitz spater zu ubernehmen. Obgleich sich in dem Knaben fruhzeitig 
der kiinstlerische Sinn regte, wurde O. nach dem Besuch der Schulen zu Horn, 
Altona und Kiel — der Tradition seiner Familie gemafi — zunachst Landwirt 
und iiberaahm als Verwalter ein Gut. Erst mit 24 Jahren entschloB er sich 
fur die Laufbahn des Malers, studierte 1879 bi s x ^^4 bei Ludwig v. Loefftz 
an der Miinchener Akademie und bildete sich 1886/87 in Paris an der Acad^mie 
Julian weiter. Nach Deutschland zuriickgekehrt, lebte er zunachst bis 1892 
in Miinchen, dann meist auf seinem Gute Seekamp bei Friedrichsort in Hoi- 
stein. 1902 wurde er als Leiter der Kunstschule nach Weimar berufen, an 
der er bis 1911 wirkte. Im November dieses Jahres erfolgte seine Berufung 
zum Direktor der Kunstakademie in Kassel, wo O. bis zu seinem Tode an- 
sassig blieb. — Hinsichtlich des Stoffgebietes sehr vielseitig, hat O. das Por- 
trat, das Tierfach, die Landschaft, das Genre und das Interieurbild gepflegt. 
Seine Hauptbedeutung hat er als Bildnismaler. Er ist einer der geschmack- 
vollsten Vertreter des gemaBigten Impressionismus, fiir den ihm der Pariser 
Aufenthalt die entscheidenden Anregungen gegeben hat. Die innige Ver- 
trautheit des auf eigener Scholle Aufgewachsenen und leidenschaftlichen 
Jagers mit der Natur kommt schon in den ersten Arbeiten O.s zum Ausdruck; 
aus seinem von Jugend auf gepflegten engen Verhaltnis mit der Natur er- 
wuchs ihm geradezu das Wesen seiner Kunst, die kerndeutsch blieb, obgleich 
Paris die technische Grundlage vermittelte und namentlich Claude Monet, 
bei dem er alles das realisiert fand, was er selbst erstrebte, zweifellos einen be- 
deutenden EinfluB auf ihn ausgeiibt hat. Da er bis zuletzt jedes Jahr wahrend 
der Sommermonate den Landwirt auf Seekamp machte, so erhielt sein Natur- 
gefuhl in regelmaBigen Zeitabstanden eine Fulle immer wieder neuer An- 
regungen, die die Gefahr einer mahlichen Verblassung seiner Naturempfindung 
ausschlossen. Wie sehr er die freie Natur als den gegebenen Rahmen, die 
selbstverstandliche Folie fiir alles Figurliche empfand, ersieht man nicht nur 
aus seinen Genrebildern, wie dem liebenswiirdigen, ganz auf Goldblond gestimm- 
ten Bildchen des Lubecker Museums, sondern vor allem auch daraus, daJ3 er 
seine Portratf iguren mit Vorliebe ins Freie gegen einen landschaftlichen Hinter- 
grund stellt ; so hebt sich die charakteristische Gestalt Klaus Groths von dem 
kraftigen Griin eines Laubenganges ab ; seinen Liliencron hat er auf eine weiBe 
Bank vor dichtem Wald placiert ; ahnlich ist das Arrangement auf dem Bildnis 
der Frau Forster-Nietzsche ; die pompose Gestalt der Schriftstellerin Adelheid 
v. Schorn laBt er im griinen Seidenkleide die StraBe iiberschreiten. Diese 
genremaBige Einkleidung empfindet man nicht etwa als zufalliges Akzesso- 
rium, sondern im Sinne einer Steigerung der dekorativen Bildwirkung und 
zugleich eines Mittels zur geistigen Charakterisierung der Dargestellten vom 
Kiinstler verwendet. Viel weniger gliicklich ist O., wenn er wie in seinen 
offiziellen Staatsportraten auf diese liebenswiirdige genremaBige Note zu ver- 
zichten genotigt wird; hier wirkt er dann leicht kalt und gelegentlich selbst 
akademisch. Wie O.s Bildnisse alle auf eine diskrete, aber nichtsdestoweniger 
sehr deutlich sprechende Hervorhebung der individuellen Eigenschaften des 
Modells ausgehen, so auch seine von Licht und Luft erfiillten Landschaften, 



n8 1917 

deren Motive er anfanglich dem Holsteiner- und Thuringerlande, spater 
vornehmlich dem Hessenlande entlehnte. — Ohne daB O.s Stil eine besonders 
markante Entwicklungslinie aufwiese, ist doch der Ubergang von den Prin- 
zipien des Impressionismus zu denen des Neuimpressionismus mit seiner 
intensiven Farbigkeit deutlich in seinem Werk zu erkennen, ja in seinen letzten 
Lebens jahren hat er sich sogar mit den expressionistischen Problemen aus- 
einanderznsetzen versucht, wie einige hessische Stadtebilder aus den Jahren 
1915 und 1916 zeigen. Die Hauptleistungen O.s fallen in die Zeit seines Weima- 
rer Direktorats. Aus den neunziger Jahren stammen einige bereits ganz plei- 
nairistisch aufgefaBte Tierstiicke (holsteinische Weiden), Landschaften und 
Interieurs, in denen der Beobachtung der Licht- und L,uftstimmungen ein 
besonderes Augenmerk geschenkt ist. In diese vorweimarische Zeit gehoreu 
Bilder wie: »Die Schnitter«, von 1893; »Die Diele des Herrenhauses in Wal- 
tershof«, von 1894 (Hamburg, Kunsthalle); » Holsteinischer Stier«, von 1896 
(Dresden, Gemaldegalerie) ; »Wintersonne«, von 1892 (Berlin, Nationalgalerie). 
Auch als Bildnismaler hat sich O. in dieser Friihzeit schon ausgezeichnet, 
wie namentlich die Bildnisse der Hamburger Schriftstellerin und Philanthropin 
Elise Averdieck, von 1894, und des Dichters Klaus Groth (in ganzer Figur 
im Freien dargestellt), von 1899, beide im Besitz der Hamburger Kunsthalle, 
beweisen. Aus der Weimarer Zeit stammen dann u. a. das Bildnis der Schwester 
Friedrich Nietzsches, der Frau Elisabeth Forster-Nietzsche, das auf der Kiinst- 
lerbund-Ausstellung in Weimar 1906 groBes Aufsehen erregte, das auf grau 
und rot gestimmte, sehr feine Bildnis seines eigenen Tochterchens im Winter- 
mantel und mit Pelzbarett, vor einer Gardine stehend, das hochst vornehme 
Bildnis seiner Schwiegermutter, die Bildnisse der Dichter Theodor Storm, 
Detlev v. L,iliencron und Gustav Falke, ein lebensgroBes Bildnis der jugend- 
lichen Groflherzogin von Sachsen- Weimar, Studien fur ein Bildnis Nietzsches 
und die beiden Kniebildnisse der Herzoge von Sachsen- Altenburg und von 
Sachsen-Meiningen fur die Universitat Jena. AuBer den schon erwahnten 
besitzen folgende offentlichen Sammlungen Bilder O.s: Kaiser-Friedrich- 
Museum in Magdeburg (Bildnis des Magdeburger Oberburgermeisters Schnei- 
der), die Kunsthalle in Kiel (Kuhe auf der Weide), das Behnsche Haus in 
Lubeck (Am Gartentor), die Kunsthalle in Bremen (Bildnis Klaus Groths; 
ein drittes Bildnis des Dichters im Museum zu Oldenburg) und das Museum 
in Weimar (Ernte). O.s bekannteste Radierungen sind das ergreifende Bildnis 
des kranken Friedrich Nietzsche und der markante Profilkopf Klaus Groths, 
die beide zuerst in der Kunstzeitschrift »Pan« erschienen. Hervorgehoben 
seien ferner die radierten Bildnisse des Admirals von Hollmann, des Dichters 
Casar Flaischlen, das geschabte Huftbild des Philosophen Eucken im Armstuhl, 
das geschabte Halbfigurbildnis des Anatomen His und das in Schabkunst 
und kalter Nadel ausgefuhrte Bildnis der Frau Geheimrat Luise Delbriick. 
Auch auf lithographischem Gebiet hat sich O. wiederholt versucht ; so schuf 
er in dieser Technik ein groBes Bildnis Elise Averdiecks, das die verehrte 
Greisin in ihrem Arbeitszimmer darstellt, und das auf Anregung der Ham- 
burger Kunsthalle zum Jubilaum der Lithographie 1897 entstanden ist. Eine 
im Kasseler Kunstverein am 1. Mai 1918 eroffnete Gedachtnisausstellung, in 
der O.s umfangreicher klinstlerischer NachlaB gezeigt wurde (ca. 65 Bilder 
und Studien, dazu viele Bildnisradierungen), lieB die Entwicklung dieses 



Olde. Philippovich von Philippsberg no 

feinen, liebenswurdigen Kiinstlers gut iibersehen. Die Stadt Kassel erwarb 
auf dieser Ausstellung ein sonniges Interieur »Diele in BorgfekU (1899) und 
eine Stimmungslandschaft »Reinhardswald« (1914). O.s sympathische auflere 
Erscheinung ist uns in einem friihen Selbstbildnis aus der Miinchener Zeit 
und in einer Marmorbuste seines Freundes und Landsmannes Adolf Briitt 
erhalten. Die Erfullung eines alten Lieblingswunsches, seinen Lebensabend 
auf seinem holsteinischen Giitchen zu verleben, sollte ihra nicht zuteil werden; 
unerwartet schnell wurde er wenige Tage, nachdem ihn die Nachricht getroffen 
hatte, daB sein altester Sohn den Seemannstod fur das Vaterland erlitten hatte, 
aus einem arbeitsreichen Leben durch den Tod gerissen. Von den zahlreichen 
Ehrungen, die ihm seine Kunst gebracht hat, seien genannt: Silberne Medaille 
in Paris, Goldene Medaille in Diisseldorf und Ernennung zum Ehrenmitglied 
der Weimarer Hochschule fur bildende Kunst. 

Literatur: Fr. Jansa, Deutsche bild. Kiinstler in Wort und Bild, Leipzig*Ji9i2. — 
W. Schafer, H. O. (Deutsche Monatshefte 1910 [= Jahrg. 10 der » Rheinlande «] , S. 213 
bis 216 (mit 4 Textabbildungen, 1 Rad. und 4 Tondrucktafeln). — G. Gronau, H. O. (Vel- 
hagen & Klasings Monatshefte, Jahrg. 34, Bd. I, Januar 1920, S. 514/28. — Kunst und 
Kiinstler, XVI (1918) 1 56 (Nekrolog von J. Elias). — Kunstchronik, N. F. XXIX (1917/18) 
Sp. 81/84 (G. Gronau). — Nucleus, Neues aus dem alten Weimar (Zeitschrift fur bild. 
Kunst. N. F. XIX [1908] in ff., mit 4 Abbildungen). 

Leipzig. Hans Vollmer. 

Philippovich von Philippsberg, Eugen, o. Professor der Nationalokonomie in 
Wien, * am 15. Marz 1858 in Wien, | am 4. Juni 1917 in Wien, — Sohn des 
osterreichisch-ungarischen Obersten Nikolaus v. P., entstammt einer stidoster- 
reichischen Offiziersfamilie, der auch der Eroberer Bosniens angehorte. E. P. 
studierte in Graz, Wien und Berlin, habilitierte sich 1884 in Wien, wurde 
1885 nach Freiburg i. B. als aufierordentlicher Professor berufen, wurde dort 
1888 ordentlicher Professor, ging 1893 in gleicher Eigenschaft nach Wien, wo 
er bis zu seinem Tode lehrte. 

Man hat P.s Hauptbedeutung vielfach in dem Versuch erblicken wollen, 
zwischen der Grenznutzen- und der historischen Schule zu vermitteln. Ein 
genauer Blick iiber seine Arbeiten, in denen auch die Einzelheiten in iiber- 
raschend tiefer Weise ausgearbeitet sind, zeigt jedoch, daB diese Ansicht 
seinem Wirken unrecht tate. Er kam von der Grenznutzschule her als Lieb- 
lingsschuler KarlMengers (s. DBJ. 1921, S. 192 ff.), der ihn hoch iiber Bohm- 
Bawerk (s. DBJ. 1914 — 16, S. 3 ff.) und Wieser stellte, und er stand mit 
Schmoller (s. unten S. 124 ff.) als zweiter Fiihrer des Vereins fur Sozialpolitik 
in guter Fuhlung. Aber er erkannte deutlich den Epigonencharakter beider 
Richtungen. Sein innerster Ehrgeiz war, eine Synthese zwischen Adam Smith 
und Karl Marx zu versuchen. Viele Ansatze dazu sind in seinem Lehrbuch ent- 
halten. Die enzyklopadische Beherrschung des ganzen Materials der national- 
okonomischen Wissenschaft gab dem Lehrbuch Bedeutung, erschwerte aber 
seine Fortfuhrung. Das Buch iiber die »Bank von England* gilt in England 
als die klassische Darstellung des wichtigsten Teils der Geschichte der Noten- 
bank. Dem scharfen Angriff , der gegen Grundanschauungen von P. in der be- 
riihmten Produktivitatsdebatte des Vereins fiir Sozialpolitik in Wien von Max 
Weber (s. unten S. 593 ff.) und Werner Sombart gerichtet wurde, ist nach 



120 1917 

scheinbarem Erfolge wahrend eines Jahrzehntes die Dauerwirkung versagt 
geblieben. Die neueste Entwicklung der Wissenschaft, namentlich auch in 
den Vereinigten Staaten, bewegt sich zweifellos in der Richtung, die P. ge- 
gangen war. 

L»iteratur: Seine Werke sind: Die Bank von England im Dienste der Finanzverwal- 
tung des Staates (1885), 2. Aufl. (1914), auch in englischer Sprache. — t)ber Aufgabe 
und Methode der politischen Okonomie (1886). — Die direkten Steuern des GroBherzog- 
tums Baden (1888). — Der badische Staatshaushalt 1868— 1889 (1889). — Wirtschaft- 
licher Fortschritt und Kulturentwicklung (1892). — Grundrifl der politischen Okonomie. 
1. Band : Allgemeine Volkswirtschaftslehre (1893), zuletzt von P. bearbeitet 19 14 (7. Aufl.), 
derzeit 18., unveranderte Aufl.; 2. Band: Volkswirtschaftspolitik, 1. Teil (1899), seit 1918 
bearbeitet von Somary, derzeit 18. Aufl., 2. Teil (1907), seit der 10. Aufl. bearbeitet von 
Somary. — Wiener Wohnungsverhaltnisse (1894). — Die Entwicklung der wirtschafts- 
politischen Ideen im 19. Jahrhundert (19 10). — Zahlreiche Aufsatze in Fachzeit- 
schriften, Schriften des Vereins fiir Sozialpolitik, Archiv, Conrads Jahrbuch, Finanzarchiv, 
Jb. f . G. V., Zeitschrift fiir Volkswirtschaft, Revue d'Economie politique, Quarterly Journal, 
Mitarbeit am Handworterbuch der Staatswissenschaften und Stengels Worterbuch, Her- 
ausgeber der Wiener Staatswissenschaftlichen Studien (mit Bernatzik) und der Zeitschrift 
fiir Volkswirtschaft (zusammen mit Bohm-Bawerk und Inama). — P.s Bibliothek wurde 
von der Universitat Utrecht angekauft. 

Zurich. Felix Somary. 

Puttkamer, Jesko Albert Eugen v., Gouverneur a. D., * am 2. Juli 1855 in 
Berlin, f am 23. Januar 1917 in Berlin. — Sein Vater war der langjahrige 
konservative preuBische Minister des Innern v. P. Jesko v. P. besuchte das 
Wilhelms-Gymnasium zu Berlin und das Gymnasium zu Gumbinnen, wo er 
im Jahre 1873 das Abiturientenexamen machte. Seiner Militarpflicht geniigte 
er als Einjahrig-Freiwilliger beim Schleswig-Holsteinschen Ulanenregiment 
Nr. 15 in StraBburg. Er studierte in StraBburg, Leipzig, Freiburg, Breslau 
und Konigsberg Jurisprudenz und trat nach abgelegtem 1. Staatsexamen am 
1. Mai 1881 als Referendar beim Oberlandesgericht in Konigsberg ein. Vom 
1. April 1882 bis Marz 1883 war er beim Kammergericht in Berlin beschaftigt. 
Damals entschloB sich v. P., in den Konsulatsdienst einzutreten, und er 
wurde zunachst dem Kaiserlichen Konsulat in Chikago zur Beschaftigung 
iiberwiesen. 

Im April 1884 wurde er zu seiner weiteren Ausbildung im Konsulatsfach 
in das Auswartige Amt eingezogen. Wahrend seiner Tatigkeit im Auswartigen 
Amt wurden die Schutzgebiete von Togo, Kamerun, Siidwestafrika und Ost- 
afrika durch das Reich erworben, und nun meldete sich P. zum Kolonial- 
dienst. Im Mai 1885 wurde er dem ersten deutschen Gouverneur von Kamerun, 
dem Freiherrn v. Soden, als Kanzler beigegeben. Er war nun in den folgenden 
Jahren abwechselnd als Kanzler von Kamerun, stellvertretender Gouverneur 
von Kamerun und stellvertretender Kommissar von Togo tatig. 

Eine fiir seine ganze koloniale Tatigkeit besonders wichtige Episode war 
seine Entsendung nach Lagos. Am 6. August 1888 wurde er mit der interi- 
mistischen Leitung des deutschen Konsulats in Lagos betraut. Er hatte hier 
nicht nur Gelegenheit, die Methoden der damaligen englischen Kolonial- 
verwaltung kennenzulernen, sondern er erhielt auch den Auftrag, sich durch 
eine Reise den Niger aufwarts uber die politischen Verhaltnisse im Innern 
Nigeriens zu unterrichten. Diese Reise, die er zum groBen Teil unter den da- 



Philippovich von Philippsberg. Puttkamer 121 

maligen primitiven Verhaltnissen im Kanu machen mufite, brachte ihn auch 
mit der englischen Nigerkompagnie in Verbindung, die damals auf Grund 
einer Royal Charter den groflten Teil des ostlichen Nigeriens verwaltete und 
durch ihr Monopol wirtschaftlich beherrschte. 

Nachdem P. im Oktober 1889 wieder mit der Vertretung des Kaiserlichen 
Kommissars von Togo betraut worden war, wurde er im Dezember 1891 end- 
gultig zum Kommissar, spater zum Landeshauptmann von Togo ernannt. 
Als nach dem Dahomey- A uf stand, Ende 1894, Herr v. Zimmerer aus dem 
Amte des Gouverneurs von Kamerun ausschied, wurde P. nach Kamerun als 
Vertreter des Gouverneurs gesandt. Im August 1895 wurde er endgiiltig zum 
Gouverneur von Kamerun ernannt, welches Amt er bis zum Jahre 1907 ver- 
waltete, worauf er in den einstweiligen Ruhestand versetzt wurde. 1908 wurde 
er pensioniert und war dann nur noch privatim fur die koloniale Sache tatig 
als deutscher Vertreter bei einigen franzosischen Kolonialgesellschaften, deren 
Gebiet durch das deutsch-franzosische Abkommen vom 4. November 191 1 
zum Teil an das Schutzgebiet Kamerun gef alien war. 

Als P. im Januar 1895 von dem bisherigen Gouverneur v. Zimmerer die 
Verwaltung des Schutzgebietes von Kamerun ubernahm, stand er vor einer 
ungewohnlich schwierigen Aufgabe. Das Schutzgebiet war im Anfang der Ent- 
wicklung steckengeblieben. Die Ergebnisse der Expeditionen von Zintgraff, 
Morgen, Stetten, Ramsay, die bis nach Adamaua vorgedrungen waren, hatten 
aus Mangel an Mitteln nicht ausgenutzt werden konnen. Durch den Dahomey- 
Aufstand war am Sitz des Gouvernements ein groBer Teil der Gebaude schwer 
beschadigt worden. In die Verwaltung war Verwirrung gekommen, die Polizei- 
truppe war aufgelost und in eine Schutztruppe umgewandelt worden. Die 
Beziehungen der Schutztruppe zum Gouverneur waren unklar. Der Komman- 
deur der Schutztruppe, Rittmeister v. Stetten, glaubte von dem Gouverneur 
vollstandig unabhangig zu sein und weigerte sich, seine Unterstellung anzu- 
erkennen.. Dazu kam ein personliches Moment. Der Kommandeur der Schutz- 
truppe, Rittmeister v. Stetten, war der Ansicht, dafi ihm die Nachfolge des 
Gouverneurs v. Zimmerer im Auswartigen Amt zugesichert worden sei und 
glaubte, dafi P. ihm diese Stellung weggenommen habe. So begann die Tatig- 
keit des neuen Gouverneurs mit einem Konflikt mit dem Kommandeur der 
Schutztruppe. Trotzdem ist es der Tatkraft und der Geschicklichkeit P.s in 
kurzer Zeit gelungen, die Entwicklung des Schutzgebietes in geordnete 
Bahnen zu bringen und auch ein ertragliches Verhaltnis zur Schutztruppe 
herzustellen. 

Seine nachste Aufgabe war, die Verwaltung an der Kiiste neu zu organisieren. 
Zu den beiden vorhandenen Bezirksamtern Victoria und Kribi bildete er ein 
drittes Bezirksamt, das Bezirksamt der Mitte, damals als Bezirksamt Kamerun, 
spater als Bezirksamt Duala bezeichnet. 

Um wenigstens den Rest der Ergebnisse der Zintgraffschen Expedition zu 
retten, wurde am Barombisee bei Kumba eine neue Station eingerichtet, die 
der Gouverneur nach dem hochverdienten Prasidenten der Deutschen Kolonial- 
gesellschaft, Herzog Johann Aibrecht zu Mecklenburg (s. unten S. 547 ff.), 
Johann-Albrechts-Hohe nannte. Diese Station, die Zivilstation war und in 
erster Linie wirtschaftliche Aufgaben hatte, sollte den Einflufi des Gouver- 
nements am oberen Mungo sichern und ausdehnen. Dieselbe Aufgabe hatte 



122 1917 

am Sanaga die Zivilstation Edea bei den Sanagaf alien. Die beiden Stationen 
im Siiden Lolodorf und Jaunde wurden zu reinen Militarstationen gemacht 
mit der Aufgabe, den Siiden gegen die rauberischen Ngumbas bei Lolodorf 
und die kriegerischen Wutes hinter Jaunde zu sichern. 

Zu gleicher Zeit wurden die Besitzverhaltnisse an der Kiiste einer eingehen- 
den Priif ung unterzogen. Mit den an der Kiiste ansassigen deutschen und schwe- 
dischen Firmen, die auf Grund von Vertragen mit den Eingeborenen beinahe 
das ganze Kiistenland als Privateigentum beanspruchten, wurde im Vergleichs- 
wege ein Abkommen getroffen, das die Anspniche der Firmen auf einzelne, 
bereits in Betrieb genommene Plantagen beschrankte. Da der Gouverneur 
durch seine Reisen nach St. Thome' die dortigen ertragreichen Kakaokulturen 
kennengelernt hatte, beschloB er zur wirtschaftlichen Entwicklung des Ge- 
bietes an den Abhangen des Kamerunberges eine groBe Kakaokultur ins Leben 
zu rufen. DaB er dabei nicht den Weg der Eingeborenenkulturen wahlte, son- 
dern den europaischer Plantagenunternehmungen, lag in der Natur der Sache. 
Die Eingeborenen am Kamerunberg waren mit Ausnahme der wenigen Victo- 
rianer, die nicht aus dem Lande selbst stammten, kulturell noch so weit 
zuriick, daB an eine Forderung der Kakaokultur durch Eingeborene nicht zu 
denken war. War doch erst um Weihnachten 1894 Buea, der Sitz des trotzigen 
Bakwirihauptlings Kuba, eingenommen worden und damit einigermaBen 
Ruhe und Sicherheit im Gebirge eingekehrt. 

Auch den Handel mit denjenigen Produkten, die die Eingeborenen selbst 
gewannen, besonders Palmkerne, Palmol und Kautschuk, suchte der Gouver- 
neur in jeder Weise zu fordern, indem er durch Verhandlungen mit den ein- 
zelnen Stammen oder durch militarische Expeditionen das Monopol der 
Kustenstamme zu brechen suchte. Das gelang am Wuri und Mungo auf 
friedlicbem Wege, im Siiden durch die Militarstationen Lolodorf und Jaunde. 
Schwieriger lagen die Verhaltnisse in der Gegend zwischen Sanaga und Njong, 
weil es der Expedition von Stetten im Jahre 1895 nicht gelang, die kriege- 
rischen Bakokos zwischen Edea und Jaunde zur Freigabe des Handels zu 
zwingen. 

Die Bestrebungen des Gouverneurs auf Ausdehnung und Befestigung der 
deutschen Herrschaf t und wirtschaf tliche ErschlieBung des Landes beschrankte 
sich aber nicht auf die Kiiste. Er suchte vielmehr moglichst bald das ganze 
durch die Vertrage mit Englandern und Franzosen gesicherte Gebiet bis zum 
Tschadsee im Norden und Sanga-Ngoko im Siiden der deutschen Verwaltung 
zu unterstellen und dem deutschen Handel zu offnen. Diesem Zwecke diente 
die groBe Expedition unter Hauptmann v. Kamptz nach Adamaua 1888/89 
und die Errichtung einer Station in Molundu in der Siidostecke des Schutz- 
gebietes. 

Zur wirtschaftlichen ErschlieBung des Landes aber fehlten vor alien Dingen 
die erforderlichen finanziellen Mittel. Der Gouverneur glaubte in Uberein- 
stimmung mit der damaligen Abteilung des Auswartigen Amtes die Entwick- 
lung des Schutzgebietes rasch fordern zu konnen durch Hereinziehung deut- 
schen Kapitals im Wege der Verleihung groBer Landkonzessionen. Es kamen 
die Konzessionen vpn Siidkamerun und Nordwestkamerun zustande, die spater 
zu auBerordentlich starken Angriffen nicht nur gegen diese Landgesellschaften, 
sondern auch gegen den Gouverneur fiihrten. 



Puttkamer 1 23 

Zu gleicher Zeit war durch die Einrichtung einer Reihe von Plantagen am 
Kameninberg die Arbeiterfrage kritisch geworden. Die Ktistengebiete waren 
zu schwach bevolkert, um die notigen Arbeiter stellen zu konnen. Auch waren 
die Bewohner dieser Urwaldzone aui3erordentlich schwer zu regelrechter Ar- 
beit zu bewegen. Es blieb also nur iibrig, entweder die Arbeiter in fremden 
Kolonien anzuwerben, was auf der einen Seite zu teuer geworden ware, auf 
der anderen Seite von Tag zu Tag schwieriger wurde, weil die fremden Kolo- 
nien ihre Arbeitskrafte selbst brauchten, oder aber die kraftigen und kulturell 
hoher stehenden Stamme des Binnenlandes als Arbeiter an die Kiiste zu ziehen. 
Zu gleicher Zeit ergaben sich bei Abgrenzung der Plantagen fortdauernde 
Streitigkeiten zwischen den Eingeborenendorfern und den I^eitungen der Plan- 
tagen. Gegen die monopolartigen Handelsrechte der groBen Landgesellschaften 
wandten sich nun aber auch die Ktistenfirmen, so da 13 der Gouverneur vor 
einer Reihe schwerwiegender Fragen stand, die um so schwerer zu losen waren, 
als an der Frage der geordneten Abgrenzung der Eingeborenendorfer auch die 
Missionen interessiert waren und die Landkonzessionen die offentliche Mei- 
nung Deutschlands stark erregten. 

Es kam noch dazu, daB durch die rasche Ausdehnung der Verwaltung auf 
Gebiete, die beinahe so groB waren, wie das Deutsche Reich, eine fortdauernde 
Personalvermehrung notwendig wurde, die im Reichstag auf Widerstand 
stiefi, weil ganz natiirlicherweise die Einnahmen aus den neubesetzten Ge- 
bieten nicht von vornherein die Verwaltungskosten decken konnten. Auch 
die Frage der wirtschaftlichen ErschlieBung des Schutzgebietes durch Bau 
von StraBen, Reinigung der schiffbaren Teile der Fliisse und Bau von Eisen- 
bahnen vermehrte die Arbeit des Gouvernements. Das Reich war nicht dazu 
zu bringen, Mittel zum Bau von Eisenbahnen zur Verfiigung zu stellen. Es 
muBte auch hier der Weg der Erteilung von Konzessionen beschritten werden, 
und das fuhrte zu neuen Kampfen. SchlieBlich erhielt die Kameruner Eisen- 
bahngesellschaft die Konzession zum Bau einer Eisenbahn von Duala mungo. 
aufwarts nach den Hochlandern des Innern. 

Trotz aller dieser Kampfe ging die wirtschaftliche Entwicklung des L,andes 
in raschem Tempo vorwarts. Nachdem die Plantagen an der Kiiste ihre 
Kinderkrankheiten iiberwunden hatten und ein regelmaBiger Arbeiterzuzug 
gesichert war, entwickelten sie sich in gesunder Weise. Im Siiden drang der 
deutsche Handel sehr rasch nicht nur iiber den Sanga, sondern auch auf der 
StraBe Kribi, Lolodorf, Jaunde ins Innere weit vor, und als im siidlichen 
Hinterland groBe Bestande eines Gummibaumes, der Kickxia elastica, ge- 
funden wurden, nahm die Kautschukgewinnung einen ungeahnten Aufschwung. 

Mitten aus dieser Entwicklung wurde der Gouverneur v. P. herausgerissen. 
Es waren infolge der allgemeinen Krisis, in die die deutsche Kolonialverwal- 
tung durch den groBen Eingeborenenaufstand in Siidwestafrika hineingerissen 
wurde, in Deutschland eine Reihe Angriffe nicht nur gegen seine Verwaltung, 
sondern auch gegen ihn personlich gerichtet worden. Im Januar 1906 wurde 
Gouverneur v. P. abberufen. 

Die Tatigkeit des Gouverneurs v. P. hat in der Zeit, in der er als Gouverneur 
in Kamerun wirkte, die verschiedenste Beurteilung gefunden, je nach dem 
Standpunkt, den der Beurteiler zu kolonialen Fragen iiberhaupt einnahm. 
Heute, nachdem zwei Jahrzehnte seit seinem Ausscheiden aus Kamerun hin- 



124 lgl? 

gegangen sind, laBt sich diese Tatigkeit ruhiger beurteilen, und da ist es kein 
Zweifel, daB P. seine ganze Kraft an die kolonialen Aufgaben gewandt hat. 
Er war ein Mann von Geist und Energie und hatte dabei groBe kunstlerische 
Interessen. Besonders nachdem er Gouverneur von Kamerun war, setzte er 
seine ganze Kraft daran, das Land wirtschaftlich vorwarts zu bringen. Er hat, 
nie rastend beinahe das ganze Schutzgebiet bereist ; war nicht nur im ganzen 
Kustengebiet, sondern auch in Adamaua und am Sanga-Ngoko. Durch seine 
vielen Reisen nach englischen Kolonien, nach dem Kongo, nach spanischen 
und portugiesischen Kolonien hatte er einen Einblick gewonnen in die ganze 
Entwicklung Westafrikas. Im allgemeinen richtete er seine Kolonialpolitik 
nach englischem Muster ein. Besonders auch auf dem Gebiete der Eingeborenen- 
politik. Er war nicht, wie vielfach behauptet worden ist, ein Vertreter der 
Unterdriickung der Eingeborenen ; im Gegenteil, er suchte die Eingeborenen 
nicht nur zur wirtschaftlichen, sondern auch zur politischen Entwicklung des 
Landes heranzuziehen. Unter seiner Regierung wurde von der Kiiste aus bis 
nach Jaunde ein Netz von Eingeborenenschiedsgerichten gebildet, die wohl 
als Grundlage dienen konnten fur eine selbstandige politische Entwicklung 
der Eingeborenen. Dem heute in der Offentlichkeit iiberall vertretenen Satz, 
daB der Eingeborene nicht zu einem Zerrbild des Europaers heranzubilden 
sei, sondern sich seiner Fahigkeit entsprechend eine eigene Kultur schaffen 
soil, stand P. durchaus nicht ablehnend gegenuber. Wenn er mit seinen MaB- 
nahmen haufig auf den Widerstand einzelner Kreise stieB, so lag das eben 
daran, daB die verschiedenen Interessen der groBen Pflanzer, der Kaufleute 
und der Missionen haufig schwer zu vereinen waren. Auch die Eingeborenen- 
kulturen hat P. nicht grundsatzlich abgelehnt. Wenn er sie nicht in dem 
MaBe forderte, wie das durch die Basler Mission an der englischen Goldkiiste 
geschehen ist, so lag das zum groBen Teil daran, daB es viel schwerer war, 
die Eingeborenen in Kamerun zur selbstandigen wirtschaftlichen Tatigkeit 
zu bringen, als an der weiter fortgeschrittenen englischen Goldkiiste. 

Das Verdienst aber wird man ihm nicht abstreiten konnen, daB er unter 
den schwierigsten Verhaltnissen und fortdauernden Angriffen von alien Seiten 
das Schutzgebiet erheblich vorwarts gebracht hat. Der beste Beweis ist das 
Anwachsen der Ein- und Ausfuhr von 1895 bis 1905. Wahrend im Jahre 1895 
der Gesamtwert der Ein- und Ausfuhr des Schutzgebietes rund 10400000 Mark 
betrug, war er im Jahre 1905 auf das Doppelte, rund 20300000 Mark, gestiegen. 

Das Ende des Weltkrieges hat Gouverneur v. P. nicht mehr erlebt, er starb 
am 23. Januar 1917. 

I/iteratur: v. P., Gouvemeurs jahre in Kamerun, Berlin 1912. 

Berlin-Charlottenburg. Theodor v. Seitz. 

Schmoller, Gustav v., Professor der Staatswissenschaften an der Universitat 
Berlin, Wirklicher Geheimer Rat, * am 24. Juni 1838 in Heilbronn, f am 
27. Juni 1917 (auf einer Reise in Harzburg. — Sch. war der Sohn eines wiirttem- 
bergischen Kameralverwalters, dessen Urahn als Kriegskommissarius Bern- 
hards von Weimar im DreiBigjahrigen Kriege nach Schwaben gekommen 
und dort ansassig geworden war; miitterlicherseits stammte er aus dem 
kaufmannischen Patriziat des bedeutendsten altwurttembergischen Industri e- 



Puttkamer. Schmoller 



125 



zentrums Calw, wo sein GroB vater und sein UrgroB vater Gartner als nam- 
hafte Privatgelehrte, Naturforscher und Botaniker, ein vornehm zuriick- 
gezogenes Leben fuhrten, der UrgroBvater Mitglied der Petersburger Aka- 
demie unter der Kaiserin Katharina II., der GroBvater im Verkehr mit Goethe 
und in wissenschaftlichem Brief wechsel mit Darwin. Die Mutter hat er fruh 
verloren; der Vater, ein giitiger Mann von ernster Gesinnung, aber heiterem 
Temperament, hat seine wie seiner Geschwister Erziehung hauptsachlich 
selbst geleitet und ihm den Trieb, nach etwas Ordentlichem und Tuchtigem 
in stetiger Arbeit zu streben, von Jugend auf durch Mahnung und Beispiel 
eingefloBt. Er gait in der Jugend als Schwindsuchtskandidat und ist dadurch 
zu hygienischer Lebensfuhrung und planvoller Arbeitsokonomie erzogen 
worden. Der Gymnasialunterricht in seiner Vaterstadt hat ihn nicht besonders 
angesprochen ; philologische Studien und Methoden haben auch in seinem 
spateren Leben keine besondere Rolle gespielt. Ihn interessierten mehr die 
Dinge des praktischen Lebens, Menschen und Zustande der heimischen Um- 
gebung und allgemeinere wissenschaftliche Betrachtungsweisen. Der Vater 
hatte ihn zum Beamten bestimmt, wie es in der Familientradition lag, und 
beschaftigte ihn, nachdem er das Gymnasium absolviert hatte, zugleich mit 
Rucksicht auf seine schwachliche Gesundheit, vor dem Universitatsstudium 
noch ein Jahr lang in seiner Amtskanzlei, wo er nicht nur die Elemente des 
Finanz- und Verwaltungsrechts kennenlernte, sondern auch eine lebendige 
Anschauung von Land und Leuten, von Sozial- und Wirtschaftsverhaltnissen 
gewann. Seine Universitatsbildung hat er ausschlieBlich auf der heimischen 
Hochschule Tubingen in den vier Jahren von 1857 D ^ s I ^ 01 genossen. Die 
nationalokonomischen Professoren Schiiz und Helferich haben keinen bedeu- 
tenden EinfluB auf ihn geiibt, ebensowenig die Juristen. Starkere Eindriicke 
empf ing er von den historischen Vorlesungen Max Dunckers. AuBer Geschichte 
und Philosophie trieb er mit Vorliebe auch Physik, Chemie, Maschinenlehre. 
Am SchluB seiner Studienzeit machte er sich an die Bearbeitung einer von 
Schiiz gestellten Preisaufgabe iiber die volkswirtschaftlichen Anschauungen 
der Reform ationszeit. Er gewann den Preis und wurde auf diese Arbeit hin, 
die in der »Tiibinger Zeitschrift« erschien, zum Doktor der Staatswissenschaften 
promoviert. Zugleich bestand er damals, 186 1, das erste kameralistische Exa- 
men und durfte das erste Studium der Vorbereitungszeit als Finanzreferendar 
bei seinem Vater in Heilbronn absolvieren, wo er MuBe zu wissenschaftlicher 
Lektiire fand. Er begann ein griindliches Studium der philosophischen Systeme, 
die von 1750 bis 1850 von EinfluB auf die Ausbildung der nationalokono- 
mischen Theorien gewesen waren. Er war schon damals von der historischen 
Richtung ergriffen, die Hildebrand und Roscher eingeschlagen hatten und die 
auch Knies verfolgte. DaB das sogenannte klassische System der englischen 
Nation alokonomie auf ganz anderen tatsachlichen Voraussetzungen beruhte, 
als sie die Wirklichkeit des Lebens in Deutschland darbot, war schon seit List 
ein Hauptargument gegen die Allgemeingiiltigkeit dieser Lehre; Sch. ge- 
dachte nun auch ihre Abhangigkeit von philosophischen Anschauungen nach- 
zuweisen, die in Deutschland damals als iiberwundener Standpunkt erschienen. 
Das Buch, in dem er diesen Nachweis fiihren wollte, ist nicht zustande ge- 
kommen, aber die Vorarbeiten dazu haben in Sch.s spateren Produktionen 
nachgewirkt. 



126 1917 

Besonders wichtig wurde es fur Sch.s weitere Ausbildung, dafi er das zweite 
Stadium seiner Vorbereitungszeit bei dem Statistischen Amt verbringen durf te, 
dessen Leitung sein Schwager Gustav Riimelin nach dem Riicktritt vom 
Kultusdepartement tibernommen hatte. Dieser bedeutende Mann, der auch 
aus Heilbronn stammte und 1847, damals Rektor einer Lateinschule, eine 
Scliwester Sch.s geheiratet hatte, 1848 im Frankfurter Parlament Mitglied 
der erbkaiserlichen Partei und 1849 Mitglied der Deputation gewesen war, 
die Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone anbot, hat einen sehr starken Ein- 
fluB auf den jungen Sch. geiibt, einmal durch das Vorbild eines Gelehrten 
von weiter, allgemeiner Bildung, das er ihm gab, dann aber auch durch die 
in Wurttemberg damals seltene Schatzung des preufiischen Staatswesens, 
die er ihm einfloBte. Er iibertrug ihm jetzt die Bearbeitung der eben damals 
vorgenommenen wiirttembergischen Gewerbezahlung ; und diese statistische 
Arbeit, die 1862 in dem Wiirttembergischen Jahrbuch erschien, hat spater den 
Kurator der Universitat Halle, den fruheren Posener Oberprasidenten v. Beuer- 
mann, veranlafit, die Berufung des Verfassers als Extraordinarius an die Uni- 
versitat Halle in Vorschlag zu bringen. Eben damals hatte sich der junge 
Sch. die wiirttembergische Beamtenlaufbahn verschlossen durch eine Broschure, 
welche in der durch den preuBisch-franzosischen Handelsvertrag von 1861 
herbeigefuhrten Krisis des Zollvereins fiir die preuBische Sache und gegen die 
im Lager Osterreichs stehende wiirttembergische Regierung eintrat. Im Friih- 
jahr 1864 nahm er daher ohne Zogern den Ruf nach Halle an. Vor dem Antritt 
der Professur schrieb er noch einen bedeutenden Artikel iiber die Arbeiter- 
frage fiir die »PreuBischen Jahrbucher«, den man wohl als das erste Programm 
einer neuen sozialpolitischen Richtung in der deutschen Nationalokonomie 
bezeichnen kann. 

Die Verpflanzung nach Halle, zumal die Nachfolge in das Ordinariat von 
Eiselen (1865), der eine Art von preuBischer Staatskunde vorzutragen pflegte, 
brachte fiir Sch. die Aufgabe mit sich, auf dem Boden des preufiischen Staates, 
seiner Verfassung, Verwaltung und Volkswirtschaft sich in derselben Weise 
zurechtzufinden wie einst in seinem wiirttembergischen Heimatlande. Er wurde 
Stadtverordneter in Halle, urn die stadtische Verwaltung aus eigener An- 
schauung kennenzulernen, und arbeitete in den Ferien in dem Berliner Archiv, 
wobei er mit richtigem Blick die Verwaltungsgeschichte der Epoche Friedrich 
Wilhelms I. zum Hauptgegenstand seiner Studien machte. Preufien wurde 
ihm mehr und mehr das Paradigma, an dem er die Verknupfung von Staats- 
und Wirtschaftsleben, namentlich im Finanzwesen, in konkreter Anschau- 
lichkeit studierte. 

In Halle hat sich der junge Professor auch seinen Hausstand gegriindet 
durch die Verheiratung mit Lucie Rathgen, der Tochter eines weimarischen 
Geheimen Rates und Enkelin des von ihm hochverehrten Niebuhr. Aus 
dieser sehr gliicklichen und harmonischen Ehe sind zwei Kinder, ein Sohn und 
eine Tochter entsprossen. Das literarische Hauptwerk der Hallischen Jahre 
war die »Geschichte des deutschen Kleingewerbes im 19. Jahrhundert* (1870), 
das angesichts des soeben zum Durchbruch gekommenen Prinzips der Ge- 
werbefreiheit auf die Notwendigkeit hinwies, nicht alles dem freien Spiel 
der Konkurrenz zu iiberlassen, sondern hie und da im Interesse des Gemein- 
wohls doch auch wieder hemmend, fordernd, regulierend einzugreifen. Das 



Schmoller 



127 



war ein neuer Ton, der in dem Imager des damals maBgebenden liberalmanche- 
sterlichen Kongresses der Volkswirte Aufsehen und MiBfallen erregte. Gegen 
dies Buch von Sen. und zugleich auch gegen das von Brentano liber die eng- 
lischen Gewerkvereine schrieb einer der einfluBreichsten Publizisten jener 
Richtung, Heinrich Bernhard Oppenheim, einen beruhmt gewordenen Artikel 
in der »Nationalzeitung«, in dem die neue Schule von Sozialpolitikern als »Kathe- 
dersozialisten« vor der Offentlichkeit angeklagt wurde. Brentano, damals 
Privatdozent in Berlin, nahm den Fehdehandschuh auf; durch ihn angeregt, 
setzte sich Adolf Wagner (s. unten S. 1735.), der Ordinarius in Berlin, der 
bis dahin sozialpolitisch noch nicht hervorgetreten war, mit Sch. in Verbindung; 
und in dessen Hause zu Halle wurde von einer kleinen Gruppe, zu der auch 
Hildebrand und sein Schuler Conrad gehorten, jene Zusammenkunft in Eise- 
nach verabredet, auf der am 5. und 6. Oktober 1872 der Verein fiir Sozial- 
politik gegriindet worden ist. Sch. hielt dabei die einleitende Ansprache; der 
Vorsitz wurde zunachst an den Bonner Professor Erwin Nasse iibertragen ; als 
dieser gestorben war (1890), wurde Sch. sein Nachfolger. 

Die Berufung an die neu begriindete Universitat StraBburg (1872) fuhrte 
Sch. zu eingehenden wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Untersuchungen, 
die der Vergangenheit StraBburgs, namentlich der Zeit vom 13. bis 15. Jahr- 
hundert gewidmet waren und aus denen schlieBlich das Buch iiber die Tucher- 
tmd Weberzunft hervorgegangen ist, das 1879 erschien. In diesem Werke, 
das ganz auf urkundlichem Material aufgebaut war, bei dessen Bearbeitung 
ein talentvoller Schuler, Wilhelm Stieda, geholfen hatte, gait es, das Wesen 
der mittelalterlichen Stadtwirtschafts- und Gewerbepolitik an einem ty- 
pischen Beispiel darzustellen und wissenschaftlich zu erlautern. Der Lehrbetrieb 
in dem mit Knapp und I^exis zusammen geleiteten staatswissenschaftlichen 
Seminar gab Sch. Veranlassung zur Begriindung der groBen Reihe »staats- 
und sozialwissenschaftlicher Forschungen«, die seit 1878 im Verlage von 
Duncker & Humblot (Carl Geibel) erschien, eine Sammelstelle fiir die konkret- 
realistische Tatsachenforschung, mit der er die Theorie des Wirtschaftslebens 
zu fundamentieren bestrebt war. Die Verbindung mit Berlin und den preuBi- 
schen Studien wurde nicht abgebrochen. Ein Vortrag iiber die soziale Frage 
und den preuBischen Staat, den Sch. in den Osterferien 1874 in Berlin ge- 
halten hatte und der in den » PreuBischen Jahrbiichern* gedruckt wurde, gab 
dem Herausgeber, H. v. Treitschke, AnlaB dazu, in einigen gleich darauf 
folgenden Artikeln iiber den Sozialismus und seine Gonner, gegeniiber dem 
von Sch. aufgestellten sozialpolitischen Reformprogramm seinen eigenen, 
auf die Notwendigkeiten einer hoheren Kultur sich berufenden sozialaristo- 
kratischen Standpunkt zur Geltung zu bringen, worauf Sch. in einem langeren 
offenen Sendschreiben » iiber einige Grundfragen des Rechts und der Volks- 
wirtschaft* antwortete, das die ethischen und rechtsphilosophischen Ideen 
seines Programms mit siegreicher Warme verfocht. Bald darauf, 1875, als 
Sch. Rektor in StraBburg war, sagte ihm Bismarck einmal, er sei eigentlich 
auch »Kathedersozialist«, er habe nur noch nicht recht Zeit dazu. Einige 
Jahre darauf vollzog sich der groBe Umschwung, der mit der Steuer- und 
Wirtschaftsreform auch die Ara der neuen sozialpolitischen Gesetzgebung 
eroffnete. Die Ideen Sch.s und seiner Gesinnungsgenossen, die bisher nur als 
eine Unterstromung sich bemerkbar gemacht hatten, erhielten jetzt Ober- 



128 1917 

wasser und sollten bald die Muhlen der Gesetzgebung treiben. Mit dieser Wen 
dung stand es auch in Zusammenhang, daB Sch. d 1 'e Leitung des seit einigen 
Jahren im Verlage von Duncker & Humblot erscheinenden Jahrbuchs fiir 
Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft iibernahm, das erst der Staats- 
rechtslehrer Franz v. Holtzendorff und dann Lujo Brentano herausgegeben 
hatten. Es war das zweite groBe literarische Instrument, dessen er zur Ver- 
wirklichung seiner Ideen und Plane bedurfte, neben den staats- und sozial- 
wissenschaftlichen Forschungen, 

So war Sch. eine fertige Gelehrtenpersonlichkeit mit stark und deutlich 
ausgepragter Eigenart und festbegriindetem Ansehen, als er im Jahre 1882 
nach Berlin iibersiedelte, wo er schon zweimal (1870 und 1879) vergeblich 
zum Ordinarius vorgeschlagen worden war, wo aber jetzt erst die Bedenken 
des Ministeriums gegen seine sozialpolitische Richtung hinwegfielen. Diese 
war es, die ihn mit seinem Fachkollegen Adolf Wagner dauernd verband, 
wahrend dessen theoretische Einstellung im offenen Gegensatz zu Sch.s 
historisch-realistischer Betrachtungsweise stand. Aber nicht mit diesem her- 
vorragenden Vertreter der theoretischen Richtung, sondern mit dem Wiener 
Volkswirtschaftslehrer Karl Menger (s. DBJ. 1921, S. 192 ff., bes. S. 196 f.) 
ist Sch. in den ersten Jahren seiner Berliner Wirksamkeit in einen Aufsehen 
erregenden Methodenstreit geraten. Menger hatte in seinen »Untersuchungen 
liber dieMethode der Sozialwissenschaften usw.« 1883 einen scharfen Angriff 
gegen die historisch-psychologische Behandlungsweise der Nationalokonomie, 
wie sie Sch. iibte, gerichtet. Sch. besprach diese Schrift mit sehr abfalliger 
und temperamentvoller Kritik und behauptete seinen Standpunkt mit aller 
Entschiedenheit. Menger antwortete durch eine neue, noch scharfere Schrift 
tiber die Irrtumer des Historismus in der deutschen Nationalokonomie 1884; 
aber Sch. schickte das ihm zugesandte Buch unter Protest zuriick und lehnte 
es ab, sich auf eine weitere Diskussion einzulassen, die bei der Verschieden- 
artigkeit der personlichen Einstellung zu den methodischen Problemen zu 
keinem ersprieBlichen Ergebnis fuhren konnte. Es war ein Akt der Selbst- 
behauptung seines innersten wissenschaftlichen Wesens; aber er hatte zu- 
gleich die verhangnisvolle Wirkung, daB zwischen der nun bald herrschend 
werdenden historischen Richtung der Nationalokonomie in Deutschland 
und der zukunftreichen osterreichischen Schule, die eine neue auf die soge- 
nannte Grenznutzentheorie begriindete Wertlehre ausbildete, ein jaher Bruch 
eintrat, der erst nach Jahrzehnten, wo auch Sch. jene Bestrebungen gerecht 
und vorurteilsfrei wiirdigte, wieder einer gegenseitigen Annaherung Platz 
gemacht hat. 

Sch. kam es jetzt vor allem darauf an, ohne Kraft- und Zeitverlust durch 
methodische Kontroversen, seinen groBen Lebensplan, die historisch-rea- 
listische Grundlegung zu einem neuen System der Staats- und Sozialwissen- 
schaften, zu fordern und womoglich selbst noch zur Ausfuhrung zu bringen. 
Mit neuer Energie wandte er sich den Studien iiber die preuBische Verwal- 
tungs- und Wirtschaftsgeschichte zu. Er faBte seine langjahrigen archivalischen 
Forschungen zu einer Reihe von groBen Aufsatzen iiber die brandenburgisch- 
preuBische Wirtschaftspolitik im 16., 17. und 18. Jahrhundert zusammen, 
aus denen nicht nur ein lebendiges Bild von der Geschichte des Elb- und Oder- 
handels, der Verwaltung der neuen magdeburgischen Provinz und des Halli- 



Schmoller 



129 



schen Salzwesens, der Handelsstreitigkeiten zwischen Brandenburg, Sachsen 
und Hamburg sich ergab, sondern vor allem eine ganz neue Beleuchtung und 
Wiirdigung des Merkantilsystems, das erst jetzt in seiner relativen Berechti- 
gung als ein niitzliches und notwendiges Durchgangsstadium in der Geschichte 
der wirtschaftychen Politik der neueren Staaten, als die natiirliche wirtschaft- 
liche Begleiterscheinung des groBen Prozesses der modernen Staatenbildung 
sich darstellte. Dazu kamen tiefschiirfende Aufsatzreihen iiber die Reform 
der stadtischen Verfassung und Verwaltung durch Friedrich Wilhelm I., 
iiber die neue Regelung des Innimgswesens tmd der Gewerksprivilegien imter 
seiner Regierung, iiber die Entstehung des preuBischen Heeres im 17. und 
18. Jahrhundert, sein Verhaltnis zur Verwaltung und zum Wirtschaftsleben, 
seine Einfiigung in die Staats- und Gesellschaftsordnung. Das alles waren 
Bruchstiicke und Anfange, zu der geplanten Verwaltungsgeschichte unter 
Friedrich Wilhelm I.; aber im iibrigen miindete dieser Plan in eine groB- 
angelegte Quellenpublikation der Akademie der Wissenschaften, die bald 
nach Sch.s Eintritt in diese Korperschaft (1887) unter dem verstandnisvollen 
Entgegenkommen des Generaldirektors der preuBischen Staatsarchive, Hein- 
richs v. Sybel, seit dem Jahre 1888 unter dem Namen »Acta Borussica: 
Denkmaler der preuBischen Staatsverwaltung im 18. Jahrhundert« in die 
Wege geleitet wurde und bis zum Anfang des groBen Krieges, wo eine lang- 
andauernde Stockung eintrat, auf 22 Bande anwuchs. Sch. selbst, dessen 
Vorarbeiten dabei iiberall zugrunde lagen, eroffnete die Reihe iiber » Behorden- 
organisation und allgemeine Verwaltung « mit einer stoff- und gedankenreichen 
Studie iiber die Entstehung imd das Wesen des Beamtentums in den neueren 
Staaten, insonderheit Deutschlands : Mit der Leitung dieser groBen Akten- 
publikation kam Sch. in einen engeren und festeren Zusammenhang mit den 
historischen Studien uberhaupt, die der Geschichte des preuBischen Staates 
gewidmet waren ; er nahm auch teil an der Leitung der Urkunden und Akten- 
stiicke zur Geschichte des GroBen Kurfiirsten; er hat fiir diese Publikation 
eine Erweiterung iiber den urspriinglichen Rahmen hinaus auf das Gebiet 
der inneren Politik, namentlich der Domanen- und Kommissariatsverwaltung 
durchgesetzt und in die Wege geleitet. Er iibernahm den Vorsitz des Vereins 
fiir die Geschichte der Mark Brandenburg, der unter seinem EinfluB zu einer 
landesgeschichtlichen Publikationsanstalt ausgebildet wurde, — imd dessen 
Organ, die »Forschungen zur brandenburgischen und preuBischen Geschichte«, 
in einen engen Zusammenhang mit den »Acta Borussica « trat. 

Zugleich mit diesen historischen Quellenpublikationen behielt Sch. die 
Zusammenfassung seiner sozialwissenschaftlichen Forschungen im Auge. Er 
stellte tiefgriindige Untersuchungen an iiber Arbeitsteilung, iiber soziale 
Klassenbildung, iiber die Formen der Unternehmung. Er hat den okonomischen 
Stufengang Hildebrands: Naturalwirtschaft — Geldwirtschaft — Kreditwirt- 
schaft — erganzt durch die aus dem konkreten Beispiel der deut schen Wirt- 
schaftsgeschichte abgeleiteteEpochenfolge der Stadtwirtschaft, Territorialwirt- 
schaft, Volkswirtschaft, und er hat alle diese drei Epochen in aufschluBreichen 
Untersuchungen beleuchtet, in denen die Verbindung des Wirtschaftslebens 
mit der Staatenbildung zu eindringlicher Anschauung gebracht wurde. 

Auf eine Anregung seines Verlegers Carl Geibel unternahm Sch. schlieBlich 
auch den Versuch einer zusammenfassenden historisch-systematischen Dar- 
dbj 



130 1917 

stellung seiner Forschungsergebnisse in einem »GrundriB der Volkswirtschafts- 
lehre*. Es war ein KompromiB zwischen der Forderung des Tages und dem 
Plan, der ihm urspriinglich vorschwebte. Seine Meinung war immer gewesen, 
daB erst in einigen Jahrzehnten monographischer, wirtschaftsgeschichtlicher 
und statistisch-deskriptiver Einzelforschung eine feste Grundlage geschaffen 
werden miisse, auf der dann ein neues Lehrgebaude errichtet werden konne. 
Er glaubte aber, jetzt nicht langer damit saumen zu durfen, wenn er nicht 
alles der kommenden Generation iiberlassen wollte. Seine akademische Lehr- 
tatigkeit hatte ihn ja immer wieder veranlaBt, eine theoretische Zusammen- 
fassung und Verarbeitung des allmahlich anwachsenden Stoffes vorzunehmen. 
So entstand der »GrundriB der Volkswirtschaftslehre«, trotz der gedrangten 
Kiirze ein monumentales Werk ; ein groBartiges Mosaikgemalde, in dem jedes 
Steinchen das Resultat einer Spezialforschung war; es enthielt den Stoff zu 
einer sozialen Universalgeschichte oder universalgeschichtlichen Soziologie, 
aber noch in den Rahmen und das Fachwerk einer freilich soziologisch unter- 
bauten Volkswirtschaftslehre hineingepreBt. Man kann es hier mit Handen 
greifen, wie aus der Volkswirtschaftslehre die neue Disziplin der Soziologie 
herauswachst, wie sie die alten Formen vielfach sprengt ohne doch schon 
ihre eigene, selbstandige Form zu finden. 

Wie in seinen Vorlesungen, so war Sch. auch in diesem ^GrundriB* vor 
allem bestrebt, anschauliche Vorstellungen zu geben, die der weiteren Ver- 
standesarbeit als Stoff und Unterlage dienen konnten. Aber andererseits 
htitete er sich, die Dinge als einfacher und klarer darzustellen, als sie in der 
Wirklichkeit sind. Er betonte das Hypothetische in den theoretischen Grund- 
anschauungen, das Problematische in den praktischen Aufgaben der Wirt- 
schaftspolitik, die relative Berechtigung der entgegengesetzten Standpunkte, 
die ortliche und zeitliche Bedingtheit aller wirtschaftspolitischen MaBregeln. 
Allen radikalen Losungen und schematischen Vereinfachungen war er ab- 
hold; es war nicht Schul- sondern Lebensweisheit, was er lehren wollte. Es 
war der Niederschlag einer mehr als 35jahrigen Forschungs- und Lehrtatig- 
keit; aber doch eben nur ein »GrundriB«: gedrangt, kompendios, gedampft 
im Ton. Wenn man die Kraft und den Schwung des Stils, den kuhnen Gedanken- 
flug der besten Jahre Sch.s kennenlernen will, so muB man auch seine fruheren 
Werke, namentlich seine Reden und Aufsatze, zur Hand nehmen. 

Wer Sch. lediglich nach seinen Leistungen fiir die Fortbildung der theore- 
tischen Nationalokonomie beurteilt, wird zu einem schiefen Ergebnis ge- 
langen. Er ist aber wohl als der Wegbereiter der neuen » verstehenden Sozio- 
logie* anzusehen, wie sie namentlich Max Weber (s. unten S. 593 ff.) und 
Sombart, beide seine Schuler, aller dings sehr selbstandige, ausgebildet haben. 
Dem Kern seines wissenschaftlichen Wesens kommt man am nachsten, wenn 
man von seiner Neigung zu »anschaulichem Denken« ausgeht, wie er es nannte. 
Der Kern des Methodenstreits, in den er verwickelt war, liegt nicht in dem 
Gegensatz von deduktivem und induktivem Verfahren — Schlagworte, die 
damals im AnschluB an die Millsche Logik vielfach gebraucht wurden. Er 
liegt vielmehr in dem Gegensatz von Begriff und Anschauung. Die Gegner 
hatten ein System von Begriffen im Auge, wie sie die Naturwissenschaft 
braucht oder auch die Jurisprudenz ; Sch. schwebte eine Typenlehre vor, 
die nicht Begriff e definieren, sondern anschauliche Abstraktionen, und zwar 



Schmoller 



131 



nicht eigentlich von substantiellen Dingen, sondern mehr von sozialen Hand- 
lungen, Verhaltungsweisen und Ordnungen beschreiben wollte. Daher die 
Fordening historisch-realistischer Einzelforschnng, die er erhob: sie sollte 
das Material zu solchen Typenbildungen liefern und muBte daher so an- 
schaulich und detailliert wie moglich sein. Er wollte solch typisches soziales 
Handeln nicht bloJ3 von auBen »begreifen«, wie es die Naturwissenschaft 
mit ihren Objekten tut, sondern er wollte es von innen heraus »verstehen«, 
d. h. auf menschliche Motive zuriickfiihren, die uns bekannt sind. »Forschend 
zu verstehen* war ja auch die Aufgabe, die der von ihm verehrte J. G. Droysen 
dem Historiker gestellt hatte. Er traf auch mit dem Philosophen Dilthey, dem 
er besonders nahe stand, in dieser Auffassungsweise zusammen. Daher seine 
Betonung der Psychologic tJber die bisherigen Vertreter der historischen 
Richtung in der Nationalokonomie ging er insofern hinaus, als er bereit war, 
das iiberlieferte theoretische System ganz oder doch groBenteils preiszugeben, 
urn auf Grund historisch-realistischer Forschung ein ganz neues System auf- 
zubauen. Dabei kam es ihm im Grunde gar nicht allein auf die eigentliche 
Volkswirtschaftslehre an, sondern auf die Gesamtheit der Staats- und Sozial- 
wissenschaften — ein Programm, das der GrundriB der Volkswirtschaftslehre 
allerdings nur unvollkommen realisiert hat, das erst die neuere Soziologie im 
vollen Umfange auszufuhren versuchte. Jedenfalls aber stand die Verbindung 
der Volkswirtschaft mit dem Staat und seiner Geschichte fiir Sch. im Mittel- 
punkt seiner wissenschaftlichen und praktischen Interessen. Ebenso fest hielt 
er an dem Zusammenhang des Wirtschaftslebens mit Sitte, Moral und Recht, 
mit dem Ganzen der ethischen Kultur und Zivilisation. In seinen letzten 
methodologischen Auseinandersetzungen mit Max Weber und dessen Ge- 
sinnungsgenossen (Handworterbuch der Staatswissenschaften 1911, 3. Aufl., 
Bd. VIII) hielt er an seinem Standpunkt mit Entschiedenheit fest. Sein prak- 
tischer Verstand straubte sich gegen die Fordening, daB die Sozialwissenschaft 
auf Werturteile prinzipiell verzichten sollte; er verlangte nur Takt und maB- 
volle Beschrankung im Urteil. Wie hatte auch der Mann, der im Namen der 
sozialen Gerechtigkeit gegen die Manchesterlehre in der Nationalokonomie 
zu Felde gezogen war, diese Idee als Leitstern seines wissenschaftlichen Denkens 
verleugnen sollen! Die Wissenschaft erschien ihm iiberhaupt nur als ein 
integrierender Bestandteil der allgemeinen geistigen Kultur; wie diese schien 
auch sie ihm untrennbar verbunden zu sein mit ethischen Anschauungen und 
Werturteilen. Seine philosophischen Ansichten wurzelten zwar im deutschen 
Idealismus, aber sie hatten einen stark realistischen Zug angenommen unter 
dem EinfluB des franzosischen und englischen Positivismus, von dem er ebenso 
wirksam beruhrt worden war wie etwa Scherer und Dilthey. Er hat von 
Comte und Spencer, zuletzt auch noch von Wundt gelernt. Mit Comte stimmte 
er (wie auch Dilthey) uberein in der Meinung, daB die gegenwartige Epoche 
des Denkens dem Zeitalter der Metaphysik entwachsen sei. Aber die Illusion 
des Positivismus, als ob eine vollige Ersetzung der metaphysisch-teleologischen 
Anschauungen durch exakte wissenschaftliche Forschung erreichbar sei, 
teilte er nicht. Er erkannte an, daB doch immer nur ein verhaltnismaBig 
kleiner Teil der uns gegebenen Wirklichkeit durch exakte wissenschaftliche 
Forschung kausal erklart werden konne, daB im iibrigen die teleologischen 
Vorstellungen, wie sie namentlich aus den Religions- und Moralsystemen 



132 1917 

stammen, ihren Platz weitgehend behaupten werden. Nur wollte er, dafl das 
Gebiet der exakten Erkenntnis fortschreitend ausgedehnt werden sollte, und 
daB die metaphysischen Vorstellungen zu einem entspreclienden Zurtick- 
weichen oder zur Anpassung an die wissenschaftlichen Ergebnisse sich genotigt 
sehen sollten. In diesem Sinne sah er mit Dilthey das Wesen der Geistes- 
wissenschaften und so auch der Staats- und Sozialwissenschaften in der fort- 
schreitenden Analyse eines im unmittelbaren anschaulichen Wissen und im 
Verstandnis von vornherein besessenen Ganzen. 

Die exakte Wissenschaft sollte also seiner Meinung nach durch die Welt- 
anschauung mit ihren sittlichen Idealen erganzt werden. Die sittlichen Ideen 
aber, die unser Handeln regulieren, erschienen ihm nicht als transzendente 
Machte, sondern als Erzeugnisse eines Gemeingeistes und Gemeinwillens, 
der zuletzt auf dem Zusammenwirken individual-psychologischer Prozesse 
mit den uberlieferten Kulturordnungen beruht. Anthropologic und Psycho- 
logic erschienen ihm — auch darin stimmte er mit Dilthey uberein — als die 
Grundlagen aller Geisteswissenschaften. 

Dabei hatte er freilich eine praktische Psychologie im Auge, wie sie mehr 
aus der Beobachtung des Lebens und aus dem Studium von Geschichte und 
Literatur stammte, als aus psychophysischen Experimenten. Er war ein aus- 
gezeichneter Menschenkenner und besaB eine natiirliche Gabe der Beob- 
achtung von Lebensverhaltnissen, die fruhzeitig geschult und fortgebildet 
worden war. Die leichte und geschickte Behandlung schwieriger Geschafte 
des praktischen Lebens, die Fahigkeit zu organisieren und zu leiten beruhte 
ebenso darauf wie die glanzende Gabe, Charakterbilder zu entwerfen, die ihn 
als Schriftsteller auszeichnete. Er hatte das Bediirfnis, sich die Menschen 
nach ihren verschiedenen Lebenskreisen und Berufen, nach Herkunft und 
Bildung, nach Rasse und Nationalitat in bestimmten Charaktertypen vorzu- 
stellen, wie er sie zum Teil auch in seinem GrundriB mit wenigen Strichen 
meisterhaft gezeichnet hat. Aus solchem Vorstellungsmaterial belebte und er- 
ganzte er die historische Uberlieferung naher und ferner Vergangenheit ; 
es war ihm zugleich aber auch ein Mittel, die Gegenwart, Menschen und Ver- 
haltnisse, zu durchschauen und zu meistern. Seine fuhrende Stellung im Verein 
fiir Sozialpolitik beruhte nicht etwa darauf, daB er der scharfste und ent- 
schiedenste Vertreter der Reformideen ge wesen ware, sondern darauf, daB er 
unter den entschiedenen Anhangern der Reform der maBvollste war, der es 
am besten verstand, die auseinandergehenden Meinungen und Wiinsche durch 
den Hinweis auf das Gemeinwohl immer wieder zusammenzuhalten, daB er 
die relative Berechtigung der einander entgegenstehenden Interessen am klar- 
sten zu erkennen und am feinsten abzuwagen wuBte, daB er iiberhaupt ein so 
hohes MaB von personlichem Takt und politischem Verstand besaB. Das 
war es auch, was ihm und seiner Richtung auf Jahrzehnte eine fuhrende Stel- 
lung im Kreise der staatswissenschaftlichen Fachgenossen verschafft hat, 
daneben freilich auch noch der Umstand, daB er von jeher von einem so groB- 
artigen Vertrauen zur Leistungsfahigkeit der Staatsgewalt und des Beamten- 
tums erfiillt war. Mit Staatsmannern wie dem Fiirsten v. Biilow, dem Finanz- 
minister Miquel, dem Handelsminister v. Berlepsch, mit hohen Verwaltungs- 
beamten vom ersten Range, wie den Ministerialdirektoren Lohmann, Thiel, 
Althoff, stand er in vertrauensvollem und einfluBreichem Verkehr. Er war 



Schmoller 1 33 

seit 1884 Mitglied des preuBischen Staatsrats und vertrat seit 1899 die Berliner 
Universitat, deren Rektor er kurz vorher (1897/98) gewesen war, im Herren- 
hause. Er hatte selbst etwas von einem Staatsmann, wenn er auch immer ein 
Gelehrter blieb und nichts anderes sein wollte. Die Nobilitierung und der 
Exzellenzentitel, die ihm in seinen alten Tagen zuteil wurden, waren ge- 
wissermaBen das Siegel auf diese hervorragende personliche Stellung, die er 
sich errungen hatte. Aber auch eine groBe Anzahl von auswartigen Akademien 
und gelehrten Gesellschaften erwahlte ihn zum Mitglied; seit 1899 war er Mit- 
glied der Friedensklasse des Ordens »Pour le m£rite«. 

Es gehorte zu seinen festesten Uberzeugungen, daB der Staat die groB- 
artigste sittliche Institution der Geschichte sei, daB er namentlich in den neue- 
ren Jahrhunderten die eigentliche Erziehungsschule der Volker darstelle. 
Insonderheit dem Konigtum der Hohenzollern schrieb er den historischen 
Beruf zur sozialen Reform zu. Seine preuBischen Geschichtsstudien sind durch 
diese Idee wenn nicht geradezu beherrscht, so doch belebt und angeregt wor- 
den, ahnlich wie einst die Droysens durch die Idee des Beruf es PreuBens 
zur nationalen Einigung Deutschlands. Eingehendere Forschung hat dann 
wohl eine ubertriebene Auffassung von der sozialpolitischen Bedeutung der 
friderizianischen wie der Stein-Hardenbergschen Epoche auf das richtige 
MaB zuriickgef uhrt ; aber die Idee vom sozialen Konigtum, die schon Lorenz 
v. Stein vertreten hatte, saB fest im Geiste Sch.s und bildete das Zentrum 
seiner politischen Uberzeugungen. Eben darum war er ein so iiberzeugter 
.Monarchist, weil er eine starke Monarchic und ein von ihr erzogenes und ge- 
leitetes Beamtentum fur das unentbehrliche Mittel hielt, urn die Klassen- 
gegensatze von einem neutralen Standpunkt aus zu maBigen und den bru- 
talen Klassenkampf, der alle Kultur vernichtet, durch rechtzeitige Reformen 
zu verhiiten. Er sah iiberhaupt den Staat mehr unter dem Gesichtspunkt 
der sozialen Wohlfahrt und Gerechtigkeit, als unter dem der Macht. Darum 
hielt er sich mehr an Friedrich Wilhelm I., den eigentlichen Begriinder der 
preuBischen Zucht und Ordnung, als an Friedrich den GroBen; und der Bis- 
marck von 1878 bis 1888 war ihm noch inter essanter, als der von 1864 bis 
1870. Die Monarchic erschien ihm mehr noch als eine sozialpolitische, wie 
als eine machtpolitische Notwendigkeit. Darum war er auch nicht fiir parla- 
mentarische Regierungsweise, weil sie im Grunde immer ein Partei- und Klassen- 
regiment bedeute. Eine fortschreitende Demokratisierung des Staates aber, 
die auch er als eine Notwendigkeit empfand, hielt er fiir wohl vereinbar mit 
einer starken monarchischen Regierung. 

Der iiberragende EinfluB Sch.s als Haupt der historischen Schule der 
Nationalokonomie schuf ihm manche Gegner in den Kreisen derer, die sich 
durch ihn in ihrer eigenen Geltung beeintrachtigt glaubten. Im Jahre 1904 
unternahm der damals in Tubingen lehrende Verfassungs- und Wirtschafts- 
historiker Georg v. Below einen umfassend angelegten Angriff, der darauf be- 
rechnet war, Sch. aus seiner dominierenden Stellung in der gelehrten Welt 
zu verdrangen. Er beleuchtete umstandlich alle Schwachen der Arbeiten 
Sch.s, die darauf zuruckzufuhren waren, daB dieses beruhmte Schulhaupt 
selbst niemals eine methodische historisch-kritische Schule durchgemacht 
hatte und eigentlich iiberhaupt kein zunftgerechter Historiker war. Der von 
personlicher Gehassigkeit getragene Angriff, der freilich auch manches Tref- 



134 l w 

fende enthielt, blieb unerwidert ; aber bei der schulmaBig-beschrankten und 
unfruchtbaren Art der hier geiibten Kritik vermochte er das wissenschaf tliche 
Ansehen Sch.s, das doch im Grunde auf dem lebendigen Eindruck einer auBer- 
ordentlichen Personlichkeit beruhte, nicht ernstlich zu erschiittern, was sich 
vier Jahre spater an den zahlreichen spontanen Kundgebungen zu Sch.s 
70. Geburtstag zeigte. 

FunfunddreiBig Jahre umfaBt die Berliner Wirksamkeit Sch.s. In stetiger, 
unermudlicher Arbeit ist er frisch geblieben bis in das hochste Greisenalter. 
Ein Aneurisma war die Ursache des Todes, der ihn anf einer Erholungsreise 
in Harzburg, kurz nach dem Eintritt in das achte Jahrzehnt seines I^bens, 
iiberraschte. Ein gnadiges Schicksal hat es ihm erspart, den Zusammenbruch 
der Ideale und Ordnungen, an die er geglaubt und fur die er gearbeitet hatte, 
zu erleben. Sein Lebenswerk gehort einer vergangenen Epoche an. Wissenschaft 
und Politik gehen heut andere Wege als die, welche er beschritten hat. An 
kleinlicher und gehassiger Kritik seines Wirkens und Wesens fehlt es auch 
heute nicht. Aber die Spur seiner fortwirkenden Gedanken und Leistungen 
ist fiir den tieferen, vorurteilsfreien Blick auch heute noch wohl erkennbar. 

Literatur: Ein Verzeichnis der Schriften Sch.s bis 191 1 findet sich in dem Artikel 
iiber ihn im Handworterbuch der Staatswissenschaften, 3. Aufl. (191 1), VII, S. 31 iff. 
Hinzuzufiigen sind noch die aus seinem Nachlafl herausgegebenen Werke: Die soziale 
Frage (Klassenbildung, Arbeiterfrage, Klassenkampf), Miinchen und Leipzig, Duncker 
& Humblot, 19 1 8 (673 Seiten), und : Deutsches Stadtewesen in alterer Zeit. [Bonner Staats- 
wissenschaftliche Untersuchungen, Heft 5], B6nn und Leipzig, Kurt Schroeder, 1922 
(428 Seiten). 

Der handschriftliche NachlaC wird bei der Preuflischen Staatsbibliothek aufbewahrt. — 
Biographische Daten in dem angefiihrten Artikel des Handworterbuchs der Staatswissen- 
schaften. — Autobiographisches Fragment von G. Sch. : »Meine Heilbronner Jugendjahre* 
in dem Kalender: »Von schwabischer Scholle«, 1918 (Verlag Eugen Salzer, Heilbronn), 
mit genealogischen Angaben iiber die Familie Sch., die der Sohn des Verf., Major a. D. 
Ludwig v. Sch., Dufilingen bei Tubingen, aus dem NachlaC hinzugefiigt hat. — Viel bio- 
graphische Aufschliisse in »Reden und Ansprachen, gehalten bei G. Sch.s 70. Geburtstag*. 
Als Handschrift gedruckt 1908. — Biographische Wiirdigungen von O. Hintze in For- 
schungen zur brandenburgischen und preuCischen Geschichte XXXI, 2, in den Abhand- 
lungen der Preufl. Akademie der Wissenschaf ten , Jahrg. 191 8, Philosophisch-historische 
Klasse, in der Historischen Zeitschrift n 8, 3. — Abfallige Kritik des Sch.schen Lebens- 
werkes von G. v. Below in Zs. f. Sozialwiss. (herg. v. Jul. Wolf) Bd. VII (1904) und von 
Edgar Salin in einer Geschichte der Volkswirtschaftslehre [Enzyklopadie der Rechts- 
und Staatswissenschaft, Abteilung Staatsvvissenschaft, hrsg. von Arthur Spiethoff, 
XXXIV, Berlin, Julius Springer, 1923]. Dazu H. Herkner im Jahrbuch fiir Gesetzgebung 
usw., Jahrg. 47 (1923) : Zur Stellung G. Sch.s in der Geschichte der Nationalokonomie. — 
Joseph Schumpeter: Gustav Sch. und die Probleme von heute (Jahrbuch f. Gesetzgebung) 
usw., 50. Jahrgang, 3. Heft (1926). 

Berlin. Otto Hintze. 



Schonleber, Gustav, Maler, * am 3. Dezember 1851 zu Bietigheim a. d. E. 
(Wurttemberg) , f am 1. Februar 19 17 zu Karlsruhe i. B. — Seine Jugendzeit, 
die 1870 abschlieBt, verlauft im Wechsel von Schulen, Aufenthaltsort und 
Tatigkeit. Das ist gewissermaBen symptomatisch fiir sein spateres kiinst- 
lerisches Schaffen, mit dem fast von Jahr zu Jahr wechselnden Schauplatz 
seiner Studien fiir das Lebenswerk, das sich auf die suddeutsche Heimat, die 
Nord- und Ostseekiiste, Italien und ganz Westeuropa erstreckt. 



Schmoller. Schonleber Ijc 

Die Unterklassen der Lateinschule wurden in Bietigheim besucht (1861 bis 
1863), dann das Gymnasium in Stuttgart (1864 — 1866). Hierauf trat Sch. 
in die Maschinenbaulehre (1866 — 1868) zu Hemmingen, danach kam er in 
die Oberrealschulen zu Ludwigsburg und EBlingen (1868 — 1869) und 1869 an 
das Polytechnikum zu Stuttgart, wo die Professoren Kurtz und Conz sein 
zeichnerisches Talent erkannten und seine Begabung fur die Kiinstlerschaft 
hervorhoben. In den Ferienzeiten waren gelegentlich Studienreisen ins Zaber- 
gau, ins Hohenlohesche, nach Bebenhausen und anderen Orten gemacht 
worden, deren zeichnerische Ergebnisse in den friihen Skizzenbiichern auf- 
bewahrt werden. 

1870 wurde der EntschluB gefaBt, sich ganz der Kunst zu widmen. Sch. 
kam in der Lier-Schule zum rechten Lehrer und zu den rechten Studien- 
genossen (Baisch und Wenglein). Lier hatte bei Dupre* die Leistungen der 
Barbizon-Schule kennengelernt und nach Deutschland gebracht. Trotz seiner 
Verehrung fiir den Lehrer und der Achtung vor den Strebensgenossen ge- 
wann Sch. zunachst nicht allzuviel in der Lier-Schule. 187 1 brachte er aus 
StraBburg ein Bild der zerschossenen Stadt, mit dem er gleich Erfolg hatte. 
Im Sommer desselben Jahres ging er mit seinem Vetter Conz durch Tirol iiber 
den Gardasee nach Verona und Venedig und zeichnete und malte allerhand. 
Heimgekehrt, arbeitete er diese Studien zu Bildern aus, mit denen er seine 
groBen ersten Erfolge erzielte. Die dekorativen Mannen mit Segelschiffen und 
Staff age nebst bedeutendem Hintergrund, in Farbe und Aufbau etwas ganz 
anderes als »Heimatkunst«, lenkten die Aufmerksamkeit der Kunstkreise auf 
den jungen Maler. Seine Bilder gingen rasch in offentlichen und privaten Besitz 
iiber. Das nachste Jahr (1872) brachte Sch. von Genua aus an der Riviera zu 
und erwarb sich mit einer »Gasse in Genua « die Medaille auf der Wiener Welt- 
ausstellung. Die atmospharischen Verhaltnisse an der Riviera sagten aber 
Sch. nur »bei schlechtem Wetter « zu, das ihm die silbrigen Tone, Wolken und 
dunkelfarbiges Wasser gab. Deshalb suchte er 1873 die hollandische Kiiste 
auf und fand auch bei van der Meer und Mesdag Anregungen fiir seine Kunst, 
die sich in Bildern und Zeichnungen von Rotterdam, Dordrecht und Sche- 
veningen aussprachen. 

In diesem Jahr erhielt er auch den Auftrag der Verlagsbuchhandlung 
Ad. Kroner (Stuttgart) fiir Illustrationen zu einem Werk iiber die Nord- und 
Ostseekiiste; diese Arbeit beschaftigte ihn, mit Reiseunterbrechungen nach 
Italien, zwei Jahre (1875 und 1876). 1877 arbeitete Sch. in Chioggia und 1878 
in Nordwestfrankreich und England, wo ihn Werke von Constable und Turner 
fesselten. Zuriickgekehrt, studierte er die heimatliche Natur in EBlingen und 
erwarb mit dem »Stadtgraben« 1879 in Miinchen die kleine goldene Medaille. 

Die rasch sich folgenden offentlichen Erfolge lenkten die Aufmerksamkeit 
weiter Kunstkreise auf den jungen, eigenartigen, tiichtigen Maler. Sch. wurde 
1880 als Professor fiir Landschaftsmalerei an die Kunstakademie nach Karls- 
ruhe berufen. Hier erwarb er durch seine Kunst und seine hervorragende Lehr- 
gabe sich den hochsten Ruhm und die treue Anhanglichkeit einer groBen 
Schiilerschaft, unter der Namen von hohem Klang zu finden sind. Von nun 
an wechseln Sch.s Studienplatze regelmaBig zwischen Holland und Heimat 
und auch Italien und Heimat. Den Charakter dieser drei Hauptgebiete hat 
Sch. mit zunehmender Klarheit und Wahrheit in den folgenden Jahren immer 



136 1917 

starker herausgearbeitet. 1880 malte er in Antwerpen und Vlissingen, 1881 
in Amsterdam und EBlingen, 1882 in Delft, Overschie und Dordrecht, sowie 
in Schwaben, wo er sich 1882 zu EBlingen auch verheiratete. 

Nun war der Boden fur die groBen Arbeiten in der Heimat, im Siiden und 
im Nordwesten geschaffen. Die achtziger und neunziger Jahre brachten die 
groBen, in Raum, Farbe und Stimmung dekorativen Werke, die Sch.s Namen 
ilber Deutschlands Grenzen hinaustrugen, aber zugleich auch sein Schaffen 
und Leben in Karlsruhe verwurzelten und die eigentliche Heimatkunst vor- 
bereiteten. So entstanden Overschie (1882), die Mondnacht am Neckar (1883), 
Rom (1884) und Heiligenberg fur den Fiirsten von Fiirstenberg. Dann trat 
Italien wieder in den Vordergrund mit Venedig und der Riviera, mit der er 
sich mit » Quinto at maren (1886) die groBe goldene Medaille holte. Hierauf 
entstanden neben bedeutsamen Kiistenbildern von der Riviera hollandische 
Strandbilder aus Vlissingen, Ostende und Amsterdam, deren bewegte Ge- 
staltungen das sonst ruhige Schauen und Schaffen Sch.s ins Dramatische um- 
bildeten. In die Jahre 1888/89 ^llt der Hausbau Sch.s in Karlsruhe, der nach 
eigenen Planen durchgefiihrt und schlieBlich von der Hand des Freundes 
W. Volz d. A. an der AuBenf ront mit phantastischen Fresken geschmiickt wurde. 

Die tonigen, dramatisch belebten Bilder von der Kiiste der Nordsee, der 
Riviera und des Kanals schienen noch einer Steigerung fahig zu sein. Sch. 
glaubte diese an Englands Kiistengebieten zu finden und bereiste 1890 die 
Siidkiiste, fand aber in dem regnerischen Sommer nur wenige ihm zusagende 
Motive. Von Ventnor und Clovelly und Isle Fracombe brachte er Stoff zu 
einigen Bildern mit. Die folgenden drei Jahre galten der venezianischen 
Lagune (1891) und der Riviera (1892 und 1893). Namentlich der Aufenthalt 
auf Castello di Paraggi bei Montefino war ertragreich. Sch. erreichte in diesem 
Winteraufenthalt die hochste Steigerung im Farbigen und Dekorativen 
(Meeresufer, Castello di Paraggi, Punta di Madonetta, S. Fruttuoso, Bei 
Montefino usw.). Aber die nachstfolgenden Jahre boten im Studium der nahen 
Heimat ein Gegengewicht gegen diese starkfarbige, oft an Bocklins Farben- 
freudigkeit und Stimmungsfulle gemahnende Malerei. Sch. schlagt in den 
Jahren 1894 und 1895 erstraals die Tone einer groBziigigen und intimen 
Malerei an: die Studien zum Bild »StraBburg i. E. « und »Rothenburg« fur 
den Reichstagssaal und zu »Besigheim« entstehen und werden zum Teil aus- 
gearbeitet, so daB 1897 »StraBburg« in seiner monument alen und zugleich 
mythisch-topographischen Fassung abgeliefert werden konnte. Dasselbe Jahr 
lieB auch, nachdem Studien in Neapel, Capri, Sorrent, Amalfi, Rom und 
Genua eindringlich intime Werke dieser siidlichen Welt hatten entstehen 
lassen, das in Sch.s Heimatkunst entscheidende Werk heranreifen, das 1899 als 
» Heimat « den vollen Zauber seiner intimen Landschaftsauf fassung entfaltet. 

Die nachfolgenden Jahre sind dem eindringlichen Studium der siiddeutschen 
Heimat (Kocher-, Jagst-, Neckar- und Donautal), sowie der flamischen Kiiste 
bei La Panne und Sluis gewidmet. Hier vollendet Sch. die wundervoll spre- 
chende Darstellung einzelner Schiffskorper, die wie lebende Wesen im Wasser 
und im Schlick stehen. Dort werden jene ganz einfachen, naturgegebenen 
Motive in die Bildform gebracht, die nur durch die technische Sprache der 
bald zeichnerischen, bald malerischen Behandlung in die Poesie des Aus- 
drucks gehoben werden. Sch. faBt mit diesen Werken die dichterische Art der 



Schonleber 13 7 

Uhland, Kerner und Morike in seiner Kunst zusammen; »Zwischen Himmel 
und Erde« (1903), Dinkelsbuhl (1903), Sersheim (1904), Friihling in Sersheim 
(1906). Wahrend der Studien in der Heimat und in Italien kam der Auftrag 
an ihn, die den stromtechnischen Unternehmungen am Oberrhein zum Opfer 
fallenden Laufenburger Schnellen noch ins Bild zu retten. Sch. entsprach dem 
seitens der badischen Regierung geauBerten Wunsche und gewann nunmehr 
dem Oberrhein, den er zu Anfang seiner Kunstlerlaufbahn und auch spater 
ohne nennenswerte Bilderfolge besucht hatte, eine Reihe machtvoller Werke 
aus der I^aufenburger Gegend ab. Zugleich entstand das im Reichstagsgebaude 
aufbewahrte groBe »Rothenburg o. d. T. « (1907). Damit war in gewissem Sinn 
ein AbschluB erreicht. Ein beginnendes Herzleiden lieB groBe Reisen nicht 
mehr ratsam erscheinen. Nur noch zweimal ging er auf weite Studienf ahrt : 
1909 nach Italien (Florenz, Rom, Porto d'Anzio) und 1912 nach Nieuport, 
Ostende und Brugge. Sonsthin blieb er in der Nahe, zur Erholung und zum 
Studium : Ebersteinburg (1910 und 1911), Baden-Baden (1913) und ins Kocher- 
und Jagsttal (1914). Von 1910 — 1914 waren auch eine Reihe groBer Aus- 
stellungen zu veranstalten und zu besichtigen (Rom, Stuttgart, Berlin, Weimar, 
Jena, Miinchen usw.). Erholungsaufenthalte in Baden-Baden, im Hohenlohe- 
schen, in Lichtental und Heidelberg (1913, 1914, 1915 und 1916) fielen da- 
zwischen. Aber die Beunruhigungen wahrend des Weltkrieges, der den Sohn als 
Arzt in den Lazaretten, den Schwiegersohn an der Front forderte, und die 
iiber Karlsruhe haufigen Fliegeriiberfalle lieBen eine dauernde Genesung nicht 
mehr zu. Am 1. Februar 1917 erlag Sch. seinem Herzleiden. Gedachtnis- 
ausstellungen in Karlsruhe 1917, Stuttgart 1918 usw. offenbarten noch ein- 
mal den Reichtum und die Vielseitigkeit des Sch.schen Konnens. 

Sch.s Kunst ist eine vollig selbstwtichsige und eigenartige Sache. Man kann 
seine Werke weder der Heimatkunst, noch der dekorativen Landschaft, noch 
der historischen, stilistischen oder der naturalistischen oder poetischen Land- 
schaftskunst zuschreiben, obgleich sie Elemente aus jeder dieser kiinstlerischen 
Gestaltungsweisen hat. Es sind, kurz gesagt, durch Form, Farbe und Raum 
verklarte Naturbetrachtungen, die ganz aus dem Erleben und aus der Ge- 
staltungsweise des Meisters herausgewachsen sind und sich von den zeitlichen 
Richtungen und Malweisen fernhalten. 

Im Technischen des Bildaufbaues und des Farbenauftrags hat Sch. groBe 
Wandlungen durchgemacht, ohne je sein Personliches aufzugeben. Von einem 
anfanglich fast breiten und pastosen Farbenauftrag ging er nach und nach 
zur sparsamen, hauchartigen und oft zeichnerisch wirkenden, verschmolzenen 
Malweise iiber. Aus dem Wechsel und Gegensatz von kalten und warmen 
Farben stellte er in jedem Bildzustand eine Harmonie her, die durch die 
Ausgewichtung der Massen und Farbflecken wohllautend zum Beschauer 
spricht. Beschaulichkeit und Harmonie der Farben sind die Grundsteine der 
Sch.schen Kunst. 

Sch. war Mitglied der Berliner, Miinchener und Dresdener Akademien. Aus- 
stellungsmedaillen erster Klasse hatte er in Berlin, Miinchen und Wien und 
auf allerhand kleineren Ausstellungen erhalten. 

Von seinen Werken sind in offentlichem Besitz in Berlin (Nationalgalerie, Reichstag), 
Breslau (Schles. Museum), Krefeld (Kaiser-Wilhelm-Museum), Darmstadt (L,andes- 
museum), Dresden( Galerie), DiisseJdorf (Stadt. Kunsthalle), Frankfurt (Stadelsches 



138 1917 

Institut), Freiburg i. B. (Stadt. Samnilungen), Hamburg (Kunsthalle) , Hannover 
(Provinzialmuseum), Karlsruhe (Landeskunsthalle), Mannheim (St. Kunsthalle), 
Miinchen (Neue Pinakothek), (Miinster (Westf. Museum), Stuttgart (Galerie), Wien 
(Mod. Galerie). Das meiste ist in Privatbesitz in Deutschland, Osterreich, Italien und 
Amerika. 

Der kiinstlerische NachlaC befindet sich bei Frau Professor Dr. Sch. in Stuttgart. 

Literatur: Beringer, J. A., Bad. Malerei, Karlsruhe 1922. — Monographic: Jos. A. 
Beringer, G. Sch., Karlsruhe 1924. — Fr. Pecht, Kunst f. Alle, is.Februar 1891. — 
A. Rosenhagen, Velhagen & Klasings Monatshefte 1901. — O. Reutter, Die weite Welt 
1901. — W. Schafer, Rheinlande 1906. — A. Spier, Die Kunst unserer Zeit 1909. — 
A. Dobsky, Reclams Universum 191 1. — C. Storck, Tiirmer 1912. — A. Dobsky, Leipz. 
111. Zeitung 191 3. — A. Spier, Kunst fur Alle 191 5. — J. A. Beringer, Deutsche Kunst 
und Dekoration 1917. — H. O. Schonleber, Wiirttemb. Nekrolog, Archiv. — J. A. Be- 
ringer, Skizzenbuch II, 1925, Stuttgarter Kunstverlag, sowie die Ausstellungskataloge 
191 1 (Karlsruhe), 191 2 (Stuttgart), 191 7 (Karlsruhe) und 19 18 (Stuttgart). 

Mannheim. Jos. Aug. Beringer. 

Schroder, Richard Karl Heinrich, o. Professor der deutschen Rechtsgeschichte 
in Heidelberg, * am 19. Juni 1838 zu Treptow in Pommern, f am 3. Januar 1917 
in Heidelberg. — Richard Sch. war neben vier Schwestern der einzige Sohn 
des leitenden Richters am Land- und Stadtgericht seiner Heimat, Kreisjustiz- 
rat Sch., und dessen Ehefrau Ida, geborene Kolling. Das schwachliche Kind 
durchlebte eine gliickliche erste Jugend im sonnigen Elternhause. Der Knabe 
besuchte die Stadtschule in Treptow, wo er ein Liebling von Fritz Reuter ward, 
der seinem Vater nach Art und Gesinnung verwandt war ; zeitlebens gedachte 
Sch. dankbar Fritz Reuters, von dem er die Liebe zur Volkssprache empfing, 
die dann in Sch.s Hingabe an die deutschen Quellen des Mittelalters wieder- 
klingt. Die Schulzeugnisse ruhmen den FleiB und das musterhafte Betragen 
des Schulers. Von 1851 bis 1857 besuchte Sch. das Gymnasium Anklam. Sein 
Knabenwunsch war, Naturforscher zu werden. Doch sammelte er schon als 
Gymnasiast Miinzen und begeisterte sich fiir die deutsche Vergangenheit am 
Nibelungenlied. Abiturient geworden, wollte Sch. anfanglich in Bonn Jura 
und daneben bei Simrock deutsche Philologie studieren, wandte sich dann 
aber doch ausschlieBlich der Rechtswissenschaft zu. Seine juristischen Stu- 
diensemester verbrachte er 1857 bis J868 in Berlin, einzig unterbrochen im 
Sommer i860 durch ein Semester in Gottingen, wohin ihn das Seminar von 
Georg Waitz lockte. Schon in Berlin hatte Sch. neben den juristischen Vor- 
lesungen philologische und historische Kollegien besucht, Gotisch bei H. F. 
MaBmann, mittelhochdeutsche Dichtung bei Moritz Haupt gehort. Von des 
letzteren Vorlesung iiber die Germania des Tacitus fuhlte er sich besonders 
angezogen; noch in spaten Jahren in Heidelberg hat er dieselbe, zusammen 
mit dem Philologen Zangemeister, in einem reizvollen Doppelkolleg zu neuem 
Leben erweckt. Die wissenschaftliche Grundrichtung nach dem deutschen 
Recht hin gewann Sch. bei v. Richthofen, Homeyer und Beseler; Beseler, den 
Systematiker des deutschen Privatrechts und warmherzigen Patrioten, be- 
trachtete er spater als seinen eigentlichen Lehrer, zu dessen FuBen gleichzeitig 
mit Sch. auch Otto v. Gierke (s. DBJ. 1921, S. in) saB. Vor allem aber durfte 
Sch. in Berlin Jakob Grimm nahertreten ; von diesem fiel, um mit K. v. Amiras 
Worten zu reden, »aus der Abendrote der germanistischen Heroenzeit ein 
letzter Strahl auf seine wissenschaftliche Entwicklung«. 



Schonleber. Schroder 130, 

In Berlin wurde Sch. unter Beselers Dekanat 1861 zum Dr. jut. promo viert. 
Es folgte eine zweijahrige praktisch-juristische Lehrzeit in Berlin und Stettin, 
das erste Jahr war auBerdem durch den Militardienst als Einjahrig-Freiwilliger 
ausgefullt. Schon in diese praktischen Vorbereitungsjahre reichen aber die 
rechtsgeschichtlichen Erstlingsarbeiten herein; damals wurde Sch. der Ge- 
hilfe von J. Grimm bei der Sammlung der Weistumer. Die akademische Lauf- 
bahn erschloB sich dem Funfundzwanzigjahrigen 1863 zu Bonn durch seine 
Habitation fur deutsches Recht, in dessen geschichtlichen und praktischen 
Fachern. Sie brachte Sch. in raschem Zuge voran. Er wurde 1866 Titular- 
extraordinarius und stieg bereits 1870 an der rheinischen Hochschule zum 
o. Professor auf . 1872 wurde er als Nachfolger Dahns nach Wiirzburg be- 
rufen ; er blieb seiner, der bayerischen Regierung gegebenen Zusage, dorthin zu 
gehen, treu, trotzdem ihn unmittelbar darauf Angebote von StraBburg und 
selbst von Berlin trafen. Ulrich Stutz berichtet als Zeugnis fiir Sch.s Be- 
scheidenheit, er habe im Alter geauBert, »die Rollen seien damals wohl richtig 
verteilt worden«. Gluckliche Jahre am frankischen Main waren jedenfalls sein 
nachster Lohn. Noch dreimal hat dann Sch. seine Wirkungsstatte gewechselt. 
Er zog 1882 doch an die junge Reichsuniversitat StraBburg und folgte 1885 
einem Ruf nach Gottingen. Nach der »wunderschonen Stadt« hatte ihn sein 
vaterlandisches Herz gelockt, nach Gottingen das Ansehen der Hochschule 
und die Erinnerung an die eigene Studentenzeit. In StraBburg war er Heinrich 
Brunners mittelbarer Nachfolger und R. Sohms (s. unten S. 150 ff.), seines 
naheren Landsmannes, Kollege; in Gottingen ersetzte er H. Tohl, den Be- 
griinder des Handelsrechts. Als O. Gierke 1888 von Heidelberg nach Berlin 
ging, riickte Sch. an seine Stelle. t)ber 50 Lehrsemester waren ihm hier noch 
beschieden. Als »der Heidelberger Schroder « zumal hat er seinen Ruhm be- 
grundet, mit Heidelberg und dem geistig regsamen badischen Staatswesen 
und Volkstum ist er eng verwachsen. Hier wurde der Vielgewanderte seBhaft. 
Tausende junger Juristen horten ihn hier und verehrten ihn. Mitten heraus 
aus seinem akademischen Wirken und Schaffen ist Sch. nach kurzem Kranken- 
lager zu Beginn 1917 von uns gegangen. 

Die Bedeutung Sch.s griindet sich auf den Reiz seiner Personlichkeit, auf 
seine Qualitaten als akademischer Lehrer, auf seine rastlose Forschertatigkeit. 

Dem Reiz der Personlichkeit erschlieBt sich zuerst der junge Musensohn. 
Von Sch. ging dieser Reiz in hohem Grade aus, das ist das ubereinstimmende 
Urteil aller. In ihm paarte sich der Ernst des Gelehrten mit der Giite des 
Lehrers und der schlichten Art eines frohgemuten Menschen. Mit Gliicks- 
giitern zeitlebens nicht gesegnet, muBte Sch. sich seine Stellung im Iveben 
durch unausgesetzte Arbeit erringen. Von Anbeginn darum seine ausgedehnte 
Lehrtatigkeit. Schon in Bonn wurde sein urspriinglicher Lehrauftrag auf 
preuBisches Landrecht erweitert, auBerdem vertrat er mehrere Jahre an der 
Akademie Poppelsdorf das Iyandwirtschaftsrecht fiir die angehenden rhei- 
nischen Landwirte. In Wiirzburg las er mehrere Jahre auch Kirchenrecht. 
Erst das Aufsteigen in bessere Gehaltsstufen machte seine Hande freier fiir 
die Forschertatigkeit. Manchmal hat er sich zuviel zugemutet und muBte noch 
am Ende seiner Gottinger Zeit infolge Uberanstrengung ein Jahr aussetzen. 

Die Freude an arbeitsreicher Pflichterfiillung iibertrug Sch. auf seine Horer. 
Dazu kam anderes. Ein warmfiihlendes deutsches Herz in des Germanisten 



140 1917 

Bnist ist vielleicht eine Selbstverstandlichkeit. Der religiose Grundton seines 
Wesens paarte sich in dem iiberzeugten Protestanten, der noch in Heidelberg 
Mitglied der badischen Kirchensynode wurde, mit Toleranz gegen Anders- 
glaubige; aller Kulturkampferei war er abhold. Seiner politischen Gesinnung 
nach war Sen. ein rechtsgerichteter Liberaler burschenschaftlicher Pragung 
mit einem SchuB Demokratie, den ihm Fritz Reuter vererbt hatte. Er hielt 
schon 1873 in Wiirzburg im Verein fur Volksbildung Vortrage. In Heidelberg 
stand er jahrelang an der Spitze der Organisation des Roten Kreuzes zur Heran- 
bildung freiwilliger Krankenpfleger. 

Sein bescheidenes Wesen wurde durch auBere Ehrungen nicht uberheblich. 
PreuBische, badische und bayerische Orden zierten seine Brust. Hoher standen 
ihm wissenschaftliche Anerkennungen. Er wurde 1892 korrespondierendes 
Mitglied der bayerischen, 1895 auswartiges Mitglied der hollandischen, 1900 
korrespondierendes Mitglied der Berliner Akademie, 1909 bei Begriindung der 
Heidelberger Akademie, wie sich von selbst verstand, auch deren ordentliches 
Mitglied. 1893 verlieh ihm seine alte Gottinger Universitat die Wiirde eines 
Dr. phil. h. c, 1908 die Universitat Miinster den Dr. rer. pol. h. c. Daneben 
zollten ihm historische und andere Vereine ihren Dank durch Cbertragung der 
Ehrenmitgliedschaft. 

Niemals Einganger, war Sch. von Jugend auf Optimist in der Beurteilung 
seiner Mitmenschen, gern schloB er Iyebensfreundschaften. DaB ihn solche mit 
den fuhrenden Mannern seines eigenen Fachs verbanden, war sein besonderes 
Gliick. Kein schonerer Beweis fiir seine groBe Auffassung der Freundschaft 
als die Tatsache, daB Sch., als er mit H. Brunner (s. DBJ. 1914 — 1916, S. 119 ff.) 
im Wettlauf an einer Gesamtdarstellung der deutschen Rechtsgeschichte ar- 
beitete, dem Freunde die eigenen Druckbogen zur Verwertung fiir die Zwecke 
des Konkurrenzwerkes zugesandt hat. 

Aus der religios-sittlichen Grundlage von Sch.s Lebensfiihrung entsprang 
jener heitere Frohmut, der Sch. zeitlebens auszeichnete ; darin ganz besonders 
fiihlte er sich als Schiiler Reuters. Schon als krankelnder Knabe hatte er die 
Schlagfertigkeit des Witzes gelernt, mit dem er das Hanseln seiner Kameraden 
quittierte. Zu Heidelberg hob sich in den letzten Jahrzehnten seines Lebens 
gegenuber der uberschaumenden Lebenslust der Pfalzer sein niederdeutscher 
Humor oft prachtig ab. Im Kolleg und in geselliger Unterhaltung brach er 
iiberall durch und erfreute die anderen. Viele Scherzgeschichten von ihm und 
iiber ihn machten die Runde und leben heute noch ; selbst wenn sie ans Derbe 
und Burleske grenzten, konnte sie ihm niemand veriibeln. 

Allem Luxus abhold, liebte der bei einfacher Lebensfiihrung doch so gebe- 
freudige Mann zeitlebens die Formen gemiitlicher Geselligkeit. Er war im 
iibrigen zufrieden, wenn ihm das Leben fiir des Lebens Notdurft reichte. 
Ein riihrender Zug seines treuen Familiensinns spiegelt sich in der Tatsache, 
daB er, als sein Vater 1869 infolge einer Biirgschaft wider Erwarten iiber- 
schuldet verstarb, jahrelang die nicht groBen Einkiinfte seiner Professur mit 
dazu verwandte, diese Schulden des Vaters zu tilgen. Eine seltene Eignung 
fiir Hauslichkeit zeichnete Sch. aus. Nachdem ihm seine erste Gattin, eine 
Offizierstochter, die er als junger Berliner Student kennengelernt und nach 
Jahren brautlichen Wartens 1866 heimgefiihrt hatte, friih gestorben war, 
trauerte er der Toten elf Jahre nach und war indessen seinen Kindern ein 



Schroder 141 

treusorgender Vater. Erst 1895 fand Sch. in der Witwe seines Verlegers Saunier 
von Stettin ein zweites Lebensgliick an der Seite einer alten Jugendliebe. 
Wiederum war es eine ideale Heirat, die die vaterliche Fiirsorge fur die Stief- 
kinder seinem schon vorher nicht leichten hauslichen Pflichtenkreis hinzu- 
fiigte. 

Fiir jeden Studenten hatte Sch. ein offenes Herz. Er schuf seine Werke 
nicht in weltentriickter Einsamkeit eines genialen Geistes; lebensnah blieb 
er stets ein Lernender nnd darum ein Freund der Jungen. Darum war er 
auch kein Diktierprofessor, sondern schopfte in der Vorlesung mit Vorliebe 
frei aus dem Erlebten und in sich Aufgebauten. Dabei konnte es seinem 
Temperament passieren, dafl er sich vertat; das genierte ihn nicht, sich vor 
seinen Studenten selbst zu verbessern. Da er alien etwas bieten wollte, hielt 
er seine Vorlesungen so, dafi sie der Durchschnittsstudent mit Gewinn auf- 
nahm. Nur die Unfertigkeit der Verhaltnisse in StraBburg und die Sprodig- 
keit der Niedersachsen in Gottingen schien ihm voriibergehend den vollen 
Lehrerfolg zu versagen. Ganz als freundlicher Lehrer gab er sich in seinen 
Ubungsvorlesungen. Aus ihnen erwuchs eine seiner wertvollsten Veroffent- 
lichungen, die »Urkunden zur Geschichte des Deutschen Privatrechts«, die 
er in Bonn zusammen mit dem Freunde H. Loersch angelegt hatte und die 
1874 als Festgabe fiir Waitz erschien. So besafl Sch. alle Eigenschaften eines 
akademischen Lehrers. 

Sch.s Forschung baute sich in klarer Gliederung auf. In ihrem AusmaB ist 
sie ein Denkmal des Selbstvertrauens, der Beharrlichkeit und nie versagenden 
GelehrtenfleiBes. Von einem wichtigen Einzelgebiet der Rechtsgeschichte ging 
Sch. aus, als Synthetiker des Fachs beschloB er, vielfach bewahrt, sein reiches 
Leben. Obwohl nicht ohne philologische Bildung, beschrankte sich Sch. im 
wesentlichen auf die Rechtsgeschichte der deutschen Stamme. Er zog zwar 
das angelsachsische Recht in seinem Erstlingswerk mit heran, iiberlieB aber 
die Pflege des nordgermanischen Rechts anderen. Seit den Bonner Jahren 
zeigte Sch. lebhaftes Interesse auch fiir die westlichen Grenzgebiete, schon 
seit seiner Studentenzeit hatte er auf seiner akademischen Wanderung iiberall 
Beziehungen zur landesgeschichtlichen Forschung gefunden. Er gehorte von 
Anfang an der Gesellschaft fiir rheinische Geschichtskunde an. Er war Mit- 
begriinder der Badischen Historischen Kommission, bei der er die Heraus- 
gabe der Oberrheinischen Stadtrechte anregte und dabei selbst mitarbeitete. 
Seine rechtsdogmatischen Interessen galten vor allem dem deutschen Privat- 
recht, nachstdem dem Handelsrecht und Seerecht. Je tiefer er aber ins Leben 
hereinkam, um so ausschlieBlicher wurde er ein fiihrender Forscher auf dem 
Gebiet der deutschen Rechtsgeschichte. 

Eine Preisaufgabe der Berliner Juristenfakultat, von Beseler gestellt, hatte 
dem jungen Sch. den Weg zu seiner Forschung liber die Entwicklung des 
ehelichen Guterrechts gewiesen. Die Preisaufgabe handelte von der Bedeu- 
tung der Dos in den Volksrechten. Unter dem bescheidenen Kennwort 
• Lehrstiick ist kein Meisterstiick« hatte sie Sch. der Fakultat eingereicht und 
damit den Preis errungen. Die bei seiner Promotion gelieferte Interpretation 
vom Sachsenspiegel-Landrecht III, 73, § 1, die dann 1863 in Bonn zur 
Probevorlesung erweitert wurde und 1864 unter dem Titel »Zur Lehre von 
der Ebenburtigkeit nach dem Sachsenspiegel« erschienen ist, fuhrte Sch. zu 



142 1917 

den Standefragen und zum beriihmten Rechtsbuch des Mittelalters. Dieser 
doppelte Vorgang beleuchtet, wie sehr schon dem jungen Sch. die Fahigkeit 
eignete, auf fremde Anregungen einzugehen und darauf weiterzubauen ; es 
war jene geistige Beweglichkeit, die Sch. spater zum gewissenhaften Mentor 
der Entwicklung einer ganzen Wissenschaft gemacht hat. 

Allezeit stand fur Sch. die Herausarbeitung der Forschungsergebnisse un- 
mittelbar aus den Quellen im Vordergrund, in zweiter Linie zog er darum 
nicht weniger gewissenhaft die Literatur heran. So hatte er es bei Waitz 
gelernt. Aber wie niemand Rechtshistoriker sein kann, ohne die Quellen zu 
kennen und immer wieder vorzunehmen, so kann sich auch kein Rechts- 
historiker der Bereitstellung der Quellen aus dem gedruckten, mehr noch 
aus dem ungedruckten Material ganz entziehen, zumal in Sch.s Lebenszeit, 
die gerade damit beschaftigt war, eine Fulle unbekannter Quellen aus den 
Archiven zu heben. Auch Sch. nahm an dieser Herausgebertatigkeit Anteil, 
ja er begann damit sehr friih. Wir vernahmen, wie der junge Doktor den 
greisen J. Grimm bei der Herausgabe der Weistiimer, jenen vielgestaltigen 
Denkmalern des Rechts von Dorfern und Grundherrschaften, unterstiitzt hat. 
Kurz vor seinem Tod handigte Grimm 1863 dem eben nach Bonn ziehenden 
Privatdozenten das Material fur Band V der Weistiimer aus. Die damals be- 
griindete bayerische Historische Kommission betraute dann Sch. damit, unter 
G. L. v. Maurers Leitung das Weistiimerwerk zu Ende zu fuhren. In sechzehn- 
jahriger Arbeit hat Sch. das Vermachtnis des groBen Meisters erfullt, zwei 
Bande Text und in Band VII die umfassenden Namen- und Sachregister her- 
gestellt, die letzteren in ihrer Kleinarbeit der unentbehrliche Schliissel zu dem 
reich aufgestapelten Material des Gesamtwerkes. Wiederholt hat Sch. diese 
» iiber jede Beschreibung muhseligen Register «, ein Sisyphuswerk von 418 Seiten, 
als die starkste Arbeitsleistung seines Lebens bezeichnet. Die Weistiimerarbeit 
wirkte in Bonn auch noch nach anderer Richtung; hier gab Sch. Clevesche 
und andere niederrheinische Rechtsquellen heraus und kam damit dem hoi- 
landischen Quellenkreis und den dortigen Rechtshistorikern nahe. Sch.s Mit- 
arbeit an den oberrheinischen Stadtrechten wurde schon gedacht; seit die 
badische Historische Kommission 19*10 auch den Plan der Herausgabe badi- 
scher Weistiimer faBte, bildete dessen Forderung Sch.s besondere Hoffnung 
und Freude ; auf die Arbeit am Rechtsworterbuch, das gleichf alls eine Quellen- 
erschlieBung groBten Stiles werden sollte, ist noch zuriickzukommen. 

Seinen Namen als Rechtshistoriker von Rang hat Sch. durch zwei Haupt- 
werke, die in vier Teilen herausgebrachte »Geschichte des ehelichen Giiter- 
rechts in Deutschland« und sein »Lehrbuch der deutschen Rechtsgeschichte*, 
begriindet. Das erstere Werk ist im ganzen heute noch nicht libertroffen, es 
hielt Sch. in Bonn und Wiirzburg neben der Weistiimerarbeit in Atem. Aus- 
gebreitete Quellenkenntnis befahigte ihn zu dem Wagnis, von Beseler und 
Waitz hatte Sch. den Hinweis auf die hohe Bedeutung der Urkunden, als 
Niederschlag der Praxis, gerade fiir die Bearbeitung eines derartigen Gebietes 
empfangen. Um Sch.s Rechtsgeschichte des Ehegiiterrechts gerecht zu be- 
urteilen, mufl man, worauf Stutz aufmerksam macht, beachten, daft die An- 
lage des Werkes zeitlich vor den entscheidenden Forschungen iiber die Ehe- 
schlieBung liegt, die durch Friedberg und Sohm veranlaBt wurden. Man muB 
auch bedenken, wie ungeklart damals noch die Grundlagen des alteren deut- 



Schroder 1 43 

schen Schuld- und Haftungsrechts waren, die in EheschluB und Ehevertrag 
doch iiberall hineinragen. 

Aus der Berliner Preisarbeit war Band I des Werkes, die Zeit der Volks- 
rechte umfassend, geworden, 1864 als Habilitationsschrift erschienen. Unter 
Verzicht auf die Heransarbeitung eines einheitlichen Urgiiterrechts, stellte 
hier Sch. das Gebiet, wie es in der Verschiedenheit der Stammesrechte im 
frankischen Zeitalter in die historische Erkenntnis eintritt, dar. Das Mundial- 
guterrecht, ein AusfluB der vormundschaftlichen Stellung des Mannes iiber 
die Frau, von Sch. nicht ganz glucklich mit dem seitdem herrschend gewor- 
denen Ausdruck »Verwaltungsgemeinschaft<< bezeichnet, hatte Sch. in seiner 
iiberragenden entwicklungsgeschichtlichen Bedeutung wohl erkannt. Den 
zweiten Teil des Werkes, das deutsche Mittelalter umfassend, gliederte Sch. 
bei der Fulle des Stoffes nach Landschaften in drei Unterteile. Davon war 
Teil I 1868 erschienen, eine fast vollige Neuschopfung, die das mittelalterliche 
Ehegiiterrecht Siiddeutschlands einschlieBlich von Osterreich und der Schweiz 
darstellte. In Teil III, 2 (erschienen 1871) behandelte Sch. die frankischen 
Rechte mit ihren oberrheinischen Auslaufern; Teil II, 3 beschloB 1873 das 
Werk mit der Darstellung der norddeutschen Giiterrechte des Mittelalters 
von den Niederlanden bis zum Baltikum. Der ausbleibende buchhandlerische 
Erfolg verleidete dem Verleger und Sch. selbst die Ausfuhrung eines urspriing- 
lich geplanten III. Teiles, der die Entwicklung des ehelichen Giiterrechts von 
der Rezeption des romischen Rechts bis zur Neuzeit behandeln sollte. Sch. 
trostete sich mit der relativen Diirre dieser Rechtsperiode der Romanisierung 
und der Erstarrung. GewissermaBen als Ausklang bot Sch. ein Gesamtbild in 
einer Abhandlung der Historischen Zeitschrift: »Das eheliche Giiterrecht und 
die Wanderungen der deutschen Stamme im Mittelalter* (1874). Dagegen 
plante Sch. noch 1874 ein dogmatisches Werk iiber das geltende eheliche 
Giiterrecht und machte sich begriindete Hoffnung, fur diesen Abschnitt des 
Familienrechts in die Kommission zur Ausarbeitung des Biirgerlichen Gesetz- 
buchs berufen zu werden. Sch. legte 1874 und 1875 dem deutschen Juristen- 
tag Gutachten iiber die zweckmaBigste Ausgestaltung des ehelichen Giiter- 
rechts im neuen Reichszivilgesetzbuch vor, erlebte aber dabei eine doppelte Ent- 
tauschung: weder fand das von ihm zunachst vorgeschlagene Regionalsystem, 
das den einzelnen Landschaften ihr traditionelles Giiterrecht belassen sehen 
wollte, allgemeine Billigung; noch auch, als Sch. dem auf nationale und prak- 
tische Griinde gestiitzten Drangen nach groBerer Vereinheitlichung des Giiter 
rechts nachgab, sein Vorschlag, eine erweiterte Errungenschaftsgemeinschaft 
als normalen gesetzlichen Giiterstand in den Mittelpunkt des neuen Rechts 
zu stellen. So kam Sch. weder in die Kommission, noch gewann seine sachliche 
Auffassung die Oberhand, die »Verwaltungsgemeinschaft« hatte gesiegt. Doch 
geht es auf einen Antrag, den Sch. 1876 auf dem Juristentag zu Salzburg ver- 
trat, zuriick, wenn das Biirgerliche Gesetzbuch neben dem gesetzlichen Giiter- 
stand die anderen Hauptsysteme des deutschen ehelichen Giiterrechts als 
sogenanntes dispositives Giiterrecht zur Erleichterung der Ehegatten beim 
AbschluB von Ehevertragen gleichfalls normierte. Getreu seiner vornehmen 
Gesinnung hat iibrigens Sch. auch weiterhin die Arbeiten am Entwurf zum 
Biirgerlichen Gesetzbuch durch Einzelaufsatze befruchtet und es 189 1 auf 
dem Juristentag durchgesetzt, daB die Verwaltungsgemeinschaft, statt in der 



144 I9I 7 

romanistischen Gestaltung des sachsischen Biirgerlichen Gesetzbuchs in einer 
mehr deutschrechtlichen Formulierung ausgestaltet wurde. Auch der Ein- 
biirgerung des neuen Rechts leistete der Meister des ehelichen Giiterrechts 
durch eine gemeinverstandliche, wiederholt aufgelegte Darstellung des letz- 
teren, wie es Gesetz geworden war, gute Dienste. Aber der Plan einer dog- 
matischen Darstellung des geltenden Ehegiiterrechts war von Sch. iiber den 
gemachten Erfahrungen endgiiltig begraben worden. 

An Fragen des geltenden Rechts interessierte Sch., wie schon angedeutet, 
auBer dem ehelichen Guterrecht hauptsachlich das Handels- und Seerecht. 
Seine Textausgabe des Handelsgesetzbuches, eine Frucht der Bonner Jahre, 
erlebte zahlreiche Auflagen; in zwei derselben lieB er das Buch als ^Corpus 
juris civilis fur das Deutsche Reich und Osterreich, erster Teil« hinausgehen 
und lieB diesem ersten Teil 1877 in einem Teil 2 die privatrechtlichen Neben- 
gesetze beider Reiche folgen. Dem Verfechter des deutschen Privatrechts 
schwebte damit der in unseren Tagen wieder aufgenommene Plan vor, durch 
solche Zusammenfassung die innere Zusammengehorigkeit des deutschen und 
des osterreichischen Rechts zu pflegen. Mit besonderer Liebe, die sich auch 
im Handelsrechtskolleg auBerte, gab sich Sch. als Mann von der Waterkant 
den seerechtlichen Fragen hin, in deren Nonnenwelt so viel altdeutsches Recht 
enthalten ist ; fur W. Endemanns Handbuch des Handelsrechts bearbeitete 
er 1882 bis 1884 eine groBere Anzahl seerechtlicher Kapitel in mustergultiger 
Darstellung. 

Von der Geschichte des ehelichen Giiterrechts aus aber reifte in Sch. das 
zweite Hauptwerk, das seinen Namen in den weitesten Kreisen bekannt machte, 
das »L,ehrbuch der deutschen Rechtsgeschichte«. Wohl hat Sch. vor und nach 
seinem Erscheinen noch wiederholt rechtsgeschichtliche Einzelfragen behan- 
delt, die ihm teils, wie die Abhandlung iiber die Erbsalzer zu Werl (1872), 
aus Rechtsgutachten auf landesrechtsgeschichtlichem Gebiet erwuchsen, teils 
aber auch wissenschaftlicher Neigung entsprangen: so die Arbeiten (1867 bis 
1870), in denen er als Freund der Literaturdenkmaler, einer Anregung 
Simrocks folgend, die deutsche Dichtung des Mittelalters in den Dienst der 
Rechtsgeschichte zog, oder seine Heidelberger Rektoratsrede iiber die deutsche 
Kaisersage (1891); so seine verschiedenen Beitrage zu den Rechtsbiichern 
(1869 — ^9 2 )» von denen ihn besonders der Sachsenspiegel und die im Halb- 
dunkel der Vergangenheit verschwimmende Gestalt Eikes v. Repkow anzogen. 
Zu den komplizierten Fragen der sachsischen Gerichtsverfassung und des 
Standewesens nahm Sch. (1884) in einem seiner reifsten Aufsatze Stellung, 
der als StraBburger Festgabe fur G. Beseler erschien. Als Otto v. Zallinger die 
Standegliederung Eikes in ihrer Realitat in Zweifel zog und darin eine sub- 
jektive standerechtlich interessierte Spekulation des Verfassers des Rechts- 
buchs vermutete, fand er bei Sch. wohl iiber Gebiihr Zustimmung. Noch in 
den letzten Zeiten seines Lebens hat Sch. bei der Neubearbeitung seines Lehr- 
buchs fur die 6. Auflage kaum einem anderen Gebiet ein so lebhaftes Interesse 
zugewandt, wie den Fragen der sachsischen Standegeschichte und Gerichts- 
verfassung. Sch.s lebhaftem Sinn fur Symbol und Wort im Recht entsprangen 
seine Arbeiten zur Roland-Forschung (1890 — 1906), in denen es freilich frag- 
lich erscheint, ob er der sogenannten Spieltheorie von Heldmann und Jostes 
gerecht wurde, sowie seine Aufsatze zur Bedeutung der Marktkreuze, die ihn 



Schroder 145 

im Streit der Stadtrechtstheorien an die Seite der Marktrechtstheorie und 
damit an die Seite seines Freundes Sohm drangten. Zu der Ausgabe von 
K. Zeumers frankischen Urkundenformeln steuerte Sch. wertvolle Beitrage 
bei (1883 — 1892), die vor allem dem Wirken des Erzbischofs Arno von Salz- 
burg galten. 

Doch waren alle diese und andere Arbeiten, von denen noch Sch.s Unter- 
suchungen zum frankischen Recht, Vorstudien zu einem geplanten Werk 
iiber die Franken, genannt seien, die in der Abhandlung »Die Franken und ihr 
Recht* (1881) ihre Bekronung fanden, Parerga zu Sch.s Deutscher Rechts- 
geschichte. Die Anregung zur letzteren kam ihm schon in den Bonner I^ehr- 
jahren von keinem Geringeren als von Friedrich Althoff ; begonnen hat Sch. 
mit der Ausarbeitung in StraBburg, in der auptsache fertiggestellt wurde 
das Werk in Gottingen, vollendet in Heidelberg. 

Es war ein einzigartiges Zusammentreffen, daB, wie schon bemerkt, zwei 

so angesehene Forscher, ' . Brunner und Sch., zu gleicher Zeit demselben Ziele 

zusteuerten. Sicherlich war von beiden Brunner der groBere und scharfsinnigere. 

Aber wahrend dieser von Anfang an auf ein universales Handbuch abzielte, 

fur das er dann nur die der germanischen und frankischen Zeit — auch letztere 

mit AusschluB des Privatrechts des Zeitalters — gewidmeten Bande vollenden 

durfte (s. a. a. O., S. 123), gelang Sch. der Wurf, das Ganze der deutschen 

Rechtsgeschichte bis herab zur Schwelle der Gegenwart zu meistern. Wohl 

lag auch bei ihm von vornherein das Schwergewicht der Darstellung in den 

mittelalterlichen Perioden der nationalen Rechtsentwicklung. In den folgen- 

den Auflagen aber beseitigte er immer mehr das Skizzenhafte, das zunachst 

seiner Darstellung der Rechtsgeschichte der Neuzeit anhaftete. 

Durch sein I^ehrbuch war der Jurist Sch. mit einem Schlag auch in den 
Kreisen der Historiker beruhmt, war sein Buch ein unentbehrliches Hand- 
werkszeug aller rechts- und verfassungsgeschichtlichen Forschung geworden 
und hat diese Geltung dank der nie rastenden Verbesserungsarbeit seines Ver- 
fassers bis iiber dessen Tod hinaus behalten. Dieses Buch ersetzt »zugleich 
die fehlende Bibliographic der deutschen Rechtsgeschichte « bis heute. Wohl 
hat Sch.s Schmiegsamkeit gegenliber neuen Forschungsergebnissen, die doch 
das schonste Zeugnis seiner wissenschaftlichen Aufgeschlossenheit und Ehr- 
lichkeit ist, die Einheitlichkeit der Darstellung allmahlich beeintrachtigt — 
Wichtiges steht heute im Anmerkungsapparat, was bei urspriinglicher Beriick- 
sichtigung sicherlich im Text Platz gefunden hatte — , als Lebenswerk Sch.s, 
und als getreuer Spiegel der reichen Entwicklung des Fachs wird sein Lehr- 
buch stets fortleben, mag auch allmahlich die Zeit eine von Grund aus neue 
Schopfung ahnlicher Art gebieterisch verlangen. Und noch eines, worauf Ulrich 
Stutz mit Recht abhebt: die Neigung mancher Modernen, alles bisher Erarbei- 
tete in Zweifel zu ziehen, hat Sch. manchmal verbittert und ihn zum Mahner 
und Warner gemacht. Gleichwohl hat er die Grenzen maBvoller Auseinander- 
setzung, er, der personlich niemandem bose sein konnte, kaum je iiberschritten. 
AuBerungen des Zornes und der Entriistung lieB er miindlich in seinen vier 
Wanden verrauchen, stets zur Versohnung bereit und als Vermittler gern 
gesehen. v. KiinBberg berichtet, daB er »eine sarkastische Vorrede mit Hor- 
nern und Zahnen« noch kurz vor dem Druck abgemildert habe. 

Als eine groBe Geldstiftung die Berliner Akademie instand setzte, auf 
dbj 10 



I46 1917 

Heinrich Brunners und K. v. Amiras Vorschlag der Herausgabe eines Worter 
buchs der deutschen Rechtssprache naherzutreten, und dam it einem Bediirf- 
nis der rechtsgeschichtlichen Forschung abzuhelfen, erschien keiner besser 
geeignet, das neue Unternehmen zu leiten, als Sch., der Mann des Lehrbuchs 
und der feinsinnigen Forschung, der zugleich durch seine Registerarbeit an 
Grimms Weistumern den Befahigungsnachweis zur Bearbeitung eines Rechts- 
worterbuchs erbracht hatte. In der Sitzung der Berliner Akademie vom 
3./4. Januar 1897 ubernahm Sch. die wissenschaftliche Leitung. »Mit Feuer- 
eifer ging der beinahe Sechzigjahrige an die Arbeit «, so berichtet v. KiinBberg, 
der ihm bei derselben bald am nachsten stehen durfte. t)ber den Fortgang 
der Vorarbeiten, die in rasch anschwellendem Tempo die Schatze der deut- 
schen Rechtssprache in die Heidelberger Werkstatt sammelten, erstattete Sch. 
seitdem alljahrlich Bericht. Aus der Exzerptorentatigkeit, an der Sch. selbst 
ruhrigen Anteil nahm, entstand allmahlich in Heidelberg das Archiv des 
Rechtsworterbuchs mit mehr als einer Million Zetteln. Die Vollendung zogerte 
sich hin. »Hatten die Freunde urspriinglich gedacht, in zwolf Jahren das 
Werk vor sich zu sehen, so auBerten sie nach zehn Jahren nur mehr bescheiden 
die Hoffnung, vielleicht den Anf ang noch zu erleben. « Freilich war die Kraft 
Sch.s bei herannahendem Alter nicht mehr voll ausreichend, um der Arbeit 
am Rechtsworterbuch die fur seinen friiheren AbschluB erforderlichen Im- 
pulse zu geben. Sch. selbst lieB wohl den Artikel Weichbild in wiederholter 
Bearbeitung als Probeartikel erscheinen. 1912 gab er ein Quellenheft und 1914 
sogar ein erstes Heft von Band I des Werkes selbst heraus, starb aber liber 
dem durch den Kriegsausbruch verlangsamten Druck des zweiten Heftes. 
Die Arbeitsgenossen am Rechtsworterbuch hatten Sch. noch zum 70. Geburts- 
tag (1908) mit einer Sammlung »Beitrage zum Worterbuch der deutschen 
Rechtssprache « iiberrascht; es war seine groBte Geburtstagsfreude, lieB doch 
dieses Heft den Jubilar und die wissenschaftliche Welt »die Fiille und Tiefe 
der noch zu hebenden Schatze ahnen«. Aber bei seinem Tod hinterlieB Sch. 
in der Hauptsache nur den Torso des gewaltigen Zettelarchivs, dessen Be- 
meisterung im engeren Rahmen jetzt geplant ist. Gleichwohl behalt G. Roethe 
recht, wenn er dem verstorbenen Freund in den Berliner Sitzungsberichten 
nachrief : »Wie er mit ungetriibter SiegesgewiBheit den Gefahren und Schwan- 
kungen des Krieges sicheren Herzens zuschaute, so leitete ihn auch bei seiner 
Arbeit am Deutschen Rechtsworterbuch ein frohgemutes Zutrauen zum guten 
Erfolg, das er auf alle seine Freunde und Mitarbeiter ausstrahlte. Brunner 
und er haben als die eigentlichen Vater des Deutschen Rechtsworterbuchs zu 
gelten : ihr Name ist mit seiner Geschichte wurzelhaft verwachsen. « Und doch 
werden wir schlieBlich Ulrich Stutz darin recht geben, daB Sch. mehr zum 
Eigenforscher als zum Organisator geschaffen war, eine Tatsache, die Ulrich 
Stutz auch an Hand der Schicksale der Zeitschrift der Savigny-Stiftung illu- 
striert, deren deutschrechtliche Abteilung Sch. von 1886 bis 1897 geleitet hat, 
ohne daB es ihm gelungen ware, namentlich den Literaturteil zu einer voll- 
standigen und hochwertigen Uberschau der Neuerscheinungen zu gestalten. 
So wird Sch. in der Gelehrtengeschichte der deutschen Rechtsgeschichte 
als Lehrer und als Forscher von Format fortleben. Wohl iiberstrahlt ihn der 
Ruhm anderer, die zu seinen Zeiten Bahnbrechenderes auf dem Gebiet der 
Deutschen und der Germanischen Rechtsgeschichte geleistet haben. Was ihm 



Schroder. Simson 147 

aber keiner streitig macht, ist die Schopfung des Gesamtbildes seiner Wissen- 
schaft und ihres jeweiligen Forschungsstandes in den sechs Auflagen seines 
Lehrbuches, und ist der Reiz einer bedeutenden menschlichen Personlichkeit, 
deren Kardinaltugenden Gute, ein mit Frohsinn selten gepaarter Lebensernst 
und beharrlicher FleiB gewesen sind. 

Literatur: Biographisches iiber Sch.: Karl v. Amira (Jahrb.d.bayer. Akad.d.Wissen- 
schaften 1917, S. 80 — 87) ; Ernst Heymann (Deutsche Juristenztg. 1917, Spalte 206 — 208) ; 
Eberhard Frhr. v. Kiinflberg (Ztschr.f.d. Gesch. d. Oberrheins, Neue Folge, Bd. 32, 1917, 
S. 330 — 334); Ernst Landsberg (Gesch. d. dtsch. Rechtswiss. Ill 2, 1910, S. 898!.); 
K. Lehmann (Ztschr. f. d. ges. Handelsrecht, Bd. 80, 1917. S. 439 f.) ; Gustav Roethe 
(Sitzungsber. d. Berliner Akad.d.Wiss. 191 7, S. 97); Ulrich Stutz (Ztschr. d. Savigny- 
Stiftung f. Rechtsgesch., Germ anist. Ab tig., Bd. 38, 191 7, S. 1 — 45; auch separat er- 
schienen Weimar 191 7 mit Bild). 

Munchen. Konrad Beyerle. 

Simson, Paul, Professor, * am 5. Februar 1869 in Elbing, f am 6. Januar 1917 
in Danzig. — Als Sohn wohlhabender Eltern geboren, verlebte S. seine erste 
Jugend in dem schonen, freilich gegen Danzig nicht aufkommenden Elbing, 
bis Ende der siebziger Jahre seine Eltern nach Danzig iibersiedelten. Die 
Sommeraufenthalte in dem reizenden See- und Haffbadeorte Kahlberg gaben 
seiner groBen und ihn fur das ganze Leben begleitenden Freude an der Natur 
die erste Nahrung. In Danzig, das damals noch von dem jahrhundertealten 
Festungsgurtel eingeengt war, erschlossen sich den Augen des Jungen staunen- 
erregende Bilder. Die engen malerischen Gassen, die hochgiebeligen Hauser, 
die stattlichen offentlichen Gebaude und Kirchen, vor allem die Marienkirche, 
alle diese Zeugen einer groBen geschichtlichen Vergangenheit muBten in der 
Seele des aufgeweckten Knaben tiefe Eindriicke hervorrufen, die den Sinn 
fur die geschichtliche GroBe seiner neuen Heimat wecken und dauernd an- 
regen konnten. Es blieb denn auch nicht aus, daB er sich bald mit Gleich- 
gesinnten in immer fester sich gestaltender Gemeinschaft im Elternhause zu- 
sammenfand, wo man durch schriftliche Arbeiten, Vortrage mit oft recht 
stiirmischer Aussprache dem, was die Eindriicke der alten StraBen und ihrer 
Vergangenheit in den jungen Seelen angeregt hatten, Ausdruck gab. Diese 
geistige Vereinigung iiberdauerte die Schule, ja sie iibte noch in der Studenten- 
zeit ihre einigende Kraft auf die zu den Ferien heimkehrenden Musen- 
sohne aus. 

Seine wissenschaftliche Ausbildung begann im Jahre 1876 im Koniglichen 
Gymnasium in Elbing, wurde in Danzig im Koniglichen Gymnasium fort- 
gesetzt und fand ihren ersten AbschluB im Jahre 1887, wo er mit dem Reife- 
zeugnis die Schule verlieB, um sich dem Universitatsstudium zu widmen. 
Welchem Zweige der Wissenschaft, war ihm selber noch nicht recht klar. Es 
drangte ihn nur mit elementarer Gewalt hinaus, und der Vater, obgleich 
Kaufmann, legte dem mehr zum Gelehrten als zum Handelsleben veranlagten 
Sohne keinerlei Schwierigkeiten in den Weg, stellte nur die einzige Bedingung, 
daB er sich dem Lehrberufe widmen solle. So entschloB sich S. zum Studium 
der Philologie, wobei aber die Geschichte von Anfang an im Vordergrunde 
stand. Sein erstes Ziel war Heidelberg, wo er, wie er oft freudig erzahlte, die 
schonsten Monate seines Lebens verbrachte, und seine Zeit zwischen fleiBigem 



I48 1917 

Studium und froher studentischer Ungebundenheit, zwischen Kolleghoren und 
Ausfliigen in lustiger Gesellschaft in das bliihende Neckartal oder in den 
Odenwald teilte. Die zwei folgenden Semester verbrachte S. in Konigsberg 
und folgte auch hier seinem ihn im ganzen Leben treu begleitenden Drange, 
fleiBiges Studium, namentlich der Geschichte, mit Wanderungen in der Natur 
zu verbinden. 

Von Konigsberg aus besuchte er die Universitat Leipzig. Den AbschluB 
seiner Studien bildete ein Aufenthalt in Berlin im Jahre 1891. Hier promo- 
vierte er mit einer Arbeit aus der Danziger Geschichte, und zwar aus einem 
Gebiete, das ihn gleich mitten in das groBe Ringen der Stadt im sogenannten 
dreizehnjahrigen Kriege (1454 — 1466) fiihrte. 

Nach Beendigung der Studien und Ablegung des philologischen Staats- 
examens fiir Geschichte, Geographie und Deutsch, zu denen durch eine Er- 
ganzungspriifung im Jahre 1894 auch Lateinisch kam, sowie nach Ableistung 
seiner militarischen Dienstpflicht (1892/93) trat er in Danzig am 1. April 1894 
als junger L,ehrer beim Stadtischen Gymnasium ein, ging aber schon 1895 
zu dem damaligen Realgymnasium St. Petri iiber. Ihm gehorte er dann bis 
zu seinem Tode an und unterrichtete da in Geschichte, Geographie und Deutsch 
und, soweit sie in Betracht kamen, in den humanistischen Fachern. In beson- 
derer Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen wurde ihm schon im 
Jahre 1906 der Titel Professor verliehen, obgleich er seinem Alter nach noch 
lange nicht an der Reihe gewesen ware. 

Alljahrlich schiittelte er, sobald die Schulpforten sich geschlossen hatten, 
den Staub der Stadt ab und eilte in die Ferae hinaus, viele Jahre hindurch 
wie ein Zugvogel nach den Tiroler und Schweizer Alpen, von denen er nament- 
lich die ersteren nach alien Seiten durchstreifte. Andere Reisen fuhrten ihn 
durch die freundlichen Stadte Siiddeutschlands, oder die Versammlungen des 
Hansischen Geschichtsvereins in den Pfingsttagen nach den Stadten Nieder- 
sachsens. Im Friihling 1914 erfullte sich ihm ein langjahriger Sehnsuchts- 
wunsch durch eine Reise nach Italien, auf die er sich griindlich vorbereitete, 
und die fiir ihn eine Quelle hochsten Genusses wurde, obwohl er durch einen 
ungliicklichen Zufall in der Villa Adriana bei Tivoli sich eine Knieverletzung 
zuzog, die ihn wochenlang an das Deutsche Krankenhaus in Rom fesselte. 
Sein Weg fiihrte ihn bis Neapel, und von der unverganglichen Schonheit der 
naheren und weiteren Umgebung dieser Stadt der Freude, von Sorrent, Capri, 
Amalfi und den Herrlichkeiten Pompejis konnte er, genuBfahig wie er war, 
sich in Erzahlungen nicht genug tun. 

Und doch nagte auch an diesem starken Baume ein Wurm, der ihn eher 
fallen sollte, als irgend jemand geahnt hatte. Eine schwere Blinddarmerkran- 
kung im Jahre 1901, die mehrere Operationen ndtig gemacht hatte, und dauernd 
ihre Spuren hinterlieB, scheint auch unter Hinzutritt einer Phlegmone der 
Ausgangspunkt seiner todlichen Erkrankung geworden zu sein. 

S.s Bedeutung fiir die Danziger Geschichtschreibung ist auch heute noch, 
obgleich manche seiner Forschungsergebnisse im einzelnen vielleicht iiberholt 
sind, auBerordentlich groB, ja man kann wohl sagen, er ist der erste groBe 
Danziger Historiker nach einem Jahrhunderte des Stillstandes geworden. Alle 
seine Arbeiten sind der AusfluB zweier grundlegenden Eigenschaften seines 
Charakters. Neben durchdringendem Verstande, staunenswertem Gedacht- 



Simson I4Q 

nisse selbst fiir die kleinste Einzelheit und feinem Gefiihle ftir die inneren 
Zusammenhange des geschichtlichen Werdens, eiserner unbeugsamer FleiB, 
der vor keiner noch so groBen Arbeit zuriickschreckte, und eine Griindlichkeit 
und Gewissenhaftigkeit, die sich nie genug tun, keiner, auch der schlimmsten 
Schwierigkeit nicht, ausweichen konnte, sondern jede Frage griindlich priifte, 
und darum auch nie vor Bergen von Arbeit zuriickschreckte, die einen anderen 
hatten verzagen lassen. 

Sein Lebenswerk, die Geschichte Danzigs zu vollenden, ist ihm leider nicht 
vergonnt gewesen. Mitten aus der Arbeit heraus hat ihn der Tod abgerufen, 
und so ist das groBangelegte Werk ein Bruchstuck geblieben, von dem nur 
die beiden ersten Bande (bis zum Jahre 1626) nebst einem Urkundenbande 
fertig wurden. Und selbst von diesen ist nur der erste Band und ein Heft des 
zweiten bei seinen Iyebzeiten erschienen, der Rest erst nach seinem Tode von 
dem Direktor der Stadtbibliothek, Professor Dr. Gunther, und mir nach seinem 
Manuskripte herausgegeben worden. Erstaunlich ist die Fiille von Aufsatzen 
in den verschiedensten wissenschaftlichen Zeitschriften, die alle die Vorziige 
der S.schen Griindlichkeit zeigen. Manche von ihnen konnten getrost als 
selbstandige Werke gelten. So der Aufsatz: WestpreuBens und Danzigs Kampf 
gegen die polnischen Unionsbestrebungen in den letzten Jahren des Konigs 
Sigismund August (1568 — 1872), oder seine Geschichte der Schule zu St. Petri 
und Pauli in Danzig. Grundlegend ist noch heute seine Geschichte der Danziger 
Willkur, der Artushof in Danzig und seine Briiderschaften, die Banken, sowie 
sein grofles Danziger Inventar (als dritter Band hansischer Archive des 
16. Jahrhunderts vom Vereine fiir hansische Geschichte herausgegeben). Alles 
Werke, von denen jedes allein einem Manne Ehre machen konnte. 

Dabei war S. alles eher als ein weltfremder, trockener Stubengelehrter. Im 
Gegenteile, sein aufs Praktische gerichteter Sinn lieB ihn auch mit den Lebenden 
leben, in den Fragen des Tages seinen Mann stehen, ob er als Stadtverordneter 
oder als Mitglied eines politischen Vereins, von dem Vertrauen seiner Mit- 
biirger getragen, oder in einem neben rein asthetischen auch sehr praktischen 
Fragen dienenden Vereine, wie dem zur Erhaltung der Bau- und Kunstdenk- 
maler der Stadt Danzig, als langjahriger Vorsitzender tatig war. 

Und wie er als Gelehrter von Einseitigkeit frei, menschlich verstandnisvoll, 
eine harmonische Personlichkeit war, so besaB er auch nicht zum wenigsten 
als Lehrer der Jugend die Gabe liebevollen Begreifens und Eingehens auf die 
Regungen der jugendlichen Seele, verstand er es mit der Jugend jung zu bleiben 
und auch ihren Torheiten, wenn sie nur nicht Roheiten waren, freundliche 
Seiten abzugewinnen. Dabei war er als Lehrer streng und stellte groBe An- 
spriiche an seine Schiiler. Aber wie er ihnen den Stoff interessant zu gestalten 
wuBte, so war er auch in seinem Urteile gerecht und unabhangig von person- 
licher Ab- und Zuneigung. Darum liebten ihn seine Schiiler auch, wie das 
zahlreiche Briefe ehemaliger Schiiler aus dem Felde im groBen Weltkriege 
deutlich zeigen. 

So lebt S. im Gedenken aller derer, die ihn liebten und verehrten, nicht nur 
als hervorragender Gelehrter, sondern auch als Mensch, der, mit reichen Gaben 
des Herzens und Geistes ausgestattet, in straffer Selbstzucht sich zur Hohe 
wahrer Humanitat emporgearbeitet hatte, fiir alle, die seine Hilfe brauchten, 
als stets gewissenhafter Berater und treuer Heifer, der aus dem reichen 



150 1917 

Schatze seines Wissens selbstlos und verschwenderisch seine Gaben austeilte. 

Sein Tod ist auch heute noch ein nicht ausgeglichener Verlust fur die ganze 

wissenschaftliche Erforschung der groBen Vergangenheit Danzigs. 

Literatur: Kaufmann, Paul S., in den Mitteilungen des WestpreuCischen Geschichts- 
vereins, Jahrgang 16, Nr. 2, wo auch eine genaue Bibliographic seines gesamten Schaffens 
zusammengestellt ist. 

Danzig. Karl Josef Kaufmann. 

Sohm, Gotthard Julius Rudolf, Professor der Rechte in Leipzig, German ist, 
Kirchenrechtshistoriker, Rechtsphilosoph, * am 29. Oktober 1841 in Rostock, 
f am 16. Mai 1917 in Leipzig. — Rudolf S. war im tiefsten Grunde seines Wesens 
eine religiose Natur. Religios im zwief achen Sinne : erf ullt von der Liebe und 
Hoheit des lebendigen Gottes (Gotteskindschaft, nicht Gottesfurcht!) und be- 
seelt vom Glauben, da£ hochste Erkenntnis und reinste Wahrheit aus der 
Intuition stammen. Das sind die Grundpfeiler, auf denen S.s Arbeit und Leben 
ruhte. Von ihnen ist er niemals abgewichen. Ihnen verdankt er das GroBartige, 
wie auch das Einseitige seiner Schopfungen. Alles, was zu diesen Grund- 
pfeilern hinzutritt, ist Mauerwerk. Es fullt und macht reicher und vielgestal- 
tiger. Aber es andert das Wesen des gesamten Aufbaues nicht. 

S.s Vater war Advokat, spater Landesarchivar in Rostock ; dessen Ehef rau, 
Auguste Sofie Friederike war eine geborene Walter. Der Spruch, den der junge 
Konfirmand bei seiner Einsegnung in der Kirche zu Rostock erhielt, kann als 
Leitmotiv fiir sein ganzes Leben angesehen werden : » Verteidige die Wahrheit 
und das Recht bis an den Tod, so wird Gott der Herr fiir dich streiten« (Sirach 
4» 33)- So war es: S. fuhlte sich als GefaB des Herrn, als ein Kampfer, dessen 
Waff en Gott fuhrte. Wer seine kirchenrechtlichen Schriften aufmerksam liest, 
wird an dieser Einstellung nicht zweifeln. An Ostern im Jahre i860 machte 
er an der »Gro£en Stadtschule« sein Gymnasialexamen, das er mit der Note I 
bestand. Bald darauf erkrankte er an einem schweren Typhus, erholte sich 
jedoch relativ rasch und konnte im Oktober i860 als Student der Rechte an der 
heimatlichen Universitat immatrikuliert werden. Den groBten Eindruck machte 
dem Akademiker mit den f rischen klaren Augen der Jurist Wetzell. Im Winter- 
semester 1861/62 begab er sich nach Berlin (dort starker EinfluB Bruns), im 
Sommersemester 1862 nach Heidelberg (nachhaltiger EinfluB Vangerows), 
dann bis 1864 wieder nach Rostock, wo nun Bohlau wesentlich auf ihn wirkte. 
In dieser Zeit verfaBte er die von der Juristenfakultat Rostock preisgekronte 
Schrift uber »Die Lehre vom Subpignus* (erschienen Rostock 1864). Das ist 
kennzeichnend fiir den Gelehrten : das romische Recht zog ihn mit unwider- 
stehlicher Gewalt an, sein ganzes Leben lang. Weshalb? Weil S. ein typischer 
Vertreter der Begriffsjurisprudenz war. Im Begriff sah er das erlosende Zauber- 
wort. »Die Begriffsjurisprudenz allein setzt uns in den Stand, uns des ge- 
gebenen Rechts zu bemachtigen, seinen gesamten Inhalt mit einem Blick zu 
iibersehen. J a, sie allein setzt uns in den Stand, die Welt der Rechtssatze zu 
bewegen: auf den Inhalt zu, den die Gerechtigkeit der Gegenwart verlangt,« 
schreibt er einmal spater (t)ber Begriffsjurisprudenz, Deutsche Juristenzei- 
tung, Festnummer fiir Leipzig, 1909). Und welches Rechtssystem bietet den 
geeigneteren Tummelplatz fiir die Begriffe als das romische Recht? Kein 
anderes. — 



Simsdn. Sohm 



151 



Am 13. Juni 1864 bestand S. sein juristisches Doktorexamen in Rostock 
mit der Auszeichnung magna cum laude. Schon war der wissenschaftlicheTrieb, 
schon war die Gelehrtenlust in ihm erwacht. Aber nicht mehr das romische 
Recht, sondern die Entwicklung des deutschen Rechts begann ihn zu fesseln, 
und so wandte er sich nach Miinchen, wo damals Paul Roth deutsche Rechts- 
geschichte und deutsches Privatrecht las. Er setzte sich wieder auf die Schul- 
bank und horte den hervorragenden Germanisten. Seit Waitz und Roth war 
das Auge besonders stark auf die frankischen Rechtsquellen gelenkt worden 
(f riiher mehr auf die sachsischen) . Roth hatte seine Geschichte des Benef izial- 
wesens (1863) bereits geschrieben, ein Werk, das auf unseren jungen Gelehrten 
»einen unausloschlichen Eindruck<( machte. Trotzdem habilitierte S. sich nicht 
bei Roth, sondern bei der damals noch hannoverschen Juristenfakultat Got- 
tingen mit der Arbeit: t)ber die Entstehung der Lex Ribuaria (1866). (S. gab 
spater die Lex Ribuaria et Lex Francorum Chamavorum fur die Mon. Germ, 
hist. Leges vol. V und fur die Schulausgabe der Leges heraus; Hannover 1883.) 
Er schreibt: »Unter den Donnern des Krieges habilitierte ich mich 1866 in 
Gottingen f ur deutsches Recht. Bei den Gottinger Professoren f and ich wah- 
rend meiner Privatdozentenzeit das freundlichste Entgegenkommen und ge- 
noB angeregtesten Verkehr in einem Kreise von gleichstrebenden jungen 
Leuten.« Rasch ging's vorwarts. Schon 1870 wurde er auBerordentlicher Pro- 
fessor und noch im gleichen Jahre rief ihn die Freiburger Fakultat, nament- 
lich auf Betreiben Bindings (s. unten S. 495 ff.) und Degenkolbs, in ihre Mitte. 
Unterdessen war sein groBes, von den Ideen Roths stark beeinfluBtes Werk 
herangereif t : Die Frankische Reichs- und Gerichtsverfassung, gedacht als 
erster Band der »altdeutschen Reichs- und Gerichtsverfassung « (Weimar 1871). 
Nun gait es, im neuen Reichsland die besten Krafte zu sammeln. Zu diesen 
gehorte bereits Rudolph S. 1872 kam er nach StraBburg, wo er als Fachge- 
nossen den bedeutenden, freilich ganz anders gerichteten Heinrich Brunner 
(s. DBJ. 1914 — 16, S. 119 ff.) fand. Auch trat er in nahe Beziehungen zu 
dem Theologen Holtzmann, der auf seine religiosen Anschauungen starken 
EinfluB ausiibte. Dort erlebte er, trotz seiner zunehmenden Schwerhorigkeit, 
die Freude, beim zehnjahrigen Jubilaum der Universitat zum Rektor gewahlt 
zu werden. Hier spielte sich auch der wissenschaftlich erbitterte Kampf mit 
dem evangelischen Oberkirchenrat und mit dem Kirchenrechtslehrer Emil 
Friedberg ab. Mit aller Energie griff S. die Behauptung an, die obligatorische 
Zivilehe fordere notwendig die Beseitigung der kirchlichen Trauung und die 
Verwandlung in eine bloBe kirchliche Segnung. Mit schwerem historischem 
fanzer gewappnet und unter der Deckung einer kuhnen juristischen Kon- 
struktion (die Wirkung der Ehe zerfalle in zwei Teile, in eine negative und in 
^ine positive) stellte er fest, die kirchliche Trauung des spateren Mittelalters 
sei keine EheschlieBung, sondern nur der kirchliche Vollzug der bereits ge- 
schlossenen Ehe gewesen. Und so stehe es noch heute. (Das Recht der Ehe- 
schlieBung aus dem deutschen und kanonischen Rechte geschichtlich ent- 
wickelt, Weimar 1875.) Friedberg antwortete und ging in seinem Zorne iiber 
S.s These so weit, ihm »Fabrikation von Stellen, zum mindesten Falschung« 
vorzuwerfen, ein Vorwurf , der gehassig und unwahr ist. Denn gefalscht hat 
S. niemals. Noch einmal griff S. ein und schrieb ein Buch iiber »Trauung und 
Verlobung. Eine Entgegnung auf Friedberg « (Weimar 1876). Es war eine 



152 1917 

heiJ3e Fehde, welche die beiden Gelehrten ausfochten und aus welcher weder 
S. noch Friedberg als volliger Sieger hervorging. 

Schweres Leid traf ihn im Jahre 1879. Nach einer kurzen Ehe von sechs 
Jahren wurde ihm seine Frau, Clara, die Schwester des Dichters Heinricli 
Seidel, durch den Tod entrissen. Ein langes Krankenlager brachte Leid und 
Entsagung in die Familie. Drei Jahre spater schritt S. zu einer zweiten Ehe 
mit Charlotte Kehrhahn, einer sorgenden, treu ergebenen Gefahrtin, die kurz 
vor Ausbruch des Weltkrieges im Juni 1914 von ihm schied. 

Unterdessen war S. an die Universitat Leipzig berufen worden (1887), und 
es begann fiir ihn eine Zeit groBter, einflui3reichster Wirksamkeit, zugleich 
aber auch eine Epoche stiller Resignation. In Leipzig entfaltete er vor einem 
gewaltigen Horerkreis seine hohe Rednergabe. Die Plastik der Rede, die Kunst 
der Formgebung bestrickte alle. Jeder wurde fortgerissen, ob er wollte oder 
nicht. Ich hatte selbst noch das Gliick, diesen wissenschaftlichen Kunstler zu 
horen und dabei wahrzunehmen, wie er jedes Kolleg neu schuf und dadurch 
unendlich lebendig wirkte. Und doch war es nicht dieses dialektische Konnen, 
das so sehr fesselte. »Das war nicht nur ein GenuB fiir die Sinne. Das ging 
zu Herzen. Das richtete auf. Das drang ins innerste Gewissen. Da stand nicht 
der Redner, nicht der Gelehrte vor einem. Der ganze, groBe, reine, fiir Staat 
und Recht und Kirche begeisterte Mensch tat sich auf und zog einen in seinen 
unwiderstehlichen Bannkreis hinein. Nicht die Formgabe, die tJberzeugung 
war das starkste an S. Nicht der geniale Mensch, sondern die ethische, eisen- 
hart geschlossene und doch so giitige Personlichkeit strahlte ihren Zauber auf 
die Studenten aus und stiftete unendlich reichen Gewinn,« so schrieb ich im 
Nachruf von 1917. 

Aber auBerhalb des Kollegs wurde es immer stiller urn den groBen Mann. 
Sein Gehorleiden steigerte sich von Jahr zu Jahr. Der Verkehr mit ihm wurde 
fast unmoglich. Nur mit seiner Familie und mit einem kleinen Kreis ver- 
trautester Freunde pflegte er innigere menschliche Beziehungen. Er mied alle 
Zerstreuungen und Gesellschaften und wurde immer einsamer. Als seine Gattin 
von ihm genommen war und zwei seiner Sohne auf dem Felde der Ehre ihr 
Leben gelassen hatten, war er ein gebrochener Mann, fast allein noch getragen 
von seinem tiefen, unerschiitterlichen Glauben an Gott und die Richtigkeit 
seiner Wege. Es war fiir ihn Erlosung, als er am 16. Mai 1917 sein Leben be- 
schlieBen durfte. 

Bei dieser seelischen Einstellung und den herben Grenzen, die ihm seine 
Gesundheit und das auBere Leben setzten, ist es leicht verstandlich, daB sich 
der Gelehrte immer mehr seinem ureigensten Gebiete, seinem lebhaftesten 
Begehren zuwandte, der Kirche, ihrem ganzen Wesen und ihrem Rechte. Er 
veroffentlichte eine Kirchengeschichte im GrundriB (1887; 19. Aufl. 1917), 
einen wundervollen kleinen AbriB. 1892 erschien sein Kirchenrecht, 1. Band: 
Die geschichtlichen Grundlagen, in Bindings Handbuch, ein Werk, von welchem 
Kahl damalssagte, es sei die hervorragendste kirchenrechtlicheErscheinung der 
Neuzeit. 1909 schrieb er iiber » Wesen und Ursprung des Katholizismus« (2. Ab- 
druck 1912) und 19 14 gab er Freund und Feind kund, wie er sich grundsatzlich 
zum Wesen des Rechts stelle und was ihm die Unterscheidung von weltlichem 
Recht und geistlichem Recht ganz allgemein bedeute (Weltliches und geist- 
liches Recht, Festgabe der Leipziger Juristen fiir Binding, Miinchen 1914). Im 



Sohm 153 

Jahre 1915 trat er mit seinem Riesenwerke hervor : Das altkatholische Kirchen- 
recht und das Dekret Gratians (in der Festschrift der Leipziger Juristen f iir Wach, 
Munchen 1918), das er seinem altgetreuen Freunde Adolf Wach widmete. Im 
Vorwort findet sich das bemerkenswerte Gestandnis: »Als ich (seit dem Jahre 
1 881) am Kirchenrecht in der Arbeit war und im AnschluB insbesondere an 
den ersten Korintherbrief eine Ausfuhrung iiber das religiose Wesen der ur- 
christlichen Ekklesia und iiber die daraus folgende leitende Stellung der 
Propheten bereits niedergeschrieben hatte, erschien die Didache, und siehe da : 
gerade dieses (und natiirlich noch anderes Wichtiges) stand darin. So auch 
jetzt. Schon hatte ich iiber die religiose Art auch des altkatholischen Kirchen- 
begriffs und die daraus folgende Bedeutung des altkatholischen Sakraments 
eine langere Abhandlung ausgearbeitet, als ich noch einmal griindlich in 
Gratian und die altesten Summen zum Dekret mich vertiefte, und siehe da: 
gerade dieses stand darin. Was sich als der Sinn des altkatholischen Kirchen- 
rechts ergab, der ,Meister Gratian' hatte es schon damals bewuJ3t erkannt und 
ausgesprochen. « S. eilte also gleichsam der eigenen Forschung voraus. Seine 
starke Intuition wies ihm den richtigen, durch die Quellen nachher bestatigten 
Weg. 

Und dies war noch nicht alles. S. war gestorben unter Hinterlassung eines 
reichen kirchengeschichtlichen Materials. Dies erschien so wertvoll, daB sich 
zwei seiner Kollegen, Erwin Jacobi und Otto Mayer, entschlossen, es in Buch- 
form zu publizieren, namlich des Kirchenrechts 2. Band in Binding-Oetkers 
Handbuch (1923). Es ist ein Torso geblieben. Es verarbeitet im wesentlichen 
den Stoff des friiher herausgegebenen Dekrets Gratians. 

Das, was S. ebenfalls bis zu seinem Lebensende beschaftigte, freilich nicht 
mit der gleichen inneren Anteilnahme, das waren seine Institutionen des romi- 
schen Rechts. (Mit dem Untertitel: Ein Lehrbuch der Geschichte und des 
Systems des romischen Privat rechts, 1887.) Einem Zufall verdankte das Buch 
seine Entstehung. S. hatte einst fiir seinen erkrankten Kollegen die Vorlesung 
iiber romisches Recht in StraBburg iibernehmen miissen und schrieb damals 
seine Institutionen jeweils in der freien Zeit »zwischen zwei Kollegien« nieder. 
Darf man dies wirklich einen Zufall nennen ? Ich mochte umgekehrt sagen : 
Nur ein Zufall hatte S. abhalten konnen, sich literarisch mit dem romischen 
Rechte zu beschaf tigen. Denn wie ich schon sagte, die gesamte logisch-begrif flich 
zugespitzte Denkweise des Mannes drangte mit Notwendigkeit dem romischen 
Rechte entgegen. So war es denn mit die letzte Arbeit, die S. vollfuhrte: die 
Fertigstellung der 16. Auflage seines Lehrbuches. Ein beispielloser Erfolg 
war diesem padagogisch so ausgezeichneten, so anschaulich geschriebenen 
Werke beschieden (17. Auflage, bearbeitet von Ludwig Mitteis, herausgegeben 
von Leopold Wenger, 1924). 

Auch die Kodifikation und der Ausbau des biirgerlichen Rechts lag ihm am 
Herzen. Seines Leidens wegen wurde er nur zum nichtstandigen Mitglied der 
zweiten Kommission fiir das Burgerliche Gesetzbuch ernannt. Am 13. November 
1895 hielt er in einer Sitzung dem Kaiser Vortrag iiber die Regelung der 
bauerlichen Grundbesitzverhaltnisse. Und spater, 1906, hat er in Hinnebergs 
Kultur der Gegenwart eine groBziigige, sehr lebendige Darstellung des ge- 
samten neuen Zivilrechts »Das burgerliche Recht « gegeben. Mit Feuereifer 
drang er in den Geist der neuen Gesetzgebung ein und seine beruhmte Abhand- 



154 igi ? 

lung iiber den »Gegenstand, ein Grundbegriff des BiirgerlichenGesetzbuches* 
(Festgabe fur Degenkolb, Leipzig 1905) beweist, wie stark dieser forschende 
Verstand nach den letzten Grundbegriffen innerhalb einer geltenden Rechts- 
ordnung suchte. Es war eine Stoffbehandlung von hdchster Warte aus gesehen, 
vielleicht das begrifflich Konstruktivste, was S. jemals geschrieben hat. 

Einen politischen Kopf kann man ihn nicht nennen. Aber er ging von der An- 
schauung aus, da£ das schwere Geschiitz, welches die Welt beherrsche, bei 
den Gebildeten zu suchen sei, dafi daher die Universitaten und ihre Lehrer die 
Pflicht hatten, ihr Wissen und ihre Uberzeugung fruchtbar zu machen fur den 
Staat, das hiefl bei S. fur das Volk. Immer ist sein Herz warm und empfanglich 
gewesen fur alle Bewegungen im Volke. Ihm erschien es als Pflicht, die roman- 
tische Idee vom christlichen Staat zu stiirzen. Daher forderte er auf dem Kon- 
greB fiir Innere Mission in Posen (1895) und ein Jahr spater bei der Griindung 
des nationalsozialen Vereins in Erfurt die Trennung der beiden, innerlich ge- 
schiedenen Lebenskreise, des geistlichen und des weltlichen. Die Gegenwart 
hat ihm recht gegeben. Als Freund und Berater Pfarrer Friedrich Naumanns 
(f 1919) half er kraftig am Aufbau des nationalsozialen Vereins mit. Als 
sich dieser aufloste, warf er sich auf die Seite der Linksliberalen und begleitete 
mit grdfltem Interesse alle Fortschritte der Sozialdemokratie. Das sachsische 
Klassenwahlrecht empfand er als schlechtes, langst veraltetes Wahlsystem 
und bekampfte es mit offenem Visier. Wo er auftrat, setzte er sich ganz ein. 
Wo er eingriff, da fielen scharfe Hiebe, aber immer in vornehmster Art und 
mit der Sachlichkeit des edeln Streiters. 

In dieser Biographie konnen S.s Werke nicht im einzelnen aufgezahlt und 
besprochen werden. Hier seien nur einige der bedeutsamen Grundgedanken, 
die S. in seinen umfassenden und zahlreichen Veroffentlichungen niedergelegt 
hat, entwickelt. 

S.s erstes literarisches Auftreten fiel in eine Zeit, in welcher folgende Gegen- 
satze aufeinanderprallten. Die eine Meinung, vor allem vertreten durch Otto 
Gierke (s. DBJ. 1921, S. noff.), der 1868 den ersten Band seines »Genossen- 
schaftsrechts« herausgab, ging von der Vorstellung aus: es gibt keinen alt- 
deutschen Staat. Das frankische Konigtum gleicht einer obersten Grundherr- 
schaft des Reiches. Alles ist beherrscht von der Idee der Genossenschaft. Auch 
der Staat ist eine solche Genossenschaft. Die Staatsgewalt ist keine besonders 
geartete, keine hochste Gewalt, sondern nebengeordnet den anderen genossen- 
schaftlichen Gewalten. Die im Staate wohnenden Menschen stehen nicht in 
einem personlichen Untertanenverhaltnis. Sie sind nur mittelbar durch das 
Medium von Grund und Boden miteinander verbunden. 

Dieser genossenschaftlichen Theorie trat S. mit der ganzen Bestimmtheit 
seiner Dialektik entgegen und stellte das Vorhandensein echter staatlicher 
Einrichtungen und damit eines echten Staates in germanischer und frankischer 
Zeit fest. Vor allem wies er die Dingpflicht aller freien Leute nach, eine Pflicht, 
die man unmoglich als eine auf Grund und Boden beruhende, rein genossen- 
schaftliche Pflicht bewerten konnte. S. arbeitete jene benihmten Gegensatze 
heraus, die spater so viele nachgeschrieben und nachgesprochen haben: 
Staat im Gegensatz zur Genossenschaft, Konigsgewalt zur Beamtengewalt, 
Amtsrecht zum Volksrecht, Hundertschaftsgemeinde zur Wirtschaftsge- 
meinde usw. Die Arbeit wirkte auBerordentlich klarend und mancher Grund- 



Sohm 155 

gedanke S.s steht heute unerschiittert vor uns. Aber schon in dieser Studie 
zeigt sich eine methodische Schwache, die ihn durch sein ganzes Leben be- 
gleitete: iibertriebene begriffliche Konstruktion des geschichtlichen Stoffes, 
ein dialektisches Spiel mit These und Antithese. Auch war der Forscher bereits 
stark romisch-rechtlich befangen. Er glaubte den romischen Gegensatz von 
jus civile und jus honorarium im frankisch-deutschen Recht wiederzufinden 
und baute darauf sein stolzes Gebaude anf . 

Getreu dem Glauben, die historische Welt durch die Aufstellung scharf zu- 
gespitzter Gegensatze meistern zu konnen, untersuchte S. den Geist der mittel- 
alterlichen Rechtswelt. Nach ihm gibt es auf der Welt nur zwei Rechte, fran- 
kisches Recht und romisches Recht. Das salfrankische Recht siegt iiber alle 
anderen Stammesrechte, schlieBlich auch iiber das sachsische Recht. »Die 
mittelalterliche Rechtsgeschichte ist die Geschichte des westfrankischen, also 
nach moderner Vorstellung ausgedruckt, des franzosischen Rechts. Das Recht 
des deutschen Hochmittelalters ist das Recht des franzosisch-gotischen Stils. « 
Nur ein Recht ist ihm ebenburtig: das romische. Der Langobardenstaat hat 
zah an romischen Einrichtungen festgehalten und von Italien aus stromen 
dann die romischen Rechtsideen auch nach Deutschland hinuber. Das 
frankische Recht des Mittelalters erhalt sich nur in Partikularrechten. »Ein 
Jahrtausend frankischer Rechtsgeschichte geht mit der vollendeten Rezep- 
tiondes romischen Rechts zu Ende.« Wir glauben heute nicht mehr daran, 
daB das Problem des Rechts im mittelalterlichen und neuzeitlichen Europa 
mit der Gegensatzlichkeit von zwei Rechtssystemen gelost werden konne. Aber 
auch hier darf man sagen : Abgesehen von der GroBe der Konzeption wirkte 
die These in hohem Grade schopferisch. 

Am bekanntesten ist S. geworden durch den dritten groBen Grundgedanken, 
den er zwischen Juristen und Theologen, zwischen Protestanten und Katho- 
liken, ja in die Mitte aller Gebildeten hineinwarf : »Die Kirche ist rechtlicher 
Verfassung unfahig, ja, sie verwirft dieselbe. Das Kirchenrecht steht mit dem 
Wesen der Kirche im Widerspruch. « Er glaubte den Kern der protestantischen, 
namentlich der lutherischen Kirche in der urchristlichen Gemeinde zu finden. 
Wie spater bei Luther, ist in der Urgemeinde das »Volk Gottes« keine auBer- 
lich geformte, sondern nur eine geistliche, charismatische Organisation, eine 
lose Vereinigung zum Sakrament des Abendmahls und zu den ubrigen Heils- 
handlungen. Alles gipfelt in einem rein geistlichen Verbande. Die Umbildung 
der urchristlichen Kirche in die katholische Kirche zieht die Umbildung eines 
geistlichen Verbandes in einen Herrschaftsverband nach sich. Jetzt stromen 
Recht und Zwang ein. Aber: »Was an rechtlicher Zwangsgewalt in der Kirche 
wirksam ist, ist durchweg nicht der Kirche zustandig, sondern weltliche Ge- 
walt. Das Wesen der Kirche ist geistlich, das Wesen des Rechts ist weltlich. 
Die Kirche des Urchristentums (Ekklesia) ist eine rein geistliche, die katho- 
lische Kirche eine geistlich-weltliche, die evangelische Kirche im Rechtssinn, 
wie sie heute (1892) vor uns steht, eine rein weltliche Organisation. « In seiner 
groBen Untersuchung iiber das Dekret stellt er — entgegen aller bisherigen 
Forschung — den Satz auf, daB dessen Verf asser Gratian nicht ein Urheber 
der neukatholischen Richtung, sondern ein Vollender des altkatholischen 
Kirchenrechts war. Alles, was Juristen und Theologen, Katholiken und Pro- 
testanten bis dahin verfochten hatten, ist verkehrt. Gratian, als Theologe, 



156 1917 

bringt das alte Sakramentsrecht zu hochster Entfaltung. Jetzt setzt die Be- 
arbeitung des Kirchenrechts durch Juristen ein. Der Neukatholizismus wirft 
seit etwa 1170 seine Strahlen aus und bringt sie um 1200 zu voller Entfaltung. 
Erst um 1200 wird nach S. die Kirchenverfassung auf die Jurisdiktionsgewalt 
aufgebaut. Erst um 1200 lafit sich deutlich die hierarchia jurisdictionis wahr- 
nehmen. In seinem nachgelassenen Werke finden sich alle diese groBen Grund- 
ideen wieder, und die Kampfansage der Kirche gegen das weltliche Recht 
wird mit jugendlicher Frische fortgesponnen. Alle Herrschaft miisse dem 
inneren Wesen nach der Kirche fremd bleiben. Seit dem 16. Jahrhundert gebe 
es nur noch eine einzige offentliche Gewalt, den Staat. »Nur noch in der Form 
des Staates ist das Volk obrigkeitlich verfaBt, nur noch in der Form des Staates 
ist das Volk eine selbstherrliche Gemeinschaft, nur noch in der Form des 
Staates ist das Volk Rechtsquelle, « lautet eine der wichtigsten Thesen, die 
uns so deutlich in die ganze Denkweise des groBen Dogmatikers hineinschauen 
laBt. Das Wort Dogmatiker sei bewuBt hierhergesetzt : S. war eben im Grunde 
eine dogmatische, keine historische Natur. Immer und immer wieder unterlag 
er der Versuchung, das geschichtliche Werden in scharfe begriffliche Kon- 
struktionen zu fassen. Und diese Begriffe gewann er weit mehr im Wege der 
Deduktion als im Wege der Induktion. Eine deduktive, dogmatisch geartete 
Kiinstlernatur ist Rudolph S. gewesen. Und zu diesem Denken und zu dieser 
Arbeitsweise trat auf alien Gebieten, welche kirchlichen und kirchenrecht- 
lichen Boden beruhrten, der Glaubenseifer einer tief religiosen, enthusiast i- 
chen Personlichkeit. Er war ein eminent schopferischer Geist. Am Reichtum 
seiner Gedanken werden noch Generationen zehren, noch Generationen weiter- 
bauen. 

Literatur: AuBer den im Text genannten Schriften S. s. werden noch die folgenden auf- 
gefiihrt: Der ProzeC der Lex Salica, Weimar 1867. — Das Verhaltnis von Staat und Kirche 
an dem Begriff von Staat und Kirche entwickelt, Tubingen 1873. — Zur Geschichte der 
Auflassung. Festgabe fur Thol, Straflburg 1879. — Zur Trauungsfrage, Zeitfragen des 
christlichen Volkslebens, Heilbronn 1879. — Die obligatorische Zivilehe und ihre Auf- 
hebung, Ein Gutachten, Weimar 1880. — Friinkisches Recht und Romisches Recht, Pro- 
legomena zur deutschen Rechtsgeschichte, Weimar 1880. — Die deutsche Genossenschaft, 
Festgabe fur Windscheid, Leipzig 1888. — Die Entstehung des deutschen Stadtewesens, 
Festschrift fur Wetzell, Leipzig 1890. — Die sozialen Aufgaben des modernen Staates, 
Leipzig 1898. — Neue Pflichten der Kirche, Dresden 1906. — Wesen und Voraussetzungen 
der Widerspruchsklage, Leipzig 1908. — 

Richard Schmidt, Worte zum Gedachtnis an Rudolf S. (Berichte der phil.-hist. Kl. der 
Kgl. Sachs. Gesellschaft der Wissenschaften zu Leipzig, Bd. LXIX, S. 1 5 f f .) ; Hans Fehr, 
Rud. S., ein Nachruf (Zeitschr. der Savigny-Stiftung fur Rechtsgesch., germ. Abt. 
Bd. XXXVIII, S. 1 ff.) ; Karl v. Amira im Jahrbuch der bayer. Akademie d. Wiss, Munchen 
1918, S. 8iff. 

Bern. Hans Fehr. 

Stadler, Toni (Anton) v., Maler, * 9. Juli 1850 in Gollersdorf (Niederoster- 
reich), f 18. September 1917 in Munchen. — Sohn eines Wirtschaftsrates im 
alten Osterreich, Stiefbruder von Wilhelm Scherer, bestand St. 1868 in Wien 
sein Abiturium und studierte zunachst in Wien und Wiirzburg Medizin. Da 
er aber von Kindheit an gezeichnet hatte und einen unwiderstehlichen Drang 
zur Kunst verspiirte, entschloB er sich 1873, trotz seiner Mittellosigkeit Maler 
zu werden und ging nach Berlin zu Paul Meyerheim (s. DBJ. 1914 — 16, S. 151 ff.) 



Sohm. Stadler 1 57 

und 1878 nach Miinchen, wo er seitdem bis zu seinem Tode geblieben ist. Im 
ganzen kann er als Autodidakt angesprochen werden. Von seinen Lehrern 
und den Malern, mit denen ihn in der Jugend Freundschaft verband, wirkten 
nur Schonleber (s. oben S. 134 if.) und in Miinchen Frolicher und Stabli 
auf ihn ein; doch kamen seiner angeborenen Art, die Landschaft anzusehen, 
alle diese weniger entgegen als einige alte Hollander wie Ruisdael und der 
Haarlemer Vermeer, vor allem aber Hans Thoma. Auch mit Spitzweg ver- 
bindet ihn Einiges. 

In Miinchen, wo er lange Zeit in dem westlichen Vorort Laim (und zwar 
in einem angeblich einst von Agnes Bernauer bewohnten Hause) lebte, ging 
es ihm anfanglich nicht gut, und allgemein durchgesetzt hat sich St. erst nach 
1900. Sein Leben floB still und ruhig in stetiger Arbeit hin. Studienreisen 
fuhrten ihn nach Holland und Rom, von wo eine Anzahl seiner Motive stam- 
men; die meisten Bilder aber sind von der oberbayerischen Hochebene, dem 
Mangfalltal, den ausgedehnten Moosen der Munchener Umgebung eingegeben, 
so daB er auch schon um der Gegenstande willen durchaus der Munchener 
Landschaftsschule angehort, deren starken Ausklang er mit dem ihm ver- 
wandten Karl Haider bildet. Seit 1900 lebte er in seinem schonen, von Gabriel 
Seidl erbauten Hause. Eine Reise nach Agypten, die er in seinen letzten 
Lebensjahren aus Gesundheitsriicksichten unternahm, ist fur seine Kunst 
ohne Belang geblieben. 

St. nahm aber nicht nur als Maler eine bedeutende Stellung im Munchener 
Kunstleben ein, sondern auch als Mensch und Kunstfreund. Seine im edelsten 
Sinne urbane und vornehme Personlichkeit, sein selbstloses Eintreten fiir 
andere, vor allem auch fiir die jungen Kunstler, seine freie und groBziigige 
Weltanschauung, die fiir das Echte in jeder Gestalt empfanglich war, seine 
uneigenniitzige Giite und Freundschaft machten ihn von selbst zum ausglei- 
chenden Mittelpunkt der vielfaltig widerstreitenden Interessen und Richtungen 
in Miinchen. Ohne alien Ehrgeiz und ohne sich im geringsten voranzustellen, 
kam er zu einer Art Vermittlerstellung, wurde zum Fiirsprecher und Ver- 
teidiger der neuen revolutionaren Stromungen (die niemals auf seine eigene 
Malweise abfarbten) und zum Vertrauten sowohl der Kunstlerschaft wie des 
Staates und der Sammler. Als Kunstkenner hatte er den unfehlbaren Blick 
fiir Qualitat. Seine eigenen Sammlungen dehnten sich auf antike Bronzen, 
Miinzen und Terrakotten, japanische Stichblatter und Holzschnitte, agyptische 
Statuetten, altpersische Teppiche aus. Nach auBen hin wirkte er als Berater 
von Sammlern und als langjahriges Mitglied mehrerer staatlicher Kunst- 
kommissionen, wo er Schlechtes vermeiden half, auf viel Gutes aufmerksam 
machte. Als Tschudi 1908 als Generaldirektor der bayerischen Museen nach 
Miinchen kam, wurde er ihm Freund und Ratgeber und starkste Stiitze gegen- 
iiber mannigfachen Anf eindungen ; er iibernahm nach Tschudis Tode von 1911 
bis 1914 selber als Dkiinstlerischer Beirat im Kultusministerium « seine Nach- 
folge im Ehrenamt, bis man in Dornhoffer den leitenden Fachmann gefunden 
hatte. In dieser Stellung hat St., ein ganz ungewohnlicher Fall in der Ge- 
schichte der Museen, in Gemeinschaft mit Heinz Braune das Werk v. Tschudis 
in selbstloser Weise fortgefiihrt, die von ihm begonnenen Ankaufe, vor allem 
franzosischer Impressionisten, gesichert und weitere Erwerbungen in seinem 
.Sinne gemacht, so vor allem von Arbeiten Hodlers, Liebermanns, Triibners, 



158 1917 

Leibls, Thomas, Schuchs und Uhdes. Ebenso ist seiner einsichtigen und liebens- 
wiirdigen Energie die Umwandlung des Ausstellungsbaus am Konigsplatz — 
der bis dahin der Sezession vom Staate tiberlassen worden war — in ein Mu- 
seum der neueren Kunst zu verdanken: ein wichtiges Unternehmen, das 
freilich nur seiner Besonnenheit und Stellung iiber den Parteien moglich 
werden konnte, da gar zu viele Gegenwirkungen in der Kiinstlerschaft zu 
iiberwinden waren. 

St.s Malerei ist von Anfang an ausschlieBlich der reinen Landschaft ge- 
widmet, menschliche Staffage und selbst Tiere haben darin keine Stelle, es 
sei denn in winzig kleinem Format der Feme. Er schlieBt den groBen Kreis, 
den die Miinchener Landschaftskunst beschrieben hat, auf einer hoheren Stufe 
da ab, wo sie begann, so daB hier gewissermaBen eine Spirallinie beschrieben 
worden ist. Immer wurde schon das Uberzeitliche bei ihm betont und seine 
eigentumliche Mischung von Realismus und Romantik. In allem gehorte er 
nicht der impressionistischen Epoche an, in die er doch hineingeboren war, 
sondern erinnerte an die Anfange der siiddeutschen Landschaft unter Dillis 
und Wilhelm v. Kobell. Ja, wenn man seine Herkunft von Schleich datiert 
und an dessen klaren Aufbau, dramatische Steigerung und Trennung der 
Griinde, sowie auch an Spitzwegs weite Ausblicke in den grenzenlosen Raum 
und stoffliche Pointen erinnert (was namentlich R. Oldenbourg in geistreicher 
Weise getan hat), so ist doch an den fundamentalen Unterschied des Male- 
rischen zu denken, der ihre Kunst von der plastischen Art Toni St.s 
trennt, und seine Herkunft noch weiter riickwarts zu verlegen, in die An- 
fange der Miinchener Kunst und deren Vorbilder, die groBen Hollander. Dies 
eint ihn durchaus mit Thoma und Haider; alle drei sind lange Zeit verkannt 
und miBachtet worden, und schlieBlich hat eine Zeit, die den Impressionismus 
iiberlebte, ihren wahren und iiberzeitlichen Wert erkannt und ihnen den ge- 
buhrenden Platz als ganz deutsch empfindende Kunstler gegeben. Die Treue 
zur Sache und die Klarheit im plastischen Raumaufbau bei ihnen sind uralte 
deutsche Eigenschaften, die sie Konrad Witz und Altdorfer naherstellen als 
selbst Schleich, Stabli und Spitzweg. Solch ein Gefuhl fiir die tastbaren Werte 
der Raumbildung, wie sie vor allem St. besaB, ist angeborene Gabe und 
kann durch keine Einfliisse abgelenkt werden ; weshalb denn auch Schonleber 
und Neubert, seine eigentlichen Lehrer, wie seine Freunde Stabli und Frolicher, 
im Grunde keinen EinfluB auf St. ausiiben konnten, und er seine vorgeschaute 
Form sich autodidaktisch bilden muBte. 

Diese Form ist durchaus raumanschaulicher Natur, ihre Mittel sind plastisch, 
Farbe erscheint als sekundares Hilfsmittel, Stimmung und Romantik als nach- 
geordnete Folge. Darum gibt es auch keine eigentliche Entwicklung in seiner 
Kunst. Am Anfang kann man noch koloristische Niiancen feststellen (wie in 
einem kleinen Bilde des Stadelschen Instituts), bald wird das Kolorit neben- 
sachlich, und die Reproduktion gibt das Wesentliche des Originals wieder. In 
seiner vollen Reifezeit um 1900 erscheint die Landschaft St.s als einheitliche 
Darstellung des Raumes mit zeichnerischen Mittel n. Seine Lithographien, die 
mit Einstimmigkeit als Hohepunkt und Quintessenz seiner Kunst betrachtet 
werden, fallen in diese Epoche; die friihesten sind 1893, wohl die spatesten 
1913 datiert. Aber die Kausalitat ist sicher umgekehrt zu deuten, als es ge- 
schieht : nicht, weil er sich graphisch betatigte, sind seine Spatwerke so zeich- 



Stadler 159 

nerisch geraten, sondern er schuf Lithographien als deutlichste und eindrucks- 
vollste Bekenntnisse seiner immer bewuBter werdenden plastischen Gesinnung. 
Weil ihm die Farbe als storendes Moment von momentaner Stimmung, als 
Luftton, immer weniger bequem wurde, konnte er sein Bestes ohne jene 
Hemmung in der einfarbigen Zeichnung, der Lithographie, am sichersten 
geben. Es ist ein Irrtum, die Harte seiner Spatbilder als ein Abgleiten dar- 
zustellen; just in der plastischen Klarheit dieser Arbeiten gab St. Endgiiltiges, 
in vollem Gegensatz zur Entwicklung rings um ihn, wo einerseits der form- 
auflosende Impressionismus, andererseits die reine Farbigkeit des »Blauen 
Reiters* den denkbar scharfsten Kontrast zu seinem Wollen darstellten. Das 
hat ihn nicht gehindert, den Kiinstlern beider Richtungen sein Verstandnis, 
ja seine Liebe entgegenzubringen und sie mit hochster Tatkraft zu f order n. 
J a, es macht die Besonderheit seiner Grofle aus, daJ3 er die Entwicklung an- 
erkannte und ihre Notwendigkeit mit untriiglichem Scharfblick einsah, fur 
seine Arbeit aber mit derselben Intensitat ablehnte. DaB Erkenntnis und In- 
stinkt in demselben Manne mit gleicher schopferischer Inbrunst lebten, ohne 
einander zu widersprechen, ja, mit hoher Spannkraft sich gegenseitig in ihren 
entgegenstrebenden Tendenzen bestarkten : dies erscheint wie ein Wunder von 
Selbstiiberwindung und flofit das hochste Vertrauen zu den menschlichen 
Qualitaten St.s ein. 

Von dieser Seite erscheint die Wahl seiner Arbeitsheimat nicht gleichgiiltig . 
Miinchen ist der Mittelpunkt einer Landschaft, die mehr plastischen als 
malerischen Charakter besitzt, deren Atmosphare und geologische Gestaltung 
dem raumlich bildenden Sinn starke Anziehungspunkte bietet. Etwas Ahnliches 
ist es mit der romischen Campagna, aus der manche St.sche Bilder stammen. 
AUes, was dazwischen liegt, vor allem die hollandischen Diinen, hat er in 
seinem Sinne erfafit: das Wesentliche sind und bleiben in seiner Kunst die 
riesigen Flachen, von fernen Bergen abgefangen, von einem unbegrenzten 
Himmel mit Schrittmacherwolken iiberwolbt, wie er sie in der oberbayerischen 
Hochebene vorfand; oder Bodenwellen, die sich im Vordergrunde greifbar 
emporwolben und Sehnsucht wecken, ihre Hohe zu tiberwinden, um ins 
Grenzenlose zu schauen. Dies ist seine dramatische oder romantische Span- 
nung: die Befriedigung im Endlosen oder die Sehnsucht aus dem Beschrankten 
hinaus ins Unendliche, das immer und iiberall als wolkeniiberspannter Himmel 
schlieflt. Ob er das plastisch Geformte als Hiigel an die Erde, oder an den 
Himmel als wunderbar geballten Wasserdampf versetzt, gilt ihm gleich: 
wichtig ist nur ihre Funktion, dem Raumgefuhl der Unendlichkeit als Sprung- 
brett zu dienen ; tastbare Meilensteine und Merkmale der Tiefendimension zu 
sein. Erst aus dieser Spannung heraus entsteht im Betrachter das roman- 
tische Gefuhl der Sehnsucht, die sich iiber die Erde hinausschwingen mochte. 
Vielleieht war sie das primare Motiv in der Seele des Kiinstlers; bestimmt 
erreicht sein Bild diese Wirkung, aber nicht mit sentimentalen Mitteln, son- 
dern sehr sachdienlich, sehr herbe mit rationellen Formen aus dem Arsenal 
der Raumdarstellung ; ein Arsenal urdeutscher Geisteshaltung. 

Auch seine Arbeitsart weist eindeutig auf diese Bestimmung. Vor der Natur 
wurde lediglich gezeichnet, Einzelheiten mit sorgfaltiger Exaktheit notiert. 
Seine Bilder entstanden im Atelier; ein wunderbar geschultes Gedachtnis er- 
machtigte ihn dazu. Die Geschlossenheit und GleichmaBigkeit seiner Raum- 



i6o 1917 

form und die lyrische Kraft im Ausdruck der Landschaft sind darauf zuriick- 
zufuhren, und hier beriihrt er sigh mit alien wahrhaft gestaltenden Deutschen, 
nicht blofl Landschaftern, sondern vor allem auch mit Marees und Bocklin; 
denn nur aus der Vorstellung wird die leidenschaftliche Selbstherrlichkeit 
einer so ganz personlichen Form geboren. 

St.s Lithographien entstanden in den neunziger Jahren und nach 1910. 
Seine Liebe zur Einsamkeit und GroBe der menschenfernen Natur konnte sich 
in der graphischen Form am unmittelbarsten aussprechen ; selbst die Vor- 
zeichnungen kommen nicht an die Kraft der Steindrucke selber heran. Er 
arbeitete sie nur fur seine Freunde, ohne alien Ehrgeiz des Graphikers; sie 
wurden in kleiner Auflage sorgfaltig gedruckt und sind von Anfang an Selten- 
heiten gewesen, die dem Sammlerpublikum unbekannt blieben. Die einzige 
vollstandige Sammlung, 32 Blatter einschliefilich aller Versuche, nebst der 
einzigen Radierung, besitzt das Dresdener Kupferstichkabinett. Hier bevor- 
zugte St. die hollandische Diinenlandschaft und die Verlassenheit der wetter- 
gepeitschten Ebene, und er steigerte das Gefiihl der Weite oft bis zum Hero- 
ischen. Die Lebendigkeit der bewegten Atmosphare ist ohnegleichen. Wenn 
auch von irgendeiner Nachahmung nicht die Rede sein kann, so erinnern diese 
Blatter wohl am starksten an die groBen Hollander des 17. Jahrhunderts: das 
gleiche allumfassende Gefiihl fiir kosmische Verbundenheit von Erde und 
Himmel, das iiber beide in die Unendlichkeit Hinausweisende, lebt in ihnen. 

Die Einfachheit der Mittel, die im Fortlassen und Andeuten bestehen, wird 
nur durch die Technik des Herausschabens von Lichtern mit Messer oder 
Nadel unterbrochen, wodurch plastische Unmittelbarkeit gewahrt wird. 

Ein sorgfaltiges Verzeichnis der Graphik stellte F. W. Bredt in den Mit- 
teilungen zu den Graphischen Kiinsten, Bd. 38, S. 34 ff . auf . 

Gem aide von St. finden sich in den Museen von Bremen, Elberfeld, Frank- 
furt a. M. (Stadel), Graz (Joanneum), Leipzig, Miinchen (Neue Pinakothek), 
Prag (Rudolphinum), Wien (Staatsgalerie) . 

I,iteratiir: Eine zusammenfassende Darstellung iiber St. fehlt, und auch er selbst. 
der als Erzahler in Freundeskreisen beliebt war, hat sich leider nie dazu bewegen lassen, 
seine Memoiren zu schreiben. Wichtigere Aufsatze und Abschnitte iiber ihn finden sich in : 
Dresdener Jahrbiicher I, 1905, S. 191 ff. (Lehrs), Kunst fiir Alle 21, 1905/06, S. 73 ff. 
(F. v. Ostini) ; Zils, Geistiges und kiinstlerisches Miinchen, 191 3; Die Graphischen Kiinste, 
Bd. 38, 191 5, S. 58 ff. (F. W. Bredt); Die Kunst, Bd. 33, 1917/18,8. 225 ff. (A.L.Mayer); 
Kunstchronik N. F. 28, 1917, S. 525 f. (A. L. Mayer); Uhde-Bernays, Munchener Land- 
schaftsmalerei, 1921, S. 113 ff.; Kunst und Kiinstler, Bd. 16, 1917/18, S. 74 f . (A. L. 
Mayer); Kunstchronik, Bd. 29, 1917/18, S. 364 (H.Heyne); Die bildenden Kiinste II, 
1919, S. 15 ff. (R. Oldenbourg). 

Berlin. Paul F.Schmidt. 



Steinhausen, Heinrich, Dichter und ev. Theolog, * am 27. Juli 1836 zu Sorau, 
f am 26. Mai 1917 zu Schoneiche (Mark). — St. war der Sohn eines Bataillons- 
arztes des 12. Infanterieregiments, seine Mutter eine geborene Naphtali. Er 
genoB eine ausgesprochen evangelische, heiter-harmonische Erziehung, deren 
Wirkung bei ihm wie bei seinem um zehn Jahre jiingeren Bruder, dem Maler 
Wilhelm St., lebendig spiirbar blieb. Nach der i6jahrig bestandenen Reife- 
priifung studierte St. in Berlin, dem neuen Standorte des Vaters, Theologie 



Stadler. Steinkausen x6l 

und Philologie. Unter seinen akademischen Lehrern iibte der Asthetiker und 
Dichter Carl Werder den groBten EinfluB auf inn, Lehrer und Schuler blieben 
in Lebensfreundschaft verbunden. Theologisch hat spater das Werk und Wesen 
Soren Kierkegaards St. stark und nachhaltig beeindruckt. Von i860 bis 1868 
war St. Erzieher im Kadettenkorps in Potsdam und Berlin, dann wurde er 
Pfarrer in Bliithen bei Perleberg, in Lindow, in Beetz bei Kremmen, schlieB- 
lich in Podelzig bei Frankfurt a. Oder. 1906 trat er in den Ruhestand und lebte 
seitdem in Schoneiche bei Friedrichshagen. Er war mit Helene Juliane Thieme 
verheiratet und besaB aus dieser Ehe neun Sonne, von denen sich einer im 
Reichskolonialdienst, einer als Komponist ausgezeichnet hat. 

Sein erstes dichterisches Werk war die mittelalterliche Klostergeschichte 
» Irmela «, einer der wenigen Romane, die auf der Bahn von Scheffels »Ekkehard « 
liegen, ohne in Nachahmung zu verf alien oder nach dem Muster des archao- 
logischen Bildungsromans den dichterischen Stoff durch undichterische Zutat 
zu strecken. Die Erzahlung war gewissermaBen der eigene Beleg zu St.s ein 
Jahr vordem erschienener, humor istisch iiberglanzter Polemik gegen eben jenen, 
damals modischen, archaologischen Roman, dessen Hauptvertreter Georg 
Ebers St. in der Schrift » Memphis in Leipzig* (1880) bekampfte, die Verklei- 
dung von Menschen mit gegen wartigem Lebensgefiihl in agyptisches Gewand 
tiberlegen nachweisend. Die von keinem Zeiterfolg geblendete Selbstandigkeit 
dieser Satire bewies St. auch in seinen spateren Dichtungen, mit denen er die 
rasch beriihmt gewordene » Irmela « mannigfach iibertraf. Tont in der wie die 
Szenen eines Lustspiels voriiberziehenden, von Ferdinand Avenarius besonders 
warm geruhmten Geschichte »Herr Moffs kauft sein Buch« (1885) die Polemik 
noch mit leisem Begleitakkord mit, so kommt in der »Neuen Bizarde« (1890), 
insbesondere aber in der schalkhaften, mit sehr feinem Ohr allmahlich ge- 
steigerten Kleinstadterzahlung »Markus Zeisleins groBer Tag« (1883) St.s aus 
still beobachtender Menschenliebe quellender Humor zu einer, bei aller Ver- 
haltenheit befreienden kiinstlerischen Aussprache. Wo er nicht mitspielt, wie 
im »Korrektor« (1885), fehlt St. die sonst immer wieder erreichte letzte Lebens- 
nahe. Aber iiberall meidet er, auch im Idyll, ein schonfarberisches Idyllisieren 
und enthiillt, etwa in »Gevatter Tod« (1882), zumal im Kinde und in denen, 
die gleich dem Kinde einfaltigen Herzens geblieben sind, die sozusagen unter- 
irdische Wirkung der feinen und zarten Gegenkrafte gegen die herabziehenden 
Machte einer sich mechanisierenden Welt. Er gehort gerade in diesem Betracht 
zu Wilhelm Raabe, ohne dessen aus scharferem Temperament und groBerer 
Tiefe stammenden lodernden HaB gegen die »Canaille«, aber mit derselben 
Nahe zu den Grundkraften deutschen Wesens. Stilistisch steht St. den nord- 
deutschen Kleinrealisten vom Schlage Heinrich Seidels oder den Berliner 
Alterswerken Julius Rodenbergs (s. DBJ 1914 — 16, S. 84) naher. Die bewuBte 
Bergung in der GewiBheit christlichen Glaubens gibt ihm neben dem Braun- 
schweiger Meister wie neben den Berlinern das eigene Gesicht, sie spricht sich 
freier in den aus seinem NachlaB veroffentlichten Gedichten »Ausklang« 
(1917) aus. 

Theologischem Richtungshader hielt St. sich fern, griff aber auch in kirch- 
liche Angelegenheiten freimiitig ein, wie er denn im Jahre 1881 die Zeit- 
schrift »Das Pfarrhaus« begriindete. Mit Rudolf Kogel, Ernst Dryander 
(s. 1922), dem Pfarrer und Poeten Emil Frommel war er befreundet und 
DBJ 11 



162 1917 

hielt mit ihnen geistigen Austausch. Moltke zahlte zu seinen warmsten Ver- 
ehrern. Mannhaft bekampfte St. von der Griinderzeit an, damals einer der 
Rufer in derWiiste, Scheinkultur, zivilisatorisclies Gehaben, Bildungshochmut, 
Refonnwut, so in der unter dem Decknamen Veracus Rusticus erschienenen 
Flugschrift »Meletemata ecclesiastical. Veroffentlichungen uber das Bauern- 
haus brachten ihn in die Arbeitsgemeinschaft mit Avenarius (f 1923), dessen 
Kampf fur eine neue, gewachsene Ausdruckskultur im Diirerbunde St. fuhrend 
mitmachte. Seine publizistische Tatigkeit nach dieser Richtung war ebenso 
weit, wie das immer aus der christlichen Mitte gespeiste Kraftfeld der geistigen 
Interessen des charaktervollen, unabhangigen Mannes, Dichters und Seel- 
sorgers. 

Literatur: H.St., Wie »Irmela«, entstand.Eckart VI. — M.Necker.H. St., Grenzboten 
1886. — R. Weitbrecht, H. St., Lit. Echo IV. — F. Avenarius, Vorrede zur St.-Schrift des 
Diirerbundes, Miinchen 1906. — H. Spiero, Einl. zu H. St.s Erzahlungen, Stuttgart 1926. 

Berlin. Heinrich Spiero. 

Trubner, Wilhelm, Maler, * am 3. Februar 1851 in Heidelberg, fam2i. De- 
zember 1917 in Karlsruhe. — Zwischen dem nationalen und dem kunst- 
lerischen Aufschwung der einzelnen Volker bestehen unverkennbar Zusammen- 
hange. Welt- und Kunstgeschichte liefern sichere . Beweise dafiir. Einen der 
kraftigsten bietet das Aufbliihen der deutschen Kunst nach der Wieder- 
aufrichtung des deutschen Kaiserreiches. Genau wie das politische Ereignis 
bereitete sich auch der Aufstieg der Kunst jahrzehntelang vor. Niemals hat 
es in Deutschland eine so stattliche Reihe grofler Maler gegeben wie in der 
Zeit zwischen i860 und 1890, und ebenso wenig fehlte es an hervorragenden 
Bildhauern und Architekten. Von bemerkenswerter Wichtigkeit war der 
Wiedergewinn aller zur Austibung dieser Kiinste erforderlichen technischen 
Fahigkeiten und Praktiken. Die Begriffe Malerei und Plastik erfuhren eine 
neue Formulierung, und daraus ergab sich eine Umwertung aller kunstlerischen 
Werte, in die die Allgemeinheit nur mit groBem Widerstreben und nach 
heftigem Kampfe sich fand, weil zahllose Publikumslieblinge dabei gestiirzt 
wurden. Man hatte in einer Gefiihlswelt gelebt und fand sich nun von der 
Kunst einer Wirklichkeit gegenubergestellt, die man der kunstlerischen Wie- 
dergabe nicht fur wurdig hielt, weil sie zu alltaglich schien. Bei dieser gegen- 
satzlichen Einstellung zog die Kunst zunachst den kiirzeren. Maler wie Leibl, 
Thoma, Klinger, Liebermann wurden mit ihren ersten Werken geradezu ver- 
hohnt, und der deutscheste von ihnen, Wilhelm T., mit seinen vorziiglichsten 
Bildern einfach iiberhaupt nicht beachtet. Es hat Jahrzehnte gewahrt, bis 
das Publikum anderen Sinnes wurde und Verstandnis dafiir gewann, dafl es 
in diesen Kiinstlern groBe Meister zu verehren habe, Maler, die ihre Kunst 
als solche machtig vorangebracht und mit ihren Schopfungen jetzt Zeugnis 
ablegen fiir die einstige Machtstellung des deutschen Kaiserreiches. Auch mit 
Wilhelm T.s Art hat die offentliche Meinung sich allmahlich abgefunden, 
recht begriffen aber eigentlich niemals, dafi er der weitaus selbstandigste und 
originellste Kiinstler jener groBen Periode gewesen ist. Von Rechts wegen 
hatte man ihn ebenso hochstellen miissen wie den Franzosen Cezanne, dem 
er an urtumlicher Kraft weit iiberlegen ist, woraus der SchluB gezogen werden 



Steinhausen. Triibner 1 63 

darf, daB bei der Begeisterung fiir diesen ein gutes Stiick Heuchelei und 
torichte Fremdenanbeterei mitwirkt. Erst spatere Geschlechter werden zu der 
Tjberzeugung gelangen, daB dem problematischen Franzosen in T. ein voll- 
kommener Meister gegenubersteht, eine »Natur« im Goetheschen Sinne. 

Wie die Kunst aller groBen Maler, laBt auch die T.s sich nicht aus den 
Anregungen erklaren, die er in seinem Leben von anderen erhalten. Sind seine 
Friihwerke in Verbindung zu bringen mit den Schopfungen seines ersten 
Lehrers Canon? Kaum! Spurt man Leibl, dessen Kreis er zugezahlt wird, in 
den Arbeiten des Einundzwanzigjahrigen? Auch nicht oder doch hochstens 
in der Sorgfalt, mit der er Hande gemalt hat. Von Beginn seiner Kiinstler- 
tatigkeit an ist der junge Heidelberger ein Original, dessen Bildvorwiirfe, 
dessen Art zu malen mit denen keines anderen Kiinstlers innerliche oder auBer- 
liche Ahnlichkeit haben. Einzig, daB er wie fast alle Maler damals seinen Bil- 
dern die Atelieratmosphare gibt, und als er zwanzig Jahre spater, dem Zuge 
der Zeit folgend, Freilichtbilder malt, haben diese auch nicht das geringste 
gemein mit dem, was die Pleinairisten von damals schufen. Kaum ein zweiter 
Maler hat eine so hohe Vorstellung von der gottlichen Kraft der Kunst be- 
sessen wie T. Er glaubte fest daran, daB die Kunst imstande ware, alles das 
schon, vornehm und kostbar zu machen, was in der Wirklichkeit haBlich, 
gemein und verachtlich ist, und hat sich von Anfang an bemuht, mit seinen 
Schopfungen Beweise dafur zu lief era. Sehr zu seinem Schaden; denn seine 
Bilder wurden hauptsachlich darum von dem Publikum und der Kritik ab- 
gelehnt, weil er mit Vorliebe ungewohnlich haBliche Menschen malte. DaB er 
dabei wahre Wunder von schoner Farbe und herrlicher Malerei schuf, wurden 
nur wenige gewahr, weil die meisten keinen Unterschied zu machen wuBten 
zwischen dem Naturschonen und dem Kunstschonen und sich nicht ent- 
schlieBen konnten, Bilder eingehend zu betrachten, die sie rein gegenstandlich 
schon abschreckten. Es darf nicht vergessen werden, daB T. mit Bildern 
dieser Art gerade in einer Zeit hervortrat, die in den Idealen der Renaissance 
schwelgte und von jedem Kiinstler verlangte, daB er ihre asthetischen Emp- 
findungen respektierte. Und dann das Erdenfeste, Handlungslose, Stilleben- 
artige von T.s Bildern. Man wollte Bilder haben, bei denen man sich etwas 
denken konnte, die einen unterhaltsamen Inhalt hatten, iiber die sich sprechen 
lieB; ein bloBes Augenerlebnis hatte fiir die Menschen von damals nicht den 
geringsten Reiz, und vom Handwerklichen der Malerei hatte man keine 
Ahnung. T. aber war in alledem der Zeit weit voran. Sein hochster Ehrgeiz 
war, schone Malerei zu machen, wie sie die GroBen der Kunst, die Rubens, 
Frans Hals oder Velazquez hervorgebracht, und Farben sollten auf seinen 
Bildern leuchten, wie von den Altartafeln der alten deutschen Maler und von 
gotischen Glasfenstern. In gewissem Sinne war er das deutsche Gegenstiick 
zu Manet. Er wollte auch nicht malen, wie andere beliebten, zu sehen, son- 
dern wie es ihm richtig erschien. Aber wahrend Manet die Fahigkeit besaB, 
auch als Maler sich zu objektivieren, suchte T. die individuelle Malerei. Das 
heiBt, er brauchte sie gar nicht zu suchen, sie war ihm angeboren; er sah 
schon individuell. Es existiert von ihm eine Kopie nach Rubens, die er in 
Briissel gemalt, und sie beweist, daB er nicht nur die Wirklichkeit auf seine 
besondere Weise sah, sondern auch Kunstwerke ; denn diese Rubens-Kopie ist 
in Auffassung, Malerei und Farbe ein echter T. geworden. Obwohl der Maler 



164 l 9 l 7 

bereits in seiner Jugend nach Anerkennung hungerte und viele, ja endlose 
Jahre hindurch keine andere fand als die von Kollegen, wie Leibl, Schuch, 
Hans Thoma, und die einiger Freunde, wie des Dichters Martin Greif, des 
Philosophen Du Prel und der Kunsthistoriker Bayersdorfer und Eisenmann, 
hat er doch an dem Grundsatze festgehalten, Kunst um der Kunst willen zu 
machen und sich nicht den Anspriichen des Publikums zu beugen. Er konnte 
einfach gar nicht anders; denn auch als er den Versuch unternahm, genre- 
hafte, mythologische und phantastische Bilder zu malen, stellte er das rein- 
kiinstlerische Moment so stark in den Vordergrund, daB das Publikum tiber- 
zeugt war, der Maler wolle mit diesen Bildern iiber den allgemeinen Geschmack 
sich lustig machen. Die Unerschiitterlichkeit seiner Art und seiner Uber- 
zeugungen aber macht T.s GroBe aus und laBt ihn als einen wiirdigen Nach- 
kommen der alten deutschen Meister erscheinen, deren handwerkliche Tiichtig- 
keit, deren Treue gegen sich selbst heute so lebhaft bewundert werden. 

Wilhelm T. kam am 3. Februar 185 1 als Sohn des Juweliers und spateren 
Stadtrats Georg T. in Heidelberg zur Welt. Ohne Frage war die Umgebung, 
in der er aufwuchs, bestimmend fur seine Entwicklung. Die alte, an Erinne- 
rungen reiche Stadt, ihre herrliche Lage, die Wohlhabenheit im elterlichen 
Hause, die Tatigkeit des Vaters, die so eng verbunden war mit schonem 
Material und sorgfaltiger und solider Arbeit, haben offenbar den Sinn des 
jungen Menschen schon fruhzeitig beeinfluBt. Kiinstlerische Neigungen, die 
vom Vater aber aufs entschiedenste abgelehnt wurden, zeigte bereits der 
Knabe. In seinem dritten Sohne wollte der alte T. namlich sich einen Nach- 
folger fiir sein Geschaft erziehen. Deshalb wurde der junge Mensch nach Ab- 
solvierung der Schulzeit ohne weiteres nach Hanau geschickt, um dort die 
notige kunstgewerbliche Ausbildung zu erhalten. Immer wieder besturmte der 
Sohn den Vater vergeblich, ihn doch Maler werden zu lassen. Erst als die 
Mutter, die immer auf der Seite ihres Kindes gestanden, darauf bestand, daB 
man doch wenigstens einmal einen Maler fragen mochte, ob Wilhelm wirklich 
Talent genug besaBe, um den Beruf des Malers zu ergreifen, entschloB sich 
der Vater, die Arbeiten des Sohnes dem beruhmten Anselm Feuerbach vorzu- 
legen, der damals gerade zum Besuch bei seiner Mutter in Heidelberg weilte. 
T. hat dem Meister niemals vergessen, daB sein warmes Eintreten dem Gold- 
schmiedssohn den Weg zur Kunst freigemacht und nunmehr dessen heiBer 
Wunsch, die Kunstschule in Karlsruhe besuchen zu diirfen, erfullt wurde. 
Ein Jahr, vom Fruhling 1868 bis 1869, blieb er dort, um dann auf den Rat 
seines Lehrers, des Schlachtenmalers Feodor Dietz, nach Miinchen sich zu 
begeben, wo er zunachst in das Atelier des Piloty-Schulers Alexander Wagner 
eintrat. Die bald darauf stattfindende Eroffnung der internationalen Aus- 
stellung im Miinchener Glaspalast aber, in der so bedeutende Erscheinungen 
des Auslandes, wie Courbet, Millet und Manet zum ersten Male vor die deutsche 
Offentlichkeit traten, die ferner die teilweise besten Werke von Feuerbach, 
Victor Miiller, Leibl, Makart, Griitzner, Bocklin, Iyindenschmit, Piloty, Canon, 
Franz Adam und anderen Malern enthielt, brachte ihm zum BewuBtsein, 
daB man das Beste doch nur von den besten Kiinstlern, niemals in einer 
Massenerziehungsanstalt erlernen konne, er also falsch am Orte sei. Der Aka- 
demiebesuch wurde also aufgegeben, und, da T. den Maler Hans Canon 
bereits in Karlsruhe kennengelernt hatte, dessen Bilder gut gefunden und ihn. 



Triibner 1 65 

als Lehrer hatte riihmen horen, entschloB er sich kurzerhand, diesem, der 
damals von Karlsruhe nach Stuttgart iibersiedelte, dorthin als Schuler zu 
folgen. T. hatte nicht besser wahlen konnen; denn obwohl Canon nicht be- 
sonders originell war, beherrschte er doch das Handwerk und dessen Aus- 
drucksmoglichkeiten in ganz iiberragender Weise. Er lenkte des jungen Kiinst- 
lers Aufmerksamkeit auf die besten Vorbilder und lehrte ihn, die Malerei als 
hohe Kunst treiben. Die leuchtende Farbe T.s, die representative Haltung 
seiner Bildnisse, seine groBe Auffassung gehen unzweifelhaft auf Canon zuriick, 
ebenso auch seine Vorliebe fiir Rubens. Canon muB ein sehr schnell fordernder 
Lehrer gewesen sein; denn in seinem Atelier malte T. im Winter 1869/70 
das jetzt in der Karlsruher Galerie hangende Bild der beiden Alten »in der 
Kirche«. Fiir einen Neunzehnjahrigen eine iiberraschend gute Leistung. Im 
Sommer 1870 schickte der Meister den Schuler auf Galeriestudien nach Frank- 
furt, Kassel, Weimar, Gotha, Braunschweig, Dresden und Berlin, und im 
Herbst des Jahres zog der junge Maler wieder nach Munchen, wo er auf Rat 
Karl Pilotys in das eben eingerichtete Atelier von Wilhelm Diez als Schuler 
eintrat. Das Vorbild von Wilhelm Diez bestarkte ihn in seiner von Canon 
schon erweckten Vorliebe fiir die Kunst der alten Hollander und Flamen. 
Eine starke Anregung gab ihm auBerdem der Verkehr mit dem Wiener Maler 
Charles Schuch, dessen Beispiel ihn verlockte, Landschaften zu malen. Durch 
ihn machte er auch die Bekanntschaft Wilhelm Leibls, der, nachdem er T.s 
Arbeiten gesehen, dem jungen Kiinstler riet, die Schule zu verlassen und auf 
eigene Hand weiterzuschaffen. Hatte T. Leibl schon langst bewundert, so 
entschied er sich jetzt, ihn zu seinem Fiihrer in der Malerei zu erwahlen. Am 
liebsten ware er dessen Schuler geworden; aber darauf liefl Leibl sich nicht 
ein, und so beschrankte das Verhaltnis der beiden sich darauf, dafi T. ein 
Bild Leibls — den » Jungen mit der Halskrause* — erwarb, um die Malweise 
Leibls recht genau studieren zu konnen. Mit seiner Begeisterung fiir den groBen 
Kiinstler steckte er eine ganze Reihe von anderen jungen Malern an, aus 
denen der sogenannte » Leibl- Kreis« — es gehorten auBer T., Schuch und 
Lang, die Maler Hirth, Alt, Sped, Schider, Sattler, Wopfner und Hans Thoma 
dazu — sich zusammensetzte. Man traf sich im Cafe Probst, beim Letten- 
bauer oder im Orlando di Lasso, wo auch Leibl einzukehren pflegte und den 
Mittelpunkt der Gesellschaft und der Gesprache bildete. 

T. war eine zu starke Individuality, als daB es ihm moglich gewesen ware, 
ganz auf Leibls Art sich einzustellen. Er sah ihm in der Tat nicht viel mehr 
als gewisse handwerkliche Gewohnheiten, wie das alia prima-Malen, die ge- 
wissenhafte Wiedergabe von Handen und den Aufbau des Bildes aus farbigen 
Flachen ab, eine Malweise, die er selbst im Laufe der Zeit immer weiter aus- 
bildete und die fiir ihn iiberaus charakteristisch geworden ist. Wie wenig er 
an Selbstandigkeit durch die Bewunderung fiir Leibl eingebiiBt, bezeugen 
die Bilder » Junge am Schrank«, das »Madchen auf dem Kanapee« und »Im 
Atelier «, die mit den in Konkurrenz mit Hans Thoma gemalten »Raufenden 
Buben« samtlich im Jahre 1872 entstanden sind. Auch das Bildnis seines 
Tauf paten, des » Burgermeister Hof meister « in Heidelberg, entstammt diesem 
Jahre. Im Herbst 1872 traf er in Venedig mit Schuch zusammen, um mit 
diesem Italien zu bereisen. Nachdem sie die wichtigsten Galerien des Landes 
gesehen, lieBen die Freunde sich in Rom nieder, um die gewonnenen Erf ah- 



i66 1917 

rungen — fiir T. die reichere Farbe aus dem Studium der italienischen Ko- 
loristen und der handfeste Luminarismus der Spanier — in eigenen Bildern 
zu verwerten. Aus dieser Zeit stammen die drei Bilder eines Mohren, ein paar 
Aktstudien, das Bild »Beim romischen Wein« und der kniend »Singende 
Monch*. Im Herbst 1873 kehrte T. nach Heidelberg zuriick, malte in Er- 
innerung an Velazquez die Bildnisse der Eltern, das einer Cousine mit Facher, 
mehrere Selbstbildnisse, das Interieur »Im Heidelberger Schlofl« und vier 
Wildstilleben, die Schuch erwarb, um sie als Vorbilder fiir seine eigene Stilleben- 
malerei zu benutzen. 

Der Fruhling 1874 findet die beiden Freunde in Briissel, von wo aus sie 
Belgien und Holland bereisen, Galeriestudien machen und wo sie schlieBlich 
ein Atelier mieten, um festzustellen, was sie bei ihrem Studium profitiert 
haben. T. malt in drei Abwandlungen einen »Christus im Grabe« in kuhner 
Verkiirzung von den Fiifien her gesehen, eine Mischung aus Erinnerungen an 
Mantegna, Rubens, Ribera und Rembrandt und ein genrehaft gehaltenes 
Bildnis des mit ihnen reisenden Malers Hagemeister, dem eine junge Dame 
eine Schale mit Friichten anbietet. Fiir den Sommer setzen sich die Freunde 
am Chiemsee fest, wo die ersten, bereits vollig meisterhaften Landschaften 
T.s, zwei auf Grau und ein dunkles Griin gestimmten Bilder des Schlosses 
auf der Herreninsel, der »Dampfersteg« und ein Bild des Sees entstehen. Vom 
Herbst 1874 bis ebendahin 1875 absolviert T. seine einjahrige Dienstpflicht 
beim 3. Badischen Dragonerregiment in Karlsruhe, malt in dieser Zeit nur 
einige Selbstbildnisse und vereinigt sich danach wieder mit Schueh zu gemein- 
samer Arbeit in Miinchen. Es kommt nun zu wahrhaften Meisterleistungen 
auf dem Gebiete der Bildnismalerei, als deren hauptsachlichste die »Dame 
in Grau«, »Maler Schuch «, »Dame in Braun«, »Dichter Martin Greif «, » Blonde 
Dame mit Hut und Pelz«, » Brunette Dame mit Pelz« und »Mann mit rotem 
Bart« genannt seien. Diese Iyeistungen stehen als Malerei weit iiber allem, was 
sonst in dieser Zeit an Bildnissen hervorgebracht worden ist, und zeigen, was 
ein begabter Mensch von Rubens, Velazquez und Hals lernen kann, ohne sie 
nachzuahmen. Und doch hatte T. mit solchen Prachtstiicken in dieser Periode 
der falsch verstandenen Renaissance nicht den geringsten Erfolg, was ihn sehr 
niederdriickte. Ein Vierteljahrhundert spater rissen sich indessen die deutschen 
Galerien um die verkannten Meisterwerke, und heute weiJ3 man, daB sie zum 
Besten gehoren, was die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts hervorgebracht 
hat. T. trostete sich nun wieder mit Landschaftsmalen am Wefilinger See, 
wo einige seiner am meisten geschatzten Bilder, der »Badeplatz«, der »Zimmer- 
mannsplatz« entstanden, denen dann in Bernried noch ein paar Waldbilder 
und der »Kartoffelacker« folgten. Nachdem im Herbst 1876 Schuch von ihm 
sich getrennt und in Miinchen der sogenannte Leibl-Kreis sich aufgelost 
hatte, packte T. die L,ust, seinen Munchener Widersachern nun einmal auf 
ihren eigenen Gebieten Konkurrenz zu machen. Er malte eine Anzahl heute 
zum Teil verschollener Genrebilder, wie die »Kunstpause« in einer Tischler- 
werkstatt, »Leichte Kavallerie«, »Modellpause«, » Munchener Wachtparade«, 
ferner Phantasiebilder, wie die drei Bilder mit Zentaurenpaaren, »Mars und 
Venus <(, Giganten- und Lapithenkampfe, die I^iebessunderinnen aus i>Dantes 
H611e«, eine » Amazonenschlacht «, eine »Kreuzigung« und eine » Wilde Jagd«, 
sodann Historien, wie »Gefangennahme Friedrich des Schonen«, »Tilly reitet 



Triibner 167 

in einen Dom«, und endlich gar Theaterszenen wie »Adelheid und Franz*, 
♦Lady Macbeth*; aber auch mit diesen Schopfungen hatte er keine Erfolge, 
teils weil das Gegenstandliche auBerhalb seiner Begabung lag, teils weil er 
das Reinmalerische zu stark in den Vordergrund gestellt hatte oder zu viel 
Wirklichkeitsgefuhl gezeigt, wodurch er den Anschein erweckte, er verspotte 
auf seine Weise das, was andere Kiinstler gemacht. Ganz verzagt, begab er 
sich 1884 zum Besuche von Verwandten nach London, wo er einige Bildnisse 
malte und »Ludgate Hill«, die Strafle, in der das Geschaftshaus seines Onkels 
lag, dessen beruhmte Biichersammlung er 1885 als Vermachtnis des Verstor- 
benen der Heidelberger Universitatsbibliothek iiberbrachte. Durch das Erbe 
seiner inzwischen ebenfalls verstorbenen Eltern in eine vollig unabhangige 
Lage versetzt, war er jetzt nahe daran, die Malerei einfach aufzugeben und 
ganz seiner Sammlerneigung zu leben ; doch da er die Sommer auf dem Lande 
zu verbringen pflegte, erwachte nach kurzer Pause wieder seine Lust an der 
Natur und am Landschaftern. In Paris, das er 1889 besucht, hatte er die 
Bemiihungen der Maler gesehen, die Natur hell, in naturlichen Farben und im 
Lichte der Sonne wieder zugeben, und er versuchte nun, am Chiemsee es ihnen 
nachzutun. Sehr bezeichnend fiir diese Bemiihungen ist die »Landschaft mit 
der Fahnenstange« von 1891. Ein Jahr spater lafit er sich in Seeon nieder, 
wo er eine Reihe ausgezeichneter Bilder des Klostergebietes und des Sees 
malt. Dann folgen Landschaften vom Bodensee und aus dem Schwarzwald, 
und da er sich jetzt wieder ganz in Form fuhlt, betatigt er sich auch wieder 
als Bildnismaler, portratiert eine Anzahl mehr oder minder schoner bekannter 
Damen und Modelle, und zweimal den »Schottenjungen«. Auch schriftstelle- 
risch tritt er hervor, indem er in einer zunachst anonym erschienenen Bro- 
schiire »Das Kunstverstandnis von heute« dem schlechten Geschmack des 
Publikums und den ihm immer trostloser erscheinenden Kunstzustanden in 
Deutschland zu Leibe geht. Um seine Ansichten iiber das, was er in der Kunst 
fiir gut hielt, in die Praxis zu ubertragen, richtete er in der GroBen Berliner 
Kunstausstellung von 1895 Kollektiworfuhrungen von Werken Leibls, Hans 
Thomas, Victor Mullers und eigener Arbeiten ein, die starke Beachtung fanden 
und den Ausstellenden mit einem Schlage zur Beriihmtheit verhalfen. Die 
wichtigen deutschen Galerien begannen nun, sich allmahlich mit Werken T.s 
zu versehen. Nur in Miinchen lieB man ihn immer noch nicht gelten. Aus 
diesem Grunde verlieB er die ihm so wenig wohlwollende Kunststadt 1896 
und begab sich nach Frankfurt a. M., wo sein alter Freund Hans Thoma 
wirkte. Er wurde nach einiger Zeit Lehrer an dem Stadelschen Kunstinstitut 
und entwickelte als solcher eine ungewohnlich fruchtbare Tatigkeit. In aller 
Stille vollzog sich hier die Wandlung zum Freilichtmaler, und nachdem es 
ihm gelungen war, seine Landschaften auf helle Farben und Harmonien zu 
stimmen, versuchte er, die neue Anschauungsweise auch auf das Figurenbild 
und das Portrat zu ubertragen. Zunachst malte er einige Akte im Griinen, 
wobei er die warme, durch Rot bestimmte Farbe des Fleisches durch den 
Gegensatz kuhler griiner Reflexe sehr wirkungsvoll zu heben wuBte. Diese 
Aktstudien gehen unter den Titeln: »Adam und Eva«, »Urteil des Paris «, 
♦Susanna im Bade«, » Salome « u. a., fanden jedoch wenig Beifall beim Publi- 
kum, weil den malerischen Vorziigen durchaus keine geistigen zur Seite 
standen. Um so mehr Erfolg hatten die bald darauf entstandenen Reiter- 



i68 1917 

bildnisse, weil fiir den Reiter das Freilicht das Natiirliche ist, weil T.s breite 
Malerei dem Gegenstande angemessen erschien und sein Gefuhl fiir das Re- 
presentative hierbei zur schonsten Geltung kam. Diese Reiterbildnisse ge- 
horen nicht nur zu des Kunstlers originellsten Schopfungen, sondern auch 
zu den eigenartigsten in der Malerei des 19. Jahrhunderts. Sie stellen mit ihrem 
leuchtenden Rotbraun, smaragdenen Griin und den bunten Uniformen das 
auBerste an Farbe dar, was seit den Tagen der alten deutschen Meister in 
Bildern gezeigt wurde, und sind als prachtvolle Malerei nicht genug zu be- 
wundern. 

Im Jahre 1900 vermahlte T. sich mit seiner begabten Schulerin Alice 
Auerbach, deren reifes und sicheres Kunsturteil er schatzen gelernt hatte. 

Drei Jahre spater folgte er dem Rufe seines Landesherrn, des GroBherzogs 
Friedrich I. von Baden zur Ubernahme eines Lehramtes an der Karlsruher 
Akademie. Er wirkte dort sehr anregend als Lehrer sowohl wie auch als Maler. 
Er, den man in Munchen so griindlich miBachtet hatte, portratierte nun, wie 
Lenbach, Fiirsten und groBe Herren. Seine Bildnisse des GroBherzogs von 
Baden, des GroBherzogs von Hessen, des Hamburger Burgermeisters Moncke- 
berg stehen turmhoch iiber dem Ublichen und Gewohnten. Auch Wand- 
gemalde wurden ihm in Karlsruhe iibertragen. MiBgliickt sind ihm im allge- 
meinen allerdings die vielen Freilichtbildnisse, die er in dieser Zeit malte. Im 
Portrat will man vor allem den darzustellenden Menschen, das Positive der 
Erscheinung, nicht zufallige Zustande, wie sie das Spiel, das Sonnenstrahlen 
auf dem Gesicht erzeugt. Den Irrtum, dem T. in dieser Beziehung sich hin- 
gab, hat er allerdings reichlich ausgeglichen durch die wundervollen, von 
starker Empfindung fiir die Natur und die Herrlichkeit ihres Farbenkleides 
zeugenden Landschaften, die er in Amorbach, Hemsbach, am Starnberger See 
und im Stift Neuburg malte. Sie stehen in ihrer festen Form, die nicht ver- 
hindert, daB Licht und I^uft voller Leben erscheinen, in ihrer reichen Farbig- 
keit und Leuchtkraft in der deutschen Kunst unerreicht da. Sie sichern dem 
Namen Wilhelm Triibner Unsterblichkeit, soweit diese nicht schon durch die 
meisterhaften Schopfungen der Fruhzeit begriindet wird. 

T.s Schriften »Das Kunstverstandnis von heute«, »Die Verwirrung der 
Kunstbegrif f e « und »Personalien und Prinzipienc sind mehr oder minder ge- 
lungene Versuche, der Allgemeinheit klarzumachen, was er in seiner Kunst 
erstrebt hat und erreicht zu haben glaubt, versehen mit Seitenhieben auf 
die akademischen Richtungen, denen das Publikum allezeit eine ungleich 
groBere Beachtung geschenkt hat als den wirklichen Meistern, den individuell 
Schaffenden. Fiir einen solchen sich zu halten, hatte T. vollkommen recht, 
und daB er der Kunst selbstlos gedient, ist kein Zweifel; aber eine gewisse 
Starrheit der Empfindungsweise und geistige Unbeweglichkeit verhinderten 
ihn, zu so tieferregenden Wirkungen zu kommen, wie sie von den Schopfungen 
Diirers, Holbeins, Frans Hals', Rembrandts oder Velazquez* ausgehen. Als 
Maler schlechtweg indessen steht er als ein Ebenburtiger neben den Aller- 
groBten, und was in ihm als Anlage steckte, hat er zur hochsten Vollendung 
gebracht. Von wie wenigen Kiinstlern laBt das sich behaupten! Und noch 
eines darf von ihm gesagt werden : Seine gerade und einf ache Natur, die durch 
nichts zu erschiitternde Hingabe an seine Ideale, die Ehrlichkeit und Sauber- 
keit im Handwerklichen seiner Kunst kennzeichnen ihn als den deutschesten 



Triibner. Veith l6o 

aller Maler, die das 19. Jahrhundert hervorgebracht. Sein Schaffen bildet 
den einstweiligen AbschluB der nihmreichen Periode jener deutschen Kunst, 
deren grofiartige Leistungen aus dem 16. Jahrhundert in die Gegenwart 
heriiberleuchten. 

L,iteratur: Eigene Schriften: Das Kunstverstandnis von heute, Miinchen 1892, Casar 
Fritsch; Die Verwirrung der Kunstbegriffe, Frankfurt a. M. 1898, Riitten & Iyoening; 
Personalien und Prinzipien, Berlin 1907, Bruno Cassirer; Van Gogh und die neuen Rich- 
tungen der Malerei. Kunst f. Alle, Januar 191 5; Der Krieg und die Kunst, Frankfurter 
Zeitung, 21. Januar 1916; Der Wert deutscher und franzosischer Kunst, Woehenschrift 
der Berliner Neuesten Nachrichten, 8. April 191 7. — Monographien : Hans Rosenhagen, 
Nr. 98 von Velhagen & Klasings Kiinstlermonographien, 1908, Bielefeld und Leipzig; 
Georg Fuchs, W. T. und sein Werk, 1908, Georg Miiller, Miinchen; Jos. Aug. Beringer, 
Klassiker der Kunst XXVI, 1917, Stuttgart. — Schriften: Karl Voll, Zeitschrift fur Bil- 
dende Kunst, 1901, Leipzig; Georg Hermann, Siidwestdeutsche Rundschau, 1902, Frank- 
furt a. M. ; Hans Rosenhagen, Kunst fur Alle, 1902, Miinchen; L,. Brieger-Wasservogel, 
Kunst der Neuzeit Nr. 10, 1903, Strafiburg; Hans Rosenhagen, t)ber Land und Meer, 1907, 
Stuttgart; Benno Ruttenauer, Propylaen, 1908, Miinchen; ders., Westermanns Monats- 
hefte, 1909, Braunschweig; Hans Rosenhagen, DaheimNr. 14, 1909, Bielefeld und Leipzig; 
Wilhelm Michel, Ausstellung in Brackls Kunsthandlung, 19 10, Miinchen; J. A. Beringer, 
Triibner- Ausstellung in Karlsruhe 191 1, Leipzig, Kunstchronik ; Karl Scheffler, Kunst und 
Kiinstler, 191 1, Berlin; Robert Breuer, Reclams Universum XXVII, 191 1, Leipzig; 
Georg Jak. Wolf, Jugend Nr. 4, 191 1, Miinchen; J. A. Beringer, Kunst fur Alle, 191 1, 
Miinchen; E. Bender, Kunst und Jugend, 191 1, Stuttgart; Albert Geiger, Der Turmer, 
191 2, Stuttgart; Hans Rosenhagen, Kunst unserer Zeit, 1909, Miinchen; Wilhelm Schafer, 
Deutsche Maler, 1910, Diisseldorf ; J. A. Beringer, Deutsche Kunst und Dekoration, 1916, 
Darmstadt; Paul Kiihn, Ulustrierte Zeitung, 1909, Leipzig; Emil Waldmann, Vorwort 
zur II. Auflage von Personalien und Prinzipien, Berlin; Willy F. Storck, Katalog zur 
Triibner- Ausstellung Basel 1927; Wilhelm Gobel, ebendort, 1927. — Kunst geschichten : 
Richard Muther, Springer-Osborn, Lubke-Semrau-Haack, Alfred Koppen, Meier-Graefe, 
Rosenberg-Rosenhagen, Richard Hamann, Wilhelm Hausenstein. 

Berlin. Hans Rosenhagen. 



Veith, Rudolph Hugo, * am 1. Juni 1846 in Bobischau, Kreis Habelschwerdt, 
t am 13. Marz 1917 in Berlin. — Nachdem Rudolph V. die ersten Kind- 
heitsjahre in Bobischau verlebt hatte, wurde sein Vater, von Beruf Steuer- 
beamter, nach Breslau versetzt. Der kleine Rudolph besuchte dort zuerst die 
Elementarschule, spater — von 1856 ab — das katholische Gymnasium zu 
St. Matthias, das er 1865 verlieB, um ein Jahr lang als Maschinenbau- und 
Hutteneleve in Malapane die praktischen Grundlagen fiir den von ihm er- 
wahlten Beruf des Maschineningenieurs zu erwerben. Auf der Provinzial- 
Gewerbeschule in Schweidnitz legte er 1867 die Reifepriifung ab, arbeitete so- 
dann in der Maschinenbauanstalt des »Fabrikenkonimissarius« F. G. Hofmann 
(Maschinen- und Olfabrik Koinonia) sowie in den Werkstatten der Oberschle- 
sischen Eisenbahn bis zum 1. Februar 1869 praktisch und trat hierauf zur Ab- 
leistung seiner Dienstpflicht als Maschinistenapplikant bei der Maschinen- 
kompagnie der Kaiserl. Werftdivision ein. Sein Dienstjahr verlangerte sich un- 
erwartet durch den Ausbruch des Deutsch-Franzosischen Krieges, wahrend- 
dessen er anfangs auf der Panzerfregatte »Friedrich Karl«, spater — als dienst- 
tuender Maschinist — auf dem Aviso »Adler« kommandiert war. 

Nach Kriegsende bezog V. im Oktober 187 1 die Konigl. Gewerbeakademie 
in Berlin, wo er sich dem Studium des Schiffsmaschinenbaufachs widmete. In 



170 1917 

der Studienzeit lieBen ihn sein reger FleiB, sein Streben nach Vervollkommnung 
seines Wissens und Konnens selbst in den Akademief erien nicht f eiern ; er nutzte 
sie, um in verschiedenen Berliner Konstruktionsbureaus sich zeichnerisch und 
konstruktiv zu betatigen. Aber auch sonst fiillte ihn das Studium allein nicht 
aus. Im akademischen Verein »Hutte«, dem er allezeit ein treues und eifriges 
Mitglied gewesen ist, beteiligte er sich an alien wissenschaftlichen Unterneh- 
mungen, und sein den Lernstoff tief durchdringender, das Wesentliche stets 
scharf erfassender Verstand trieb ihn schon damals dazu, im Verein mit geistig 
hochstehenden Freunden die Bearbeitung eines fiir Studienzwecke bestimmten 
Lehrbuchs der technischen Mechanik zu ubernehmen und damit auch weniger 
begabten Kommilitonen die Erreichung ihres Ausbildungszieles zu erleichtern. 
Nach Ablegung der Diplomprufung am 27. Juli 1874 tat er zunachst bei der 
Stettiner Maschinenbau-A.-G. Vulcan in Stettin-Bredow als Maschinenbau- 
ingenieur Dienst, um jedoch bald in gleicher Eigenschaft in das Konstruktions- 
bureau der Markisch-Schlesischen Maschinenbau-A.-G. vorm. F. A. Egells, 
Berlin, iiberzusiedeln, wo er unter der trefflichen Anleitung des damaligen 
Direktors dieser Firma, Jungermann, wertvolle Anregungen erhielt. 

Am 15. April 1875 trat Rudolph V. in den Dienst der damals noch kleinen, 
aber in langsamem Aufbluhen begriffenen deutschen Kriegsmarine ein. Er 
wurde zunachst zur » probe weisen Beschaftigung« als Marine-Maschinenbau- 
Ingenieuraspirant der Kaiserl. Werft in Wilhelmshaven iiberwiesen, wo er sich 
schnell die Zuneigung und das Vertrauen seiner Vorgesetzten erwarb. Schon die 
ersten Qualifikationsberichte heben seine hervorragende Befahigung, seine um- 
fassenden Kenntnisse und seinen regen Diensteifer hervor, und der Vorschlag, 
ihn zum Marine-Maschinenbau-Unteringenieurzu befordern, brachte zugleich — 
ein gewiB seltener Fall — den Antrag an die Berliner Zentralbehorde heran, 
ihm »in Anerkennung seines FleiBes« eine besondere Belobigung zu erteilen. 
So arbeitsreich diese Zeit war, so engte sie doch seinen angeborenen, ihm bis ins 
hohe Alter treu gebliebenen Frohsinn nicht sonderlich ein. In jugendlicher Un- 
bekummertheit durchstreifte er damals im Kreise gleichgesinnter Kollegen die 
Stadtchen und Dorfer der Umgegend, und so manche Geschichte aus dieser 
Zeit, so mancher Jugendstreich lebte spater in seinen Erzahlungen wieder auf 
zur Freude aller, die das Gluck hatten, ihm in solchen Stunden geruhsamer Er- 
holung zuhoren zu diirfen. 

Am 19. Juli 1878 verheiratete er sich mit Fraulein Katharina Asmus; mit 
innigem Verstandnis fiir die Eigenart des mit Arbeit und Verantwortung tiber- 
lasteten, dabei zu immer hoheren Wiirden aufsteigenden Gatten hat diese Frau 
ihm allezeit treu zur Seite gestanden und Freud' und Leid mit ihm geteilt. 

Nachdem V. 1883 zum Maschinenbau-Ingenieur befordert worden war, wurde 
er 1885 als Baubeaufsichtigender fiir Torpedoboote zur Firma F. Schichau nach 
Elbing kommandiert. Mit diesem Kommando erhielt sein Leben eine entschei- 
dende Wendung. Schon damals genofl Schichau im Torpedobootsbau Weltruf, 
und an dieser Statte eines grofiziigigen, alle Moglichkeiten bis zur auBersten 
Grenze erschopfenden konstruktiven Wirkens konnte V. am besten den Grund 
zu der Fiille von Sonderkenntnissen und -erfahrungen legen, die ihn spater zu 
hohen Leistungen auf dem Gebiete des Torpedobootsbaues befahigten. Fiinf 
Jahre lang hat er in dieser Stellung gearbeitet und — gelernt. Eine Reihe lite- 
rarischer Arbeiten, die in der Marine- Rundschau abgedruckt wurden, legt 



Veith I yx 

Zeugnis ab von dem Geiste, mit dem er die damals gewonnenen Eindriicke fur 
die weitere Entwicklung im Interesse der Marine nutzbar zu machen be- 
strebt war. 

1890 wurde V. als Marine-Maschinenbaumeister der Kaiserl. Werft in Kiel 
zugeteilt. Nach voriibergehender Beschaftigung im Maschinenbauressort er- 
nannte man ihn nebenamtlich zum technischen Beirat des Torpedoressorts und 
iiberwies ihn nach der 1891 erfolgten Beforderung zum Marine-Maschinenbau- 
Inspektor dem letztgenannten Ressort zu hauptamtlicher Beschaftigung. Von 
hier aus wurde er 1893 »zum Studium des Baues und Betriebes der Thornycroft- 
Wasserrohrkessel fiir Torpedoboote bzw. auf Torpedobooten « nach England 
geschickt, wo er Gelegenheit erhielt, aus eigener Anschauung die Arbeitsstatten 
kennenzulernen, die zu jener Zeit im Kriegsschiffbau fiihrend waren. Wenn 
sich die deutsche Marine-Maschinenbautechnik in der Folgezeit sehr bald auf 
eigene FiiBe gestellt und den englischen Lehrmeister zum mindesten erreicht, 
wenn nicht iiberflugelt hat, so durfte — neben den Maschinenbaubetrieben der 
groBen deutschen Werften und ihren Iyeitern — V. einen erheblichen Anteil an 
dieser Entwicklung fiir sich in Anspruch nehmen. 

An ein mehrjahriges Kommando zur Dienstleistung in der Konstruktions- 
abteilung des Reichsmarineamts zu Berlin, wahrenddessen er unter der Ober- 
leitung des durch seine Verdienste um die wirtschaftliche Weiterentwicklung 
der Schiffs-Dampfkolbenmaschinen und die Einfiihrung der Wasserrohrkessel 
in die Marine bekannten Geh. Admiralitatsrats Langner eine verantwortliche 
Stellung innehatte und daneben auch noch die Baubeaufsichtigung fiir die 
Maschinenanlagen der damals beim Stettiner Vulcan in Bau befindlichen 
Kriegsschif f e ausiibte, wurde dem inzwischen zum Marinebaurat und Maschinen- 
baubetriebsdirektor Beforderten die technische I,eitung bei der Kaiserl. In- 
spektion des Torpedo wesens in Kiel iibertragen. Hier riickte er 1898 zum 
Marine-Oberbaurat, 1899 zum Geheimen Marinebaurat und Maschinenbau- 
direktor auf. 

In dieser Stellung, die ihm zum ersten Male eine selbstandige schopferische 

Tatigkeit ermoglichte, hat V. Leistungen vollbracht, die seinen Ruf auch nach 

auBen hin fest begnindeten. Die Weiterentwicklung der groBen Torpedoboote, 

die mit erheblichen konstruktiven Schwierigkeiten verbundene Anlage ge- 

"trennter Maschinenraume, die Beseitigung der anfangs sehr unangenehm in 

Urscheinung getretenen Vibrationen dieser Boote waren neben vielem anderen 

sein Verdienst. Mit weitem Blick alle Zukunftsmoglichkeiten erfassend, rasch 

aus der Fiille des Angebotenen das Aussichtsreiche herausschalend, bei allem 

Wagen doch nie das Wagen auBer acht lassend, fand er zur rechten Zeit mit 

genialer Sicherheit den Ubergang zur Dampf turbine, deren Einfiihrung einen 

neuen Abschnitt in der Geschichte des Schiffsmaschinenbaus einleitete. Auch 

die Bedeutung des Olmotors als Schiffsantriebsmaschine hat er schon damals 

erkannt. In jahrelanger, an Fehlschlagen nicht armer, aber trotzdem von un- 

beugsamer Zuversicht erfiillter Arbeit, stets in engster Fiihlung mit der ein- 

schlagigen Industrie, hat er die ersten brauchbaren Unterseebootsmotoren 

Dieselscher Bauart mit entwickeln helfen, wie ja auch die Entwiirfe zu den 

ersten deutschen Unterseebooten damals unter seiner I^eitung entstanden. 

Es konnte nicht ausbleiben, daB die groBen Fahigkeiten, die V. als technischer 
Leiter des Torpedo- und Unterseebootsbaus bewiesen hatte, die Aufmerksam- 



172 1917 

keit der ihm vorgesetzten Dienststellen auf ihn lenkten, als es sich danim 
handelte, die Stelle des Chefs der Maschinenbauabteilung im Konstruktions- 
departement des Reichsmarineamts neu zu besetzen. 1906 in dieses Amt be- 
rufen und damit an die Spitze des gesamten Marine- Maschinenbaus gestellt, 
trat V. nunmehr seine hochste und erfolgreichste Dienststellung an, in der er 
zunachst zum Geh. Oberbaurat, bereits 1909 zum Wirklichen Geheimen Ober- 
baurat mit dem Range der Rate I. Klasse aufstieg. 

In die zehn Jahre, wahrend deren es Rudolph V. vergonnt war, in dieser 
Stellung tatig zu sein, drangte sich eine gewaltige Ftille von Entwicklungsarbeit 
groBen Stils zusammen. Die schon in ziemlich vorgeschrittenem Bauzustande 
befindlichen Dampfzylinder der GroBen Kreuzer »Scharnhorst« und »Gnei- 
senau« wurden ausgebohrt und damit zu hoherer Leistung befahigt, eine Kiihn- 
heit, die nur durch die auf den Torpedobooten gewonnenen Erfahrungen er- 
klarlich war. Schnell kam dann der Ubergang zur Dampfturbine, zuerst bei den 
Kreuzern, dann auch bei den Linienschiffen. GroBter Wert wurde von V. auf 
wissenschaftliche Griindlichkeit bei der Weiterentwicklung dieses Maschinen- 
typs gelegt, und er scheute sich gar nicht, Wissenschaftler der Technischen 
Hochschulen zur Mitarbeit heranzuziehen, wo er sich davon eine sachliche 
Forderung seiner Ziele versprach. Damit baute er auch die gewaltigen Lei- 
stungen von mehr als 100 000 PS, die in den Maschinenanlagen unserer Schlacht- 
kreuzer kurz vor dem Kriege untergebracht waren, auf fester Grundlage auf und 
konnte die Verantwortung fiir Schiffsturbinenanlagen selbst von 300 000 PS, 
wie sie wahrend des Kriegs, unter Einschaltung von Zahnradgetrieben hohen 
Wirkungsgrades, entworfen wurden, aber des unglucklichen Kriegsendes wegen 
leider nicht mehr zur Ausfuhrung kamen, getrost iibernehmen. Selbstverstand- 
lich hat es dabei an Schwierigkeiten nicht gefehlt. Aber seine zahe Beharrlich- 
keit, die ein als richtig und erstrebenswert erkanntes Ziel nie mehr aus den 
Augen lieB, uberwand alle Hindernisse, die sich seinem technischen Wollen in 
den Weg stellten. Die Schiffsolmaschine hat ebenfalls in ihm einen energischen 
Forderer gefunden. Beweis dafiir sind die beiden je zwolftausendpferdigen 
Dieselmotoren, die auf seinen Antrag schon 1909 bzw. 1910 bei der Maschinen- 
fabrik Augsburg-Niirnberg bzw. bei der Fried. Krupp A.-G. Germaniawerft 
bestellt wurden und die als Mittelmaschinen fiir die L,inienschiffe » Prinzregent 
Luitpold« bzw. »Sachsen« bestimmt waren. Diese Groflolmotoren, die ersten, 
die je gebaut worden sind, haben nach Beseitigung groBer Schwierigkeiten 1917 
ihre Abnahmeerprobungen erfolgreich beendet, und wenn sie ihrem Bestim- 
mungszweck nicht mehr zugefuhrt werden konnten, so lag das lediglich an den 
Kriegs- und Nachkriegsverhaltnissen in Deutschland. Aber es unterliegt keinem 
Zweifel, daB Bau und Erprobung dieser Motoren eine Ingenieurleistung ersten 
Ranges waren und bahnbrechend sowie vorbildlich fiir den gesamten Schiffs- 
olmaschinenbau gewirkt haben. Handelte es sich hierbei um groBe, langsam- 
laufende Dieselaggregate, so wurde andererseits unter V.s I^eitung auch der 
Grund zur Entwicklung kleinerer und leichter, bordbrauchbarer Schnellaufer- 
Dieselmotoren gelegt, wie sie wahrend des Krieges in den deutschen Untersee- 
bootsmaschinen das Staunen und den Neid aller Volker erweckt haben. Und 
schlieBlich hat er durch sein Wirken als Prasident des Preisgerichts in den 
beiden Kaiserpreiswettbewerben um den besten deutschen Flugzeugmotor auch 
der Flugmotorenindustrie die Wege zu einer zielbewuBten Entwicklung ebnen 



Veith. Wagner 1 73 

helfen. Nach der Schlacht vor dem Skagerrak, in der sich die deutschen Kriegs- 
schiffbauten vorziiglich bewahrt haben, wurde ihm das Eiserne Kreuz I. Klasse 
als Anerkennung seiner Iyeistungen zuteil. Zahlreiche Ehrenamter hat er be- 
kleidet, stets mit gleichem Erfolge, wie ihn iiberragende Klugheit und wohl- 
begriindete Autoritat zu verbiirgen pflegen. Der Verein Deutscher Ingenieure, 
der ihn zu seinen Ehrenmitgliedern zahlte, hat ihm die Grashof-Denkmunze, 
die Schiffbautechnische Gesellschaft ihre goldene Medaille verliehen. Die 
Technische Hochschule zu Darmstadt verlieh ihm die Wiirde eines Doktor- 
Ingenieurs ehrenhalber. 

Sein ganzes dienstHches Leben hindurch war V. ein trefflicher Vorgesetzter. 
Pflichttreu bis zum Letzten, stellte er zwar an seine Mitarbeiter hohe Anforde- 
rungen, lieB ihnen aber, sobald er Vertrauen zu ihnen gewonnen hatte, in ihrem 
Arbeitsbereich groBe Selbstandigkeit und erhohte gerade dadurch ihre Arbeits- 
freudigkeit in hohem MaBe. Zu den fuhrenden Mannern der Industrie hielt er 
stets enge Beziehungen aufrecht. Mogen auch sein gesellschaftliches Talent, 
seine stets humorvolle Erzahlungskunst zu dieser Beliebtheit ein gutes Teil 
beigetragen haben, die Hauptursache lag doch in seinem immer von sachlichen 
Gesichtspunkten getragenen dienstlichen Verhalten. Einen schonen Beweis 
ihrer Zuneigung hat ihm die Industrie anlaBlich der Feier seines 70. Geburts- 
tages gegeben, indem sie ihm einen groBeren Geldbetrag zu beliebiger Ver- 
wendung zur Verfiigung stellte. Er bestimmte dieses Geld zu einer Stiftung, 
deren Verwaltung er der Schiffbautechnischen Gesellschaft iibertrug und aus 
der unbemittelten Studierenden des Schiffbau- und Schiffsmaschinenbaufachs 
nicht nur das Studium, sondern auch nach dessen AbschluB der Ubertritt ins 
berufliche Leben erleichtert werden sollte. Leider ist diese »Veith-Stiftung« 
durch die Inflation zum groBten Teil vernichtet worden. 

Literatur: Die aratlichen Akten des Reichsmarineamts. — Ein vom gleichen Verfasser 
geschriebener Nachruf in der Zeitschrif t : Der Olmotor, Heft 12, vom Marz 19 17. 

Berlin-Iyankwitz. Wilhelm L,audahn. 

Wagner, Adolf, Dr. phil., o. Professor der Nationalokonomie und Statistik 
^n der Universitat Berlin, Wirkl. Geh. Rat, Exzellenz, * 25. Marz 1835 in 
Brlangen, f 8. November 19 17 in Berlin. — Adolf W.s Leben und Wirken hat sich 
ganz im Rahmen der Universitat abgespielt. Ein Jahr nach seiner Promotion 
wurde er Professor und 59 Jahre ist er als solcher tatig gewesen. Es wird nicht 
viele Professoren gegeben haben, die diese Ziffer erreichten. 

Adolf W.s Professorenzeit zerfallt in zwei ungleiche Teile: eine Zeit der 
akademischen Wanderschaft von 12 Jahren und eine Zeit von 47 Jahren in 
Berlin. In der kurzen ersten Periode lernte W. das Ausland, allerdings iiber- 
"wiegend das benachbarte und stammverwandte Ausland, in Wien und Dorpat 
mit einer Griindlichkeit kennen, wie es bis dahin einem deutschen Professor 
der Nationalokonomie noch nicht vergonnt gewesen war. Bedeutsame Inter- 
nationale Vergleiche drangten sich ihm von selbst auf und machten ihn zum 
ersten grundsatzlichen Vertreter der vergleichenden Methode. Die lange Periode 
in der Reichshauptstadt umfaBt die Jahre von 1870 bis 1917, also fast die 
ganze Zeit des neuen deutschen Kaisertums, fast ein halbes Jahrhundert. Auch 
das diirfte seinesgleichen kaum finden. 



174 l w 

Wie das auBere Leben, zeichnete sich auch sein innerer Verlauf , trotz leiden- 
schaftlicher Kampfe, durch grofie Stetigkeit aus. Es steht ganz unter dem 
Zwang einer inneren Logik. Adolf W. ist als Spezialist in die Wissenschaft 
eingetreten; man konnte ihn in der ersten Zeit seiner Laufbahn geradezu 
den ersten ausgesprochenen Spezialisten unter den deutschen Nationaloko- 
nomen nennen. Dann aber erwuchs aus dem Spezialistentum ein immer starke- 
rer innerer Erweiterungstrieb, so daJ3 man am Ende seiner Laufbahn fast 
sagen konnte, es habe unter den Zeitgenossen von Adolf W. keinen deutschen 
Professor gegeben, der die eigentliche Nationalokonomie in solcher Voll- 
standigkeit erfaBte. Nur Alfred Marshall ist ihm vergleichbar. 

Unter den deutschen Nationalokonomen, die in voller Manneskraft die 
Griindung und den Ausbau des Deutschen Reiches erlebt haben, nimmt 
Adolf W. auch ins6fern eine besondere Stellung ein, als sich die deutsche Ge- 
samtentwicklung kaum in dem Wirken eines anderen Gelehrten so bedeut- 
sam spiegelt. Das erklart sich auBerlich aus der schon erwahnten Tatsache, 
daB W. die Entwicklung des neuen Deutschen Reiches von Anfang an bis 
tief in den Weltkrieg hinein in einer fur die Beobachtung und Anteilnahme 
bevorzugten Stellung erlebt hat; und es erklart sich sachlich daraus, daB W. 
als Vertreter eines Faches, das mit den Wandlungen der letzten Jahrzehnte 
vielleicht starker als ein anderes verkniipft war, seine Gelehrtenarbeit stets 
als einen Doppeldienst fur Wahrheit und Vaterland auffaBte und niemals 
zauderte, mit seiner ganzen Personlichkeit fur das einzutreten, was er fiir 
richtig hielt. Weil er ein Professor im urspninglichen und hochsten Sinn dieses 
Wortes war, treten in seiner Personlichkeit die groBen Probleme, die die Zeit 
bewegten, besonders eindrucksvoll in die Erscheinung. 

Adolf W. entstammt einer ausgesprochenen Professorenfamilie. Schon sein 
Vater (Rudolf) und sein Onkel (Moritz) waren bekannte Professoren gewesen, 
und auch sein B ruder (Hermann) und sein Schwager (Benndorf) sind es ge- 
worden. Auch fiir ihn selbst diirfte die akademische Laufbahn fruh festge- 
standen haben. Anfangs widmete er sich der Rechtswissenschaft ; wahrend 
aber in der spateren Generation viele erst im reifen Lebensalter den Ubergang 
zur Volkswirtschaftslehre vornahmen, wandte er sich ihr schon auf der Uni- 
versitat ganz zu. Mit dieser Umsattlung hangt es wohl zusammen, daB W. 
nicht nur sein Studium lange ausdehnte, sondern auch wahrend seiner Studien- 
zeit noch nicht zu einer rechten Selbstandigkeit in seinen wissenschaftlichen 
Anschauungen gelangte. Karl Heinrich Rau hat ihn vielmehr in Heidelberg 
in die Lehre der englischen Schule von der freien Konkurrenz eingefuhrt, die 
sich damals in Deutschland, trotz Friedrich List, einer fast unbestrittenen 
Herrschaft erf reute. Er war nicht der Mann tiefer Problemerorterung. W. scheint 
daher die ihm iibermittelte Lehre zuerst einfach iibernommen zu haben und 
erst spater, als er dem personlichen EinfluB seines Lehrers entriickt war, haben 
sich starkere Zweifel bei ihm herausgebildet. 

Auch bei seinem Gottinger Lehrer, Georg Hanssen, liegt es ahnlich. Zwar 
hat W. immer mit groBer Hochachtung von ihm gesprochen ; aber man kann 
heute nickblickend Hanssen geradezu als einen Gegensatz zu W. bezeichnen. 
Er war kein Theoretiker, kein Politiker, kein Kampfer; er war eine stille, in 
erster Linie der Vergangenheit zugewandte Gelehrtennatur, die ganz in ihren 
feinsinnigen Forschungen aufging. Hanssen w T ie Rau sind daher ohne dauern- 



Wagner I nc 

den EinfluB auf W.s wissenschaftliche Personlichkeit geblieben ; aber auBerlich 
sollten beide sein Leben entscheidend beeinflussen. 

Was Hanssen zunachst anlangt, so ist er es allem Anschein nach gewesen, 
der W. bei der Wahl des Themas zu seiner Gottinger Dissertation behilflich 
war. Diese Wahl ist fur W. zum groBen Gliick geworden. Er wurde durch sie, 
als erster in Deutschland, mit dem praktisch und theoretisch bedeutsamen 
Material bekannt, das aus AnlaB der Reform des englischen Banknotenwesens 
zusammengebracht worden war und sich nicht nur aus Berichten und Verneh- 
mungen, sondern auch aus einer hochstehenden Streitschriftenliteratur zu- 
sammensetzte. Die theoretischen Auseinandersetzungen zwischen der Banking- 
School und der Currency-School standen im Vordergrund, Auseinander- 
setzungen, wie sie so tiefgriindig ein Gesetzgebungswerk noch nicht begleitet 
hatten. 

W. schloB sich in seiner Erstlingsschrift der Banking-School, die in Fullarton 
ihren hervorragendsten Vertreter hatte, an. Er bekannte sich also als Gegner 
der Grundprinzipien, auf denen die Peelsche Bankakte aufgebaut worden war, 
und iibte insbesondere an den Ausfuhrungen des Hauptes der Currency-School, 
Lord Overstone, eine scharfe, teilweise noch doktrinare Kritik. Er oflenbarte 
sich noch ganz als Anhanger des Laissez-faire. Er glaubte ein »stetiges Fort- 
schreiten zu freierer Gestaltung feststellen zu konnen« und sprach sich fur 
Bankenfreiheit aus. Charakteristisch ist das Motto, das er seiner Arbeit vor- 
ansetzt: Free trade in banking is not synonymous with free trade in swindling. 

Der Verfasser ist in dieser Erstlingsarbeit unzweifelhaft mit den schwierigen 
Problemen und dem iiberreichen Tatsachenmaterial innerlich und auBerlich 
noch nicht fertig geworden. Und doch lenkte sie, als er sie 1857 stark erweitert 
unter dem Titel: »Beitrage zur Lehre von den Banken« herausgab, die Auf- 
merksamkeit in ungewohnlichem MaBe auf den jugendlichen Verfasser. Denn 
sie zeigte ihn vertraut mit einer auslandischen Literatur, deren groBe allge- 
meine Bedeutung jedem damals einleuchtete, und oflenbarte sich auBerdem 
deutlich als ein erster Schritt auf einem weiten Wege. Der Eindruck, daB die 
angeschnittenen Probleme den Verfasser so bald nicht wieder loslassen wiirden, 
wurde entscheidend. Denn die Entwicklung, die das Wahrungswesen, zum Teil 
infolge des Krimkrieges, in mehreren Festlandsstaaten Europas genommen 
hatte, hatte einen gewissen Haussebedarf fiir gut geschulte Geld- und Bank- 
theoretiker entstehen lassen. Voran stand zunachst Osterreich. Es war mitten 
in erregten Erorterungen tiber die Wiederherstellung seines zusammengebroche- 
nen Geldwesens. Als gerade damals die Handelsakademie in Wien ins Leben ge- 
rufen wurde, lag es deshalb nahe, den jungen Gottinger Gelehrten fiir sie zu 
gewinnen. W. wurde mit 23 Jahren an der neuen Anstalt Professor der Natio- 
nalokonomie und Finanzwissenschaft. Das war der zweite groBe Glucksfall in 
seinem Leben. Denn in Wien boten sich die Probleme, die er bisher nur aus 
Buchern kannte, dem geschulten Blick in der wirtschaftlichen Praxis dar, und 
der ubergliickliche junge Professor zogerte nicht, sich auf sie alsbald mit aller 
Wucht zu sturzen. Erst dadurch wurden seine ubernommenen Lehrmeinungen 
zu lebendigen Anschauungen. Erst in Wien rang er sich zu wissenschaftlicher 
Selbstandigkeit durch. 

Dazu hat unzweifelhaft auch die groBe Wirtschaftskrise von 1857, ^^ e m 
England zum zweitenmal zu einer Suspension der Peelschen Akte notigte, viel 



176 1917 

beigetragen. Sie machte W. an der bisher vertretenen Lehre von der Banken- 
freiheit irre. Er sab ein, daB das Vielbankensystem in Krisenzeiten eine wirk- 
same Kredithilfe schwer leisten kann. Er blieb zwar Gegner der Currency- 
School und der Peelschen Bankakte, wurde zugleich aber zum iiberzeugten 
Freund der Zentralisierung der Notenbanken. Das war die erste scharfe Ab- 
wendung von der individualistischen Freiheitslehre, die er bei Rau gelernt hatte. 
Von gereifteren Gesichtspunkten aus trat er so noch einmal an dasThema seiner 
Dissertation heran. In einem neuen Buch liber die Geld- und Kredittheorie der 
Peelschen Bankakte legte er 1862 in ausfuhrlicher theoretischer Begriindung 
den Problemkomplex der englischen Notenbankgesetzgebung dar; noch ein- 
dringlicher als bisher verfocht er das System der bankmaBigen Deckung der 
Noten gegeniiber den Grundsatzen der Peelschen Bankakte und erweiterte 
seine Darlegungen zu einer »Schrift liber Geld- und Kreditwesen im allge- 
meinen«. Dabei vermied er es streng, zu den brennenden Wahrungsproblemen 
Osterreichs ausdriicklich Stellung zu nehmen ; er iiberlieB es dem Leser, selbst 
die notigen praktischen Folgerungen zu ziehen. In groBeren und kleineren 
Artikeln, unter denen der in der Tubinger Zeitschrift erschienene »Zur Ge- 
schichte und Kritik der osterreichischen Bankozettelperiode« besonders her- 
vorgehoben zu werden verdient, befaBte er sich mit den einschlagigen oster- 
reichischen Fragen ausdriicklich. Mit diesen Studien erweiterte er sein Ge- 
sichts- und Arbeitsfeld. Hatte sein Bemuhen bisher der Frage gegolten, wie 
man das Banknotenwesen am gesundesten aufbauen konne, so befaBte er sich 
jetzt auch mit den Krankheitsproblemen des Wahrungswesens. Aufs sorgsamste 
arbeitete er die wesentlichen Sonderheiten der Papiergeldwahrung aus. AUer- 
dings sollten diese Arbeiten erst auf russischem Boden zu vollem AbschluB ge- 
langen. 

1864 vertauschte W. Wien mit Dorpat. So gern er nach Wien gezogen war, 
Dorpat empfand er etwas als Verbannung. Trotzdem wandte er sich auch hier 
sogleich den Studien der russischen Geldverhaltnisse zu. Die besonderen russi- 
schen Probleme scheinen ihn sogar, trotz der Sprachschwierigkeiten, noch 
starker als die osterreichischen gepackt zu haben. Die Hauptfrucht seiner 
wissenschaftlichen Arbeit war hier das Buch »Die russische Papierwahrung«, 
das 1868 erschien und von dem spateren russischen Finanzminister Bunge 
in das Russische iibersetzt wurde. Damit war W.s Lehre vom Papiergeld, die 
als Agiotheorie bekannt geworden und von ihm selbst auch »Kaufkraft- 
Bewegungs-Theorie« genannt worden ist, ausgereift. Sie ist mit Recht als ein 
»Musterbeispiel der Verbindung der Induktion und Deduktion« (Altmann) 
bezeichnet worden und ist alsbald in der deutschen und russischen Literatur, 
vor allem von A. SchafHe und von Robert v. Mohl angenommen worden. Erst 
damit war W. der deutsche Sachverstandige fur die Fragen des Geld- und 
Bankwesens geworden ; es war daher auch natiirlich, daB ihm die einschlagi- 
gen Artikel im Handworterbuch der Staatswissenschaften von Rentzsch an- 
vertraut wurden, wie er auch schon vorher mehrere im Staatsworterbuch 
von Bluntschli und B rater abgefaBt hatte. 

Da brachte das Jahr 1868 eine unerwartete Wendung. Der ordentliche Pro- 
fessor der Nationalokonomie v. Mangoldt, der in Gottingen, als W. dort 
studierte, Privatdozent war und mit dem W. 1862 eine kleine Studienreise nach 
England unternommen hatte, starb plotzlich am Herzschlag. Sein j lingerer 



Wagner I yj 

Freund, der sich in diesen Jahren nationalen Aufschwungs immer mehr in die 

deutsche Heimat zunickgesehnt hatte, wurde sein Nachfolger. Auch auf dem 

deutschen Boden standen zunachst die Probleme des Geld- und Bankwesens 

fur ihn im Vordergnind. Er hatte alsbald ein Gutachten iiber die Banknoten- 

frage in Baden zu erstatten, nnd zwar von dem Standpunkt aus, wie sich der 

Staat zum Banknotenwesen zu verhalten habe. Aus diesem Gutachten ist ein 

neues Werk, das vielleicht bedeutendste von Adolf W., hervorgewachsen. Es 

ist das allerdings erst 1873, schon in W.s Berliner Zeit, erschienene umfang- 

reiche » System der Zettelbankpolitik«. Es erganzt die friiheren theoretischen 

Erorterungen aus dem Jahre 1862 durch eine wirtschaftspolitische Monographic, 

wie sie so geschlossen und vollstandig auch die englische Literatur noch nicht 

aufzuweisen hatte. In ihr wendet W. zuerst ganz umfassend die vergleichende 

Methode an. Er behandelt neben Deutschland, das er jetzt auch griindlich 

studiert hat, England und Schottland, die Vereinigten Staaten, Frankreich, 

Osterreich und RuBland und verwendet zum erstenmal eingehend die kurz vor 

dem Deutsch-Franzosischen Kriege veranstaltete franzosische Bankenquete 

und insbesondere den bemerkenswerten SchluBbericht ihres Generalbericht- 

erstatters de Lavenay. Zum Teil gestiitzt auf die hier gemachten Ermittlungen, 

bietet W. im Rahmen dieses groBen »Handbuchs« die erste zusammenfassende 

wissenschaftliche Bearbeitung der Diskontpolitik. Auch alle anderen Fragen 

des Notenbankwesens, die fur den Staat Bedeutung haben, erfahren eine zum 

Teil sehr eingehende Behandlung. Das Werk sollte zugleich ein »Nachschlage- 

buch« fiir Manner der Wissenschaft und der Praxis des Geschaftslebens und 

des Staatsdienstes sein. Es zeigt, wie die eingehenden Vergleiche W.s praktischen 

Blick geschult haben und ihn zu reifen Anschauungen iiber das Verhaltnis von 

Theorie und Praxis gelangen lieBen. Es hat fiir die Regelung des Banknoten- 

wesens im Deutschen Reich eine grundlegende Bedeutung gewonnen. 

Stellt dieses Buch den auBeren AbschluB der Studien aus der Jugendzeit 
dar, so haben doch die Fragen des Geld- und Bankwesens nie aufgehort, W. 
zu beschaftigen ; erst spat sind sie jedoch zu einer groBen Gesamtdarstellung 
zusammengefaBt worden. Diese Verspatung hangt u. a. mit einem wissen- 
schaftlich-politischen Streit zusammen, den W. in Berlin mit groBer Leiden- 
schaftlichkeit viele Jahre lang gefuhrt hat. 1877 hatte namlich der beriihmte 
Wiener Geologe Ed. SueB (s. D. B. J. 1914 — 16, S. 93) eine aufsehenerregende 
Schrift »Die Zukunft des Goldes« erscheinen lassen. In ihr gelangte er zu sehr 
pessimistischen Ergebnissen iiber die Goldversorgung der W T elt, und den Aus- 
fuhrungen des Geologen schloB sich W. als Volkswirt an. Er zeigte, wie man 
die Schwierigkeiten des Ubergangs zur reinen Goldwahrung in Deutschland 
unterschatzt habe, und zogerte nicht, aus der neuen Erkenntnis auch alsbald 
die praktische Konsequenz zu ziehen, indem er in den achtziger und neunziger 
Jahren sich, gegeniiber dem Doktrinarismus einzelner Goldwahrungspolitiker, 
zu einem zu weitgehenden AnschluB an die bimetallistische Stromung hinreiBen 
lieB. Wenn W. spater diesen Standpunkt wieder aufgegeben und sich ausdriick- 
lich von der Doppelwahrung abgewendet hat, so bedeutet das aber keineswegs 
einen Widerruf fruher von ihm vertretener theoretischer tJberzeugungen. Die 
Erklarung dieser Meinungsanderung liegt vielmehr im Bereiche der Tatsachen. 
Die bergbauliche Praxis widerlegte die geologische These von der zu kurzen 
Golddecke. Sobald das feststand, zog W. daraus mit derselben Unerbittlichkeit 
dbj 12 



178 1917 

seine Folgerungen, wie seinerzeit aus dem Warnnife von Suefl im Vertrauen 
auf die Autoritat desselben. 

Sogleich zu erwahnende andere Aufgaben sind es dann in erster Linie ge- 
wesen, welche die angekiindigte lehrbuchartige Darstellung des gesamten Geld- 
wesens lange nicht zustande kommen lieBen. In einer anderen als der ursprting- 
lich geplanten Form ist sie erst 1909 als letzte groBe Veroffentlichung von Adolf 
W. erschienen. Es ist das die nahezu 700 Seiten umfassende »Sozialokonomische 
Theorie des Geldes und des Geldwesens«. Aui3erlich ist sie ein Teil der zweiten 
Abteilung von W.s theoretischer Sozialokonomik ; in Wahrheit stellt sie eine 
groBe Monographic des Geldwesens dar, die nur mit dem 1873 erschienenen 
Hauptwerk von Knies und dem 1903 veroffentlichten Buch von Karl Helfferich 
iiber das Geld verglichen werden kann. Hat W. es auch etwas gewaltsam in 
seinen urspriinglich ganz anders angelegten »GrundriB« hineingezwangt, so 
sucht er doch eine Eigengesetzlichkeit im Bereich des Geld- und Kreditwesens 
darzustellen und geht auf die Verkniipf ung mit dem gesamten Wirtschaftsleben 
nur so weit ein, als es die Geldlehre erfordert. Damit sind die Gesichtspunkte, 
welche in der Inflationszeit in den Vordergrund traten, nicht, wie man wohl 
gemeint hat, in unzulanglicher Weise beriihrt worden. Sie finden vielmehr in 
der isolierenden Betrachtung Beachtung, und daB diese Betrachtungsweise, 
wie anderswo, auch hier den Vorzug der Fruchtbarkeit hat, kann wohl nur in 
Zeiten der Wirrnis iibersehen werden. Allerdings findet die Quantitatstheorie 
unter ihrem Namen keine eingehende Behandlung. Unter dem EinfluB von 
Tooke war W. anfangs ihr Gegner. Im Grunde aber hat er sich immer nur gegen 
ihre Ubertreibungen und Unvollstandigkeiten gerichtet. Sein Eintreten fur 
bankmaBige Notendeckung beruht auf quantitatstheoretischen Erwagungen, 
und er zuerst hat in der deutschen Literatur Entwertung gegeniiber dem 
Metallgeld und Wertverminderung gegeniiber alien anderen Waren scharf von- 
einander gesondert. Fiir W. war es selbstverstandlich, daB er in seinem SchluB- 
werk das Wertproblem als »das wichtigste okonomische Problem « des Geld- 
wesens bezeichnete und, wie schon in seinen ersten Schriften, auch hier wieder 
betonte : nicht Stoff und nicht Bezeichnung bestimmen den Geldwert, sondern 
die Funktion des Geldes. Das hat er mit besonderem Nachdruck gegeniiber 
Knapp hervorgehoben, dessen 1905 erschienene »Staatliche Theorie des Geldes« 
er als »miBlungenen Versuch, in iiberkiinstelter Terminologie, unter zu weiter 
Zuriickdrangung der wirtschaftlichen Ausgangspunkte jedes Gelds, mit t)ber- 
spannung des staatlichen Einflusses auf Geld und mit falschen Deduktionen 
aus im iibrigen langst bekannten Vorgangen in reiner Papierwirtschaft« be- 
zeichnet. Leider sind W.s Darlegungen nicht zu der ihnen gebiihrenden Wirkung 
gekommen. Daran ist zum Teil unzweifelhaft die besonders schwerfallige Dar- 
stellung dieses Alterswerkes schuld, zum Teil aber auch die Tatsache, daB 
Knapp die Erorterung allzusehr in theoretisch nicht uninteressante, aber im 
Grunde doch unfruchtbare Nebenbahnen hineingedrangt hatte. 

ZWISCHEN dem Geldwesen, zumal dem kranken, und dem staatlichen Finanz- 
wesen bestehen mannigfache Beziehungen, die sich im staatlichen Anleihe- 
wesen zu konzentrieren pflegen. Es lag daher in der Logik der Dinge, daB W. 
in Wien von der Geld- und Wahrungspolitik zum Staatsschuldenwesen gelangte, 
und von ihm aus fiihrte der Weg von selbst weiter zu den staatlichen Finanzen 
im allgemeinen. Denn die groBe Hauptfrage ist stets, wann sind Anleihen ge- 



Wagner 1 79 

rechtfertigt und wann miissen Steuern erhoben werden. Schon Karl Dietzel 
hatte diese Frage 1855 in seinem »System der Staatsanleihen « nach der Dauer 
der Wirkung der Ausgaben beantwortet/ Im AnschluB daran griff 1863 der 
28jahrige W., nachdem er drei Jahre vorher schon iiber »das neue Lotterie- 
anlehen und die Nationalbank« in Osterreich eine Druckschrift herausgegeben 
hatte, mit einer Arbeit iiber »die Ordnung des osterreichischen Staatshaushalts 
mit besonderer Riicksicht auf den Ausgabe-Etat und die Staatsschuld « in die 
Erorterung ein und machte, im AnschluB an eine klarende theoretische Dar- 
legung, viel beachtete praktische Reformvorschlage. Auf dem Gebiete der Fi- 
nanzwissenschaft ging W. also, im Gegensatz zu seinen Geld- und Bank- 
studien, von brennenden Problemen der finanziellen Praxis aus und gelangte 
erst von ihnen zur Theorie. Von vornherein stellte er hier eine enge Verbindung 
zwischen Theorie und Praxis dar, wie er sie im Geld- und Bankwesen erst spat 
und nie so vollig erreicht hat. Das hat viel dazu beigetragen, daJ3 W. hier noch 
schneller als im Bankwesen zum anerkannten Sachverstandigen wurde. Es 
war daher auch nicht auffallig, daB W. 1870 an die Berliner Universitat berufen 
wurde, als man Roscher nicht fur sie zu gewinnen vermochte, und daB der alte 
Rau noch vorher die Fertigstellung der neuen Auflage seines Lehrbuches der 
Finanzwissenschaft W. iibertrug. Das war der Punkt, wo dieser Lehrer be- 
deutsam in W.s Leben eingriff. Die neue Aufgabe, die er ihm anvertraute, 
wurde fur W. zur eigentlichen Hauptaufgabe seines Lebens. 

Die Finanzwissenschaft war bekanntlich im Ausland ein Teil der gesamten 
Volkswirtschaftslehre geblieben, in Deutschland dagegen — dank den Kame- 
ralisten — zu weitgehender Selbstandigkeit losgelost worden. Diese Isolierung 
war ihrem wissenschaftlichen Charakter zunachst nicht forderlich gewesen. Rau 
hatte es sich zur Aufgabe gestellt, das dadurch zu iiberwinden, daB er die L,ehren 
der Finanzwissenschaft, nach einer griindlichen Sichtung, mit der englischen 
Wirtschaftslehre von der freien Konkurrenz in Verbindung zu bringen suchte. 
Ihm war unzweifelhaft ein Fortschritt zu danken. Denn die Finanzwissenschaft 
wurde damit aus den engen Banden bloBer Routine herausgelost ; grundsatz- 
liche Erorterungen konnten jetzt an die Stelle einseitiger Erfahrungsregeln 
treten; eine Finanztheorie, insbesondere Steuertheorie wurde moglich. Rau 
nutzte aber diese Moglichkeiten nicht aus. Er beschrankte sich auf eine ziem- 
lich auBerliche Verbindung der beiden verschiedenen Bestandteile, von denen 
die kameralistischen nach wie vor das Ubergewicht behielten ; die theoretische 
Herausbildung der Probleme gelangte bei ihm nicht zu ihrem Recht. 

Zum Teil wegen dieses unproblematischen Grundcharakters, zum Teil aber 
auch trotz der wissenschaftlichen Schwache hatte sich das Rausche finanz- 
wissenschaftliche Lehrbuch seit dem Beginn seines Erscheinens im Jahre 1832 
in immer neuen Auflagen auf dem wissenschaftlichen Markte erhalten. Es hatte 
anfangs eine Konkurrenz nur im Roscherschen Lehrbuch, das von ahnlichem 
Vermittlungsstreben beherrscht war und seine wissenschaftlichen Vorziige in 
zahllosen Anmerkungen versteckte. Das hatte sich jedoch neuerdings geandert. 
i860 hatte Lorenz v. Stein sein Lehrbuch der Finanzwissenschaft herausge- 
geben, das, in denkbar scharfstem Gegensatz zu Raus Darstellung, alles mit 
ziigelloser Dialektik zum Problem machte und von Auflage zu Auflage die er- 
staunlichsten Veranderungen aufwies. 

Angesichts dieser Lage war die von W. ubernommene Aufgabe sehr schwierig. 



i8o 1917 

Die Neuherausgabe muBte eine griindliche Umarbeitung werden, und zwar 
gait es, besonnen eine Mittellinie zwischen Rau und v. Stein zu verfolgen. Wie 
sonst in der Wirtschaftswissenschaft, muBten auch hier die Probleme heraus- 
gearbeitet und durch sorgsam gesichtete und verglichene Tatsachen, moglichst 
von internationalem Umfang, untermauert werden und verlangte auch die 
internationale wissenschaftliche Literatur griindliche Beriicksichtigung. Das 
alles ist W. alsbald bei seinen ersten Arbeiten klar geworden. Die Veranderung, 
die notig wurde, war so groB, daB er sich 1879 mit Recht entschloB, den Namen 
des Lehrers aus dem Titel fortzulassen. Aber so klar er auch das zu verfolgende 
Ziel erkannte, iiber die Schwierigkeiten seiner Erreichung hat er sich griindlich 
getauscht. Sein ganzes langes I^eben hat nicht ausgereicht, sie zu iiberwinden. 

Zwar ist W.s Finanzwissenschaft, die in vier starken Banden von rund 
3300 Seiten vorliegt, von v. Heckel mit Recht »ein Monumentalbau, wie die 
finanzwissenschaftliche Weltliteratur keinen zweiten aufzuweisen hat«, genannt 
worden, aber dieser Bau ist unfertig geblieben. Auch konnen die vorliegenden 
Bande im ganzen nicht als eine reife Frucht bezeichnet werden. Sie fallen in 
zwei so verschiedene Bestandteile auseinander, daB sie eigentlich nur durch 
den Titel zusammengehalten werden. 

Die ersten beiden Bande sind der wesentliche Kern des Werkes. Sie sind der 
Theorie des Finanzwesens gewidmet und stellen W.s bleibende groBe Leistung 
auf dem Gebiet der Finanzwissenschaft dar. Ihre Grundgedanken sind in drei 
Auflagen mit emsigstem FleiB und sorgsamster Selbstkritik immer starker 
herausgearbeitet worden. Nur ein Vergleich mit dem Voraufgegangenen gibt 
fur diesen Bestandteil den gerechten MaBstab. 

W. hat in diesen beiden ersten Banden den Bereich der Finanzwissenschaft 
erweitert. Er hat insbesondere zuerst die privatwirtschaftlichen Einnahmen 
des Staats in sie umfassend hineingezogen und vor allem die Verstaatlichung 
der Eisenbahn griindlichster Erorterung gewiirdigt. Er hat weiter die Finanz- 
verwaltungslehre zu einem wissenschaftlichen Bestandteil der gesamten Fi- 
nanzwissenschaft zu erheben gesucht. 

Wichtiger sind die Anderungen grundsatzlichen Charakters. W. ist es, nach 
Lorenz v. Stein, in erster Linie gewesen, der die Finanzwissenschaft an die 
vornehtnlich in Deutschland entwickelte organische Auffassung vom Staat 
angepaBt hat, und er hat wirksamer als ein anderer die Volkswirtschaftslehre 
und Finanzwissenschaft, unter Beibehaltung ihrer auBeren Trennung, zu einer 
groBen geistigen Einheit zusammengefiigt. Davon ist sogleich noch zu handeln. 
Hier muB nur hervorgehoben werden, daB W. aus der speziellen Steuerlehre 
die allgemeine Steuerlehre, die bei Rau sich kaum in Ansatzen und bei v. Stein 
in vagen Allgemeinheiten vorfindet, zu einem der wichtigsten Teile der ge- 
samten Finanzwissenschaft entwickelt hat. 

Dieser erste Hauptteil des groBen finanzwissenschaftlichen Werks wird 
weiter dadurch gekennzeichnet, daB W. zuerst in die Finanzwissenschaft und 
Finanzpolitik den sozialen Gedanken hineinzubringen gesucht hat. Hatte man 
bisher fur die Finanzgebarung nur das Ziel der zweckmaBigsten Deckung der 
offentlichen Ausgaben ins Auge gefaBt, so stellt W. jetzt daneben das neue Ziel 
der Minderung steigender Ungleichheiten in den Einkommen; der Staat soil 
nach ihm befugt sein, mit Steuern »regulierend und veranderad« in die Ein- 
kommens- und Vermogensverhaltnisse der einzelnen einzugreifen. Hier ist der 



Wagner l8l 

Punkt, wo W. die scharfsten Angriffe erfahren hat, und sie gehen zum groBen 
Teil iiber einseitige Interessenpolitik weit hinaus. Heute wird man einerseits 
anerkennen miissen, daB der mutig verfochtene soziale Grundgedanke W.s 
richtig war. W. vor allem ist es zu danken, daB heute bei der Verteilung einer 
gegebenen Steuerlast die Beriicksichtigung der Leistungsfahigkeit der ein- 
zelnen Steuerzahler als selbstverstandlich erscheint, obwohl auch mit diesem 
Grundsatz der Steuerprogression Gefahren des MiBbrauchs verbunden sind. 
Mit dem Vorschlag, dariiber hinaus die Steuer als Mittel der Sozialpolitik zu 
verwenden, ist W. aber andererseits auf iiberwiegende Ablehnung gestoBen. 
Denn in der »sozialen Auffassung« liegt ein Moment der Willkiir, das lahmend 
auf Unteraehmungslust und Kapitalbildung wirken kann; und mit Steuern 
kann weder die Verteilung der Einkommen noch ihre Verwendung direkt be- 
einfluBt, sondern nur nachtraglich eingegriffen werden. Demgegeniiber ist 
eine Politik der Prevention vorzuziehen. 

Der zweite Teil, der aus dem 3. und 4. Bande besteht, bietet Finanzgeschichte. 
Einer einheitlichen Skizze iiber die Steuergeschichte von den fruhesten Zeiten 
bis 1800 (200 S.) folgen fur das 19. Jahrhundert Sonderdarstellungen : zunachst 
auf kurzem Raum (140 S.) fur England, dann ganz ausfuhrlich (549 S.) fur 
Frankreich, dessen Steuerwesen W. das gewaltigste nennt, das die Welt bis- 
her gesehen hat, und in dem er auch fiir die Gegenwart ein »Lehrexempel 
groBten Stils « sieht, endlich nicht minder ausfuhrlich (850 S.) fiir Deutschland. 
Es soil ten noch andere Lander folgen, insbesondere die Vereinigten Staaten. 
Dazu ist es nicht mehr gekommen. 

Auch dieser geschichtliche Teil ist eine erstaunliche Leistung. Aus der ganzen 
deutschen Literatur kann ihm kein zusammenfassendes Werk der Finanz- 
geschichte zur Seite gestellt werden. Und doch iiberwiegt der unbefriedigende 
Eindruck. Diese umfangreichen geschichtlichen Darstellungen sind, wie W. 
mit starkem Nachdruck betont, » nicht aus dem Gesichtspunkt des Historikers* 
geschrieben worden ; sie sollten — um den schweren Mangeln des Lehrbuchs 
von Lorenz v. Stein zu entgehen — die notige feste Tatsachengrundlage fiir 
die spezielle Steuerlehre liefern und nur »Vorbereitungen fiir die Losung der 
eigentlichen finanzwissenschaftlichen Aufgabe« darstellen. Diese groBe Auf- 
gabe einer vergleichenden »Steuerwissenschaft« ist aber nicht mehr zur Losung 
gebracht worden und konnte auch von einem einzelnen — miissen wir heute 
sagen — nicht zur Losung gebracht werden. Es lag in der selbst gestellten 
Aufgabe, daB nicht mehr als ein eindrucksvoller Torso gewonnen werden 
konnte. Wohl ist in den beiden starken Banden manche wertvolle Frucht miih- 
seliger Sammelarbeit enthalten ; im ganzen ist aber nicht zu leugnen, daB auch 
W.s Kraft und FleiB an der Aufgabe gescheitert sind. Sie hat auch heute noch 
keine Losung gefunden und wird sie auch kaum bald finden. 

Da W. in den geschichtlichen Vorarbeiten seine Kraft verzehrt hat, ist sein 
finanzwissenschaftliches Hauptwerk auch auBerlich unvollendet geblieben. 
Die beiden SchluBbande, welche die spezielle Steuerlehre und die Staatsschul- 
denlehre behandeln sollten, sind nicht mehr geschrieben worden. Aber fiir 
diese fehlenden Bande ist teilweise ein gewisser Ersatz vorhanden. W. hat 
namlich in dem der Finanzwissenschaft gewidmeten Teil des von Schonberg 
herausgegebenen Handbuchs der politischen Okonomie die spezielle Steuer- 
lehre, soweit sie die sogenannten direkten Steuern, insbesondere die Ertrags-, 



182 1917 

Personal-, Einkomraen- und Vermogenssteuer betrifft (215 S.), und ferner die 
Ordnung der Finanzwissenschaft und den offentlichen Kredit (116 S.) behan- 
delt. Natiirlich war das Geplante etwas von Grund aus anderes. 

AM Schicksal der Finanzwissenschaft von Adolf W. war noch etwas Weiteres 
beteiligt. Die Losung der Hauptaufgabe, Finanzwissenschaft und Volkswirt- 
schaftslehre in Einklang miteinander zu setzen, war verhaltnismaBig leicht, 
wenn die Volkswirtschaftslehre etwas Feststehendes war, wie Rau es noch 
glaubte. Im selben MaBe, wie man von der individualistischen Lehre der 
englischen Klassiker abwich, wuchsen die Schwierigkeiten. Dann war die Auf- 
gabe nur losbar, wenn man vorher darlegte, was man im einzelnen unter Volks- 
wirtschaftslehre verstehe. Dann muBte also der Darstellung der Finanzwissen- 
schaft eine zusammenfassende Darstellung der theoretischen Volkswirtschafts- 
lehre vorausgehen. So gelangte W. mit logischem Zwang zur Abfassung einer 
allgemeinen theoretischen »Grundlegung«. Er dehnte dementsprechend die 
Ubernahme des Rauschen Lehrbuchs 1872 auf die ganze »politische Okono- 
mie« aus. Natiirlich dachte er nicht daran, das Ganze allein zu bearbeiten. 
Ihm lag zunachst nur an der »Grundlegung« fiir das groBe, die Finanzwissen- 
schaft mit einschlieBende Werk. Fiir die iibrigen Teile hatte er urspriinglich 
Erwin Nasse und nach dessen Tode Heinrich Dietzel, A. Buchenberger und 
Karl Biicher gewonnen. Wahrend bezeichnenderweise nur Buchenberger mit 
der iibernommenen Bearbeitung des Agrarwesens und der Agrarpolitik fertig 
wurde, Dietzel nach einer Teilveroffentlichung die Bearbeitung der theoreti- 
schen Volkswirtschaftslehre auf gab, um Pohle, der auch in den Vorarbeiten 
stecken blieb, Platz zu machen, und Biicher nicht einmal bis zu den Anfangen 
des von ihm iibernommenen Gewerbe- und Handelswesens gelangte, stiirzte 
sich W. selbst sogleich mit aller Kraft auf die »Grundlegung«, so dafl diese 
Unteraufgabe bald zur Hauptaufgabe fiir ihn wurde. So entstand dasjenige 
Werk, das man als das wissenschaftliche Hauptwerk W.s zu betrachten 
pflegt und das am meisten dazu beigetragen hat, seine finanzwissenschaftlichen 
Studien zu verzogern. 

W. war schon in Wien bei seinen Studien iiber die Peelsche Bankakte in 
einzelnen Punkten an der iiberkommenen Lehre der Klassiker irre geworden. 
Er hatte dann in Dorpat im AnschluB an die 186 1 erfolgte Aufhebung der russi- 
schen Leibeigenschaft seine Aufmerksamkeit auf den Agrarkommunismus 
in RuBland gerichtet, und damit war er zuerst auf das Grundproblem des 
Eigentums gestoBen, das ihn dann sein Leben lang beschaftigt hat. So war 
im kleinen der Boden vorbereitet fiir die Lehren dreier Manner, von denen 
er immer wieder dankbar hervorgehoben hat, daB er von ihnen »mehr und 
tiefere und forderlichere Anregungen erhalten habe als von irgendeiner an- 
deren Seite«. Alle drei waren zugleich Manner, fiir die W. unzweifelhaft auch 
darum immer wieder so warm eingetreten ist, weil ihre Bedeutung in der 
zeitgenossischen Wissenschaft seiner Meinung nach nicht richtig gewiirdigt 
wurde. 

Zeitlich voran stand Robert v. Mohl. Er war unzweifelhaft unter den Uni- 
versitatslehrern W.s die Personlichkeit, die ihm am meisten ahnlich war. 
Schon die Unermudlichkeit, mit der er, 55 Jahre lang, mutig zu den Fragen 
seiner Zeit Stellung nahm, fast alles, das er las und dachte, literarisch ver- 
wertete und ruhelos immer an sich selbst besserte, hatte etwas mit W. Ver- 



Wagner 1 83 

wandtes. Trotzdem hat er erst nach seiner Studienzeit v. Mohls Bedeutung 
richtig erfaBt. Er wurde aufmerksam auf seinen 1835 in Raus Archiv er- 
schienenen Aufsatz, der den bezeichnenden Titel tragt: »Uber die Nachteile, 
welche sowohl den Arbeitern selbst als dem Wohlstand und der Sicherheit der 
gesamten biirgerlichen Gesellschaft von den fabrikmaBigen Betrieben zugehen, 
und iiber die Notwendigkeit griindlicher Vorbeugungsmittel«. Hier war von 
einem deutschen Professor zum erstenmal auf die schadlichen Wirkungen 
der neuen Produktionsmethoden fiir die gewohnlichen Fabrikarbeiter und 
auf die »drohenden Folgen« hingewiesen und dem iiblichen Optimismus die 
Ansicht gegeniibergestellt worden, es sei »fiir den Wohlstand und fiir die Ruhe 
von Europa eine Gefahr zu besorgen, wie sie das rdmische Reich durch den 
Sklavenkrieg, Deutschland durch die emporten Bauern zu Anfang des 
16. Jahrhunderts kennenlernte«. Mohl zog aus dieser Auffassung auch weit- 
gehende Folgerungen. Was die Wissenschaft anlangt, so rief er aus: »Jede 
Stimme, welche sich erhebt zur Bekampfung dieser tief unsittlichen und mate- 
riell hochst gefahrlichen Folge unserer Konkurrenz-Nationalokonomie, ist als 
eine Wohltat anzusehen«; und was die Politik anlangt, so hielt er »eine wesent- 
liche Anderung in dem ganzen sozialen Gebaude« fiir notig; Selbsthilfe geniige 
nicht; »hier ist eine Hilfe von seiten der Staatsgewalt so unerlaBlich als ir- 
gendwo«; Fabrikgesetzgebung, Gewinnbeteiligung, Arbeiterfortbildung seien 
die wichtigsten Aufgaben des Tages. Diese schrillen Warnrufe, die v. Mohl — 
gleichsam als erster Kathedersozialist — noch vor Rudolf Hildebrand er- 
schallen lieB, haben auf W. urn so tiefer eingewirkt, als sie sonst merkwiirdig 
unbeachtet geblieben waren; selbst Roscher hat in seiner Geschichte der 
Nationalokonomik in Deutschland 1874 von ihnen keine Notiz genommen. 
Um so dankbarer hat W. in v. Mohl den ersten gesehen, der ihn in seinen ur- 
spriinglichen individualistischen Anschauungen von Grund aus erschiitterte. 
Starker noch hat Karl Rodbertus auf ihn gewirkt. W. wurde in Freiburg 
auf seine Arbeit iiber die Kreditnot des Grundbesitzes, deren erster Teil 1868 
erschien, aufmerksam. »Erst jene Schrift — so sagt er selbst — hat mir wie 
seiten eine wissenschaftliche Arbeit imponiert und mein ,Damaskus' gegeniiber 
der herrschenden Smithschen Wirtschaftslehre mit zum Durchbruch gebracht. « 
Mit einem Schlage wurde W. jetzt klar »die Einseitigkeit der bisherigen Natio- 
nalokonomie mit ihrer Annahme des bestehenden Rechts als etwas Selbstver- 
standlichem und im wesentlichen Unveranderlichem«. Er ging den fruheren 
Schriften von Rodbertus nach und fand, daB er schon 1837 vorgeschlagen 
hatte, die natiirliche Freiheit durch ein » System staatlicher Leitung« zu er- 
setzen; nur dadurch, daB der Staat sich zum »leitenden Organ « im Wirt- 
schaftsleben aufschwinge und die Volkswirtschaft mehr als bisher zur Staats- 
wirtschaft mache, konne das dringend notige »KompromiB« zwischen der be- 
stehenden Gesellschaftsordnung und den herandrangenden sozialistischen Be- 
strebungen erreicht werden. Dieser nationale und monarchistische Sozialist, 
der wie kein anderer die Staatsidee gegeniiber dem Individualismus betonte 
und zum Schutze des Staats und der Monarchic seine sozialistischen Lehren 
ersann, machte auf W. einen so starken Eindruck, daB er ihn als den »Ricardo 
des okonomischen Sozialismus« neben v. Thiinen und Hermann stellt. Er ist 
mit ihm in Briefwechsel getreten und hat dann die Herausgabe seines literari- 
schen Nachlasses zeitweise geleitet. Soweit W. »Staatssozialist« ist, ist er es 



184 x 9i7 

durch Rodbertus geworden, und in mehreren Einzellehren, wie insbesondere 
in seiner Kapitallehre, steht er deutlich unter seinem starken EinfluB. 

In mancher Hinsicht ein Gegengewicht gegen Rodbertus war der dritte Ge- 
lehrte, dem sich W. besonders verpflichtet gefuhlt hat: Albert Schaffle. Ihm 
hat er 1901 zum 70. Geburtstag den 4. Band seiner Finanzwissenschaft »in 
dankbarer Verehrung des Schulers« gewidmet, und er hat hinzugefugt, daB 
er sich bewuBt sei, »vielfach in seinen Spuren gewandelt zu haben«. Das bezieht 
sich, wie er selbst angibt, in erster Iyinie auf die »Grundlegung«, und zwar 
diirfte das in doppelter Weise der Fall sein. Erstens nimmt Schaffle als Kritiker 
des Sozialismus eine besondere Stellung ein ; kein anderer Deutscher hatte bis- 
her einen so besonnenen wissenschaftlichen Versuch gemacht, in den Ideen 
des Sozialismus Wahres und Irriges voneinander zu scheiden, wie er in seinen 
1870 veroffentlichten Vortragen iiber Kapitalismus und Sozialismus. Diese 
Vortrage sollten zugleich »zur Versohnung der Gegensatze von Lohnarbeit 
und Kapital« dienen. Der Kritik entsprach eine positive Darlegung, die sich 
zu einer allgemeinen Theorie der Gemeinwirtschaft ausreifte. In diesem Doppel- 
streben begegneten sich W. und Schaffle starker als irgendwelche zeitgenossi- 
schen Nationalokonomen, so sehr sie auch in der Technik des wissenschaftlichen 
Arbeitens voneinander abwichen. Zeitweise sind sie auch auBerlich in der 
Schriftleitung der Tiibinger Zeitschrift fiir die gesamten Staatswissenschaften 
miteinander verbunden gewesen. 

Unter diesen vielfaltigen Einfliissen hat sich W. — zuerst in einer 1870 er- 
schienenen Schrift: »Die Abschaffung des privaten Grundeigentums« — von 
der »bequemen StrauBenpolitik des optimistischen Manchestertums« abge- 
wendet und die neueren theoretischen Anschauungen herausgebildet. Er hat 
sie zuerst in seiner »Grundlegung der politischen Okonomie«, die 1876 zum 
erstenmal erschien und in dritter und letzter Fassung 1893 und 1894 in zwei 
starken Banden herausgegeben wurde, zu einem System zusammengefaBt. 
Spater ist noch aus einem 1900 zuerst angefertigten VorlesungsgrundriB die 
»Theoretische Sozialokonomik oder Allgemeine und theoretische Volkswirt- 
schaftslehre« hervorgegangen, welche die Grundlegung durch die »Aus- 
fuhrung«, die urspriinglich von Dietzel und dann von Pohle geliefert werden 
sollte, in kurzerem Umfang erganzen sollte und von der 1907 ihr erster, hier 
in Betracht kommender Band erschien und 1909 ihr zweiter iiber das Ver- 
kehrswesen, der vor allem von der bereits besprochenen groBen Monographic 
iiber das Geldwesen gebildet wird, wahrend der vorgesehene dritte Band iiber 
»Kredit und Kredit- (Bank-) Wesen, Versicherung und Versicherungswesen, 
Konsumtion usw. « nicht mehr fertig geworden ist. 

Die starke Wandlung W.s in seinen grundlegenden Anschauungen war an 
sich nichts Besonderes. Sie kann geradezu als eine Erscheinung der Zeit be- 
zeichnet werden. Ahnlich war z. B. Schmoller (s. oben S. 124 ff.), wie er 1870 
in seinem Buch »Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe im 19. Jahr- 
hundert« bekannt hat, »fruher zu optimistisch nach der hergebrachten Ansicht 
der liberalen Nationalokonomie« gewesen. Auch im letzten Ergebnis waren 
beide nicht sehr verschieden. Beide waren gegen den »Absolutismus der 
Losungen«, wie ihn die extremen Befiirworter des » Laissez-faire « vertraten, 
und hielten eine Erganzung der Theorie durch Tatsachenermittlung fiir ge- 
boten; beide verurteilten den »schonfarbenden Optimismus« der bisher herr- 



Wagner 185 

schenden Lehre, konnten sich den »mancherlei nachteiligen Folgen fur die 
Verteilung des gesamten Giiterertrages unter die bei der Produktion betei- 
ligten Personen« nicht verschlieBen und traten dafiir ein, dafl neben wirt- 
schaftlichen Gesichtspunkten auch ethische Beriicksichtigung fanden; beide 
haben daher auch bei der Begriindung des Vereins fiir Sozialpolitik wichtige 
Rollen gespielt. W. hat sogar durch einen kraftvollen Vortrag iiber die soziale 
Frage, den er kurz nach seiner Ubersiedlung nach Berlin 1871 hielt, die An- 
grifle der Gegner der Sozialpolitik, deren Wortfuhrer H. B. Oppenheim war, 
auf sich konzentriert und so, als »das lohnendste und mustergultigste Exemplar 
der ganzen Gattung« des Professorentums, den unmittelbaren AnstoB zur 
Pragung des neuen Ausdrucks »Kathedersozialismus« gegeben. Spater ist er 
allerdings aus dem Verein fur Sozialpolitik zeitweise wieder ausgeschieden, 
und zwar teils urn voile Freiheit im Verfolgen seiner Ziele zu haben, teils aber 
auch, weil er, im Gegensatz zu den Fuhrern des Vereins, der Ansicht war, daft 
die wiinschenswerte Vereinigung wirtschaftlicher und ethischer Gesichts- 
punkte nicht bereits in der Wirtschaftslehre, sondern erst in der Praxis des 
Wirtschaftslebens zu erfolgen habe. Darum wollte er das protestantische 
Christentum fiir den sozialen Gedanken zu gewinnen und eine evangelisch- 
soziale Arbeiterbewegung, als Gegenstiick zu der groBen katholischen, ins 
Leben zu rufen helfen. Aufs lebhaf teste nahm er an dem Evangelisch-sozialen 
KongreB und seinen Arbeiten teil und schloB sich sogar, obwohl er anfangs dem 
rechten Fltigel der Nationalliberalen oder dem linken der Freikonservativen 
angehorte, Adolf Stocker an, um mit seiner Hilfe die konservative Partei, die 
dem Christentum am nachsten stand, mit sozialpolitischem Geist zu erfullen. 
Er hat kurze Zeit auch (1882 — 1884) als ihr Mitglied dem Reichstag angehort. 
Die Gegensatze zwischen W. und der Historischen Schule, deren Fuhrung 
sich immer mehr in Schmollers Hand vereinigte, gingen aber noch tiefer. Wah- 
rend die neue historische Schule sich von der klassischen nicht nur in einzelnen 
Lehren, sondern im ganzen abwandte und in der abstrahierenden und deduk- 
tiven Methode den Hauptmangel der bisherigen Lehre erblickte, verbrannte 
W. nicht, was er bisher angebetet hatte. Er wollte die Lehre der englischen 
Klassiker nicht preisgeben, sondern weiter entwickeln und bekampfte nicht 
die Abstraktion und die Deduktion an sich, sondern ihre falsche Verwendung. 
Nach ihm handelt es sich nicht um die Alternative Theorie oder Tatsachen- 
kunde, sondern ist beides aufs engste zu verbinden. Noch ehe von einer neuen 
historischen Schule die Rede war, ist W. in dieser Frage zu bemerkens- 
werter Klarheit gekommen. Er fuhrte schon 1868 in seinem Buch iiber die 
russische Papierwahrung das Folgende, das 50 Jahre spater auch ein Max 
Weber hatte sagen konnen, aus: »Die sozialen und wirtschaftlichen Organismen 
unterstehen, wie alles Menschliche, zwei Gesetzen, dem Gesetz der gleich- 
artigen Gestaltungstendenz der Erscheinungen im ganzen und dem Gesetz 
der individuellen Verschiedenheiten der zu einer Erscheinungsgruppe ge- 
horigen Vorgange im einzelnen. Die Vereinigung beider Momente, nicht die 
ausschlieBliche Beriicksichtigung bloB des einen oder des anderen ist das 
Richtige und damit auch die wahre Aufgabe der gelauterten Theorie. Aber 
begreiflich ist es, daB die Theorie zu leicht geneigt ist, nur das Gleichartige, 
die Praxis nur das Verschiedene der Erscheinungen zu beachten.« Der Theo- 
retiker muB, »um eben auf das schlieBlich doch die Entwicklung der Erschei- 



i86 1917 

nung nachhaltig beherrschende Gesetz zu kommen, von den modifizierenden 
Umstanden abstrahieren. Aber er darf hinterher bei der Wiederanwendung 
der Theorie fiir die Praxis, d. h. eben fur die jeweilige Wirklichkeit oder die 
Welt des Individuellen nicht vergessen, daB er abstrahiert hat . . . Der Prak- 
tiker aber miifite bedenken, daB seine Routine im Grunde stets ebenfalls auf 
einer Theorie . . . beruht«, die aber »in der Regel eine falsche Abstraktion 
des Gleichartigen in den Erscheinungen ist . . . Der rat ion e lie Praktiker, 
welcher nicht Routinier sein will, muB sich dieser theoretischen Einsicht fiigen, 
sonst baut er fiir den Moment, wo zufallig die Bedingungen wirksam sind, 
welche er fiir bleibend wirksam halt, nicht fiir die dauernde Zukunft.« 

Auf Grund dieser Erwagungen betrachtete es W. als seine Aufgabe, »zwar 
das Gleichartige in den Erscheinungen nicht zu tiberschatzen und das Ver- 
schiedene nicht zu verkennen, aber dennoch von diesem Gleichartigen aus- 
zugehen und die gewonnenen allgemeinen Grundsatze zur Richtschnur auch 
bei der konkreten Frage zu nehmen«. Danach hat er auch stets gehandelt. 
Von diesem Stand punkt aus ist er zugleich zu einem Verteidiger der Klassiker 
geworden. Gegeniiber den Vorwiirfen eines kalten Utilitarismus und oden 
Schematism us betonte er den hypothetischen Charakter jeder Abstraktion 
und Deduktion. So fuhrte er aus, daB es, »rein okonomische Beweggriinde nur 
in der Hypothese gibt«, im Leben haben ihnen sittliche Pflichten, wie sie aus 
Vermogen, Bildung und gesellschaftlicher Stellung erwachsen, zur Seite zu 
treten. Aber er halt es, wie schon angedeutet wurde, fiir falsch, daraus die 
Folgerung zu ziehen, daB die Theorie sich nicht wie bisher der isolierenden 
Methode bedienen diirfe. Ohne Isolierung sei sie nicht moglich; sie schaffe des- 
halb immer nur »Annaherungswerte«, »Gestaltungstendenzen« und bedurfe 
immer im konkreten Einzelfall der Erganzung durch Tatsachenermittlung. 
Die Forderung miisse also heiBen : den hypothetischen Charakter der Theorie 
nicht vergessen! Nicht in der Theorie selbst, in ihrer Anwendung liegt der 
Mangel ! 

Es war nur eine natiirliche Konsequenz dieses Standpunktes, daB W. sich 
auch der osterreichischen Schule der Volkswirtschaftslehre nicht so ablehnend 
gegeniiberstellte wie fast alle Anhanger der historischen Schule. Er bekannte 
ausdriicklich, ihr viel zu verdanken, ohne sich freilich »durchaus auf ihre Seite 
zu stellen«. Vor allem Bohm-Bawerks groBes Werk (s. DBJ. 1914 — 16, S. 3 ff.) 
riihmt er als »ausgezeichnete« Leistung. In dem heftigen Streit zwischen 
Schmoller und Menger (s. DBJ. 1921, S. 196 ff. und oben S. 128) steht er sach- 
lich Menger naher, aber innerlich hat er trotzdem Schmoller gegen die »pam- 
phletistische Polemik« des Wiener Kollegen in Schutz genommen. Im ganzen 
hat jedoch auch W. mit der osterreichischen Schule nahere Fuhlung nicht 
gehabt. Wahrend er sich sonst stets mit Andersdenkenden ausfuhrlich aus- 
einandersetzte, versagte er hier zum groBen Teil. Er hat auch nie eine richtige 
Vorstellung von der auBerordentlichen Verbreitung der Grenznutzenlehre 
auBerhalb Deutschlands gewonnen. 

Auch in bezug auf die Untermauerung der Theorie mit Tatsachenmaterial 
war urspriinglich ein Unterschied vorhanden, der freilich im Laufe der Zeit 
etwas verblaBte. Die historische Schule stellte die Vergleiche verschiedener 
Zeiten und Entwicklungsphasen eines Volkes in den Vordergrund. W\ dagegen 
erstrebte »ahnliche Vergleichungen im Raume, bei gleichzeitig lebenden ver- 



Wagner 1 87 

schiedenen V61kern«. Es ist klar, daJ3 diese international vergleichende Me- 
thode und die geschichtliche Methode sich nicht ausschlieBen. W. meinte aller- 
dings, Vergleichungen der zweiten Art hatten, insbesondere fur praktische 
Zwecke, »mehr Wert, weil die einwirkenden Faktoren sicherer zu iibersehen 
und die Starke ihres Einflusses eher zu ermessen sei«. Er betrachtete insbeson- 
dere das statistische Verfahren als »das relativ vollkommenere Induktions- 
verfahren«. Aber wenn auch, wie er meinte, beim historischen Verfahren die 
Isolierung der Ursache schwieriger ist, so war er keineswegs gegen wirtschafts- 
geschichtliche Untersuchungen. Er hat ja selbst sehr dicke Bande mit ihnen 
gefullt. Nur die Identifizierung der Wirtschaftsgeschichte mit der Wirtschafts- 
theorie lehnte er scharf ab ; in ihr sah er einen » VerstoB gegen die Forderungen 
der Logik in der Methodologie, Systematologie und Aufgabebestimmung der 
Wissenschaft«. »Nicht das eine oder das andere, sondern das eine und das 
andere!« Nur keine AnmaBung einer »Alleinherrschaft«! 

Trotz der umfangreichen wirtschaftsgeschichtlichen Arbeiten W.s bleibt es 
Tatsache, daB er sich mit der Statistik sehr viel lieber befaBt hat. Es ging das 
zum Teil auf Wappaus zuriick, der Professor in Gottingen war und in dem er 
den »hervorragendsten Vertreter des Lehramts der Statistik deutscher Zunge« 
erblickte. Aber auch Qu£telet hatte auf W. groBen Eindruck gemacht. Theo- 
retisch und praktisch interessierten ihn die statistischen Probleme. Er hat 
daher schon 1863 ein Buch iiber die »GesetzmaBigkeit der scheinbar willkiir- 
lichen Handlungen« herausgegeben und ist dabei in dem Engel und Wappaus 
gewidmeten zweiten Teil auf die Statistik der Selbstmorde aufs griindlichste 
eingegangen. Wie diese stoffreiche Arbeit unter den statistischen Privatarbeiten 
jener Zeit eine ruhmliche Stellung einnimmt, so war auch W.s Artikel »Sta- 
tistik« in Bluntschlis und Braters Staatsworterbuch lange die umfassendste 
Bearbeitung dieses Themas. W. ist dann auch in Dorpat Professor nicht nur 
der Nationalokonomie, sondern ausdriicklich auch der Statistik gewesen, und 
er wurde, als er nach Berlin berufen wurde, Mitglied des PreuBischen Statisti- 
schen Bureaus. Er ist als Gutachter in statistischen Fragen verschiedentlich 
tatig gewesen und hat auch in seinen iiberwiegend theoretischen Arbeiten 
mehrfach eingehende statistische Ausfuhrungen eingefugt, so in seine Sozial- 
okonomische Theorie des Geldes die auBerordentlich ausfuhrliche »historische 
Statistik der Edelmetalle «. 

Nicht minder wichtig als die Unterschiede in der Methode sind die in den 
behandelten Objekten. Insbesondere einer ist von groBter Bedeutung. Wahrend 
namlich Schmoller in seinem 1900 — 1904 erschienenen »GrundriB der allge- 
meinen Volkswirtschaftslehre « dem Sozialismus keinen groBeren Abschnitt 
gewidmet hat und demgemafi auch in der Schmoller als Festschrift zum 70. Ge- 
burtstag iiberreichten »Entwicklung der deutschen Volkswirtschaftslehre im 
19. Jahrhundert« keine der 40 Arbeiten den Sozialismus besonders behandelt, 
wahrend auch der Verein fiir Sozialpolitik sich bis zum Kriege mehr um die 
einzelnen praktischen Forderungen der Sozialdemokratie als um die Grund- 
ideen des Sozialismus bekummert hat, ist fiir W. seine griindliche Auseinander- 
setzung mit dem Sozialismus besonders charakteristisch. Er sah in ihm, mit 
einem Gemisch von Bestiirzung und Bewunderung, die vielleicht groBte geistige 
Bewegung der Zeit. Soweit sie sich kritisch gegen den Optimismus der Kon- 
kurrenztheorie wandte, war nach seiner Ansicht, trotz vieler Ubertreibungen, 



i88 1917 

»im groBen und ganzen das Bild nicht unrichtig, die Malerei nicht tendenzios, 
die Diagnose des Ubels nicht falsch«. So kam er zum ersten viel umstrittenen 
SchluB : man muB von der Kritik des Sozialismus lernen und sich hiiten, die 
kritische Betrachtung der Wirtschaft zu einem Monopol der unteren Schichten 
der Bevolkerung werden zu lassen. Er selbst hat immer wieder mutig bekannt, 
viel vom Sozialismus gelernt zu haben. 

Neben der Kritik steht das Dogma des Sozialismus. Auch dieses muB mit 
groBter Sorgfalt zum Gegenstand einer unbefangenen Kritik gemacht werden. 
Die Axiome miissen in Probleme verwandelt werden. Denn »was in den kriti- 
schen Gedanken und positiven Ideen des Sozialismus richtig ist, wird sich 
siegreich erweisen«, und je mehr von den Wunschen der unteren Schichten 
unerfullt ist, um so eifriger muB verlangt werden, »daB das Erreichbare ge- 
schehe und daB auf das sorgfaltigste gepriift werde, was eben erreichbar sei«. 

W. hat diese Priifung des Sozialismus mit nie erlahmendem Mut zur Durch- 
fuhrung gebracht und damit die theoretische Volkswirtschaftslehre in bedeut- 
samster Weise bereichert. Einige seiner Lehren miissen als Hauptbeispiele da- 
fur kurz hervorgehoben werden. 

Erstens hat W. eine nationalokonomische Rechtslehre unter dem Schlag- 
wort »Freiheit und Eigentum« entwickelt. In ihr wendet er sich einerseits 
gegen das, was Jhering das »Blendwerk der juristischen Dialektik, welche dem 
Positiven den Nimbus des l,ogischen zu geben versteht«, genannt hat, und 
andererseits gegen die Forderungen, die sozialistische Demagogen mit »bod en- 
loser I,eichtfertigkeit« in das Publikum tragen. Wissenschaftlich kann es sich 
weder um einfache Aufrechterhaltung noch um einfache Beseitigung des Pri- 
vateigentums handeln. Die Wissenschaft hat vielmehr die Aufgabe, unab- 
hangig vom positiven Recht, breit und ausfuhrlich zu erortern, wo ist Privat- 
eigentum und wo Gemeineigentum am Platz, und W. kam bei dieser Erorte- 
rung zum Ergebnis, daB viele Unterscheidungen gemacht werden miissen. Er 
ging den verschiedenen Verwendungsarten des Bodens nach und unterschied 
Wohnboden, landwirtschaftlichen Boden, Waldboden, Bergwerksboden, Wege- 
boden und Gewasser. Dieser Mannigfaltigkeit der Bodenarten muBte auch eine 
Mannigfaltigkeit in den Rechtsformen des Bodenbesitzes entsprechen. Wie 
zur Erhaltung eines gesunden Bauernstandes, des Haupttragers individueller 
Volkskraft, das Privateigentum an landwirtschaftlichem Boden unentbehrlich 
ist, so erschienen ihm staatliche Beschrankungen, die bis zur Beseitigung des 
Privateigen turns gehen konnen, iiberall dort geboten, wo der Boden einen 
Monopolcharakter tragt, wie bei den Eisenbahnen infolge der Kostspieligkeit 
ihrer Anlage, wie der Bergwerksboden infolge der Erschopflichkeit der Boden- 
schatze, wie auch der stadtische Bauboden infolge seiner Lage. Diesen tief- 
greifenden Verschiedenheiten muB die Rechtsordnung sich anpassen. Sie ist 
nichts Unabanderliches, muB vielmehr im selben MaBe, wie die fortschreitende 
Entwicklung neue Unterschiede hervortreten oder Bedeutung gewinnen laBt, 
gewandelt werden. Die Grenzen des Staatsbesitzes konnen nicht grundsatz- 
Hch ein fiir allemal festgelegt werden. Sie nach den sich andernden Verhalt- 
nissen im Wirtschaftssystem neu zu ziehen, ist fiir jede Zeit eine der schwierig- 
sten und wichtigsten Aufgaben. Diese hiermit nur angedeutete Theorie des 
Grundbesitzes und der Grundrente stellt unzweifelhaft eine sehr wertvolle 
Bereicherung der theoretischen Erkenntnis durch W. dar. 



Wagner 189 

Auch bei der Kapitallehre, die mit seinem Namen verbunden ist, im wesent- 
lichen aber schon anf Rodbertus zuriickgeht, handelt es sich darum, zwischen 
dem Wirtschaftlichen und Rechtlichen klar zu scheiden. Immer ist Kapital, 
ganz unabhangig von der Rechtsordnung, zur Gutererzeugung notig. Dieses 
Kapital im reinwirtschaftlichen Sinn, das sich vorfindet, mag das Wirtschafts- 
leben organisiert sein wie es wolle, hat W. Volks- oder Produktionskapital ge- 
nannt. Es kann auch in einer sozialistischen Gemeinschaft nicht entbehrt 
werden. Es ist eine »wirtschaftliche Kategorie«. Das Recht dagegen ist wan- 
delbar, und darum ist jede positive Rechtsform des Kapitals nur eine »ge- 
schichtlich-rechtliche<( Kategorie. Das ist der Fall mit dem auf dem Privat- 
eigentum beruhenden und Einkommen schaffenden Kapital, das W. als das 
Privat- oder Erwerbskapital bezeichnet. Dieses ist das Kapital, das der Sozia- 
lismus beseitigen will; nur dieses kann beseitigt werden. Die wichtige Folge- 
rung ist, daB man bei den »kapitalistischen« Folgen auch diese Unterscheidung 
scharf beriicksichtigen muB. Ein groBer Teil der Folgen beruht auf dem Kapital 
als wirtschaftlicher Kategorie, auf dem Volks- oder Produktionskapital. Eine 
Aufhebung des Privatkapitals beseitigt sie nicht; sie bezieht sich vielmehr 
nur auf diejenigen »kapitalistischen« Folgen, die aus der privaten Rechtsform 
des Kapitals hervorwachsen, und man kann sehr zweifelhaft sein, ob sie die 
wichtigeren sind. Jedenfalls hat der Mangel einer solchen klaren Unterschei- 
dung beim Sozialismus eine Fulle von Verwirrung hervorgerufen. 

Nicht minder wichtig ist W.s wirtschaftliche Motivenlehre, die er selbst den 
»Ausgangspunkt fur alle weiteren Erorterungen in der Wirtschaftslehre« ge- 
nannt hat. Auch in ihr richtet er sich gegen zwei Fronten : gegen die Sozialisten, 
die den Erwerbstrieb aus dem Wirtschaftsleben ausschalten wollen, und gegen 
die Anh anger der historischen Schule, welche in der Lehre von Adam Smith 
liber das »Selbstinteresse« eine »bodenlose Oberflachlichkeit<< erblicken. W. 
sucht als erster in sorgfaltiger Untersuchung festzustellen, welche Motive im 
Wirtschaftsleben uberhaupt eine Rolle spielen und wie sie sich im einzelnen 
zueinander verhalten, insbesondere, wieweit sie sich ersetzen konnen. Er ge- 
langt zunachst gegeniiber der historischen Schule zu dem Ergebnis, daB die 
Lehre der Klassiker hier zwar erganzungsbedurftig, aber nicht falsch und ober- 
flachlich ist, wenn sie richtig verstanden wird. Er sagt nachdriicklich, mit Recht 
habe »die Methode der Deduktion der politischen Okonomie gerade dieses 
Motiv — den , self interest' — als Ausgangspunkt genommen«. Diese ideal- 
typische Abstraktion halt er fiir ein wirksames Hilfsmittel, in die Kausal- 
zusammenhange einzutreten. Nur muB man natiirlich auch hier das »Verifizie- 
rungsverf ahren « nicht vernachlassigen, wie es vor allem die Nachfolger der 
klassischen Schule get an haben ; auch iiber die durch das Gesamtwohl gebotenen 
Grenzen des Erwerbstriebes und die Moglichkeiten seiner Kontrolle ist Klar- 
heit notig. Wichtiger noch ist das Ergebnis gegeniiber dem Sozialismus: die 
von diesem so leichthin angenommene Ersetzbarkeit des Erwerbstriebes durch 
andere Motive ist ein durch nichts gerechtfertigter Optimismus. Die psycho- 
logischen Griinde sind es in erster Linie, an denen die sozialistischen Plane 
scheitern; sie bauen sich auf der Annahme »wesensanderer Menschen« auf. 
Was Schaffle zuerst dargelegt hat, hat W. zu einer system atischen Lehre ausge- 
staltet. GewiB ist sie nichts Fertiges fiir alle Zeiten. Insbesondere in der Zu- 
ruckfuhrung der Motive auf die Bediirfnisse und in der Differenzierung der 



igo 1917 

Analyse konnte man noch weiter gehen. Aber W.s Motivenlehre bleibt eine 
theoretisch und praktisch auBerordentlich wertvolle Leistung. 

Neben der Motivenlehre hat W. stets in der Bevolkerungslehre den durch- 
schlagendsten Grund gegen den Sozialismus gesehen. Er hat immer wieder 
Malthus gegen MiBverstandnisse in Schutz genommen, die Ansicht von Karl 
Marx, daB das Ubervolkerungselend nur eine Frage der »kapitalistischen« Pro- 
duktionsweise sei, bekampft und auf die aus der gleichbleibenden Natur des 
Menschen hervorwachsenden grundlegenden Bevolkerungsprobleme hinge- 
wiesen. Mit Riicksicht auf sie hat er alles befurwortet, was einer Entvolkerung 
des platten Landes entgegenwirken konnte, inid den Kampf gegen den »In- 
dustriestaat« auf genommen. Mit Riicksicht auf sie war er der Ansicht, daB die 
Ausfuhrung der sozialistischen Plane so harte Beschrankungen der individuellen 
Freiheit erfordere, daB sie als untragbar empfunden werden miiBten. 

Wahrend W. in der Verstandnislosigkeit des Sozialismus fur die Bevolke- 
rungsfrage einen seiner Hauptmangel sah, erkannte er immer wieder an, daB 
»eine vollstandige prinzipielle Behandlung der Einfliisse der Konjunktur vor- 
nehmlich doch erst den sozialistischen Theorien zu verdanken« sei. Schon 1879 
befiirwortete er, auch hier vom Sozialismus zu lernen; denn »die Signatur der 
modernen Volkswirtschaft« liege darin, daB die Konjunktur »vielfach als 
dritter Hauptfaktor, von welchem die Tauschwertsumme des Giiterbestandes 
in der Wirtschaft und des Vermogensbestandes einer Person abhangt, neben 
die beiden anderen hierfiir maBgebenden Faktoren, die Produktion und die 
Konsumtion, tritt«. Daher hielt er es auch fiir eine berechtigte Aufgabe, den 
miBlichen Folgen der Konjunktur entgegenzuarbeiten ; aber das sei naturlich 
nur eine »Bekampfung der Symptome, der Folgen des t)bels«. Wichtiger sei, 
»zu fordern, ob und wieweit das Ubel selbst, der maBgebende EinfluB der 
Konjunktur, beseitigt oder vermindert werden kann«. Das bezeichnet W. als 
»die prinzipielle Frage der heutigen Nationalokonomie<(. Diese klare Erkennt- 
nis, die seinerzeit nur wenig Beachtung fand, muB sich, fast ein halbes Jahr- 
hundert spater, durch eine Wirrnis unklarer Plane erst muhsam wieder durch- 
ringen. 

Endlich steht mit der Motivenlehre noch eine Lehre im Zusammenhang : die 
Organisationslehre. Auch hier hat W., gestiitzt auf Schaffle, in der wissen- 
schaftlichen Analyse einen wichtigen Schritt voran getan. Er unterscheidet 
drei Systeme : das privatwirtschaftliche, gemeinwirtschaftliche und karitative 
System. Stets sind in der Praxis des Wirtschaftslebens alle drei Systeme mit- 
einander vermischt. Diese Mischung ist immer verschieden und gibt der ein- 
zelnen Volkswirtschaft ihr besonderes Geprage. Den wechselnden Erforder- 
nissen der Zeit diese Mischung anzupassen, ist eine Hauptaufgabe aller Wirt- 
schaftspolitik. Sie lost sich in zahlreiche Einzelprobleme, insbesondere schwie- 
rige Verstaatlichungsfragen auf, die nur in ernster Einzelpriifung, nicht durch 
Schlagworte, gelost werden konnen. 

An diese Organisationslehre knupfen die positiven Reform vorschlage W.s 
an. Sie laufen in der Hauptsache darauf hinaus, das gemeinwirtschaftliche 
System in der Volkswirtschaft zu verstarken. Einmal sollen durch eine Reihe 
von Verstaatlichungen — die Eisenbahnen, WasserstraBen, Notenbanken so- 
wie Walder spielen dabei eine besondere Rolle — besonders schadliche und 
verbitternde Ausbeutungsmoglichkeiten ausgeschaltet und damit eine hohere 



Wagner igi 

Gerechtigkeit in der Verteilung der Giiter erzielt werden. Im Interesse der 
Gesamtheit darf der Staat iiberhaupt Monopole privater Art nicht aufkommen 
lassen. Zweitens musse ein hoherer Wohlstand der Arbeiterklassen erstrebt 
werden. »Proletarier« wie »Millionare« sind »ein Auswuchs, eine soziale Krank- 
heit«. Die Gegensatze von Arm und Reich diirfen nicht immer groBer werden; 
sie mussen im Gegenteil verringert werden, da die zunehmende Bildung der 
Arbeiter sie immer fuhlbarer werden laBt. Das ist der Gesichtspunkt, von dem 
aus W. auch die schon besprochene » soziale Steuerpolitik« befurwortet. 

W. glaubt im AnschluB an Rodbertus in der Entwicklung des Wirtschafts- 
lebens ein »historisches Gesetz« der zunehmenden Ausdehnung der Staats- 
tatigkeit erkennen zu konnen und meint, wer dieses Gesetz erfafit habe, habe 
auch »die Berechtigung, zu sagen, was geschehen soll«. Fiir dieses Gesetz 
ist aber ein zwingender Beweis nicht zu erbringen. Es ist unzweifelhaft in 
einem gewissen Gegensatz zum systematischen MiBtrauen, mit dem der Libe- 
ralismus der Staatstatigkeit gegeniiberstand, aufgestellt worden; und mit 
Recht ist auch gefragt worden, ob der Nachweis einer historischen Entwicklung 
geniigen konne, eine tief eingreifende Wirtschaftspolitik zu rechtfertigen. 
Solche Zweifel sind urn so mehr am Platze, als eine scharfe Grenze zwischen 
Individuum und Staat nicht zu ziehen ist. W. begniigte sich daher auch mit 
der ganz allgemeinen Formel, die Tatigkeit des Staates sei moglichst auszu- 
dehnen, ohne die Entwicklung des Individuums zu gefahrden. Er verkannte 
nicht, daB darin ein gewisses MaB von »Willkur« liege. Darum faBte er auch 
selbst »Kautelen« ins Auge, und zwar erstens eine international einigermaBen 
gleiche Arbeitergesetzgebung, zweitens eine Regelung der internationalen Kon- 
kurrenz durch »soziale Schutzzolle« und drittens die gesetzliche Beseitigung be- 
sonderer MiBstande der freien Konkurrenz im Borsen-, Bank-, Aktien- und 
Versicherungswesen. Auch dann bleibt besonnenes MaBhalten oder — wie 
W. sagt — eine Beschrankung auf die Falle notig, »wo es okonomisch und tech- 
nisch passend ist«. Dtese vorsichtige Formulierung kann dariiber nicht tau- 
schen, daB W. bei seinen Forderungen einseitig die staatlichen Verhaltnisse 
ins Auge gefaBt hat, die ihm damals im Deutschen Reich gegeben zu sein 
schienen. Er hat es nicht beachtet, daB das MaB der Staatstatigkeit in erster 
Linie von der Art des Staates selbst abhangt: von dem Grade seiner Stetigkeit 
und Uberparteilichkeit, der Gesundheit seiner Traditionen, der Bildung seiner 
Leiter. Die Gefahren treten urn so ernster in den Vordergrund, je mehr Garan- 
tien besonnenen MaBes im Staate fehlen. Seinerzeit hat jedoch diese unermiid- 
lich verfochtene Politik, die mit dem irrefuhrenden, nur fiir Rodbertus passen- 
den Ausdruck »Staatssozialismus« bezeichnet zu werden pflegt, groBte Be- 
achtung gef unden ; sie ist auch von starkem praktischen EinfluB gewesen und 
hat einen Sturm von Angriffen gegen W. entfesselt. Mit Bezug auf sie hat 
Toennies gesagt: » Kathedersozialismus ist eine Merkwiirdigkeit, eine Gelehr- 
samkeit, eine Vermittlung. Staatssozialismus ist ein Programm. Und das war 
es, was der Natur W.s gemaB war : in ihm loderte die Flamme reformatorischen 
Geistes. « 

DAS wissenschaftliche Lebenswerk von Adolf W. stellt eine gewaltige, frei- 
lich vielfach unvollstandige Einheit dar. Unter dem Zwang der Logik und dem 
Druck eines starken wissenschaftlichen Verantwortungsgefuhls hat sich die 
Arbeit eines Spezialgelehrten, der fiir monographische Studien ungewohnlich 



192 1917 

befahigt war, zu immer umfassenderen Aufgaben systematischer Art geweitet, 
obwohl die Zeit, infolge des stiirmischen Gangs der Entwicklung, ihnen abhold 
war und wirtschaftswissenschaftliche Spezialstudien einseitig begiinstigte. 
Schmoller hat sich diesem Zuge der Zeit gefiigt. Seit seiner Jugendschrift 
»Zur Geschichte der deutschen Kleingewerbe im 19. Jahrhundert« aus dem 
Jahre 1870 hat er drei Jahrzehnte lang kein ejgentliches Buchmehr geschrieben 
und erst am Ende seines Lebens seine Aufsatze und Vorlesungen zu einem 
Werk zusammengefaBt, das mehr das erstaunliche Ergebnis einer langen, rast- 
losen Lesearbeit darstellt als das geschlossene System einer Wissenschaft. 

W. dagegen hat sich bereits zu Beginn seiner Laufbahn mit den groBten 
Aufgaben der Zusammenfassung belastet, von denen er sein Leben lang nicht 
wieder frei wurde. Spurt man in Schmollers »Grundrii3« einen Hauch der freu- 
digen Stimmung eines Erntefestes, so empfindet man bei den umfangreichen 
Werken W.s von Jahrzehnt zu Jahrzehnt mehr, wie er von einer Riesenlast 
bedriickt wurde, die nicht abzuwalzen war. W. fuhlte sich gleichsam in geistigen 
Fesseln, und wenn er sie auch immer wieder fur kurze Zeit abstreifte, so geschah 
es doch meist mit einem Gefuhl des schlechten Gewissens. Die voile Freude 
des Freischaffenden hat er nur selten genossen. In diesem Widerspruch der 
logisch erwachsenen Aufgabe zum Grundcharakter der Zeit und zu der Lei- 
stungsfahigkeit eines einzelnen liegt in erster Linie die Tragik dieses Gelehrten- 
lebens. 

Erst an zweiter Stelle liegt sie in der Sonderstellung, die W. lange Zeit in der 
deutschen Wirtschaftswissenschaft angenommen hat. Er schwamm bewuBt 
gegen den Strom. Darin war seine wissenschaftliche und menschliche GroBe 
begriindet; daraus erwuchs ihm aber auch immer wieder ein Gefuhl nutzlos 
vertaner Arbeit und hilfloser Isolierung. Doch immer wieder triumphierte auch 
die Uberzeugung von der Berechtigung und Zukunftskraft seiner Methoden 
und Lehren, und zum SchluB seines Lebens hat er die groBe Befriedigung ge- 
habt, daB die Gesamtentwicklung mehr und mehr in Bahnen einlenkte, die er 
selbst zu wandeln und zu lehren nicht miide geworden war. 

Trotzdem haben auch jetzt W.s Hauptwerke nicht den EinfluB gewonnen, 
auf den sie sachlich einen Anspruch hatten. Das hangt mit dem Gewand zu- 
sammen, in dem sie auftreten. Schon auBerlich ist es ungewohnlich. Wahrend 
Anmerkungen namlich sonst am FuBe des Textes oder am SchluB des Para- 
graphen untergebracht zu werden pflegen, hat W. sie in den Text einbezogen. 
Seine Gedankenfuhrung erleidet daher immer wieder Unterbrechungen und 
Verlangsamungen. Auch wo eine groBe L,inie in der Darstellung vorhanden ist, 
vermag sie nicht wirksam in die Erscheinung zu treten. Das ist um so storen- 
der, als W. es als Pflicht wissenschaftlicher Griindlichkeit und literarischen 
Anstandes empfand, bei jedem Schritt festzustellen, mit wem er sich ganz 
oder teilweise in tTbereinstimmung befinde, und sich mit alien umstandlich 
auseinanderzusetzen, welche irgendwie eine andere Ansicht vertraten. Immer 
wieder muB der L,eser auf Seitenwegen an kleineren NebenstrauBen teilneh- 
men, die ihn wcnig oder gar nicht interessieren. 

Das fiel fort, sobald W. die schwerfallige Riistung des wissenschaftlichen 
Systematikers auszog. Dann konnte seine Personlichkeit, die mit der umstand- 
lichen und pedantischen Methode seiner Lehrbiicher in scharfem Widerspruch 
stand, sich frei entfalten. In ihr lebte bis an die Schwelle des Todes eine jugend- 



Wagner. Zeppelin 103 

liche Feuerseele. Nicht Gelehrter und Lehrer standen bei ihm im Vordergrund, 
sondern der furchtlose Kampfer, der gerade aufs Ziel losgeht, sich opfert fur 
seine Uberzeugung, auch mit Freunden bricht, wenn die Sache es erfordert. 
Diese freie, offene, feurige Personlichkeit enthullt sich in den zahlreichen 
Streitschriften, die so eindrucksvoll die miihsame Gelehrtenarbeit begleiten. 
Erst Widerspruch brachte sie zu voller Entfaltung. 

Ganz ahnlich auch in der Lehrtatigkeit. Die groBen systematischen Vor- 
lesungen unterdriickten seine Personlichkeit. In ihnen trat die Muhseligkeit 
der Arbeit und die Unterwerfung unter selbst erwahlte Grundsatze zu sehr in 
den Vordergrund. Fur sie lieB ihm auch seine wissenschaftliche Tatigkeit 
meist nicht viel Zeit zur Vorbereitung. Fiir W. war die kurze offentliche Vor- 
lesung der Hohepunkt seiner Lehrtatigkeit. Da entfaltete sich seine groBe 
natiirliche Beredsamkeit, steigerte sich sein Wahrheitsdrang zum Bekenner- 
mut, teilte er nach links und rechts, oft herausfordernd, lustige Schlage aus. 
Wenige konnten eine groBe Zuhorerschaft, zumal eine studentische, so packen 
und begeistern. Und wenn W. auch wohl kaum ein groBer Lehrer genannt 
werden kann, seine tapfere, treue Mannesart, seine ganze vorbildliche Person- 
lichkeit machte ihn zum groBen Erzieher. Er hat keine Schule hinterlassen, und 
doch war sein EinfluB weitreichend wie selten der eines Professors. Der auf- 
rechte, ritterhche Kampfer fiir das Vaterland, fiir die Gerechtigkeit und fiir 
die Wahrheit hat sich, weit iiber den Tod hinaus, eine Statte in vielen dank- 
baren Herzen geschaffen. 

Literatur: Zunachst iiber Wagners Personlichkeit im ganzen: Schmoller und Sering, 
Reden zu W.s 70. Geburtstag. Schrnollers Jahrbuch 1905. — Einleitung zur Festgabe 
zum 70. Geburtstag von Adolf W., Berlin 1905. — Artikel W. im Handworterbuch der 
Staatswissenschaften. — Reinhold Seeberg, Trauerrede fiir Adolf W., Berlin 1918. — 
Hermann Schumacher, Adolf W., eine Gedachtnisrede, Schrnollers Jahrbuch 19 18; auch 
Hermann Schumacher, Gustav Schmoller. Technik und Wirtschaft 191 7, Heft 8. — 
Toennies, Adolf W.Deutsche Rundschau, Band 174. — Westphal, Adolf W. Deutsche 
Akademische Rundschau vom i.Mai 1927. 

Sodann iiber W.s Schriften : v. Heckel, Die finanzwissenschaftlichen Schriften Adolf W.s. 
Jahrbiicher fiir Nationalokonomie und Statistik 1900. — Entwicklung der deutschen 
Volkswirtschaftslehre im 19. Jahrhundert (Schmoller-Festschrift), und zwar insbesondere 
Hermann Schumacher, Geschichte der deutschen Bankliteratur im 19. Jahrhundert; Ger- 
lach, Geschichte der Finanzwissenschaft; v. Heckel, Die Steuern. Leipzig 1908. — Vogel, 
Die finanzpolitischen Steuerprinzipien in Literatur und Theorie. Zeitschrift fiir die ge- 
samten Staatswissenschaften 1 9 10. — Schneider, Adolf W.s Beziehungen zum Sozialis- 
mus. Neubrandenburg 192 1. — Kirchner, Adolf W.s Nachlafl in der PreuBischen Staats- 
bibliothek. Schrnollers Jahrbuch 1927. 

Berlin-Steglitz. Hermann Schumacher. 

Zeppelin, Ferdinand Graf v., * am 8. Juli 1838 auf dem Landgut Girsberg bei 
Konstanz, f am 8. Marz 1917 in Berlin. — Die Ahnen des Grafen Z. waren 
urspriinglich in Mecklenburg ansassig. Bereits im 13. Jahrhundert gab es hier 
ein Gut Zepplin. Im 18. Jahrhundert trat der Groflvater, Ferdinand Ludwig, 
in wurttembergische Dienste und wurde in den Grafenstand erhoben. Graf 
Friedrich, sein Sohn, war Hofmarschall des Fiirsten von Hohenzollern. Auf 
seinem Gute wurde ihm am 8. Juli 1838 Graf Ferdinand v. Z. geboren. Hier 
verbrachte er seine ersten Jugendjahre und wurde von seiner Mutter und spater 
von mehreren Hauslehrern unterrichtet. Im Alter von 14 Jahren kam er in die 

DBJ 13 



194 l w 

Realschule nach Stuttgart, spater in die Kadettenanstalt Ludwigsburg und 
wurde 1857 Leutnant. Bereits im nachsten Jahre wurde er beurlaubt und stu- 
dierte in der Hauptsache staatswissenschaftliche Facher auf der Universitat 
Tubingen. 1859 versetzte man inn in das Ingenieurkorps nach Ulm, im Herbst 
desselben Jahres kam er in den Generalquartierstab. Im Frontdienst war er 
jedoch nicht lange tatig. 

Zahlreiche Reisen, deren Hauptzweck stets militarische Studien waren, 
fuhrten ihn 1861 nach Osterreich, Italien und Frankreich, 1862 nach Belgien 
und England. Im Jahre 1863 erhielt er Urlaub, um an dem amerikanischen 
Sezessionskrieg als Zuschauer teilnehmen zu konnen. Dort machte er bei 
St. Paul seinen ersten Aufstieg in einem Militarballon. Seine Studien in Amerika 
beschrankten sich jedoch nicht auf das rein militarische Gebiet. Er lernte Land 
und Leute eingehend kennen und unternahm eine Forschungsexpedition zur 
Erkundung der Mississippiquellen. 1864 nach Deutschland zuriickgekehrt, 
zeichnete er sich im Feldzug 1866 aus. 

Als Generalstabsoffizier der wurttembergischen Reiterbrigade nahm Z. an 
dem Feldzug 1870 teil. Zu Beginn dieses Krieges fiihrte er erfolgreich eine 
wichtige Erkundungspatrouille durch, durch die er in weiteren Kreisen iiber 
die deutsche Armee hinaus bekannt wurde. Es handelte sich darum, festzu- 
stellen, ob Mac Mahon in die Pfalz aufmarschiere, ob eine dritte Division bei 
seinem Korps sei ; bisher hatte man nur Truppen der ersten und zweiten Divi- 
sion festgestellt. Spater nahm dann Z. an dem Kampf bei Worth und vor Paris 
teil. 1874 wurde er Major, 1882 Regimentskommandeur. In den diplomatischen 
Dienst iibertretend, war er 1885 — 1887 Militarbevollmachtigter bei der wurt- 
tembergischen Gesandtschaft in Berlin und bis 1889 Gesandter und Bevoll- 
machtigter beim Bundesrat. 1888 wurde er zum General d la suite des Konigs von 
Wurttemberg befordert. In den Militardienst zuriickgekehrt, erhielt er 1890 
eine Kavalleriebrigade in Saarburg. Jedoch in den Manovern des nachsten 
Jahres wurde er zur Disposition gestellt. Dies kam fur alle, die seine aoBer- 
ordentlichen militarischen Fahigkeiten kannten, iiberraschend. Seine mili- 
tarische Laufbahn war abgeschlossen. Er hielt dies fur ein Ungliick, jedoch 
sollte es sich in ein Gliick fur die Luftschiffahrt verwandeln. 

Bereits im Jahre 1873 hat Z. ein groBes, starres, in Zellen eingeteiltes Luft- 
schiff entworfen, ohne sich jedoch klar zu sein, mit welchen Maschinen es an- 
getrieben werden sollte und welches fur die Versteifung notwendige Metall 
verwendet werden miiBte. Im gleichen Jahre hielt Dr. Stephan (der spatere 
General-Postmeister) einen Vortrag iiber Weltpost und Luftschiffahrt, der ein 
Jahr spater veroffentlicht wurde. Hieraus seien folgende Satze mitgeteilt: 

»Seit den altesten Zeiten finden sich Spuren davon, dai3 der menschliche 
Geist sich mit der Fortbewegung des Korpers in der Luft beschaftigt. Die 
Gesamtsumme der in Europa und Amerika bis jetzt (1874) ausgefiihrten Luft- 
fahrten belauft sich auf 3700. Auf diese Zahl kommen 16 Tote, gewifi kein un- 
gunstiges Resultat. Im ganzen liefern diese Tatsachen den Beweis, daB man 
imstande ist, mit dem Ballon langere Reisen zu unternehmen. Die Schnellig- 
keit und Richtung hangen zurzeit noch freilich ganz vom Winde ab, und hier 
tritt der Kern der Frage hervor.« Ferner: »Seit den Zeiten Elisabeths von Eng- 
land (1558 — 1603) beschaftigt das Problem der Nordpolexpedition den mensch- 
lichen Geist; mit den bisherigen Mitteln und Anstalten der Ausfuhrung hat 



Zeppelin 195 

es schon viele Menschenleben gekostet und scheint auf den gewohnlichen Wegen 
dennoch unlosbar zu sein. Wie leicht wiirde das Luftschiff iiber die undurch- 
dringlichen Eisf elder hinwegfliegen ! « Und gegen^den SchluB des Vortrages 
heiBtes: »Soviel durfte feststehen, daB wenigstens von den bisher bekannten 
neueren Erf indungen keine so sehr wie die Luftschif f ahrt zu einer Vervollkomm- 
nnng der Kommunikation der Erdbewohner sich als geeignet erweisen wird.« 
Aus den Besprechungen iiber seinen Plan, die durch den Vortrag Stephans 
angeregt wurden, erkannte man, welche Bedeutung Z. der Verwirklichung 
seines Gedankens beimaB. Er betonte wiederholt die kulturelle Aufgabe eines 
solchen Fahrzeuges fur grofle Forschungsreisen. Jedoch erst viel spater ver- 
lieh Z. seinen Anschauungen iiber Lenkluftschiffe dadurch festere Gestalt, daB 
er im Jahre 1887 dem Konig von Wiirttemberg in einer Denkschrift seine 
Gedanken darlegte. 

»Die Unvollkommenheit der Fesselballone hatten die Kriegsministerien der 
GroBstaaten zu der Erkenntnis gebracht, daB eine bedeutende Einwirkung auf 
die Kriegfuhrung nur durch Lenkballone zu erreichen sei, und es seien auch 
Aufwendungen fur diesen Zweck gemacht worden, wobei Deutschland zuriick- 
geblieben sei, wahrend Frankreich, das nicht mit Mitteln karge, wo es sich um 
militarische Vorteile iiber die Nachbarn handle, schon Erfolge auf diesem Gebiet 
aufzuweisen habe, indem durch das Luftschif f »La France a der Hauptleute 
Rinard und Krebs, das allerdings nur eine Eigengeschwindigkeit von 5 Meter- 
sekunden habe, die Moglichkeit der Lenkung unwiderleglich erwiesen sei. 

Zur wirtschaftlichen Nutzbarmachung der freien Luftschiffahrt fur mili- 
tarische Zwecke sei daher nur noch erforderlich, daB die Schiffe auch gegen 
starkere Luftstromungen vorwarts kamen, daB sie erst nach langerer Zeit 
(mindestens 24 Stunden) zu landen genotigt seien, um weite Rekognoszierungen 
ausfuhren zu konnen, daB sie bedeutende Tragkraft besaBen, um eine grofiere 
Zahl von Menschen, Vorraten oder Sprengstoffen mitfuhren zu konnen. Alle 
drei Anforderungen bedingten ausgedehnte Gasraume, also groBe Luftschiffe. 
Wesentliche Fortschritte in der Vervollkommnung der lenkaren Schiffe 
blieben nur noch zu machen in der Findung einer zum Durchschneiden der Luft 
geeigneten Form und der Moglichkeit ohne Ballastverminderung zu steigen und 
ohne Gasverlust zu sinken. Gelange es, dieses Problem zu losen, so sei der 
Luftschiffahrt eine noch ganz unschatzbare Bedeutung nicht allein fur die 
Kriegfuhrung, sondern auch fur den allgemeinen Verkehr (kiirzeste Verbin- 
dung durch Gebirge oder Meere getrennter Orte) fur die Erforschung der Erde 
(Nordpol, Innerafrika) in der Zukunft gewiB. « 

Aus seinen heute noch gultigen und kaum erf ullten Auf gaben des Ivuftschiff- 
baues und der Luftschiffahrt kennzeichnenden Darlegungen geht klar hervor, 
daB Z., bevor er an die technische Seite der Losung des Problems heranging, 
die Aufgaben festlegte, die von einem Luftschiff erfiillt werden muBten, um 
Nutzen zu bringen, und denen die Einrichtungen des Luftschiffes anzupassen 
waren, f erner daB er betonte, daB das Luftschiff groB ausgef uhrt werden miisse. 
Verf olgt man die Entwicklungsgeschichte der beiden in derLuftschiff ahrt neben- 
einander bestehenden Systeme, namlich das starre Luftschiff und das Prall- 
luftschiff, so erkennt man klar den Grund fur die groBen Erfolge des starren 
Systems. Das Pralluftschiff , entstanden in engster Anlehnung an den Frei- 
ballon, besitzt keine feste Form, diese mufi vielmehr auf kunstlichem Wege 



196 1917 

gegeben und erhalten werden. Beim starren Luftschiff liegt diese im Bau 
selbst. 

Nach seinem Ausscheiden aus dem Militardienst im Jahre 1891 konnte er 
mit voller Energie und groBer Begeisterung an die Verwirklichung der in der 
Denkschrift niedergelegten Gedanken herangehen. Gemeinsam mit dem In- 
genieur Theodor Kober fuhrte er im Jahre 1892 und 1893 die Berechnung und 
Zeichnung seines Luftschiffes durch. Anfang 1894 war der Entwurf fertig- 
gestellt und wurde im Marz in einer Denkschrift mit den dazugehorigen Zeich- 
nungen einer Kommission, die vom Kriegsministerium einberufen war, vor- 
gelegt. 

Die Hauptkennzeichen, die dem ersten Projekt zugrunde lagen und die be- 
zuglich des konstruktiven Charakters bis zu seiner Vervollkommnung unver- 
andert beibehalten wurden, sind: die schlanke Form, das Gerippe aus Alu- 
minium, die Einteilung des Gasraumes in eine groBe Zahl gleicher zylindrischer 
Zellen, die Anordnung von zwei getrennten Gondeln, eine Kommandostelle, 
die feste Verbindung der Gondeln mit dem Gerippe, die Anordnung eines Ver- 
bindungsganges zwischen den Gondeln, die Anbringung der Luftschrauben in 
Hohe des Luftwiderstandsmittelpunktes. 

Ausgehend von den in der Denkschrift niedergelegten Gedanken, daB das 
starre Luftschiff groB sein miisse und im Hinblick darauf , daB das Luftschiff 
sein Eigengewicht, Betriebsmittel fur mehrere Stunden, Ballast, Triebwerke 
zur Erreichung von mindestens 9 m/s Geschwindigkeit und die notwendige 
Besatzung heben miisse, sowie unter Beriicksichtigung eines Sicherheits- 
faktors, betrug die erforderliche Gasmenge 11 300 cbm. AlsGas wurde Wasser- 
stoffgas gewahlt. 

Die langgestreckte Form des Luftschiffes ergab sich bei dem festgelegten 
Inhalt aus zweierlei Grunden. Entsprechend den Ansichten iiber den Wider- 
stand von durch die Luft bewegten Korpern muBte der Querschnitt so gering 
wie moglich gehalten werden. Die andere Forderung bestand darin, daB, urn 
ein geringes Gewicht zuerzielen, die kleinste Oberflache zugrunde zulegen war. 
Mit Rucksicht auf die Handhabung des Luftschiffes auf der Erde sowie die 
GroBe der Bauhalle betrug der Durchmesser 11,6 m, seine Lange 128 m. Die 
gewahlte schlanke zylindrische Form hatte den Vorteil, eine groBe Zahl gleich 
groBer zylindrischer Gaszellen einbauen zu konnen und zwei Gondeln mit 
vollig unabhangigen Maschinenanlagen anbringen zu konnen, wodurch auch 
die Betriebssicherheit erhoht wurde. Der Bau eines zylindrischen Korpers 
war einfach. Der Querschnitt durch den Ballonkorper war nicht ein Kreis, 
sondern ein 24-Eck. Die beiden Enden des Ballonkorpers waren eiformig 
ausgebildet. Der Ballonkorper war durch 16 Querwande in 17 Abteilungen 
unterteilt. 

Als Baustof f fiir das Gerippe wurde nach langen Versuchen in der Material- 
priifungsanstalt der Technischen Hochschule Stuttgart unter Leitung von 
C. v. Bach Aluminium gewahlt. Graf Z. hat diese Wahl damit begriindet, daB 
natiirlich unter den sonst gleichen Bedingungen der Zug- und Druckf estigkeit 
und des Gewichts das Aluminium eine groBere Knickf estigkeit aufweist als 
Stahl. Die Wandstarken der in Betracht kommenden Bauelemente waren 
groBer und daher auch fiir die Bearbeitung zweckmaBiger als bei der Ver- 
wendung von Stahl. Hiermit geht Hand in Hand eine groBere Widerstands- 



Zeppelin 197 

fahigkeit gegen rein ortliche Beanspruchung. Obwohl Holz noch giinstigere 
Ergebnisse lieferte, sah man von dessen Verwendung aus verschiedenen 
anderen Griinden ab. 

Wahrend das Projekt als Bauelemente fur die Druckubertragung Alu- 
miniumrohren, fur die Zugiibertragung Drahtseil atis Aluminiumbronze vor- 
sah, wahlte Ingenieur Kiibler als Hauptbauelement bei den ersten Zeppelin- 
luftschiffen flache, aus Aluminium-T-Profilen zusammengesetzte Gitter- 
trager. Beim zweiten Schiff wurden die flachen Gittertrager nach Angaben 
des Grafen Z. dnrch Dreiecktrager ersetzt. AuBerdem wurde als Querschnitt 
nach Angaben Diirrs das 16-Eck zugrunde gelegt. 

Der Uberzug des Metallgeriistes, die AuBenhaut, bestand im oberen TeU 
aus wasserdichtem Baumwollstoff, im unteren, der groBeren I^eichtigkeit 
wegen, aus diinner Seide. Die Querwande im Schiff bestanden aus den so 
genannten Hauptringen, die durch ein System von Verspannungsdrahten, die 
quer durch das Schiff laufen und ein ziemlich enges Netz bilden, versteift 
sind. Die Drahte bilden die Wande, die die Ballonzellen voneinander trennen. 
Die Zellen sind aus gasdichtem Ballonstoff hergestellt, sie fullen den Raum 
zwischen zwei Hauptringen, wenn sie gefullt sind, ganz aus. 

Die Seitensteuer waren als Schaukelsteuer (stoffbespannte Holzrahmen) 
ausgebildet, die an beiden Enden angeordnet waren. Die Hohensteuerung 
wurde dadurch ermoglicht, daB man im Laufgang ein Bleigewicht, auf einem 
Drahtseil beweglich, anordnete. Nach dem dritten Aufstieg des ersten I,uft- 
schiffes wurde aber ein Hohenruder angebracht. In den beiden Gondeln, die 
erste war beim Ubergang vom ersten zum zweiten, die zweite vom dritten 
zum vierten Viertel der Fahrzeuglange starr aufgehangt, befand sich je ein 
14,7 PS starker Daimler-Motor im Gewicht von 385 kg — so viel wiegt heute 
ein Motor von 300 PS Leistung. In dem Projekt des Jahres 1892 waren zwei 
Motoren von je 11 PS Leistung und im Gewicht von je 500 kg vorgesehen, die 
von der Daimler-Motorengesellschaft entworfen waren. Mittels zweifacher 
Kegelradgetriebe und schragen Wellen trieben die beiden Motoren je zwei 
rechts und links im Tragkdrpergerippe in Hohe des Iyuftwiderstandsmittel- 
punktes angebrachte Schrauben. 

Nach wiederholtem Zusammentreten lehnte die vom Kriegsministerium ein- 
gesetzte Kommission im Dezember 1894 das Projekt des Grafen Z. ab. Einer 
der Griinde war, daB die Militarverwaltung sie nur dann als Kriegsmittel an- 
wenden konne, wenn die Fahrzeuge ftir Verkehrszwecke bereits vorhanden 
und erprobt waren. Da ihm fiir die Durchf iihrung seines Planes nicht geniigende 
Mittel zur Verfiigung standen, wandte sich Graf Z. im Dezember 1895 an die 
Offentlichkeit, um zu versuchen, auf diese Weise die Mittel aufzubringen. Er 
veroffentlichte eine ausfuhrliche Denkschrift, in der er die bisherigen Schick- 
sale seiner Erfindung darlegte und die Allgemeinheit aufforderte, sein Unter- 
nehmen zu fordern. Es sollte ein Kapital von mindestens 800 000 Mark aufge- 
bracht werden. Leider fuhrte die auf diese Weise eingeleitete Sammlung nicht 
zu dem gewiinschten Ergebnis. 

Wahrend der Sammlung der Geldbetrage nahmen sich die deutschen In- 
genieure der Sache des Grafen Z. an. Der Verein Deutscher Ingenieure erlieB 
am 30. Dezember 1896 einen Aufruf , in dem zum Ausdruck gebracht wurde, 
daB nur auf die gemeinniitzige und opferwillige Geneigtheit derjenigen Kreise, 



198 1917 

die dazu imstande sind, insbesondere also anf die Geneigtheit der Vertreter 
der deutschen Industrie, die Hoffnung gesetzt werden kann, daB sie fur die 
Forderung einer sehr wichtigen und groBen technischen Aufgabe unseres Zeit- 
alters zur Aufbringung der bedeutenden Mittel sich bereitf inden lassen mochte, 
ohne welche ein entscheidender Fortschritt nicht zu erwarten ist. »Frankreich, 
Nordamerika und England sind uns mit bedeutenden Aufwendungen voraus- 
gegangen. — Sollte die deutsche Technik nicht auch ihren Anteil an der Losung 
dieser Aufgabe haben und nehmen?« 

Dieser Aufruf fiihrte dann auch einige Vertreter der deutschen Industrie 
zur Griindung einer Aktiengesellschaft, fiir die auch von anderen Kreisen 
Aktien gezeichnet wurden. Graf Z. iiberaahm die Halfte der Aktien, da sich 
noch nicht geniigend Personen an dem Unternehmen beteiligten. Es wurde 
eine Aktiengesellschaft unter dem Namen » Gesellschaft zur Forderung der 
Luftschiff ahrt« mit einem Grundkapital von 800000 Mark im Jahre 1899 ge- 
griindet. 

Aus den Mitteln wurde das erste Luftschiff nach dem Entwurf des Grafen Z. 
unter der Leitung des Oberingenieurs Kiibler, in der schwimmenden Holzhalle, 
die in der Bucht von Manzell bei Friedrichshafen verankert war, gebaut. Die 
weite Flache des Sees, die keinerlei Hindernis bot, erschien das geeignetste 
Ubungsfeld fiir das Luftschiff , auBerdem bot die nur an der Spitze verankerte 
Halle den groBen Vorteil, daB sie sich immer in die Windrichtimg einstellte, 
wodurch das Aus- imd Einfahren des Luftschiffes wesentlich erleichtert 
wurde. 

Nach vielen Zwischenf alien erfolgte am Abend des 2. Juli 1900 inn 8 Uhr 
unter Fuhrung des Grafen Z. der erste Aufstieg. Bei dem erfolgreich durchge- 
fiihrten kurzen Fluge hatten sich jedoch, wie zu erwarten war, eine groBe Zahl 
von Mangeln herausgestellt, an deren unverziiglicher Abstellung man unmittel- 
bar nach der Landung schritt. Besonders betrafen diese das Gerippe imd das 
Steuer. Am 17. Oktober wurde dann der zweite Aufstieg unternommen, bei 
dem sich die Neuerungen gut bewahrten. Der Flug dauerte 1 Stunde und 
20 Minuten. Bei dem dritten Aufstieg am 24. Oktober, bei dem eine Geschwin- 
digkeit des Luftschiffes von 8 m/s gemessen wurde, bewahrte sich die Steue- 
rung gut. Nach der Landung war es notwendig, das Luftschiff neu zu fiillen. 
Die Mittel waren jedoch erschopft. 

Die Gesellschaft beschloB im November 1900, sich aufzulosen. Graf Z. 
erwarb nun von der Gesellschaft das Luftschiff mit allem Zubehor. Er hoffte, 
die notwendigen Mittel zu erhalten, inn seine Versuche weiter durchfiihren zu 
konnen. Er wandte sich zu diesem Zweck im Marz 1901 an den Verein Deutscher 
Ingenieure mit der Bitte, die Kommission des Jahres 1896 erneut zusammen- 
zuberufen, um die auf Grund seiner Versuche gefundenen Ergebnisse zu tiber- 
priifen und den damaligen BeschluB zu erganzen oder zu berichtigen. Der Aus- 
schuB trat im Juni 1901 in Kiel zusammen, ohne jedoch zu einem bestimmten 
Ergebnis zu kommen. Am 2. Marz 1902 fand eine neue Sitzung der Kommission 
in Berlin statt, bei der die verantwortlichen Mitglieder des Ausschusses — es 
stimmten nicht alle dem Gutachten zu — erklarten, daB die friiheren An- 
nahmen und Ermittlungen durch die Aufstiege zwar bestatigt seien, daB aber 
nicht gentigende und gesicherte Unterlagen vorlagen, um sie zu erganzen und 
zu berichtigen. 



Zeppelin 199 

Um seine Versuche fortsetzen zu konnen, war Z. gezwungen, zu versuchen, 
Geldmittel hierfiir zusammenzubekommen. Die Firmen, die die Rohstoffe, 
wie Aluminium, Ballonhiillenstoff und die Motoren liefern sollten, stellten diese 
kostenlos zur Verfiigung. Um den Zusammenbau durchfuhren zu konnen, 
wurde Z. in Wiirttemberg eine Lotterie bewilligt. Man konnte nunmehr mit 
dem Bau beginnen. Das zweite Luftschiff hatte man in seinen Einzelheiten 
bedeutend verbessert; das Aluminiumgerippe bestand aus dreiseitigen Langs- 
tragern, die auch heute noch verwendet werden. Dagegen fehlten noch aus- 
reichende Steuer. Die Motorenindustrie, die sich sprunghaft inzwischen ver- 
vollkommnet hatte, lieferte Motoren von 85 PS. 

Das neue Luftschiff unternahm im November 1905 einen Aufstiegsversuch, 
der jedoch miBgluckte. Eines der Haltetaue war mit einem Knoten in einem 
Ring hangen geblieben, wodurch das Luftschiff auf den See herabgedriickt 
und infolge des starken Windes weit in den See auf dem Wasser schwimmend 
hinausgetrieben wurde. Bei dem zweiten Aufstieg im Jahre 1906 hatte das 
nicht prall gef ullte Luftschiff starken Auftrieb ; in 500 m Hohe kam es in eine 
starke Windstromung und wurde abgetrieben. Es landete gliicklich bei KiBlegg 
im Allgau, wo es aber, da die notwendigen MaBnahmen zur sorgfaltigen Ver- 
ankerung fehlten, in der Nacht durch einen plotzlich ausgebrochenen starken 
Sturm zerstort wurde. Es muBte auseinandergenom m en werden. 

Z. lieB sich durch dieses unvorhergesehene Ungliick nicht entmutigen. Er 
w r ertete die auf diesem Flug gewonnenen Erfahrungen aus und beschloB, aus 
den noch brauchbaren Resten des zweiten Luftschiffes ein neues, drittes Luft- 
schiff zu bauen. Mit diesem Luftschiff, bei dem zum ersten Male genugende 
Dampfungsflachen eingebaut wurden, unternahm Z. am 9. und 10. Oktober 
1906 zwei Aufstiege, die glanzend gelangen. Die viele aufgewendete Muhe und 
die groBen Opfer waren nunmehr von Erfolg gekront. Das Luftschiff war gut 
lenkbar und hielt ordentlich Kurs. Hohen- und Seitensteuerung sowie Sta- 
bilitat hatten sich bestens bewahrt. 

Um weitere Versuche durchzufuhren, fehlten jedoch wieder Geldmittel. Nun- 
mehr griff das Reich ein. Es wurden die geniigenden Mittel zur Verfiigung ge- 
stellt, um eine neue schwimmende Halle aufzubauen. Wahrend dieser Zeit 
wurde vom Grafen Z. das in der festen Holzhalle in Manzell liegende Luftschiff 
teilweise umgebaut und die Steuervorrichtung verbessert. Die Motoren wurden 
sorgfaltig uberpriift, um etwaige Storungen zu verhindern. 

Ende September 1907 war die neue schwimmende Luftschiffhalle fertig- 
gestellt. Es wurden mehrere wohlgelungene Fliige durchgefuhrt, darunter eine 
achtstiindige Fahrt. Die Geschwindigkeit des Luftschiffes bet rug 15 m/s. Die 
Ergebnisse des Jahres 1907 waren fur den Grafen Z. sehr giinstige. Mit Hilfe 
des Reiches hatte er sein Luftschiff vervollkommnet, wertvolle neue Erfah- 
rungen gesammelt, auBerdem eine zuverlassige Ballonmannschaft ausgebildet. 
Nach langen Verhandlungen entschloB sich der Reichstag, dem Grafen Z. die 
Mittel zu bewilligen, um zwei neue Luftschiffe bauen zu konnen. 

Am Ende des Jahres 1907 sollte jedoch durch ein Naturereignis wiederum 
das Unternehmen des Grafen Z. schwer in Mitleidenschaft gezogen werden. 
Am 14. Dezember sank infolge eines schweren Sturmes teilweise die schwim- 
mende Halle, in der das Luftschiff untergebracht war. Da die Wiederherstel- 
lungsarbeiten sehr lange Zeit in Anspruch nahmen, begann Z. inzwischen in 



200 igi7 

seiner auf dem Lande befindlichen Halle mit dem Bau des vierten Luftschiffes, 
das am 20. Juni 1908 zu seiner ersten Fahrt aufstieg. Seine Lange betrug 
136 m, sein Durchmesser 13 m. Die Seitensteuerung war verstarkt worden, 
im Laufgang hatte man eine Kabine eingebaut und die Gondeln ver- 
groBert. Die beiden Motoren leisteten 210 PS. Das Schiff war also be- 
deutend leistungsfahiger. 

Am 1. Juli wurde eine zwolfstiindige Fahrt iiber der Schweiz erfolgreich 
durchgefuhrt, so daB man hoffte, eine vierundzwanzigstiindige Fahrt mit 
Leichtigkeit ausfiihren zu konnen. Dieser Versuch wurde am 14. Juli gemacht. 
Jedoch muBte er unterbrochen werden, da ein Motorschaden auftrat. Am 
4. August gelang es endlich, den groBen Flug anzutreten. Um 6 Uhr morgens 
stieg das Luftschiff auf. In der Nacht setzte dann infolge Ausschmelzen eines 
Lagers der vordere Motor aus. Kurz vor 8 Uhr morgens am folgenden Tage 
muBte das Luftschiff, da es gegen den stark aufgekommenen Wind nicht mehr 
vorwarts kam, bei Echterdingen notlanden. 

Das Luftschiff wurde verankert. Am Nachmittag dieses Tages um 3 Uhr 
setzte plotzlich eine starke Bo ein. Da der Wind das Schiff breitseits traf, 
rissen die Ankertaue. Ebenso konnten die Mannschaften das Luftschiff nicht 
mehr halten. Das Luftschiff wurde abgetrieben, in ungefahr 1 km Entfernung 
vom Ankerplatz streifte es eine Baumgruppe und geriet dabei in Brand. Es 
wurde vollstandig zerstort. 

In alien Kreisen Deutschlands war man nun bereit, dem Graf en zu helfen. 
Wenige Tage nach dem Ungliick waren schon geniigende Mittel vorhanden, 
um ein neues Zeppelin-Luftschiff zu bauen. Die Nationalspende mit einem Er- 
gebnis von iiber 6 Millionen Mark fuhrte dem Grafen Z. die Mittel zu, sein 
Lebenswerk auf finanziell gesicherter und technisch verbreiterter Grundlage 
weiter auszubauen. Z. verwandte die tiberwiesene Summe zur Erbauung einer 
Werft, zur Fortsetzung seiner Fahrversuche und fiir wissenschaftliche Unter- 
suchungen. 

Aus den Mitteln der Nationalspende errichtete Z. die Zeppelin-Stiftung mit 
der Bestimmung, daB alle Einkiinfte daraus der Entwicklung der Luftschiff ahrt 
und deren Verwendung fiir die Wissenschaft dienen sollten. Ferner wurde eine 
Gesellschaft mit beschrankter Haftung »Luftschiffbau Zeppelin* in Friedrichs- 
hafen gegriindet. Die erste Aufgabe dieser Gesellschaft war, dem Reich die 
beiden Luftschiffe zu liefern. Das beschadigte Luftschiff Z 3, das in der teilweise 
untergegangenen schwimmenden Halle untergebracht war, wurde ausgebessert 
und iiberholt. Dieses Luftschiff wurde vom Reich angekauft. Mit einem neuen 
Luftschiff Z 5 unternahm dann Z. Ende August 1909 vom Bodensee aus eine 
Fernfahrt, deren Ziel Berlin war. Auf dem Rtickflug muBte man bei Goppingen 
eine Zwischenlandung vornehmen, um die Betriebsstoffe zu erganzen. Hierbei 
wurde das Luftschiff an der Spitze eingedriickt. Man beseitigte die beschadigten 
Teile, baute den vorderen Motor aus und band die Hulle iiber dem beschadigten 
Teil zusammen. Mit eigener Kraft konnte dann das Luftschiff seinen Hafen 
erreichen. 

Im Jahre 1909 wurde die Deutsche Luftschiffahrts-A.-G. (Delag) gegriindet. 
Die Stadt Dusseldorf entschloB sich, auf eigene Kosten eine Luftschiffhalle zu 
bauen. Die Delag war es, die dem Luftschiffbau Zeppelin neue Auftrage gab 
und somit das Unternehmen lebensfahig erhielt. Die Gesellschaft fuhrte Passa- 



Zeppelin 201 

gierfahrten mit Zeppelin-Luftschiffen durch. Ihr gehorten die Luftschiffe 
*Deutschland«, »Schwaben«, »Viktoria Luise«, »Hansa« und »Sachsen«. 

Um den immer wieder auftretenden Motorenschaden abzuhelfen, da das 
Versagen der Motoren f iir die Luftschif f ahrt auBerst verhangnisvoll war, wurde 
die Motorenbau-G. m. b. H. gegnindet, die unter der Leitung von Maybach 
den Bau von Flugzeugmotoren aufnahm. AuBerdem wurde in Berlin die 
Ballonhullen-G. m. b. H. gegriindet, um zweckmaBigen Stoff fiir die Zellen 
und die Hulle zu schaffen. Neue Luftschif fhallen wurden in den verschieden- 
sten Orten des Reichs, auch in Berlin, in Potsdam, Johannistal und Staken 
gebaut. 

Von den Mitarbeitern des Graf en Z., die ihm bei der erfolgreichen Durch- 
f iihrung seiner genialen Idee half en, sind zu nennen : Dr. Durr, Chefkonstruk- 
teur und Direktor der Luftechiffbauwerft, Kommerzienrat Colsmann, General- 
direktor des Zeppelinkonzerns, und Dr. Hugo Eckener, der in aller Welt als 
Kommandant des Amerikaluftschiffes bekannt geworden ist. 

Mit dem Passagierluftschiff » Viktoria Luise« wurden 1912 — 1914 489 Fahrten 
diirchgefuhrt. In 981 Fahrtstunden wurde eine Gesamtstrecke von 54 000 km 
zunickgelegt und 9758 Personen, einschlieBlich der Besatzung, befordert. Das 
Passagierluftschiff »Sachsen« konnte mit einer Geschwindigkeit von 72 km 
pro Stunde, mit 1000 kg Besatzung und 3000 kg Nutzlast eine Strecke von 
2200 km durchfliegen. 

Bis zum Kriege waren von der Heeresverwaltung sechs Luftschiffe iiber- 
nommen worden. Bei Beginn des Krieges waren in Deutschland zehn Luftschiffe 
der Bauart Zeppelin vorhanden. Bis zum Kriegsende wurden 66 Marineluft- 
schiffe und 35 Heeresluftschiffe fertiggestellt 

Die Entwicklung der Zeppelin-Luftschiffe mogen folgende Angaben beleuch- 
ten: Wahrend das erste Luftschif f einen Gasinhalt von 11 300 cbm, 11,7 m 
Durchmesser, 128 m Lange, 17 Zellen, 2 Motoren von einer Gesamtleistung 
von 30 PS, 4 Propeller und eine Geschwindigkeit von7 1 / 2 m /shatte, hatten die 
Luftschiffe der GroBkampfschiffbauart 55 200 cbm Gasinhalt, 23,9 m Durch- 
messer, 198 m Lange, 19 Zellen, 6 Motoren von einer Gesamtleistung von 
1440 PS mit 6 Propellern. Das Luftschiff hatte eine Geschwindigkeit von 
28,7 m/s, die Nutzlast betrug 32 Tonnen, es konnte ohne Fahrtunterbrechung 
7400 km bei groBter Geschwindigkeit zuriicklegen. 

Trotz vieler Riickschlage und einer groBen Reihe von Unfallen, von denen 
die Luftschiffahrt betroffen wurde, hat sich das geniale Werk des Grafen Z. 
sieghaft durchgerungen. Im Jahre 1914 begann Z. auch auf der Werft in See- 
moos, die der Leitung Dorniers anvertraut war, mit dem Bau von GroBflug- 
zeugen, ein Gebiet, dem er sich mit ganz besonderem Interesse widmete. 

Von den Tagen von Echterdingen bis zu seinem plotzlichen Tode am 8. Marz 
1917 in Berlin glich sein Leben einem Siegeszug. Zahlreich sind daher auch die 
Ehrungen, die ihm von alien Seiten verliehen worden sind. 1906 wurde er zum 
Ehrendoktor der Technischen Hochschule Dresden und kurze Zeit danach von 
der Technischen Hochschule Stuttgart ernannt. Der Verein Deutscher In- 
genieure verlieh ihm 1908 die goldene Grashof-Denkmiinze ; zum sojahrigen 
Militardienstjubilaum verlieh ihm der Konig von Wurttemberg das GroBkreuz 
des Militarverdienstordens; die Universitat Tubingen ernannte inn zu seinem 
70. Geburtstag zum Doktor der Naturwissenschaften. Im Mai 1908 verlieh 



202 1917 

ihm der Kaiser den Schwarzen-Adler-Orden ; an seinem 75. Geburtstag ernannte 
ihn eine ganze Reihe von Stadten zu ihrem Ehrenbiirger, kurz vor seinem Tode 
ernannte ihn das Deutsche Museum in Munchen zu seinem ersten Ehren- 
mitglied. 

Graf Z. war eine iiberragende Personlichkeit. Dem Ziel, das er sich auf dem 
Gebiet der Luftschiffahrt gesteckt hatte, hat er alles andere untergeordnet. 
Keine Muhe, keine Arbeit war ihm zu schwer, kein Gang, mochte er noch so 
unangenehm fur ihn sein — besonders gilt dies fur die Zeit, wo er unter Geld- 
mangel litt — , wurde nicht versucht, wenn er fiir seine Sache eine Fdrderung 
erhoffte. Er war ein unermudlich Arbeitender, oft arbeitete er bis spat in die 
Nacht hinein, urn doch am Morgen als erster wieder im Werk tatig zu sein. Ein 
eigener Zauber ging von seiner Personlichkeit aus. Er war ein Glucklicher, 
nicht nur durch seine Erfolge, sondern auch durch die Eigenschaften seines 
Gemiites. Der Glaube an sich selbst, tapfere Entschlossenheit und Ausdauer 
hat die groBten, scheinbar uniiberwindlichen Hindernisse beseitigen konnen. 
Das deutsche Volk konnte ihn daher nicht hoher ehren, als ihn zu seinem 
Nationalhelden zu erheben. 

Literatur: Dr. Stephan, Weltpost und Luftschiffahrt. J. Springer, Berlin 1874. — 
Jahrbuch der Schiffbautechnischen Gesellschaft 191 5, S. 178. J. Springer 191 5. — Graf 
v. Zeppelin, Die Eroberung der I,uft. Vortrag, gehalten in Berlin am 28. Januar 1908. 
Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1908. — Luftschiffbau Zeppelin, Das Werk Zeppelins. 
Eine Festgabe zu seinem 75. Geburtstag 191 3. J.Hoffmann, Stuttgart. — L. Durr, 
25 Jahre Zeppelin -Luftschiffbau. VDI-Verlag, Berlin 1924. — Aug. v. Parseval, Graf Zep- 
pelin und die deutsche Luftfahrt. H. Kleinm A. -G., Berlin 1926. — Hans Hildebrandt, 
Zeppelin-Denkmal fiir das deutsche Volk. Germania-Verlag, Stuttgart. — Joh. Schwengler, 
Der Bau der Starrluftschiffe. J. Springer, Berlin 1925. — MatschoB, Manner der Technik. 
VDI-Verlag, Berlin 1925. — Engberding, Luftschiff und Luftschiffahrt. VDI-Verlag, 
Berlin. — Kollmann, Das Zeppelinschiff , seine Entwicklung, Tatigkeit und Leistung. 
M. Krayn, Berlin. — Feldhaus, Buch der Erfindungen. — Feldhaus, Bezwinger der Lufte. 
R. Bardtenschlager, Reutlingen und Stuttgart 1925. — Georg Neumann, Die deutschen 
Luftstreitkrafte im Weltkriege. Mittler & Sohn, Berlin. — Johann Schiitte, Der Luft- 
schiffbau Schutte-Lanz 1909/ 192 5. R. Oldenbourg, Munchen und Berlin 1926. — Dr. Carl 
Berg, David Schwarz — Carl Berg — Graf Zeppelin. Ein Beitrag zur Entstehung der 
Zeppelin-Luftschiffahrt in Deutschland. Selbstverlag. — Zeitschrift des Vereins Deutscher 
Ingenieure. — Zeitschrift fiir Flugsport und Motorluftschiffahrt. 

Berlin. Erich Gossow. 

Ziese, Carl Heinrich, Ingenieur und Inhaber der Schichau-Werke Elbing 
und Danzig, Geh. Kommerzienrat, Dr.-Ing e. h., * am 2. Juli 1848 in Moskau, 
f am 15. Dezember 1917 in Elbing. — Carl Z. entstammte einer holsteinischen 
Familie, UrgroBvater und GroBvater waren Hamburger Burger, letzterer 
GroBkaufmann, der durch die Kontinentalsperre Napoleons und die eng- 
lischen Kaperschiffe Vermogen und Schiffe verlor. Der Vater, Alexander 
Berthold Z., geboren 1812, ging nach vollendeter Lehrzeit nach Kopenhagen, 
spater nach Paris, wo er die »Ecole Polytechnique« besuchte, so daB er mit 
etwa 30 Jahren eine russische Staatsstellung annehmen konnte, die darin be- 
stand, die zu jener Zeit junge russische Industrie und die dortigen Bahnbauten 
zu organisieren und zu beaufsichtigen ; daneben baute er noch eine eigene 
Maschinenfabrik, bis er durch einen Ungliicksfall genotigt wurde, RuBland 
zu verlassen und krank nach Deutschland zuriickzukehren, wo er 1858 starb. 



Zeppelin. Ziese 20 3 

Die Mutter, eine geborene Burchardi, entstammte einer alten Gelehrten- 
und Predigerfamilie, deren Stammbaum bis ins 13. Jahrhundert zuriickreicht. 
Sie blieb nach dem Tode des Gatten mit fiinf Kindern zuriick, die zuerst bei 
ihrem Onkel, Prediger Burchardi in Hamburg, dann in Kiel ihre Ausbildung 
erhielten. Carl Heinrich, der alteste der Sonne, damals 10 Jahre alt, und sein 
Bnider Rudolf kamen in die ruhmlich bekannte Privatschule von Dr. Meyer 
und dann aufs Gymnasium. Carl, der von klein auf den Wunsch hatte, In- 
genieur zu werden, ging nach seiner Konfirmation als Volontar zur Firma 
Schweffel & Howaldt, der Vorgangerin der spateren Howaldt-Werke. Kenn- 
zeichnend f iir seine Veranlagung und seine spatere glanzende Entwicklung zu 
einem der hervorragendsten deutschen Ingenieure ist die Bemerkung in dem 
Abgangszeugnis, das er nach Verlassen der Meyerschen Schule erhielt: »Ein 
junger Mann von eigentumlicher Begabung. Biicherweisheit liegt ihm fern; 
dagegen besitzt er eine fabelhaft leichte Auffassung alles Sichtbaren, Natiir- 
lichen und Zeichnerischen ; nach dieser Richtung ist er geradezu genial ver- 
anlagt. « 

Nach Beendigung seiner dreijahrigen praktischen Lehrzeit bei Schweffel 
& Howaldt trat er als Monteur in die Werkstatten von John Elder & Co. 
in Glasgow ein, die zu jener Zeit die ersten Compoundmaschinen (Ver- 
bimdmaschinen) bauten, bei denen wesentlich hoher gespannter Dampf, als 
bisher ublich, in zwei Zylindern nacheinander wirkte, was eine erhohte Wirt- 
schaftlichkeit gegeniiber den alteren Dampfmaschinen ergab und fur die Ent- 
wicklung der Schiffahrt von umwalzender Bedeutung wurde. Sein Bruder 
Rudolf folgte ihm spater, kehrte auch nach dem siebziger Kriege fiir mehrere 
Jahre nach England zuriick. 

Der Ausbruch des Krieges veranlaBte beide Bruder, sich zum Militardienst 
zu stellen. Sie kamen zuerst auf das Kanonenboot »Chamaleon«, dann auf das 
Zeichenbureau der Kieler Werft, und bezogen nach Erledigung ihres Kriegs- 
dienstes im September 1871 die Berliner Gewerbeakademie in der Kloster- 
straCe (die spatere Technische Hochschule), um Maschinenbau und Schiffbau 
zu studieren. Aus jener Zeit stammen die Beziehungen, die Z. mit bedeutenden 
deutschen Technikern, damals Studierende der Gewerbeakademie, zeitlebens 
verbanden, mit Busley, dessen Name mit der Entwicklung von Deutsch- 
lands Schiffbau und Schiffahrt verknupft ist, den Werftbesitzern Blohm und 
Sachsenberg, ferner mit Heckmann, Oechelhauser, Hoppe, Max Krause, Pro- 
fessor Slaby, dem Heizungstechniker Professor Rietschel (s. DBJ. 1914 — 16 
S. 81) und manchen anderen. 

Im Herbst 1873 trat die entscheidende Wendung in Z.s Leben ein : er erhielt 
eine Stellung als Schiffsmaschinenbauer bei der Firma F. Schichau in Elbing, 
die, 1837 gegriindet, sich allmahlich zu einer bedeutenden Maschinenfabrik im 
ostlichen PreuBen entwickelt hatte. Ferdinand Schichau erkannte sofort die 
hohen Ingenieurfahigkeiten, die in dem 25jahrigen Z. steckten, und er iiber- 
trug ihm bald die Leitung des gesamten Schiffsmaschinenbaues. Bis zu jenen 
Jahren hatte sich Schichau nur mit dem Bau von kleineren Handelsdampfern 
und Baggern beschaftigt. Z. steckte seine Ziele weiter; er wandte bald seine 
Aufmerksamkeit der in den Anfangen ihrer Entwicklung befindHchen deut- 
schen Kriegsmarine zu, die 1878 die beiden Avisodampfer »Habicht« und 
*>M6w T e« bei Schichau in Bestellung gab. Fiir diese Schiffe entwarf Z. Verbund- 



204 *9I7 

maschinen von je 600 PS und fuhrte damit als erster dieses System erfolgreich 
in den deutschen Kriegsschiffbau ein. 

Die Torpedowaffe hatte Anfang der siebziger Jahre in England zum Bau 
kleiner, schneller Schiffe, der Torpedoboote, Veranlassung gegeben; klar sah 
Z. — der inzwischen Schichaus Schwiegersohn geworden — die Zukunft dieses 
neuen Schiffstyps voraus und widmete vom Jahre 1877 ab der Entwicklung 
des Torpedobootes seine voile Arbeitskraft. Gleich das erste Boot, fur Rufi- 
lands Marine gebaut, das bei 18 m Lange 16 Knoten lief und unter eigenem 
Dampf von Elbing nach Petersburg fuhr, war ein voller Erfolg. Rasch folgten 
sich die Bestellungen auf solche Boote : nicht nur die Kaiserliche Admiralitat, 
auch Rufiland, Italien, Osterreich, China, die Tiirkei, die alle bisher nur in 
England bestellt hatten, wandten sich nach Elbing, und in den folgenden 
Jahren sah das bescheidene, westpreufiische Stadtchen Schiffbau-Ingenieure 
aus aller Welt in seinen Mauern. Die Anforderungen an die Geschwindigkeit 
wuchsen, und damit stiegen Maschinenleistung und Bootsdimensionen : 1889 
war das russische Torpedoboot »Adler« mit 27,5 kn das schnellste Schiff der 
Welt, 1898 liefen die chinesischen Torpedojager 36,7 kn, die hochste Geschwin- 
digkeit, die mit Kolbenmaschinen je erreicht worden ist. Die Kaiserlich deutsche 
Marine bestellte vom Jahre 1883 ab alle ihre Torpedoboote — die S-Boote — 
bei Schichau und gab durch ihre mustergiiltige Ausgestaltung des Torpedo- 
wesens Z. dauernd neuen Anreiz zur Weiterentwicklung des von ihm geschaffe- 
nen Typs. Auf der Pariser Weltausstellung des Jahres 1900 konnte Schichau 
250 von ihm gebaute Torpedoboote und Torpedojager in Bild und Modell vor- 
fuhren, eine Zahl, die bis dahin keine andere Werft der Welt aufzuweisen hatte. 

Die Maschinenanlagen dieser Torpedoboote waren Z.s ureigenste Schopfung ; 
als ein Ingenieur von seltener konstruktiver Gewandtheit, von angeborenem 
sicheren Gefuhl fiir die Ausgestaltung des Details, driickte er seinen Schop- 
fungen einen Stempel auf, der sie in auffalliger Weise von alien anderen unter- 
schied. Der kiinstlerische Sinn, der ihm eigen war, kam darin zum Ausdruck ; 
wahrend die meisten Schiff smaschinen bis zur Nuchternheit »billige« Zweck- 
formen aufwiesen, zeigten Z.s Entwiirfe bis hinab zum geringftigigsten Detail 
eine vollendete Schonheit der Form, die sie von alien anderen charakteristisch 
aufs vorteilhafteste unterscheidet. Die Z.schen Konstruktionen wurden vor- 
bildhch fiir den Bau leichtester Kriegsschiff maschinen. 

Z.s EinfluB ging jedoch, was vielleicht zu wenig bekannt ist, iiber die eigent- 
liche Maschinenkonstruktion hinaus und erstreckte sich auch auf das Schiff. 
Er erkannte bald, dafi die aufierste Sparsamkeit an Maschinengewicht, wie 
sie der Torpedobootsbau gebieterisch fordert, in einem Mifiverhaltnis zu der 
bislang geubten Praxis der meisten Schiffbauer stand, deren Detailkonstruk- 
tionen nur zu haufig zeigten, daB — um seine Worte zu gebrauchen — »der 
Holzschiffbau ihnen noch an den Fingern klebte«. So wurden denn unter seiner 
Leitung all die tausend Einzelheiten des Torpedobootes bis ins kleinste »durch- 
konstruiert« und in jahrzehntelanger Ubung zu mustergultigen Typen leichte- 
ster Schiffbaudetails ausgestaltet. Nur so erklart es sich, daB Schiff und Ma- 
schine »wie aus einem GuB« erscheinen, ein harmonisches Ganzes bilden, beide 
von gleichem Geiste durchsetzt sind. Als Kunstlernatur, als vorziiglicher 
Zeichner von hervorragend malerischer und bildhauerischer Begabung reizte 
es Z. stets, auch auf anderen Gebieten, die der Schiffbautechnik ferner liegen, 



Ziese 205 

sich zu betatigen; mancher dekorative Entwurf, manches Mobelstiick in 
Scbiffskajiiten und Salons verdankt seine Entstehung Z.s formgewandter 
Hand. 

Die gesteigerten Anf orderungen an die Wirtschaf tlichkeit des Schiffsantriebes 
bedingten die Weiterentwicklung von der Verbund- zur Dreifacbexpansions- 
maschine. Nach Z.s Entwurf baute Scbicbau als Versuchsmaschine 1881 die 
erste dreikurbelige Dreifacbexpansions-Scbiffsmascbine anf dem Kontinent, 
deren Original als ein Meisterstiick deutscher Technik vor einigen Jabren dem 
Miincbener » Deutscben Museum « iiberwiesen wurde. Der Dampfer »Nierstein« 
der Dampfschiffahrtsgesellschaft »Hansa« wurde 1883 als erstes deutsches 
Schiff mit einer solchen Mascbine ausgerustet. 

So lange sicb Scbicbau auf den Bau von Torpedobooten, -jagern und Han- 
delsscbif fen mittlerer GroBe bescbrankte, reicbte die Elbinger Werft mit ibren 
beengten Wasserverhaltnissen aus; als sicb Scbicbau aber an dem Ausbau 
der deutscben Kriegs- und Handelsflotte, der Ende der acbtziger Jabre einen 
ersten starken AnstoB erbielt, beteibgen wollte, konnte es nur durcb Scbaffung 
einer neuen Werft an geeigneter Stelle gescbeben. So wurde 1890 an der Dan- 
ziger Weichsel ein Gelande von 50 ba erworben und in ktirzester Zeit eine neue 
Werft erricbtet, die Z. fur den Bau groBter Kriegs- mid Handelsscbiffe aus- 
riisten UeB. Fiir das erste Kriegsscbiff, die Kreuzerkorvette »Gefion«, wurde 
dort 1891 der Kiel gestreckt; 1894 Hefen die beiden Reicbspostdampfer »Prinz- 
regent Luitpold* und »Prinz Heinricb« vom Stapel. Bis zu Z.s Tod batte die 
Danziger Scbicbauwerft der deutschen Flotte iiber 20 Linienscbiffe und Kreuzer 
gebefert, fiir die Handelsmarine iiber 30 der groBten Passagier- mid Fracbt- 
dampfer, darunter aucb das damals groBte Scbiff des Norddeutscben Lloyd 
»Columbus« gebaut. 

Zu einer Zeit, als die Anwendung des Stablgusses im Scbiff- mid Scbiffs- 
maschinenbau nocb wenig Anklang fand, hatte Z. bereits erkannt, welcbe 
Bedeutung diesem Material fiir die Zukunft der Scbiffbautecbnik innewobnt; 
lange bevor andere sicb dazu entscblossen, verwandte er bei seinen Konstruk- 
tionen StahlguB und gliederte, um sicb von den weit entfernten StahlgieBereien 
unabhangig zu macben, seiner Elbinger Werft 1898 ein Stablwerk an, das so- 
fort fiir die Lieferung groBter GuBstiicke eingericbtet wurde und heute bei 
einer tagbcben Lieferung von 50 Tonnen die groBte StablgieBerei im deutscben 
Osten darstellt. 

So entwickelte Z. die Scbicbau- Werke zu einer Weltfirma, die miter seiner 
Leitung tausend Scbiff e gebaut und mit Mascbinen von rund 5 MilHonen PS 
ausgerustet batte. Febl- mid Riickscblage sind ibm dabei erspart geblieben; 
nacb 45jabriger Tatigkeit konnte er von sicb bebaupten, stets ins Scbwarze 
getroffen zu baben; sicbtbarer Segen rubte auf all seiner Arbeit. Es war nur 
scbeinbar, wenn er sicb Neuerungen langsamer vielleicbt als andere anschloB ; 
das »Sensationelle« reizte ibn nicbt; batte er aber einmal das Gute im Neuen 
erkannt, dann setzte er seine ganze groBe Energie und die groBen, ibm zur 
Verfiigung stebenden Mittel an die Erreicbung des neuen Zieles. So war es, 
als er 1907 den Dampfturbinenbau in groBtem Stile aufnabm und den Bau von 
Unterseebooten wabrend des Krieges begann. 

Dem bier gezeicbneten Bilde Z.s feblte jedocb ein wichtiger Zug, wollte man 
nicht aucb des Reizes seiner Personlicbkeit gedenken, die Liebenswiirdigkeit 



206 19 1 7 

erwahnen, die jeden sofort fur sich gewann, der in die Nahe dieses Mannes kam. 
Wer Gelegenheit hatte, mit Z. zu verkehren, ward von der gewinnenden Art 
bestrickt, mit der er — gegen Hoch und Niedrig stets gleich — jedem ent- 
gegentrat, von jener Form des Umgangs, die in ihrer Bescheidenheit kaum er- 
kennen lieB, mit welcher bedeutenden Personlichkeit man es zu tun hatte. 
Diese Bescheidenheit behielt er bis an sein Lebensende, trotz der hohen Aus- 
zeichnungen, die ihm von vielen Regierungen zuteil wurden, trotz der Ehrungen 
seitens der Technischen Hochschule Berlin und des Vereins deutscher Inge- 
nieure, der ihm die Grashof-Denkmunze verlieh. Er stellte den Typus des 
» gentleman « in des Wortes bester Bedeutung dar; sein AuBeres, das den ge- 
sunden Geist im gesunden Korper erraten lieB, sein Auftreten machten ihn 
bei Versammlungen zu einer hervorstehenden Erscheinung, die man nicht 
iibersehen konnte. Er selbst fuhlte sich, ganz im Sinne des groBen Konigs, als 
ersten Diener seines Reichs; Glockenschlag acht bei der Arbeit, nach dem 
letzten seiner Beamten von der Arbeit gehend, so kannten ihn die Seinen, die 
zu ihm nicht in einem bloBen Verhaltnis der Untergebenen zum Herrn standen, 
die vielmehr durch sein freundliches Wesen, durch die fast kollegiale Art seines 
Umganges an ihn gefesselt wurden. 

Es muB aber auch noch besonders des innigen Verhaltnisses gedacht werden, 
das ihn bis zum Tode mit seinem Bruder Rudolf (* 12. Juni 1850) verband, 
der, selbst ein hervorragender Ingenieur, zuerst lange Jahre in England als 
Schif f smaschinenbauer gearbeitet hatte und spater die Vertretung der Schichau- 
Werke in RuBland iibernahm. Aus dem jahrzehntelangen Zusammenarbeiten 
der Bruder ist die Anregung zu mancher Schichauschen Neukonstruktion ent- 
standen. 

Unerwartet, mitten in der Fulle von Arbeit, die der Krieg in erhohtem MaBe 
von ihm verlangte, starb Carl Z. nach kurzer Krankheit am 15. Dezember 191 7. 
Ihm folgten nacheinander in der Leitung des Werkes seine Gattin Elisabeth, 
geborene Schichau (f 2. Juli 1919), sein Schwiegersohn, Ingenieur C. Carlson 
(f 23. Oktober 1924) und seine Tochter Frau Carlson, geborene Z. (f 4. Marz, 
1927). 

Berlin-Charlottenburg. Paul Krainer. 



1918 

Bachem, Julius, Politiker und Publizist, * am 2. JUH1845 inMulheim a. Rh., 
t am 22. Januar 1918 in Koln. — B. war der Sohn eines Farb- und Kolonial- 
warenhandlers und besuchte zunachst in seiner Vaterstadt die Realschule 
I. Ordnung. Unter dem Einflusse seines Vaters entwickelte sich bei ihm ein 
starkes Interesse an der Natur, besonders der Vogel- und Insektenwelt. Noch 
in spateren Lebensjahren betatigte er sich auf diesem Gebiete als Sammler 
und Forscher. Nach der Absolvierung der Tertia der Realschule kam er an 
die Handelsschule in Rolduc in Hollandisch-Iyimburg, wo in der ehemaligen 
Augustinerabtei mehrere hohere Unterrichtsanstalten vereinigt waren. Da B. 
Lust zum akademischen Studium bekam, ging er zur Lateinschule iiber, die 
er mit gutem Erfolg besuchte. Dann trat er in die Unterprima des Huma- 
nistischen Gymnasiums in Kempen ein, das er Sommer 1864 mit dem Zeugnis 
der Reife zum Universitatsstudium verlieB. In Bonn studierte er zuerst 
neuere Sprachen und Naturwissenschaften, ging aber nach zwei Semestern 
zur Rechtswissenschaft iiber, der er sich in Berlin und Bonn widmete. Im 
Sommer 1868 wurde er nach bestandenem Examen bei dem Kolner I,and- 
gericht als Auskultator angenommen. Gleichzeitig trat er in die Redaktion der 
»K61nischen Blatter « ein, die seit dem 1. Januar 1869 den Namen »K61nische 
Volkszeitung* fiihrten. Bei seiner groflen Willensstarke gelang es B., seiner 
Dienstpflicht am Gericht und zugleich seinen ObHegenheiten als Redakteur 
zu gentigen, und bestand mit gutem Erfolge das Assessorexamen. Danach 
entschied er sich endgiiltig fiir die Journalistik. Seine Tatigkeit als Redakteur 
f iel zeitlich zusammen mit dem groBen kirchenpohtischen Konflikt (Kultur- 
kampf), der 1872 ausbrach. B. stand an der Wiege der Zentrumsfraktionen 
des Reichstags und des PreuBischen Landtags. Er erblickte seine Lebensauf- 
gabe darin, die Grundideen der Zentrumspartei und die praktische Zentrums- 
politik offentlich zu vertreten. 

Zu Beginn des Jahres 1876 trat der Bonner Privatdozent fiir Geschichte, 
Dr. Hermann Cardauns, als Hauptredakteur in die Leitung der »K61nischen 
Volkszeitung« ein. Beide Manner haben mehr als drei Jahrzehnte in eintrach- 
tiger Zusammenarbeit die Redaktion des sich stetig entwickelnden Hauptorgans 
der Rheinischen Zentrumspartei geleitet, wobei B. vorwiegend das staatsrecht- 
Uche und das sozialpolitische Gebiet behandelte. Wiederholt verdichtete sich 
seine publizistische Tatigkeit zu konkreten Gesetzesvorschlagen, fiir die er als 
Schriftsteller und Redner unausgesetzt bemiiht war. So bei der zuerst von ihm 
planmaBig betriebenen gesetzhchen Bekampfung des »unlauteren Wett- 
bewerbs*, dem er im Sinne der franzosischen Rechtsprechung wider die Con- 



208 1918 

currence deloyale aus Artikel 1382 des Code Civil beizukommen suchte. Mehr 
und mehr setzte sich bei den Juristen und auch in Handelskreisen dieser Ge- 
danke durch, und am 27. Mai 1896 nahm der Reichstag das Gesetz gegen den 
unlauteren Wettbewerb an. Mit dem Abgeordneten Oberlandesgerichtsrat 
Roeren gab B. einen in mehreren Auflagen erschienenen Kommentar zu diesem 
Gesetze heraus. 

In ahnlicher Weise setzte B. sich in Zeitungsartikeln und inBroschiiren fur die 
Einfiihrung der sog. bedingten Verurteilung ein, durch die die schwerwiegenden 
Nachteile der kurzfristigen Freiheitsstrafen abgeschwacht werden sollten. Er 
hatte die Handhabung des einschlagigen belgischen Gesetzes an der Zucht- 
polizeikammer in Luttich studieren konnen, und wenn die bedingte Verurtei- 
lung damals im Deutschen Reiche auch nicht in der von B. beabsichtigten 
Weise eingefuhrt wurde, so kam der Grundgedanke seit 1895 in den meisten 
deutschen Bundesstaaten doch in der Weise zur Durchfuhrung, dafl die Landes- 
justizverwaltungen im Verordnungswege eine bedingte Strafaussetzung mit 
Aussicht auf StraferlaB im Gnadenwege gewahren konnten. 

Auch auf dem Gebiete der Kommunalpolitik hat B. sich eifrig betatigt, 
Kaum 30 Jahre alt wurde er 1875 in der dritten Wahlerabteilung in das Kolner 
Stadtverordnetenkollegium gewahlt. Der Kampf der Parteien wurde damals 
vor allem in der dritten Klasse gefiihrt, zumal das Wahlrecht in der Rhein- 
provinz fiir die stadtische Vertretung gesetzlich an einen um eine Stufe hoheren 
Zensus gekniipft war als in den alten Provinzen PreuBens, und da es, wie auch 
in Koln, durch Ortsstatut noch um eine weitere Stufe erhoht worden war. Erst 
1892 gelang es bei Gelegenheit der Miquelschen Steuerreform hauptsachlich 
durch die Bemuhungen B.s im PreuBischen Abgeordnetenhause, daB der Wahl- 
zensus um eine Stufe herabgesetzt wurde, wodurch allein in Koln die Zahl der 
Wahler in der dritten Klasse um rund 8000 stieg. 

Im Herbst 1876 wurde B. fiir den Wahlkreis Sieg - Miilheim a. Rh. -Wipper- 
fiirth auch in das PreuBische Abgeordnetenhaus gewahlt, dem er bis 1890 an- 
gehorte. Rasch erlangte er in der Zentrumsfraktion, aber auch bei den ubrigen 
Parteien infolge seiner Rednergabe und seiner Sachkenntnis eine angesehene 
Stellung. Ihm lag neben Windthorst, den beiden Reichensperger und Lieber 
die parlamentarische Vertretung der politischen, der kirchenpolitischen und 
der Schulfragen ob. In der Schrift »PreuBen und die katholische Kirche« schil- 
derte er das Verhaltnis dieser beiden Gewalten in seiner geschichtlichen Ent- 
wicklung. Als Parlamentarier wie als Journalist hielt B. es fiir seine vornehmste 
Pflicht, fiir die Beseitigung der Kulturkampfgesetzgebung, fiir die Freiheit der 
Religionsubung des katholischen Volksteils und fiir die verfassungsmaBige 
Gleichberechtigung desselben einzutreten. Die Erregung, die sich in katho- 
lischen Gegenden der Bevolkerung damals bemachtigt hatte, fiihrte wiederholt 
zu ZusammenstoBen mit den Organen der Staatsregierung und zu aufsehen- 
erregenden Gerichtsverhandlungen. Zweimal hatte dabei B. als Rechtsbeistand 
einen vielbesprochenen Erfolg; das erstemal 1876 bei dem ProzeB gegen 
21 Leute aus dem Dorfe Marpingen (Bez. Trier), die wegen Aufruhrs und Land- 
friedensbruchs angeklagt waren, aber bei der Gerichtsverhandlung in Saar- 
briicken auf Antrag B.s freigesprochen wurden. Das zweitemal bei dem sog. 
Rheinbrohler GlockenprozeB. In dem Orte Rheinbrohl bei Neuwied hatte der 
Biirgermeister beim Begrabnis eines zweijahrigen Kindes das Lauten der 



Bachem 



209 



Kirchenglocken angeordnet, und als die Kirchengemeinde dieser Forderung 
passiven Widerstand entgegensetzte, in Koblenz Landgendarmerie und Militar 
requiriert. B. vertrat im Landtage mit Erfolg den Satz, daB die Glocken in 
Rheinbrohl der Kirchengemeinde gehorten und daB die Bevdlkerung zu der 
schroffen MaBregel der Requirierung von Militar keinerlei AnlaJ3 gegeben habe. 
Das Oberlandesgericht in Frankfurt erkannte das alleinige Eigentum der 
Kirchengemeinde an der Kirche und dem Kirchturm an, und demgemaB wur- 
den der Zivilgemeinde die erheblichen Kosten des militarischen Eingreifens 
wieder erstattet. 

Als 1876 der hundertjahrige Geburtstag Joseph v. Gorres' gefeiert wurde, 
war B. in Koblenz mit fiinf Gesinnungsgenossen, darunter die Bonner Privat- 
dozenten Freiherr v. Hertling (s. unten V S. 418) und Hermann Cardauns, 
an der Griindung der » Gorres-Gesellschaf t zur Pflege der Wissenschaft im katho- 
lischen Deutschland« hervorragend beteiligt. Besonders enge verkniipfte ihn 
mit dieser Organisation die Bearbeitung und Herausgabe des von ihr ver- 
offentlichten »Staatslexikons«, von dem unter der Redaktion B.s vier Auflagen 
erschienen. Nach der Fertigstellung der ersten Auflage ernannte ihn die Uni- 
versitat Lowen zuin Ehrendoktor der Staatswissenschaften. In ahnlicher Weise 
war B. auch fur den Ausbau des 1878 gegrundeten Augustinus-Vereins zur Pflege 
der katholischen Presse bemiiht, bei dessen Generalversammlungen er meist 
die politischen Refer ate erstattete. 

In der Mitte der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts verbreitete sich 
von Frankreich und Italien her auch in Deutschland ein von den sog. franzo- 
sischen »Fumisten« ausgehender Schwindel, dessen Urheber, vor allem der 
franzosische Schriftsteller und ehemalige Freimaurer Leo Taxil, auf Grund 
willkurlicher Erfindungen und Enthiillungen in Biichern und Zeitungen die 
Freimaurerei als im Bunde mit dem Teufel stehend hinstellten. Auf dem im 
September 1896 in Trient stattfindenden Internationalen Antifreimaurer- 
kongreB sollten diese sensationellen Enthiillungen als Beweismaterial fiir kirch- 
liche MaBnahmen gegen die Freimaurerei verwertet werden. In dieser hoch- 
kritischen Situation gelang es B. auf Grund seiner personlichen Beziehungen zu 
einem dieser f ranzosischen Schriftsteller die ganze groBangelegte Mystif ikation 
aufzudecken und ihre Hintermanner in mehreren Artikeln der Presse zu ent- 
larven. Dadurch hat er sich urn die Bewahrung des deutschen Katholizismus 
vor der ihm zugedachten Blamage ein groBes Verdienst erworben. 

B. wollte nach seinen offentlichen Versicherungen nichts anderes sein, als 
Zentrumspublizist und Zentrumspolitiker schlechthin, so wie er in der Schule 
Windthorsts es gelernt hatte. Trotzdem konnte er nicht verhindern, daB er von 
sog. integralen Schwarmgeistern als Vertreter einer einseitigen Richtung, der 
Richtung Bachem oder auch der Koln - M. - Gladbacher Richtung bezeichnet 
und heftig angefeindet wurde. Diese kritische Einstellung gegenuber der von 
B. vertretenen Kulturpolitik war hervorgerufen durch einen Artikel, den B. 
1906 unter dem Titel »Wir miissen aus dem Turm heraus! « in den »Munchener 
Historisch-Politischen Blattern« (Bd. 137, S. 376 ff.) veroffentlicht hatte, und 
der lange Zeit hindurch in der Presse aller Parteien ein groBes Aufsehen erregte 
und vielfach angefochten wurde. Dadurch wurde der jahrelang wahrende Streit 
um den Charakter der Zentrumspartei bewirkt, der in der 1910 erschienenen 
anonymen Streitschrift »K61n — eine innere Gefahr fiir den Katholizismus « 

DBJ 14 



210 1918 

gipfelte. Was B. mit jenem Artikel beabsichtigte, hat er in seiner Schrift »Lose 
Blatter aus meinem Leben« erlautert. Danach wollte er die starke Verteidi- 
gungsstellung des Zentrums nicht preisgeben, aber anderseits die Zentrums- 
partei auch nicht als eine ausschlieBlich konfessionelle Partei kennzeichnen, 
sondern er betonte ausdriicklich, daB das Zentrum nach der Absicht seiner 
Griinder, nach seinem Programm und nach seiner Geschichte eine politische 
nichtkonfessionelle Partei sei, der auch jeder Nichtkatholik, der dessen Pro- 
gramm annehme, beitreten konne und dem auch bis in die neueste Zeit hinein 
hervorragende Mitglieder des protestantischen Bekenntnisses arigehort hatten. 
Mit dieser Forderung B.s war also nicht gemeint, das Zentrum solle sein bisher 
vertretenes Programm aufgeben und sich in eine rein wirtschaftliche Partei 
umwandeln, wie die Richtungsgegner B.s dies unterstellten. Die in dem Turm- 
artikel erorterten Gesichtspunkte des Verfassers haben sich, nachdem die Mi£- 
verstandnisse und falschen Auffassungen beseitigt waren, allmahlich auf der 
ganzen Linie durchgesetzt. 

B. besaB einen ungemein klar denkenden Verstand, eine rasche Auffassung 
und eine schier unbeugsame Willenskraft. Seine geistige Starke lag auf poli- 
tischem Gebiete, wo ihn auBer einem rastlosen FleiB ein geradezu divinato- 
rischer Scharfblick auszeichnete, der ihn kommende politische Situationen 
sicher vorhersehen und genau berechnen lieB. Er war eine ausgesprochene 
Kampfer- und Fiihrernatur und besafi eine hinreiBende und schlagfertige Be- 
redsamkeit. Er war eifrig um den wirtschaftlichen, sozialen und wissenschaft- 
lichen Auf stieg des katholischen Volksteiles bemiiht und hat diesen durch seine 
46jahrige journalistische Tatigkeit aus alien Kraften zu befordern gesucht, aber 
er hat sich doch anderseits auch stets fur den paritatischen Rechtsstaat und 
fiir die biirgerliche Toleranz in Deutschland eingesetzt und bewuBt die gemein- 
samen Giiter aller Konfessionen gepflegt. 

Literatur: Bachem (und W ein and) : Vor den Wahlen. Mahnruf an das christlich- 
konservative Deutschland, 1871. — B. (und Semmerau) : Lamy, ein Opfer der Geheim- 
biinde. Auszug aus Brescimis Jude von Verona, 1873. — Das Zentrum im Landtag und 
im Reichstag, 1874. — Ein Kapitel uber die Polizei, 1876. — Strafrechtspflege und 
Politik, 1876. — Gesetz und Recht, 1876, 2. Auflage 1877. — Preuflen und die katholische 
Kirche, 1884, 5. Auflage 1887. — Der unlautere Wettbewerb, 1892. — Wie ist dem un- 
lauteren Wettbewerb zu begegnen ? 1893. — Bedingte Verurteilung, 1894. — Bedingte 
Verurteilung oder bedingte Begnadigung, 1896. — B. (und Roeren) : Das Gesetz zur Be- 
kampfung des unlauteren Wettbewerbs, 1896, 3. Auflage 1900. — B. (und W. Hankamer) : 
Die Paritat in PreuBen, 1897, 2 - Auflage 1899. — Allerlei Gedanken iiber Journalistik, 1905. 
— Lose Blatter aus meinem Leben, 1910. — Erinnerungen eines Politikers, 191 2. — Das 
Zentrum, 191 3. — Der Krieg und die politischen Parteien, o. J. — Der Krieg und das 
Papsttum, o. J . — Der Krieg und die Polen, o. J . — Hsg. J ahrhundertf eier zur Vereinigung 
der Rheinlande mit PreuBen, 1915. — Staatslexikon der Gorres-Gesellschaft, 1900 ff. — 
Hermann Cardauns, Aus dem Leben eines Redakteurs, 191 2. 

Koln. Karl Hoeber. 

Ballin, Albert, Generaldirektor der Hamburg-Amerika-Linie, * 15. August 
1857 in Hamburg, f 9. November 1918 in Hamburg. — Albert B. wurde in 
Hamburg unten im Hafenviertel, in dem heute nicht mehr bestehenden alt- 
hamburger Hause Stubbenhuk 17 als dreizehntes Kind seines Vaters geboren. 
Der Vater, Samuel Joel B., aus dem kleinen Hafenort Horsens an der Ostkiiste 
Siid-Jiitlands stammend, war 1832 als Handwerker in Hamburg eingewandert, 



Bachem. Ballin 211 

hatte es rasch mit einer Dekatier- und Farbereiwerkstatt, die schlieBlich zur 
Fabrik angewachsen war, zu kleinem Wohlstand gebracht, der freilich nach 
dem groBen Brand von Hamburg 1842 infolge der Insolvenz groBer Hamburger 
Firmen wieder zusammenbrach. 1852, also funf Jahre vor Alberts Geburt, er- 
richtete der Vater mit einem Sozius eine Auswandereragentur,.die sich bis zu 
seinem Tode (1874) miihselig durchschlug und keine besondere Bedeutung er- 
langen konnte. In diesem Milieu wuchs Albert B., nahe dem Zentrum des Ham- 
burger Hafenverkehrs und tagtaglich hingewiesen auf den groBen, namentlich 
nach der Revolution von 1848 mehr und mehr anschwellenden Auswanderer- 
verkehr iiber Hamburg, mit hellsichtigen Augen auf. Als der Vater, siebzigjahrig, 
gestorben war, muBte er, noch unmiindig, sehr bald die Fiihrung der Firma, die 
nominell der Mutter gehorte, ubernehmen. Seine Schuljahre hatten ihm auf 
verschiedenen Lehranstalten das iibliche Bildungsgut vermittelt. Ein glanzen- 
der Schuler ist er niemals gewesen. Die wertvollste Ausbildung brachte ihm in 
den nachsten Jahren das Leben selbst, zumal er nun einen eisernen FleiB, eine 
ungewdhnliche Auffassungsgabe und einen ganz seltenen Blick fur geschaft- 
liche Moglichkeiten entwickelte. Die kleine Auswandereragentur verstand er 
als » junger Mann « sehr bald zu groBerer Bedeutung zu bringen, so daB er bereits 
1880 mit seiner Firma einen erheblichen Teil des indirekten Auswanderer- 
verkehrs iiber Hamburg, d. h. den Transport von Auswanderern iiber englische 
Hafen beherrschte. Reisen nach England brachten ihm Beziehungen aller Art, 
verschafften ihm Einblick in die treibenden Krafte des Schiffahrtsgeschaftes 
und in die damals namentlich in England aufstrebenden GroBreedereien. 

Die Entwicklung der deutschen Reedereien war bis dahin keine besonders 
gluckliche gewesen. Zwar hatte der Norddeutsche I,loyd in Bremen (gegriindet 
1857) einen erheblichen Teil des Auswandererverkehrs iiber deutsche Hafen an 
sich ziehen konnen, ebenso wie die Hamburg-Amerikanische Paketfahrt A.-G. 
(Hapag, gegriindet 1847) mit wechselndem Gliick ihre Beziehungen im Per- 
sonen- und Frachtverkehr nach Amerika und Westindien ausgestaltet hatte. 
Anfang der achtziger Jahre aber, zu einer Zeit, in der Bremen in seinen Be- 
forderungszahlen einen starken Vorsprung vor Hamburg erzielt hatte, waren 
die inneren Verhaltnisse der Hapag iiberaus unsicher und schwankend. Es lag 
wie eine Lahmung iiber dem Unternehmen. Der Reeder Edward Carr, vorher 
Mitinhaber der bekannten Firma Rob. M. Sloman jr. stellte der wenig unter- 
nehmungslustigen Hapag eine Auswandererlinie nach Neuyork entgegen und 
sicherte sich die Mitarbeit der B.schen Agentur mit dem Erfolg, daB die Hapag 
trotz ihrer iiberragenden GroBe schlieBlich dazu iibergehen muBte, sich mit 
dieser tatkraftigen jungen Konkurrenz zu verstandigen. Die Carrschen Inter- 
essen wurden mit der Hapag vereint, und B. trat, 20jahrig, 1886 als Passage- 
leiter in den Dienst der groBten Hamburger Reederei. Zwei Jahre spater wurde 
er Mitglied des Direktoriums und abermals einige Jahre spater Vorsitzender 
des Direktoriums des sich nunmehr » Hamburg- Amerika -L,inie« nennenden 
GroBbetriebes. 

War schon der personliche Aufstieg dieses Mannes, den weder uberkommenes 
Vermogen noch glanzende Verbindungen oder Familientradition zur Ver- 
fiigung standen, ein namentlich in der alten patrizischen Hansestadt durchaus 
ungewohnlicher Vorgang, so war die Iyeistung, die nun folgte, etwas Erstaun- 
liches. 



212 1918 

Zunachst organisierte B. den Passagedienst der vergroBerten Gesellschaft 
sowohl in Hamburg als auch in Neuyork neu, schuf die ersten Grundlagen 
einer reprasentativen Propaganda, die bekanntlich heute ein iiberaus wichtiges 
Element der iiberseeischen Personenschiffahrt darstellt, und trieb die Gesell- 
schaft dazu an, den Schnelldampfertyp, mit dem der Norddeutsche Lloyd in 
den letzten Jahren vor 1886 grofle Erfolge erzielt hatte, aufzunehmen und fort- 
zubilden. Der erste grofle Schritt der Hapag war der Bau eines Doppelschrauben- 
Schnelldampfers, der den Einschrauben-Schnelldampfern des Norddeutschen 
Lloyd die Spitze bieten sollte. Damit gewann die Hamburg- Amerika-Linie un- 
geahnte Entwicklungsmoglichkeiten. Sie konnte ihre Schiffe wesentlich ver- 
groBern und wegen der beiden nebeneinanderliegenden Maschinen verbreitern, 
ohne daB darunter das Ziel groBerer Schnelligkeit litt. Der Norddeutsche Lloyd, 
der sich zunachst nicht zum Bau von Doppelschraubenschiffen entschlieBen 
konnte, muflte bald empfinden, daB ihm ein scharfer Wettbewerber in Ham- 
burg entstanden war. In den ersten zehn Jahren der B.schen Wirksamkeit in 
der Hamburg- Amerika-Linie muBte sich der Norddeutsche Lloyd trotz eigener 
vortrefflicher Entwicklung, sowohl was Tonnage, beforderte Passagiere, wie 
Auswandererzahl angeht, iiberfliigeln lassen. Das Kennzeichen der B.schen 
Wirksamkeit innerhalb seiner Reederei war die f achliche Universalitat. Obwohl 
er in seinen Lehr jahren mit dem Frachtgeschaft kaum etwas zu tun hatte, 
wirkte er bald anfeuernd auch auf die Frachtlinien der Hamburg-Amerika- 
Linie ein. Die Ausbildung des Borddienstes stand nicht nur unter seiner Auf- 
sicht, sondern blieb bis zuletzt bis ins einzelne seinem EinfluB unterworfen. In 
technischer Beziehung stellte er seine Mitarbeiter immer erneut vor neue und 
groflere Aufgaben. Auf finanziellem Gebiet verstand er es, der Gesellschaft, 
deren Aktien vorher zeitweise stark angeboten waren, neues Vertrauen nicnt 
nur in den hamburgischen Wirtschaftskreisen, sondern im ganzen Reiche zu 
verschaffen. Die in finanzieller Beziehung durchaus vorsichtige, aber auch 
wagemutige Fiihrung der Gesamtentwicklung ermoglichte immer neue Kapital- 
erhohungen und schuf damit erst die Grundlage zu neuen technischen Fort- 
schritten. Nicht zuletzt war es B. zu danken, daB der Hamburger Staat in weit 
groflerem Umfange als f riiher seine Fiirsorge der Vertiefung und dem Ausbau 
der Unterelbe zuwendete (s. Bubendey, unten S. 359), so daB die von der Ham- 
burg- Amerika-Linie in raschem Tempo geschaffenen, immer grofler werden- 
den Schiffsgefafle fast ausnahmslos bis in den Hamburger Hafen gelangen 
konnten. Die geniale Beweglichkeit seines Geistes und die vorausschauende 
Feinfuhligkeit, mit der er den Wiinschen des zu Seereisen geneigten Publikums 
zuvorkam, fiihrten in der Ausgestaltung der transatlantischen nordamerika- 
nischen Fahrten zu einer iiberaus sinnvollen jeweiligen Verlegung des Schwer- 
gewichts im Charakter der neu geschaffenen Schiffstypen, indem wechselweise 
im Abstand von mehreren Jahren das eine Mai mehr der gesteigerten Schnellig- 
keit, das andere Mai der Bequemlichkeit und hervorragenden Raumgestaltung 
an Bord die groflere Bedeutung zugemessen wurde. Daneben verstand B. fur 
die europaische Auswanderung nach Nordamerika vorbildliche neue Grund- 
lagen zu schaffen. Die Organisation des Auswandererdienstes schon an der 
russisch-polnischen Grenze, die Unterbringung der Auswanderer bis zur Ab- 
fahrt des Schiffes im Hamburger Hafen in einer eigens hierzu geschaffenen 
Auswandererhallenanlage, die einer ganzen Stadt gleicht, und die gesundheit- 



Ballin 213 

liche Sicherung der immer mehr wachsenden Anzahl von Menschen (letzteres 
namentlich nach dem katastrophalen Cholera jahr von 1892) wurde so geradezu 
zur Voraussetzung des glatten Ablaufs jenes Auswandererstromes, dessen 
Hunderttausende alljahrlich iiber europaische, meist deutsche Hafen eine neue 
Lebensgrundlage jenseits des Ozeans such ten. — Als B. in die Hapag eintrat, 
lieB diese ihre Schiffe lediglich nach Nordamerika und Westindien laufen. In 
der Folgezeit steigerten sich die Leistungen der Gesellschaft, indem immer 
neue Gebiete der Welt in den Verkehr einbezogen wurden. Mit Ausnahme der 
australischen Hafen gab es vor Ausbruch des Weltkrieges kaum irgendeinen 
groBeren Hafen an den Kiisten dieser Erde, in dem nicht die Flagge der Hapag 
regelmaBig gezeigt worden ware. Die geradezu meisterhafte Propaganda, die 
unter dem EinfluB B.s sowohl in kunstlerischer wie in literarischer Beziehung 
ausgebaut wurde, fand Unterstiitzung in der Angliederung kleinerer Unter- 
nehmen, die fur das Urteil des Publikums erhebliche Bedeutung hatten: die 
Ausgestaltung des deutschen Nordseebaderdienstes und der Reisebureaus. Es 
soil nicht behauptet werden, daB alle Einzelheiten dieser Entwicklung das per- 
sonliche Verdienst oder die ureigenste Idee Albert B.s gewesen seien. Er war viel 
zu objektiv, um nicht das Gute daher zu nehmen, wo er es fand. Wohl aber war 
er oft derjenige, der den ersten AnstoB gab, und der nicht ruhte, bis eine Neue- 
rung in der feinsten Form durchgefuhrt wurde. So war der Gedanke der Nord- 
land- und Mittelmeerfahrten mit denjenigen groBen Passagierdampfern, die in 
der stilleren Zeit im transatlantischen Verkehr nicht benotigt wurden, eine 
seiner originellen, fruchttragenden Ideen. 

Wenn der alte Satz, daB die Flagge dem Handel vorausgeht, als richtig anzu- 
erkennen ist, dann hat Albert B. fur die Ausgestaltung der deutschen Ubersee- 
wirtschaft, fur die Entwicklung des AuBenhandels und gleichzeitig auch der 
deutschen Industrie eine Riesenleistung vollbracht. Der Auftrieb seiner Tatig- 
keit und seines Unternehmens riB naturgemaB andere Unternehmungen gleicher 
Art zu groBen Leistungen mit. Er hat niemals der Meinung gehuldigt, daB, 
nachdem die Hamburg- Amerika-Linie zur groBten deutschen Reederei ge- 
worden war, ihr etwa eine Art Monopol oder Vorzugsstellung verschafft werden 
konnte. Trotz seiner guten Beziehungen zur deutschen Regierung und der 
Freundschaft, die ihn etwa von der Jahrhundertwende ab mit dem deutschen 
Kaiser verband, hat er niemals versucht, seiner Reederei Subventionen der 
Regierung, wie sie in anderen Landern ublich waren, zuzufuhren ; im Gegen- 
teil, er war ein scharfer Gegner dieser Art von Schiffahrtspolitik. 

Dem schrankenlosen Wettbewerb, der insbesondere der Schiffahrt eigen sein 
kann, begegnete er mit dem Aufbau einer der glanzendsten internationalen 
Organisationen, die die neuere Wirtschaftsgeschichte kennt. Es ist bezeichnend, 
daB er bereits als 2oJahriger junger Mann beim Eintritt in die Hapag den Plan 
zu einem internationalen Schiffahrtspool mitbrachte. Neben der iiberaus viel- 
seitigen Tatigkeit des ersten Jahrzehnts innerhalb der Hapag war die Durch- 
arbeitung dieser Idee und der allmahliche unter seinem maBgeblichen EinfluB 
zustande kommende Aufbau des transatlantischen Passagepools, dem sehr bald 
ahnliche Organisationen auf alien Schiffahrtsgebieten folgten, einer der wich- 
tigsten Leistungen. Die Eigenart dieser groBen Kartelle, denen sehr bald alle 
Schiffahrtsunternehmungen angehorten, lag darin, daB zwar die Preise und die 
Linienorganisation auf einer sinnreich durchdachten Vereinbarung beruhten, 



214 1918 

daB aber gleichzeitig den einzelnen Unternehmungen hinsichtlich der quali- 
tativen Ausgestaltung ihres Dienstes und der technischen Verbesserung ihrer 
Schiffe keinerlei Schranken gezogen waren. So wurde B. selir bald als aner- 
kannter Fiihrer dieser Organisation zu einer wirtschafts-politisch bedeutenden 
Personlichkeit, deren EinfluB auch auBerhalb der Grenzen groB zu nennen war. 

Es nimmt daher nicht wunder, daB ihm ganz von selbst auch ein erheblicher 
politischer EinfluB zuwuchs, der keineswegs nur auf seiner Freundschaft zum 
deutschen Kaiser beruhte. Seine Beziehungen zu den Wirtschafts- und Finanz- 
fuhrern der groBen Weltmachte, denen der gewaltige wirtschaftliche Erfolg 
seiner Reederei hohe Achtung abgerungen hatte, fiihrten ganz von selbst dazu, 
auch in den groBen Fragen der AuBenpolitik eine nicht unwesentliche Stellung 
zu finden. Er hat freilich niemals eine amtliche Tatigkeit auf diesen Gebieten 
erstrebt oder ubernommen. AuBere Ehrungen, die ihm zahlreich angeboten 
wurden, hat er gering geschatzt, und so we it es sich um Titel handelte, charakter- 
voll abgelehnt. Den Gipfel seiner Laufbahn erklomm er in den letzten Jahren 
vor dem Weltkriege, indem er unter der besonderen Aufmerksamkeit des 
Kaisers den groBen Wurf der drei Imperatorenschiff e wagte : Drei Turbinen- 
schnelldampfer von ungeheuren AusmaBen mit drei Schrauben, zwischen 
52 000 und 60000 Bruttoregistertonnen mit einer bis dahin noch nicht gekannten 
Schnelligkeit versehen, mit Bordraumen von bisher ungekannter Pracht: ein 
dreifaches Werk, dessen Vollendung der Weltkrieg verhinderte. Dampfer 
»Imperator<( war 1913, Dampfer »Vaterland« 1914 in Dienst genommen, wah- 
rend Dampfer » Bismarck « erst wahrend des Krieges langsam fertiggestellt 
werden konnte. 

Damit begann der tragische Zusammenbruch einer seltenen menschlichen 
Laufbahn und Leistung. Der Krieg zerstorte die Organisation der deutschen 
Reedereien mit einem Schlage. Der Frieden von Versailles nahm der Hamburg- 
Amerika-Linie den verhaltnismaBig groBen Teil der Schiffe, die ihr trotz Ver- 
senkung und Wegnahme verblieben waren, vollends fort. B. hat diesen letzten 
und schwersten Schlag nicht mehr erlebt. Aber sein Geist hatte dieses vor- 
laufige Ende seines Lebenswerkes vorausgefuhlt. — Wahrend des Krieges 
stellte er seine Kraft fur die Beratung in groBen wirtschaftlichen Fragen und 
fur politisch-diplomatische Verhandlungen soweit moglich zur Verfugung. Sein 
Urteil iiber die politische Fuhrung des deutschen Volkes wahrend des Krieges 
war im ganzen, wenn auch unter Schwankungen, die seinem sanguinischen 
Charakter entsprachen, absprechend. Er begann aus seiner Auslandskenntnis 
heraus bereits friih daran zu zweifeln, daB es Deutschland moglich sein wiirde, 
einer ganzen Welt zu widerstehen. Er warnte vor der Einleitung des unbe- 
schrankten U-Bootkrieges und lieB sich schlieBlich durch die Urteile der Marine- 
politiker bestimmen, seinen Widerspruch aufzugeben. Der Eintritt Amerikas 
in den Krieg nahm ihm aber fast alle Hoffnungen auf einen giinstigen Ausgang, 
und der Gedanke, daB er im Schatten der durch den Krieg hervorgerufenen 
Hetze gegen Deutschland genotigt sein konnte, eines Tages aus den Triimmern 
seines Unternehmens wieder eine neue Reederei aufzubauen, hat ihn in seinen 
Nerven auf das schwerste erschtittert. Im Herbst 19 18 wandten sich maB- 
gebende Kreise, unter ihnen Hugo Stinnes, an Albert B., seinen EinfluB bei 
Wilhelm II. im Sinne einer Liquidierung des Krieges einzusetzen. Ende Oktober 
legte man ihm nahe, die Waffenstillstandsverhandlungen zu fiihren. Er war 



Ballin. Baeyer 215 

bereit. Als der Zusammenbruch da war und die Erregung der Revolution jede 
Arbeit vollends zum Stillstand brachte, schlug das Schicksal auch iiber dem 
Haupte Albert B.s zusammen. An dem schicksalsschweren 9. November 1918 
schied er aus dem Leben. 

Literatur: Huldermann, Albert Ballin, 1920, 2. Auflage 1922; P. F. Stubmann, 
Albert Ballin, 1926. 
Hamburg. Peter Franz Stubmann. 

Baeyer, Johann Friedrich Wilhelm Adolf v., Dr. phil., o. Professor der Chemie 
an der Universitat Miinchen, Geh. Rat; * am 31. Oktober 1835 m Berlin, 
•f am 20. August 1918 *) in Miinchen. — Adolf B. wurde als Sohn des Hauptmanns 
im Generalstab und nachmaligen Generalleutnants Johann Jakob B. und dessen 
Frau Eugenie, geb. Hitzig, geboren. Das Milieu, in welchem Adolf B. seine 
Jugend verlebte, ware eigentlich viel mehr dazu geeignet gewesen, den Knaben 
einem schongeistigen Beruf zuzufiihren als der Naturwissenschaft. Denn sein 
Geburtshaus bewohnten auBer den Eltern auch die GroBeltern Hitzig und sein 
Onkel Franz Kugler (s. DBJ. 1914 — 16, S. 27), ein namhafter Kulturhistoriker, 
und in deren Kreise hatten einst Chamisso und E. Th. A. Hoffmann verkehrt 
imd verkehrten in Adolf B.s Jugendjahren noch Geibel, Paul Heyse (s. DBJ. 
1914 — 16, S. 26ff.) ( Fontane und andere Dichter alsFreunde und haufigeGaste. 
Gleichwohl wiesen angeborene Neigmig und Anregungen, welche der Junge 
auf Reisen mit seinem Vater empfing, ihn den Weg zur Naturwissenschaft. 

Obwohl die von ihm besuchte Schule, das Friedrich- Wilhelm-Gymnasium 
in Berlin, ihm anfanglich keinerlei Anregung in naturwissenschaftlicher oder 
mathematischer Richtung bot, oblag der junge B., geleitet von Stockhardts 
beriihmtem Buch » Schule der Chemie «, im Elternhaus mit Eifer chemischen 
Studien, deren Auswertimg in Experimenten nicht immer den Beifall der 
Hausinsassen fand. Vom 13. Lebensjahr ab gewannen die besonderen Inter- 
essen des Jimgen auch durch die Schule Forderung, da nunmehr K. Schellbach 
dort ausgezeichneten Unterricht in Mathematik und Physik erteilte. Die Wir- 
kimg von Schellbachs Unterricht war nachhaltig, denn als B. 1853 das Gym- 
nasium absolviert hatte, begann er an der Universitat das Studium der Mathe- 
matik und Physik ; der Physiker Magnus und der Mathematiker Dirichlet waren 
ihm dabei ausgezeichnete Lehrer. Nach dem dritten Studiensemester wurden 
Adolf B.s Studien durch Abdienen des Militardienstjahres unterbrochen. In 
dieserZeit vollzog sich in dem jimgen Mann ein entscheidender Wandel : alle 
bisherigen Neigtmgen traten von nun an hinter denen zur Chemie zuriick. In 
Berlin war damals ein fruchtbares Chemiestudium nicht moglich, weil der 
Universitat ein chemisches Laboratorium fehlte. Deshalb trat B. in das be- 
riihmte Laboratorium Robert Bunsens in Heidelberg ein. 

Die Kenntnisse und Fertigkeiten, die der junge Chemiebeflissene einer 
friihen hauslichen Beschaftigung mit Chemie zu danken hatte, kamen dem 
Studenten B. nun vorziiglich zustatten; denn schon nach Ablauf eines ein- 
zigen Semesters in Heidelberg wurden seine analytischen Fahigkeiten als hin- 
reichend anerkannt, und da in jener Zeit eine anorganisch- oder organisch- 
praparative Schulung noch nicht tiblich war, durfte B. nun sogleich seine erste 
wissenschaftliche Arbeit beginnen. Das Thema dazu stellte Bunsen; es handelte 
sich urn Feststellung des Einflusses von L,icht auf die Reaktionsgeschwindigkeit 

•) 1917 (nicht 19 18) : durch Versehen des Verfassers irrtiimlich an dieserStelle eingereiht. 



2l6 1918 

zwischen Weinsaure und Brom. »Mein Anteil an der Arbeit war naturlich nur 
ein rein mechanischer, und die veroffentlichte Notiz gab nur die von Bunsen 
mir mitgeteilten Gedanken wieder«, so aufierte sich B. selbst iiber seine erste 
wissenschaftliche Produktion. 

Vielleicht noch wertvoller als der EinfluB Bunsens waren die Anregungen 
alterer Praktikanten, die znsammen mit B. den Unterricht des Meisters ge- 
nossen. Roscoe, Lothar Meyer, Pebal, Schischkoff, Lieben, Beilstein, Frapolli, 
Pavesi, Filipuzzi u. a. bildeten fur B. den anregendsten Umgang. Besonders 
wichtig aber wurde fur ihn sein Bekanntwerden mit August Kekule, der sich 
gerade in Heidelberg als Privatdozent habilitiert hatte und ein eigenes Labo- 
ratorium einrichtete. B. wurde sein erster Praktikant und griff nun eine schon 
im Bunsenschen Laboratorium, allerdings erfolglos, von ihm begonnene Arbeit 
iiber Kakodylderivate wieder auf, diesmal mit dem Resultat, daB er die 
Niederschrift der Ergebnisse 1858 in Berlin als Dissertation einreichen und die 
Doktorwiirde erlangen konnte. 

Wenn auch die Neigungen Kekules zu wissenschaftlichen Spekulationen von 
denen auf die chemischen Individuen selbst gerichteten B.s stark differierten, 
so war Kekules EinfluB auf den jungen Forscher doch zweifellos groB. Als 
Kekule* kurz nach B.s Promotion seine Arbeitsstatte nach Gent verlegte, folgte 
ihm der junge Doktor dorthin nach. Es folgte die Zeit, in welcher B. seine 
klassischen Arbeiten iiber Verbindungen der Harnsauregruppe begann. 

Im Fruhjahr i860 kehrte B. nach Berlin zuriick und habilitierte sich hier als 
Privatdozent. Da in jener Zeit die Universitat einem Chemiedozenten nur Ge- 
legenheit zu Vorlesungen, nicht aber zu Experimentalarbeiten bot, nahm B. 
als Hauptberuf eine Lehrstelle am »Gewerbeinstitut« an, wo ihm durch das 
Wohlwollen des Direktors Nottebohm ein geraumiges Laboratorium zur Ver- 
fiigung gestellt wurde. 

Zwolf sehr fruchtbare Jahre verbrachte B. in dieser Stellung. Es war die 
Zeit, in welcher er seinen Untersuchungen iiber Harnsaure feste Basis gab, in 
welcher ferner die bewundernswerten Arbeiten iiber Indigo begonnen und 
(1870) durch eine erste Synthese dieses wichtigsten aller technischen Farb- 
stoffe gekront wurden. Arbeiten iiber die Natur des Benzols, die Konden- 
sationen von Phthalsaure mit Phenolen und vieles andere Bedeutende datiert 
aus jener Zeit. 

Eine ganz besondere Fahigkeit B.s, wie sie im gleichen Grade niemals ein 
anderer Chemiker besaB, tat sich bereits in jener Entwicklungsperiode kund: 
eine unvergleichliche Lehrbegabung, das Vermogen, dem Lernenden in gleichem 
MaBe Begeisterung zur Forschung, weiten Blick fiir das Bedeutungsvolle und 
streng kritischen Sinn einzupflanzen. Wenn aus B.s Schule in jenem beschei- 
denen Laboratorium Manner wie Berend, Grabe, Liebermann und Viktor 
Meyer hervorgegangen sind, so war dies gewiB kein Zufall, sondern ein hohes 
Verdienst B.s, das der Meister auch an seinen spateren Wirkungsstatten bis 
ins hohe Alter immer erneuerte. 

Wenn die Tatigkeit am Berliner Gewerbeinstitut somit reich an Erfolgen 
war, so lieBen ein kargliches Gehalt und die Knappheit der Arbeitsmittel B. 
doch eine Veranderung seiner Position sehr wiinschenswert erscheinen, um so 
mehr, als er nicht mehr fiir sich allein zu sorgen hatte. 1868 hatte er namlich 
eine Tochter des Geheimrats Bendemann als Gattin heimgefuhrt. 



Baeyer 217 

So mag B. es mit Freuden begriifit haben, als 1872 seine erfolgreiche Tatig- 
keit in einer Berufung auf das Ordinariat fiir Chemie in Strafiburg Anerkennung 
fand. Er folgte dem Ruf, wenn die damit verbundenen Veranderungen auch 
ihre starke Schattenseite hatten. In Strafiburg bestand namlich kein chernisches 
Universitatslaboratorium, und es war B.s erste Aufgabe daselbst, im Garten 
des pharmazeutischen Instituts ein provisorisches Laboratorium zu erbauen. 
Dazu hemmte Anfangerunterricht, den B. in ausgedehntem Mafie zu erteilen 
hatte, in unerwiinschter Weise die Forschungsarbeit. Es ist einzigartig, in 
welcher glanzenden Weise trotzdem B. auch in Strafiburg Schule machte. 
In der Reihe derer, die bei dem Lehrer Anregung und Belehrung suchten und 
fanden, finden wir Emil Fischer, Julius Weiler, Guido Goldschmidt, Julijan 
Grabowski, E. Hepp, Hemilian, Edmund ter Meer, C. Schraube, F. Fuchs, 
Ad. Kopp, N. Gerber, Zeidler, R. Schiff u. a. m., eine Reihe glanzender Namen f 

Hatte B.s Wir ken bis dahin nicht immer den Dank der Regierung in dem 
Mafie, wie B. hatte erwarten konnen, gefunden, so war es fiir ihn eine urn so 
bedeutungsvollere Wendung, als nach dem Tode Justus Liebigs (1875) von 
Miinchen aus die Einladung an ihn erging, Nachfolger des beruhmtesten Che- 
mikers jener Epoche zu werden. B. nahm diese ehrenvolle Berufung urn so lieber 
an, als die Regierung in Berlin keinen Versuch machte, ihn in seiner Strafi- 
burger Professur zu halten. 

Einst hatte Liebig dadurch umwalzend auf den chemischen Unterricht ge- 
wirkt, dafi er in Giefien das erste deutsche Unterrichtslaboratorium einrichtete. 
Spater (1852), als er nach Miinchen zog, waren seine Neigungen zum praktischen 
Unterricht aber so vollig erschopft, dafi er zur Bedingung stellte, vom Labora- 
toriumsunterricht vollig befreit zu sein. So kam es, dafi B. auch in Miinchen 
einen Laboratoriumsneubau zu errichten hatte. Sein praktischer Sinn bewahrte 
sich dabei aufs allerbeste, denn wenn seit etwa einem Jahrzehnt das von B. 
geschaffene Miinchener Institut auch wesentlich erweitert und in seinen Ein- 
richtungen verbessert worden ist, so hat sich B.s Schopfung doch durch f iinf 
Jahrzehnte aufs beste bewahrt. 

Die 40 Jahre, wahrend welcher B. in Miinchen seine Forscher- und Lehr- 
tatigkeit ausiibte, waren mit einer Fulle von wissenschaftlichen Erfolgen ge- 
segnet. Die Chemie des Indigo fand ihre Vervollstandigung in der Synthese 
des Isatin (1878) und zwei neuen Indigosynthesen (aus Nitrophenylpropiol- 
saure [1880] und aus O-Nitrobenzaldehyd [1882]). Zu nennen ist weiter die 
grofie Reihe von grundlegenden Arbeiten, die von der Chemie der Azetylene 
zur sogenannten »Spannungstheorie«, von hydrierten aromatischen Verbin- 
dungen zu B.s Benzolformel fiihrte. Nennen wir noch die Arbeiten iiber Per- 
oxyde und Persauren, iiber die Farbstoffe der Triphenylmethanreihe, die 
Untersuchungen iiber die basischen Eigenschaften des Sauerstoffs, so ist da- 
mit nur das Allerwichtigste zitiert. Ein glanzender Kreis von Schiilern umgab — 
wie in Berlin und Strafiburg — auch in Miinchen den Meister. Unter den 
vielen aus der Miinchener Schule, die in der akademischen Laufbahn sich be- 
deutende Namen machten, seien nur die Namen Otto Fischer, Volhard, Claisen, 
Bamberger, Kriifi, Pechmann, Curtius, Thiele, Konigs, Muthmann, Willstatter, 
K. A. Hofmann, Wieland und Purnmerer genannt. 

Eigenartig war B.s Wirken auf die chemische Industrie. Niemals bestimmten 
B.s Arbeitsplane gewinnverheifiende Ziele; ihn interessierte das Wissenschaft- 



2l8 1918 

liche an den chemischen Problemen und nicht materieller Erfolg. Trotzdem 
oder vielleicht gerade deshalb hat er die deutsche chemische Industrie in un- 
gewohnlicher Weise befruchtet. Denn viele seiner Ideen lieBen sich von der 
machtig emporwachsenden Farbstoffindustrie nutzbringend verwerten. Und 
in mindestens gleichem MaBe erwarb er sich urn unsere Industrie hochstes Ver- 
dienst dadurch, daB er ihr vortreffliche Chemiker erzog. 

Am AbschluB seines 80. Lebensjahres noch hielt B. seine regelmaBigen Vor- 
lesungen, die durch den meisterhaften Vortrag, den klaren Inhalt und treffliche 
Experimente alljahrlich ein Anziehungspunkt fiir eine groBe Schar Lernbegie- 
riger waren. Was nicht selten bei Gelehrten ist, die bis zum hohen Alter ihrer 
Wissenschaft gedient haben, daB sie namlich sich an den Ruhestand nicht 
mehr gewohnen konnen, traf auch bei Adolf B. ein. Am 20. August 1918, in 
seinem 83. Lebensjahr, verlosch der Geist, der durch fast sechs Jahrzehnte 
seinen Schulern geleuchtet hatte. 

Die Kraft zu seinen unvergleichlichen L,eistungen schopfte B. zeitlebens 
aus einer weisen Lebensfuhrung, die zwischen Arbeit und Erholung stets den 
richtigen Wechsel eintreten lieB, und auBerdem in einem Familienleben, das 
ihm seine Gattin und die Kinder, spater auch eine frohliche Enkelschar, sehr 
gliicklich gestalteten. 

Berlin. Wilhelm Schlenk. 



Beck, Ludwig, Eisenhuttenmann, * 10. Juli 1841 zu Darmstadt, f 23. Juli 1918 
zu Biebrich/Rh. — B. entstammt einer alten hessischen Beamtenfamilie. Sein 
Vater vererbte den Sinn fiir die Vergangenheit auf seine drei Sonne, von denen 
der spatere General Friedrich B. als Verf asser zahlreicher Regimentsgeschichten, 
und Professor Theodor B. (s. oben S. 18 ff.) durch seine Forschungen zur Ge- 
schichte des Maschinenbaues bekannt sind. I^udwig B. besuchte anfanglich 
das Gymnasium in Darmstadt und dann die dortige hohere Gewerbeschule. 
Schon mit i6 3 / 4 Jahren erwarb er sich das Reifezeugnis und bezog die Univer- 
sitat Heidelberg. Er arbeitete im Bunsenschen Laboratorium und wurde, 
20 Jahre alt, am 24. Juli 1861 auf Grund einer vor Bunsen (Chemie), Kirchhoff 
(Physik) und Blum (Mineralogie) mit Note II (insigni cum laude) bestandenen 
Priifung zum Dr. phil. promoviert. Nun wandte er sich dem Studium des 
Eisenhiittenwesens zu und studierte von 1861 bis 1863 m Freiberg und dann in 
Leoben, wo er von Peter Tunner angezogen wurde. Es folgte eine praktische 
Ausbildung in den Berg- und Hiittenwerken zu Ems und auf der Henrichs- 
hutte bei Hattingen. Von besonderer Bedeutung fiir seinen Entwicklungsgang 
war ein Aufenthalt in London, der Hauptstadt des damals im Eisenhutten- 
wesen fiihrenden Landes. Er war dort in den Jahren 1864/65 Assistent an 
der Royal School of Mines bei Professor John Percy, dem ersten I^ehrer fiir 
Eisenhiittenkunde seiner Zeit. Wie B. im Vorwort seiner »Geschichte des 
Eisens« sagt, hat er von Percy die unmittelbare Anregung zur Abfassung 
seines Werkes erhalten. Percy, der damals gerade mit seiner » Sketch of the 
history of iron* im zweiten Bande seiner »Metallurgie« beschaftigt war, sprach 
gelegentlich aus, eine ausfuhrliche Geschichte des Eisens zu schreiben, miisse 
einmal eine Aufgabe fiir B. werden. Diese Anregung ist auf einen fruchtbaren 
Boden gef alien. 



Baeyer. Beck 210 

1865 bis 1867 war B. als Hochofeningenieur in Altenhundem im Sauerland 
tatig. Aber die iibliche eisenhiittenmannische L,aufbahn sagte ihm nicht zu. 
Nachdem er in den beiden folgenden Jahren in Darmstadt und Frankfurt Vor- 
lesungen iiber Hiittenkunde und Geologie gehalten hatte, machte er sich 1869 
durch Ubernahme der Rheinhutte bei Biebrich selbstandig. Das Werk war 1857 
als Hochofenwerk gegriindet worden, konnte sich aber als solches nicht halten. 
B. baute es zu einer bedeutenden EisengieBerei aus. Leider fiihrt das Werk 
heute nicht mehr den geachteten Namen L. Beck & Co. 

In Biebrich griindete B. eine Familie und fand am schonen Rhein eine zweite 
Heimat. 

Es ist erstaunlich, daB B. neben seiner Tatigkeit im eigenen Werke und in 
Industrieverbanden noch Zeit gefunden hat, sich geschichtlicher und archaolo- 
gischer Bestrebungen anzunehmen. Als Forderer und Vorsitzender des Vor- 
stands des romisch-germanischen Zentralmuseums, innig bef reundet mit dessen 
Direktor Ludwig Lindenschmit, hat er sich verdient gemacht. Fast unverstand- 
lich aber bleibt es, daB B. in Biebrich Zeit fand, die geplante » Geschichte des 
Eisens « fertig zu stellen. Nachdem sich B. durch jahrelanges Studium vor- 
bereitet hatte, erschien das Werk 1884 bis 1903 in fiinf Banden mit iiber 6000 
Seiten bei Vieweg in Braunschweig. 

Das Unternehmen war nicht leicht durchzufuhren. Fur die altere Geschichte 
des Eisens lagen nur Einzelstudien vor. Das meiste Material muBte aus archaolo- 
gischen Werken und Urkundensammlungen zusammengesucht werden. Fiir die 
neuere Zeit gait es eine Unzahl seltener Werke zu beschaffen und durchzu- 
arbeiten. Fiir die neueste Zeit erschwerte dagegen eine erdriickende Fiille von 
Fachliteratur den Uberblick und drohte die Darstellung zu verwirren. Eine 
weitere Klippe bildete die Begrenzung des Stoffes. Eine Geschichte der Eisen- 
hiittenkunde, der Gewinnung und Verarbeitung des Eisens in dem Umfange, 
wie sie auf den Eisenhutten betrieben wird, hatte fiir die altere Zeit zu wenig 
Stoff geliefert und hatte die kulturgeschichtliche Bedeutung des Eisens nicht 
erkennen lassen. Erst dadurch, daB B. auf kulturgeschichtlichem Hintergrunde 
die Geschichte des Eisens aufbaute, schuf er ein Werk, das weit iiber den Kreis 
der Eisenhiittenleute hinaus Bedeutung erlangte. 

Der erste Band behandelt das Eisen im Altertum und im Mittelalter. Der 
Zusammenhang ergab sich dadurch, daB das Eisen bis ins spate Mittelalter 
nach dem »direkten« Verfahren gewonnen wurde, das die Naturvolker noch 
heute benutzen. Eine schwierige Aufgabe war es, die Anfange der Eisentechnik 
aufzufinden. Die Gelehrten hingen mit wenigen Ausnahmen der Lehre vom 
Bronzezeitalter an, d. h. sie glaubten, daB iiberall der Eisenzeit eine eisenlose 
Bronzezeit vorausgegangen sei. B. wuBte als Hiittenmann, wie leicht das Eisen 
aus seinen Erzen zu gewinnen ist, und griff diese Lehre an. Heute steht fest, 
daB die Reihenfolge, in der die Volker mit den Metallen bekannt geworden sind, 
wechselt, und daB die Eisentechnik weit alter ist als der BronzeguB. Ebenso 
schwierig war es, den Anfangen der modernen Eisengewinnung im Hochofen 
nachzugehen, denn fiir das Aufkommen der Hochofen und der EisenguBtechnik 
lag damals nur weniges und dabei unzuverlassiges Material vor. Trotzdem er- 
kannte B. den Zusammenhang zwischen dem Aufkommen der Feuerwaffen und 
der Erfindung des Eisengusses, den er und jiingere Forscher spater klar be- 
wiesen haben. 



220 1918 

Der zweite Band schildert die Geschichte des Eisens im 16. und 17. Jahr- 
hundert. Die Anfange der hiittentechnischen Literatur, die Erzeugung des 
Eisens im Hochofen und im Frischfeuer, die hohen Leistungen der GuB- und 
Schmiedetechnik im 16. Jahrhundert sowie die fesselnde Geschichte der da- 
maligen Eisenindustrie in den einzelnen Landern werden im ersten Abschnitt 
dieses Bandes behandelt. Im zweiten hebt B. besonders die Anfange der mo- 
dernen Technik der Dampfmaschine und der Walzwerke sowie das Aufbluhen 
der Eisenindustrie in England, Schweden und RuBland hervor. 

Der dritte Band umfaBt die Entwicklung der Eisenindustrie im 18. Jahr- 
hundert. Auf dem Festland machte die Holzkohlentechnik, angeregt durch 
wissenschaftliche Studien, neue Fortschritte, wahrend man in England auf- 
bauend auf den Erfindungen von James Watt und Henry Cort neue Bahnen 
einschlug. 

Der vierte Band schildert den machtigen Auf schwung der Eisenindustrie unter 
Englands Ftihrungin der ersten Halfte des 19. Jahrhunderts, insbesondere durch 
das Aufkommen der Eisenbahnen. Er schlieBt mit Bessemers Erfindung ab. 

Der fiinfte Band endlich ist dem Zeitalter des FluBeisens und der Riesen- 
erzeugungen gewidmet. Besonders ist dabei die wachsende Bedeutung der 
Eisenindustrie Deutschlands und Amerikas hervorgehoben. 

B.s Schreibweise ist fesselnd und anregend. Sein Urteil, dessen Zielsicherheit 
oben an einigen Beispielen gezeigt ist, geht selten fehl. Der Verein deutscher 
Eisenhiittenleute hat kiirzlich eine gedrangte Darstellung der Geschichte des 
Eisens herausgegeben, die zeigt, daB B.s Werk auch heute nur des Ausbaues, 
aber in den Grundziigen nicht der Berichtigung bedarf. Auch die von B. vor- 
gezeichnete Einteilung des Stoffes konnte beibehalten, ja noch straff er durch- 
gefiihrt werden. (Geschichte des Eisens. Im Auftrage des Vereins deutscher 
Eisenhiittenleute gemeinverstandlich dargestellt von Dr. Otto Johannsen; 
1. Auflage Diisseldorf 1924, 2. Auflage ebenda 1925.) 

Nach Vollendung seines groBen Werkes ruhte B. nicht. Er war der berufene 
Berichterstatter iiber neue Beitrage zur Geschichte des Eisens, die groBtenteils 
durch sein Werk angeregt waren. Besonders fesselte ihn dauernd die Geschichte 
des Eisengusses, fur die er wert voile Erganzungen lieferte. Ferner beschaftigte 
er sich mit der Geschichte des Eisens in seiner engeren Heimat. Zuletzt befaBte 
er sich gemeinsam mit dem Archivar Dr. Hans Schubert mit urkundlichen 
Studien zur alteren Geschichte des Eisens in Nassau, doch erlebte er die Voll- 
endung der Arbeit nicht mehr. 

Nachdem anfanglich B.s » Geschichte des Eisens « auf manchen Widerspruch 
gestoBen war, wurde dem Verfasser spater reiche Anerkennung zuteil. 1905 
erhielt cr den Titel Professor, 1909 verlieh ihm der Verein deutscher Eisen- 
hiittenleute die Carl Lueg-Denkmiinze und 1910 erfolgte seine Ernennung zum 
Dr.-Ing. E. h. durch die Technische Hochschule in Aachen. 

Wie er sich durch seine wissenschaftliche Tatigkeit die Achtung aller er- 
worben hatte, so gewann er sich durch seine Tatigkeit auf sozialem Gebiete und 
durch seinen lauteren Sinn die Liebe der Mitmenschen. 

Literatur: Hans Schubert, Ludwig B. (Stahl und Eisen, 1918, S. 789). — Briefliche 
Mitteilung der Phil. Fakultat der Universitat Heidelberg. 

Aufler der »(>eschichte des Eisens « und verse hiedenen Besprechungen und kleineren 
Arbeiten veroffentliehte B.: Beitrage zur Geschichte der Eisenindustrie (Annalen des 



Beck. Below 221 

Vereins fiir nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung, Bd. 14, 1877; ebenda 
Bd. 15, 1879, S. 124) ; Beitrage zur Geschichte des Eisens in Nassau (ebenda Bd. 32, 1903, 
S. 211); Die Familie Remy und die Industrie am Mittelrhein (ebenda Bd. 35, 1906, S. 1) ; 
Die alte Bruderschaft der Stahlschmiede in Siegen (ebenda Bd. 37, 1908); Zum fiinfzig- 
jahrigen Jubilaum des Regenerativofens (Stahl und Eisen, 1906, S. 1421); Urkundliches 
zur Geschichte der Eisengieflerei (Beitrage zur Geschichte der Technik und Industrie. 
Jahrbuch des V. d. Ingenieure, herausg. von C. MatschoB, Bd. 2, Berlin 1910, S. 83) ;T>ie 
Einfiihrung des englischen Flammofenfrischens in Deutschland durch Heinrich Wilhelni 
Remy & Co. auf dem Rasselstein bei Neuwied (ebenda Bd. 3, Berlin 191 1, S. 86); Die ge- 
schichtliche Entwicklung der EisengieBerei (C. Geigers Handbuch der Eisen- und Stahl- 
gieBerei, Bd. 1, Berlin 1911, S. 1). 

Volklingen (Saar). Otto Johannsen. 

Below, Fritz Theodor Carl v., General der Infanterie, * am 23. September 1853 
in Danzig, f am 23. November 1918 in Weimar. — Fritz v. B. war ein Sohn 
des preuBischen Generalmajors Ferdinand v. B. und seiner Gemahlin Therese, 
geb. Mauve. Er entstammte einer alten Soldatenfamilie, die der Armee viele 
hervorragende Ftihrer und tapfere Offiziere geschenkt hat. Sein Vater erhielt 
den Pour le merite 1866 als Regimentskommandeur. Sein GroBvater erwarb 
denselben hohen Orden 1807 als Rittmeister und das Eichenlaub dazu als 
Regimentskommandeur in den Befreiungskriegen. Fritz v. B. erhielt seine Er- 
ziehung zunachst im elterlichen Hause, dann im Gymnasium zu Gumbinnen, 
auf der Stadtschule zu Litzen und im Gymnasium zu Ratzeburg, schlieBlich in 
den Kadettenhausern zu Wahlstadt, Culm und Berlin. 

Am 19. April 1873 wurde er aus dem Kadettenkorps als Sekondeleutnant dem 
1. Garderegiment zu FuB iiberwiesen und begann damit seine ebenso glanzvolle 
wie arbeitsreiche militarische Laufbahn. Abwechselnd im Truppendienst und 
im Generalstabe, erstieg er rasch eine Stufe nach der andern. Er hatte reiche 
Gelegenheit, seinen Blick zu scharfen und seinen Horizont zu erweitern. Schon 
als j unger Offizier wuBte er sich ein eigenes Urteil zu bilden, kraftvoll trat er 
stets fiir seine Uberzeugung ein. Am 23. Marz 1887 wurde er Hauptmann und 
in den Generalstab der Armee versetzt, am 16. Februar 1889 zur Dienstleistung 
beim Kriegsministerium kommandiert, am 22. Marz 1891 Kompagniechef im 
1. Garderegiment zu FuB, am 17. Mai 1892 Generalstabsoffizier bei der 5. Divi- 
sion. Am 31. Mai 1892 zum Major befordert, wurde er am 24. Oktober 1893 zum 
Generalstabe des Gardekorps versetzt. Vom 20. Mai 1896 bis 1. April 1898 
fuhrte er ein Bataillon im Gardegrenadierregiment 4. Hierauf wurde er mit 
Wahrnehmung der Geschafte als Chef des Generalstabes III. Armeekorps be- 
auftragt, am 27. Januar 1899 zum Oberstleutnant befordert, am 1. Oktober 1899 
mit Wahrnehmung der Geschafte eines Abteilungschefs beim Generalstab der 
Armee und am 16. November 1899 mit Wahrnehmung der Geschafte als Chef 
des Generalstabes des Gardekorps beauftragt. Der 22. Mai 1900 brachte seine 
Ernennung zum Chef des Generalstabes des Gardekorps, der 18. April 1901 
seine Beforderung zum Oberst. Am 14. November 1901 sehen wir v. B. als 
Kommandeur des Gardegrenadierregiments 3. Er verstand es binnen kurzem, 
die ihm anvertraute Truppe auf eine hohe Stufe der Ausbildung zu bringen. 
Vor allem wirkte er auf das Offizierkorps erzieherisch ein und suchte dessen 
Bildung und Konnen zu fordern. Am 15. September 1904 wurde er mit der 
Fiihrung der 4. Gardeinfanteriebrigade beauftragt und am 27. Januar 1905 



222 I9i8 

unter Beforderung zum Generalmajor Kommandeur dieser Brigade. Am 13. Fe- 
bruar 1906 wurde er als Oberquartiermeister in den Generalstab der Armee ver- 
setzt und gleichzeitig mit Wahrnehmung der Geschafte des Chefs des Stabes 
der 1. Armeeinspektion beauftragt. In diesen Stellungen war er einer der 
nachsten Mitarbeiter und Gehilfen des Chefs des Generalstabes der Armee. Am 
18.' Februar 1908 wurde er unter Beforderung zum Generalleutnant zum Kom- 
mandeur der 1. Gardedivision ernannt, am 13. September 1912 zum General 
der Infanterie befordert und am 1. Oktober 1912 zum Kommandierenden 
General des XXI. Armeekorps ernannt. In vorbildlicher Weise hat er sein 
Korps fiir den Ernstfall geschult, so daft es gut ausgebildet in den Weltkrieg 
ausriicken konnte. Bei der Anlage der Manover setzte er sich dafiir ein, dafl die 
ihm unterstellten Truppen in Anlehnung an einen groBeren Truppenverband 
zu fechten lernten, und nicht allein als Detachements manovrierten. Er be- 
tonte immer wieder, daB im Kriege der erste Fall fast stets, der letztere selten 
vorkommen wiirde. Wie richtig seine Ansicht war, hat der Weltkrieg gezeigt. 
v. B. hatte ein ungemein klares Urteil iiber Ausbildungs- und Fuhrerfragen. 
Seinen Besprechungen bei Gefechtsaufgaben, Besichtigungen und Manovern 
waren ungekiinstelt und niichtern und doch nie ermiidend, weil sie immer 
klarend und iiberzeugend wirkten. 

v. B. fiihrte sein XXI. Armeekorps auch ins Feld. Siegreich kampfte es im 
August 1914 in den Gefechten bei Lagarde und Lauterfingen, sowie in der 
groBen Schlacht in Lothringen. Schon hier zeigte sich v. B. als ein energischer, 
tatkraftiger General, der auch in unklaren, gefahrlichen Lagen die Nerven nicht 
verlor, und als ein Fuhrer, der sich ein klares Bild von der eigenen und der Lage 
beim Feinde machen konnte, und entsprechend zu handeln wuBte. Dem 
XXI. Korps war ein voller Erfolg beschieden. Gelang es ihm doch, den rechten 
feindlichen Fliigel einzudrucken. Wiederholt bot ihm der Bewegungskrieg im 
Anfang des Feldzuges Gelegenheit, Beweise seiner Kaltbliitigkeit und person- 
lichen Unerschrockenheit zu geben. Auch in der mehrtagigen, blutigen Schlacht 
an der Somme im September /Oktober 1914 rechtfertigte er das in ihn gesetzte 
Vertrauen. AnschlieBend blieb er mit seinem Korps im Stellungskampf an der 
Somme. 

Dann riefen neue, gewaltige Aufgaben nach dem Osten. In der Winterschlacht 
in Masuren zeichnete er sich erneut aus. War es doch sein Korps, das den Ring 
auf der Ostseite um die sich verzweifelt wehrenden Russen schloB. Kuhn war 
das Wagnis, da die Festung Grodno im Riicken lag, um so groBer war der Er- 
folg. Der Kaiser erkannte seine Leistungen durch Verleihung des Pour le tneritc 
an. In dem vom Armeeoberkommando 10 gemachten Ordensvorschlage heiBt 
es : » Dem XXI. Armeekorps als auBerem schwenkenden Fliigel der Armee boten 
sich ungewohnlich hohe Schwierigkeiten durch Wege- und Wetterverhaltnisse. 
Nur der eisernen Energie und dem rucksichtslosen Drang nach vorwarts des 
Kommandierenden Generals ist es zu danken, daB die Umklammerung gelang. « 
Der Marz brachte unter schwierigen Verhaltnissen erneute, ruhmvolle Kampfe 
im Osten. 

Am 4. April 1915 wurde v. B. an Stelle des erkrankten Generalfeldmarschalls 
v. Bulow (s. DBJ. 1921, S. 52 ff.) zum Oberbefehlshaber der 2. Armee ernannt. 
t)ber ein Jahr leitete er die erfolgreichen Stellungskampfe westlich von St. Quen- 
tin. v. B. war ein Fuhrer, den es aus seinem Hauptquartier nach vorn drangte 



Below 



223 



in die vordersten Schtitzengraben, der sich nicht auf Meldungen und Berichte 
verlieB. Er wollte selbst wissen, wie es vorn aussah und in Fiihlung bleiben mit 
den braven Feldgrauen. 

Im Sommer 1916 hatte v. B. rechtzeitig erkannt, daJ3 der Feind Angriffs- 
vorbereitungen traf . Er sah die Gefahr, die seinem rechten Arraeefliigel drohte 
und meldete an die Oberste Heeresleitung. Da diese aber zur Stiitzung des 
osterreichisch-ungarischen Bundesgenossen zahlreiche Divisionen nach Galizien 
und Wolhynien hatte werfen miissen und die Kampfe bei Verdun noch nicht 
zum AbschluB gebracht worden waren, konnten wesentliche Reserven nicht 
zur Verfugung gestellt werden. So muBte die 2. Armee den feindlichen Ansturm 
zunachst allein aushalten. Und das schier Unmogliche gelang. Am 24. Juni 1916 
eroffneten die Englander und Franzosen ihre seit dem Fruhjahr groBzugig vor- 
bereitete Offensive beiderseits der Somme gegen den rechten Fltigel der 
2. Armee. An diesen Tagen brauste ein Orkan von Eisen und Stahl der iiber- 
machtigen feindlichen Artillerie und Minenwerfer, haufig untermischt mit Gas- 
granaten und Gasminen, auf die Infanterie- und Batteriestellungen. Weit- 
tragende Flachbahngeschutze erreichten tief im riickwartigen Gebiet StraBen, 
Bahnen und Truppenunterkunfte. Eine an Fesselballons, besonders aber an 
Fliegern stark iiberlegene, vorzuglich organisierte Luftmacht des Feindes be- 
herrschte die Luft. Die eigene Artillerie und die eigenen Luftstreitkrafte 
konnten trotz besten Willens dagegen nicht aufkommen. Die Macht des Mate- 
rials zeigte sich in ihrer ganzen Schwere. Unsere Feinde hatten ja die Hilfs- 
mittel der ganzen Welt zur Verfugung. Die deutschen Stellungen waren bald 
eingeebnet. In dem Trichterfeld hielten aber tapfere Manner, stiindlich den Tod 
vor Augen, trotz namhafter Verluste aus. Am 1. Juli brach der feindliche Sturm 
los. Der Kampf wogte hin und her. Immer neue Divisionen warfen die Feinde 
in die Schlacht. Die sich mehrere Wochen lang hinziehenden Kampfe mit ihrer 
groBen raumlichen Ausdehnung machten eine Neuordnung der Befehlsverhalt- 
nisse notig. Es war auf die Dauer unmoglich, von einem Armeeoberkommando 
aus die gesamte schwierige Verteidigung im GroBkampf zu leiten. So wurde am 
19. Juli 1916 nordlich der Somme, dem Brennpunkt der Schlacht, die 1. Armee 
gebildet und zu ihrem Fiihrer Fritz v. B. bestimmt. Ihm unterstanden die 
Gruppen Stein, Armin und GoBler. Sommeschlacht : aus diesem Wort erklingt 
das Hohelied vom Heldentum des deutschen Frontkampfers. Tausende und 
Abertausende wackerer deutscher Manner kampften und starben unter unsag- 
baren Leiden im Trichterfeld des Sommegebiets fur Deutschlands Bestand. 
Tatkraftig von seinem Chef, Oberst v. LoBberg, unterstiitzt, hielt v. B. die 
Ziigel fest in der Hand. Mit eiserner Ruhe traf er seine Anordnungen. So oft er 
konnte, eilte er nach vorn, urn seine Truppen anzufeuern. RiesengroB waren 
die Anforderungen, die an die Fuhrung gestellt wurden. Nur tropfenweise 
traf en die sehnsuchtig erwarteten Verstarkungen ein, die sofort in den Kampf 
geworfen wurden, wo es am notigsten war. Neben den Heldentaten der tapferen 
Frontkampfer waren es vor allem v. B.s iiberlegene Fuhrung und seine sach- 
gemaBen Anordnungen, welche den Erfolg sicherten. Der erstrebte Durchbruch 
des Feindes durch die deutschen Stellungen liber Bapaume^ — P^ronne auf 
Cambrai — Le Cateau miBlang. Dankbar erkannte der Kaiser am 11. August 
1916 die Verdienste B.s durch Verleihung des Eichenlaubs zum Pour le 
merite an. 



224 IQl8 

An die Sommeschlacht schlossen sich die Stellungskampfe in demselben 
Frontabschnitt an und dann im Friihjahr 1917 die Kampfe vor der Siegfried- 
Stellung. Geschickt losten sich die Truppen v. B.s vom Feinde los und raumten 
auf hoheren Befehl feindliches Gebiet, um eine wesentliche Frontverkiirzung 
zu erzielen. 

Das Vertrauen des Kaisers rief v. B. im Mai 1917 in die Gegend ostlich Reims, 
wo die Franzosen zu neuem Schlage ausgeholt hat ten. Furchtbar wogte der 
Kampf in der sogenannten Doppelschlacht an der Aisne und in der Champagne 
hin und her. v. B. blieb Sieger und wurde am 20. Mai 1917 durch Verleihung 
von Kreuz und Stern der Komture des Hausordens von Hohenzollern ausge- 
zeichnet. 

Bis Friihjahr 1918 wahrten die Stellungskampfe vor Reims. In dieser Zeit 
^ntstand unter der Leitung v. B.s die Neubearbeitung der in weiten Kreisen 
der Armee mit groi3er Genugtuung begriiBten Ausbildungsvorschrift fiir die 
FuBtruppen, die dem Geist der neuen Kampfverhaltnisse in hervorragender 
Weise Rechnung trug. 

Am Ende seiner erfolgreichen militarischen Laufbahn war es ihm, der sich 
in vielen heiBen Abwehrschlachten als Armeefuhrer bewahrt hatte, vergonnt, 
seine Armee noch einmal zum Angriff zu fiihren. Bei der groBen Maioffensive 
vor Reims 1918 erntete auch die tapfere 1. Armee reichen Lorbeer. 

Mitten aus siegreichen Tagen zwang ihn plotzlich eine Lungenentziindung 
aufs Krankenlager. Er wurde zur Wiederherstellung seiner Gesundheit nach 
Deutschland beurlaubt und erlebte dort den Zusammenbruch von Armee und 
Vaterland. Dies fraB an seinem deutschen Herzen. Er sah voraus, welche 
Folgen sich einstellen muBten, und konnte nicht verstehen, daB Deutschland 
die Waffen f reiwillig aus der Hand gelegt hatte. Als er Wiesbaden infolge feind- 
licher Besetzung verlassen muBte, zwang ihn sein Kriegsleiden in Weimar er- 
neut aufs Krankenbett. Am 23. November 1918 starb er an Lungenentziindung. 
Beigesetzt wurde er in Berlin auf dem Invalidenfriedhof. 

In Kennzeichnung der Personlichkeit lassen dienstliche Leistungen wie 
private Beurteilung aller derer, die mit ihm in Beriihrung kamen, stets die 
gleichen Eigenschaften an ihm erkennen. Wie alle B.s, so war auch er schlicht, 
bescheiden, vornehm, ritterlich und treu, von warmem, giitigem, frommem 
Herzen. Er trat gern in den Hintergrund, wollte stets mehr sein als scheinen. 
Die Sache gait ihm alles, die Person nichts. v. B. war eine wahrhaft vornehme 
Personlichkeit, der alles Kleinliche fremd blieb. Er war das Vorbild eines Edel- 
mannes in des Wortes schonster Bedeutung. Trat er oft auch zuriick, die ihn 
kannten, wuBten doch, was sie an ihm hatten: einen Heerfiihrer, der mit 
s^trenger niichterner Sachlichkeit und scharfem Verstande erst wagte, bevor er 
wagte, aber dann auch zu wagen verstand mit der ganzen Tatkraft seines klaren 
Willens. Das einmal fiir richtig Erkannte setzte er entschlossen in die Tat um. 
In der preuBischen Garde groB geworden, war er ein Freund altpreuBischer 
Disziplin, aber ein Feind jeder unnotigen Harte. Warm, voll Fiirsorge und 
Wohlwollen schlug sein Herz fiir die Truppe, in erster Linie fiir die Front- 
kampfer und besonders fiir die brave Infanterie. Ihren Leistungen zollte er 
uneingeschrankte Anerkennung und aufrichtige Bewunderung. Das Vertrauen 
und die Verehrung fiir Fritz v. B. war daher groB. Darum standen die Offiziere 
unter dem Zauber seiner Personlichkeit und arbeiteten gern unter ihm, darum 



Below. Buz 22S 

gingen die Mannschaften fur ihn durchs Feuer. Fritz v. B. ging ganz auf in 
seinem Benif, er war Soldat, nur Soldat. Er kannte nur ein Gliick: restlose 
Pflichterfiillung fiir Konig und Vaterland. Ihm war es versagt, zu jenen gltick- 
lichen Feldherren zu gehdren, deren Namen nach glanzenden Siegen im Volke 
von Mund zu Mund gehen. Und dennoch zahlte er unzweifelhaft mit zu den 
tiichtigsten Heerfiihrern der deutschen Armee im Weltkriege. In kritischen 
Lagen traten sein groBes Konnen und seine hervorragenden Ftihrereigen- 
schaften deutlich zutage. Viel hat ihm das Vaterland in jenen schicksals- 
schweren Monaten der Sommeschlacht des Jahres 19 16 zu danken, er war es 
nut vor allem, der den feindlichen Durchbruch mit seinen unabsehbaren Folgen 
zu verhindern verstand. Hat ihn auch schwere Krankheit gezwungen, den 
Kommandostab aus der Hand zu legen, das Schicksal hat es gut gemeint. So 
lange er das Kommando fuhrte, wich der Sieg nicht von den Fahnen seiner 
Armee. Da ging es vorwarts, immer vorwarts zu stolzen, groflen Erfolgen. 

Literatur: Reichsarckiv, Der Weltkrieg 19 14/ 18, Bd. 1 — 4. — Hermann Stegemann, 
Geschichte des Weltkriegs, Bd. 1 — 4. — Deutsches Offizierblatt 1926, Nr. 25/26. — Einige 
von der Familie zur Verfugung gestellte Brief e, Nachrufe und Erinnerungen. 

Potsdam. Ernst Zipfel. 

Buz, Heinrich Hitter v., Maschineningenieur, Geheimer Kommerzienrat, 
Generaldirektor der Maschinenfabrik Augsburg-Nurnberg A.-G., * am 17. Sep- 
tember 1833 in Eichstatt, f am 8. Januar 1918 in Augsburg. — Seine Eltern 
waren der koniglich bayerische Genieoberleutnant Carl Christoph B. und 
dessen Ehefrau Adolphine, geborene Sax. Sein Vater nahm 1838 den Ab- 
schied, beteiligte sich zunachst am Bau der Eisenbahn Miinchen — Augsburg 
und erwarb 1841 die Geigersche Buchdruckerei in Augsburg. Im Jahre 1844 
ubernahm er pachtweise, gemeinsam mit seinem Schwager Carl August 
Reichenbach die von Ludwig Sander in Augsburg 1840 gegriindete Ma- 
schinenfabrik, die damals 44 Arbeiter beschaftigte. Bald darauf erwarben 
die Pachter das Werk kauflich und fuhrten es als »C. Reichenbachsche Ma- 
schinenfabrik « weiter. Im September 1857 trat Heinrich B., der vorher an 
der Polytechnischen Schule in Augsburg und dem Polytechnikum in Karlsruhe 
studiert hatte, dann im Elsafi, in Paris und London als Ingenieur tatig ge- 
wesen war, als Konstrukteur und technischer Korrespondent in die Fabrik 
ein, die damals 300 Arbeiter beschaftigte und am 1. Dezember 1857 in die 
»Aktiengesellschaft Maschinenfabrik Augsburg« umgewandelt wurde. Als 
am 1. Juli 1864 der Vater Carl B. von der Direktion zuriicktrat, war Heinrich 
B. mit den Verhaltnissen des Unternehmens so wohl vertraut, daB die Direk- 
tion ihm iibertragen wurde. Damit trat der Mann an die Spitze des Unter- 
nehmens, dem es beschieden war, die Fabrik in wenigen Jahrzehnten durch 
seinen genialen Scharfblick fiir das technisch Brauchbare und wirtschaftlich 
Zweckmafiige, durch zahe ausdauernde Arbeit, durch treues Festhalten an 
den altuberkommenen bewahrten Grundsatzen auf die hochste Stufe der 
Entwicklung zu heben und ihr einen der ersten Platze unter alien Maschinen- 
fabriken des europaischen Festlandes zu sichern. Die Fabrik baute anfangs 
Wasserrader und Turbinen, Transmissionen, Dampfmaschinen und vor allem 
Buchdruckschnellpressen, war doch C. A. Reichenbach ein Neffe von Friedrich 

DBJ 15 



226 I9i8 

Konig, der 1810 die BuchdruckschneUpresse erfunden hat. Neben Neuerungen 
an Wasserturbinen, deren rechnerische Grundlagen urspriinglich von B. 
stammten, brachten Verbesserungen an der Reichenbachschen SchneUpresse 
diesen Fabrikationszweig zu rascher Entfaltung. In inniger Fiihlung mit dem 
graphischen Gewerbe, dessen Bediirfnisse nach fortschrittlicher Entwicklung 
rasch von B. erfaBt worden waren, vollzog sich der Schritt von der Flach- 
druckmaschine zur Rotationsmaschine und damit zu immer groBeren Lei- 
stungen. Die Rotationsmaschine hat ihren Namen daher, daB sich ihre Druck- 
zylinder ununterbrochen in derselben Richtung drehen (rotieren), und zwar 
die die Stereotypplatten tragenden in der einen, und die den Druck aus- 
iibenden in der entgegengesetzten Richtung. Voraussetzung fur ihre An- 
wendung war die Einfiihrung des sogenannten endlosen Papieres, des Rollen- 
papieres. Die erste dieser Rotationsmaschinen war auf der technisch so be- 
deutsamen Wiener Weltausstellung 1873 im Betriebe zu sehen. 1882 wurde 
eine solche Maschine bereits alien Anspriichen fiir Mehrfarbenillustration 
gerecht. Mit der Zweirollenmaschine wurde 1892 der erste Schritt zur Mehr- 
rollenmaschine getan und damit die Leistung sprunghaft gesteigert. Die zur 
stiindlichen Herstellung von 200 000 Zeitungen zu 6 Seiten fiir eine groBe 
Pariser Zeitung gebaute Sechsrollenmaschine war bei Ausbruch des Welt- 
krieges die leistungsfahigste des Kontinents. Unter der Direktion B.s verlieBen 
das Werk Augsburg iiber 10 000 Buchdruckmaschinen, die sich iiber den 
ganzen Erdkreis verteilten. 

Als Professor Linde 1873 den Entwurf seiner ersten Kaltemaschine fertig- 
gestellt hatte, war der Ruf der Maschinenfabrik Augsburg nach der konstruk- 
tiven und werkstattentechnischen Seite hin bereits so ausgezeichnet, daB er 
sich damit keinem Besseren anzuvertrauen wuBte als B., der sofort die groBe 
Bedeutung der mechanischen Kalteerzeugung fiir Industrie und Volkswirt- 
schaft erkannte. Diese erste Maschine fand in Miinchen bei Gabriel Sedlmayr 
(Spatenbrauerei) Aufstellung. 1875 schloB B. im Verein mit Georg KrauB 
und Gabriel Sedlmayr ein Abkommen mit Linde zur Aufbringung der Mittel 
zur weiteren Entwicklung und Verwertung der Lindeschen Patente. 1877 
verlieB die zweite Lindesche Kaltemaschine die Maschinenfabrik Augsburg; 
diese arbeitete in der Dreherschen Brauerei in Triest bis zum Jahre 1908. 
1879 wurde die »Gesellschaft fiir Lindes Eismaschinen* gegriindet, in deren 
Auf sich tsrat B. eintrat, der damit durch langsichtige Vertrage seinem Werk 
ein umfangreiches Arbeitsgebiet fiir Deutschland und fremde Lander sicherte. 
Die ausgezeichneten Erfolge des Linde-Unternehmens sind nicht zuletzt 
dem langjahrigen, befruchtenden Zusammenarbeiten mit der Maschinen- 
fabrik Augsburg und deren vorziigliche Leistungen in Konstruktionsbureau 
und Werkstatte zuzuschreiben. Tausende von Lindes Kaltemaschinen stammen 
aus Augsburg. Was B.s Verhaltnis zur Linde-Gesellschaft besonders aus- 
zeichnete, war sein unermiidlicher Eifer, den er all ihren Unternehmungen 
entgegenbrachte. Er gait auch der Frage der Gasverfliissigung, die im Welt- 
krieg fiir Deutschlands Riistung von so schwerwiegender Bedeutung wurde. 
Linde selbst preist in seinem Buch »Aus meinem Leben« die hohe und gleich- 
maBige Qualitat der Augsburger Maschinen als ein wesentliches Moment 
fiir den Erfolg seiner Arbeit, und schreibt, wie sehr B. durch seine vornehme 
und gerechte Gesinnung den geschaftlichen und personlichen Verkehr durch 



Buz 



227 



Jahrzehnte hindurch zu einein ebenso erfreulichen als fruchtbaren gemacht 
hat. Das Zusammenarbeiten mit der Iyinde-Gesellschaft brachte der Ma- 
schinenfabrik Augsburg aber noch einen sehr groBen indirekten Nutzen, 
indem sie hierdurch auf warmetechnische Fragen gelenkt wurde, ihren 
Dampfmaschinenbau auBerordentlich forderte und auf eine sehr hohe Stufe 
der Entwicklung brachte. Die Fabrik hatte schon von 1845 an kleinere Hoch- 
druckmaschinen von 3 — 4 PS. gebaut, in stehender Anordnung mit obenliegen- 
der Welle. 1856 wurde eine liegende Zwillingsdampfmaschine fur die Augs- 
burger Baumwollfeinspinnerei, 1857 eme ebensolche fur die Kammgarn- 
spinnerei Worms gebaut. Diese Maschinen, denen bald solche bis zu 300 und 
600 PS. folgten, hatten Farcotsche Expansionssteuerung mit unmittelbarem 
Regulatoreingriff, Dampfmantel und Kondensation unter Flur. Schon friih- 
zeitig wurden die Maschinen genauen Versuchen auf den Dampfverbrauch 
unterworfen. 1871 nahm die Fabrik den Bau von Prazisions-Ventildampf- 
maschinen auf und damit begann der Siegeslauf der Augsburger Dampf- 
maschinen, die neben denen von Gebrtider Sulzer in Winterthur jahrzehnte- 
lang die besten der Welt waren., 1876 wurde fiir die Neue Baumwollspinnerei 
Hof im Gegensatz zu dem bis dahin allgemein ublichen Stirnraderantrieb 
zum erstenmal die Kraftiibertragung durch Hanfseile bewerkstelligt. 1879 
ging B. an die Einfiihrung der liegenden zweikurbeligen Verbunddampf- 
maschine, und zwar als Erster in Deutschland fiir ortsfeste Anlagen. Diese 
150 PS.-Maschine fiir die Augsburger Kammgarnspinnerei wurde namentlich 
durch die daran vorgenommenen ausgedehnten Versuche epochemachend 
und vorbildlich. 1888 lieferte die Firma ihre erste Dreifach-Expansions- 
Dampfmaschine von 700 — 900 PS. an die Vogtlandische Baumwollspinnerei 
in Hof. 1894 wurde die erste Dreifach-Expansionsmaschine mit geteiltem 
Niederdruckzylinder und 1200 PS. Leistung fiir die Augsburger Kammgarn- 
spinnerei gebaut, welche Bauart bald viel Nachahmung fand. Im Bau der 
stehenden Dampfmaschine machte das Werk urn die Jahrhundertwende die 
Entwicklung der groBen Elektrizitatswerke mit. Die Zahl der unter der Direk- 
tion von B. gebauten Augsburger Dampf maschinen geht in viele Tausende. 
Die hervorragendste und bemerkenswerteste Leistung B.s, die in ihren 
Folgen auBerordentlich weittragend war, und durch die selbst seine starken 
Fahigkeiten auf eine sehr harte Probe gestellt wurden, kniipft sich an das Auf- 
treten Rudolf Diesels, der 1893 in seiner kleinen Schrift »Theorie und Kon- 
struktion eines rationellen Warmemotors« auf Grund von warmetheore- 
tischen Betrachtungen neue Ideen fiir eine bessere Warmeausnutzung vor- 
trug. DaB auf Grund dieser Ideen wirklich ein brauchbarer Warmemotor ent- 
stehen konnte, namlich der heute so auBerordentlich wichtige, allgemein 
als »Dieselmotor« bezeichnete Olmotor, ist das groBe und ausschlieBliche Ver- 
dienst von B. Mit der Geschichte des Dieselmotors bleibt daher der Name 
Heinrich v. Buz untrennbar verbunden. Er hatte das gute in den Diesel- 
schen Ideen klar erkannt und hielt daran auch dann noch fest, als maB- 
gebende Manner in Industrie und Wissenschaft langst davon abrieten, und 
andere Firmen von ebenfalls allererstem Range die Dieselsache nach groBen 
Geldopfern als vollig hoffnungslos aufgegeben hatten. Hier auBerte sich B.s 
unbeugsame Willenskraft von dem Augenblicke an, wo er eine Sache fiir 
gut erkannt hatte, mochte der Weg auch noch so weit und noch so dornenvoll 



228 I9i8 

sein. Fast vier Jahre lang MiBerfolg auf MiBerfolg mit ungeheuren Geld- 
opfern (iiber M. 400 000) waren vorerst der Lohn fiir sorgenvolle, keine Zeit 
und Grenzen kennende Arbeit. Diesel selbst hatte an der Erreichung eines 
marktfahigen Motors gezweifelt. Die Idee war geradezu in Verruf gekommen. 
Unter solchen Umstanden ging B. unter Einsetzung von persdnlicher und 
geschaftlicher Ehre im Vertrauen auf seine treuen bewahrten Mitarbeiter 
den schier uniiberwindlich scheinenden Schwierigkeiten zu Leibe. Seine 
Hauptstiitzen dabei waren der damals junge Ingenieur und jetzige Geheime 
Baurat Dr. ing. Imanuel Lauster und die hochentwickelte Werkstattentechnik 
der Fabrik. Die Konstruktion der Dieselmaschine muBte von Grund auf 
neu geschaffen werden. Und es gelang. Der ortsfeste Olmotor mit der von 
Diesel ertraumten Warmewirtschaftlichkeit war im Februar 1897 erreicht. 
Es folgte dann die weitere Entwicklung zu immer groBeren Leistungen, 
groBter Betriebssicherheit und der TJbergang von der ortsfesten zur Schiffs- 
antriebmaschine, welch letztere im U-Bootkrieg fiir Deutschland so ungeheuer 
wichtig und wertvoll gewesen ist. Sein nie versagender Glaube an seine 
Arbeit, seine gesunde Hartnackigkeit im Verein mit seinen fiihrenden Mit- 
arbeitern vollbrachten ein Werk, das B. seinen Platz unter den GroBen der 
Technik fiir alle Zeiten sichert. Auch nach Ablauf der Dieselschen Patente, 
als sich viele Fabriken dem Bau der Schwerolmaschine zuwandten, behielt 
die Maschinenfabrik Augsburg ihre fuhrende Stellung an der Spitze aller 
Dieselmotoren herstellenden Werke. Aus ihren Werkstatten sind bis zum 
Jahre 1927 — 30 Jahre nach Fertigstellung des ersten brauchbaren Motors — 
Dieselmotoren mit einer Gesamtleistung von einundeinhalb Millionen PS. 
hervorgegangen ; das ist schatzungsweise der vierte Teil der auf der Welt 
vorhandenen sechs Millionen Diesel-PS. Baute man 1903 noch Maschinen 
mit Zylinderleistungen von 100 PS., so waren es 191 3 bereits solche mit 
1000 PS. Im Weltkrieg nahm der Dieselbau einen auBerordentlichen Auf- 
schwung und zwar im Bau von schnellaufenden Motoren bis zu 3000 PS. fiir 
Unterseeboote. Der groBte Dieselmotor der Welt wurde 1926 von Blohm 
& VoB, Schiffswerft und Maschinenfabrik in Hamburg — einer der vielen 
Lizenznehmerinnen der Maschinenfabrik Augsburg-Niirnberg — nach den 
Patenten und Entwiirfen von Maschinenfabrik Augsburg-Niirnberg (M.A.N) 
gebaut. Er entwickelt 15 000 PS. in neun Zylindern. Zum Betrieb von Fabriken, 
als Antriebsmaschine von See- und FluBschiffen und Lokomotiven, Kraft - 
wagen, sowie als Lokomobile findet der Dieselmotor heute Anwendung; 
diejenige fiir Flugzeuge und Luftschiffe steht der Verwirklichung nahe. 
Fiir GroBkraftwerke ist das Vorhandensein des Dieselmotors als Momentan- 
und Spitzenreserve geradezu eine Lebensf rage ; verursacht doch die Unter- 
dampfhaltung von Kesseln und die Aufheizung von solchen fiir die nur wenige 
Stunden dauernden Lichtspitzen enorme Verluste. Der hohe Stand des Diesel- 
motorenbaus bei der Maschinenfabrik Augsburg-Niirnberg wird dadurch noch 
bestatigt, daB diese Firma mehr als 20 Lizenzen an erstklassige Firmen des 
In- und Auslandes vergeben hat, die heute alle nach den Entwiirfen und 
Planen der Maschinenfabrik Augsburg-Niirnberg arbeiten. 

Im Jahre 1898 entschloB sich B. in richtiger Erkenntnis technischer und 
wirtschaftlicher Forderungen der Zeit zur Verschmelzung der Maschinen- 
fabrik Augsburg mit der Maschinenbaugesellschaft Niirnberg. B. war von 



Buz 229 

1898 bis 1913 gemeinsam mit A. v. Rieppel, Generaldirektor der Maschinen- 
fabrik Augsburg-Niirnberg A.-G. (M.A.N.), eines Unteraehmens, das beim 
Tode B.s mit rund 85 Millionen Aktienkapital und Reserven arbeitete und in 
seinen Werken Augsburg, Nurnberg, Gustavsburg und Duisburg rund 
25 000 Arbeiter und Beamte beschaftigte. 

Dem Wohlergehen und den Bediirfnissen seiner Beamten und seiner 
Arbeiterschaft stand B. immer mit wahrhaft sozialer Gesinnung gerecht 
gegeniiber. Mannigfache Wohlfahrtseinrichtungen wurden geschaffen, deren 
Leistungen er durch hohe personliche Zuwendungen steigerte. Dabei lag ihm 
besonders die Heranziehung eines tiichtigen Nachwuchses am Herzen. So 
kam es, daB die Arbeiterverhaltnisse fast patriarchalisch blieben, was ein 
Blick auf den alten Arbeiterstamm, der noch beim Tode B.s im Werk Augs- 
burg tatig war, bestatigt. Im Verkehr mit seinen Angestellten war er jeder 
formellen AuBerlichkeit abhold : Einf achheit und Disziplin waren seine Richt- 
punkte. DaB er, der fast ein halbes Jahrhundert lang Tausenden von Arbeitern 
gut bezahlte Arbeit verschafft hat, von sozialdemokratischen Fuhrern miB- 
gunstig beurteilt wurde, braucht wohl kaum erwahnt werden. Wenn B. Auf- 
sichtsratstellen annahm, so geschah dies nicht in seinem personlichen, als 
vielmehr im Interesse seines Werkes. So war B. in den Aufsichtsraten folgender 
Gesellschaf ten : Augsburger Lokalbahn, A.-G. fiir Bleicherei, Farberei und 
Appretur in Augsburg, Gesellschaft fiir Markt- und Kiihlhallen in Hamburg, 
Maschinenfabrik Augsburg-Niirnberg A.-G., Gesellschaft fiir Lindes Eis- 
maschinen in Wiesbaden, Haunstetter Spinnerei und Weberei in Augsburg, 
Mechanische Seilerwarenfabrik in Bamberg, Schantung-Eisenbahngesellschaft 
in Berlin. Als B. in die Fabrik, das heutige Werk Augsburg der Maschinenfabrik 
Augsburg-Niirnberg eintrat, hatte diese 300 Arbeiter, bei seinem Riicktritt 
als Generaldirektor am 1. Juli 1913 dagegen 5500 Arbeiter und Beamte. 
B. konnte von sich sagen, daB er der erste Arbeiter in seinem eigenen Werk 
war ; er war in seinen gesunden Jahren der Erste und der Letzte auf seinem 
ebenso verantwortungsvollen wie arbeitsreichen Posten. Ohne zwingende 
Grande verlieB er sein Werk nicht. Eingedenk des guten alten deutschen 
Sprichwortes »Fern von Haus ist nan' bei Schaden« konnte er sich nicht ent- 
schlieBen, alle moglichen Ehrenstellen und Ehrenamter anzunehmen, die 
einem Manne von seiner Bedeutung und seiner Stellung naturgemaB reichlich 
angeboten werden, die ihn aber von seinen Pflichten, wie er sie auffaBte, ab- 
gelenkt und haufig von Augsburg weggefuhrt hatten. Seine Arbeit und Sorge 
gait seinem Werk, das er zu hochster Bliite brachte, und auBerdem seiner 
Heimatstadt Augsburg und deren Industrie. So ist es seinem Eintreten zu- 
zuschreiben, daB 1888 die Augsburger I^okalbahn gegriindet wurde, deren 
Linien alle Augsburger industriellen Werke unter sich und mit dem Netz der 
staatlichen Bahnen verbinden, wodurch eine der wesentlichsten Bedingungen 
fiir den Aufschwung der Augsburger Industrie erfullt wurde. Der 1893 erfolgte 
ZusammenschluB der Augsburger Unternehmungen zum Industrieverein fand 
in B. eine seiner vornehmsten Stiitzen. Den besonderen Dank der Augsburger 
Bevolkerung erwarb sich B. durch die Griindung des Augsburger Stadt- 
gartens mit seinen prachtigen Anlagen, zu der er 1886 den AnstoB gegeben 
hat und dessen Leitung, Verschonerung und Bewahrung vor finanziellen 
Schwierigkeiten ihm bis ins hohe Alter eine liebe Aufgabe war. 



230 19 1-8 

In seiner auBeren Erscheinung war B. stattlich, hochgewachsen, breit und 
stark, fast derb an Gestalt und Gesichtsziigen, die kraftvoll und mannlich 
ebenso unbeugsame Willenskraft wie wohltuende Herzensgtite ausdriickten. 
B. war energisch Und zielbewuBt, besaB groBes Wissen und starkes Konnen, 
technischen Scharfblick, bedeutendes Organisationstalent und eine rastlose 
Arbeitsfreudigkeit. Von Hause aus Ingenieur, besaB er gleichwohl ein aus- 
gezeichnetes Verstandnis fur die wirtschaftlichen Verhaltnisse und besonders 
fur die kaufmannisch- wirtschaftlichen Fragen im Betrieb seiner Fabrik. 
Seine vorsichtige Dividendenpolitik, die sorgfaltige Beachtung, die er den 
Amortisationskonten und Reserven schenkte, und seine groBziigige Ver- 
kaufsorganisation legen davon ein beredtes Zeugnis ab. Freilich, jene beweg- 
liche Vielseitigkeit, jenes spekulative GroBunternehmertum, jenes kritiklose 
Herumprobieren, wie man es anderwarts so haufig sieht, war seinem Wesen 
fremd. Er war immer davon iiberzeugt, daB nur bei weisester Selbstbeschran- 
kung auf wenige Hauptgebiete des Maschinenbaues eine solche Fabrik hochste 
Qualitatsleistungen hervorbringen kann. Diese tlberzeugung veranlaBte 
auch B., den Wasserturbinenbau, in dem die Maschinenfabrik mehrere Jahr- 
zehnte lang fiihrend war, ganz aufzugeben, als am Anfang des Jahrhunderts 
die technisch-wissenschaftliche Entwicklung eine derartige geworden war, 
daB auf diesem Gebiet nur durch Konzentration und Einrichtung von Ver- 
suchsanstalten hochste Leistungen moglich gewesen waren. AuBerordentlich 
klug, von ruhiger, treffsicherer Urteilskraft pflegte er nur auf ganz bestimmten, 
sicheren Grundlagen seine Plane aufzubauen und sie dann, unbekummert um 
Hindernisse und die Meinung anderer, unter alien Umstanden zur Durch- 
fuhrung zu bringen. Die Schopfung des Dieselmotors in der Maschinenfabrik 
Augsburg ist dafiir ein in der Geschichte des Maschinenbaues einzig dastehen- 
des Beispiel. Er entwickelte dabei eine Ausdauer und Zahigkeit, eine Hart- 
nackigkeit und Unbeugsamkeit des Willens, die seinem Wesen fiir die AuBen- 
welt und auch fiir seine Untergebenen manchmal einen autokratischen Zug 
verliehen. Durch den standigen Aufenthalt im Schwabenlande, durch seine 
enge Zusammenarbeit mit Mannern schwabischen Stammes mogen diese 
im schwabischen Volkscharakter so stark ausgepragten Eigenschaften auch 
bei ihm in besonderem MaBe ausgebildet worden sein. An seiner eisernen 
Konstitution gingen nahezu sieben Jahrzehnte angestrengter nimmermuder 
Arbeit fast spurlos voriiber. Im Privatleben war er ein liebenswiirdiger, lustiger 
Gesellschafter. Neben vielen anderen Orden besaB er den Verdienstorden 
der Bayerischen Krone, mit dem der personliche Adel mit dem Pradikate 
»Ritter von« verbunden war. Seinem ganzen Charakter und seiner recken- 
haften Gestalt stand die Ritterschaft so gut wie selten einem. 

Miinchen. Paul v. Lossow. 

Cohen, Hermann, o. Professor der Philosophic in Marburg a. d. L., * am 4. Juli 
1842 in Koswig (Anlialt), f a m 4. April 1918 in Berlin. — Seine Eltern waren 
Gerson C, Lehrer an der jiidischen Gemeindeschule und an der Stadtschule 
seiner Heimat, und Friederike C, geb. Salomon. Die fruheste Ausbildung des 
Kindes lag in der Hand des Vaters, der ihn im Deutschen, Franzosischen und 
Hebraischen unterrichtete. C.besuchte dann die Stadtschule seiner Heimat und 



Buz. Cohen 231 

vom elften Jahr an das Gymnasium zu Dessau, urn dann von der Sekunda aus 
auf das jiidisch-theologische Seminar zu Breslau iiberzutreten. Von den zahl- 
reichen bedeutenden Lehrern, die dort wirkten, wollen wir als die bekanntesten 
hier nur Jakob Bernays, den Philologen, und Hermann Gratz, den Historiker 
des Judentums, nennen. So dankbar C. sein Leben lang fiir mancherlei ge- 
diegene und griindliche Kenntnisse, die ihm in dieser Zeit iibermittelt wurden, 
war, so konnte doch sein reicher Geist unmoglich in der Vorbereitung zum 
Rabbinat das letzte Ziel seines wissenschaftlichen Studiums sehen. Nachdem 
er daher als Extraneos sein Abitur am Matthiasgymnasium zu Breslau gemacht 
hatte, bezog er 1861 in dieser Stadt die Universitat. Er setzte sein Studium 
1864 in Berlin fort, wo er in den Kreis der Studierenden urn Lazarus und Stein- 
thal aufgenommen wurde. Unter seinen Lehrern verdient noch der Philologe 
Boeckh Erwahnung. Seine philosophischen Studien umfaBten in dieser Zeit 
fast das ganze Gebiet der Geschichte der Philosophie, besonders aber widmete 
er sich der Lektiire Kants und der nachkantischen Philosophen. 1865 promo- 
vierte er zu Halle mit der Schrift »Philosophorum de antinomia necessitatis 
et contingentiae doctrinae*. Durch Steinthal war C. besonders auf Herbarts 
Lehre aufmerksam geworden, und ohne daJ3 C. jemals wirklicher Herbartianer 
gewesen ware, zeigen doch seine Erstlingsschriften einen EinfluB Herbarts (auf 
dem Umweg iiber Steinthal). In der von Steinthal herausgegebenen Zeitschrift 
fiir Volkerpsychologie erschienen mehrere kleinere Abhandlungen C.s, von 
denen wir hier nur die eine erwahnen wollen, welche den Titel tragt: »Die 
dichterische Phantasie und der Mechanismus des BewuBtseins. « Sie ist fiir die 
Entwicklung C.s deswegen von Bedeutung, weil sich in ihr bereits Grund- 
begriffe seiner spateren Asthetik finden. Er leitet in genialer Weise die Ent- 
stehung der Poesie aus dem Mythos ab, erkennt das reine Gefuhl als den 
Urgrund kiinstlerischen Schaffens und den Vergleich als die innere Form des 
Kunstwerks. Erkenntnistheoretisch ist er in diesem Werke noch nicht zur 
Klarheit vorgedrungen, es bedurfte dazu einer intensiveren und liebevolleren 
Versenkung in Kant. Sobald ihm das Verstandnis der Kantschen Philosophie 
aufgegangen war, machte er sich an die Ausarbeitung seines ersten groBeren 
Werkes, das den Grundstein zu seinem spateren Weltruhm legen sollte. 1871 
erschien » Kants Theorie der Erfahrung«. Nur bei wenigen auserlesenen Geistern 
stieB er sogleich auf das richtige Verstandnis. Die Berliner philosophische 
Fakultat verhielt sich unter der Fuhrung des Philosophen Trendelenburg, den 
C.mehrfach temperamentvoll aber objektiv angegrif fen hatte, ablehnend gegen 
C, so daB dessen Versuche, sich in Berlin zu habilitieren, fehlschlugen. Er 
konnte sich damit trosten, daB Friedrich Albert Lange, der giitige und gelehrte 
Verfasser der » Geschichte des Materialismus « und der »Arbeiterfrage« sofort 
den Wert seines Buches erkannte. Lange, der damals noch in Zurich Professor 
war, schickte ihm mit einer Empfehlung den jungen August Stadler zu, der 
zugleich mit anderen gescheiten jungen Kopfen von dem »Privatgelehrten« C. 
in das Verstandnis Kants eingefuhrt wurde. Nachdem inzwischen Lange nach 
Marburg berufen worden war, forderte er 1873 C. (eben auf Grund seines Kant- 
buches) auf, sich in Marburg zu habilitieren. Auf Langes Betreiben hin wurde 
C. 1875 in Marburg Extraordinarius. Nur kurze Zeit leider war es C. vergonnt, 
mit Lange gemeinsam in Marburg zu wirken, da den letzteren schon 1876 der 
Tod abrief. Im gleichen Jahre wurde C. sein Nachfolger auf dem philosophi- 



232 igi8 

schen Lehrstuhle an der Universitat. Es kam nun eine schaffensreiche Zeit 
fiir C. und eine groBe Zeit fiir Marburg. C. wurde zum Begriinder der neukanti- 
schen Marburger Schule und fand an Paul Natorp (f 1924) einen verstandnis- 
vollen und gleichgesinnten Mitarbeiter. Eine groBe Anzahl von Schulern lerate 
hier die Methode des Philosophierens, denn nur auf die Methode, nicht auf die 
Uberlief erung philosophischer Dogmen war die Einheit der Marburger Schule be- 
griindet. Deren Wirksamkeit blieb durchaus nicht auf Deutschland beschrankt, 
sondern die Schuler kamen aus fast aller Herren L,andern. C. hatte sich mittler- 
weile mit Martha, geb. Lewandowski, verheiratet. Das C.sche Haus wurde zum 
Mittelpunkt reger geistiger Geselligkeit. Es verkehrten in ihrem Hause Na- 
torp, Rade, Varrentrapp, v. Sybel u. a. Aber auch Musiker gingen aus und 
ein, da nicht nur C. selbst Verstandnis und Liebe zur Musik hatte, sondern 
auch seine Frau als Klavierspielerin und Sangerin mehr als dilettantisches 
Konnen besaB. 

Die nachste wissenschaftliche Aufgabe, die sich C. stellte und loste, war die 
weitere Durchforschung, kritische Darstellung und Fortbildung des Kantschen 
Systems. So erschienen denn in kurzen Zeitabschnitten »Die systematischen Be- 
griffe in Kants vorkritischen Schriften, nach ihrem Verhaltnis zum kritischen 
Idealismus«. (Berlin 1873.) »Kants Begriindung der Ethik* (Berlin 1877), 
» Kants Begriindung der Asthetik« (1889). Daneben befaBte sich C. in mehreren 
bedeutenden Universitatsreden mit Kant. C. war keineswegs der erste, der in 
Zeiten philosophischen Tiefstandes den Geist der Kultur wieder an Kant 
orientieren wollte. Schopenhauer und Fries konnten ja neben dem romantischen 
Dreigestirn Fichte, Schelling, Hegel ohnehin als treuere Kantianer gelten ; ob- 
gleich Schopenhauer nicht nur mit seiner Willensmetaphysik, sondern auch 
in der subjektivistischen Auffassung der Kantschen Erkenntnistheorie und 
Fries in seinem Vorurteil gegen das Transzendentale weit von der rechten 
Bahn abgewichen waren. Aus den Reihen der Hegelianer selbst hatte Chr. H. 
WeiBe im Jahre 1847, bald darauf auch Eduard Zeller wieder auf Kant hin- 
gewiesen, doch waren diese noch zu sehr in der Dogmatik ihres Meisters Hegel 
befangen, um zu einem tieferen Verstandnis Kants vorzudringen. Dies wurde 
zuerst durch Otto L,iebmanns Schrift »Kant und die Epigonen« 1865 ermoglicht. 
Es muB aber gesagt werden, daB auch Liebmann den Geist der transzenden- 
talen Methode noch nicht rein zu erfassen vermochte. Friedrich Albert I*ange 
war vor allem dem ethischen Teil des Kantschen Systems nicht gerecht ge- 
worden. Erst die Schriften C.s waren es, welche eine objektive ErschlieBung 
dieses Systems brachten, und indem sie auf dem von Kant vorgezeichneten 
Weg liber Kant hinausgingen, der Philosophic iiberhaupt einen machtigen 
Impuls gaben. 

C. faBte das Kantsche System als Theorie der Erfahrung. Wie ist Erfahrung 
moglich ? Das ist die Kardinalf rage der kritischen Philosophic Erfahrung be- 
deutet hierbei das System der Wissenschaft, nicht aber das individuelle Er- 
fahren deseinzelnen. Was das erkennendeSubjekt und das erkannte Objekt sei, 
ist selbst eine Frage der Philosophic, die nicht das eine oder andere als gegeben 
voraussetzen darf. Die Kritik der reinen Vernunft richtet die transzendentale 
Frage an die Mathematik und die mathematische Naturwissenschaft. Welches 
sind die obersten und unerlaBlichen Bedingungen der Erfahrung, das heiBt, 
von welchen »selbst gedachten Prinzipien«(Kategorien und reineAnschauungen) 



Cohen 233 

mufl die Wissenschaft ausgehen, damit mathematische Naturwissenschaft 
moglich sein soil. In ahnlicher Weise fragt die Ethik, wie sie in der Kritik der 
praktischen Vernunft enthalten ist, nach den obersten Voraussetzungen einer 
allgemeingultigen Sittlichkeit. Die Kritik der Urteilskraft richtet in ahnlicher 
Weise die transzendentale Frage auf die Reiche der Kunst und der Organismen. 
Die objektive Richtung der kritischen Philosophic diirfte hierdurch vorlaufig 
zur Geniige gekennzeichnet sein. 

In der Kritik der reinen Vernunft riickte gemaB der v6n C. wiederentdeckten 
Unterscheidung des metaphysischen und transzendentalen Apriori der Schwer- 
punkt der Betrachtung ganz und gar in die transzendentale Deduktion und 
das System der Grundsatze. Die transzendentale Apperzeption wurde als ge- 
raeinsamer Quell der reinen Anschauungen und Kategorien erkannt. In der 
dritten Auflage seines kritischen Grundwerkes iiber Kants Theorie der Erfah- 
rung wurde der Begriff der reinen Anschauung der Kritik unterworfen und 
Raum und Zeit als Denkprinzipien den Kategorien beigeordnet. C. war es 
auch, der zuerst die Identitat der Begriffe Ding an sich und Idee nach- 
gewiesen hat. 

In der Kritik der Kantschen Moralphilosophie hat sich C. in zwiefacher Hin- 
sicht ein Verdienst erworben, indem er namlich erstens den Zusammenhang 
zwischen Recht und Sittlichkeit wieder offenkundig machte und zweitens die 
Kantsche Postulatenlehre mit triftigen Griinden verwarf. 

Fur die Darstellung der Asthetik war vor alien Dingen die Korrektur am 
Begriff des Erhabenen von Bedeutung, welches C. schon in der Schrift » Kants 
Begriindung der Asthetik « als eine Unterart des Schonen nachwies. 

Bei diesen kurzen Bemerkungen in bezug auf die Stellung C.s zu Kant muft 
es hier sein Bewenden haben. Wenden wir uns nunmehr wieder seiner Biographie 
zu. Als Dozent hatte C. groBen Erfolg. Freilich klagten die Studenten, wenig- 
stens diejenigen, welche den Vorlesungen nicht regelmaBig folgten, ilber die 
Schwierigkeit seiner Darstellung. Wer aber den philosophischen Eros in sich 
trug, der muBte von der Art seines Vortrags machtig angezogen werden. Je 
alter C. wurde, desto mehr trat das religiose Problem ins Zentrum seines Inter- 
esses. Es hat ihn zwar von jeher beschaftigt, denn er litt personlich stark unter 
der Inhumanitat des Antisemitismus. Sein Eintreten fiir die Religion des ein- 
zigen Gottes war vom reinsten sittlichen Pathos erfiillt. Ubergehen wollen wir 
hier seine Auseinandersetzungen mit Martin Buber und E. Frankel iiber das 
Problem des Zionismus. Im freiesten und humansten Geist hat er sich in zahl- 
reichen Vortragen und Abhandlungen iiber die religiose Frage geaufiert. Man 
kann iibrigens hier eine Entwicklung seines Denkens verfolgen. In der Schrift 
Religion und Sittlichkeit (1907), ebenso aber auch im zweiten Teil seines 
Systems der Philosophic (Ethik des reinen Willens, 2. Aufl., 1907) steht er 
noch auf dem Standpunkt, da£ im Lauf der Zeit alle Religion in Sittlichkeit 
aufzuheben sei. Nach und nach aber gewinnt die Religion, ohne irgendwie in 
Gegensatz zur Ethik zu kommen, doch eine gewisse Selbstandigkeit. (Vgl. 
die Schriften »Der Begriff der Religion im System der Philosophies, 1915, und 
»Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums*, posthum er- 
schienen 1919.) Wahrend die Ethik, wie wir noch horen werden, das Individuum 
ganz und gar auf die Allheit der Menschheit hin orientiert, sollte nunmehr die 
Religion fiir das Verhaltnis des einzelnen zu seinem Gotte einzutreten haben. 



234 l( * lS 

In stiller Gedankenarbeit hatte C. bis zum Jahre 1902 die Grundlagen des 
eigenen Systems der Philosophic gefunden. Im genannten Jahr erschien der 
erste Band, die »Logik der reinen Erkenntnis«. Obgleich es offensichtlich ist, 
daB Platon, Leibniz und Kant die geistigen Tauf paten dieses Werkes sind, 
so haben wir es darin doch mit einem Erzeugnis von hoher Originalitat zu 
tun. Die transzendentale Fragestellung Kants ist beibehalten, aber das Problem 
ist selbstandig und den Fortschritten der Wissenschaft entsprechend bear- 
beitet. C. behandelt die Logik in erster Linie als Logik des Ursprungs. Der 
Ursprung wehrt zunachst das Gegebene ab. Das reine Denken der Wissenschaft 
muB die obersten Prinzipien und Hypothesen, auf denen das System der 
Wissenschaft erbaut werden soil, selbstandig entwerfen und darf sie weder von 
irgendwelchen gegebenen Dingen noch von der Empfindung entlehnen. Im 
wissenschaftlichen Urteil wird der allgemeine Gegenstand der Natur ent- 
worfen und erzeugt. In der Ausfuhrung schlieBt sich C. an die historisch be- 
dingte Einteilung der Urteile nach den Gesichtspunkten der Qualitat, Quan- 
titat, Relation und Modalitat an. Die Urteile der Qualitat entsprechen dabei 
dem Denken der formalen Logik. Formal heiBt die Logik hier nicht etwa des- 
wegen, weil sie mit dem Inhalte der Erkenntnis nichts zu tun hatte ; denn ein 
inhalts- und gegenstandsloses Denken kann es nicht geben; sondern sie heiBt 
formal, weil sie die allgemeinsten Denkgesetze angibt, die iiberall bei der Ent- 
werfung des Gegenstandes der Erkenntnis sich fruchtbar erweisen. Hier steht 
das Urteil oder das Denkgesetz des Ursprungs an der Spitze. Wahrend wir es 
uns sonst versagen miissen, die Urteilsarten alle einzeln zu besprechen, so 
mtissen wir auf das Urteil des Ursprungs wegen seiner uberragenden Bedeutung 
fiir das ganze System C.s eingehen. Das Denkgesetz des Ursprungs gibt ganz 
allgemein die Methode an, wie man zu einem problematisch entworfenen Be- 
griff den erklarenden oder erzeugenden Begriff, der die Losung des vorlaufig 
gefaflten Problems bringt, findet. Es entspricht dem in der alteren Logik als 
unendliches Urteil bezeichneten Urteil. GemaB dieser Methode sucht man zu 
dem problematisch aufgestellten Begriff den im System der Begriffe kon- 
tinuierlich benachbarten Begriff als Ursprungsbegriff. So wurde der Begriff 
des Atoms oder des Unteilbaren erdacht, um das Teilbare, das heiBt die Ma- 
terie zu begreifen; ahnlich etwa auf dem Gebiete der Ethik dient der Begriff 
der Unsterblichkeit, um das Wesen der sterblichen Menschen zu ergriinden. 
Da beim Aufsuchen des Ursprungsbegriffs ein logischer GrenzprozeB, das heiBt 
ein Durchgang durchs Unendliche erfolgt, so ist die Ubereinstimmung mit 
dem unendlichen Urteil offenkundig. Der Ursprung nun muB in alien Kate- 
gorien und Urteilsarten lebendig bleiben : sie sind gleichsam nur Abwandlungen 
dieses einen Prinzips. Es erstreckt iibrigens seine Geltung iiber das ganze Ge- 
biet der Philosophic Unter den Urteilen der formalen Logik oder der Qualitat 
finden wir dann weiter die Urteile der Identitat und des Widerspruchs. 

Der nunmehr erst ganz allgemein angelegte Gegenstand der Erkenntnis 
findet seine nahere Bestimmung durch die Urteile der Mathematik oder 
Quantitat. Die drei fundamentalen Urteilsarten, die hier auftreten, sind die 
Urteile der Realitat, der Mehrheit und der Allheit. Die Realitat des Gegen- 
standes legt die Physik im Differential oder der Infinitesimalzahl fest. Diesen 
Gedanken hatte C. schon fruher in einer Schrift iiber das Prinzip der Infinitesi- 
malrechnung ausgesprochen. Das Differential ist gleichsam nur eine Anwen- 



Cohen 



235 



dung des Prinzips des Ursprungs. In der Optik, Akustik usw. wird das sinnlich 
Gegebene (die Empfindung) in Differentialgleichungen objektiviert. So ist die 
Mathematik fur C. nicht etwa nur ein auBerliches Hilfsmittel des Physikers, 
sondern ihr kommt konstituierende Bedeutung zu: in ihren Begriffen erfaBt 
der Physiker das Sein. — Es ist wichtig, zu bemerken, daB C. nicht, wie Kant, 
ein besonderes Urteil der Einzelheit kennt, denn wie C. in dem nachsten Urteil, 
dem Urteil der Mehrheit, zeigt, ist das einzelne iramer Glied einer Mehrheit 
und hat nur als solches Bedeutung. In dem Urteil der Mehrheit entwickelt C. 
unter anderem den Begriff der endlichen Zahl und den der Zeit. Da die Auf- 
fassung des Zeitbegriffs, wie sie C. zu eigen ist, iiber die Logik hinaus fur das 
System von Bedeutung ist, so miissen wir ihr wenigstens einige Worte wid- 
men. C. geht nicht vom Begriff der Folge aus, wie es der Sensualismus tut, 
dieser halt sich an die gegebenen Vorstellungen, die einander im Geiste 
folgen. Aber fur C. darf kein Gegebenes die Erkenntnis bestimmen. Es ist 
daher vollkommen dem Geist seines Systems entsprechend, wenn er die Zeit 
vornehmlich als Antizipation, als Vorwegnahme der Zukunft denkt. Zuerst 
ist die Zukunft, diese verwandelt sich erst in die Gegenwart und Vergangen- 
heit. — Das dritte Urteil der Mathematik ist das der AUheit. Der Sinn der 
Mehrheit und demnach auch der Einzelheit wird erst durch die Allheit ent- 
hullt. Auch dieses Urteil ist fur die Ethik von groBter Bedeutung. Es sei im 
Vorbeigehen angemerkt, daB im Urteil der Allheit auch die Kategorie des 
Raumes auftritt. 

Der Gegenstand der Erkenntnis wird nun immer konkreter bestimmt. An die 
Urteile der Mathematik schlieBen sich die der mathematischen Naturwissen- 
schaft an. Es sind die Urteile der Substanz, des Gesetzes und des Begriffs. 
Nachdem mit ihnen der Gegenstand in seinen allgemeinen Umrissen ent- 
worfen ist, bleiben noch die Urteile der Methodik (Modalitat) iiber. Hier 
werden die Begriffe der Moglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit er- 
ortert. Das Urteil der Notwendigkeit gibt Gelegenheit, die Syllogistik kritisch 
zu beleuchten. 

Die Ethik C.s sucht die Ethik als Logik der Geisteswissenschaften und ins- 
besondere des Rechts aufzubauen. Die transzendentale Frage richtet sich hier 
also auf das Recht und den Staat als die konkreten Erscheinungsformen der 
Sittlichkeit. Die Ethik ist die Lehre vom Begriff, besser gesagt von der Idee 
des Menschen. Sie spricht nicht von der zufallig wirklichen Existenz der Indi- 
viduen, sondern vom Seinsollenden, das heiBt von der Aufgabe einer Willens- 
gemeinschaft der Menschheit. Jeder Begriff, also auch der des Menschen, ent- 
halt, wie die Logik gezeigt hat, die drei Stufen der Einzelheit, Mehrheit und 
Allheit in sich, wobei das einzelne gegeniiber der Mehrheit und Allheit un- 
selbstandig ist. Das bedeutet fur die Ethik, daB der einzelne sein sittliches 
Selbst nur in der Allheit finden kann. Das sittliche Selbst als die Aufgabe der 
Willenshandlung wird gemaB dem Prinzip des Ursprungs aus dem anderen 
geboren. Die Methode aber, die Willensgemeinschaft des sittlichen Selbstes 
zu erzeugen, liegt in der Idee des Staates. Wenn man vom Staat als dem Weg 
des sittlichen Selbst spricht, so darf man nicht vergessen, daB es sich urn den 
seinsollenden Staat, das heiBt urn die Idee des Staates, nicht urn den zufallig 
wirklichen Staat handelt. Diesen letzteren der Idee gemaB zu machen, ist 
vielmehr gerade die hochste Aufgabe des Menschengeschlechts. 



236 I9i8 

Wenn die Ethik das Ideal des Sittlichen entwirft, so entsteht die bange 
Frage, ob denn dieses Ideal auch zu verwirklichen sei? Es konnte ja sein, daB 
die Natur des Menschen oder der Dinge sich den Anforderungen der Sittlich- 
keit dauernd entzoge, oder daB die Sittenwesen aussterben, ehe die Sittlichkeit 
wirklich wird ; dem widerspricht das Grundgesetz der Wahrheit. Wahrheit ist 
nicht ein bloB logischer Begriff, sondern er greift von der Logik in die Ethik 
iiber. Die Logik hat es nur mit der Richtigkeit der Begriffe zu tun, die Wahr- 
heit aber ist zugleich ein sittlicher Begriff. Ira Interesse der Sittlichkeit fordert 
das Grundgesetz der Wahrheit die Harmonie von Natur und Sittlichkeit, das 
heiBt die Moglichkeit einer stets fortschreitenden Annaherung an das Ideal. 
Das Grundgesetz der Wahrheit vertieft sich dann in C.s Ethik zur Idee Gottes, 
in der die Sicherheit des sittlichen Fortschrittes beruht. In dieser Lehre ver- 
wertet C. aufs fruchtbarste seinen Begriff der Antizipation. 

Der Begriff des Willens wird von C. weder rein intellektualistisch gemaB der 
Gesinnungsethik gedacht, noch auch, wie in aller utilitaristischen Ethik, in 
die auBerliche Tat verfliichtigt. Im Willen miissen sich Denken und Affekt 
vereinigen. Das Denken entwirft das Ziel der Handlung, aber der sittliche Affekt 
setzt die Handlung in Bewegung. Als sittliche Affekte stellt nun C. zwei auf : 
erstens den Affekt der Achtung, er ist der treibende Motor aller Handlungen, 
die sich auf die Allheit beziehen ; zweitens der Affekt der Liebe, er ist die Trieb- 
kraft, die die Handlungen, welche sich auf die Besonderheiten der Familie, der 
Gesellschaft usw. beziehen, beseelt. Demnach unterscheidet C. ein System von 
Tugenden der Achtung und der Liebe, das seinen Gipfel im Begriff der Humani- 
tat findet. In der Tugend der Humanitat durchdringen sich alle anderen Tugen- 
den, verschmilzt die Achtung und die Liebe. Mit ihr aber sind wir auch an der 
Grenze der Asthetik angelangt. 

Die Asthetik weist im Gefuhl der Menschenliebe den Ursprung der Kunst 
auf. Natur und Sittlichkeit geben den Stoff ab, aus dem der Kunstler die neue 
Wirklichkeit des Kunstwerks fonnt, die, wie sie aus dem Eros entsprungen ist, 
Liebe im Beschauer erweckt. Der Kunstler hat weder Sittlichkeit zu lehren 
noch die Natur nachzuahmen, aber er muB Herr der Natur und Sittlichkeit 
seiner Zeit sein, um beide in das harmonische Gefuhl der Menschenliebe auf- 
zulosen. Die gefuhlsmaBige Harmonie von Natur und Sittlichkeit tritt im 
Kunstwerk als Schonheit in Erscheinung; Schonheit ist also die Grundkate- 
gorie der Asthetik. Der Kunstler erzeugt sein asthetisches Subjekt in und an 
dem asthetischen Objekt, das heiBt, dem Kunstwerk. Das asthetische Subjekt 
ist nicht ein solches des Begriffes, sondern des Gefuhls. Das Erhabene und das 
Humoristische sind Unterarten des Schonen, die dadurch entstehen, daB ent- 
weder die Seite der Natur oder der Sittlichkeit fur das Gefuhl voriibergehend 
pravaliert; voriibergend, denn endlich muB die Auflosung in die Harmonie 
des Gefuhls doch immer erfolgen. Von diesen sicheren Voraussetzungen aus 
entwirft C. das Svstem der Kiinste, das hier zu reproduzieren uns der Raum 
fehlt. 

Die Marburger Schule, deren anerkanntes Haupt C. war, hatte mittlerweile 
zahlreiche Anhanger und Freunde gewonnen. Dies zeigte sich deutlich, als C. 
191 2 seinen 70. Geburtstag feierte. Aus aller Herren Landern kamen die Gra- 
tulanten, siebzig Kollegen und Schuler iiberreichten eine Festschrift, auBer- 
dem wurde noch eine besondere Festschrift von 43 judischen Gelehrten ihm 



Cohen. Crusius 



237 



dargebracht. Nach seinem 70. Geburtstag verlieB C. die bisherige Statte seiner 
Wirksamkeit und siedelte von Marburg nach Berlin iiber. Hier war er dann 
noch eine Reihe von Jahren an der Akademie des Judentums als Lehrer tatig. 
C. war nicht, wie ich aus einem Mifiverstandnis heraus in meinem Cohen-Buch 
(S. 94) angab, Freimaurer, dagegen hat er immer den regsten Anteil am reli- 
giosen Leben seiner Glaubensgenossen genommen. 

In die Zeit seiner Berliner Wirksamkeit fallen noch zwei bedeutsame Er- 
eignisse, namlich einmal die Reise nach RuBland 1914, auf der er von der ge- 
lehrten Welt Polens und RuBlands seinem Genie und seinen Leistungen ent- 
sprechend geehrt wurde; und die Feier seines sojahrigen Doktorjubilaums 
1915, bei welcher Gelegenheit ihm wieder zahlreiche Beweise der Verehrung 
und Liebe zuteil wurden. 

Literatur: Eine ausfuhrlicheC. -Bibliographic findet man beiW. Kinkel: H.Cohen, eine 
Einfuhrung in sein Werk, Stuttgart 1924, S. 346 ff . Wir begniigen uns hier, die wichtigsten 
seiner Werke anzufuhren: Kants Theorieder Erfahrung, Berlin 1871, 2. Aufl. 1885, 3. Aufl. 
19 18. — Die systematischen Begriffe in Kants vorkritischen Schriften nach ihrem Ver- 
haltnis zuin kritischen Idealismus, Berlin 1873. — Kants Begriindung der Ethik, Berlin 
1877, 2 - Aufl. 1910. — Das Prinzip der Infinitesimalmethode und seine Geschichte, Berlin 
1883. — Kants Begriindung der Asthetik, Berlin 1889. — Logik der reinen Erkenntnis, 
Berlin 1902, 2. Aufl. 19 14. — Religion und Sittlichkeit, Berlin 1907. — Ethik des reinen 
Willens, Berlin 1907. — Asthetik des reinen Gefuhls, 2 Bde., Berlin 191 2. — Deutsch- 
tum und Judentum, GieBen 191 5. — Der Begriff der Religion im System der Philo- 
sophic GieCen 191 5. — Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums, 
Leipzig 19 19. — Jtidische Schriften, ed. B. Straufl, 3 Bde., Berlin 1924. — Kleine philo- 
sophische Schriften, ed. Cassirer & Gorland, im Erscheinen begriff en. — tfber das Leben 
Cohens orientiert aufler meiner oben genannten Schrift R. Fritzsche: H. Cohen aus per- 
sonlicher Erinnerimg. Berlin 1922. — Der wissenschaftliche NachlaC findet sich in 
Handen von Frau Martha Cohen, Berlin W 10, Dornbergstr. 6. 

Gieflen. Walter Kinkel. 

Crusius, Otto, klassischer Philologe, * am 20. Dezember 1857 m Hannover, 
f am 29. Dezember 1918 in Miinchen. — C. entstammt von vaterlicher Seite 
einer meist im alten Kurfurstentum Sachsen ansassigen Gelehrtenfamilie, aus 
der sein Oheim Gottlob Christian C. (1785 — 1848), zuletzt Kantor und philo- 
logischer Lehrer am Lyzeum in Hannover, als Verfasser eines vielbenutzten 
Homer-Lexikons und kommentierter Homer- Ausgaben bekannt ist ; die Mutter, 
eine Niedersachsin (geb. Winckelmann) , war mit Heinrich Hoffmann von 
Fallersleben befreundet, der dem schon seit 1861 vaterlosen C. ein vaterlicher 
Freund wurde. Die dem Verfasser des Deutschlandliedes eigentumliche Mi- 
schung naturwiichsiger poetischer Improvisationsgabe und biederer Ge- 
lehrsamkeit ist nicht ohne Eindruck und Wirkung auf C. geblieben. Das 
Lyzeum seiner Geburtsstadt Hannover, eine Gelehrtenschule alten und besten 
Stils, auf der er in politisch bewegter Zeit heranwuchs, gab ihm strenge geistige 
Schulung: es war Heinrich Ludolf Ahrens, der ihm in der Prima die Augen 
fur die »lebendige« antike Welt offnete und den Ernst sprachlichen Studiums 
zum vollen BewuBtsein brachte. Ihm fiihlte er sich sein ganzes Leben mehr 
als irgendeinem seiner Universitatslehrer zu grenzenlosem Dank verpflichtet 
und huldigte ihm schriftlich und miindlich, so oft er nur konnte (vgl. auch 
das Vorwort zu H. L. Ahrens, Kleine Schriften, I, 1891). Seinen immer regen 
Bildungshunger suchte er durch die bunteste Privatlektiire zu stillen; schon 



238 I9i8 

als Gymnasiast hat er seine besonderen Lieblinge Heinrich v. Kleist und Karl 
Immermann entdeckt, der scheinbar zufallige Erwerb der kdstlichen Basler 
Folio- Ausgabe des Petrarca ist gleichsam das Symbol seiner humanistischen 
Bestimmung. 

Als C. Ostern 1875 an die Universitat Leipzig kam, um klassische Philo- 

logie zu studieren, war das Gestirn Friedrich Ritschls kurz vor dem Erloschen 

(t Nov. 1876); es ist bezeichnend, daB ihm bei aller Hochachtung vor der 

disciplina Ritscheliana seine Schriftstellerinterpretation »damals meist im 

Handwerklichen steckenzubleiben schien«. Zunachst zogen ihn tiberhaupt 

die Germanisten starker an, unter ihnen besonders Rudolf Hildebrands 

reicher und feiner Geist; ja es muB damals die Gefahr bestanden haben, daB 

ihn der von kleinauf leidenschaftliche Hang zur Musik ganz der Wissenschaft 

entfuhrte. Klarend und befreiend hat die groBe Reise gewirkt, die er als 

Begleiter einer deutschamerikanischen Familie nach seinem 5. Semester 

im Jahre 1877 — 1878 durch Siiddeutschland, Italien und Frankreich machen 

konnte. Jetzt tritt die griechisch-romische Antike als die sein Leben bestim- 

mende GroBe in den Mittelpunkt und alle anderen Neigungen ordnen sich 

dem einen Ziele unter. Von seiner Riickkehr nach Leipzig an konzentriert 

er sich unter Otto Ribbecks teilnahmsvoller Leitung ganz auf die klassischen 

Studien, als deren erstes bedeutendes Ergebnis seine Dissertation de Babrii 

aetate 1879 erschien. Daran schloB sich das Staatsexamen und seine An- 

stellung als Gymnasiallehrer zuerst am Gymnasium zu Dresden-Neustadt, 

dann nach dem Militarjahr 1881/82 in Leipzig an der Thomasschule bis 1886: 

seiner praktischen Tatigkeit im Schuldienst hat er immer in treuer Dankbar- 

keit gedacht. Aber schon im Mai 1883 habilitierte er sich mit einer Arbeit 

iiber die antiken Paromiographen, die ihn sofort in die vorderste Linie der 

jiingeren Philologen stellte. Nachdem er sich 1885 mit Franziska v. Bihl ver- 

mahlt hatte (von den beiden Sohnen ist der altere, Otto C, Musiker, der 

jiingere, Friedrich C, Philologe), konnte er Ostern 1886 das ihm angebotene 

Jenaer Extraordinariat ausschlagen und dem Rufe an Erwin Rohdes Stelle 

nach Tubingen folgen ; nach dessen f riihem Tode folgte er ihm auf den Heidel- 

berger Lehrstuhl 1898 (nachdem er Halle abgelehnt hatte) und ging schlieB- 

lich (nach Ablehnung eines Wiener Rufes) 1903 als Nachfolger Wilhelm 

v. Christs nach Miinchen, wo er 1915 zum Prasidenten der bayerischen Aka- 

demie gewahlt wurde. Dieser rasch ansteigende und auBerlich glanzende 

cutsus honor um war nur die gemaBe Anerkennung seiner Fahigkeiten, deren er 

sich selbst stets kraftvoll bewuBt war. In den letzten Tagen des schweren 

Jahres 1918 setzte ein Gehirnschlag seinem Leben ein jahes, vollig uner- 

wartetes Ende. 

Die Leistungen des Forschers liegen zunachst auf festumgrenzten, der 
hohen und klassischen Literatur f ernen Gebieten : schon bei der Dissertation 
iiber die Lebenszeit des Babrios ist das Wesentliche nicht das chronologische 
Ergebnis (das ja auch durch die Papyrusfunde eine Korrektur erfahren 
muBte), sondern das lebendige Verstandnis der antiken Fabel als einer Aus- 
drucksform griechischen Volksgeistes und die souverane Beherrschung der 
weit iiber die Antike hinaus reichenden Fabelliteratur. Fiir Babrios hat C. 
1897 die maBgebende Edition besorgt; die weiter greifenden Plane muBten 
unvollendet bleiben : sowohl das Corpus fabidarum Aesopicarum (mit Hausrath 



Crusius 23Q 

u. a.), wie eine Geschichte der antiken Fabel und ihres Nachlebens. Was C. 
19 13 »aus der Geschichte der Fabel « als Einleitung zu Kleukens popularem 
Buch der Fabeln veroffentlichte, sind kostliche Proben reifer geschichtlicher 
Einsicht, die den Verzicht auf das Ganze tun so bitterer empfinden lassen. 
Neben der Fabel gait seine Arbeit dem Marchen, den Sprichwortern, den 
religiosen Brauchen und Vorstellungen des Volkes: insbesondere sollte der 
reiche Schatz der griechischen Sprichworter, den er kannte und liebte wie 
keiner, gehoben werden. Seine Analecta ad paroemiographos Graecos 1883 
legten die aufierordentlich verwickelte Uberlieferung der vorhandenen Samm- 
lungen klar und sind noch heute das einzige Buch, das den Zugang zu ihnen 
eroffnet; denn so viel er (z. T. mit Iy. Cohn zusammen) spater noch zu den 
Paromiographen veroffentlicht hat (Plut. de proverb. 1887 u. 1895, Ver- 
handlg. d. 40. Phil.-Vers. Gorlitz 1890, Philol. Suppl. 1891, Sitz.-Ber. d. 
bayer. Akad. 1910), auch hier ist das am Anfang sicher ins Auge gefafite eigent- 
liche Ziel, ein neues Corpus Paroemiographorum Graecorum (sehr verschieden 
von dem alten Gottinger) zu schaffen, nicht erreicht worden. Weit zerstreut 
sind seine religionsgeschichtlichen und volkskundlichen Aufsatze von der 
I^eipziger Zeit (Artikel fur Ersch und Gruber, Roscher u. a.) bis zum Beitrag 
in der Kuhn-Festschrift (1916): sie sind in ihrer Mehrzahl Interpretations- 
versuche, meist von Dichterstellen, und insofern echte Philologie. Von den 
dunkelsten Regungen der Volksseele und ihren primitiven Ausdrucksformen 
wird der Weg gesucht zu den erhabensten AuBerungen griechischen Geistes 
in Lyrik und Drama. Die zeitliche Bedingtheit dieser Arbeiten offenbart sich 
wohl in der Herubernahme mancher »folkloristischen« Hypothese: aber im 
letzten Grunde wurzeln sie doch noch in den Anschauungen der von der 
romantischen Geistesbewegung mitbestimmten »historischen Schule«. Jacob 
Grimm hat er immer mit bewufitem Nachdruck »den grofiten Philologen* 
genannt, und unter den Altertumsforschern verehrte er Otfried Muller als den 
genialsten; Wilh. Mannhardt aber pries er unaufhorlich als den Forscher, 
der in rastloser Arbeit das Gemeinsame in antikem und nordischem Volks- 
glauben aufgedeckt hatte. Den vom Teubnerschen Verlag ausgehenden Plan 
einer Sammlung seiner Beitrage zur alten Folklore und Dichtung vereitelte 
der Ausbruch des Krieges. 

Eine seltsame Gabe der tv%?] war fiir ihn der 1890 wiedergefundene Heron- 
das: der »volksmaJ3ige« Inhalt, il piccolo mondo antico, vor allem zog ihn an 
und lieB ihn fiir Ausgabe (1892, 5. Aufl. 1914), Untersuchungen (1892), Uber- 
setzung (1893, 2. Aufl. von Rudolf Herzog 1927) in schneller Folge sorgen. 
(Viele Einzelbeitrage im Philologus bis zu dem nachgelassenen von R. Herzog 
veroffentlichten Stiick Philol. 79, 1924.) GewiB war er seinen vorausliegenden 
Studien nach besonders zum Interpreten dieses Dichters geriistet, aber die 
rasche und sichere Art, mit der er in wenigen Monaten den schwierigen Text 
alien Fernerstehenden zuganglich machte, ist verbluffend. Diese Tatigkeit 
des unmittelbaren Eingehens auf das Neue, das vor allem der sich gerade 
damals offnende Boden Agyptens brachte, macht viele Jahrgange des seit 
1886 von ihm redigierten Philologus zu einer sehr anregenden Lektiire. 
Neue Funde gaben ihm auch Gelegenheit, seine unter Philologen einzigartige 
Kenntnis antiker Musiktheorie, die er sich als Musikf reund und Musiker fruh 
erworben hatte, f ruchtbar zu machen : er hat in den ratselhaften Zeichen auf 



24O I9i3 

dem Grabstein des Seikilos die Musiknoten erkannt (i 891, ausgefuhrt 1893), hat 
auf dem Orestes-Papyrus die Instrumental- von den Vokalnoten unterschieden 
(1893) und hat die delphischen Hymnen in einem Buche (1894) behandelt, 
in dem besonders die Ausfuhrungen iiber das Verhaltnis von /u^Aog und 
Sprachakzent wichtig und unmittelbar einleuchtend sind. Der beste Kenner 
griechischer Musik, Hermann Abert (t am 13. Aug. 1927) hat bei seiner An- 
trittsrede in der Berliner Akademie (Sitz.-Ber. 1925, XCVI) fur seinen Tii- 
binger Lehrer, der seiner Laufbahn die entscheidende Wendung gegeben hat, 
«in begeistertes Bekenntnis abgelegt. — Im Gegensatz zu alien bisher genannten 
Arbeiten war die fliichtige Revision und Erganzung der Bergk-Hillerschen 
Anthologia lyrica 1897 (alle spateren Drucke sind nur mechanische Wieder- 
holungen) eine Not- und Pflichtarbeit. Die Notwendigkeit einer volligen Neu- 
gestaltung dieser unentbehrlichen handlichen Textausgabe der griechischen 
Lyriker hat niemand schmerzlicher empfunden als C. selbst, der ja eine Zeit- 
lang auch die Erneuerung des groBen Bergk plante und in den Artikeln der 
ersten fiinf Bande der Real-Enzyklopadie (bis 1905) skizzenhafte Lyriker- 
Portrats und Entwicklungsgeschichten lyrischer Dichtformen (Dithyrambus, 
Elegie) entwarf : aber wie andere oben schon genannte Teile seines Lebens- 
werkes blieb auch die Arbeit an den griechischen Lyrikern fragmentarische 
Hindeutung auf ein groBes Ziel. Hier, bei den Lyrikern, glaubte er — wahrend 
es ihm bei der Fabel, beim Sprichwort u. a. um allgemeine Volkergedanken 
und naives Volkstum zu tun war — die Macht der »Personlichkeit« in ihrer 
eigentiimlich griechischen Pragung am unmittelbarsten zu fassen. Doch hat 
er das in den gedruckten Arbeiten kaum angedeutet, ausgefuhrt hat er solche 
Gedanken nur in den Vorlesungen. Es vermogen ja uberhaupt weder die 
kleine Zahl der vollendeten Werke noch die Unzahl von Werkstticken in 
Einzeluntersuchungen und Aufsatzen (ca. 150 ohne die 80 Artikel bei Ersch 
und Gruber, Roscher und Pauly-Wissowa, dazu die wirklich zahllosen Rezen- 
sionen im Literar. Zentralbl.) einen Begriff von dem zu geben, was C. liber 
die Antike sagen wollte und konnte. Das haben nur seine Horer erfahren, die, 
in glucklichen Stunden das lebendige tonende Wort, sehr abhangig von der 
Stimmung und Eingebung des Augenblicks, vernahmen. Vom Anfang der 
Tiibinger Zeit an hat er groBe darstellende Hteraturgeschichtliche Vorlesungen 
gehalten, die anfangs beide Literaturen bis in die Kaiserzeit umfaBten, sich 
aber spater auf die griechische beschrankten und schlieBlich immer starker 
auf die klassische Epoche konzentrierten. Als wichtigstes und eindrucks- 
vollstes in 30 Jahren oft wiederholtes Hauptkolleg steht daneben das liber 
Metrik und Poetik der Griechen und Romer, das unter dem Titel »Formen- 
lehre der antiken Dichtung« sein letztes, nicht mehr vollendetes sein sollte. 
Interpretiert hat er in den Vorlesungen vor allem Aristophanes, Aeschylus, 
Theokrit, dagegen Homer und Sophokles erst in Miinchen. Und diese spatere 
Zeit, in der er die in Heidelberg (1901) aufgenommene »Griech. Volkskunde* 
nur selten wiederholte, hat neben einer umfassenden Vorlesung iiber Ge- 
schichte der Philologie (zuerst 1904/05) eine iiber die Antike im 19. Jahrhundert 
gezeitigt (zuerst 1904); im Krieg (1915/16) hat er beide vereinigt unter dem 
Titel »Altertum und Deutschtum, Einleitung in das Studium der klassischen 
Philologie « gehalten. Off en spricht hieraus, was doch auch die Dominante 
aller anderen Vorlesungen war, das Bekenntnis zum Griechentum. 



Crusius 241 

Damit erst erreichen wir — nachdem mit Vorbedacht zuerst die Leistungen 
des Forschers und Dozenten in ihrer konkreten Fiille und Vielfaltigkeit aus- 
gebreitet wurden — den Punkt, in dem das Personlichste und Allgemeinste 
zugleich beschlossen liegt. Wir miissen erkennen, daB das in alien Erinnerungs- 
bildern und Gedachtnisreden laut und einstimmig gepriesene Menschen- und 
Kunstlertum in C. seine seelenbezwingende Macht von einer hoheren Idee 
her erhalten hat. Er besaB das Charisma des echten Humanisten. Erst wenn 
es gelingen sollte, diesen » Humanismus « in seiner Eigenart zu bestimmen 
und inn als eine Haupttriebkraft seiner Philologie zu fassen, diirften wir hoffen, 
einer so komplizierten geistigen Erscheinung, wie C. es war, einigermaBen 
gerecht zu werden : vom Stile des Epitaphs wie von dem der kritischen Aus- 
einandersetzung gleich weit entfernt, wollen wir hier ja nichts anderes als ihn 
verstehen. — Zu C.s Lebenszeit standen nebeneinander (um es grob zu sagen) 
ein traditioneller Schulhumanismus, der nach der Ansicht der Wissenschaft, 
so weit sie ihn iiberhaupt beriicksichtigte, nur von einem Scheinbild, von 
einer »gedachten« Antike lebte, und die reale Altertumswissenschaft, die sich 
um das wirkliche Altertum bemuhte und fur welche die Antike als Ideal 
dahin war. C. aber glaubte, ohne die im 19. Jahrhundert vertiefte und er- 
weiterte geschichtliche Erkenntnis der alten Welt preiszugeben, auf die Prin- 
zipien Wilhelm v. Humboldts zuriickgreifen zu konnen und zu miissen. »Das 
Ideal des Neuhumanismus ist durch das Lauterungsfeuer der Geschichts- 
wissenschaft gegangen und hat standgehalten « (1910). Fiir den Aufbau der 
antiken Kultur selbst schien ihm die Idee der Personlichkeit und die der 
inneren Freiheit grundlegend, entwicklungsgeschichtlich betrachtet, stand 
ihm ihre Urspriinglichkeit (im Volklichen, Staatlichen, Individuellen) und 
der ewige Symbolgehalt fiir die europaische Kulturgemeinschaft fest. Die 
Griechen sind, wie er in immer neuen Variationen ausgefiihrt hat, die Schopfer 
und Trager der Bildungsidee : Humboldt und jeder, der an geschichtlich 
Gegebenes ankniipfen will, muB sich an sie als die Erzieher wenden. Die 
Romer galten ihm — so sehr er ihrer Eigenart sonst gerecht zu werden 
versuchte — unter diesem Gesichtspunkt nur als die Vermittler, dieBotschaft 
vom griechischen Kulturgedanken zu bringen hatten. Diese Gesamtanschau- 
ung vom Wesen der Antike steht mehr oder minder deutlich ausgesprochen 
hinter alien seinen AuBerungen ; in den Publikationen tritt ein (f reilich von dem 
ersten kaum zu trennender) zweiter Gesichtspunkt beherrschend in den 
Vordergrund: die lebendige Wirkung der Antike auf die Folgezeit. Zur Er- 
forschung des geschichtlichen Zusammenhangs der alten Kultur mit alien 
spateren europaischen versuchte er anzuregen (Das Erbe der Alten, mit Zie- 
linski und Immisch seit 1910; zum Untertitel des Philologus: Zeitschr. f. d. 
klass. Altertum fiigte er »und sein Nachleben« hinzu seit 1912); er selbst 
ist vor allem dem Verhaltnis von Altertum und Deutschtum nachgegangen. 
Hier hinwiederum hat ihn naturgemaB die Zeit vor 100 Jahren lebhaft be- 
schaftigt, aber auch das folgende 19. Jahrhundert, insbesondere Nietzsche 
und die unmittelbare Gegenwart. (Europa und der griech. Gedanke in: Mann- 
haftigkeit und Biirgersinn, Tat-Biicher 10, 1915. — W. v. Humboldt und die 
Erneuerung des deutschen Geistes im Zeitalter der Befreiungskriege, Vortrag, 
Miinchen, 1. 2. 1916, nicht gedruckt, mangelhafte Nachschrift im NachlaB. — 
Der griechische Gedanke im Zeitalter der Befreiungskriege in: Mitteilungen 

DBJ 16 



242 1918 

des Wiener Ver. d. Freunde des hum. Gymn. 17, 1916. — Berliner Vortrag, 
Anf. Dez. 1917, Manuskript im NachlaB ohne Titel, wohl: Deutschtum und 
Altertum; auch fiir Frontvortrage verwertet.) »Humboldts Forderungen sind 
keine verganglichen Theorien und Geschmacksurteile, sie sind gewisser- 
maBen die Funktionsformeln des deutschen Geisteslebens und sie bezeichnen 
die Integration deutschen Wesens in der Richtung zum Europaischen und 
Menschlichen. Die lebendigen Machte der Personlichkeiten und Nationali- 
taten (nicht allgemeine Lehrsatze und Anweisungen) sind das wahrhaft Bil- 
dende. « Das Wissen um die Grundkrafte hellenischen Geistes wirkt unmittel- 
bar ins eigene Leben, und aus der eigenen Lebendigkeit nur laBt sich das Grie- 
chentum verstehen. Die Gestaltung des eigenen Selbst und die werthafte Er- 
fassung der Antike bedingen sich also gegenseitig. Der »zwanglose«, 191 1 
gedruckte Vortrag: Wie studiert man klassische Philologie? sollte zu einem 
Buche in humanistischem Geist: »Philologiestudium und die Bedeutung der 
Antike « ausgearbeitet werden. Es ist im Grunde das humanistische Ethos, 
das ihn zu dem innerlich sonst so ganz anders gearteten Rohde hinzog und in 
dessen Preis sein »Biographischer Versuch* (1902) ausklingt; und wie stark 
ihn die Problematik der »klassischen« Philologie bewegt hat, zeigen neben 
diesem seinem groBten und bedeutendsten Werk zu ihrer Geschichte seine 
Aufsatze iiber Ribbeck (Beilage zur Allg. Zeitung 1899, 180, 213), seine 
Einleitung zum II. Bande von Nietzsches Philologica (1913), ja selbst 
seine weit iiber ihren unmittelbaren Gegenstand hinausgreifende Rede auf 
v. Christ (1907). 

Alle Vorbedingungen fiir eine gliickliche Zusammenfassung zu einem groB- 
angelegten und durchgeformten Werk schienen gegeben zu sein ; und doch ist 
schlieBlich das meiste in Ansatzen haften geblieben, gegeniiber dem » wahrhaft 
monumentalen Werk* eines Freundes hat er (21. 11. 1909 an Herm. v. Fischer, 
s. u. S. 522 ff.) schaudernd gesehen, wie seine »Schreiberei verzettelt und zer- 
flattert ist«. Er selbst wie andere haben die Last der Amter (oberster Schulrat 
in Baden und in Bayern, Zensurbeirat) und Wiirden (Prasidentschaft der 
Akademie und Generalkonservatorium der Sammlungen des bayer. Staates) 
beklagt und die I^ockungen des kiinstlerisch-geselligen I^ebens in dem baye- 
rischen Capua (nahe stand er z. B. Mich. Gg. Conrad, Josef Ruederer, Isolde 
Kurz ; Otto Greiner, Adolf v. Hildebrand ; dem ganzen Kreis der Siiddeutschen 
Monatshefte). Aber die letzte Ursache des friihzeitigen und iiberraschenden 
Nachlassens der in den Leipziger und Tiibinger Jahren so intensiven Forscher- 
arbeit liegt tiefer ; schon aus dem oben Ausgefuhrten ergibt sich, daB ihm nicht 
wie den meisten seiner Zeitgenossen der hochste Wert fachwissenschaftlicher 
Arbeit an sich bedingungslos feststand, er suchte nach dem Sinn und er 
suchte nach dem unmittelbaren tatigen AnschluB an die Zeit; er gehorte 
nicht zu den reinen Vertretern des filog decogrjTiKOg. Die kurz skizzierten 
Leitgedanken seiner humanistischen Bestrebungen — eben jenes Suchen 
nach dem Sinn — ermangelten schlieBlich doch einer tieferen Begriindung, 
einer theoretischen Verarbeitung ; Humboldtsche Ideen kreuzten sich viel- 
fach mit ausgesprochen »romantischen«, und die Wendung ins Praktische, 
im Krieg dann besonders ins Politische, hatte etwas Plotzliches, Unorgani- 
sches: das In-Beziehung-Setzen mit der Formel »auch bei uns« und das 
Jagen nach Analogien war mitunter nicht ohne Gewaltsamkeit und Gefahr. 



Crusius 



243 



Die standige Fuhlung mit dem zeitgenossischen geistigen Leben konnte er 
gar nicht entbehren: »ich fiihle die Verpflichtung Zeitgenosse zu sein, und es 
ist auch gut, wenn man sich von Zeit zu Zeit von den literarischen Nord- 
winden anblasen laBt . . . « (an H. v. Fischer, 12. 12. 1905). So schon eine solche 
Offenheit fiir alles Lebendige ist, die Winde der Zeit bliesen zu heftig und nicht 
immer giinstig. Wenn bei ihm statt fester Gedankengefuge und Gestaltungen 
eine lose Folge von » Impressionen « entsteht, so ist das Zeitstil, und wenn 
»Leben« »Lebendigkeit« j»Erleben« einen breiten Raum in seinem Wortschatz 
beanspruchen, so erkennen wir auch daran den Zeitgenossen der )>I^bens«- 
Philosophie, ja der Biologie, nicht den Erben der Grimm und O. Muller. 
GewiB war auch seine Sprache »lebendig« und kaum war einer, selbst in der 
kleinsten und intimsten philologischen Untersuchung, vom Pedantismus 
deutschen Gelehrtenstils f reier als C. ; angeborenes kiinstlerisches Empfinden 
und ohne Frage auch die Lehre des groBen Sprachmeisters Rudolf Hilde- 
brand wirkten gliicklich zusammen, aber seine Starke lag im Aper9u, im 
Aphorismus, im Impromptu, nicht in einer groBeren und geschlossenen Form. 
Darum hat er, wie etwa bei der Fabel, immer wieder Fragmente herausgegeben, 
weil ihn das Ganze in der Form nie befriedigte. Es war die innere Erregung 
der Kriegszeit und das Drangen des Verlages, was ihn zur Sammlung und 
Veroffentlichung eigener poetischer Improvisationen veranlaBte (Heilige Not 
1916): den Durchschnitt von Professorenpoesie erheblich iiberragend, sind 
sie, auch wo sie sich volkstumlich geben, geschmackvoll und sehr gebildet. 
Immer dringender wurden die Forderungen des »Lebens« von alien Seiten, 
gehetzt und atemlos muBte er immer ofter von dem Wege abschweifen, auf 
dem er nach dem hohen Sinn fiir seine Wissenschaft suchte ; das Ziel f reilich 
»schwebte ihm (um eine seiner charakteristischen Iyieblingswendungen zu 
gebrauchen) vor Augen«, bis den Rast- und Ruhelosen die Gotter vom un- 
vollendeten Lebenspfad entrafften. Aber in confinio duorum saeculorum 
seine Stimme weithin pro humanitate erhoben zu haben, ist etwas so Beson- 
deres und GroBes und in die Zukunft Weisendes, daB es auch ohne die Gnade 
der endlichen Erfullung des dauernden Gedachtnisses wiirdig und gewiB ist. 

Literatur: Von seiner Kindheit und Jugend bis zura Abiturium erzahlt C. selbst bei 
A. Graf, Schiilerjahre, 191 2, S. 65 — 84; bei W. Zils, Geistiges und kiinstlerisches Miinchen 
in Selbstbiographien, 19 13. S. 50 — 56, spricht nicht C. selbst, aber er hat dem Heraus- 
geber sehr ausfiihrliche (schriftliche und miindliche ?) Unterlagen geliefert. — Eine voll- 
standige Bibliographie aller Veroffentlichungen (einschliefllich der Rezensionen) bis zum 
Jahre 1909 s. im Almanach d. bayer. Akad.der Wiss.zum 150. Stiftungsfest 1909, S. 205 
bis 216. — Der ausfiihrliche Nekrolog von K. Preisendanz, Bursians Jahresbericht f. d. 
Altertumswissenschaft, Bd. 185 B, 1920 (57 S.) verwertet menschlich interessantes Brief- 
material. — Kiirzere Nachrufe: W. Schmid, Wiirttemberg. Korrespondenzblatt 25 (1918), 
S. 186 ff.; A. Rehm, Jahrbuch d. bayer. Akad.der Wiss. 1919, S. 8 ff.; L. Rademacher, 
Akad. der Wiss. in Wien, Almanach f. 1919, S. 231 ff.; R. Pfeiffer, Liter. Beilage z. Augs- 
burger Postzeitung 1919, S. 1 ; K. Rupprecht, Siiddeutsche Monatshefte, Mai 1919, S. 142. 
— Der handschriftliche NachlaC ist in den Hiinden der Familie (Miinchen, Isabella- 
strafle 26) ; zwei ungedruckte Vortrage aus der Kriegszeit uber humanistische Probleme 
sind oben benutzt, ebenso der (schon von Preisendanz herangezogene) Brief wechsel mit 
H. v. Fischer. Fiir die Uberlassung der Handschriften sowie fiir andere aufschluBreiche 
Mitteilungen bin ich Dr. Friedrich Crusius dankbar verpflichtet. 

Freiburg i. Br. Rudolf Pfeiffer. 



244 I9lS 

Eichhorn, Hermann v., Koniglieh preuBischer Generalfeldmarschall, * am 
i3.Februar 1848 in Breslau, f (durch Bombenanschlag) am 30. Juli 1918 in 
Kiew. — Unter den Fiihrern des deutschen Heeres wahrend des Weltkrieges 
wird man v. E. stets einen der hervorragendsten Platze zuweisen miissen. v. E. 
war aber nicht nur der bedeutende Soldat, dessen Taten im Kampfe gegen die 
Russen zu den groBen Erfolgen des Krieges zahlen, seine vielseitige, tiefe Bildung 
hat ihm den Ruf einer tiberragenden Personlichkeit geschaffen. »Er gehorte zu 
jenen Menschen, die man achtet und verehrt, nicht weil die Fiille der Ordens- 
sterne blendet oder die Wiirde der hohen Stellung Eindruck macht, sondern 
weil man die Warme ihres Herzens und die Uberlegenheit ihres Geistes spiirt. « 
»Wer mit ihm zusammen dienen durfte, der wird sich freudig dieses ganzen 
Mannes erinnern.« 

Die Familie E. stammt aus dem Hohenlohischen. Der GroB vater v. E.s war 
der preuBische Staatsmann J. Friedrich E. Dieser Mainfranke war bei der 
Wiedererhebung PreuBens ein Mitarbeiter von Gneisenau und Stein gewesen, 
hatte dann hervorragenden Anteil an der Griindung des Zollvereins gehabt und 
wurde schlieBlich preuBischer Minister der geistlichen Angelegenheiten. Aus 
der Ehe mit Amalie Sack, der Tochter des Berliner Oberhofpredigers, einer 
Frau »von hoher Intelligenz und groBter Zartheit des Gefuhls«, entsproB als 
Erstgeborener der Vater des Feldmarschalls, der spatere Regierungsprasident, 
der am 27. Februar 1856 in den preuBischen Adelsstand erhoben wurde. Im 
Jahre 1843 fiihrte dieser die Tochter Julie des Philosophen Friedrich J. Schel- 
ling als Gattin heim. Die Mutter v. E.s hatte ein gutes Teil von ihrem bedeu- 
tenden Vater mitbekommen; »von groBer korperlicher Schonheit und hoher 
Regsamkeit des Geistes gewann sie tiefen und nachhaltigen EinfluB auf die 
Entwicklung ihrer Kinder. « 

Wie ererbte Eigenschaften seinen Charakter beeinfluBten und andere ihn 
besonders auszeichneten, schildert Sittmann: »Die nordische Geistesartung 
kam denn auch bei dem Feldmarschall neben der siiddeutschen zu starkem 
Ausdruck ; aus einer Mischung beider laBt sich das Wesen des Mannes gut er- 
klaren. Mit einer auBerordentlichen L,ebhaftigkeit und Beweglichkeit, mit einer 
starken Begeisterungsfahigkeit fiir ethische und asthetische Werte, mit einer 
iiberraschenden Vielseitigkeit der Interessen vereinigte der Geist des Feld- 
marschalls eine durchdringende Scharfe des Blickes, der nie an der Oberflache 
haften blieb, ein scharfes Herausarbeiten der Zusammenhange, eine Zahigkeit 
im Erwarten, eine Kraft im Festhalten und eine Sicherheit im Einordnen des 
geistigen Gewinnes. « Bildung und Wissen waren bei ihm nicht Selbstzweck. 
Wenn er sprach, war es gehaltvoll und klar, immer den Kern der Sache er- 
fassend, seine Reden und Gedanken getragen von tiefer, gliihender Vaterlands- 
liebe. Von seinen Lippen kamen stets nur Worte der Gerechtigkeit. Uber seine 
ganze Personlichkeit schwebte der Zauber gewinnender Ritterlichkeit und 
Herzensgiite. In alien Stellungen der Friedens- und Kriegszeit war er nicht nur 
Soldat und Vorgesetzter, sondern auch Kamerad und vaterlicher Freund. An 
sich selbst stellte v. E. die hochsten Anforderungen ; er war strengster, vor- 
bildlicher Pflichtbegriff, eine Verkorperung der Selbstzucht. Der echte und 
frische Soldatengeist verlieh ihm noch im hohen Alter die Spannkraft eines 
Junglings. 

Als zweiter von drei Sohnen geboren, besuchte v. E., in altpreuBischer Ein- 



Eichhorn 245 

fachheit und Sparsamkeit erzogen, zunachst das Gymnasium in Breslau und be- 
stand dann in Oppeln, wohin sein Vater versetzt worden war, das Abiturienten- 
examen. Am 1. April 1866 trat er als Dreijahrig-Freiwilliger mit Aussicht auf 
Beforderung in das 2. Garderegiment zu FuB ein. Schon als Unteroffizier nahm 
er an dem Feldzuge gegen Osterreich teil und kampfte bei Soor, Koniginhof und 
Koniggratz in den Reihen seines Regiments. Am 6. August wurde v. E. Portepee- 
fahnrich, genau einen Monat spater ebenfalls ohne Examen Sekondeleutnant. 
Mit dem 2. Gardelandwehrregiment zog er in den Krieg gegen Frankreich, und 
wurde dann mit diesem bei der Belagerung von StraBburg und vor Paris ein- 
gesetzt. Seit dem Marz 1872 schmuckte ilin das Eiserne Kreuz II. Klasse; im 
Oktober des gleichen Jahres wurde er zur Kriegsakademie kommandiert. Hier 
fand er in dem spateren Generalfeldmarschall v. Hindenburg und dem General 
der Kavallerie v. Bernhardi » Alters-, Arbeits- und Gesinnungsgenossen«. 1873 
erhielt er seine Beforderung zum Premierleutnant. Nach Beendigung des Kom- 
mandos zur Kriegsakademie tat v. E. in seinem alten Regiment Dienst, war 
auch wenige Monate Regimentsadjutant, bis er am 18. Mai 1876 auf ein Jahr zur 
Dienstleistung beim GroBen Generalstabe kommandiert wurde. Von 1877 bis 
1879 war v - E. dann Adjutant der 60. Infanteriebrigade in Metz, wurde auch hier 
am 8. Juni 1878 iiberzahliger Hauptmann. Im Dezember 1879 bekam er als 
Kompagniechef die 12. Kompagnie im 2. Garderegiment zu FuB. 

Am 2. Marz 1880 verheiratete sich v. E. in Berlin mit Jenny Jordan (f 22. April 
1925), der zweiten Tochter des Geh. Legationsrates im Auswartigen Amt, Wil- 
helm Jordan. » Jahre, in denen manche ernste Sorge an sie herantrat, haben das 
Paar fester aneinandergekettet, als UberfluB und GenuB es vermocht haben. 
So wurden die Eheleute eine Einheit, in der man sich den einen Teil ohne den 
anderen nicht vorstellen kann; die Arbeit, die Erfolge, das Wesen des Mannes 
nicht ohne die umhegende, ausgleichende, liebreiche Fiirsorge der Gattin, die 
geistige Hohe und die Herzenstiefe der Frau nicht ohne die Leitung und Forde- 
rung durch den Mann. Als starkstes einigendes Band, starker fast noch als die 
Sorge fur die Kinder, umschlang das Paar, wie das groBelterliche, die gluhende 
Vaterlandsliebe. « Uberall wurde sein Haus die Statte hochstehenden geistigen 
Verkehrs. Aus dem Ehebunde sind in den Jahren 1880 — 1883 zwei Sonne und 
eine Tochter entsprossen. 

Im Januar 1883 erneut zum GroBen Generalstabe kommandiert wurde v. E. 
einen Monat spater dem Generalstabe der 30. Division mit dem Standort in Metz 
zugewiesen. Am 15. Mai erfolgte dann unter Belassung in der bisherigen Dienst- 
stelle seine Versetzung in den Generalstab der Armee. Von 1884 — 1888 finden 
wir v. E. als Generalstabsoffizier bei der 5. Armeeinspektion in Karlsruhe; 
Generalinspekteur war damals General der Kavallerie Friedrich, GroBherzog 
von Baden. Am 20. Februar 1886 zum Major befordert, wurde v. E. Weih- 
nachten 1888 in den Generalstab der 2. Division versetzt. Elf Monate spater 
wurde er zur Dienstleistung beim Generalkommando des I. Armeekorps kom- 
mandiert, im Marz 1890 in den Generalstab des soeben gebildeten XVII. Armee- 
korps versetzt. Nachdem v. E. am 16. Mai 1891 zum Oberstleutnant befordert 
war, erhielt er am 19. September 1891 seine Versetzung in den GroBen General- 
stab, einen Monat spater seine Emennung zum Abteilungschef. Im gleichen 
Jahre hatte an Stelle des Grafen Waldersee der General Graf Schlieffen das 
verantwortungsvolle Amt als Chef des Generalstabes ubernotnmen. 



246 I9i8 

Im Mai 1892 muBte v. E. seinen Wohnort Berlin mit Karlsruhe vertauschen, 
wohin er als Chef des Generalstabes des XIV. Armeekorps versetzt wurde. Sein 
Kommandierender General war hier der General der Inf anterie v. Schlichting. 
Mit diesem geistreichen Manne und bekannten Lehrmeister blieb v. E. auch 
spater in warmer Freundschaft verbunden. Am 14. Mai 1894 Oberst geworden, 
wurde v. E. nach einer ununterbrochenen, iiber zwolf Jahre sich hinziehenden 
glanzenden, aber arbeitsreichen Tatigkeit im Generalstabe zum Kommandeur 
des Leibgrenadierregiments Nr. 8 in Frankfurt a. O. ernannt. Hier »zeigte er 
sich vom ersten Tage an als eine allem Kleinlichen fernstehende, vom vater- 
lichen Wohlwollen namentlich fur die jiingeren Kameraden erfullte Personlich- 
keit, der man das Geniale und tJberragende ihres Wesens von vornherein 
instinktiv anmerkte «. Im besonderen MaJ3e pflegte er die feldmaBige Gefechts- 
ausbildung seines Regimentes. Seine Ernennung am 16. Februar 1897 zum Chef 
des Generalstabes des VI. Armeekorps loste jedoch nicht auf ewig die Bande, 
v. E. hat stets eine grofle Anhanglichkeit an das Regiment bewahrt. Noch in 
demselben Jahre zum Generalmajor befordert, wurde v. E. am 8. Oktober 1898 
Kommandeur der 18. Infanteriebrigade in Liegnitz. Nachdem er dann zunachst 
als Generalleutnant die 9. Division in Glogau wenige Wochen vertretungsweise 
gefuhrt hatte, erfolgt am 4. Juni 1901 seine Ernennung zum Divisionskomman- 
deur. 

Am 1. Mai 1904 wurde v. E. zum Kommandierenden General des XVIII. 
Armeekorps in Frankfurt a. M. ernannt, am 24. Dezember 1905 zum General 
der Infanterie befordert. Am 6. Juni 1908 wurde v. E. d la suite des Leib- 
grenadierregiments Nr. 8 gestellt, am 1. Januar 191 2 durch die Verleihung des 
Schwarzen-Adler-Ordens weiterhin ausgezeichnet. 

Diese Stellung war eine nicht ganz einfache. Mit Vorsicht, Klugheit und Takt 
muBten Klippen und Schwierigkeiten iiberwunden werden, welche haufige 
Besuche des Kaisers im Taunus, Anschauungen der Frankfurter Gesellschaft 
und der Umstand bedingten, dafl das GroBherzogtum Hessen einen Teil des 
Korpsbezirkes bildete. v. E. zeigte sich aber auch diesen Anforderungen voll 
und ganz gewachsen. Seine langjahrige Tatigkeit als Kommandierender General 
ist von ausschlaggebender Bedeutung fur die Entwicklung und Ausbildung der 
Armee geworden. Fast an jeder der neuen Dienstvorschriften hat v. E. hervor- 
ragenden Anteil gehabt. So war er als Kommissionsmitglied bei der Umarbei- 
tung des Infanterie-Exerzierreglements von 1906 bemuht, seine Gefechtsgrund- 
satze durchzusetzen. Seine Auffassungen, die »mehr Freiheit in der Gefechts- 
fiihrung, Durchbildung der Unterfuhrer«, mehr Personlichkeitsausbildung ver- 
langten, brachten ihn dabei oft in Gegensatz zu seinem alten Regiments- 
kameraden und Freund, dem Kommandierenden General des III. Armeekorps, 
v. Biilow (s. DBJ. 1921, S. 52 ff.). Als Vorsitzender der 1907 einberufenen 
Kommission ftir die Ausarbeitung einer neuen Felddienstordnung ist dann v. E. 
erneut tatig gewesen. Diese Felddienstordnung von 1908 ist »zum Bestandteil 
der deutschen klassischen Prosa geworden <(, sie zeigt »in Form und Inhalt, im 
Aufbau und Gliederung die starken Spuren der Personlichkeit des Vorsitzen- 
den der Kommission «. Auch praktisch wuJ3te v. E. der Truppe die Neuerungen 
und Erfahrungen der letzten Kriege zunutze zu machen und sein Korps tak- 
tisch auf eine besonders hohe Ausbildungsstufe zu bringen. Seine Kritiken und 
Manoverbesprechungen bildeten immer eine besondere Anziehungskraft und 



Eichhom 



247 



wirkten befruchtend auf das gesamte Offizierkorps. Viel Interesse zeigte v. E. 
fiir die Luftwaffe, obgleich man damals noch nicht voraussehen konnte, welche 
Bedeutung sie einst haben sollte, sie erhielt durch ihn eine weitgehende Forde- 
rung, er selbst nahm sogar schon 1909 an einem groBeren Uberlandflug eines 
Zeppelinluftschiffes teil. Neben seiner dienstlichen starken Inanspruchnahme 
blieb jedoch noch Zeit iibrig, in der v. E. eifrig Vorlesungen besuchte, in der 
schonen Umgebung jagte oder mit gebildeten Off izieren und Vertretern anderer 
Berufe einen ungezwungenen Verkehr pflegte. An der Entwicklung von Frank- 
furt hat er in diesen Jahren ebenfalls Anteil genommen, er fehlte auch bei 
keiner off iziellen Veranstaltung. Sehr ungern sahen ihn daher weite Kreise der 
Stadt scheiden, als er im Herbst 1912 zum Generalinspekteur der 7. Armee- 
inspektion in Saarbriicken ernannt wurde. 

Anf Grund einer solch' glanzenden Friedenslaufbahn, seines in so vielen 
Stellungen bewahrten militarischen Konnens, seines in mehreren groBen 
Manovern bewiesenen Fiihrertalents war Generaloberst (1. Januar 1913) v. E. 
fiir den Mobilmachungsfall zum Oberbefehlshaber der 5. Armee in Aussicht 
genommen. Im Mai 1914 hatte aber v. E., der trotz seines schweren Gewichtes 
ein guter und passionierter Reiter war, in Metz bei einer Truppenbesichtigung 
einen schweren Unfall mit dem Pferde, dem sich eine langwierige Lungen- 
entziindung anschloB. Als der Krieg ausbrach, war v. E. noch nicht wieder 
felddienstfahig. Ein fiirwahr tragisches Geschick fiir einen alten Soldaten und 
so hervorragenden Offizier, kein Wunder, daB er sich in jenen Tagen selbst als 
»den ungliicklichsten Mann der ganzen Armee « bezeichnete. Kaum genesen, 
erbat er Ende 1914 von seinem Obersten Kriegsherrn die Erlaubnis, sich 
zum Leibgrenadierregiment 8 begeben zu diirfen, das damals vor Soissons 
lag. Hier erlebte v. E. die erfolgreichen Januar-Kampfe; diese ersten Ein- 
driicke im Weltkriege, schrieb er spater, gehorten »zu seinen schonsten 
Erinnerungen «. 

Hindenburgs Feldziige in Siid- und Nordpolen endeten im Dezember 1914 
im Stellungskriege tief im polnischen Gebiet. Inzwischen waren die Russen 
wieder in OstpreuBen eingef alien. Eine neue Operation wurde deshalb gegen 
diesen Feind eingeleitet. Jetzt endlich (26. Januar 1915) erhielt v. E. den lang- 
ersehnten Befehl iiber eine Armee. Seiner, der neugebildeten 10. Armee fieldie 
Aufgabe zu, den iiberlegenen russischen rechten Fliigel zu umfassen. Anfang 
Februar begann die »Winterschlacht in Masuren«. Im Norden bei Insterburg, 
wahrend vom eisigen Wind aufgepeitschte Schneemassen Weg und Steg ver- 
wehten, fiihrte v. E. seine Truppen zum Angriff vor. Mit wuchtigen Schlagen 
zertrummerte er den rechten Fliigel des iiberraschten Feindes und eilte in 
machtiger Umfassungsbewegung, unbekiimmert um Flanke und Riicken, iiber 
Marjampol bis vor die Tore der starken Festung Grodno. Hier traf die 10. Armee 
mit dem iiber Augustow kommenden anderen Teil der deutschen Zange 
(8. Armee) zusammen, wahrend die Masse der Russen in dem verschneiten, weit- 
gedehnten Augustower Wald vergeblich nach einem Ausweg suchte. Auch Ent- 
lastungsvorstoBe aus Grodno gegen den Riicken der Deutschen scheiterten. 
Hunger und Verzweiflung fuhrten fast die ganze eingeschlossene russische 
Armee in Gefangenschaft. OstpreuBen war jetzt endgiiltig befreit. Fiir diesen 
Sieg wurde v. E. mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse und durch ein ehrenvolles 
Telegramm seines Obersten Kriegsherrn ausgezeichnet. 



248 I9i8 

Bei der Fortsetzung der Operation erwiesen sich die Hindernisse der Natur 
starker als der Wille des Fuhrers und die Tapferkeit der Truppen. Die erreichte 
Linie war fur die 10. Armee hochst ungiinstig, ein Zuriickschwenken in die 
Front Suwalki — Pilwischki ergab sich mit zwingender Notwendigkeit, zumal 
die Armee noch Teile zu anderer Verwendung abgeben muBte. Bei dieser Be- 
wegung kam aber die EntschluBfreudigkeit und Tatkraft des Generalobersten 
von neuem zum Ausdruck, in den ersten Marztagen erzielte er weitere Erfolge 
gegen die Russen, um dann in der neuen Stellung alle feindlichen VorstoBe 
abzuwehren. 

Der Sommerfeldzug gegen RuBland 191 5 ist stark beeinfluBt durch den 
Gegensatz zwischen Hindenburg-Ludendorff und dem Chef des Generalstabes 
des Feldheeres v. Falkenhayn. Bald nach der Erzwingung der Narew-Linie 
sollte aber auch die Armee v. E. neue Aufgaben erhalten. »Der General hatte 
sich bei mir schon dauernd beklagt, daB die 10. Armee zu lange untatig ware«, 
schreibt Ludendorff. v. E. wurde jetzt beauftragt, die Belagerung von Kowno, 
des wichtigen Eckpfeilers der nordrussischen Festungsfront, vorzubereiten. Von 
Ende Juli ab schob v. E. seine Truppen von Siidwesten her an die Werke heran. 
Am 17. und 18. August erstiirmte seine Armee nach kurzer BeschieBung aus 
schwerstem Geschiitz Kowno. Seit diesem Tage schmiickte v. E. der Orden 
Pour le merite; die Verleihung des Eichenlaubs erfolgte bald darauf nach der 
Einnahme von Wilna. 

Die Ersturmung von Grodno bestarkte den Oberbefehlshaber Ost darin, 
die Offensive nunmehr mit den eigenen Mitteln zu wagen, obgleich er sich 
dessen bewuBt war, daB der gtinstigste Zeitpunkt fiir den StoB Din die Herz- 
gegend des russischen Heeres« verpaBt war. Anfang September begann der 
Vormarsch der Armee Eichhorn. Mit Wucht und Leidenschaft wurde der 
AngrifT gefuhrt. Der Russe stemmte sich jedoch bei Wilna der deutschen 
Umfassung entgegen, wahrend weiter sudlich seine Korps in hartnackigen 
Ruckzugsgefechten nach Osten entwichen. Unaufhaltsam drang indessen der 
linke Fliigel der 10. Armee vor, Reitergeschwader und vorderste Infanterie ge- 
langten bis Wileika, 80 Kilometer an Minsk heran. Doch der Fliigel erwies sich 
als zu schwach und muBte der Ubermacht weichen. Wilna fiel nach schweren 
Kampfen in die Hand der Armee Eichhorn. Nach weiterer, aber frontaler Ver- 
folgung bezog die 10. Armee Stellungen bei Smorgon — Narotsch-See — west- 
lich Postawy. 

Die bedrangte L,age der Franzosen bei Verdun veranlaBte die Russen zu einer 
groBangelegten Entlastungsoffensive, sie wollten auf Wilna durchstoBen. In 
gewaltiger Ubermacht griff der Feind im Marz 1916 an. Wahrend die Fruhjahrs- 
schneeschmelze die deutschen Graben mit eisigem Wasser fiillte, tobte der 
schwere Abwehrkampf, die feindlichen Stiirme erstickten »im Blut und Sumpf «. 
Mit Recht konnte Feldmarschall v. Hindenburg am 1. April bei der Feier des 
goldenen Militarjubilaums v. E.s sagen, »die Armee Eichhorn war der ent- 
scheidende Fliigel in der Winterschlacht, der Sturmbock, der die Russen iiber 
den Njemen gejagt hat, und ist jetzt der Prellstein, an dem der russische Angriff 
zerschellt ist und zerschellen wird.« 

Als dann Generalfeldmarschall v. Hindenburg zum Chef des Generalstabes 
des Feldheeres ernannt wurde, ubernahm v. E. unter Beibehaltung seines Ober- 
kommandos iiber die 10. Armee den Heeresgruppenbefehl iiber die Armee- 



Eichhorn 249 

gruppe Scholtz und die 8. Armee. Den Truppen seiner Heeresgruppe, der 
nordlichsten an der weitgedehnten Ostfront, war es vergonnt, in den folgenden 
Jahren weitere Siege zu erringen, unter denen die Einnahme von Riga der be- 
deutendste ist. 

Der Aufgabenkreis des Oberbefehlshabers in Wilna erweiterte sich mehr und 
mehr. v. E. konnte neben seiner militarischen Tatigkeit seine politische Be- 
gabung und sein wirtschaftliches Organisationstalent in den besetzten Gebieten 
zur Entfaltung bringen. 

Die Friedensverhandlungen mit den Russen begannen im Dezember 1917 und 
zogen sich ergebnislos bis zum Februar 1918 hin. Trotzki erklarte wohl die »Be- 
endigung des Kriegszustandes«, lehnte es aber ab, einen Friedensvertrag zu 
unterschreiben. Die deutsche Oberste Heeresleitung teilte daraufhin den Russen 
die Beendigung des Waffenstillstandes mit. — Seit Dezember 1917, nach Auf- 
losung der Heeresgruppe Woyrsch, war ihr nordlicher Abschnitt zur Heeres- 
gruppe Eichhorn gekommen. — Deutsche Truppen traten am 18. Februar 19 18 
den Vormarsch an. Ungeheure Raume wurden mit schwachen Kraften durch- 
eilt. Die Heeresgruppe Eichhorn nahm Borissow, Pskow, Dorpat und Reval. 
v. E. verlegte sein Hauptquartier nach Riga. Der Monat Februar brachte v. E., 
der am 18. Dezember 1917 zum Generalfeldmarschall befordert war, noch eine 
besondere Ehrung: die juristische Fakultat der Universitat Berlin ernannte den 
Enkel des Ministers E. zum Ehrendoktor. 

Der weitere Vormarsch, letzten Endes weder aus Eroberungsplanen noch 
ideellen Gninden unternommen, sondern veranlaBt aus Sorge um das unheim- 
liche Gebilde des Sowjet-Staates, mehr noch durch die bittere Notwendigkeit, 
Getreide aus dem russischen Suden zu gewinnen, machte eine Anderung der 
Befehlsverhaltnisse an der Ostfront notwendig. Schon am 5. Marz 19 18 war die 
Trennung des Oberkommandos der Heeresgruppe von dem der 10. Armee voll- 
zogen. Jetzt (31. Marz) ubernahm v. E. die bisherige Heeresgruppe Linsingen, 
sein Hauptquartier wurde Kiew. 

Seiner neuen Heeresgruppe fiel nunmehr die militarische Verwaltung des 
groBen, nordlichen Teiles der Ukraine und der Gouvernements Taurien und 
Krim zu. v. E. war in Kiew der rechte Mann an der rechten Stelle ; es gait auf- 
zubauen, zu ordnen, zu schlichten und zu versohnen. »Nicht nur der Verstand, 
auch das Herz hatte mitzuwirken bei einer Aufgabe, die weit iiber die Fahig- 
keiten auch des besten Soldaten hinausging «. Er f and ungeheuer schwierige und 
verworrene Verhaltnisse vor, aber allmahlich gelang es ihm, die Stellung 
Deutschlands in der Ukraine zu festigen. v. E. war »ein aufrichtiger und iiber- 
zeugter Anhanger und Freund des ukrainischen Volkes«; im festen Glauben 
an die Wiedergeburt des Landes hat er mit Klugheit und Verstandnis an seinem 
Wiederaufbau gearbeitet. 

Fern der Heimat fand der 70jahrige Feldmarschall den Heldentod im Dienste 
fur sein iiber alles geliebtes Vaterland. Am 30. Juli fiel v. E. mit seinem ge- 
treuen Adjutanten, Hauptmann v. DreBler, einem Bombenanschlag zum 
Opfer. 

Nicht personliche Rache war es, die den nicht ukrainischen, aus Moskau 
herbeigeeilten Sozialrevolutionar die schmahliche Tat vollbringen lieB, sondern 
der Kampf gegen die Deutschen, als deren Vertreter, deren Fiihrer und Symbol 
damals fiir groBe Teile RuBlands v. E. erscheinen muBte. 



250 I9i8 

Am Abend des gleichen Tages erlag v. E. den erlittenen Verletzungen. Seine 
letzte Ruhestatte fand v. E. in Berlin auf dem Invalidenfriedhofe, anf dem so 
viele groBe Deutsche den letzten Schlaf tun. 

Literatur: Gothaisches Geneal. Taschenbuch der adeligen Hauser. Alter Adel und 
Briefadel, 19. Jg., Gotha 1927. — Bredow-Wedel, Historische Rang- und Stammliste des 
deutschen Heeres, Berlin, o. J. — Die Schlachten und Gefechte des GroBen Krieges 19 14 
bis 1 918. Zsgest. v. Gr. Generalstab, Berlin 191 9. — Der Grofle Krieg 1914 — 1918, herausg. 
v. M. Schwarte (Der deutsche Landkrieg, Bd. I — III), Berlin 192 1 ff. — Volkmann, E. O., 
Der Grofle Krieg 1 9 1 4 — 1 9 1 8 auf Grand der am tlichen Quellen , Berlin 1922. — Foerster, W . , 
Graf Schlieffen und der Weltkrieg, 2. Aufl., Berlin 1925. — Ludendorff, E., Meine Kriegs- 
erinnerungen 1914 — 1918, Berlin 1919. — Falkenhayn, E- v., Die Oberste Heeresleitung 
1914 — 1916, Berlin 1920. — Redern, v., Die Winterschlacht in Masuren (Der groBe Krieg 
in Einzeldarstellungen, H. 20), Oldenburg 1918. — Flex, W., Die russische Fruhjahrs- 
offensive 1916 (Der grofle Krieg in Einzeldarstellungen, H. 31), Oldenburg 19 19. — Leib- 
grenadierregiment Konig Friedrich Wilhelm III. (1 . Brandenb.) Nr. 8 im Weltkriege. Zsgest. 
v.H.Schoning, Oldenburg-Berlin 1924 (Erinnerungsblatter deutscher Regimen ter, Bd. 128). 
— Schulthefl' Europaischer Geschichtskalender 1918, T. II, Miinchen 1922. — Siiddeutsche 
Monatshefte, H. 5, Jg. 192 1 : Die Ukraine und Deutschlands Zukunft (K. Deuringer, Der 
deutsche Einmarsch in die Ukraine 1918; G. Frantz, Die Ermordung des Generalfeld- 
marschalls v. E. in Kiew ; M. J . Wolff, Land und Leute) . — Moser, 0. v., Kurzer strategischer 
Oberblick iiber den Weltkrieg 19 14 — 19 18, Berlin 1921. — Weltgeschichte der neuesten 
Zeit 1890 — 1925 I. II. hrsg. v. P. Herre, Berlin 1925. — Kronprinz Wilhelm, Meine 
Erinnerungen aus Deutschlands Heldenkampf, Berlin 1923, S. 4. — Generalfeldmarschall 
v. Hindenburg, Aus meinem Leben, Leipzig 1920, S. 49, 123. — Bernhardi, F. v., Denk- 
wiirdigkeiten aus meinem Leben, Berlin 1927. — Freytag-Loringhoven, Frhr. v., Menschen 
und Dinge, wie ich sie in meinem Leben sah. Berlin 1923, S. 33, 1 19, 123. — Allg. Anz. 
zum Militar-Wochenblatt 1918, Nr. 15, 17, 20. — Koln. Zeitung 1918, Nr. 703, 705 — 710; 
711 (Dr. E. Herold). — Frankf. Zeitg. u. Handelsblatt 1918, Nr. 210, 211. — Illustr. Zeitg. 
Nr. 3919 vom 8. August 19 18 (Major a. D. v. Schreibershofen). — Sittmann, G., Hermann 
v. E., Dettelbach a. M. (Sonderdr. a. d. Jahrbuch 1918 des Hist. Vereins Alt-Wertheim 
in Wertheim). — Generalfeldmarschall v. E. in »Das 2. Garderegiment z. F.«, Jg. 25, Nr. 2 
(Generalmajor a. D. Hell). — Mitteilungen des Generallt. a. D. v. Hofacker, General- 
major a. D. v. Hahnke, Generalmajor a. D. Graf Finck v. Finckenstein, Oberst a. D. Ehr- 
hardt, Major a. D. Dr. v. Hake an den Verfasser. — Mitteilungen und Auskiinfte des 
altesten Sohnes des Feldmarschalls, Dr. jur. L. v. Eichhorn in Wien, an den Verfasser. 

Potsdam. Georg Strutz. 

Hahn, Diederich, Dr. phil., Direktor des Bundes der Landwirte, * am 12. Ok- 
tober 1859 m Ostedeich (Kreis Neuhaus an der Oste in Hannover), f am 24. Fe- 
bruar 191 8 in Berlin. — Diederich H. stammt aus Ostedeich, besuchte die 
Volksschule und dann das Gymnasium in Stade, wo er 1878 das Abiturienten- 
examen bestand. Darauf studierte er Geschichte, Geographie, Geologie und 
germanische Philologie in Leipzig und Berlin und bestand 1884 das Exameri 
pro facilitate docendi in Berlin. Dann wandte er sich dem Studium der National- 
okonomie und Jurisprudenz zu und promovierte 1886 in Berlin zum Dr. phil. 
In demselben Jahre wurde er Probekandidat am Kaiserin- Augusta-Gymnasium 
in Charlottenburg. Von 1886 bis 1893 war H. Archivar der Deutschen Bank in 
Berlin. 

Aus dieser Stellung schied H., als ihn die Politik in den Bann zog. Schon am 
Griindungstage des Bundes der Landwirte trat er in der Versammlung auf dem 
Tivoli in Berlin am 18. Februar 1893 fur die aufschaumende Bauernbewegung 
ein. In demselben Jahre wurde er in seinem Heimatkreise Neuhaus - Geeste- 
niiinde in den Reichstag gewahlt, wo er zunachst als Hospitant der National- 



Eichhorn. Hahn 25 1 

liberalen Partei angehdrte. Als er am 10. Marz 1894 im Reichstage gegen den 
russischen Handelsvertrag stimmte, wurde ihm vom Vorstand der national- 
liberalen Fraktion des Reichstages in einem Schreiben nahegelegt, aus der Liste 
der Hospitanten der Partei auszuscheiden. H. entsprach selbstverstandlich 
diesem Wunsche und nahm sofort seinen Platz auf der Rechten des Hauses. 
Im Jahre 1893 war H. auch in das PreuBische Abgeordnetenhaus gewahlt 
worden. Als 1897 der Direktor des Bundes der Landwirte, Dr. Suchsland, starb, 
iibernahm H., der seit der Griindung des Bundes mit ihm in engster Fuhlung 
stand, diese Stelle und hat sie bis zu seinem Tode innegehabt. 

H. war ein zaher Niedersachse und hatte in seinem Wesen einen starken Teil 
von der beharrlichen Bodenstandigkeit dieses deutschen Volksstammes. Er 
hing mit alien Fasern seines Herzens an seiner engeren Heimat. Die Scholle gait 
ihm als der Nahrboden seines deutschen Volkes. Heimattreue und Schollentreue 
war es, die ihn zu dem Bund der Landwirte gef uhrt hat. Durchdrungen von der 
Bedeutung der deutschen Landwirtschaft, in voller Kenntnis ihrer Lebens- 
notwendigkeiten, in dem BewuBtsein, daB ihr Gedeihen die unbedingte Vor- 
aussetzung fiir das Gedeihen unseres Vaterlandes war, setzte er seine reichen 
Krafte fiir die deutsche I,andwirtschaft ein. Seine auf Uberzeugungstreue be- 
ruhende Unerschrockenheit machte ihn zum erfolgreichen Kampen, der im 
politischen Kampf immer dort stand, wo es am heiBesten zuging, und der zur 
rechten Zeit als ein starker Charakter das rechte Wort fand. Schon in jungen 
Jahren als Griinder und Fiihrer des Vereins deutscher Studenten hat er das 
Wort gesprochen: »Ohne bliihende Landwirtschaft ist nichts zu wollen.* Auf 
dem Grunde dieser sicheren Uberzeugung erwuchs er zum begeisterten Herold 
der Bismarckschen nationalen Wirtschaf tspolitik ; und von H. stammt das 
Wort, das spater der Reichskanzler Furst Biilow sich zu eigen machte: »Ohne 
Heimatpolitik keine Weltpolitik. « 

Im politischen I^eben spielte Dfederich H. eine erhebliche Rolle. Er war ein 
gewandter, temperamentvoller Redner und ein geschickter, schlagfertiger De- 
batter, der stets das Interesse der Of fentlichkeit fand. Mit der Kampfnatur ver- 
einte sich in seiner Person der Zauber liebenswiirdiger Wesensart, die auch den 
Gegner zu entwaffnen wuBte. 

Das Arbeitsgebiet des Direktors H. in der Zentralverwaltung des Bundes der 
Landwirte umfafite besonders die Abteilung Presse, die Wahlabteilung und die 
Ausbildung von Wanderrednern. Der Bund unterhielt zur Vertretung seiner 
Anschauungen die » Korrespondenz des Bundes der I,andwirte«, die zugleich 
das Sprachrohr fiir die offiziellen Kundgebungen der Bundesleitung bildete, 
und die Wochenschrift »Bund der I,andwirte«. Die Wahlabteilung, die vor- 
nehmlich zum Arbeitsgebiet H.s gehorte, hielt die Verbindung zwischen der 
Bundesleitung und den Bundesorganisationen drauBen im Lande behufs ge- 
meinsamer und einheitlicher Vorbereitungen fiir die Parlamentswahlen. Neben 
einer groBeren Zahl von Flugschriften fiir die allgemeinen Wahlen und von 
Flugblattern fiir die einzelnen Wahlkreise wurde fiir die Reichstagswahlen 
unter Leitung H.s jeweilig ein sogenanntes » Wahl-Abc des Bundes der Land- 
wirte « verf aBt, das in alphabetischer Reihenf olge alle in Betracht kommenden 
wirtschaftspolitischen Fragen behandelte. Eine eigenartige Schopfung H.s 
war die Einrichtung und Abhaltung von Rednerkursen zur Ausbildung von 
Wanderrednern des Bundes der Landwirte. Diese wurden in einem besonderen 



252 1918 

Lehrgang auf ihren Aufklarungs- und Werbedienst vorbereitet, rednerisch ge- 
schult und mit den wirtschaftspolitischen Fragen vertraut gemachl;. Alljahrlich 
fand vor Beginn der Winteragitation ein allgemeiner Rednerlehrgang in der 
Bundeszentrale in Berlin statt, wobei H. seine schopferische Rednergabe und 
seine Kunst der Debatte besonders wirksam entfalten konnte. 

Im Deutschen Reichstag betatigte sich H. besonders an der Borsengesetz- 
gebung von 1896 und 1908, wobei er sich erfolgreich fur das Verbot der spe- 
kulativen Borsentermingeschafte in Getreide und Erzeugnissen der Getreide- 
muUerei einsetzte. 

In seiner Heimatprovinz Hannover hatte H. die Vorzuge der bauerlichen 
Anerbensitte und des Anerbenrechts kennengelernt und trat im PreuBischen 
Abgeordnetenhause wiederholt fiir die Erhaltung eines bodenstandigen und 
leistungsfahigen Bauernstandes ein. Das Anerbenrecht bildet zugleich einen 
wichtigen Bestandteil der inneren Kolonisation ; es dient zur Erhaltung der 
Rentengiiter in wirtschaftskraf tiger Hand. Die alte friderizianische Landpolitik 
des » Bauernschutzes «, d. h. der Erhaltung des Bauernlandes und Bauern- 
standes, schwebte dem Direktor des Bundes der Landwirte vor, als er 1907 im 
PreuBischen Abgeordnetenhause in Gemeinschaft mit dem freikonservativen 
Abgeordneten Engelbrecht einen Antrag einbrachte, wonach gesetzliche Be- 
stimmungen herbeigefiihrt werden sollten, daB in solchen Landesteilen, die der 
Gefahr der Aufsaugung des bauerlichen Besitzes durch Groflkapital (zwecks 
Schaffung von Luxus- und Jagdgiitern) ausgesetzt sind, der Erwerb bauerlicher 
Besitzungen unter Aufsicht zu stellen sei. Die Gesetzentwiirfe iiber die »Guter- 
schlachterei « kniipften daran an. 

Aus seiner hannoverschen Heimat brachte H. auch seine Bestrebungen zur 
Forderung der Moorkultur mit. Er hat sich selbst sein »Moorgut« Hanefort in 
seiner engeren Heimat aufgebaut, um eine eigene Scholle zu haben. 

Zu den wesentlichen Zugen H.s gehort sein Organisationstalent. Das hat er 
auch im Weltkriege bewiesen. Als der Krieg ausbrach, meldete sich H., der fast 
55 Jahre alt war, als Hauptmann der Reserve sofort zur Fahne und marschierte 
mit in Belgien ein. Er war dann als Kommandant einer Etappe im Westen mit 
groBem Erfolge tatig und erhielt in Anerkennung seiner Verdienste, die er sich 
bei der Verpflegung der Truppen erworben hatte, im September 19 14 das 
Eiserne Kreuz. Ein Mitarbeiter der Berliner »Morgenpost«, Sanitatsrat 
Dr. Bernstein, der den Direktor des Bundes der Landwirte politisch viele Jahre 
bekampft hatte und als Arztim Felde stand, schrieb im November 1914 in der 
» Morgenpost « : »Als ein Meister in der Organisation der Kriegswirtschaft zu- 
gunsten der Armeen und der Landesbewohner wurde mir bei meiner Ankunft 
auf franzosischem Boden ein Mann erwahnt, den wir auch in Deutschland, frei- 
lich nicht zu unserer aller Freude, als einen Meister der Organisation seit Jahren 
kennen: Dr. Diederich H., Direktor des Bundes der Landwirte, zur Zeit wohl- 
bestallter Hauptmann und Kommandant an der Eingangspforte des gewaltigen 
Etappengebietes, in dem ich mich befinde. Just Diederich H. ist mein erster 
Vorgesetzter gewesen, als ich franzosischen Boden betrat. Der Krieg schafft 
wunderbare Kumpaneien! Zwanzig Jahre lang habe ich ihn bekampft, aber 
jetzt muB ich ihn loben. Seine Brust schmuckt das Eiserne Kreuz, und das mit 
Recht, denn die Kriege werden nicht sowohl in der Front wie in der Etappe 
gewonnen. Hohes, gewaltiges organisatorisches Genie ist hier am rechten Platze, 



Hahn. Hauck 253 

wo es oft darum geht, aus dem Nichts etwas zu schaffen. Seine riihrige Klugheit 
zwingt die Menschen und Dinge in die Bahn seines Zieles. « Dieses Zeugnis eines 
sicherlich nicht voreingenommenen Mannes charakterisiert das Schaffen H.s. 
Die Anstrengungen der langen Kriegszeit sind auch an der Elastizitat und 
Gesundheit des schaffensfreudigen und nimmermiiden Direktors des Bundes 
der Landwirte nicht spurlos voriibergegangen. Es lag etwas Herbes nud Tra- 
gisches darin, daB H. an dem 25jahrigen Jubilaum des Bundes, zu dessen Auf- 
bliihen und Entwicklung er so hervorragend beigetragen hatte, am 18. Fe- 
bruar 19 18 nicht teilnehmen konnte, weil er von schwerer Krankheit im 
Krankenhaus zu Hamburg gefesselt war, der er dann auch am 24. Februar 1918 
erlag. 

Berlin-Siidende. Paul Boetticher. 



Hauck, Albert, evangelischer Kirchenhistoriker, * am 9. Dezember 1845 zu 
Wassertriidingen in Franken, f am 7. April 1918 in Leipzig. — H. entstammte 
der Ehe des Advokaten Albert H. zu Wassertriidingen mit Sophie Greiner aus 
Ansbach. Die Vorfahren des Vaters waren schon nach dem DreiBigjahrigen 
Kriege in dem erstgenannten Orte ansassig, wahrend die Familie der Mutter 
schwabischen Ursprungs war. Als seine »Heimat« hat H. aber Ansbach be- 
trachtet, wohin die Mutter nach dem friihen Tod ihres Mannes 1854 iiber- 
siedelte. Von ihr vortrefflich erzogen, empfing er auf dem Gymnasium in Ans- 
bach eine umfassende humanistische Bildung und eine gediegene sprachliche 
Schulung, die ihm in dem spateren Leben sehr zustatten gekommen ist. Dafi 
seine stille und verschlossene Art einen seiner Lehrer zu dem seltsamen Irrtum 
verleiten konnte, ihn fiir unbegabt zu erklaren, sei bemerkt, weil sein zuriick- 
haltendes Wesen fiir ihn charakteristisch geblieben ist. Gliicklicherweise 
richtete dieses Fehlurteil keinen Schaden an, da der Rektor der Schule wie der 
Philologe Iwan Miiller, damals noch Lehrer in Ansbach, ihn richtig eingeschatzt 
haben. Im Alter von 18 Jahren bezog H. 1864 d* e Universitat Erlangen, um 
sich dem Studium der Theologie zu widmen. Er begann es hier unter giin- 
stigen Verhaltnissen, denn die Theologische Fakultat hatte damals ihre groBe 
Zeit. Am starksten haben Hofmann und Thomasius auf H. eingewirkt und 
ihn zu dem »Erlanger« gemacht, als den er bis an sein Lebensende sich gefiihlt 
hat. In den beiden von Ostern 1866 bis Ostern 1867 in Berlin zugebrachten 
Semestern wurde er vornehmlich von dem christlichen Archaologen Ferdinand 
Piper und von dem Philosophen Trendelenburg gefesselt, am starksten und 
nachhaltigsten jedoch durch Leopold v. Ranke beeinfluBt, dem er stets eine 
groBe Verehrung bewahrt hat. Was er von diesem Meister der Geschicht- 
schreibung an Wegweisungen empfing, ist allerdings erst dann zur vollen 
Entfaltung und Auswirkung gekommen, als er selbst an die groBe Aufgabe 
seines Lebens herantrat. Fur die Gesamtanlage seiner Studien ist bezeichnend, 
daB sie auf die Gewinnung einer griindlichen Durchbildung in alien theolo- 
gischen Disziplinen und deren Grenzgebieten abzielten. Dadurch wurde H. 
befahigt, spater von hoher Warte aus sein groBes enzyklopadisches Unter- 
nehmen zu organisieren. Die mit sehr gutem Erfolg 1868 in Ansbach bestan- 
dene » Theologische Aufnahmepriifung« eroffnete ihm den Eintritt in den 
Dienst der evangelisch-lutherischen Kirche Bayerns. Der nun folgende mehr- 



254 x 9 l8 

jahrige Aufenthalt in Miinchen war zwar in erster Linie seiner praktisch- 
theologischen Ausbildung gewidmet, die ihm in dem von Burger geleiteten 
Predigerseminar zuteil wurde, aber hat ihm zugleich die mit groBem Eifer 
ausgenutzte Gelegenheit zu wissenschaftlicher Vertiefung geboten, auch in 
kiinstlerischer Hinsicht ihm starke Anregungen zugefuhrt. Der Verwendung 
als Stadtvikar in Miinchen folgte die Ubertragung eines standigen Vikariats 
in Feldkirchen bei Miinchen und 1874 die Anstellung als Pfarrer in Franken- 
heim bei Schillingsfurst. In die hier verbrachten vier Jahre fiel seine Verhei- 
ratung mit Amalie Helferich, durch die ihm ein groBes Familiengliick zuteil 
wurde, das ihn durch sein ganzes Leben begleitet hat. Die pfarramtliche 
Tatigkeit in dieser kleinen abgelegenen Gemeinde ist fur H. von bleibendem 
Wert gewesen, denn sie hat ihm das kirchliche Leben beider Konfessionen 
in enger Abgrenzung nahegebracht und durch das dort befindliche Rettungs- 
haus zugleich ein wichtiges Stuck sozialer kirchlicher Aufgaben anschaulich 
vor Augen gestellt. Diese Jahre stiller Beobachtung deutschen Volkstums sind 
fiir seine spatere Darstellung christlicher Sitten und christlicher Sittlichkeit 
ein gewifl nicht unwichtiges Vorstadium gewesen. Zugleich reifte in dieser 
Abgeschiedenheit die erste Frucht seiner standig fortgesetzten wissenschaft- 
lichen Studien heran : im Jahre 1877 erschien sein Buch »Tertullians Leben und 
Schriften«. Dieses Werk hat ihm die akademische Laufbahn erschlossen, in der 
die vielseitige und groBe BegabungH.s zur vollen Entwicklung gelangen sollte. 
1878 wurde ihm die auBerordentliche Professur fiir Kirchengeschichte und 
christliche Archaologie in Erlangen iibertragen, 1882 erhielt er daselbst eine 
ordentliche Professur. Nach der Veroffentlichung des ersten Bandes seiner 
Kirchengeschichte Deutschlands 1887 wurde er als Professor der Kirchen- 
geschichte 1889 nach Leipzig berufen, um an dieser Universitat bis an sein 
Lebensende zu wirken. Als ihm nach dem Tode des Historikers Scheffer- 
Boichhorst 1902 der Lehrstuhl fiir Geschichtswissenschaft an der Berliner 
Philosophischen Fakultat angeboten wurde, entschied er sich fiir sein Ver- 
bleiben in Leipzig. 

Wann immer der Name Albert H.s genannt werden wird, wird stets die Er- 
innerung an seine Kirchengeschichte Deutschlands lebendig werden. Dieses 
Werk ist seine groBte wissenschaftliche Leistung. Der 1. Band wurde, wie 
schon bemerkt, 1887 veroffentlicht, in 5. Auflage 1920; der 2. Band 1890, in 
4. Auflage 1906; der 3. Band 1896, in 4. Auflage 1906; der 4. Band 1904, in 
4. Auflage 1913; der 5. Band, und zwar die erste Halfte 1910, die zweite Halfte 
1920. Dieser zweite Teil des 5. Bandes ist von Heinrich Bohmer (| 1927) nach 
einem »zum guten Teil druckf ertigen « Manuskript herausgegeben worden. Der 
Plan H.s, die Kirchengeschichte Deutschlands bis zum Augsburger Religions- 
frieden darzustellen, ist nicht zur Ausfiihrung gelangt; das Werk schlieBt mit 
den Verhandlungen zwischen den Hussiten und dem Basler Konzil 1437. 
DaB eine hohere Gewalt dem unermudlichen FleiB des greisen Gelehrten ein 
Ziel gesteckt hat, bevor er in der Schilderung des Zeitalters der Reformation 
seinem Werk die erwartete Kronung geben konnte, ist selbstverstandlich eine 
schwer empfundene Enttauschung. Aber es ware verkehrt, aus dem plotz- 
lichen Abbruch der Darstellung in der Mitte des 15. Jahrhunderts den SchluB 
zu ziehen, daB H.s Kirchengeschichte der langen Reihe von Werken, die ein 
Torso geblieben sind, eingefiigt werden miiBte. Die von ihm behandelte 



Hauck 255 

Kirchengeschichte Deutschlands von ihren Anfangen an bis an die Pforte der 
Neuzeit stellt vielmehr ein in sich geschlossenes selbstandiges Ganzes dar. 
t)ber seine Auffassung der Reformation hat er sich in den sechs Volkshoch- 
schulvortragen »Die Reformation in ihrer Wirkung auf das Leben«, Leip- 
zig 1918, ausgesprochen. 

Das allgemeine Urteil iiber H.s Kirchengeschichte ist von einer Einmiitig- 
keit, wie sie uns vergleichsweise nur in der Schatzung der Werke Rankes be- 
gegnet ist. Als Forscher schlagt H. den vorbildlichen Weg ein, aus den Quellen 
zu schopfen. Das bedeutete fiir ihn eine umfassende Sammlung und kritische 
Sichtung und Abstufung der Nachrichten des betreffenden Zeitalters. Es ver- 
schlagt gar nichts, ob H. in jedem einzelnen Fall das Richtige getroffen hat. 
Monographischen Darstellungen bleibt selbstverstandlich immer eine Nach- 
lese und eine Weiterfuhrung der Spezialkenntnis von einzelnen Ereignissen 
und einzelnen Personen. Entscheidend ist vielmehr die zur Anwendung ge- 
langte Methode, die dem Leser des Buches sehr bald den beruhigenden Ein- 
druck iibermittelt, einen zuverlassigen, umsichtigen und nur der Wahrheit 
dienenden Fuhrer vor sich zu haben. H. war der souverane Beherrscher eines 
staunenerregenden Einzelwissens, das er in den zahlreichen Anmerkungen 
niedergelegt und zur Nachprufung ausgebreitet hat. Aber er hat sich nicht 
darauf beschrankt, iiber die Resultate seiner sich weitverzweigenden Einzel- 
forschungen streng sachlich zu referieren, sondern er war zugleich ein Ge- 
schichtschreiber groBen Stils. Es ist fiir H. selbstverstandlich gewesen, die 
Einzeltatsachen in groBe Zusammenhange einzureihen und damit Welt- 
geschichte zu schreiben. Voll Verstandnis fiir die Wichtigkeit der Institutionen 
und festen Ordnungen des Lebens hat er zugleich die iiberaus anziehende 
Gabe, mit wenigen knapp gehaltenen Worten Menschen und Verhaltnisse 
plastisch zu charakterisieren. Mit besonderem Geschick stellte er sich die 
Auf gabe, die geistigen Stromungen der einzelnen Perioden und die in ihnen 
waltenden religiosen und sittlichen Krafte herauszuarbeiten. Dadurch ist es 
ihm gelungen, jedes Zeitalter aus dem Neben- und Ineinander der es bestim- 
menden Faktoren, also aus seinem inneren Wesen heraus zu erschlieBen. 
Neben der Auf zeigung der groBen Entwicklungslinien betatigt er zugleich das 
groBe Geschick, fiir die Geschichte einzelner Fragen das einschlagige Material 
so sorgfaltig zu sammeln, daB in nicht wenigen Fallen die Aneinanderfiigung 
der betreffenden Abschnitte in den verschiedenen Teilen des Werkes einer 
monographischen Darstellung nahekommt. Der starke Eindruck und der 
groBe Erfolg des H.schen Werkes erklart sich endlich nicht zum wenigsten 
daraus, daB dem Verfasser eine Schreibweise eigentiimlich ist, die den Vor- 
zug groBer Klarheit mit einer eindrucksvollen Durchsichtigkeit der Gedanken- 
fuhrung verbindet. Uber den Dingen stehend und doch in ihnen lebend, ver- 
mag er es, in einfacher und dabei stets geistvoller Darstellung auch verwickelte 
Materien verstandlich zu machen. So steht das Werk vor uns als ein Monu- 
ment deutschen Geisteslebens aus der groBen Zeit des Deutschen Reiches. 
Die Kirchengeschichte Deutschlands von A. H. ist ein glanzendes Zeugnis der 
geistigen Hohe, die auch in dieser letzten Periode der deutschen Geschichte 
durch einen Forscher von hohem Rang erreicht werden konnte. 

Die zweite groBe wissenschaftliche Leistung H.s ist die dritte Auflage der 
von Joh. Jakob Herzog begriindeten » Realenzyklopadie fiir protestantische 



256 I9i8 

Theologie und Kirche«. Bereits an der Herausgabe der zweiten, von Herzog 
und G. Plitt besorgten Auflage war H. beteiligt, und zwar in wachsendem 
MaBe. Vom 8. (1881) bis 11. Band (1883) wird sein Name neben denen von 
Herzog (f 1882) und Plitt (f 1880) als Herausgeber genannt. Vom 12. Band 
(1883) bis zum 18. Band (1888), der das Werk abschlieBt, lag die Redaktion 
allein in seiner Hand. Es liegt in der Natur der Sache, daB die Fortfuhrung 
eines von anderen begonnenen Unternehmens gewisse Bindungen mit sich bringt . 
Die Gelegenheit, nach seinen Wiinschen das Werk zu gestalten, bot sich ihm 
dagegen, als eine dritte Auflage notig wurde und deren Leitung ausschlieBlich 
in seine Hande iiberging. Seinem grofien redaktionellen Geschick war es zu 
verdanken, daB die einzelnen Bande dieses Riesenunternehmens nach dem 
vorgesehenen Plan punktlich erschienen sind: Band 1 — 22 1896 — 1909, die 
Erganzungsbande 23 und 24 im Jahre 1913. Diese 3. Auflage der Realenzyklo- 
padie genieBt als einzigartige Zusammenstellung des theologischen Wissens 
allgemein ein hohes Ansehen, das dadurch nicht eingeschrankt wird, daB sie 
manche Sonderwiinsche noch unerfullt gelassen hat. Der Vergleich dieser 
dritten Auflage mit der zweiten Auflage zeigt nicht nur nach seiten der Aus- 
dehnung des bearbeiteten Materials groBe Fortschritte, sondern ist vor allem 
auch durch das ersichtliche Streben, die Forscher aller Richtungen zur Mit- 
arbeit heranzuziehen, ausgezeichnet. Die vertrauenswiirdige Personlichkeit 
von H. und seine anerkannte Objektivitat war die Voraussetzung fur den 
Erfolg seiner ernsten Bemuhungen, ein Spiegelbild der gesamten theologischen 
Wissenschaft zu bieten. Da H. der alleinige Herausgeber seines Werkes war, 
ruhte auf ihm ausschlieBlich die Auswahl der behandelten Artikel, die ebenso- 
wohl sein enzyklopadisches Wissen bezeugt wie die Fahigkeit, groBe Gebiete 
zu iiberschauen. Die Erreichung seiner hochgesteckten Ziele ist ihm dadurch 
erleichtert und zum Teil erst ermoglicht worden, daB er eine groBe Geschafts- 
gewandtheit besaB, die ihm auch auf anderen Gebieten, wie z. B. der Uni- 
versitatsverwaltung, eigen gewesen ist. Die dritte Auflage der Realenzyklo- 
padie, das groBte Werk der protestantischen Theologie der letzten Gene- 
ration, ist daher unter die groBen Leistungen von H. zu buchen. DaB er der 
eifrigste Mitarbeiter an seinem eigenen Werk gewesen ist, darf noch hinzu- 
gefugt werden. 

Die iibrigen Schriften von Albert H. tragen einen recht verschiedenen 
Charakter. Manche waren Vorarbeiten fur die Kirchengeschichte Deutsch- 
lands, so : Die Bischofswahl unter den Merowingern, Erlangen 1883 ; Die Ent- 
stehung der bischoflichen Furstenmacht, Universitatsprogramm Leipzig 1891 ; 
Friedrich Barbarossa als Kirchenpolitiker, Leipzig 1899; Der Gedanke der 
papstlichen Weltherrschaft bis auf Bonifaz VIII., Leipzig 1904; Die Ent- 
stehung der geistlichen Territorien (Abhandlungen der Sachsischen Gesell- 
schaft der Wissenschaften) , Leipzig 1910; Deutschland und die papstliche 
Weltherrschaft, Universitatsprogramm Leipzig 1910; Studien zu Johann HuB, 
Universitatsprogramm Leipzig 1916. Auch seinen in nicht groBer Zahl vor- 
liegenden Vortragen blieb die ihnen gebiihrende Achtung nicht versagt. Dazu 
gehoren: Die Entstehung des Christustypus in der abendlandischen Kunst, 
Heidelberg 1880; Vittoria Colonna, ebenda 1882 ; Der Kommunismus in christ- 
lichem Gewande, Leipzig 1891; Der Kampf um die Gewissensfreiheit, Leip- 
zig 1898; Hat Jesus gelebt?, Leipzig 1910; Die Trennung von Staat und 



Hauck 



257 



Kirche, Leipzig 1912, 5. Auflage 1919; Evangelische Mission und deutsches 
Christentum, Giitersloh 1916; Die Apologetik der alten Kirche, Leipzig 1918. 
Von besonderem Interesse sind die wahrend des Krieges in Upsala gehaltenen 
acht Vorlesungen iiber »Deutschland und England in ihren kirchlichen Be- 
ziehungen«, Leipzig 1916. Zur Betatigung seiner Gabe der Charakteristik 
gaben ihm die Nachrufe auf Oskar v. Gebhardt (1906), Brieger (1915), Lam- 
precht (1915), Heinrici (1917), Schnedermann (1917) Gelegenheit. 

Auch in seiner akademischen Tatigkeit tritt die Vielseitigkeit der Interessen 
von H. hervor. Denn er hat neben den herkommlichen kirchenhistorischen 
Vorlesungen auch christliche Archaologie, christliche Kirchengeschichte und 
die Geschichte des Kirchenbaus in Vorlesungen und Ubungen, und zwar mit 
besonderer Vorliebe behandelt. Seine Vortragsweise iibte zunachst keine An- 
ziehungskraft aus. Sie war ruhig und streng sachlich. Aber schon in Erlangen 
erhielt seine Art zu reden fur den, der seiner geistigen Fuhrung folgte, einen 
eigenen Reiz, da mit groBer Klarheit eine wohlerwogene Abgrenzung des 
Stoffes und eine straffe Konzentration auf den zur Verhandlung stehenden 
Gegenstand verbunden war. Spater hat das Gewicht seines Namens den Ein- 
druck seiner Vorlesungen verstarkt. Diese mehr oder weniger in alien Arbeiten 
H.s hervortretende Eigenart hatte von ihm ausgezeichnete Lehrbiicher er- 
warten lassen, wenn er zu ihrer Abfassung die Neigung gehabt hatte. Aber 
er hat sich darauf beschrankt, die vierte Auflage der Dogmengeschichte von 
H. Schmid, Nordlingen 1887, neu zu bearbeiten. Von weiteren Auflagen hat 
er abgesehen, vielleicht weil die damals einsetzende Bewegung auf dem Ge- 
biet der Dogmengeschichte groBere Umgestaltungen notwendig gemacht hatte, 
als ihm die Fortsetzung seines groBen Lebenswerkes gestattete. 

H. lebte zuriickgezogen, war im Verkehr rait anderen von einer scheuen 
Zuriickhaltung. Aber sie schloB nicht aus, aaB er die ihm eigene Gabe 
kritischer Beobachtung und sein tiefes Mitempfinden den schweren Zeiten 
gegeniiber bewahrte, die in seinen letzten Lebensjahren iiber Deutschland 
hereinbrachen. DaB der Weltkrieg einen seiner Sonne 1916 dahinraffte, 
war fur ihn ein schwerer Verlust, aber er hat ihn mannhaft und tapfer 
ertragen. 

Als Forscher und Gelehrter hat H. seinen festen Platz in der Geschichte 
der deutschen Geschichtschreiber der neuesten Zeit. Wir wiirden aber eine 
wesentliche Seite seiner Personlichkeit unterdriicken, wenn wir nicht noch 
hervorheben wiirden, daB er ein bewuBtes Mitglied der lutherischen Kirche 
gewesen ist und gern die Kanzel bestiegen hat. Seine Predigten, die leider 
nicht im Druck erschienen sind, zeigen die lautere, feine Personlichkeit, die, 
alien Phrasen abhold, den christlichen Glauben in schlichter und besonders 
eindringender Weise darzulegen verstand. 

Dem groflen Gelehrten und feinsinnigen Schriftsteller haben die Zeit- 
genossen die ihm gebuhrende Anerkennung nicht versagt. Gefordert wurde 
diese Hochschatzung dadurch, daB H. auBerhalb alien Parteigetriebes stand 
und diesen Platz behauptet hat. Durch Ehrenpromotionen und durch die 
Mitgliedschaft der deutschen Akademien ausgezeichnet, hat H. erreicht, was 
ein deutscher Professor an Huldigungen empfangen kann. Zu seinem 70. Ge- 
burtstag wurde ihm die Festschrift » Geschichtliche Studien«, Leipzig 1916, 
iiberreicht, in der 31 Theologen und Historiker ihre Verehrung fur den da- 
dbj 17 



258 I9i8 

mals noch in der vollen Kraft seines Schaffens stehenden Gelehrten zum Aus- 
druck brachten. 

In bewuBter Abkehr von dem Larm des Tages ist sein Leben verlaufen. 
Auch seine Bestattung ist nach seinem Willen in der Stille erfolgt. Die Uni- 
versitat erfuhr von seinem Ende erst, als sich das Grab iiber ihm bereits ge- 
schlossen hatte. Eine einfache Sandsteinplatte auf dem Siidfriedhof in Leipzig 
tragt die Worte: »D. theol. Albert Hauck« und die von dem Entschlafenen 
selbst gewahlten Satze: tNascimur ut moriatnur — moritnur ut vivamus*. 

Der handschriftliche Nachlafl von Albert H. befindet sich in der Universitatsbibliothek 
Leipzig. 

Literatur: t)ber Albert H. handeln: H. Bohmer, Albert H., ein Charakterbild in: 
Beitrage zur Sachsischen Kirchengeschichte, 33. Heft, Leipzig 1920 (78 Seiten), mit einem 
allerdings nicht ganz vollstandigen Verzeichnis der Schriften H.s; G. Seeliger, Albert H.: 
Berichte der . Sachsischen Gesellschaft der Wissenschaften, Phil.-Hist. Klasse 70, Heft 7, 
Leipzig 1918, S. 17 ff. (Schriften S. 29 f.); Neue Jahrbiicher fur das klassische Altertum, 
5, 1, S. 275 ff.; Riemer, Albert H., Sonderabdruck aus»Die Studierstube*, 1919; Allgem. 
Evangel. -Luther. Kirchenzeitung, 51. Bd. 1918: Zum Gedachtnis Albert H.s. Drei Auf- 
satze von Ihmels, Bonwetsch, Caspari, S. 492 ff., 514 ff., 668 ff. 

Gottingen. Carl Mirbt. 

Hering, Ewald, Professor der Physiologie in Leipzig, * am 5. August 1834 
in Altgersdorf in der Lausitz, f am 26. Januar 1918 in Leipzig. — Ewald H. # 
ein Pfarrerssohn, verlebte die Kinder jahre im elterlichen Hause auf dem Lande, 
besuchte dann das Gymnasium in Zittau und bezog 1853 die Universitat in 
Leipzig. Hier studierte er Medizin, beschaftigte sich daneben aber eifrig mit 
Zoologie, in die ihn V. Carus einf uhrte, und — was fiir seine geistige Entwick- 
lung von besonderer Bedeutung wurde — mit philosophischen Studien, ange- 
regt durch Theodor Fechner, einen der Begriinder der Psychophysik. Ein zoo- 
logischen Studien gewidmeter Auf enth alt in Messina (mit Carus Winter 1858 /5g) 
war sicher mit von Bedeutung fiir die auflerordentliche Weite des Horizontes, 
den H.s biologischer Blick spater umfaBte. i860 wurde er zum Doktor der 
Medizin promoviert; er lieB sich als praktischer Arzt in Leipzig nieder und war 
einige Zeit als poliklinischer Assistent des Internisten Ernst Wagner tatig. In 
diese Zeit fallen H.s erste optische Arbeiten, auf Grand deren er sich 1862 in 
Leipzig fiir das Fach der Physiologie habilitierte. Dieses Fach war damals in 
Leipzig durch einen Meister allerersten Ranges vertreten, durch Ernst Heinrich 
Weber, dessen Arbeiten, wie z. B. die Studien iiber »Tastsinn und Gemein- 
gefiihU, auf die Richtung von H.s wissenschaftlicher Entwicklung entschieden 
mit von Einflufi waren. Aufsehen erregende physiologisch-optische Unter- 
suchungen, die »Beitrage zur Physiologies, waren auch 1865 fiir H.s Berufung 
als Nachfolger Carl Ludwigs an die kaiserlich militararztliche Akademie, das 
Josephinum, in Wien maBgebend. Erst hier in Wien konnte H. sich vollkommen 
seinem theoretischen Fache widmen; ausgezeichnete histologische und bahn- 
brechende experimen telle Arbeiten stammen aus dieser Zeit. Nach dem Tode 
des greisen Purkinje, der noch in Beziehung zu Goethe gestanden hatte, wurde 
H. an die, damals noch doppelsprachige Universitat in Prag berufen, an der er 
bis 1895 wirkte. In Prag widmete H. seine Arbeitskraft und das Gewicht seiner 
auch rein menschlich uberragenden Personlichkeit neben seiner Wissenschaft 



Hauck. Hering 259 

vor allem auch dem Kampfe um die Erhaltung des Deutschtums. Ihm war in 
erster Linie die Abtrennung einer rein tschechischen Universitat mit zunachst 
nur drei weltlichen Fakultaten von der gemeinsamen Hochschule zu danken, 
wodurch die fast 6oojahrige Karl-Ferdinands-Universitat wieder ihren deut- 
schen Charakter gewinnen und bis zum heutigen Tage bewahren konnte. H. 
war der erste Rektor der deutschen Universitat in Prag (1882/83). 

Im Alter von 61 Jahren hat H., der inzwischen eine Reihe von Berufungen, 
darunter eine an die neu gegriindete Universitat StraBburg (1872) abgelehnt 
hatte, sich entschlossen, einem Rufe an die Universitat seines Heimatlandes 
Sachsen zu folgen; er iibersiedelte 1895, abermals als Nachfolger Carl Ludwigs, 
nach Leipzig. Dank einer ungewohnlichen Riistigkeit hat H. noch 21 Jahre in 
Leipzig eine iiberaus fruchtbare Tatigkeit entfalten konnen. Eine standig 
wachsende Zahl von Schiilern aus alien Landern — Physiologen und Ophthal- 
mologen — sammelte sich, wie schon in Prag, im Leipziger Institute, das — 
seiner Tradition entsprechend — ein Zentrum der physiologischen Forschung 
in Deutschland blieb. Ostern 1916 trat H. vom Lehramte zuriick. Am 26. Ja- 
nuar des letzten Kriegsjahres starb er in Leipzig. 

Aus dem schlichten Rahmen dieses auBerlich stillen Gelehrtenlebens leuchtet 
das Bild einer ganz ungewohnlich vielseitigen und erfolgreichen Forscherarbeit. 

H.s Forschungen konnen in zwei Gruppen getrennt werden, in die Bearbei- 
tung rein biologischer Probleme und in sein sinnesphysiologisch-psycho- 
physisches Lebenswerk, wobei allerdings zu betonen ist, daB diese Trennung 
nur thematisch berechtigt ist, denn auch bei seinen psychophysischen Arbeiten 
ist H. — und gerade darin liegt seine Bedeutung — Biologe im besten Sinne 
des Wortes geblieben. 

Morphologische Probleme haben H, schon wahrend der Studentenzeit be- 
schaftigt. Er hat als erster (1856) die Generationsorgane des Regenwurmes 
richtig beschrieben und den Begattungsvorgang bei diesen Wiirmern be- 
obachtet (1). Auch seine Doktor-Dissertation behandelte die Keimdriisen und 
die Exkretionsorgane einer Gruppe der Ringelwiirmer der Alciopiden (2). Als 
kleiner, aber charakteristischer Zug, der die peinliche Sorgfalt zeigt, mit der 
H. seine Befunde stets verzeichnete und verwertete, sei hier erwahnt, daB er 
noch 33 Jahre nach seinem Aufenthalte in Messina — durch auBere Umstande 
veranlaBt — wertvolle Beitrage zurSystematik der Alciopiden publiziert hat (3), 
die auf Beobachtungen zuriickgingen, die er seinerzeit in Sizilien gemacht hatte. 
Mit einer fur seine Zeit ganz auBergewohnlich guten histologischen Technik hat 
H. ferner wahrend seiner Wiener Zeit den Bau der Wirbeltierleber bei verschie- 
denen Wirbeltierklassen vergleichend untersucht (4) ; wir verdanken ihm die 
wichtige Erkenntnis, daB die Leber als eine tubulose Driise mit netzartig anasto- 
mosierenden Gangen aufzufassen ist. Nicht nur in morphologischer, sondern 
auch in funktioneller Hinsicht interessant sind H.s Mitteilungen iiber das 
»Leben der Blutzellen «, in denen er vor allem die Diapedese der Erythrocyten 
behandelt hat (5). 

Aus H.s Wiener Zeit stammt auch die gemeinsam mit Breuer ausgefuhrte 
klassische Untersuchung iiber die Selbststeuerung der Atmung durch den 
N. vagus (6). H. zeigte, daB die Atembewegungen normalerweise nicht im 
Rhythmus des automatisch tatigen Atemzentrums erfolgen, sondern, daB jede 
Ein- und Ausatmung sozusagen vorzeitig kupiert wird, einerseits durch einen 



26o 1918 

exspiratorisch, andererseits durch einen inspiratorisch wirkenden Reflex. Die 
afferenten Bahnen dieser beiden Reflexe verlaufen in sensiblen Fasern des 
Vagus, welche in der Lunge selbst durch die Erweiterung, bzw. durch den 
Kollaps der Lungenalveolen erregt werden. Durch diese Beobachtung deckte 
H. das erste Beispiel eines reflektorisch antagonistisch und dabei streng ge- 
koppelt wirkenden Nervenpaares auf, und es bestehen innige Beziehungen 
zwischen dieser groBen Entdeckung und der heute ein so weites Gebiet beherr- 
schenden Lehre der reziproken Innervation. 

Im Anschlusse an diese Versuche hat H. den EinfluB der Atmung auf den 
Kreislauf studiert (7) : Beim Aufblasen der Lunge hatte er bei den eben er- 
wahnten Versuchen eine Akzeleration der Herztatigkeit beobachtet. Die muster- 
giiltige Analyse dieser Beschleunigung des Herzschlages ftihrte zu der Ent- 
deckung, daB von den bei der Lungenblahung erregten sensiblen Vagusfasern 
der Lunge aus eine reflektorische Hemmung des herzverlangsamend wirkenden, 
tonisch erregten Vaguszentrums erfolgt. Ferner stellte H. fest, daB die, seither 
als Traube-Heringschen Wellen bezeichneten Blutdruckschwankungen im 
Rhythmus der Atembewegungen erfolgen, und auf einer funktionellen Be- 
ziehung zwischen dem Atemzentrum und dem GefaBzentrum beruhen, einer 
Beziehung, wie er sie auch zwischen dem Atemzentrum und dem Herz- 
hemmungszentrum gefunden hatte. 

Die bisher erwahnten experimentellen Arbeiten H.s nehmen in seinem 
Lebenswerk eine isolierte Stellung ein ; seine ganze iibrige, so vielseitige wissen- 
schaftliche Forschung ging letzten Endes von einer groBen allgemeinen Idee 
aus, die er sich vom Wesen der Lebensvorgange gebildet hatte, und deren 
Grundziige er in dem beriihmten Vortrage »Zur Theorie der Vorgange in der 
lebendigen Substanz« (8) zusammengefaBt hat. H. faBt das Leben als einen 
Gleichgewichtszustand auf, in dem gleichzeitig nebeneinander zwei antago- 
nistische chemische Vorgange ablaufen, Assimilation und Dissimilation (A und 
D), Aufbau und Zerfall. Solange die lebendige Substanz in Ruhe ist, verlaufen 
A und D mit gleicher Geschwindigkeit ; auBere Reize konnen aber das Gleich- 
gewicht in dem einen oder anderen Sinne storen, sie konnen entweder die A 
fordern, so daB die Substanz »iiberwertig« wird, oder die D steigern, so daB die 
lebendige Substanz unterwertig wird. Fallt nun der betreffende Reiz weg, wird 
also das wahrend der Reizdauer kunstlich aufrecht erhaltene »allonome« 
Gleichgewicht gestort, so kehrt die lebendige Substanz, dank einer ihr imma- 
nenten Tendenz automatisch wieder in das urspriingliche »autonome« Ruhe- 
gleichgewicht zuriick, was nur durch eine spontane Steigerung der wahrend der 
Reizdauer durch den Reiz unterdriickten Stoffwechselphase (A oder D) moglich 
ist. Das Wesentliche und das prinzipiell von den iiblichen Lehren Abweichende 
dieser Theorie liegt in der Annahme von Reizen, welche einen der »Erregung« 
entgegengesetzten Vorgang auslosen. 

Dieser geniale Gedanke zieht sich als Leitmotiv durch den groBten Teil von 
H.s nerven- und muskelphysiologischen Arbeiten und durch seine beriihmten 
Arbeiten iiber den Lichtsinn und Temperatursinn. Leitet man einen elek- 
trischen Strom durch ein lebendes Organ, so wird dieses in seinen Funktionen 
an der Ein- und Austrittstelle gegensinnig beeinfluBt. In dieser teils erregenden, 
teils hemmenden Wirkung des elektrischen Stromes, sah H., so wie etwa in der 
Wirkung der Nn. accelerant es und des N. vagus auf das Herz, eine Bestatigung 



Hering 26 1 

seiner Theorie der dissimilatorisch und assimilatorisch wirkenden Reize. Er 
ging diesem Gedanken nach und studierte zunachst die polaren Wirkungen 
des konstanten Stromes, wurde aber dann oft genotigt, scheinbar von seinetn 
Thema abseits liegende Fragen der Nerv-Muskelphysiologie zu klaren, und so 
entstand die lange Reihe der 23 »Beitrage zur allgemeinen Nerv-Muskel- 
physiologie* (9), die er gemeinsam mit W. Biedermann veroffentlicht hat. 

Jede einzelne dieser Arbeiten beweist die fur H.s ganze wissenschaftliche 
Tatigkeit besonders charakteristische Strenge der Selbstkritik ; in der Methodik 
werden mit peinlicher Gewissenhaftigkeit alle moglichen Fehlerquellen aus- 
geschaltet, so daB die mit groBter Sachlichkeit diskutierten Versuchsergebnisse 
immer wieder wertvolle Fortschritte auf dem Gebiete der allgemeinen Nerven- 
und Muskelphysiologie brachten. 

Das Feld, auf dem H.s allgemeine Theorie von den Lebensvorgangen beson- 
ders reiche Friichte trug, war die Lehre vom Iyichtsinn (10) und die Farben- 
lehre (11). H. erkannte als erster die weitgehende Gegensatzlichkeit, die 
zwischen den Gliedern bestimmter Farbenpaare (weiB-schwarz, rot-griin, 
gelb-blau) herrscht, und erkannte auch die gerade durch diese Gegensatzlich- 
keit ermoglichte Zusammenfassung der sechs Grundf arben zu den genannten 
drei Paaren von »Gegenf arben «. Er ging bei seinen Untersuchungen und bei der 
Fundierung seiner Farbentheorie aus von der Unvereinbarkeit der betreffenden 
Farbenempfindungen, von Kontrast-, Adaptations- und Nachbilderschei- 
nungen sowie von den physiologischen Formen der Farbenblindheit, der 
peripherer Netzhautzonen, und den pathologischen Fallen von partieller und 
totaler Farbenblindheit. H.s Theorie der Gegenf arben bedeutete nicht nur eine 
Revolution auf dem engeren Gebiete der physiologischen Optik, in der damals 
die Young-Helmholtzsche Farbentheorie allein herrschte, sondern sie lehrte die 
Physiologen zugleich eine neue, ungemein fruchtbare Denkrichtung kennen, die 
auf ganz neue Losungsmoglichkeiten sinnesphysiologischer und dariiber hinaus 
allgemein psychophysischer Probleme hinwies. 

Helmholtz hatte das Gebiet der Sinnesphysiologie als Physiker betreten. H. 
reklamierte es mit Recht als eine Domane der Biologic Helmholtz sah in den 
Empfindungen im wesentlichen nur Funktionen der physikalisch definierten 
Reize, wahrend H. — so wie Johannes Muller — die Empfindungen in erster 
Linie als Korrelate der Lebensvorgange des Nervensystems auffaBte, sie also als 
in gleicher Weise von dem jeweiligen Zustande des Nervensystems wie von der 
Art des auBeren Reizes abhangig erkannte. Er sah in den Gliedern der Gegen- 
farbenpaare den sinnfalligen Ausdruck fiir die von ihm postulierten assimila- 
torischen und dissimilatorischen I^ebensvorgange im nervosen Anteil unseres 
Sehorganes. Es sei hier erwahnt, daJ3 H. von dem gleichen Standpunkte aus, 
auch eine physiologische Theorie der Temperaturempfindungen entwickelt 
hat (12). 

Die Differenz der Resultate, die sich aus den gegensatzlichen Betrachtungs- 
weisen von H. und Helmholtz ergibt, moge ein Beispiel aus der Farbenlehre 
zeigen. Helmholtz meinte, daB die Merkmale einer Farbe, ihr Ton, ihre Hellig- 
keit, ihre Sattigung physikalisch definierbar seien durch die Wellenlange, die 
Amplitude und die Menge des beigemischten weiCen Lichtes. Da nun die tag- 
liche Erfahrung lehrt, daB zwischen unseren Farbenempfindungen und jenen, 
nur nach der physikalischen Qualitat des Reizlichtes zu erwartenden Empfin- 



262 1918 

dungen tiefgreifende Unterschiede bestehen (Kontrast, Nachbilder usw.), sah 
sich Helmholtz genotigt, diese Unterschiede, z. B. bei den simultanen Kontrast- 
phanomenen, als Folgen von Urteilstauschungen, unbewuBten Schliissen usw. 
anfzufassen. Es ist ein nicht hoch genug einzuschatzendes Verdienst H.s um 
die Sinnesphysiologie wie auch um die Psychologie, daB er die Unhaltbarkeit 
dieser Hilfshypothesen nachgewiesen und sie durch das Gesetz der »Wechsel- 
wirkung der Sehf eldstellen « ersetzt hat. 

Ein geistreicher englischer Biochemiker schreibt: t>All dogmatic and exclusive 
teaching about any aspect of the phenomena of life is apt to be checked by the 
ultimate discovery that living cell is before all things a heretic* (Sir Frederick 
Gowland Hopkins, On current views concerning the mechanisms of biological 
oxidation. Skand. Arch. 1926.) H. hat diese Ketzernatur des Organischen sehr 
wohl gekannt und sah auch in seiner Theorie von den Vorgangen in der leben- 
digen Substanz nur eine »Annaherung an die Wahrheit«. Seine schonen Worte: 
» Sterile Theorien verf alien leicht der Unsterblichkeit ; die fruchtbaren vererben 
ihren unsterblichen Teil ihren Kindern, wahrend ihre sterbliche Hiille zerfallt, « 
hatten fiir seine eigenen Gedanken einen prophetischen Sinn, denn auch H.s 
Theorie lebt heute noch, wenn auch nicht in ihrer urspriinglichen Fassung, 
allerorts in der Biologie fort, wie z. B. in der Lehre von den assimilatorisch und 
den dissimilatorisch wirkenden Hormonen, in der Reflexlehre Sherringtons usw. 

Eines der wichtigsten Gebiete, das durch H.s wissenschaftliche Arbeit von 
Grund auf neu fundiert wurde, ist schlieBlich die Lehre vom Raumsinne und 
den Bewegungen unseres Augenpaares (14). In den alteren, auch noch von 
Helmholtz vertretenen Lehre von der optischen Lokalisation, nach der wir 
unsere Gesichtsempfindungen auf Grund von Erf ahrungsmotiven in den Raum 
»hinausprojizieren«, sie in den Schnittpunkt der Richtungslinien verlegen 
sollten, hatten unbewuBte psychische Vorgange die Hauptrolle gespielt. In 
H.s Theorie des Raumsinnes spielt dagegen der wirkliche, durch Messung usw. 
erweisbare Ort der Raumdinge iiberhaupt keine Rolle, H. sieht vielmehr mit 
vollem Recht in dem scheinbaren Ort eines Sehdings ebenso ein primares, an- 
geborenes Merkmal der Empfindung, wie in der Farbe jedes Dinges. Es zeigt 
sich auch auf diesem Gebiete die prinzipielle Verschiedenheit der Denkrichtung 
des physikalisch-mathematischen Forschers auf der einen, des biologisch ge- 
schulten Psychophysikers auf der anderen Seite. 

So wie H.s Untersuchungen auf dem Gebiete der Farbenlehre haben auch 
seine Arbeiten iiber die Motilitat des menschlichen Doppelauges eine weit iiber 
das Theoretische hinausgehende Bedeutung gewonnen. Darauf ist es zuriick- 
zufiihren, daB in H.s Laboratorium nicht nur Physiologen heranwuchsen, son- 
dern daB eine groBe Zahl fiihrender Ophthalmologen sowie auch Psychologen 
(ich nenne nur HeB, Hillebrand, Bielschowsky und Bruckner) sich dankbar zu 
H.s Schule bekennen. Die Zahl seiner Schiiler, die auch spater als Physiologen 
tatig blieben, ist im In- und Auslande ungewohnlich grofi (M. Loewit, Bieder- 
mann, Knoll, F. B. Hofmann, Tschermak, Garten, Dittler, Briicke, sowie eine 
lange Reihe von Physiologen in Japan, RuBland usw.). Nicht nur als Meister 
seiner Wissenschaft verehrten ihn seine Schiiler, sondern auch als einen Mann 
lautersten Charakters, als einen wahrhaft edlen Menschen. 

Die absolute Klarheit, bis zu der H. seine Gedanken stets durchdachte und 
seine Experimente durchfiihrte, kommt auch in seinen Reden zum Ausdrucke 



Hering. Jiingst 263 

(15), von denen speziell die beriihmte Rede tiber das Gedachtnis als eine all- 
gemeine Funktion der organischen Materie hier hervorgehoben sei, die in ihrer 
formvollendeten Schonheit und dem Schwung ihrer Gleichnisse sachlich, wie 
auch sprachlich zu den klassischen Werken der deutschenLiteratur zu zahlenist. 

Literatur: Eine ausgezeichnete Wurdigung von H.s sinnesphysiologischem Lebens - 
werk bringt das Buch von F. Hillebrand : Ewald Hering, ein Gedenkwort der Psycho- 
physik. Berlin 1918, Springer. 

(Die nachstehenden Numraern beziehen sich auf die entsprechenden Hinweise im Text.) 
1. Zur Anatomie und Physiologie der Generationsorgane des Regenwurms. Ztschr. f . Zool., 
Bd. 8, S. 400, 1856. — 2. De alcioparum partibus genitalibus usw. Diss., Leipzig i860. — 
3. Zur Kenntnis der Alciopiden von Messina. Sitz.-Ber. der k. Akademie d.W. inWien, 
m. n. CI., Bd. 101, Abt. 1, 1892. — 4. Uber den Bau der Wirbeltierleber, I. u. II. Mitt. 
Sitz.-Ber. d. k. Ak. d. W. in Wien, m. n. CI., 1. Abt., Bd. 54, S. 335 und S. 496, 1866. — 
5. Zur Lehre vom L,eben der BlutzeUen, I u. II. Ebenda, Abt. 2, Bd. 56, S. 691, 1867, und 
Bd. 57, S. 170, 1868. — 6. Die Selbststeuerung der Atmung durch den N. vagus. Nach 
Versuchen von Breuer. Ebenda, Bd. 57, S. 672, 1868. — 7. t)ber den Einfluflder Atmung 
auf den Kreislauf , I. u. II. Mitt. Ebenda, Abt. 2, Bd. 60, S. 829, 1869; Bd. 64, S. 333, 187 1. 

— 8. Zur Theorie der Vorgange in der lebendigen Substanz. Lotos, N. F. Bd. 9, Prag 1888. 

— 9. Beitrage zur allgemeinen Nerven- und Muskelphysiologie (gemeinsam mit W. Bieder- 

mann) . Sitz.-Ber. d. k. Ak. d. W. in Wien, m. n. CI., Abt. Ill, in den Banden 79 bis 97, 

1879 — 1888. — 10. Zur Lehre vom Lichtsinn (6 Mitt. a. d. Sitz.-Ber. d. k. Ak. d. W. in 

Wien, Bd. 60 — 70, 1872 — 1874). Auch als Monographic C. Gerolds Sohn, Wien 1878; 

Grundziige der Lehre vom Lichtsinn, Graefe-Saemisch, Hb. d. ges. Augenheilk., 1905 

bis 1920. — 1 1. UberNewtonsGesetzderFarbenmischung. LotosN. F. Bd. Ill, S. 77, 1887; 

Zur Erklarung der Farbenblindheit. Daselbst Bd. I, S. 76, 1880; t)ber individuelle Ver- 

schiedenheit des Farbensinnes. Daselbst, Bd. 6, S. 1, 1885; sowie eine groBe Zahl verstreut 

erschienener Arbeiten. — 12. Der Temperatursinn. Hermanns Hb. Ill, 2, S. 415, 1879. — 

13. Neben verschiedenen Spezialarbeiten, zusammenfassende Darstellungen in: Beitrage 

zur Physiologie, Leipzig 1861; Die Lehre vom binocularen Sehen, Leipzig 1868; Der 

Raumsinn und die Bewegungen des Auges. Hermanns Hb. Ill, 1, S. 343, 1879. — 14. Fiinf 

Reden von Ewald Hering, Leipzig 192 1. 

H.s wissenschaftlicher Nachlafl befindet sich im Besitze seines Sohnes Geheimrat 
E. H. Hering in Koln. 

Innsbruck. Ernst Th. v. Briicke. 



Jiingst, Carl, Geheimer Bergrat, Dr.-Ing. e. h., * am 7. Juni 1831 in Lingen 
an der Ems, f am 25. September 1918 in Gleiwitz. — Carl J. wurde als Sohn 
des Superintendenten J. geboren. Er besuchte die Volksschule und das Gym- 
nasium in seiner Vaterstadt Lingen und trat in der Absicht, sich dem Eisen- 
huttenfach zu widmen, im Jahre 1849 De * dem damaligen Koniglich Hannover- 
schen Berg- und Forstamt in Clausthal als Bergbaubeflissener ein. Im Winter 
1853/54 schloB er mit Erfolg seine Studien an der Clausthaler Bergschule mit 
der ersten Berg- und Hiittenmannischen Priifung ab. Als » Htittenaspirant « 
wurde er sodann der Konigshiitte in Bad Lauterberg a. Harz iiberwiesen. 
Seine praktische Tatigkeit, bei der er sich vor allem mit den verschiedenen 
Arten des Puddelverfahrens befaCte, iibte er bei verschiedenen Harzer Hiitten, 
in Varel und Augustfehn aus. Nach einer Studienreise nach Osterreich, wo 
Sektionsrat Tunner seine Weiterbildung wesentlich beeinfluflte, legte J. im 
Februar 1858 die zweite Fachpriifung ab. Danach trat er wieder bei der 
Konigshiitte im Harz, und zwar als Betriebsgehilfe bei der Eisenhiitten- 
verwaltung, ein. 



264 I9i8 

Im Jahre 1865 unternahm J. zur Erweiterung seiner Kenntnisse, insbeson- 
dere auf dem Gebiete des Bessemer- Verfahrens und der Anlage von Koks- 
hochofen, groBere Reisen, die ihn in die bedeutendsten Werke von Oster- 
reich, Sachsen, Westfalen, Nassau, des Siegerlandes und von Ostfrankreich 
fiihrten. Nachdem er im Herbst 1865 als »Hiittenmeister« zum ersten Betriebs- 
beamten der Konigshiitte ernannt worden war, machte ihn eine abermalige 
Reise mit den Hiittenwerken in Horde, der Georgsmarienhiitte in Osnabriick, 
der Fiirst-Stolberg-Hiitte in Ilsede und sogar mit den Hiittenwerken in Nieder- 
bronn und Rosenberg bei Sulzbach in Bayern bekannt. 

Seine Tatigkeit bei dem damaligen Koniglich PreuBischen Hiittenamt in 
Gleiwitz, die sein Lebenswerk werden sollte, nahm er Anfang 1871 auf. Zu- 
nachst als Hutteninspektor zur vorlaufigen Amtsverwesung bestellt, wurde 
er im Jahre 1872 zum Hiittendirektor befordert, und damit ubernahm er end- 
giiltig die gesamte Leitung des Werkes, in dem er 31 Jahre lang, bis zu seinem 
tibertritt in den Ruhestand im Jahre 1902, gewirkt hat. Das Werk erfuhr 
unter der Leitung von J. durch die Angliederung einer RohrengieBerei und 
einer StahlgieBerei umfangreiche, mit Scharfsinn und Weitblick durchgefiihrte 
Erweiterungen. Im Jahre 1883 wurde ihm der Titel eines Bergrates und 1891 
der des Geheimen Bergrates verliehen. 

Wenn schon die Leitung eines so bedeutenden Huttenwerkes ein groBes 
MaB von Arbeitskraft verlangte, so drangte sein reger Forscher- und Schopfer- 
geist J. weit uber die Grenzen dieses Aufgabenkreises hinaus. 

Seine vielseitigen Interessen lagen in erster Linie und fast ausschlieBlich 
auf technischem Gebiet. Als Eisenhuttenmann widmete er sich besonders 
dem GieBereiwesen. Bahnbrechend sind seine Forschungen auf dem Gebiet 
der Untersuchungen liber das Wesen des GuBeisens und der Priifungsverfahren 
fur GuBeisen. Er gehorte den einschlagigen Ausschussen der maBgebenden 
Fachverbande, wie z. B. des Deutschen Verbandes fiir die Materialpriifungen 
der Technik, des Vereins Deutscher EisengieBereien usw. an, die er zum Teil 
leitete. So war er jahrzehntelang Vorsitzender der Saulenkommission des 
Vereins Deutscher EisengieBereien, deren Aufgabe es war, die Verwendungs- 
f ahigkeit guBeiserner Saulen im Vergleich zu den schmiedeeisernen Saulen zu 
priifen. Von besonderer Bedeutung ist sein im Jahre 1886 im Verein Deut- 
scher EisengieBereien gehaltener Vortrag iiber die »Verwendung guBeiserner 
Saulen zu Hochbauten«. Im Deutschen Verband fiir die Materialpriifungen 
der Technik war er Obmann des Unterausschusses, der sich mit dem Studium 
der Grundsatze fiir die GuBeisenpriifung befaBte. Das Ergebnis dieser Ar- 
beiten waren die »Vorschriften fiir die Lieferung von GuBeisen «, die im 
Jahre 1909 vom Verband fiir die Materialpriifungen der Technik gemeinsam 
mit dem Verein Deutscher EisengieBereien und dem Deutschen GuBrohr- 
verband herausgegeben wurden und die heute noch die Grundlage fiir die 
Priifung des GuBeisens sind. 

Als Ziel seiner Arbeiten bezeichnete J., mit dazu beitragen zu wollen, daB 
»die noch dunklen Eigenschaften des GuBeisens zur vollen Erkenntnis« ge- 
langen. Er war der tjberzeugung, daB die in den bestehenden Vorschriften 
fiir die Lieferung von GuBeisen geforderten Festigkeitziffern zu niedrig seien, 
und daB es, um die Verwendung des GuBeisens nicht durch eine gesteigerte 
Verwendung von Eisenbeton, FluBeisen und FluBstahl zu beeintrachtigen. 



Jungst 265 

notwendig sei, bei den steigenden Anspriichen an die Eigenschaften des Ma- 
terials sowohl im Maschinenbau als auch im Hoch- und Tiefbau die Festigkeit- 
ziffern fiir GuBeisen zu erhohen. Er wollte deshalb versuchen, nachzuweisen, 
daB die tatsachlichen Leistungen der deutschen EisengieBereien weit hoher 
seien, als auf Grund der Lief erungsvorschrif ten angenommen werden konnte. 
So sagte er in einem im Jahre 1904 vor der »Eisenhiitte Oberschlesien « gehal- 
tenen Vortrag uber das Thema: »Eine Phase aus dem Kapital GuBeisen- 
priifungd am SchluB die bemerkenswerten Worte: »Das GuBeisen ist besser 
als sein Ruf. Es besitzt vortreffliche Eigenschaften, welche es zu vielen 
Zwecken des geschaftlichen Lebens besonders geeignet machen, vorausgesetzt, 
daB seine Darstellung richtig gehandhabt wird. Ich bin iiberzeugt, daB das 
GuBeisen nicht allein sein gegenwartiges Feld behaupten, sondern auch einen 
groBen Teil des in den letzten Jahren verlorenen Feldes wiedergewinnen 
wird. « Dieser Vortrag und zahlreiche andere Berichte und Veroffentlichungen 
sind die Vorarbeiten zu der bekannten im Jahre 1913 erschienenen Schrift: 
»Beitrag zur Untersuchung des GuBeisens* (Verlag Stahleisen, Diisseldorf). In 
dieser Schrift ist mit den Ergebnissen von 407 Analysen der Rohstoffe und 
des GuBeisens und nicht weniger als 5894 nach einheitlichen Gesichtspunkten 
durchgefuhrten Untersuchungen auf Durchbiegung, Biegefestigkeit, Zug- 
festigkeit, Schlag- und StoBfestigkeit, Hohenverminderung, Druckfestigkeit 
und Harte ein Stoff zusamxnengetragen, wie er vollstandiger, umfangreicher 
und fiir die Zukunft des EisengieBereiwesens wertvoller nicht zusammen- 
gebracht worden ist. Als einen groBen Mangel des GuBeisens, der seiner Ver- 
wendung beim Baufach und Maschinenbetriebe sehr entgegenstehen konnte, 
betrachtet er die Unsicherheit der Darstellung von GuBstiicken mit gleichen 
Eigenschaften und die sich daraus ergebende Ungleichheit des gelieferten Er- 
zeugnisses. Bei der Durcharbeitung der Untersuchungsergebnisse hat er ver- 
sucht, den Umfang der im GuBeisen auftretenden UngleichmaBigkeiten zu er- 
kennen, ihre Ursachen zu finden und Winke zu ihrer Vermeidung, so weit 
dies moglich ist, zu geben. — Die Priifung speziell der Druckfestigkeitziffer 
beim GuBeisen hat J. wiederum zu mehreren hundert Untersuchungen ver- 
anlaBt. Diese Arbeiten sind durch den Krieg unterbrochen und daher nicht 
mehr zur Veroffentlichung gekommen. Bedeutungsvoll sind seine Versuche 
mit Ferro-Silizium, die er einmal in einem Vortrag »EinfluB des Ferro- 
Siliziums auf das Material zur Herstellung von Bergwerksmaschinen « (1889) 
und in einem weiteren Vortrag »Schmelzversuche mit Ferro-Silizium « (1890) 
behandelt hat. Insbesondere dieser letzte Vortrag, der in der amtlichen »Zeit- 
schrift fiir Berg-, Hiitten- und Salinenwesen im preuBischen Staat« veroffent- 
licht ist, war besonders einschneidend und bildete die Grundlage fiir weitere 
Arbeiten. — Zwei seiner Arbeiten befassen sich mit dem RohrenguB. Im 
Jahre 1884 beschrieb er eingehend die neue RohrengieBerei des Koniglichen 
Hiittenamtes Gleiwitz, und in einem 1899 gehaltenen Vortrag besprach er 
den »EinfluB der im Wasser enthaltenen Gase auf Wandungen guBeiserner 
Rohren «. 

Neben seiner rein fachwissenschaftlichen Betatigung lieBen ihn auch die 
wirtschaftlichen Fragen seiner Zeit nicht unberuhrt. Er war 30 Jahre lang 
(1872 — 1902) Vorsitzender der Schlesisch-Ostdeutschen Gruppe des Vereins 
Deutscher EisengieBereien und ferner Vorstandsmitglied der »Eisenhutte 



266 igi8 

Oberschlesien«. Bei dem im Jahre 1879 entbrannten Kampf um die Erhaltung 
der Eisenzolle gehorte J. zu den Sachverstandigen (Eisenenquetekommission), 
die mit der Priifung der Verhaltnisse fiir die Eisenindustrie betraut waren. 
Im Jahre 1879 veroffentlichte er in den »Verhandlungen des Vereins zur Be- 
forderung des GewerbefleiBes* einen Bericht tiber »Die Roheisenerzeugung 
auf der Weltausstellung zu Paris «, in dem auBer einer Betrachtting iiber den 
Gegenstand selbst die derzeitigen Fortschritte der fiir das Eisenhiittenwesen 
in Frage kommenden Maschinen beschrieben sind. 

Die Arbeiten J.s fanden die entsprechende Wurdigung, die sich in den viel- 
fachen Ehrungen, die ihm zuteil wurden, auBerte. J. war Ehrenmitglied des 
Vereins Deutscher EisengieBereien und der »Eisenhiitte Oberschlesien*; die 
Technische Hochschule in Breslau verlieh ihm bei der Einweihung ihrer 
huttenmannischen Institute die Wiirde eines Doktoringenieurs ehrenhalber. 

Soil das Lebensbild J.s wiedergegeben werden, so darf nicht unerwahnt 
bleiben, daB er bei seinen zahlreichen Berufs- und Fachamtern auch noch 
Zeit fand, seiner Stadt und Gemeinde Gleiwitz, die seine zweite Heimat ge- 
worden war, zu dienen. So war er lange Jahre als Stadtverordneter und Stadt- 
rat in Gleiwitz tatig und gehorte auBerdem zu der kirchlichen Gemeinde- 
vertretung, wo er insbesondere als Mitglied der Synode fiir den Kreis Gleiwitz 
eifrig wirkte. 

J. erreichte das hohe Alter von 88 Jahren. Ihm blieb bis zu seinem Lebens- 
ende eine seltene korperliche und geistige Frische erhalten. Die groBe Ver- 
ehrung und das unbeschrankte Vertrauen, die dem mit reichen Gaben des 
Geistes und des Herzens ausgeriisteten Manne in den Tagen seines Schaffens 
tiberall begegneten, erhellten noch seinen Lebensabend, der dazu von gliick- 
lichen Familienverhaltnissen getragen war. 

Das Leben J.s war reich an Arbeit, aber auch reich an Erfolgen. Der Name 
J.s ist mit der Geschichte der Technik der Eisenhuttenkunde, insbesondere 
des EisengieBereiwesens, auf immer verbunden. 

Literatur: Brandt: Zur Geschichte der deutschen EisengieBereien. »Mitteilungen des 
Vereins Deutscher EisengieBereien.* 

Diisseldorf. Theodor Geilenkirchen. 

Kawerau, Gustav, D. theol., o. Honorarprofessor an der Universitat Berlin, 
Propst zu St. Petri und nebenamtliches Mitglied des Evangelischen Ober- 
kirchenrats, * am 25. Februar 1847 in Bunzlau (Schlesien), | am 1. Dezem- 
ber 1918 in Berlin. — Gustav K.s Vater war Lehrer. Spater wurde der Vater 
Organist an St. Matthaus in Berlin. In Berlin war K. Schuler des Friedrich- 
Wilhelm-Gymnasiums. 1863 bestand er die Reifeprufung. Von 1863 bis 1866 
studierte er Theologie in Berlin. Beide theologische Priifungen bestand er 1867 
und 1869 vor dem Evangelischen Konsistorium in Berlin. Am 6. Februar 1870 
wurde K. ordiniert. Alsbald wurde er Hilfsprediger an St. Lukas in Berlin. 
Bereits am 15. Mai 1871 erfolgte seine Berufung zum Pastor der Gemeinde 
Langheinersdorf, Kreis Zullichau. Er verwaltete dieses Pfarramt fast fiinf 
Jahre lang. Am 1. April 1876 ging er in das Pfarramt Klemzig, Kreis Zullichau, 
iiber. Die Aufmerksamkeit weiterer Kreise lenkte sich auf den jungen Pfarrer. 
35 Jahre alt, wurde er zum Professor und Geistlichen Inspektor an dem Kloster 



Jungst. Kawerau 267 

Zu Unserer Lieben Frauen in Magdeburg eraannt (1. Oktober 1882). Die An- 
stalt, an der er nur dreieinhalb Jahre gewirkt hat, dient hauptsachlich der 
Ausbildung von Religionslehrern. Er konnte hier sein hervorragendes padago- 
gisches Geschick trefflich verwerten. K.s literarische Tatigkeit, die inzwischen 
groBeren Umfang angenommen hatte, lieB daran denken, ihn an eine Uni- 
versitat zu ziehen. Schon am 1. April 1886 wurde K. o. Professor fur prak- 
tische Theologie in Kiel; nach genau acht Jahren (1. April 1894) siedelte er 
in gleicher Eigenschaft an die Universitat Breslau iiber. Hier erweiterte sich 
der Kreis seiner Tatigkeit iiber die Universitat hinaus: er wurde zugleich im 
Nebenamt Mitglied des Koniglichen Konsistoriums in Breslau und Univer- 
sitatsprediger. 1902 erging aus der Elisabethgemeinde in Breslau die Bitte 
an ihn, das Amt ihres Pastor primarius zu iibernehmen. K. zeigte sich nicht 
abgeneigt, wiinschte aber, wenn auch mit Einschrankungen, seine Professur 
und das Nebenamt des Konsistorialrats beizubehalten. Das Kultusministe- 
rium, das gegen die Verbindung eines Pfarramts mit einer Professur grund- 
satzliche Bedenken hatte, machte Schwierigkeiten, und er lehnte sehr zum 
Bedauern der Elisabethgemeinde ab. Als spater eine Anfrage wegen einer 
Berufung an die Evangelisch-Theologische Fakultat in Bonn erfolgte, lehnte 
er ab, weil die Anfrage nicht im Einklang mit der dortigen Fakultat erfolgt 
war. 1372 Jahre seiner besten Kraft hat K. den Breslauer Amtern gewidmet. 
Als Sechzigjahriger setzte er den Wanderstab noch einmal weiter. Der Konig 
berief ihn als Propst an St. Petri und nebenamtliches Mitglied des Evange- 
lischen Oberkirchenrats nach Berlin (1. Oktober 1907). Eigenem Wunsch ent- 
sprach es, daB er die Universitatstatigkeit nicht aufgab; er wurde zugleich 
o. Honorarprofessor an der Theologischen Fakultat der Universitat Berlin. 
Diese Amter hat er bis zu seinem Tode innegehabt. In voller Frische beging 
er den 70. Geburtstag, begann dann aber zu krankeln und starb infolge von 
Entkraftung, welche die Entbehrungen des Krieges zweifellos beschleunigt 
hatten, am 1. Dezember 1918. Am Luther- J ubilaum, 10. November 1883, 
haben zwei deutsche theologische Fakultaten, Halle und Tubingen, ihm auf 
Grund seiner Luther- Forschungen die Wiirde eines Ehrendoktors der Theologie 
verliehen. Am Calvin- J ubilaum (16. Juli 1909) ernannte die Philosophische 
Fakultat der Universitat GieBen ihn gleichfalls ehrenhalber zum Dr. phil. 
Am 7. April 191 1 erhielt er den Titel eines Geheimen Oberkonsistorialrats. 

K. verheiratete sich am 10. Januar 1872 mit Berta, geborene Hermann, 
die ihn uberlebte. Der Ehe entsprossen acht Kinder. DaB sein Sohn Hans 
(* 1881) als Divisionspfarrer im Weltkrieg mitten im Gottesdienst in einer 
Kirche an der Ostfront durch eine einschlagende Bombe getotet wurde, war 
ihm ein tiefer Schmerz, der dazu beigetragen haben mag, seine Kraft zu zer- 
miirben. 

Will man K.s Tatigkeit ausreichend wiirdigen, so wird man ihn als Pro- 
fessor, als theologischen Forscher und als Kirchenmann zu zeichnen 
haben. Ein Versuch, die Personlichkeit des Mannes von innen heraus zu ver- 
stehen, muB den AbschluB bilden. 

Als Professor hatte K. auftragsgemaB praktische Theologie zu lehren. 
Er hat das von seiner Berufung nach Kiel an, im ganzen also fast 
32 Jahre lang, getan. In Vorlesungen wie Ubungen stand die praktische 
Theologie (einschlieBlich Padagogik, Innere und AuBere Mission, Katechismus) 



268 I9i8 

im Vordergrund. Meist waren ihre Gebiete allein ihr Gegenstand. Das verdient 
besondere Hervorhebung, weil seine schriftstellerische Tatigkeit sich in wach- 
sendem Mai3 mit kirchengeschichtlichen Stoffen befaBte. Indes war doch kein 
Zwiespalt zwischen seiner akademischen Lehrtatigkeit und seiner schrift- 
stellerischen Arbeit. Manche seiner historischen Studien greifen in die Ge- 
schichte der kirchlichen Praxis ein, wie das in hervorragendem MaBe von 
den Studien iiber die Entwicklung der lutherischen Taufliturgie gilt. (Litur- 
gische Studien zu Luthers Taufbuchlein von 1523. Zeitschrift fiir kirchliche 
Wissenschaft und kirchliches Leben. 1889. Hefte 8, 9, 11, 12.) Auch hat K. 
sich an der Erorterung grundsatzlicher praktisch-theologischer Fragen oft 
beteiligt. Schon hier sei erinnert an seine Auseinandersetzung mit Ernst 
Christian Achelis iiber die Reform der Konfirmationsordnung. (Bedarf die 
gegenwartige Konfirmationsordnung einer Anderung? Halte was du hast, 
Jahrgang 24 [1901], S. 129 ff., vgL 367 ff.) 

Er hat aber auch die Moglichkeit gefunden, iiber den eigentlichen Lehr- 
auftrag hinaus Vorlesungen zu halten ; so exegetische Vorlesungen iiber die 
Perikopen und die Pastoralbrief e ; ofter hat er in Breslau auch iiber die 
» Geschichtliche Erklarung der Confessio Augustana«, einmal, Sommer 1900, 
zweistiindig iiber »Das Leben Luthers «gelesen. Seine praktisch-theologischen 
Vorlesungen waren stark geschichtlich fundamentiert. Er war als prak- 
tischer Theologe ein Vertreter der Richtung, die eine genaue Kenntnis der 
Entwicklung des kirchlichen Lebens in alien seinen AuBerungen fiir die 
unentbehrliche Grundlage theoretischer Erorterungen halt. Aber er blieb 
nicht im Geschichtlichen stecken, sondern gab klare grundsatzliche Dar- 
legungen, die der Praxis der Gegenwart dienlich waren. Seine Vortragsweise 
auf dem Katheder zeichnete sich nicht durch rednerische Mannigfaltigkeit 
und Lebendigkeit, aber durch auBerordentliche Klarheit aus. In formvoll- 
endeter Darstellung brachte er seine Gedanken den Horern eindriicklich nahe. 
In den Ubungen des homiletischen und katechetischen Seminars verstand er 
es, freundliche Kritik mit weiterfiihrenden Weisungen zu verbinden. 

Als theologischer Forscher hat K. seine Arbeit in besonderem MaB 
auf die Geschichte der lutherischen Reformation konzentriert. Eine Fiille 
von einzelnen Studien, die teils in Form von Aufsatzen, teils in Form von 
Monographien erschienen sind, legt davon beredtes Zeugnis ab. Ich gebe im 
folgenden ein Verzeichnis der wichtigeren (nicht aller) dieser Veroffent- 
lichungen: Johann Agrikola von Eisleben, 1881; Luthers Lebensende in 
neuester ultramontaner Beleuchtung, 1890; Hieronymus Emser, 1898 (Schrif- 
ten des Vereins fiir Reformationsgeschichte Nr. 61) ; Die Versuche, Melanchthon 
zur katholischen Kirche zuruckzufiihren, 1902 (ebenda) ; Luthers Riickkehr 
von der Wartburg nach Wittenberg, 1902 ; Luther in katholischer Beleuchtung, 
Glossen zu H. Grisars Luther (Schr. d. V. f. R.-G. Nr. 105), 1911; Luthers Ge- 
danken iiber den Krieg, 1916 (Schr. d. V. f. R.-G. Nr. 124); Luthers Schriften 
nach der Reihenfolge der Jahre verzeichnet, mit Nachweis ihres Fundorts in 
den jetzt gebrauchlichen Ausgaben, 1917 (Schr. d. V. f. R.-G. Nr. 129). 

So muBte es ihm eine hohe Genugtuung sein, als der Antrag an ihn heran- 
trat, eine neue Auflage von Julius Kostlins Luther-Biographie zu bearbeiten. 
Allerdings hatte er gewisse Bedenken dabei zu iiberwinden. Im Vorwort zu 
der fiinften Auflage hat er sie selbst dargelegt. Der Druck der neuen Bear- 



Kawerau 269 

beitung hatte bereits begonnen; es konnte sich nicht um grundlegende Neu- 
arbeit handeln, sondern nur um Fortsetzung und Vollendung. Charakter, An- 
lage und Stoffgruppierung lieB K. daher vollig unverandert ; er trug nur die 
Ergebnisse der neueren Forschungen nach. Eine selbstlose Arbeit! Es gelang 
K. in verhaltnismaBig kurzer Zeit, die umfangreiche Aufgabe zu bewaltigen. 
Er hat mit der ihm eigenen peinlichen Genauigkeit, mit der alle anderen 
Rucksichten zuriickstellenden Sachlichkeit Kostlins Darstellung des Lebens 
Luthers eine Gestalt gegeben, die bis heute ihren groBen Wert behauptet. 
Andere Luther-Biographien mogen geistreicher geschrieben sein; sie mogen 
psychologisch mehr in die Tief e gehen ; sie mogen die Umwelt Luthers genauer 
ergriinden ; sie mogen Luthers Arbeit starker in die Geschichte der politischen 
Entwicklung des Reformations] ahrhunderts hineinstellen — an klarer t)ber- 
sichtlichkeit, ruhiger Sachlichkeit und peinlicher Griindlichkeit hat keine das 
Kostlin-Kawerausche Buch iibertroffen. 

Ein sehr erhebliches MaB von Arbeit hat K. ferner auf die Darstellung der 
Reformationsgeschichte verwendet, die den 3. Band des von W. Moeller be- 
gonnenen Lehrbuches der Kirchengeschichte bildet. Moeller starb, ehe er sein 
Werk vollendet hatte ; K. ubernahm die Fortsetzung, soweit Reformation und 
Gegenreformation in Frage kam. Auch in diesem Bande zeigt sich die Eigenart 
seiner Darstellung. Da es sich um ein Lehrbuch handelt, muBte der iibersicht- 
lichen Gliederung des Stoffes, der richtigen Auswahl des Darzubietenden be- 
sondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Ohne diese Gesichtspunkte irgend 
auBer acht zu lassen, schuf K. einen trefflich lesbaren, in vielen Punkten auch 
wissenschaftlich weiterf uhrenden Text, der den Studenten als Grundlage seiner 
Arbeiten von hochstem Werte sein muB. 

Es war ein eigentumliches Geschick, daB diese beiden groBten zusammen- 
fassenden Arbeiten zur Reformationsgeschichte nicht unter K.s eigenem Namen 
gingen. Jene Luther-Biographie fuhrte denTitel: » Martin Luther. Sein Leben 
und seine Schriften. Von Julius Kostlin. Fiinfte, neubearbeitete Auflage, nach 
des Verfassers Tode fortgesetzt von D. Gustav Kawerau. 2 Bande, 1903.(1 Das 
Lehrbuch der Kirchengeschichte hieB : » Lehrbuch der Kirchengeschichte, von 
D. Wilhelm Moeller. 3. Bd. : Reformation und Gegenreformation. Bearbeitet 
von D. Gustav Kawerau, 1907. « K. selbst hat dieses Zuriicktreten seines 
Namens selbst mit einer gewissen Resignation gelegentlich der Erwiderung 
auf eine Gluckwunschrede an seinem 70. Geburtstag hervorgehoben, Zu der 
Anspruchslosigkeit des Gelehrten, die K. niemals verleugnet hat, gehorte auch 
dieses Sichbescheiden. 

Ahnlich wie bei diesen groBen Arbeiten ging es ihm auch mit einer anderen. 
Enders hatte begonnen, den Briefwechsel Luthers herauszugeben. Als er 
starb, trat K. in die Arbeit ein. Es gelang ihm, die Herausgabe bis fast ans 
Ende zu fuhren, bis zum 16. Band » Martin Luthers Briefwechsel. Heraus- 
gegeben von Ludwig Enders, Gustav Kawerau und Paul Flemming. Abge- 
schlossen von O. Albrecht. 18 Bande «. Kurz vor der Vollendung starb er. 

Eine auBerordehtliche Anerkennung seiner Luther-Arbeit lag in der Be- 
rufung zum Mitarbeiter (1884), noch mehr in der zum Vorsitzenden (1905) 
der Kommission, die mit der Bearbeitung der Kritischen Gesamtausgabe von 
»D. Martin Luthers Werken«, der sogenannten Weimarer Ausgabe, betraut 
war. Der 3., 4., sowie der 8. (1885 ff..) Band tragen seinen Namen (der 



270 I9i8 

letztere gemeinsam mit Nikolaus Miiller). Fiir diese Ausgabe gedachte er 
Luthers Briefe zu bearbeiten. Reiches Material dafiir lag bereits vor, als 
ihm der Tod die Feder aus der Hand nahm. 

Gelegentlich hat K. iibrigens auch auf Gebieten der Kirchengeschichte ge- 
arbeitet, die auBerhalb der Reformationszeit lagen. So hat er anlaBlich der 
Paul Gerhard-Gedenkfeier in den Schriften des Vereins fiir Reformations- 
geschichte eine Wiirdigung Paul Gerhards veroffentlicht, die von liebevoller 
Einfiihlung zeugte. Sehr wertvoll war auch ein Aufsatz iiber die Stellung des 
schlesischen Konsistoriums zu dem in der Erweckungszeit am Anfang des 
19. Jahrhunderts neuerwachenden Missionsleben in der Provinz Schlesien (ab- 
gedruckt unter dem Titel: »Der Kampf des schlesischen Konsistoriums gegen 
die ersten Missionsvereine* in der Allg. Missionszeitschrift 1900, S 545 — 564). 
Der Aufsatz beleuchtete ein iiberaus interessantes Stuck neuester Kirchen- 
geschichte. 

Auf den hervorragenden Forscher richteten sich die Augen des Vereins fiir 
Reformationsgeschichte, als durch Kostlins Tod der Platz des Vorsitzenden 
frei wurde. Von 1903 bis zu seinem Tod hat K. den Vorsitz gefuhrt; nur in 
der letzten Zeit hatte er sich von der Leitung der Vereinsgeschaf te allmahlich 
zuriickgezogen. Von 191 3 an zeichnete er ferner (gemeinsam mit L. Zscharnack) 
als Herausgeber des »Jahrbuchs fiir Brandenburgische Kirchengeschichte*. 

Als Prediger hat K. in verschiedenen Amtern zu wirken gehabt. tlber 
seine Predigt im Landpfarramt ist Naheres nicht bekannt. In Breslau iibten 
K.s Predigten eine groBe Anziehungskraft auf die ganze Stadt aus. Die Kirche 
war regelmafiig dicht gefullt. Ein groBer Teil der hier gehaltenen Predigten 
ist in den beiden Banden : Predigten auf die Sonn- und Festtage des Kirchen- 
jahres (1897) und »Neue Sammlung« mit gleichem Titel (1899) gedruckt. Der 
erste Band bringt 64, der zweite 63 Predigten. AuBer Breslauer Predigten 
sind auch solche aus Kiel und an verschiedenen Orten gehaltene Festpredigten 
aufgenommen. So geben diese Bande ein umfassendes Bild von K.s Predigt- 
weise. Der Prediger nahm wohl auch auf die Anliegen der aus der Universitat 
hergekommenen Horer Bezug; in der Hauptsache aber waren seine Predigten 
Gemeindepredigten. Er sprach ruhig und ohne jedes rhetorische Mittel. 
»Das Mittel aber, das ich dafiir als Prediger zur Verfugung habe« — so 
sprach er sich selbst aus — , »ist nicht irgendwelche Kunst menschlicher Rede 
oder irgend welches Reizmittel fiir Phantasie oder Nerven, sondern lediglich 
der heilige Ernst, die Tiefe und Kraft des Wortes Gottes selbst. « (Vorwort 
zum 2. Band der Predigten.) Doch wirkte die Predigt naturlich auch durch 
die innere Lebendigkeit, mit der sie vorgetragen wurde. Es war ihm ein Her- 
zensanliegen, auf Grund des biblischen Textes zu predigen. Er bekannte sich 
als einen Schuler Steinmeyers, von dem er in seinen Berliner Studienjahren 
viel gelernt hatte. Zwar hat er Steinmeyers Einseitigkeiten niemals mit- 
gemacht. Aber in der Art, wie er in die Tiefen des Textes griff und ihn nach 
alien Richtungen fruchtbar machte, zeigte sich Steinmeyers EinfluB. Dabei 
hat K. noch in einem anderen Stuck von Steinmeyer gelernt. Im Vorwort zu 
dem zweiten Predigtbande dankt er Steinmeyer dafiir, dafl er seinen Schulern 
den Satz eingepragt habe, die Predigt solle Religion, aber nicht Theologie 
zum Inhalt haben, und die Quelle, aus der sie zu schopfen habe, diirfe nicht 
die Dogmatik, sondern allein das urspriingliche, lebendige Zeugnis der Schrift 



Kawerau 271 

sein. In der Tat findet man nirgends bei ihm irgendwelche theologischen oder 
theologisierenden Ausfuhrungen. Uberall sind seine Predigten von der Riick- 
sicht auf das innere Leben bestimmt. Dabei fehlt jede Neigung zum Senti- 
mentalen, jeder Versuch zur Gefiihligkeit. Alles ist wahr, und alles ist ernst; 
alles ist biblisch, und alles ist evangelisch. Dazu verstand er es trefflich, das 
Zeitmafi, das der Predigt gewiesen ist, innezuhalten. Sorgfaltig bereitete er 
sich vor, auch dann, wenn drangende Arbeit sich haufte. 

Auch als Mann der Kirche und der Kirchenleitung will K. gewiir- 
digt sein. Er trat nicht in die Front der Kampfer im kirchlichen Streit; viel- 
melir befleifiigte er sich in kirchlichen Dingen, wie deutlich zu erkennen war, 
absichtlich einer gewissen Zuriickhaltung. Mancher hat gemeint: vorsich- 
tiger Zuriickhaltung. Diese Auffassung ist sicherlich irrig. Er war keine 
Kampfernatur, sondern eine Gelehrtennatur. Am Schreibtisch und auf dem 
Katheder war sein Platz, nicht im Parteigetriebe. Aber seine Haltung war 
sachlich klar und entschieden. Er ging in seiner kirchlichen Art nicht die 
Wege seines Lehrers Steinmeyer. Fur ihn war bestimmend eine biblisch- 
evangelische Haltung. Sie war ganz und gar an der Reformation orientiert. 

Als der Rezensent einer kleinen Predigtsammlung bedauert hatte, dafi 
moderne Christen in K.s Predigten nicht fanden, was sie begehrten, erwiderte 
er: wenn diese statt des alten ein modernes Evangelium zu horen begehrten, 
so konne er ihnen nicht helfen ; er kenne nur das alte, sei auch der guten Zu- 
versicht, dafi dieses ewig jung bleibe (Vorwort zum 2. Band der Predigten). 
Andererseits war er aus derselben Grundhaltung heraus auch jedem Versuch 
abgeneigt, die evangelische Kirche in die Bahnen einer neulutherischen Ent- 
wicklung zu lenken. Das Neuluthertum schien ihm die evangelischen Grund- 
satze der Reformation nicht zu ihrem Rechte zu bringen. 

Es hing mit dieser Stellung zusammen, dafi er dem Versuch, Parteikonstel- 
lationen bei der Besetzung theologischer Professuren mafigebend sein zu lassen, 
grofie Abneigung entgegenbrachte. In den Streit, der um die Besetzung 
theologischer Professuren 1907 /1908 entbrannte, griff er durch einen Artikel in 
der »SchlesischenZeitung« ein, der ihm von manchen Seiten verdacht wurde, 
der aber zeigt, wie er zum gegebenen Zeitpunkt seine innere Stellung auszu- 
sprechen ein Bedtirfnis hatte. Seine kirchliche Auffassung teilte er weit- 
gehend mit seinem Schwager Erich Haupt in Greifswald, seit 1888 in Halle. 
Wie dieser, so rechnete auch er, der doch die Abneigung gegen alles Partei- 
wesen gelegentlich zu scharfem Ausdruck brachte, sich trotz allem zu der 
sogenannten preufiischen Mittelpartei, an deren Reorganisation im Jahre 1905 
er aktiven Anteil nahm. Er ubernahm, wenn auch zweifellos schweren Her- 
zens und nur dem Pflichtgefuhl folgend, den Vorsitz in der neugeordneten 
schlesischen Gruppe dieser Partei, die sich »Landeskirchliche evangelische 
Vereinigung* nannte, und fuhrte ihn bis zu seinem Scheiden aus Schlesien. 
Dieser Vereinigung ist er bis zu seinem Tode treu geblieben. Auch als Mit- 
glied der Kirchenregierung hat er die verstandnisvolle Art der Beurteilung 
der verschiedenen Stromungen des kirchlichen Lebens nicht verleugnet. 

Ftir K.s kirchliche Art ist die Studie besonders aufschlufireich, die er in 
der Zeitschrift fiir Praktische Theologie (1895, S. 240 — 265) unter dem Titel: 
»t)ber Lehrverpflichtung und Lehrfreiheit« veroffentlichte. Die energische 
Griindung auf das Evangelium bei aller Wahrung innerer Freiheit ist ihm 



272 I9i8 

Leitstern. »Worauf wird es also hierbei ankommen? Negativ, dafi dem Be- 
treffenden das Bekenntnis die Schranke seiner Lehrtatigkeit bildet, positiv, 
daB er sich der Glaubensgemeinschaft mit der als geschichtliche GroBe in 
Bekenntnis, Kultus und Lebensideal ihn umgebenden evangelischen Kirche 
bewuBt ist.« 

Bei der Besprechung seiner kirchlichen Tatigkeit darf nicht vergessen 
werden, wie hohen Wert K. auf die Pflege des Gottesdienstes auch nach seiner 
musikalischen Seite gelegt hat. Er besaB ein iiberaus feines musikalisches 
Verstandnis ; auch ausiibend war er tatig ; bis in seine letzte Lebenszeit hinein 
hat er in der Singakademie zu Berlin selber im Chor mitgesungen. In Schlesien 
wurde er alsbald nach seinem Eintritt in die Provinz Ehrenmitglied des 
Schlesischen Evangelischen Kirchenmusikvereins. An den Arbeiten und Ver- 
sammlungen dieses Vereins beteiligte er sich mit Eifer. An den groBen Ta- 
gungen f ungierte er fast regelmaBig als Liturg ; die Ordnungen dieser Gottes- 
dienste schuf er selbst. Im Konsistorium lag das Dezernat fiir Kirchenmusik 
in seinen Handen. In dieser Eigenschaft regte K. die Einrichtung von Fort- 
bildungskursen fiir Organisten an (seit 1913), die er mit Ansprachen zu er- 
offnen und zu schlieBen pflegte. Auch als Mitglied des Evangelischen Ober- 
kirchenrats hatte er die Angelegenheiten der tnusica sacra zu bearbeiten. 

Endlich eine kurze Wiirdigung der Personlichkeit und ihrer Stellung im 
kirchlichen Leben seiner Zeit. Wer K. in seinen reifen Jahren gekannt hat, 
hat wohl leicht den Eindruck gehabt, daB er schwer den EntschluB faBte, 
aus sich herauszugehen. Er gab sich immer als einen Mann vornehmer Ruhe 
und zuriickhaltenden Urteils. Es ist mir zweifellos, daB hinter dieser Zuriick- 
haltung in ganz anderem MaBe, als viele es gedacht haben, ein sehr lebhaftes 
Empfinden und eine ausgepragte Energie gestanden hat. In jedem Fall hat 
K. ein warmes Herz gehabt, das nicht nur fiir die Seinigen schlug, sondern 
auch fiir andere. Ein Mann eisernen FleiBes und peinlichster Zeitausntitzung 
ist er gewesen. Er verstand es, seinen weitreichenden Amtern gerecht zu 
werden und jede freie Stunde der wissenschaftlichen Arbeit am Schreibtisch 
zu widmen. Es mag sein, daB die oben geschilderte Zuriickhaltung ihm im 
Verkehr mit seinen Studenten, vielleicht auch mit anderen, gelegentlich ein 
Hemmnis bedeutet hat. Freilich hat sie ihn davor bewahrt, rasche AuBerungen 
zu tun, die hatten miBdeutet werden konnen. Er war nicht dazu geboren, als 
Kampfer in vorderster Front zu stehen. Aber er hat seine Uberzeugung dort 
zum Ausdruck gebracht, wo die Sache es forderte. 

So war Gustav K. eine in sich hannonische, feine, abgeklarte Personlich- 
keit, deren Innenleben auf reformatorischem Grunde ruhte, dessen An- 
schauungen im tiefsten evangelisch waren und der als Mann der Kirchen- 
leitung in peinlicher Gerechtigkeit, als wissenschaftlicher Forscher in licht- 
voller Sorgfalt und griindlichster Genauigkeit hervorragende Arbeit getan hat. 

Literatur: Personalakten beim Ev. Oberkirchenrat in Berlin; Nachrufe im Kirchl. 
Gesetz- und Verordnungsblatt (Berlin) 1918, Nr. 8; Schlesisches Blatt fiir evangelische 
Kirchenmusik, 51. Jahrg. 19 18/19, Nr. 2; Vorwort zum 5. Bd. der Tischreden in der Kri- 
tischen (Weimarer) Gesamtausgabe von D. Martin L,uthers Werken, 191 9; Jahrbuch fiir 
Brandenburgische Kirchengeschichte, 16. Jahrg. 1918; Andrae, Art. Kawerau in » Religion 
in Geschichte und GegenwarU, 1. Aufl., Bd. 3. — Mitteilungen von Prof. D. J. Steinbeck 
aus den offentlichen Vorlesungsverzeichnissen der Universitat Breslau. 

Breslau. Martin Schian. 



Kawerau. Krauel 



273 



Krauel, Richard, deutscher Gesandter, * am 12. Januar 1848 in Liibeck, f am 
2. Dezember 1918 in Freiburg i. Br. K. entstammte einer Juristenfamilie. Der 
Vater, Hans Friedrich K. (1806 — 1857), war Richter in Liibeck; der mutter- 
liche Groflvater Georg August Wilhelm du Roi, der SproBling einer jener fran- 
zosischen Protestantenfamilien, die im 17. Jahrhundert, vor der religiosen Ver- 
folgung fliehend, nach Deutschland gekommen waren, wurde 1827 an das 
Oberappellationsgericht in Lubeck berufen. Auch Richard K. wahlte das 
juristische Studium und besuchte die Universitaten Bonn, Heidelberg und 
Gbttingen. Sodann bewirkte er seine Anmeldung als Advokat in seiner Vater- 
stadt und ward Ltibecker Burger und Notar. Doch Gesundheitsriicksichten 
fuhrten ihn in eine andere Bahn. Nachdem er durch eine Lungenerkrankung 
gezwungen gewesen, zwei Winter in einem siidlichen Klima zu verbringen, 
meldete er sich fur den Konsulatsdienst. Sechs Jahre lang, 1873 — 1879, war 
er als Konsul in mehreren chinesischen Hafenplatzen, in Futschau, in Amoy, 
in Schanghai, tatig. 1879 ward er Generalkonsul des Deutschen Reiches in 
Australien und nahm seine Wohnung in Sydney. 

Seine Amtstatigkeit erstreckte sich aber iiber alle Teile Australiens und auf 
Neuseeland. Er hat auf weiten Reisen die Gebiete, in denen er fur deutsche 
Interessen einzutreten hatte, griindlich studiert und ist darin iiber die ein- 
fache Erfiillung der Pflichten seines Amtes weit hinausgegangen. K.s Wirken 
als Generalkonsul in Sydney fand jedoch einen plotzlichen AbschluB durch 
ein Telegramm, das ihn 1884 nach Berlin berief. Es war in der Zeit der be- 
ginnenden deutschen Kolonialpolitik. Als Kenner Australiens wurde er dazu 
ausersehen, die notwendig erscheinenden Verhandlungen mit England zu 
fuhren, durch welche die deutschen und englischen Interessenspharen in der 
Siidsee gegeneinander abgegrenzt werden sollten. Neuguinea, Samoa, die 
Fidschiinseln bildeten die wichtigsten Gegenstande, iiber die verhandelt wurde. 
Zweimal, 1885 und 1886, ist K. in diplomatischer Mission nach I/>ndon ent- 
sandt worden. Wahrend der iibrigen Zeit ward er nun, bis 1890, im Auswartigen 
Amt in Berlin beschaftigt, wo er, rasch befordert, die auBereuropaischen, 
handelspolitischen und kolonialpolitischen Angelegenheiten zu bearbeiten 
hatte. Und als durch den Etat des Auswartigen Amts fur 1890/91 eine Kolonial- 
abteilung daselbst errichtet wurde, ward K. zum » Dirigenten « derselben ernannt. 

Die in der Heimat verbrachten Jahre 1884 — 1890 waren fur K. die Zeit der 
Einfuhrung in die hohe Politik. Es war die Epoche Bismarcks. Mit Genug- 
tuung hat K. spater von sich selbst als einem der Uberlebenden gesprochen, 
»die unter dem gewaltigen Lehrmeister der Politik gelernt und seines Geistes 
einen Hauch verspiirt haben«. K. ist ihm auch personlich nahegetreten und 
hat wiederholt als Gast in Varzin und Friedrichsruh geweilt. Bismarck hat in 
ihm den klugen und kenntnisreichen Beamten geschatzt. »Sie haben gut und 
sachlich gesprochen, « sagte er, nachdem er K. als Kommissar des Bundesrats 
im Reichstage reden gehort. Das freundliche Verhaltnis (das auch iiber Bis- 
marcks Entlassung hinaus erhalten blieb) ward auch nicht dadurch gestort, 
daB es bei den zwischen ihnen gepflogenen kolonialpolitischen Erorterungen 
gelegentlich nicht an starken Meinungsverschiedenheiten fehlte, wie denn 
Bismarck die Bildung kapitalkraftiger kolonialer Gesellschaften in Deutsch- 
land empfahl, wahrend K. von diesem System (das sich z. B. in Ostafrika 
nicht bewahrte) nur wenig hielt. 

DBJ 18 



274 l ? lS 

Die sechsjahrige Tatigkeit K.s im Auswartigen Amte schloB mit seiner Teil- 
nahme an dem denkwiirdigen Sansibar-Vertrage von 1890. Es ist jenes deutsch- 
y/ englische Abkommen, durch das Deutschland groBe Opfer in Ostafrika brachte 
und die Insel Helgoland dafiir eintauschte. Die Mehrheit der deutschen Zeit- 
genossen hat den VertragsschluB hart verurteilt, und auch der kurz zuvor ent- 
lassene Bismarck hat sich dieser Kritik angeschlossen. Kaum dachte jemand 
an die Moglichkeit eines deutsch-englischen Krieges und welche Rolle ein 
deutsches Helgoland in solchem Kriege als Bollwerk der deutschen Kiisten 
gewinnen muBte. Damals, 1890, hat K. als Leiter der kolonialen Verwaltung 
eine gedeihliche Entwicklung des afrikanischen Besitzes auch auf Grund 
dieses Vertrages sicherlich fur moglich gehalten. Aber auch er hat nicht 
leichten Herzens, sondern nur »hoheren Weistuigen folgend«, seinen Namen 
unter die Urkunde gesetzt. 
/ * Noch im Jahre 1890 ward K. zum Gesandten in den La-Plata-Staaten er- 
nannt mid bezog den Posten in Buenos Ayres. GroBe Aufgaben gab es hier 
nicht zu losen. Kein auswartiger Konflikt, keine der in Siidamerika so hau- 
figen Revolutionen erschwerten die Tatigkeit des deutschen Gesandten. Es 
war mehr das ruhige Walten uber den politischen und handelspolitischen 
Beziehungen, die Sorge, daB die oft vorfallenden, oft so imbequemen Re- 
klamationen nicht zu ernsten Konflikten fiihrten, es waren die notwendigen 
Reisen nach den beiden anderen Hauptstadten, nach Montevideo und Asuncion 
und endlich die vielfachen Pflichten der Representation, die dem Gesandten 
oblagen. 

Weit bedeutender und auch folgenreicher war die Tatigkeit, die K. auf der 
nachsten Stufe seiner Laufbahn zu entfalten vermochte. Er vertauschte 1894 
den Gesandtenposten in Buenos Ayres mit demjenigen in Rio de Janeiro. Die 
wichtigste Frage, mit welcher der Gesandte sich zu befassen hatte, betraf die 
deutsche Einwanderung nach Brasilien. Diese Einwandenmg war wahrend 
des ganzen 19. Jahrhunderts vor sich gegangen, hatte sich aber in den letzten 
Jahren stark vermindert. Bis 1891 hatte man alljahrlich Tausende von deut- 
schen Einwanderern gezahlt, seither aber waren es kaum noch Hunderte. Die 
brasilianische Regienmg selbst sah dies ungern. Der President der Republik 
sprach im Februar 1897 dem neuen Gesandten sein Bedauern aus tiber die Ab- 
nahme der deutschen Einwandenmg nach den Siidprovinzen mid nannte das 
deutsche Element einen ungleich wertvolleren Bestandteil der dortigen Be- 
volkerung als die massenhaft zustromenden Italiener. So richtete K. vom 
ersten Tage an sein Augenmerk auf die Hebung der deutschen Einwanderung. 
Auch fiir das Mutterland war dies ein erwunschtes Ziel, denn die in Brasilien 
eingewanderten Deutschen lebten nicht weithin zerstreut iiber das an GroBe 
einem Erdteil gleichende Land. Vielmehr hatte sich ein guter Teil der deut- 
schen Ankommlinge in groBen Komplexen, sogenannten deutschen Kolonien, 
zusammengeschlossen, besonders in den drei stidlichsten Staaten der Republik, 
in Parand, Santa Catharina mid Rio Grande do Sul. Deutschlands Interesse 
ging nun dahin, diese Kolonisten in ihrem Deutschtmii zu befestigen. Man 
, hatte es hier mit einem Falle zu tun, wo deutsches Leben in einem fremden 
Erdteil stattlich aufbluhen konnte, wahrend der Wmisch, auch die Staatshoheit 
des Reiches hier aufzurichten, ruhig schweigen durfte. An Gebietserwerbungen 
auf dem Boden Brasiliens hat die deutsche Regierung in der Tat niemals 



Krauel 275 

gedacht, wohl aber daran, jene Volksgenossen auf fremder Erde in wirt- 
schaftlichen Beziehungen zur alten Heimat zu erhalten, Sorge zu tragen, 
daB sie ihre Prodnkte nach Deutschland lieferten und deutsche Fabrikate 
kanften. Und so meinten es auch die Kolonisten selbst. In Sprache und 
Sitte waren sie deutsch, in ihrem politischen Denken vind Fiihlen aber bra- 
silianisch. 

Um nun den Strom der deutschen Einwanderung neu zu beleben, schien es 
K. zuvor notwendig, zwei Ziele zu erreichen. Der preuBische Handelsminister 
v. d. Heydt hatte, veranlaBt durch zahlreiche Nachrichten iiber das traurige 
Schicksal vieler nach Brasilien Ausgewanderter, unter dem 3. November 1859 
ein Reskript erlassen, welches jede Konzession zur Beforderung von Aus- 
wanderern dorthin versagte. Die Bedeutung dieses Reskripts ist freilich stark 
iiberschatzt worden. Es war nur fur PreuBen erlassen, es verbot nur die Er- 
teilung von Konzessionen fur Auswanderungsagenten, jahrzehntelang war 
trotz des v. d. Heydtschen Reskripts die deutsche Einwanderung in Brasilien 
bestandig gewachsen, und erst als der Riickgang eintrat, erinnerte man sich 
wieder des Reskripts und gab ihm die Schuld an der veranderten Lage. Immer- 
hin erblickte man in ihm — und das war besonders die Auffassung der Deutsch- 
brasilianer, die nach weiterem Zustrom deutschen Blutes verlangten — den 
eigentlichen Grund fiir das Stocken der Einwanderung. 

Und feraer fehlte es noch an einem deutschen Auswanderungsgesetz. Wohl 
hatten sich manche der deutschen Einzelstaaten schon offiziell mit dem 
Auswanderungswesen beschaftigt. Das Reich aber war zuriickgeblieben. Es 
stand dieser machtigen Erscheinung im wirtschaftlichen Leben noch ratios 
gegeniiber und meinte vor der Tatsache zu stehen, wie ein Franzose es aus- 
gedriickt hat, daB die 100 000 Auswanderer, welche Deutschland jahrlich ver- 
heBen, einem wohlausgeriisteten Heere glichen, das iiber die Grenze geht und 
spurlos verschwindet. War also die Bewegung nicht einzudammen, so war es 
die Aufgabe der Gesetzgebung, nicht allein das Wohl der auswandernden Volks- 
genossen im Auge zu haben, sondern, soweit es moglich schien, den Strom in 
solche Gebiete zu leiten, wo die dem Reiche entzogene Volkskraft nicht vollig 
verloren war. 

K. hat, um iiber die Verhaltnisse Brasiliens ein klares Urteil zu gewinnen, 
sich vor allem — und nicht ganz leicht — vom Auswartigen Amt die Erlaub- 
nis erwirkt, das Land zu bereisen, die deutschen Stammesgenossen an den 
Statten ihrer Arbeit aufzusuchen. So hat er besonders die drei Siidprovinzen 
durchreist. Diese Informationsreisen aber lieferten ihm jene Kenntnis der Ver- 
haltnisse, die ihn befahigte, durch seine Berichterstattung wie durch miind- 
lichen Vortrag bei einer Urlaubsreise in die Heimat erfolgreich auf die ihm 
notwendig erscheinenden Ziele (wenn der Ausdruck gestattet ist) der deutschen 
Brasilien-Politik hinzuweisen. 

In der Tat hat er die Aufhebung des v. d. Heydtschen Reskripts fiir die 
drei Siidprovinzen Brasiliens herbeigefiihrt, und es waren seine Ideen, die in 
dem 1897 vom Reichstage angenommenen Auswanderungsgesetz sich wieder- 
finden. Der leitende Gedanke in der Begriindung des Gesetzes: »Ablenkung 
von Nord-, Hinlenkung nach Sudamerika« ist ebenso ein K.scher Gedanke 
wie die von dem Gesetz empfohlene Ansiedlung deutscher Einwanderer »in 
kompakten Massen«. 



276 I9i8 

Man sollte freilich die Bedeutung dieser Entscheidungen auch nicht iiber- 
schatzen. Auch nach der Aufhebung des genannten Reskripts im Jahre 1896 
sind die Einwanderungsziffern nicht mehr gestiegen. Trotzdem hat diese MaB- 
regel stark beigetragen zur Verbessening der Beziehungen Brasiliens zum 
Deutschen Reiche, und noch mehr ward es von den deutschen Kolonisten wie 
eine freundliche BegriiBung, wie ein Hilfeversprechen von seiten der alten 
Heimat empfunden. Sie haben es zwar nicht verhindern konnen, daB 1917 
auch Brasilien, unter dem Druck der Ententemachte, seine Kriegserklarung 
bei Deutschland abgab, aber nach dem Ende des Weltkrieges haben sie den 
wirtschaftlichen Verkehr rait dem alten Vaterlande rasch wiederhergestellt 
und dem geistigen Austausch ihre Herzen geoffnet. 

Von seiner am 27. Oktober 1897 angetretenen Urlaubsreise in die Heimat 
ist K. nicht wieder nach Brasilien zuriickgekehrt. Sein Wunsch, nunmehr 
einen Gesandtenposten in Europa zu erhalten, blieb unerfullt, trotz der 
personlichen Zusagen, die er von Wilhelm II. und dem Reichskanzler 
Hohenlohe erhalten hatte. Da er sich nicht entschloB, noch einmal auf 
einige Jahre in die Neue Welt zuriickzukehren, so hatte seine amtliche 
Tatigkeit noch vor dem Eintritt in das 50. Lebensjahr ihren AbschluB ge- 
funden. 

K.s Lebensabend, den er in Freiburg i. Br. verbrachte, war verschont durch 
edle Geselligkeit, durch Teilnahme am geistigen Leben der Zeit, durch eigene 
wissenschaftliche Arbeit. Voriibergehend hat er einige Jahre lang sogar eine 
akademische Iyehrtatigkeit innerhalb der juristischen Fakultat der Berliner 
Universitat ausgeiibt, urn jedoch bald wieder zuriickzukehren zu dem be- 
schaulicheren Leben in Freiburg. Seine Veroffentlichungen, oft auf archiva- 
lischer Grundlage ruhend, liegen besonders auf dem Gebiete der neueren Ge- 
schichte und des Volkerrechts. Unter den historischen Arbeiten sind die vor- 
trefflichen Schriften iiber den Prinzen Heinrich von PreuBen, den Bruder 
Friedrichs des GroBen, und iiber den preuBischen Minister Graf Hertzberg an 
erster Stelle zu nennen. Seine Berliner Vorlesungen behandelten die Fragen 
des Volkerrechts im allgemeinen und Deutschlands internationale Vertrags- 
beziehungen im besonderen. Sie fanden dankbare Zuhorer und erhielten durch 
die reichen Kenntnisse des im diplomatischen Dienst erfahrenen Mannes noch 
eine besondere Note. 

In K.s Personlichkeit schatzten seine Mitarbeiter und Nachfolger seine um- 
fassende Kenntnis, sein sicheres Urteil, gepaart mit einer vornehmen und im 
Grunde seines Herzens trotz seiner mitunter sarkastischen Art wohlwollenden 
Gesinnung. Den Wert seiner Tatigkeit als Gesandter erblickten sie in dem 
standigen Hinweis auf die Bedeutung Siidamerikas fiir die Zukunft der Welt 
im allgemeinen und fiir Deutschlands wirtschaftliche Verhaltnisse im be- 
sonderen. Seine diplomatischen Depeschen wurden geriihmt als Muster einer 
sachlichen, klaren und anschaulichen Berichterstattung — ein Urteil, dem sich 
auch der Verfasser dieser biographischen Skizze, dem es vergonnt war, diese 
Depeschen im Auswartigen Amt zu studieren, riickhaltlos anschlieBt. Man 
muB es bedauern, daB seine hohen Fahigkeiten so fruhzeitig dem Dienste des 
Reiches entzogen wurden. Und hier ist der Gedanke nicht vollig abzuweisen, 
daB gegeniiber dem alten Bismarck-Schiiler und treuen Anhanger des ent- 
lassenen Reichskanzlers die Stimmung der neunziger Jahre an hochster Stelle 



Krauel. Krocher 277 

nicht allzu giinstig war. So liegt auch in seinem Schicksal ein Stiick von »der 
Tragodie der Nach-Bismarck-Zeit«. 

(Die vorstehende Skizze beruht auf der Benutzung der brasilianischen Berichte K.s 
im Auswartigen Amt sowie des im Besitze Ihrer Exzellenz Frau Geh.R. K. befindlichen 
handschriftlichen Nachlasses und auderer Korrespondenzen. Ferner habe ich meinen 
eigenen, auf demselben Material beruhenden Aufsatz: Richard K. als deutscher Ge- 
sandter in Brasilien, 1894 — l &97 [Preufiische Jahrbiicher 195, Januar 1924], frei benutzt.) 

Freiburg i. Br. Wolfgang Michael. 

Krocher, Jordan v., deutschkonservativer Staatsmann, langjahriger Pra- 
sident des Preuftischen Abgeordnetenhauses, Koniglicher Wirklicher Geheimer 
Rat, Hauptritterschaftsdirektor, * am 23. Mai 1846 in Isenschnibbe bei 
Gardelegen, f am 10. Januar 1918 in Vinzelberg, Kreis Gardelegen. — Sein 
Vater war Friedrich Wilhelm v. K. (1810 — 1891), Fideikommiflherr auf 
Vinzelberg, Landrat des Kreises Gardelegen, weiten Kreisen ein Fuhrer im 
Kampf fur die christliche Sonntagsheiligung, seine Mutter war Bertha 
v. Gerlach, die Tochter Wilhelms (1789 — 1834), des altesten der als christlich- 
konservative Vorkampfer bekannten vier Briider, und der Ida v. Chambaud- 
Charrier aus altem Hugenottenadel. Sein GroB vater vaterlicherseits war der 
Landesdirektor der Altmark, Friedrich Wilhelm von K. (1782 — 1861), ein 
einflufireicher konigstreuer Mann und erfolgreicher Landwirt. Jordans GroB- 
oheime, der Minister Graf von Alvensleben-Erxleben (1794 — 1858), Leopold 
(179 1 — 1 861) und Ludwig v. Gerlach (1795 — 1877), waren den Eltern an- 
regend und wegweisend eng verbunden. So wurzelte das Elternhaus fest in 
der Uberlieferung des Adels der altmarkischen Stammlande Brandenburgs, 
suchte seine Aufgaben im Dienst am heimatlichen Volk und Boden und fand 
Kraft und Ziel in gottesfiirchtiger Nachfolge Christi und Konigstreue. Unter- 
richtundEinsegnungbei dem Pastor, spateren Generalsuperintendent Braun — , 
und die Gymnasialjahre in Giitersloh wirkten weiter in der Befestigung eines 
einheitlichen Charakters. 

Nach kurzem juristischen Studium in Gottingen meldete sich Jordan 
v. K. bei Ausbruch des Krieges 1866 als Einjahrig-Freiwilliger beim heimat- 
lichen 16. Ulanenregiment, wurde Avantageur und trat dann, dem Ruf alter 
Jugendfreunde folgend, als Portepeefahnrich zum 1. Gardedragoner regiment 
iiber, wo er am 16. Juli 1867 Offizier wurde. Er nahm als Zugfiihrer in diesem 
Regiment teil an dessen ruhm- und verlustreicher Attacke bei Mars la Tour 
und wurde dabei leicht verwundet, eine zweite leichte Verwundung erlitt er 
vor Sedan. Von 1873 bis 1875 war er Regimentsadjutant. Am 14. August 1875 
schied er aus dem Heeresdienst, um seine Arbeit dem ihm vom Vater iiber- 
lassenen Gut Vogtsbriigge in der Prignitz zu widmen. Nach des Vaters Tode 
ubernahm er 1891 auch Vinzelberg und siedelte dorthin iiber. Am 21. Fe- 
bruar 1874 hatte er sich mit Fraulein I,uise v. Krosigk a. d. H. Poplitz- 
Nienburg verheiratet. 

1879 wurde er von seinem Heimatkreis in das Preufiische Abgeordneten- 
haus gewahlt. Er gehorte diesem bis zu seinem Tode an. Daneben war er 
seit 1898 Mitglied des Reichstags. 

Sein bei zartem Empfinden fester Wille und klarer Blick, sein immer selb- 
standiges und klug abgewogenes, von scharfem Verstand geleitetes treffendes 



278 I9i8 

Urteil, sein unbedingt unparteilicher und unbestechlicher Gerechtigkeitssinn, 
der sich in alien Lagen und insbesondere in den parlamentarischen Aussprachen 
immer wieder bewahrte, sein von herzlichem Wohlwollen getragenes liebens- 
wiirdiges Wesen, sein schlagfertiger und doch stets versohnlicher Witz ge- 
wannen ihm schnell groBen EinfluB bei seinen konservativen Freunden, in 
den Parlamenten bei alien Parteien und bei der Regierung. Daher wurde er 
bald in den Vorstand seiner Fraktion berufen, erhielt den Vorsitz im Budget- 
ausschuB des Abgeordnetenhauses und wurde 1897 Prasident dieser Korper- 
schaft, deren Verhandlungen er bis 191 2 mit nie versagendem Geschick vor- 
bildlich leitete. 

In wiederholten Unterredungen mit den Reichskanzlern Fiirsten v. Hohen- 
lohe und v. Bulow und Herrn v. Bethmann Hollweg suchte er in den 
Jahren der Kampfe um den Mittellandkanal, die landwirtschaftlichen groBen 
Meliorationen, die Handelsvertrage, die Schulgesetzgebung und die Stellung 
zur Sozialdemokratie den konservativen Anschauungen Geltung zu verschaffen 
und vorausschauend die Reichs- und Staatspolitik von der abschiissigen, iiber 
den Parlamentarismus zur Revolution fuhrenden Bahn fernzuhalten. Mit 
schwerer, von Jahr zu Jahr zunehmender Sorge beobachtete er das Vordringen 
unpreuBischer Elemente in PreuBen und im Reich und dadurch gegeben das 
Paktieren mit der wachsenden Macht demokratischer Bestrebungen. Wo es 
gait, einzutreten fiir Bewahrung und Starkung der Grundlagen echter Frei- 
heit in PreuBen und im Reich, namlich die Unversehrtheit der koniglichen 
Autoritat, das Recht, das preuBische Heer, die christliche Kirche und Schule, 
oder fiir die Erhaltung der Quelle der volkswirtschaftlichen Wohlfahrt, das 
Gedeihen der Landwirtschaft, setzte er unbeugsam Person und Kraft ein, 
treu seiner christlichen und vaterlandischen tJberzeugung, treu seinem Konige, 
treu seinem Volke, treu seinen Freunden und Untergebenen. Auch Stocker, 
der Streiter fiir Christum und Volkstum, hat diese Treue noch erfahren, als 
die belogene »6ffentliche Meinung« ihn besudelte und alte Freunde ihn ver- 
lieBen. 

Noch in dem Deutschland aufgezwungenen Weltkriege widmete Jordan 
v. K. sein letztes Konnen Kaiser und Volk als Offizier im Stabe des Ober- 
kommandos in den Marken und als Parlamentarier, ein unermudlicher Warner 
fiir alle, die glaubten, durch Betonen der deutschen andauernden Friedens- 
bereitschaft und Nachgiebigkeit von den zielbewuBten feindlichen Friedens- 
brechern den Frieden erlangen oder die Revolution durch »volkstumliche«, 
PreuBens Gefiige erschiitternde Konzessionen abwenden zu konnen. Er sah 
klar vor Augen, wie durch dies alles die Feinde zum Durchhalten ermutigt, 
die Bundesgenossen und das eigene Volk aber entmutigt wurden. DaB sich 
die Reichskanzler auBen- und innenpolitisch immer mehr in Abhangigkeit 
von der groBstadtischen »6ffentlichen Meinung«, weltfremden Ideologen und 
den sozialdemokratischen Parteifiihrern begaben, die groBe vaterlandisch und 
kaisertreu empfindende Masse des deutschen Volkes aber iibersahen, aus- 
schalteten und fortstieBen, statt sie zu sammeln, zu starken, zu fiihren und 
gegen die Mutlosen und Abtriinnigen einzusetzen, verstand er nicht. Er sann 
bestandig auf Abhilfe, versuchte die Fiihrer in der Heimat und an der Front 
aufzuklaren und durch seinen EinfluB das Steuer zu wenden, und litt bis zur 
korperlichen Erschopfung unter der Erfolglosigkeit seiner Bemiihungen. Kurz 



Krocher. Launhardt 270 

vor der Reife der als verhangnisvoll bekampften Kanzler- und Reichstags- 
politik schloB er die Augen zum letzten Schlummer. 

Literatur: Der handschriftliche Nachlafi. 

GroBendorf, Kreis Stolp. Nikolaus v. Gerlach. 

Launhardt, Wilhelm, Geheimer Regierungsrat, Professor, Dr. ing. h. c, 
* am 7. April 1832 in Hannover, f am 14. Mai 1918 ebendaselbst. — L. besuchte 
die hohere Biirgerschule seiner Vaterstadt, welche ihrem Aufbau nach einem 
heutigen Realgymnasium entsprach, und legte auf ihr die Reifepriifung ab. 
Dann studierte er vom Jahre 1848 ab am Polytechnikum zu Hannover und 
bestand die erste Staatspriifung im Jahre 1854, die zweite im Jahre 1859, 
beide mit dem Ergebnis »vorziiglich gut«. Nach Ablegung der ersten 
Staatspriifung trat er in den hannoverschen Staatsdienst ein und war fast 
15 Jahre, zuletzt als Vorstand der Wegebauinspektion Geestemiinde, im Wege- 
und Briickenbau tatig. Wenige Monate, bevor er im Herbst des Jahres 1869 
an das Polytechnikum in Hannover berufen wurde, war er beim Bau der 
Venlo — Hamburger Eisenbahn beschaftigt. 

Am Polytechnikum erhielt er den Lehrstuhl fur StraBen- und Eisenbahnbau 
und fur Briickenbau. Im letzteren Fache hielt er anfangs Vortrage iiber Holz-, 
Stein- und Eisenbriicken, vom Jahre 1875 nur noch iiber eiserne Briicken 
und gab auch diese Vortrage im Jahre 1883 an Barkhausen ab. Ein Jahr hat 
er auch in Vertretung des in den Ruhestand versetzten Professor Treuding 
Vortrage iiber Wasserbau gehalten und spater mehrere Jahre iiber Grund- 
ziige des Bauingenieurwesens fur Maschineningenieure gelesen. Im Jahre 1872 
lehnte er Berufungen an die Technischen Hochschulen zu Stuttgart und 
Dresden ab. Als Karmarschs Nachfolger wurde er 1875 Direktor des Poly- 
technikums und gleichzeitig zum Geheimen Regierungsrat ernannt. Nachdem 
das Polytechnikum im Jahre 1879 zur Technischen Hochschule umgewandelt 
nnd nachdem in den folgenden Jahren das Wahlrektorat eingefiihrt worden war, 
ist er zweimal hintereinander im Jahre 1880 und 1883 vom Professorenkolle- 
gium zum Rektor mit je dreijahriger Amtsdauer gewahlt worden. Er wurde 
1880 bei der Griindung der Akademie des Bauwesens zu deren Mitglied, und 
zwar als einziges auswartiges Mitglied aus der Zahl der Bauingenieure gewahlt, 
und im Jahre 1898 zur Vertretung seiner Hochschule als lebenslangliches 
Mitglied ins Herrenhaus berufen. Die Technische Hochschule zu Dresden 
ernannte ihn im Jahre 1903 zum Dr.-Ing. e. h. 

Im personlichen Verkehr war L. sehr anregend; er besaB die Gabe, sofort 
zu erkennen, auf welchem Gebiete die geistigen Interessen eines jeden lagen, 
mit dem er sich unterhielt, vermochte sich schnell der herrschenden Stimmung 
anzupassen und hat im Kreise seiner ihn hochverehrenden Studenten wie auch 
alterer Freunde manche geist voile Rede gehalten, manches frb'hliche Lied 
gedichtet. 

Die 15 Jahre seiner Baupraxis vor der Berufung nach Hannover fielen in 
die Zeit des reinen Regiebaues, in welcher bei den groBen Erd- und StraBen- 
bauten und den zahlreichen Briickenbauten, die seiner Leitung unterstanden, 
die Verwendung von Maschinen nur in sehr beschranktem Umfange iiblich 
und moglich war. Er hat es damals meisterlich verstanden, im wahren Sinne 



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des Wortes Bauleiter zu sein, bei der Entwurfsbearbeitung wie bei der Bau- 
ausfuhrung an Arbeitskraften und Baustoffen zu sparen, den Umfang und 
die Kosten jeder Arbeit schon im voraus tunlichst genau zu berechnen und 
den Bau so zu gestalten, dai3 in der Folge die Unterhaltung der Bauwerke 
eine wirtschaftliche und bequeme sein konnte. In spateren Jahren hat er 
neben seiner Lehrtatigkeit praktische Arbeit nur in beschranktem MaBe durch 
Aufstellung einiger Entwiirfe fiir Briicken und durch Begutachtung verschie- 
dener Entwiirfe ausgeiibt. 

Als Hochschullehrer hat L. vorbildlich gewirkt. Vom Tage seines Eintritts 
in den Lehrkorper des Polytechnikums an ist er mit Erfolg bestrebt gewesen, 
seine Vortrage zu wirklich wissenschaftlichen zu gestalten, seine Zuhorer nicht 
zum Lernen, sondern zum Studium anzuleiten, ihnen eine wissenschaftliche 
Grundlage fiir die Praxis mit auf den Lebensweg zu geben. Klare Stoffteilung„ 
Vermeidung alles Unwesentlichen, streng logische SchluBfolgerungen charak- 
terisierten seine formvollendeten Vortrage. In ihnen wuBte er meisterhaft die 
Moglichkeiten der Weiterentwicklung der Ergebnisse wissenschaftlicher For- 
schung und praktischer Erfahrung herauszuarbeiten und die Notwendigkeit 
wirtschaftlicher Gestaltung der Bauausfuhrungen sowie der Unterhaltungs- 
arbeiten hervorzuheben. Die Ubungen benutzte er dazu, die mathematische 
Begriindung und konstruktive Anordnung der Entwiirfe selbst nachzupriifen 
und dabei wertvolle Erganzungen seiner Vortrage zu geben. Es war erstaun- 
lich, wie I,., dem infolge seiner zunehmenden, zuletzt fast zur Blindheit ge- 
steigerten Schwachsichtigkeit die Nachpriifung zeichnerischer Berechnungen 
unbequem war, diese Nachpriifung durch Kopfrechnung zu ersetzen imstande 
war, und wie er immer wieder bei Besprechung der Aufgaben aus dem Ge- 
dachtnis genaue Zahlenangaben iiber die Verhaltnisse gleichgearteter aus- 
gefiihrter Bauten machen konnte. Eingehend erlauterte er dabei den in jedem 
einzelnen Fall fiir Massenberechnungen und statische Ermittlungen erfor- 
derlichen Genauigkeitsgrad und versaumte nicht, brauchbare empirische For- 
meln und deren Ableitung zu geben. 

L. hat sich des weiteren groBe Verdienste als Organisator erworben. Zu- 
nachst gait es, am Polytechnikum den Ubergang vom schulmaBigen Betrieb 
zum wissenschaftlichen Studium und eine scharfere Trennung der einzelnen 
Lehrgebiete im besonderen fiir Architekten und Bauingenieure durchzufiihren. 
Waren doch im Jahre 1875, als L. zum Direktor ernannt wurde, die ersten 
drei Jahreskurse fiir Architekten und Ingenieure vollig die gleichen; erst im 
letzten Studienjahr war je ein Sonderkursus fiir Architekten und Bauingenieure 
vorgesehen. Dann folgte die Umwandlung des Polytechnikums in die Hoch- 
schule und die Ubersiedlung der letzteren in das neue Gebaude, welches ur- 
spriinglich als SchloB erbaut worden war und dessen Innenraume sich als 
vollig ungeeignet fiir Hochschulzwecke erwiesen. Hieraus erwuchsen auBer- 
ordentliche Schwierigkeiten insbesondere bei den baulichen Abanderungen des 
ganzen Schlosses. Die Uberwindung dieser Schwierigkeiten und die fiir jene 
Zeiten mustergiirtige Einrichtung der Raume ist fast ausschlieBlich das Ver- 
dienst L.s, welcher zum AbschluB der ganzen Umstellung der Hochschule die 
Einfiihrung der Rektoratsverfassung eingeleitet und als erster Rektor wahrend 
zweier Triennien vollendet hat. Unter seiner Leitung vervollkommnete sich 
der innere Betrieb, wuchs das auBere Ansehen der Hochschule. 



Launhardt 28 1 

Als Schriftsteller ist L. schon wahrend der Zeit seiner Praxis, vor allem 
aber wahrend der letzten drei Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts, hervor- 
getreten. Es war besonders die Verstaatlichung und der weitere Ausbau der 
preuBischen Eisenbahnen und die starke Entwicklung des Chausseenetzes im 
Hiigel- und Flachland, welche ihn zu zahlreichen Veroffentlichungen veran- 
laBten. Wie in seinen Vortragen, so ist er auch in den Veroffentlichungen, die 
sein Lehrgebiet betraf